13. Kapitel.

Wißmanns letzte Thätigkeit als Reichskommissar.

Ankunft Wißmanns in Sansibar am 1. Dezember 1890. -- Vorbereitungen

auf den Stationen zur definitiven Uebernahme der Küste nach dem

deutsch-englischen Abkommen. -- Expedition des Chef Ramsay gegen

Maschemba. -- Außerordentliche Schwierigkeiten des Marsches.

-- Expedition unglücklich. -- Gütlicher Vergleich und Frieden

mit Maschemba, erreicht durch die Initiative des Chefs End. --

Fertigstellung der südlichen Stationen. -- Unsichere Verhältnisse

auf der Karawanenstraße nach dem Kilimandscharo. -- Wißmanns

Expedition nach dem Kilimandscharo. -- Eroberung der Befestigung des

Sultans Sinna. -- Regelung der Verhältnisse am Kilimandscharo und

Stationsanlage daselbst. -- Rückmarsch nach der Küste. -- Einfall der

Wahehe in Usagara. -- Expedition des Chef Ramsay dahin. -- Friedliche

Verhandlung mit den Wahehe. -- Schlußbericht Wißmanns über seine

gesamte Thätigkeit.

Am 1. Dezember 1890 übernahm Major von Wißmann vom Chef +Dr.+

Schmidt, der sich auf einen längeren Urlaub nach Deutschland begab,

wieder die Geschäfte des Reichskommissariats für die Zeit bis zum

1. April 1892. Seine erste Thätigkeit bestand in einer Bereisung

der Küste, um sich von dem Zustande der Stationen zu überzeugen

und Anordnungen für die am 1. Januar 1891 angeordnete feierliche

Occupation der Küste mit Hissung der deutschen Flagge zu treffen.

Nach Abschließung des Deutsch-Englischen Vertrages, den wir in einem

besonderen Kapitel besprechen werden, war die Küste definitiv und

formell in unsern Besitz übergegangen, während sowohl wir, wie die

Eingeborenen immer der Ansicht gelebt hatten, daß dieselbe von der

Schutztruppe durch ihr daselbst vergossenes Blut erobert worden sei.

Die Thatsache, daß ein Ankauf derselben unter Zahlung von 4,000,000

Mark stattgefunden habe, und daß wir uns noch dazu der englischen

Vermittlung, wie es im Vertrage ausgemacht war, beim Sultan von

Sansibar bedienen mußten, überraschte uns ganz gehörig. Doch hierüber,

wie gesagt, an einer andern Stelle.

Der Übergang der Küste in unsern Besitz war jedenfalls für den Januar

1891 festgesetzt, und war dies auch die Veranlassung für Wißmann,

die von +Dr.+ Schmidt gegen Maschemba geplante Expedition nicht

selbst zu führen, sondern die Führung dem Chef Ramsay zu übertragen.

Derselbe marschierte im Dezember von Mikindani mit 2 Sudanesen- und

2 Zulu-Kompagnien ab und wurde am 26. Dezember bei dem Dorfe des

Makanda-Häuptlings Schikambo im Makanda-Gebiet, bis wohin die Scharen

des Maschemba vorgedrungen waren, von diesen angegriffen. Allerdings

wurde der Gegner zurückgeschlagen, immer und immer wieder jedoch

belästigte er die vorwärts marschierenden Truppen. Die Wahiyao griffen

nicht nur von der Seite her die Spitze der Expedition an und beschossen

sie, sondern sie ließen die Spitze meist ruhig vorüberziehen und

feuerten dann in die Mitte der Marschkolonne Salven hinein, brachten

ihr ab und zu Verluste bei und beeinträchtigten natürlich die Ordnung

im Marsche. Diese Plänkeleien setzten sich am nächsten Tage und in der

darauf folgenden Nacht fort.

Wie das Terrain im Süden beschaffen, ist bereits geschildert worden;

jetzt, infolge des Eintritts der Regenzeit, waren die Wege total

ungangbar geworden. Da außerdem die Makanda vor den Wahiyao geflüchtet

und die Dörfer derselben alle ausgeplündert waren, konnte eine

genügende Verproviantierung der Truppe nicht bewerkstelligt werden. Die

Kompagnien, welche mit Salven gegen die den Busch besetzt haltenden

Feinde feuerten, verbrauchten einen übermäßigen Munitionsvorrat, und

die Gefahr lag nahe, daß, wenn es der Expedition wirklich gelänge, die

Yao-Truppen Maschemba's zurückzuschlagen und in das Dorf einzudringen,

sie schließlich ihren ganzen Munitionsvorrat aufgebraucht haben und

somit den Yaos gegenüber wehrlos sein würden. Ramsay beschloß daher

sehr richtig, die gesamten disponiblen Truppen der Küste, eben jene

vier Kompagnien, nicht dem Zufall eines Tages, dessen Chancen noch

bedeutend auf die Seite der Wahiyao hinneigten, auszusetzen, sondern

nach der Küste zurückzukehren. Die Verluste der Expedition an Toten

und Verwundeten betrugen ein weißer Unteroffizier und zehn Farbige,

eine im Vergleich zur Ungunst der Verhältnisse zwar geringe Ziffer,

doch immerhin genügend, um den Rückmarsch der Expedition nach Lindi

bedeutend zu erschweren. Eine Truppe, welche Verwundete mit sich führt

und hierfür keine besonderen Träger zur Disposition hat, sondern

Soldaten verwenden muß, ist in Afrika stets recht unbeweglich. Die

Marschkolonne wird in die Länge gezogen und kommt dadurch aus der Hand

des Führers.

Die Truppen Maschembas drangen der zurückmarschierenden Expedition eine

Zeit lang nach und folgten ihr bis an den Ukeredifluß. Dies ungestüme

Nachdringen der Wahiyao, die fortwährend von ihnen auf die Expedition

unternommenen Angriffe, ihr zur Schau getragener Übermut endlich

hatten die Befürchtung erregt, daß dem Expeditionskorps eine ziemlich

empfindliche Niederlage beigebracht worden sei, und daß der Übermut

und die Frechheit der Wahiyaos im Hinterlande noch bedeutend größer

werden, die Sicherheit der Wege noch mehr gefährdet würde. Glücklicher

Weise war diese Befürchtung unbegründet, da auch die Wahiyao in

den verschiedenen Stadien des Feuergefechtes in jenen Tagen recht

bedeutende Verluste erlitten hatten. Die Beschaffenheit des Terrains,

die Schwierigkeiten der Situation brachten es mit sich, daß die Führer

der einzelnen Kompagnien (es waren dies die Herren Lieutenants von

Zitzewitz, von dem Knesebeck, Prince und Freiherr von Pechmann), sowie

auch die als Unterführer fungierenden Unteroffiziere selbständig gegen

die teils vom Rücken, teils von den Flanken aus angreifenden Gegner

operieren mußten, was auch in umsichtiger und geschickter Weise von

allen Seiten geschehen ist. In Folge der erlittenen Verluste und

in der sehr begründeten Besorgnis, daß eine abermalige Expedition

gegen ihn unternommen werden könnte, trat Maschemba im März 1891 in

Friedensverhandlungen mit dem Chef der Station Mikindani, Lieutenant

End, ein, der ihm ja durch unsern gemeinsamen Besuch in seinem Dorfe

persönlich bekannt war.

Von der Ansicht ausgehend, daß es in unserm Interesse liegen müsse,

unter den bestehenden schwierigen Verhältnissen lieber den gütlichen,

von Maschemba vorgeschlagenen Weg zu benutzen, erklärte sich Chef End

bereit, auf Verhandlungen mit Maschemba einzugehen, um so mehr, als

von einem Frieden mit Maschemba die Erschließung des Nyassa-Gebietes

und die Sicherung der Karawanenstraße abhing. Selbstverständlich

machte End seine Bedingungen. Dieselben bestanden besonders darin, daß

Maschemba während einer persönlichen Zusammenkunft mit End Geiseln zu

stellen habe, die während der Abwesenheit Ends von Mikindani daselbst

untergebracht werden sollten.

Unmittelbar vor dem Abmarsche wurde End vom Wali die Nachricht

überbracht, die Geiseln seien aus Besorgnis, daß ihnen etwas passieren

könne, ausgerückt; aber trotzdem marschierte End mit nur 50 Mann ab,

denn er mußte befürchten, daß die Leute die abenteuerlichsten Gerüchte

verbreiten und so die Friedensverhandlungen stören würden.

Durch mit Briefen vorausgeschickte Boten wurde alles geregelt: End

durfte hoffen, daß es ihm gelingen würde, den Frieden in der Form,

wie er es wünschte, herbeizuführen. Aber noch einmal sollte die Sache

ins Schwanken kommen. An dem Tage, an welchem die Zusammenkunft

stattfand, kam der Sohn von Maschemba mit der Mitteilung, von Lindi

sei die Nachricht eingetroffen, daß der Friede nicht gewünscht werde,

sondern daß man den Kriegszustand aufrecht erhalten wolle, eine jener

Nachrichten, wie sie irrtümlich so oft in Afrika entstehen.

Um auch das letzte Mißtrauen zu beseitigen, that End einen sehr

gewagten Schritt. Er ging allein mit seinem Diener dem Maschemba eine

Stunde weit entgegen, wobei er sich sagen mußte, daß, da wir bisher

noch keine Proben von der Zuverlässigkeit des Häuptlings erfahren

hatten, sein Leben recht gefährdet war.

Aber das im Interesse der Sache unternommene Wagnis gelang und in der

That wurde ihm dieses Entgegenkommen von Maschemba und seinen Leuten

sehr hoch angerechnet. Es trug ganz besonders dazu bei, daß die von

uns gestellten Friedens-Bedingungen bei dem darauf folgenden Schauri

sämtlich angenommen wurden. Der folgende von End in der Suaheli-,

wie in deutscher Sprache aufgesetzte Vertrag wurde von Maschemba

unterzeichnet:

»Ich, Maschemba, Häuptling der Wahiyao um Luagalla und Umgebung

verpflichte mich:

1. Ich werde niemals wieder gegen die Deutschen und die ihnen

befreundeten Dörfer und Leute Krieg führen.

2. Alle Europäer mit und ohne Soldaten können ohne Gefahr mein Gebiet

passieren.

3. Karawanen, vom Innern oder von der Küste kommend, passieren, ohne

Hongo (Durchgangszoll) zu entrichten.

4. Die in meinem Besitz befindlichen Hinterlader liefere ich an die

Station Mikindani ab.

Geschichte des Araberaufstandes in Ost-Afrika · 第 30 / 37 题