11. Kapitel.

Die Unterwerfung des Südens.

Lage und Entwickelung der nördlichen Stationen. -- Major Liebert.

-- Reise des Generalkonsuls +Dr.+ Michahelles nach Witu. --

Einteilung des nördlichen Küstendistrikts. -- Stationschefs im

Norden. -- Vermehrung der Schutztruppe. -- Das neue Material erweist

sich als minderwertig. -- Neueinteilung der Schutztruppe.

-- Einexerzieren der neuen Söldner. -- Verhandlungen mit dem Süden.

-- Rekognoszierungstour Wißmanns auf der »München« nach Kilwa.

-- Verhandlungen zur Mitwirkung der Marine. -- Einschiffung und

Einteilung der Truppen für den Süden. -- Einnahme von Kilwa und

Lindi. -- Friedliche Besetzung von Mikindani. -- Stationsgründungen

im Süden. -- Schlechter Gesundheitszustand der Truppen. --

Verhandlungen mit den Eingeborenen. -- Uebergabe der südlichen

Stationen an die Chefs. -- Allgemeine Lage bei der Urlaubsreise

Wißmanns nach Deutschland.

Die Unterwerfung der Rebellen im nördlichen Teile unserer Küste und die

Gewähr, welche die befestigten Stationen für eine dauernde und völlige

Sicherheit der Städte und der Karawanenstraßen boten, erlaubten dem

Reichskommissar, jetzt an die Lösung des zweiten Teils seiner Aufgabe

zu gehen, an die Unterwerfung des Südens. Bevor der Leser jedoch in

den eigentlichen Gang der Ereignisse daselbst eingeführt wird, möge

es gestattet sein, noch einmal die Lage im Norden und eine Reihe von

Thatsachen zusammenzufassen, welche in diese Zeit, -- in die Monate

März und April des Jahres 1890, -- fallen.

In Tanga hatte sich die europäische Kolonie schnell vergrößert. Außer

den Mitgliedern der ostafrikanischen und der Pflanzergesellschaft

ließen sich einige Deutsche daselbst nieder, die aus privaten

Mitteln Unternehmungen ins Leben rufen wollten. Der Missionar Krämer

hatte die Gründung einer evangelischen Missionsstation in Angriff

genommen; griechische Kleinhändler hatten sich dort, wie in allen

von uns besetzten Küstenplätzen, etabliert und haben heute durch das

mehrjährige Bestehen ihrer Geschäfte bewiesen, daß sie die Konkurrenz

der Inder aushalten können.

An der Nordgrenze, in Muoa, wurde zwar noch viel Schmuggel getrieben,

aber eine spätere Besetzung dieses Platzes war bereits ins Auge gefaßt.

In Pangani hatte der, von Tanga dorthin versetzte Distriktschef

Krenzler Nachricht von der Ankunft einer großen Sklaven-Karawane

erhalten und es gelang ihm, obwohl die Sklaven, 207 an der Zahl, gleich

auf die Schambas vertheilt worden waren, sie alle auf die Station

bringen zu lassen. Wenn auch vernünftiger Weise gegen die äußerst milde

Art der Haus- und Feldsklaverei nicht vorgegangen wird, so stand doch

jede Zufuhr aus dem Innern, wie wir aus diesem Beispiel sehen, unter

unserer Kontrolle. Am Kilimandscharo war Herr v. Eltz als Agent des

Reichskommissars stationiert und seine Berichte über die Aufführung

des dortigen Hauptsultans Mandara, sowie über das Fortschreiten des

deutschen Einflusses lauteten günstig. Leider wird der Kilimandscharo

alljährlich das Ziel vieler Sportexpeditionen, die für das Land einen

Nutzen nicht haben, sondern besonders durch die planlose Ausrottung des

Wildes nur Schaden anrichten.

Um Mkwadja und Sadani, wo fleißig am Wiederaufbau des Platzes

gearbeitet wurde, waren nach dem Friedensschlusse mit Bana Heri die

Verhältnisse ebenfalls geordnete. Bana Heri erhielt vom Reichskommissar

ein Geschenk von 2000 Rupies als Beitrag zur Wiedererrichtung der

Moschee.

Der Distrikts-Chef von Bagamoyo und Stellvertreter des

Reichskommissars, Herr von Gravenreuth, mußte wegen der in letzter Zeit

bei ihm wiederholt auftretenden, schweren Fieberanfälle, die er sich

auf seinen Expeditionen und durch den aufreibenden Dienst zugezogen,

Mitte April mit längerem Urlaub Ostafrika verlassen, das er leider nie

wieder betreten sollte. Frhr. v. Eberstein, der mit großem Eifer und

Erfolg die Verwaltungsabteilung geleitet hatte, trat ebenfalls einen

wohlverdienten siebenmonatlichen Urlaub an.

Im Februar des Jahres 1890 war der Major im großen Generalstabe,

Liebert, welcher bisher in Berlin die Vertretung des Kommissariats

innegehabt hatte, auf Befehl Sr. Majestät in Ostafrika eingetroffen,

um sich an Ort und Stelle durch den Augenschein von der Lage der

Dinge Kenntniß zu verschaffen und darüber Bericht zu erstatten. In

seiner Begleitung befand sich ein Beamter des Auswärtigen Amtes,

Tesch. Dieser sollte dem Reichskommissar und den Chefs über die Art

und Weise der Rechnungsführung, wie man sie auf dem Auswärtigen Amt

wünschte, Instruktionen erteilen. Die Thätigkeit des Herrn Tesch

war, wie wir gleich bemerken wollen, obwohl er sich mit großem Eifer

dieser Arbeit unterzog, von keinem Erfolge begleitet. Man stellte

sich eben die Verhältnisse von Deutschland aus ganz anders vor, als

sie in Wirklichkeit waren. Es wurde daher bald die Sendung einer

Revisions-Kommission angeordnet.

Besonders bemerkenswert ist während dieser Zeit die Entsendung eines

Detachements der Schutztruppe in der Stärke von 60 Mann unter dem

Kommando des Chefs Theremin und in Begleitung des General-Konsuls

+Dr.+ Michahelles nach Witu. Nachdem im Monat März von Sr.

Majestät Schiff »Carola« die deutsche Flagge an der Wubuschi-Mündung

gehißt worden war, hatte der General-Konsul Befehl erhalten, sich an

Bord eines Kriegsschiffes nach Lamu zu begeben, um von hier aus mit

jener erwähnten Begleitmannschaft dem Sultan von Witu Geschenke zu

überbringen und formell die deutsche Schutzherrschaft zu erklären. Es

erregte dieses Vorgehen damals ganz besondere Freude, denn man schloß

daraus, daß nun auch dort energisch etwas für die weitere Entwickelung

jener Kolonie, welche bis dahin recht stiefmütterlich behandelt

worden war, gethan werden würde. Leider sollte diese Hoffnung durch

das deutsch-englische Abkommen auf das bitterste getäuscht werden.

Der Führer des Detachements, Chef Theremin hatte die Expedition nach

Witu bereits in leidendem Zustande angetreten. Nach seiner Rückkehr

mußte der anerkannt tüchtige Offizier in Sansibar in das dortige

Hospital aufgenommen werden und erlag bald einer zu einem unbedeutenden

Magenleiden hinzutretenden Bauchfellentzündung.

Wir erwähnten früher bereits, daß für die Verwaltung des nördlichen

Küstendistrikts eine Einteilung in drei Distrikte, nämlich Bagamoyo,

Sadani und Pangani vorgenommen worden war. Diese Einteilung hatte

ihre großen Schattenseiten. Bei der mangelhaften Verbindung der

den Distriktschefs unterstellten Küstenplätze entstanden nur

Schwierigkeiten für den dienstlichen Verkehr, welche die Verwaltung

schwerfällig machten. Man sah infolgedessen, besonders da im Süden

wegen der meist noch viel größeren Entfernung der Stationen von

einander sich eine gleiche Maßregel noch weniger empfahl, von

der Distrikts-Einteilung ab und griff wieder zu der ursprünglich

stattgehabten Einteilung in Stationen, denen folgende Herren

vorstanden:

Tanga: Chef Richelmann, der indes bald wieder durch Krenzler ersetzt

wurde, da Richelmann die Station Sansibar und das Bureau des

Reichskommissariats zu übernehmen hatte.

Pangani: nach der Versetzung Krenzlers nach Tanga Chef Johannes.

Mkwadja: Lieutenant Fischer.

Sadani: nach Abkommandierung Sigls zur Stokeschen Expedition

Lieutenant von Arnim.

Bagamoyo: Chef Ramsay, (welcher diese Station nach der Versetzung des

zu Bagamoyo trefflich bewährten Chef Richelmann nach Tanga erhielt).

Daressalam: Chef Leue.

Endlich fällt in diese Zeit als wichtigstes Moment für die

Weiterentwickelung des Kommissariats und die Hebung der

Aktionsfähigkeit die Vermehrung der Schutztruppe. Als der Plan zur

Bestrafung der Rebellen der Südküste und zur Wiedereinnahme der nicht

in unsern Händen befindlichen Küste gefaßt wurde, mußte man sich klar

darüber sein, daß eine Verstärkung der Schutztruppe notwendig sei.

Nach abermaligen Verhandlungen des auswärtigen Amtes zu Berlin mit der

englischen und egyptischen Regierung wurde denn auch die Anwerbung

von 600 Sudanesen in Egypten genehmigt und ein in der Verwaltung

des Reichskommissariats thätiger Beamter, Donarski, der gerade zur

Wiederherstellung seiner Gesundheit einen Urlaub nach Egypten

erhalten hatte, mit der Anwerbung beauftragt. Die Wahl Donarskis war

ein entschiedener Fehler. Mit vielem Fleiß und bewundernswürdigem

Eifer hatte er sich in seine ihm anfangs völlig fremde Thätigkeit

eingearbeitet, aber er hatte doch niemals Gelegenheit gehabt, sich

eine Kenntniß der Sudanesen und unseres Soldatenmaterials überhaupt zu

erwerben. Daß Donarski für die Aushebung ausersehen wurde, hatte seinen

Grund lediglich in der übel angebrachten Rücksicht darauf, Ersparnisse

zu machen; er reiste eben, wie erwähnt, so wie so nach Egypten.

In Kairo stand Donarski bei der Anwerbung besonders zur Seite der

Vertreter von Hansing & Co. in Sansibar, Strandes, der sich in jener

Zeit ebenfalls in Egypten aufhielt, und der Kaufmann Brettschneider,

welche beide bei der Erledigung der komplizierten kaufmännischen

Geschäfte Donarski hülfreich zur Hand gingen.

Bei der Anwerbung selbst war wiederum, wie das erste Mal, der

englische Oberst Scheffer von großem Nutzen. Doch machte sich jetzt

schon empfindlicher als das erste Mal die Abneigung der englischen

und egyptischen Regierung geltend, die Sudanesentruppe weiterhin den

Deutschen für ostafrikanische Dienste zur Verfügung zu stellen, und nur

mit Mühe gelang es Donarski, in noch verhältnismäßig kurzer Zeit die

gewünschten 600 Mann zu beschaffen. Immer nach Anwerbung einer genügend

großen Zahl wurden dieselben wie früher nach Sues geschickt.

Zum ersten Einexerzieren waren zwei neu für Ostafrika bestimmte

Offiziere, die Herren Lieutenant Scherner und von dem Knesebeck mit

einigen Unteroffizieren von Deutschland nach Egypten beordert worden.

Ihnen wurden die angeworbenen Leute von Donarski übergeben, und dann

in gleicher Weise, wie das bei der ersten Anwerbung geschah, die

Exerzitien mit den Leuten vorgenommen. Die Untersuchung und Behandlung

der Leute geschah durch Assistenzarzt +Dr+. Buschow, der ebenfalls

neu für die Schutztruppe angeworben war; indes einen Einfluß auf die

Auswahl des Soldatenmaterials hatte er ebenso wenig wie die beiden

Offiziere: Donarski wollte, ohne öfters laut gewordenen Vorstellungen

Gehör zu geben, alles allein besorgen.

Das ganze Kontingent wurde auf dem egyptischen Dampfer Schibin in

Sues eingeschifft und ging unter Donarskis Kommando nach Sansibar ab,

woselbst der Transport Mitte April eintraf. Die Überfahrt war von

Donarski und den Offizieren benutzt worden, die Leute einzukleiden;

Uniformen, Schuhzeug, Ausrüstungsstücke, auch Bewaffnung waren bereits

beschafft, und so machte bei ihrer Ankunft auf dem Dampfer die Truppe

einen vorteilhaften Eindruck.

Der Reichskommissar, der mit den andern in Sansibar anwesenden Herren,

-- auch Major Liebert begleitete ihn bei der Ankunft des Schibin, --

sogleich an Bord ging, ließ sich indes durch den vorteilhaften äußeren

Eindruck nicht täuschen, sondern sagte von vornherein: »Mir gefallen

die Leute nicht, es sind viel zu viel gelbe Kerls darunter.«

In der That hatten sich die guten Erfahrungen, die wir mit der

egyptischen Anwerbung das erste Mal gemacht hatten, lediglich auf das

schwarze Element, nicht aber auf die Gelbgesichter, die eigentlichen

Egypter, Armenier und Syrer bezogen. Solcher Leute hatte die neue

Anwerbung einen nur allzugroßen Prozentsatz aufzuweisen. Dazu merkten

wir bald, daß die jetzige Anwerbung lange nicht soviel altgediente

Soldaten zählte, wie das erste Kontingent. Ein großer Teil bestand aus

Soldaten, welche wenig kriegerischen Stämmen angehörten und bisher

Kriegsdienste gar nicht gethan hatten, ein anderer aus Baschibosuks,

und nur ein kleiner Teil aus regulären egyptischen Sudan-Soldaten.

Indes man mußte mit dem gegebenen Material rechnen, und es wurde

alsbald zur Einteilung und Ausbildung desselben geschritten.

Mit Rücksicht auf die demnächst vorzunehmende andere Truppenbesetzung

der Stationen des Nordens, die Wiedereinnahme des Südens und die

Besetzung der zu begründenden südlichen Küstenstationen, sowie

für Expeditionszwecke mußte eine neue Einteilung der Schutztruppe

eingerichtet werden. Die Neuangekommenen wurden mit den bewährten

felddienstfähigen Truppen des früheren Kontingents in zwei

Expeditionskorps formiert. Das eine wurde zunächst unter dem Kommando

des Chefs von Zelewski zum Zweck der Ausbildung in Bagamoyo, das

andere zu gleichem Zweck in Daressalam unter Chef End vorläufig

stationiert.

Der Reichskommissar hatte, da die Ankunft der Truppen schon im März

erwartet war, gehofft, bereits im April vor Eintritt der großen

Regenzeit gegen den Süden vorgehen zu können, allein die Führer der

Expeditionskorps meldeten übereinstimmend, daß bei der Minderwertigkeit

des diesmal angeworbenen Materials sie den Rest des Monats April für

ein Einexerzieren der Leute notwendig hätten, und so wurde die Aktion

gegen den Süden bis zum Monat Mai verschoben.

Bei der genannten Anwerbung ist übrigens noch ein Umstand zu erwähnen,

durch den wir in große Verlegenheit gesetzt wurden. Ein Teil der

egyptischen Offiziere und Unterhändler nämlich, deren sich Donarski

naturgemäß für die Anwerbung der Truppen bedienen mußte, hatte sich

nicht damit begnügt, die ihnen von uns gemachten Geschenke und

Werbegelder einzustecken, sondern sie hatten in echt orientalischer

Weise das Geschäftchen dadurch vergrößert, daß sie nach ihrem Belieben

die Chargen an die Anzuwerbenden verkauften.

Ein Teil der angeworbenen Soldaten, die bis dahin Militärdienst noch

garnicht gethan hatten, kauften sich Atteste als Unteroffiziere,

Sergeanten oder dergl. und wurden nach Zahlung des erheblichen

Backschisch an die Unterhändler als solche eingestellt. Wir mußten

sie natürlich zunächst kontraktmäßig übernehmen und nach der Charge

besolden. Dieser Betrug wurde erst später entdeckt, und dann natürlich

thatkräftig eingeschritten. So fällt schon in die Zeit vor wie auch

nach Einnahme des Südens eine große Masse von Entlassungen aus dem

neuen Kontingent. Auch der hohe Prozentsatz an Todesfällen auf den

Südstationen ist zum Teil der körperlichen Unbrauchbarkeit des

Materials zuzuschreiben.

Während der Ausbildungszeit der neu formierten Expeditionskorps wurde

von Seiten des Reichskommissariats alles versucht, in den südlichen

Plätzen, wo es irgend möglich war, die Verhältnisse friedlich zu

regeln, da ja jede kriegerische Aktion immerhin einen Rückgang des

Handels und Wandels für beträchtliche Zeit nach sich zieht. Die

Anregung zu diesen Verhandlungen ging von den Bewohnern der südlichen

Plätze selbst aus.

Mikindani, Sudi, Lindi, Kissiweri hatten, auf das Gerücht hin, daß der

Süden mit allen Kräften des Kommissariats angegriffen werden soll,

Deputationen an Wißmann geschickt, um ihre freiwillige Unterwerfung

anzukündigen und seine Bedingungen entgegenzunehmen. Zur Vornahme der

Verhandlungen wurde von uns der für solche Fälle schon oft in Anspruch

genommene Wali von Pangani, Soliman ben Nassr, der sich als besonders

tauglich und zuverlässig hierfür erwiesen hatte, bestimmt und auf dem

Sultans-Dampfer Barawa nach den südlichen Plätzen gesandt.

Der Sansibarsultan selbst, welcher damals den europäischen Interessen

erheblich mehr zugethan war, als es im Anfang der Amtsthätigkeit

Wißmanns der Fall war, wünschte aus Geschäftsrücksichten, möglichst

schnell friedliche Verhältnisse herbeizuführen. Die Verhandlungen

Solimans führten zu einem günstigen Abschluß mit den südlichsten

Plätzen Mikindani und Sudi. In Lindi und von da nach Norden hin

behielt indes die Kriegspartei die Oberhand. Anfang April unternahm

Major Wißmann auf der »München« gemeinsam mit Major Liebert

eine Rekognoszierungsfahrt nach dem Süden, gleichzeitig dampfte

Korvetten-Kapitän Valette, der älteste Offizier der Station und

Kommandant Sr. Maj. Schiff »Carola«, mit seiner Korvette dorthin. Noch

vor Antritt der Rekognoszierungsfahrt wurde vom Reichskommissar in

Sansibar der Kriegszustand und das Standrecht im Namen Sr. Majestät

des Kaisers und des Sultans von Sansibar vom Rufidji bis zum Rovuma

einschließlich proklamiert.

Für die Rekognoszierungstour entwarfen Major Wißmann und Kapitän

Valette einen gemeinsamen Operationsplan. Zunächst bezog sich dieser

auf den am besten verteidigten und befestigten auch bei weitem am

meisten straffälligen Platz Kilwa Kiwindje, wo anderthalb Jahre zuvor

die Beamten der ost-afrikanischen Gesellschaft Krüger und Hessel

der Wut der Rebellen zum Opfer gefallen waren. Als die Schiffe auf

der Rhede vor Kilwa ankerten, fand man die ausgedehnte Stadt an der

Seeseite ganz und gar mit Pallisaden befestigt und mit Truppen stark

besetzt. Eine Dampf-Pinasse der »Carola« wurde zur Rekognoszierung

etwas näher an das Land geschickt, aber sofort vom Lande aus sowohl

durch Gewehre, als mit den dort befindlichen Geschützen beschossen.

Da die Geschütze verwahrloste Vorderlader waren, mit Eisenstücken,

Nägeln und allem möglichen geladen, so war die Beschießung natürlich

ganz wirkungslos. Die Dampfpinasse erwiderte das Feuer mit ihrem

Revolvergeschütz.

Nachdem die Pinasse wieder an Bord der »Carola« zurückgekehrt war,

wurden einige Granaten von der »Carola« in die Stadt hineingeworfen.

Die im Bericht des Kapitän Valette ausgesprochene Annahme jedoch, daß

das Feuer den Arabern in Kilwa bedeutende Verluste beigebracht haben

müsse, bestätigte sich bei unseren an Ort und Stelle vorgenommenen

zuverlässigen Erkundigungen nicht.

Der Reichskommissar seinerseits fing mit der »München« fünf Halbaraber

und Neger auf und zog von diesen Nachrichten ein. Sie bestätigten nur,

daß die Rebellen in Kilwa entschlossen seien, auf das energischste

Widerstand zu leisten.

Nachdem der Zweck der Rekognoszierung erreicht war, kehrte sowohl

Wißmann auf der »München«, als auch Kapitän Valette auf der »Carola«

nach Sansibar zurück. Der gemeinsam verabredete Aktionsplan gegen

Kilwa bestimmte Folgendes: Die »Carola« sollte die Blockierung und

Beschießung des Platzes von der Seeseite aus vornehmen; »Schwalbe«

hingegen mit den Wißmann für den Transport zur Verfügung stehenden

Schiffen, dem gecharterten Sultansdampfer »Barawa«, der »Harmonie« und

einem von den kleinen Dampfern außerhalb Mafia nach Kiswere gehen.

Dort sollten die Schiffe den Eintritt der Dunkelheit abwarten und

dann nordwärts den Hafen von Kilwa Kisiwani anlaufen, um hier die

Truppen Wißmanns zu landen. Von dort aus sollte der Anmarsch gegen

Kilwa Kiwindje beginnen, während »Schwalbe«, die ebenfalls Wißmannsche

Truppen an Bord zu nehmen gewillt war, zur »Carola« auf die Rhede von

Kilwa Kiwindje zurückdampfen sollte.

Die zur Teilnahme an den Operationen gegen den Süden bestimmten Truppen

wurden für diesen Zweck in 3 Bataillone zu 3 Kompagnien unter dem

Kommando der Herren Chef +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt, Chef von

Zelewski und dem Verfasser eingeteilt. Jedem der Bataillone wurde ein

4,7 +cm+ Geschütz, dem zweiten (Rochus Schmidt) außerdem noch ein

Maximgeschütz beigegeben. Für die Beförderung der Truppen nach dem

Süden dienten für jedes Bataillon ein großer Dampfer und zwar für das

erste Bataillon unter +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt Sr. Majestät

Schiff »Schwalbe«, da, wie erwähnt, Korvettenkapitän Hirschberg mit

Genehmigung des ältesten Offiziers der Marine-Station die Güte hatte,

einen Teil der Truppen auf sein Schiff zu nehmen, für das zweite unter

dem Verfasser der vom Sultan gecharterte Dampfer »Barawa«, für das

dritte unter Zelewski unser Dampfer »Harmonie.«

Am Abend des 29. April waren in Daressalam sämtliche für den Feind

bestimmten Truppen und Fahrzeuge versammelt. Der Verabredung gemäß war

Sr. Maj. Schiff »Carola« nach Kilwa vorausgegangen und dort nach einer

sehr stürmischen Reise am 1. Mai eingetroffen. In der Nacht vom 1. zum

2. Mai wurde von der »Carola« mit der Beschießung der Stadt begonnen

und dieselbe am nächsten Morgen fortgesetzt, die Befestigungen vor der

Stadt, wie auch die verschiedenen Teile der Stadt wurden mit Granaten

beworfen. Die Rebellen erwiderten zu Anfang das Feuer aus ihren bereits

erwähnten Geschützen, selbstverständlich ohne mit der Ladung nur ein

nennenswertes Stück weit zu reichen. Durch die Geschosse der »Carola«

wurde ihnen bald die Lust zum weiteren Bedienen ihrer Geschütze

genommen. Der Zweck der Beschießung, die Rebellen in permanenter

Aufregung zu erhalten, war vollkommen erreicht.

Am 30. April morgens fand unterdessen in Daressalam die Einschiffung

der Truppen in der vorher bestimmten Art statt, während die kleineren

Dampfer des Reichskommissars Gepäck, Proviant und Munition für den

Süden an Bord nahmen, teils auch noch mit Gepäck beladene Dhaus zu

schleppen hatten. Die Dampfer »Harmonie«, »Barawa«, »München«, »Max«

und »Vulkan« verließen, sobald sie mit der Aufnahme der Truppe, bezw.

der Ladung fertig waren, am genannten Tage (dem 30. April) früh den

Hafen. S. M. Schiff »Schwalbe«, auf der sich auch der Reichskommissar

eingeschifft hatte, folgte um 1/2-9 Uhr morgens und holte bald die

vorausgegangenen Dampfer ein. Der Südwest-Monsum hatte bereits wider

Erwarten mit aller Kraft eingesetzt, sodaß der Fahrt nach dem Süden

größere Hindernisse sich entgegenstellten, als man geahnt hatte.

Gleich im Anfang hegte man Besorgnis wegen der »Harmonie«, welche

sehr viel Wasser übernahm und von Wind und Wellen heftig hin und her

geworfen wurde. Am Nachmittag des 30. April nahm Wind und Seegang

noch zu, und da an der Nordspitze Mafias erfahrungsgemäß noch größere

See zu erwarten stand, so mußte die Absicht, an der Außenküste Mafias

des Nachts weiter zu fahren, aufgegeben werden. Korvetten-Kapitän

Hirschberg, der bis Mafia die Führung übernahm und die Dampfer alle

auf den richtigen Kurs gebracht hatte, nahm nun den Kurs durch den

Mafia-Kanal und erreichte bei Dunkelwerden den Ankerplatz bei Faniove,

wohin er auch die andern Schiffe durch Blicke des Nachtsignal-Apparates

dirigierte. Am nächsten Morgen konnte die Weiterfahrt wegen dicken

Nebels und Regen-Böen erst um 7 Uhr fortgesetzt werden, und zwar in

Rücksicht auf die »Harmonie« unter schwachem Dampf.

Kapitän Hirschberg verabredete mit Major Wißmann, die Südpassage

durch den Mafia-Kanal, welcher vor einbrechender Dunkelheit erreicht

werden konnte, zu verlassen, wenn dies des Wetters wegen irgend

möglich sei, und während der Nacht nach Kilwa-Kisiwani zu gehen. Aber

auch diese Absicht war undurchführbar, denn die Seeuntüchtigkeit

unserer »Harmonie« stellte sich immer deutlicher heraus. Schon wir,

die wir auf der »Barawa«, einem Schiff von 1000 Tonnen, eingeschifft

waren, wurden bei dem fortwährenden Rollen und Stampfen stark hin

und her geworfen; wirklich bemitleiden mußten wir indes die auf der

»Harmonie« eingeschifften Kameraden und Truppen. Die »Harmonie« fuhr

hinter uns her und wir konnten ihr furchtbares Schlingern aus nächster

Nähe beobachten. Die Besorgnis, daß die »Harmonie« bei dieser See

kentern könnte, lag sehr nahe, und in der That wurde bald darauf auf

der »Harmonie«, als wir den Wasserweg innerhalb des Mafia-Kanals

verlassen wollten, ein Signal sichtbar, daß der Dampfer unmöglich

folgen könne. Nachdem der Kapitän der »Harmonie« und Chef von Zelewski,

der Kommandant der auf der »Harmonie« eingeschifften Truppen mit dem

Reichskommissar in Verbindung getreten waren, wurde zunächst bei

Samanga geankert und hier beschlossen, daß die andern Schiffe bis auf

»Schwalbe« und »Harmonie« direkt und zwar möglichst ohne daß man sie

von Kilwa Kiwindje bemerken könne, nach Kisiwani weiter gehen sollten.

Die »Schwalbe« lief mit Tagesanbruch des 2. Mai nach Kilwa, um Herrn

Kapitän Valette von der notwendig gewordenen Änderung der ursprünglich

getroffenen Dispositionen Meldung zu erstatten und »Harmonie« folgte

ihr langsam nach. Dann schlug die »Schwalbe« den Weg nach Kilwa

Kisiwani ein, wo sie wieder die Führung übernahm und, den übrigen

Dampfern den Weg weisend, Nachmittags in den Hafen einlief. Die Führung

durch Sr. Maj. Kreuzer »Schwalbe« ist während der ganzen Fahrt nach

dem Süden für uns von der größten Wichtigkeit gewesen. Den Führern

unsrer Dampfer, die bis dahin kaum jemals nach dem Süden gekommen

waren, war das Fahrwasser unbekannt, und es ist sowohl der geschickten

Führung durch Kapitän Hirschberg, als auch besonders der großen

Hilfsbereitschaft, mit der er jeden weiter zurückbleibenden oder vom

richtigen Fahrwasser abkommenden Dampfer wieder auf den richtigen Weg

brachte, zu danken, daß wir, ohne durch die Elemente größere Verluste

zu erleiden, im Süden angekommen sind.

Dem auf der »Schwalbe« eingeschifften Bataillon und insbesondere den

Offizieren ist die bestmögliche, kameradschaftlichste Aufnahme zu Teil

geworden, wie überhaupt in jener Zeit das vorher zuweilen gespannte

Verhältnis mit der Marine sich in ein sehr gutes umgewandelt hatte.

Zumal mit der alten Besatzung der »Carola« und »Schwalbe«, mit denen

wir so vieles gemeinsam durchlebt hatten, wurde eine enge Freundschaft

und die beste Kameradschaft gepflogen.

Die »Harmonie« hatte die Anweisung erhalten, da sie nach Kilwa Kisiwani

nicht folgen konnte, nach der Rukyrro-Bai, südlich von Kilwa Kiwindje

zu gehen und daselbst das an Bord befindliche Bataillon auszuschiffen.

Bei unserer Ankunft in Kilwa Kisiwani machten das Kriegsschiff und die

armierten Dampfer klar zum Gefecht, aber es zeigte sich nirgends ein

Feind.

Die Landung der Truppen an der Südspitze der von Kilwa Kiwindje nach

Süden auslaufenden Halbinsel ging ohne Schwierigkeit von statten und

war bis zum Eintritt der Dunkelheit beendet. Die Truppen der »Harmonie«

wurden ebenfalls in der Nacht vom 2. zum 3. und am 3. früh in der

Rukyrro-Bai gelandet, wobei die »Schwalbe« ebenso wie bei unserer

Landung in Kilwa Kisiwani durch Hergabe von Booten und durch Schleppen

mit der Dampfpinasse bereitwillig Unterstützung leistete.

Eine Stunde nach begonnener Landung war in der Kisiwani-Bai die ganze

Mannschaft von »Schwalbe« und »Barawa« ausgeschifft und um 5 Uhr 15

Minuten befand sich bereits alles im Marsch.

Das Landen der Truppen, Rangieren und der Abmarsch machten einen sehr

guten militärischen Eindruck, in Anbetracht der überstandenen Seefahrt

und der Seekrankheit, an der fast alles zu leiden hatte. Es wurde

zunächst eine Stunde weit marschiert bis Masoko in der Rukyrro-Bai, in

deren Nähe die »Harmonie« vor Anker lag.

Abgesehen von einem Angriff auf eine von uns ausgesandte Patrouille,

bei welchem ein Mann auf unsrer Seite verwundet, einer der Gegner

erschossen wurde, fanden Feindseligkeiten während der Nacht nicht

statt. Wir hatten dagegen unterwegs einige Eingeborene aufgegriffen,

welche uns am nächsten Tage als Führer nach Kilwa Kisiwani dienen

sollten.

Das zweite Bataillon war während der Landung der »Harmonie« nordwärts

vorgeschoben und hatte die Vorposten zu stellen. Noch während der

Landung wurden dieselben von einem etwa 200 Mann starken Trupp, der

offenbar auf die Nachricht von unserer Landung hin von Kilwa Kiwindje

ausgesandt war, angegriffen. Der Gegner wurde indes nach kurzem Gefecht

unter bedeutenden Verlusten zurückgeworfen.

Unmittelbar nach erfolgter Landung des auf der »Harmonie«

eingeschifften Bataillons wurde der Vormarsch auf Kilwa (in der

Marschordnung: zweites, erstes, drittes Bataillon), angetreten. Der

Marsch führte zunächst an der Küste entlang nach Norden, dann bogen wir

nach Nordwesten ab in der Richtung auf den Kisimo-Berg.

Unterwegs wurde unsere Tête fortwährend von Rebellen angegriffen,

jedoch wurde der Marsch hierdurch nicht verlangsamt, da es zumeist nur

des Einsetzens der Têten-Kompagnie bedurfte, den Gegner zurückzuwerfen.

Dagegen hatten wir in Folge der großen Hitze, der schlechten Ernährung

und der überstandenen Seekrankheit einige Fälle von Sonnenstich, was

uns einigermaßen aufhielt. Während der Nacht vom 3. zum 4. Mai wurde

Bivouak in einer verlassenen Ortschaft bezogen. Die Nacht verlief ohne

jede Störung, obgleich das stark coupierte Terrain und die Tags zuvor

sich immerfort wiederholenden Angriffe des Feindes auch Unternehmungen

desselben bei Nacht erwarten ließen. Selbstverständlich waren nach dem

Beziehen des Bivouaks alle Vorsichtsmaßregeln getroffen und starke

Vorposten ausgestellt worden.

Am 4. Mai morgens wurde der Weitermarsch fortgesetzt, abermals unter

schnell zurückgewiesenen Angriffen der Gegner. Gegen 7 Uhr wurde das

Feuer der Kriegsschiffe hörbar. Die vorzüglich einschlagenden Granaten

legten einen beträchtlichen Teil der Befestigung an der Front nieder,

ebenso eine Menge massiver Bauten in der Stadt. Ein Teil derselben, der

aus Negerhütten bestand, geriet in Brand, ein Teil der Pulvervorräte

des Feindes flog in die Luft.

Als sich unsere Truppen um 8 Uhr der Stadt von Südwesten her näherten,

dirigierte der Reichskommissar das zweite Bataillon auf den Süden der

Stadt, das erste auf die Westlinie, während das dritte als Reserve

folgte. Dicht vor der Stadt wurden noch einige Granaten in dieselbe

geworfen und eine Patrouille mit der deutschen Flagge rechts nach dem

Strande gesandt. Sie sollte der Marine das Zeichen zum Einstellen des

Feuers geben, damit wir selbst zum Angriff vorgehen könnten.

Zu unserer großen Überraschung konnten wir, ohne Feuer zu erhalten,

in die Stadt eindringen: sie war während der letzten Nacht geräumt

worden. Wir hatten erwartet, daß die fanatischen Rebellen von Kilwa

Stand halten würden, und daß es zu einem sehr erbitterten Straßenkampfe

kommen würde, wobei die vielen festen Steinhäuser vorzügliche Reduits

für die Rebellen hätten bilden können. Wäre es uns dann gelungen, den

Gegner aus der Stadt zu treiben, so hätte ihm nach Erstürmung des

südlichen Stadtteils das erste Bataillon vom Westen her den Rückzug

abgeschnitten, und der Feind wäre in den Terrain-Abschnitt zwischen

den Meeresstrand und den Fluß gedrängt worden, wo er ertrunken oder in

unsere Hände gefallen wäre. Die Rebellen waren indes eingeschüchtert.

Sie hatten erwartet, daß wir lediglich von der Seeseite angreifen

würden, wo sie sich durch eine sehr stark angelegte doppelte

Pallisadenreihe, in deren Mitte Erde geschichtet war, befestigt hatten.

An verschiedenen Stellen der Pallisaden waren Bastionen errichtet,

deren Armierung im ganzen aus acht primitiven Geschützen bestand. Im

Norden und Süden stießen die Befestigungen an Creeks; an den Seiten

dagegen waren Befestigungen überhaupt nicht angebracht.

Da wir den Rebellen den Gefallen nicht gethan hatten, die stärkste

Seite der Stadt anzugreifen, und ihre Versuche, uns durch

Entgegenwerfen stärkerer Trupps im Vormarsch aufzuhalten, ebensowenig

Erfolg gehabt hatten, warfen sie die Flinte ins Korn und gaben die

Stadt preis. Nach den eingezogenen Erkundigungen waren die Verluste an

Menschenleben, welche die Rebellen durch die Beschießung der Marine

erlitten hatten, ganz geringfügig, sie betrugen nur 2 Mann; um so

größer aber war der moralische Eindruck gewesen, den das Bombardement

und der Brand in der Stadt hervorriefen. Um nicht die ganze Stadt

abbrennen zu lassen, mußten wir selbst zum Löschen schreiten.

Der Verlust der Schutztruppe vor Kilwa betrug drei Tote und einige

Verwundete. Die Marine war, da ihre Schiffe aus einer Entfernung

von über 3000 +m+ feuerten, selbstverständlich nicht durch

die Rebellen gefährdet. Die Verluste, welche die Rebellen in den

vereinzelten Gefechten beim Anmarsch der Schutztruppe von Süden her

erlitten, beliefen sich auf etwa 30 Mann. Recht wunderbar schien es

uns, daß obwohl unsere Marine stets recht gut schoß, die Verluste der

Rebellen an Menschenleben so ungeheuer gering waren und der Schätzung

der Marine stets bedeutend nachstanden. Man sah, daß die Granaten

meist vorzüglich krepierten, dennoch aber keine Verluste beibrachten.

Gewiß ist in dieser Beziehung der Vorschlag des Admirals Deinhard,

statt mit Granaten mit Shrapnels gegen lebendige Ziele zu feuern und

die in Ostafrika stationierten Kriegsschiffe mit solchen zu versehen,

sehr beachtenswert.

Kilwa Kiwindje ist die größte und bedeutendste Stadt des Südens,

fast so groß wie Bagamoyo, wenn auch als Handelsplatz bei weitem

nicht von derselben Bedeutung. Die Zahl der Steinhäuser und besonders

der geräumigen Steinhäuser übersteigt erheblich die in allen andern

Plätzen. Leider hat Kilwa eine sehr schlechte Rhede und der sehr

schlickige Strand erschwert sogar das Landen mit den Booten. Die

Bedeutung Kilwas ist ersichtlich aus der großen Zahl der hier wohnenden

Inder. Annähernd 100 Geschäfte von Hindus und Banianen befinden sich

in der Stadt.

Auf der Rhede von Kilwa lag zur Zeit unseres Angriffes das englische

Kriegsschiff »Turquoise«, um diejenigen von den indischen Unterthanen

aufzunehmen, welchen der Aufenthalt in der Stadt zu unsicher erschien

und welche die Absicht hatten, nach Sansibar überzufahren. Es schifften

sich denn auch 12 Männer und 105 Frauen und Kinder auf der »Turquoise«

ein; ein Inder war noch unmittelbar vor dem Abzug der Rebellen in

seinem Hause ermordet und sein Laden vollständig ausgeplündert worden.

Bei unserm Einzuge fanden wir die Inder fast alle aus der Stadt

geflüchtet und erst auf gutes Zureden, nachdem wir Friedensboten zu

ihnen gesandt, waren sie zur Rückkehr zu bewegen.

Die Stärke des Feindes variierte nach den Angaben der Inder zwischen

5 und 7 Tausend Mann, doch scheint diese Zahl von den für größere

Zahlenangaben wenig Verständnis besitzenden Leuten sehr übertrieben zu

sein.

Nach unserem Einrücken in die Stadt wurden die im Besitze der Rebellen

befindlichen Häuser geplündert und nachdem das Vieh, welches in der

Stadt und deren Nähe sich vorfand, zusammengetrieben war, bezogen die

Truppen Quartiere. Jedem Bataillon wurde ein Teil der Stadt überwiesen

und diese Bereiche in Kompagnie-Reviere eingeteilt. So kamen hier nach

der Seefahrt und dem Marsch im Regen, -- seit unserer Abfahrt von

Daressalam hatte es fast ununterbrochen in Strömen gegossen, -- die

Truppen zum ersten Mal in trockene Quartiere. Da sich durch die Stadt

Kilwa selbst ein Creek hindurchzieht, und außerdem in der Regenzeit das

ganze Terrain in und um Kilwa zum Sumpfe wird, in welchem gerade jetzt

viel Erdarbeiten auszuführen waren, so kann es nicht Wunder nehmen,

wenn in der nächsten Zeit der Gesundheitszustand der Truppen ein sehr

schlechter war.

Am Tage nach dem Einrücken wurde eine Patrouille von 3 Kompagnien nach

dem Singino-Hügel geschickt, welche die Meldung zurückbrachte, daß der

erste Halt der flüchtigen Aufständischen 7 Stunden von Kilwa entfernt

läge, aber kaum Aussicht sei, daß dieselben einer anrückenden Truppe

weiterhin Stand halten würden.

Man ging nun eifrig an das Ausladen der Dampfer, welche die für Kilwa

bestimmten Baumaterialien, Munition und Proviant gebracht hatten, und

bereitete die Befestigungsarbeiten vor, so daß der Platz von zwei

Kompagnien gehalten werden konnte. Als Platz für die Station wurde

das alte am Strande gelegene Zollhaus und drei andere Steinhäuser

ausgesucht, die zunächst durch eine provisorische Umwallung aus

Wellblech (mit Erdaufwurf zwischen den Wellblechen) und durch einen

Stacheldrahtzaun derart umgeben wurden, daß sie mit den Geschützen und

der zugehörigen Besatzung ein wohl zu verteidigendes Fort bildeten. Die

Station wurde am 8. Mai nachmittags mit 15 Europäern, 2 Kompagnien und

2 Geschützen dem Chef von Zelewski übergeben.

Am 9. Mai erfolgte die Einschiffung der übrigen Truppen und zwar an

Bord der »Carola«, »Schwalbe« und »Barawa«, da »Harmonie« wegen ihrer

bewiesenen Untüchtigkeit in Kilwa zurückgelassen wurde. Am Mittag des

9. Mai gingen »Carola«, »Schwalbe«, »Barawa«, »München« und »Vesuv«

nach Lindi, unserem nächsten Ziele, ab, wo wir am Morgen des 10. Mai

eintrafen.

Die Stadt Lindi, meist aus Negerhütten bestehend, weist nur ganz wenige

Steinhäuser auf. Sie liegt auf der nördlichen Seite eines von See aus

ins Land sich hineinziehenden sehr breiten Creeks. Die Ausdehnung der

Stadt ist keine große, da unmittelbar hinter derselben eine ziemlich

bedeutende Hügelkette eine natürliche Grenze bildete. Am Ende des

Creeks mündet in diesen der Ukeredi-Fluß. Nach unserer Ankunft vor dem

gewissermaßen den Hafen bildenden Creek gingen die Dampfer »Schwalbe«,

»Barawa«, »München« und »Vesuv« in denselben, den sogenannten

Lindi-Fluß hinein, während »Carola« von der Rhede aus die Operation

auf Ansuchen des Majors Wißmann durch Hineinwerfen dreier schwerer

Granaten in die Stadt eröffnete. Wir erhielten im Flusse sowohl von

der Lindiseite aus, als auch von der entgegengesetzten Seite des

Flusses Feuer, welches die »Schwalbe« mit Revolvergeschützen erwiderte,

während ich von der Kommandobrücke der »Barawa« aus mit dem Maxim-Gun

die am Strande von Lindi befindlichen Rebellen beschoß. Obgleich die

Lindileute fast gar keine Verluste erlitten, wurde doch der Strand von

ihnen geräumt, und unsere Landung erfolgte ohne Verluste.

Der Vormarsch gegen die Stadt machte keine Schwierigkeiten. Überall

wurde das Terrain im Umkreis von den Rebellen gesäubert. Wo sie sich

zeigten, wurden sie, ohne daß sie bedeutenden Widerstand leisteten,

zurückgeworfen. Nach der Besetzung der Stadt wurden alsbald Vorposten

aufgestellt und mit den Löscharbeiten begonnen. Eine von uns

unternommene stärkere Rekognoszierungs-Patrouille, bei der wir an

einzelnen Stellen beschossen wurden, hatte zwar die Rebellen über die

benachbarte Hügelkette hinaus gejagt, doch wurden während der Nacht

unsere Vorposten noch an verschiedenen Stellen, allerdings ohne Erfolg,

angegriffen. Ein weißer Unteroffizier wurde bei der Schießerei während

der Nacht verwundet. Zur provisorischen Befestigung wurde ein Platz

am Strande ausersehen und drei hier befindliche Steinhäuser durch

entsprechende Verbindung verteidigungsfähig eingerichtet.

Am 11. Mai bereits kehrte der Araber Selim ben Salum, welcher oberhalb

des Flusses seine Schamba hatte, auf einem Boote mit der weißen

Friedensfahne zurück und bot seine sowie aller Araber Unterwerfung an.

Ebenso schickten die Hauptführer an diesem Tage Boten zu uns, welche

um Frieden und Begnadigung baten. Die »Carola« verließ am Nachmittag

des 11. Mai die Rhede, zeigte sich dann vor Mikindani und kehrte von da

nach Sansibar zurück. Am 12. wurde vom Reichskommissar mit dem Dampfer

»München« eine Rekognoszierung den Lindifluß aufwärts unternommen und

die Niederlassung des bereits erwähnten Selim besucht. Hier waren alle

Araber der Umgegend versammelt und zeigten dem Reichskommissar ihre

vollständige Unterwerfung an.

Am 13. wurde die Station Lindi mit 18 Europäern, zwei Kompagnien und

6 Geschützen dem Verfasser übergeben. Der Reichskommissar brach mit

den übrigen Truppen nach Mikindani auf, wo er an demselben Nachmittag

eintraf. Bereits über Land war an den Wali von Mikindani ein Brief

abgesandt mit der Aufforderung, beim Eintreffen des Reichskommissars

sich diesem friedlich zu unterwerfen. Und so kamen denn auch bei der

Einfahrt in den Hafen bereits Boten mit weißen Flaggen entgegen,

welche Briefe vom Wali und den Jumbes überbrachten, in denen sie ihre

Unterwerfung anzeigten. Der Reichskommissar begab sich sofort an

Land und fand an der Stelle der späteren Station im ganzen 100 meist

bewaffnete Araber zum Schauri versammelt. Sie wurden ermahnt, sich in

den Ortschaften um Mikindani ruhig zu verhalten, und es wurde ihnen

mitgeteilt, daß am nächsten Morgen die Truppen ausgeschifft und mit dem

Bau einer Befestigung begonnen werden würde. Eine Sorge für ihr Leben

und Eigentum hätten die sich friedlich Unterwerfenden nicht zu hegen.

Nach Ausschiffung der Truppen am nächsten Morgen wurden auch hier die

provisorischen Befestigungsarbeiten vorgenommen, nachdem die friedliche

Unterwerfung aller Einwohner angenommen war. Nur ein Dorf, welches die

Friedensflagge nicht gehißt hatte, wurde von den Negern geräumt.

Der Wali, der Jemadari und der Akida des Sultans wurden in die Dienste

des Reichskommissars übernommen und zum Gehorsam verpflichtet. Die

Leitung der weiteren provisorischen Befestigungsarbeiten wurde dem Chef

+Dr+. Karl Wilhelm Schmidt übertragen, der einige Tage darauf auf

Befehl des Reichskommissars die Station mit 11 Europäern, 2 Kompagnien

und 4 Geschützen an Chef End zu übergeben hatte. Die beiden übrigen

Kompagnien Dr. Schmidts sollten nach Bagamoyo und Pangani zurückgesandt

werden. Er selbst hatte den Befehl, auf der »Schwalbe« nach Sansibar zu

kommen.

Auf der Rückfahrt von Mikindani lief der Reichskommissar mit der

»München« die Plätze Lindi und Kilwa nochmals an und fand daselbst

alles in guter Ordnung. In Kilwa hatten sich bereits einige 100

Eingeborene wieder eingestellt. Der größte Teil der Aufständischen war

noch einige Tagereisen von Kilwa entfernt versammelt. Kilwa Kisiwani

hatte als Vertreter einen völlig arabisierten Italiener, der Jussuf

genannt wurde, an Chef von Zelewski gesandt, mit der Bitte auch nach

Kisiwani Truppen hineinzulegen.

Am 17. Mai traf der Reichskommissar wieder in Sansibar ein und ging von

dort aus am 18. nach Sadani. Bana Heri, der dem Reichskommissar, wie

erwähnt, sein Schwert, das er im Aufstande gegen ihn geführt, übersandt

hatte, trug ihm jetzt die Bitte vor, ihm ein anderes Schwert zu

übergeben, das er von jetzt an nur in deutschen Diensten tragen würde.

Seine Bitte wurde erfüllt.

In Sadani war der Araber Mohammed ben Kassim aus Tabora, der allgemein

beschuldigt wurde, den deutschen Kaufmann Giesecke im Jahre 1885

in Tabora ermordet zu haben, durch Lieutenant Sigl nach erfolgter

Rekognoszierung durch den Irländer Stokes dingfest gemacht worden.

Wißmann, der Mohammed ben Kassim bereits drei Jahre früher am Lualaba

kennen gelernt hatte, erkannte denselben wieder und sandte ihn nach

Bagamoyo, woselbst er ein Kriegsgericht über ihn anordnete. Der Sultan

Said Ali selbst bat zwar, seinen Unterthan Mohammed ben Kassim ihm

auszuliefern, doch wurde das Ansuchen von Wißmann abgeschlagen.

Am 26. Mai trat der Reichskommissar, dessen Gesundheit durch die

fortwährenden Strapazen sich sehr erheblich verschlechtert hatte, einen

ihm bewilligten Urlaub nach Deutschland an, nachdem er zuvor an den

von Mikindani zurückgekehrten Chef +Dr.+ Karl Wilhelm Schmidt für

die Dauer seiner Abwesenheit die Geschäfte des Reichskommissariats

übergeben hatte.

Geschichte des Araberaufstandes in Ost-Afrika · 第 28 / 37 题