Entwickelung des Aufstandes und Errichtung des Reichskommissariats.
Hoheitsrechte der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft. --
Übernahme der Küste, Schwierigkeiten bei Ausübung der Souveränität.
-- Widerstand der Araber und Inder. -- Unzufriedenheit der
Küstenbevölkerung. -- Machtlosigkeit der Gesellschaft. --
Sultanssoldaten im Dienst der Gesellschaft. -- Einfluß des Sultans
auf dieselben. -- Verhalten der Gesellschaftsbeamten. -- Weigerung
des Wali von Pangani, die Gesellschaftsflagge zu hissen. --
Eingreifen der Möwe und Carola. -- Ausweisung des Wali. -- Erneute
Unruhen in Pangani. -- Einschreiten des Generals Matthews. --
Zurückziehung der Gesellschaftsbeamten. -- Unruhen in Tanga. --
Zustände in Bagamoyo. -- Wühlereien der Bagamoyo-Jumbes. -- Angriffe
auf das Gesellschaftsgebäude. -- Versuch, den Admiral abzufangen.
-- Besetzung Bagamoyos durch die Marine. -- Streifzüge Gravenreuths.
-- Erstes Eingreifen Buschiris. -- Buschiri landet mit 800 Mann in
Sadani. -- Vorrücken auf Bagamoyo. -- Befestigung dieser Station
durch Zelewski. -- Angriffe auf Bagamoyo. -- Stellung der
Katholischen Mission. -- Verhältnisse um Daressalam. -- Angriff auf
die katholische Mission in Pugu. -- Ermordung der Missionare. --
Verhältnisse im Süden. -- Aufgabe von Lindi und Mikindani. --
Ermordung der Gesellschaftsbeamten in Kilwa. -- Wirkung dieser
Nachrichten in Deutschland. -- Blokade-Erklärung. --
Antisklaverei-Antrag des +Dr.+ Windthorst. -- Errichtung des
Kommissariats.
Durch den Vertrag der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft mit
Said Kalifa ging außer der Verwaltung der Zölle auch die Ausübung
der Hoheitsrechte des Sultans (Verwaltung und Gerichtsbarkeit) an
die Gesellschaft über. Als äußeres Zeichen dafür sollte überall, wo
Stationen der Gesellschaft im Sultansgebiet sich befanden, zugleich
mit der Sultansflagge die Flagge der Gesellschaft gehißt werden.
Jedoch schon bald nach der Uebernahme der Küste wiesen erfahrene
Gesellschaftsbeamte wie von Zelewski und Freiherr von Eberstein
in ihren Berichten an den Generalvertreter darauf hin, daß die der
Gesellschaft vertragsmäßig zu teil gewordenen Hoheitsrechte auf die
Dauer von den Beamten nicht würden ausgeübt werden können; die nächste
Zeit hat gezeigt, wie berechtigt diese Befürchtungen waren.
Es waren zwar die Eingeborenen und alle Bewohner des Küstendistrikts
durchaus geneigt, der Gesellschaft die üblichen Zölle zu zahlen, da
sie in der Uebertragung derselben an die Gesellschaft eine einfache
Verpachtung sahen, wie eine solche auch schon früher von Seiten des
Sultans an andere Personen besonders Inder, stattgefunden hatte, und es
hätte diese Zollerhebung seitens der Gesellschaft ohne den geringsten
Machtaufwand ungestört überall stattfanden können, -- ~wenn nur nicht
damit eine Ausübung der Souveränität verbunden gewesen wäre~.
Bei dem überaus conservativen Charakter der arabischen Bevölkerung,
bei ihrer Eigenart, vom kleinsten Gemeinwesen hinauf bis zum
Staat patriarchalische Organisationen zu schaffen, für welche das
Religionsgesetz den Nahmen gab, mußte ein solcher Versuch um so
schwerere Bedenken erregen, als gar keine wirkliche Macht dahinter
stand. -- Den Fremden, den Ungläubigen, deren Persönlichkeiten ihnen
noch dazu meist gänzlich fremd waren und von den ihnen unbekannt war,
ob sie ihre Sitten respektieren würden, mochten die Araber sich nicht
fügen. Sie sahen die Ausübung der Souveränität im Namen des Sultans
von Seiten der Gesellschaftsbeamten nur als Anfang zu gänzlicher
Unterwerfung unter die deutsche Herrschaft an; sie fürchteten durch
zu hartes Vorgehen der neuen Beamten in der Sklavenfrage eine
Schädigung ihrer Interessen und glaubten ihre gesamte Existenz aufs
äußerste bedroht, da sie befürchteten, daß sie auch in ihrem rein
kaufmännischen Gewerbe beeinträchtigt werden würden. Das letztere
Moment hatte sich übrigens schon früher in Tabora geltend gemacht, wo
die Araber mit allen Mitteln gegen die europäische Konkurrenz zuerst
die eines Franzosen und dann der großen Hamburger Elfenbeinfirma Meyer,
ankämpften. Ein Angestellter der Firma, Herr Giesecke, wurde im Jahre
1887 von den Arabern mit Erlaubnis des Häuptlings Sikke von Unianiembe
-- aus Geschäftsrücksichten -- ermordet.
Die Furcht vor dieser kaufmännischen Konkurrenz einerseits, sowie das
Faktum einer im Lauf der Zeit eingetretenen großen Abhängigkeit der
Araber von den Indern war übrigens auch für letztere ein Grund, sich
bei Ausbruch des Aufstandes den Rebellen gegenüber sympathisch zu
verhalten. Sie traten uns natürlich nicht mit den Waffen in der Hand
entgegen, leisteten aber doch durch Lieferung von Waffen und Munition
sowie durch Spionage den Aufständischen Vorschub.
Ein weiterer Grund zur Unzufriedenheit war der, daß vielen
Küsten-Leuten und zwar Arabern wie Negern ein sehr bequemes Einkommen,
welches sie bis dahin gehabt hatten, der Natur der Verhältnisse nach
mit der Neuordnung genommen wurde. Es bezieht sich dies auf die Walis,
Akidas und Jumbes in den Hauptküstenplätzen Bagamoyo, Pangani, Kilwa
und Lindi. Hier war überall von den genannten Personen unter allen
möglichen Vorwänden und Titeln den Karawanen Tribut abgenommen worden.
Daß die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft einem derartigen Unfug
sofort ein Ende machen mußte, war selbstverständlich; aber ebenso
selbstverständlich war es, daß die geschädigten Mrimaleute solche
Maßregeln als ganz unerlaubten Eingriff in ihre Rechte betrachteten.
Dennoch würden alle diese Gründe zusammen nie den Ausbruch eines
allgemeinen Aufstandes herbeigeführt haben, wenn die Gesellschaft
in der Lage gewesen wäre, bei Uebernahme der Verwaltung den Arabern
und Küstenbewohnern einen nachhaltigen Respekt durch Entfaltung von
Machtmitteln einzuflößen. Hierzu langten aber die Mittel nicht, und
die deutsche Reichsregierung zeigte sich damals noch nicht geneigt,
mit Nachdruck für die Gesellschaft einzutreten. -- Die einzigen
militärischen Kräfte, welche die Gesellschaft hinter sich hatte, waren
die unter den Walis und Akidas der Küstenplätze bisher beschäftigten
Sultanssoldaten, die ihrerseits aber von jeher in engem Kontakt mit der
Bevölkerung gestanden hatten und da sie Geschenke von dieser empfingen,
auch von ihr abhängig waren. Sie haben den Beamten nur geschadet, indem
sie meist zu den Rebellen übertraten und offen gegen die deutsche
Herrschaft ankämpften. Dazu kam, daß der Sultan von vornherein kaum
gesonnen war, den abgeschlossenen Vertrag wirklich zu halten, sondern
seinen Organen an der Küste geheime Instruktionen zugehen ließ, nach
Möglichkeit Schwierigkeiten zu machen. So trug er selbst zum Ausbruch
des Aufstandes bei, bis schließlich, als er ein Interesse daran hatte,
die Unruhen zu ersticken, ihm seine sogenannten Unterthanen nicht mehr
folgsam waren.
Nur wenige Leute unter den früheren Sultansbeamten haben wirklich,
nachdem sie in deutsche Dienste getreten waren, ehrlich zu den
Deutschen gehalten und an ihrer Seite auch zur Zeit des Unglücks
ausgeharrt, so z. B. Schech Amer, Said Magram in Bagamoyo und Mohammed
ben Seliman in Daressalam.
Als einen wesentlichen Grund zum Aufstande beliebte man damals
daheim wie in Sansibar von gegnerischer Seite das Benehmen der
Gesellschaftsbeamten den Eingeborenen gegenüber anzugeben. Es
ist dies völlig unzutreffend, und es sind im Gegenteil aus dem
Gesellschaftsdienst diejenigen Leute hervorgegangen, welche durch
ihre Kenntnis der Verhältnisse und nicht zum mindesten dadurch, daß
sie die Leute zu behandeln gelernt hatten, dem Reichskommissar später
am meisten genützt haben. Wenn auch hier und da einmal Ausnahmen von
der Regel vorgekommen sind, so stehen jene wenigen Ausnahmen absolut
nicht in ursächlichem Zusammenhang mit dem Ausbruch des Aufstandes.
Ebenso falsch ist es, wenn der Aufstand als ein von den Muhamedanern
als solchen gegen uns Christen angefachter Krieg hingestellt wird. Es
ist allerdings von geschickten Führern das religiöse Moment später
mit hereingezogen worden, aber nur künstlich, um durch ein allgemein
verständliches Motiv die Massen mehr in die Hand zu bekommen. Wenn wir
auf den erbeuteten Fahnen vielfach religiöse Inschriften fanden, so
sind dies Koransprüche, wie sie der Sitte gemäß von den Krieg führenden
Muhamedanern auf allen ihren Fahnen angebracht werden; keineswegs sind
sie aus besonderem Fanatismus gegen uns verwendet worden.
Die im Vorstehenden aufgeführten Gründe zur Unzufriedenheit
der Küstenbevölkerung wurden damals weder von der Leitung der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft noch von der Vertretung der
Reichsregierung in Sansibar genügend erkannt und gewürdigt; man
ließ sich an der papiernen Macht des Küstenvertrages genügen und
installierte zunächst ohne wesentliche Schwierigkeiten je zwei Beamte
in den Küstenstationen Tanga, Pangani, Bagamoyo, Daressalam, Lindi und
Mikindani. Bald aber gewann die Gährung an der Küste einen greifbaren
Ausdruck.
Die ersten unbefriedigenden Nachrichten kamen aus Pangani. Der dortige
Bezirkschef der Gesellschaft, Herr von Zelewski berichtete, daß
der Wali von Pangani dem ihm vom Sultan erteilten Befehl, sich dem
Bezirkschef zu fügen, nicht nachkäme und daß er gegen die Hissung der
Gesellschaftsflagge protestiere. Es wurde in Folge dieses Berichtes
der Kreuzer »Möwe« am 17. August 1888 nach Pangani abgesandt. Sein
Erscheinen bewirkte, daß der Wali versprach, den Bezirkschef als seinen
Vorgesetzten anzuerkennen und seinen Befehlen in jeder Beziehung
nachzukommen. Daraufhin dampfte die Möwe wieder von Pangani ab, eine
Macht wurde nicht zurückgelassen; man ließ es darauf ankommen, ob
die Sache gut gehen werde oder nicht. Kaum aber war das Schiff außer
Sicht, da verweigerte der Wali wiederum den Gehorsam, und dasselbe
thaten auf sein Anstiften hin die in den Dienst der Gesellschaft
übergetretenen Sultanssoldaten. Als darauf am 18. August die Carola bei
Pangani vorbeikam, um sich nach der inzwischen erfolgten Entwicklung
der Verhältnisse zu erkundigen, entsandte auf Antrag des Herrn von
Zelewski der Kommandant des Schiffes am 19. ein Landungscorps, dessen
Erscheinen die aufrührerische Bevölkerung einschüchterte. Die Abteilung
der Marine drang bis zum Hause des Wali vor, um diesen dort gefangen
zu nehmen, fand aber das Haus leer -- der Wali war nach Sansibar
geflohen. Man begnügte sich, die Sultanstruppen zu entwaffnen und ließ
auf Antrag des Bezirkschefs 2 Unteroffiziere und 16 Matrosen als Wache
im Stationsgebäude zurück. Die Carola verließ hierauf die Rhede, und am
23. erschien statt ihrer die Möwe, um die Wache wieder abzuholen.
Unbegreiflicherweise gab man sich damals trotz der soeben gemachten
Erfahrungen einem derartigen Optimismus hin, daß man es nun schon
wieder darauf ankommen ließ, ob die Sache weiterhin gut gehen würde
oder nicht. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft that das einzige,
was sie thun konnte; sie verfügte die Ausweisung des Wali von Pangani
aus dem Küstengebiet und der Generalkonsul begnügte sich mit dieser
Maßregel, weil durch diese Ausweisung der Wali für die Beamten der
Gesellschaft unschädlich geworden war.
Die Folgen dieser Vertrauensseligkeit zeigten sich fast augenblicklich.
Als der Bezirkschef von Pangani bei der Ankunft von 1000 Faß Pulver auf
einer Dhau auf dem Pangani-Fluß das Landen dieser Menge von Munition
verbot und verfügte, daß die Dhau nach Sansibar zurückkehren sollte,
bildete diese an sich selbstverständliche Maßregel die Veranlassung zum
Ausbruch wirklicher Unruhen. Der größte Teil der Bevölkerung rottete
sich zusammen, zog vor das Haus der Gesellschaft und setzte die Beamten
gefangen. Das Haus wurde verschlossen, eine Wache davor gesetzt und den
Gefangenen jeder Verkehr nach außen untersagt.
Zufälligerweise war der General-Vertreter der Deutsch-Ostafrikanischen
Gesellschaft, Konsul Vohsen, in begreiflicher Sorge um die Sicherheit
seiner Beamten, gerade an diesem Tage auf dem Sultansdampfer Barawa
nach Pangani unterwegs, um sich persönlich nach der Entwicklung der
Verhältnisse zu erkundigen.
Obwohl er schon im Boot erfuhr, daß in Pangani Krieg sei und ihm von
Wohlmeinenden dringend geraten wurde, nicht an Land zu gehen, setzte er
die Fahrt fort, wurde indes durch die sein Boot beschießenden Rebellen
zur Umkehr gezwungen. Die Barawa kehrte am nächsten Tage nach Sansibar
zurück, und auf die Intervention des deutschen Generalkonsuls und des
Konsuls Vohsen schickte nun der Sultan, nachdem die Barawa mit Vohsen
an Bord wieder nach Pangani zurückgegangen war, seinen General Matthews
mit Truppen nach Pangani, um die Beamten zu befreien. Die Befreiung
derselben ist dem General nur mit Not und Mühe und unter eigener
Lebensgefahr gelungen, ein Beweis dafür, daß die ohnehin schwache
Autorität des Sultans ganz aufgehört hatte.
In dem nördlichen Platze Tanga waren die beiden Gesellschaftsbeamten
(v. Frankenberg und Klenze) gleichfalls in ihrem Stationshause am 5.
September gefangen gesetzt worden, wurden aber am 6. September durch
das Einschreiten der vor Tanga erscheinenden Möwe mit Waffengewalt
befreit. Aus Pflichtgefühl lehnten die Beamten die ihnen angebotene
Rückkehr auf der Möwe nach Sansibar ab und verblieben auf ihrem Posten.
Die Möwe selbst überbrachte Meldung von dem Vorgefallenen nach
Sansibar.
Die hierauf vor Tanga erscheinenden Kriegsschiffe Leipzig, Olga
und wiederum Möwe schickten dann in der Nacht vom 7. zum 8. ein
Landungscorps aus und machten den Versuch, den Wali gefangen zu nehmen,
der jedoch auch hier mißlang. Die Beamten wurden auf Befehl der
Generalvertretung von der Leipzig nach Sansibar gebracht.
In Bagamoyo als dem Hauptplatz der Küste hatte am 16. August unter
besonderen Feierlichkeiten die Flaggenhissung und die Übergabe an die
Gesellschaft im Beisein des General-Vertreters stattgefunden. Der Wali
hatte sich bereit erklärt, in den Dienst der Gesellschaft überzutreten
und hatte nur in einem Punkte Schwierigkeiten gemacht, nämlich als
von ihm die Entfernung der Sultansflagge von seinem Hause gefordert
wurde. Doch gelang es in den darauf mit ihm geführten Verhandlungen,
diese Schwierigkeit zu beseitigen, indem auch auf seinem Hause die
Sultansflagge neben der Gesellschaftsflagge weiterhin gehißt wurde.
Aber auch hier erwiesen sich bald die Verhältnisse als unhaltbar. Grade
in Bagamoyo fühlten sich die Jumbes Makanda, Bomboma und Simbambili in
ihren Interessen bedroht und scharten eine große Masse Unzufriedener
um sich. Bis zum 22. September hatte die Sache immerhin noch einen so
friedlichen Anstrich, daß der Bezirkschef, Frhr. v. Gravenreuth, an
Feindseligkeiten nicht dachte und am frühen Morgen jenes Tages mit
dem Geschwaderchef, Admiral Deinhard auf einem Boot der Leipzig zur
Flußpferdjagd in den Kingani fuhr. Als die Herren unterwegs waren,
wurde den übrigen Gesellschaftsbeamten vom Wali mitgeteilt, daß er der
Bewegung nicht mehr Herr werden könne, die Rebellen wollten gegen das
Gesellschaftsgebäude vorgehen und es sei Gefahr im Anzuge. Die Beamten
vereinigten ihre Askaris im Hause der Gesellschaft und hielten die
Rebellenschar durch das in der Station befindliche 4,7 cm-Geschütz,
welches der Stationsbeamte Rühle mit großer Bravour unter dem Feuer der
Aufständischen bediente, von derselben fern. Die Rebellen wagten die
Station selbst nicht zu stürmen, sondern zogen nach dem Strande, um das
Gesellschaftsboot zu zerstören, wurden aber von einer Abteilung der
Askaris, geführt von den Beamten, in der Richtung auf die französische
Mission hin vertrieben. Zu gleicher Zeit war die Leipzig durch Signale
von dem Angriff benachrichtigt worden und sandte ein Landungscorps
nach der Stadt, das die Rebellen noch über die französische Mission
hinaus verfolgte. Die geschlagenen Aufrührer haben dann noch den
Versuch gemacht, den deutschen Admiral und den Bezirkschef im Kingani
gefangen zu nehmen. Sie trafen das Boot mit genannten Herren an einer
seichten Stelle des Flusses bei abfließendem Wasser festgefahren und
suchten sie an das Ufer zu locken. Doch waren glücklicherweise die
Herren durch einen Boten des Arabers Said Magram gewarnt und warteten
im Fluß das Steigen des Wassers ab, um so am Abend an Bord der Leipzig
zurückzukehren, wo der Admiral von den Vorfällen des Tages in Kenntnis
gesetzt wurde.
Die persönliche Gefahr, welcher der Admiral durch das wackere Benehmen
Said Magrams entronnen war, ließ nun plötzlich die Bedeutung des
Aufruhrs in einem ganz anderen Lichte erscheinen, als man sie bisher
zu betrachten gewohnt war. Daß mit bloßen Verhandlungen hier nichts zu
erreichen war, lag auf der Hand.
Herr v. Gravenreuth, welcher vor Begierde brannte, die Aufrührer
aus der nächsten Umgebung von Bagamoyo zu vertreiben, unterbreitete
dem Admiral seine Pläne und nachdem dieser bereitwilligst in das
Stationsgebäude zu Bagamoyo eine Abteilung der Marine unter dem
Kommando eines Marineoffiziers gelegt hatte, war Gravenreuth in der
Lage, mit den Gesellschaftsbeamten und den von ihm eingedrillten
Stationssoldaten offensiv gegen die Rebellen vorzugehen. Er machte,
in Bagamoyo angekommen, einen Streifzug in die Umgegend, schlug die
Rebellen zurück und wiederholte diese Streifzüge mehrfach in nächster
Zeit. So blieb er Herr der Situation und führte sogar eine auf dem
Wege nach Bagamoyo befindliche Waniamuesi-Karawane, welche von den
Rebellen abgefangen werden sollte, in die Stadt hinein. Eine andere
große Waniamuesi-Karawane hingegen wurde nach der Straße von Daressalam
abgedrängt.
Aber auch die Erfolge Gravenreuths konnten den andrängenden Strom
nur für kurze Zeit eindämmen. Der Aufruhr wuchs in riesigem Maße,
die einzelnen Herde desselben flossen in einander und bald erschien
die Person des Führers auf dem Schauplatze, dessen organisatorischem
Talente und dessen Energie die Massen sich unterordneten.
Dies war der Halbaraber Buschiri, der sich bereits früher unter Said
Madjid im Innern durch seine Anteilnahme an den Kämpfen gegen Mirambo
ausgezeichnet hatte. Dann hatte er sich, an die Küste gekommen, am
Panganifluß auf einer Schamba niedergelassen. Als Said Bargasch zur
Regierung kam, wurde er von diesem wiederholt vor Gericht gefordert
wegen beträchtlicher gegen ihn schwebender Geldforderungen. Er entzog
sich jedoch dem Richterspruch des Sultans und leistete auch, da er sich
bei seiner Schamba durch Anlegung einer starken Buschboma befestigt
hatte, den Soldaten Said Bargaschs erfolgreichen Widerstand, so daß
letzterer es schließlich vorzog, ihn nicht mehr weiter zu behelligen.
So hatte Buschiri unter der Küstenbevölkerung und den Arabern sich
ein gewisses Renommee erworben; tatsächlichen größeren Einfluß wußte
er erst unter geschickter Benutzung der Verhältnisse bei Ausbruch des
Aufstandes gegen die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft zu erlangen.
Buschiri schiffte sich in Pangani mit 800 Mann ein und landete
dieselben in Sadani, wo er den Machthaber Useguas, Bana Heri zum
Aufstand anreizte, ohne daß es ihm jedoch damals glückte, eine
Verbindung mit demselben zu erlangen. Von Sadani zog Buschiri über
Land nach Bagamoyo und übernahm hier die Führung der vereinigten
Bagamoyo-Jumbes und ihrer Horden. Seine Hauptstütze, gewissermaßen
sein Generalstabschef, war der Komorenser Jehasi, der früher als
Artillerist im Congostaat gedient hatte und dementsprechend auch bei
Buschiri seine Hauptverwendung in der Bedienung der der Gesellschaft
abgenommenen Geschütze fand.
Mit dem Erscheinen Buschiris und der Vermehrung der Rebellenkräfte
um Bagamoyo verschlimmerte sich daselbst die Lage der
Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft auf das äußerste.
Von einem Verwaltungsdienst oder gar von Zollerhebung seitens der
Beamten konnte naturgemäß nicht mehr die Rede sein. Schon jetzt kamen
lediglich militärische Gesichtspunkte in Betracht, vor allem die
Behauptung der Stadt Bagamoyo selbst.
Herr von Gravenreuth war um diese Zeit durch schwere Fieberanfälle
genötigt worden, nach Deutschland zurückzukehren und hier Heilung
zu suchen. Das Kommando der Station und die Verteidigung der Stadt
übernahm Herr v. Zelewski, der bereits als Bezirkschef von Pangani
Erwähnung fand. Er sah ein, daß den stark überlegenen Kräften bei
der geringen Zahl der Gesellschaftsaskaris nicht mehr nach dem
Gravenreuthschen System der Offensive durch Ausfälle aus der Station
beizukommen sei, zumal die Hilfe der Marine ausschließlich für die
Besetzung und Verteidigung der Station bestimmt war. Zelewski, aufs
Eifrigste unterstützt von Wilkens, befestigte infolgedessen das
Wohnhaus der Gesellschaft, indem er es mit einer Mauer umgab, diese zur
Verteidigung durch die Askaris und Europäer einrichtete und das Land
in der nächsten Umgebung der Station frei legte, um ein hinreichendes
Schußfeld gegen die nunmehr öfters gemachten Angriffe der Rebellen
zu haben. Alle Europäer, die damals unter Zelewskis Kommando die
Station hielten, schreiben es seiner Umsicht und seinem Verdienst zu,
daß es ihm und seinem Nachfolger ermöglicht wurde, den Platz bis zum
Eingreifen der Schutztruppe zu halten.
Im Dezember 1888 mußte auch Zelewski, nachdem er 3 Jahre in Ostafrika
ausgehalten hatte, wegen seines Gesundheitszustandes die Heimat
aufsuchen und das Kommando der Station ging nun an Herrn v. Eberstein
über, der den weiteren Ausbau und die Verteidigung im Sinne Zelewskis
leitete.
Die im Dezember, Januar und Februar von Buschiri unternommenen Angriffe
wurden stets zurückgeschlagen; doch konnte nicht verhindert werden,
daß die Stadt Bagamoyo von ihm zum großen Teil gebrandschatzt und
zerstört wurde.
Der letzte Angriff auf die Station fand am 3. März 1889 statt; die
Rebellen wurden abermals zurückgeschlagen, und es wurde durch die
Herren Lieutenant Meyer mit der Marinebesatzung und Ostermann, von
Medem und Illich das eine der von Buschiri der Deutsch-Ostafrikanischen
Gesellschaft abgenommenen 4,7 cm-Geschütze zurückerobert. Buschiri
bezog hierauf ein befestigtes Lager beim Dorf Kaule.
Der einzige Ort, welcher während aller dieser Kämpfe in Bagamoyo seine
völlige Neutralität zu bewahren verstand, und von den Eingeborenen
als sichere Zufluchtsstätte betrachtet wurde, war die katholische
Mission. Ihr kluges Verhalten und die den Arabern wie Eingeborenen
stets entgegengebrachte Humanität sicherten ihr diese merkwürdige
Ausnahmestellung und verschaffte gleichzeitig uns Deutschen wesentliche
Vorteile.
Von der Mission aus wurden die bedrängten Deutschen stets mit
Nachrichten über die Bewegungen und die Absichten der Rebellen
versehen, Nachrichten, die in erster Linie der in den weitesten Kreisen
bekannte Bruder Oskar oft mit eigener Gefahr persönlich den Deutschen
übermittelte, wenn er nicht, was auch geschah, in wenigen Zeilen auf
einem Zettel oft recht drastischen Inhalts (wie: »Passen Sie auf! die
Schweinehunde kommen morgen um 10«) uns Nachrichten zukommen ließ.
Derjenige Platz, welcher unter dem Aufstande zunächst am wenigsten
zu leiden hatte, war Daressalam. Es erklärt sich dies zwar teilweise
aus der geringen Bedeutung dieses Platzes für den Karawanenverkehr,
der geringen Einwohnerzahl und der unkriegerischen Gesinnung der
umwohnenden Wasaramo, zum wesentlichen Teil aber verdankte Daressalam
seinen friedlichen Zustand dem Geschick und der Energie des
Stationschefs Leue, der vor Ausbruch des Aufstandes bereits Gelegenheit
gehabt hatte, sich dort vollkommen einzuleben und in Respekt bei den
Arabern und Eingeborenen zu setzen, -- seit seiner Ankunft in Afrika im
Jahre 1887 war er einzig und allein an diesem Platze thätig gewesen.
Leues Hauptstütze war unter der Bevölkerung der uns durchaus ergebene
Akida Mohammed ben Seliman.
Erst im Dezember erreichte der Aufstand Daressalam, und zwar
hauptsächlich infolge des Umstandes, daß eine große Zahl befreiter
Sklaven auf der Missionsstation daselbst untergebracht wurde. Der
Araber Seliman ben Sef organisierte jetzt seinen Anhang von Arabern,
Belutschen und früheren Sultanssoldaten und verband sich mit der
Partei des Negers Schindu, welche bisher gegen Leues Autorität offen
anzutreten nicht gewagt hatte. Schließlich kam es auch in Daressalam
so weit, daß sich sowohl der Bezirkschef Leue wie auch sein Nachfolger
auf jenem Stationsposten, Herr v. Bülow (auch Leue mußte wegen
perniziösen Fiebers Ostafrika verlassen) nur mit Hilfe eines im
Hafen von Daressalam stationierten Kriegsschiffes und einer in das
Stationsgebäude gelegten Marinebesatzung halten konnten.
Ende Dezember 1888 und Januar 1889 erfolgten Angriffe seitens der
Rebellen, die ihre sämtlichen Kräfte dicht bei Daressalam vereinigt
hatten und diesen Ort selbst unsicher machten. Die Angriffe wurden
stets durch die Geschosse des Kriegsschiffes -- es lagen abwechselnd
Möwe, Sophie, Carola dort vor Anker -- und die wenigen wohlgedrillten
Askaris unter Herrn von Bülow, zurückgeschlagen.
Leider blieben die in und um Daressalam thätigen Missionsgesellschaften
nicht vor der Wut der Rebellen verschont. So wurde am 10. Januar
die dortige evangelische Missionsstation angegriffen. Ihr Leiter,
der Missionar Greiner, welcher mit seiner Frau und Nichte die
Station bewohnte, hatte auf die von der Marine und der Gesellschaft
gemachten Vorstellungen (ein Angriff wurde erwartet) in übertriebenem
Glaubenseifer nicht hören wollen. Nur mit Mühe und Not konnte er sich
mit den Seinigen und einigen Missionskindern in ein Boot retten,
nachdem er vorher mit der Flinte in der Hand Widerstand geleistet und
nachdem einige Geschosse von der Möwe bei der Flucht in das Boot die
folgenden Rebellen verscheucht hatten. Hierbei riß allerdings eine
Revolvergranate der Nichte Greiners zwei Finger ab.
Schlimmer erging es den katholischen Missionaren von Pugu. Nach dieser
Station hatten sich Herr v. Bülow, Herr Küsel und einige Askari, als
der Aufstand schon im Ausbruch begriffen war, begeben in der Absicht,
die Missionare zu warnen und dieselben nach Daressalam zurückzubringen.
Doch auch hier wollten die Missionare nicht hören. Sie glaubten, den
Rebellen gegenüber durch ihr früheres Wirken eine derartige Stellung
einzunehmen, daß sie nichts von der Wut derselben zu fürchten hätten
und wollten deshalb auf ihrem Posten ausharren.
Doch auch sie wurden im Januar eines Tages, als sie sich gerade zum
Mittagessen anschickten, von eindringenden Rebellen angegriffen und
drei der Missionsangehörigen durch Schüsse und Stiche niedergemacht.
Es waren dies der Bruder Petrus, der Bruder Benedict und die Schwester
Martha. Letztere wurde vielfach verstümmelt, der Leib von Araberdolchen
aufgeschlitzt, liegengelassen. Die Schwester Benedicta, welche krank zu
Bett lag, sollte ebenfalls niedergestochen werden, als einige Araber
einschritten und die Neger von diesen Grausamkeiten zurückhielten. Die
Kranke und drei Brüder wurden gefangen genommen und nach Kondutschi
gebracht. Durch Vermittlung der französischen Mission wurden dann diese
vier Gefangenen gegen ein hohes Lösegeld ausgeliefert. Die übrigen
Missionsangehörigen waren durch die Flucht nach Daressalam entkommen.
Die Stationen Dunda, Madimola und Usungula fielen, nachdem die Beamten
von der Gesellschaftsvertretung nach der Küste zurückgerufen worden
waren, zum Teil mit den Geschützen und Gewehren, die man nicht mehr
hatte fortschaffen können, in die Hände der Rebellen.
Die übrigen Stationen im Innern waren bereits früher aufgegeben worden
bis auf die Station Mpapua, mit der die Verbindung unterbrochen war und
die auch zunächst durch den Aufstand nicht behelligt wurde.
Besonders schwierig lagen die Verhältnisse in unserm südlichen
Küstengebiet. War dort schon die Herrschaft des Sultans von Sansibar
eine höchst fragwürdige, so hatten Europäer bis dahin jene Gebiete nur
vereinzelt als Reisende betreten und waren außerdem durch das übereilte
Vorgehen der Engländer besonders an der Lindi- und Mikindani-Küste
bei Arabern und Eingeborenen verhaßt. Die genannten Stationen sollten
von teilweise in Afrika erfahrenen Leuten besetzt werden, aber
man verlangte von ihnen, daß sie die von der Gesellschaft ihnen
aufgegebenen Pflichten ohne jede Aufwendung von Macht erfüllten. Die
Unmöglichkeit, dieser Aufgabe gerecht zu werden, braucht nicht bewiesen
zu werden. Der Zusammenbruch der Verhältnisse war so in kurzer Zeit zu
erwarten.
Vom 21. Dezember datiert der Beginn der Feindseligkeiten im Süden. In
Lindi und Mikindani gelang es den dortigen Beamten, in Mikindani den
Herren v. Bülow und Pfrank, in Lindi den Herren v. Eberstein und Küsel,
sich noch im letzten Augenblick mit Hilfe einiger Wohlgesinnter zu
retten, nachdem sie so lange wie möglich auf ihrem Posten ausgeharrt
hatten. In Kilwa hingegen, dem 3. Punkt im Süden, wurden die beiden
Gesellschaftsbeamten Krieger und Hessel ein Opfer der Situation.
Nachdem auch hier von Seiten des Wali sowohl als der Bevölkerung Kilwas
den Beamten schon von Anfang an die größten Schwierigkeiten gemacht
worden waren, verschlimmerte sich ihre Lage durch das Erscheinen
von Tausenden von Wahiyaos, welche mit den Rebellen das leider im
Innern der Stadt gelegene Wohnhaus der Gesellschaft umzingelten und
den Beamten jeglichen Verkehr nach außen hin abschnitten. Lange
Zeit verteidigten sich die beiden wackeren Beamten mit größter
Unerschrockenheit und brachten ihren Bedrängern erhebliche Verluste
bei, da endlich schien für die Belagerten Hoffnung zu kommen mit dem
Erscheinen S. M. S. Möwe, mit der in Verbindung zu treten ihnen auch
schließlich durch Notsignale gelang. Indes ist, obgleich auf der
Möwe die schwierige Lage der Landsleute in Kilwa erkannt wurde und
obgleich die gesamten Offiziere der Möwe und sogar der Zahlmeister beim
stellvertretenden Kommandanten dieses Kriegsschiffes dringend eine
Landung erbaten, um den Bedrängten Hilfe zu bringen, nichts geschehen.
Als dann die Beamten sahen, daß die Möwe sogar abdampfte und ihnen die
letzte Hoffnung auf Rettung genommen werden sollte, da erkletterte
Krieger angesichts der Tausende sie umringenden Rebellen einen im Hof
des Wohnhauses stehenden hohen Baum, um noch einmal durch Signale dem
Kriegsschiffe ihre gefährliche Lage zu erkennen zu geben. Er wurde
bei diesem Versuch, Hilfe zu erlangen, vom Baum herabgeschossen, und
nun erstürmte der Haufen die Station. Beim Eindringen der Rebellen
durch die Thüre erkannte Hessel, daß alles verloren sei, und um nicht
in die Hände der grausamen Feinde zu fallen, machte er selbst seinem
Leben durch eine Kugel ein Ende. Das Verhalten des Kommandanten der
Möwe wurde auf die ihm vom Geschwaderchef Deinhard erteilte Ordre
zurückgeführt, in keinem Falle einen Landungsversuch zu unternehmen,
um nicht wie bei Tanga kriegerische Ereignisse dadurch zu provozieren.
Der Kommandant hat sich wörtlich an diese, für einen Fall wie den
vorliegenden gewiß nicht berechnete Instruktion gehalten und hat daher
als gehorsamer Soldat, also vom rein militärischen Standpunkt richtig
gehandelt.
Inzwischen war durch die Ereignisse in Ostafrika die ganze zivilisierte
Welt in Erregung geraten. Während unsere Mitbewerber in Ostafrika ihre
Schadenfreude schlecht verhehlen konnten, machte sich in Deutschland
naturgemäß ein mächtiger Umschlag der öffentlichen Meinung geltend.
Selbst bei denjenigen, welche der Kolonialpolitik im allgemeinen
gleichgültig gegenüberstanden, rührte sich das Nationalgefühl und
fand in dem allgemeinen Verlangen Ausdruck, der deutschen Sache in
Ostafrika einen nachdrücklichen Schutz angedeihen zu lassen. Die
Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft richtete ihrerseits am 15.
September 1888 eine Eingabe an den Reichskanzler, in welcher sie auf
Grund ihrer telegraphischen Berichte aus Sansibar den Ernst der Lage
darlegte und außerordentliche Machtakte als notwendig hinstellte. Am
21. September folgte eine zweite Eingabe, in welcher das Verhalten
des Sultans als durchaus zweifelhaft dargelegt wurde und man außerdem
darauf hinwies, daß der Sultan in jedem Fall es an dem guten Willen
habe fehlen lassen, welchen er im Vertrage vom April 1888 verbürgt
hatte. Bereits am 3. Oktober wurde abermals dem Reichskanzler ein
Telegramm vorgelegt, in welchem der Generalvertreter der Gesellschaft
in Sansibar eine fortdauernde Besetzung der Küste als unumgänglich
notwendig bezeichnete.
In Anbetracht des Tempos, welches die Reichsregierung bisher in bezug
auf koloniale Angelegenheiten besonders in Ostafrika eingeschlagen
hatte, ließ sich kaum erwarten, daß ohne weiteres die Wünsche der
Gesellschaft in ihrem ganzen Umfang sich erfüllen würden. Die
politischen Gegner, mit welchen der Reichskanzler bei allem guten
Willen seinerseits besonders in der Kolonialfrage zu rechnen hatte,
würden unter keinen Umständen zu einem solchen Umschlage der Meinung
zu bringen gewesen sein, daß sie das direkte Eingreifen der deutschen
Macht am afrikanischen Festlande sich hätten abringen lassen. Der
Reichskanzler fühlte sich daher genötigt, eine Art Mittelweg zunächst
zu wählen; und zu diesem bot das Moment der Sklavenausfuhr, welches
man als Triebfeder des Aufstandes jedenfalls mitanführen konnte,
die geeignetste Handhabe. Bereits Anfang September 1888 war der
Reichskanzler in Verhandlung mit England, bald darauf auch mit Portugal
als den an der ostafrikanischen Küste mitbeteiligten Mächten getreten,
um zunächst eine gemeinsame Flottenaktion in Gestalt einer Blokade
der gesamten Ostküste zustande zu bringen. Im November kamen diese
Verhandlungen zum erwünschten Resultat, so daß am 27. November die
Admirale Deinhard und Freemantle die nachstehende Blokade-Erklärung
erlassen konnten:
»Auf Befehl unserer hohen Regierung und im Namen Sr. Hoheit des Sultans
von Sansibar erklären wir, die kommandierenden Admirale des deutschen
und englischen Geschwaders hiermit die Blokade der ununterbrochenen
Küstenlinie des Sultanats von Sansibar mit Einschluß der Inseln Mafia,
Lamu und einiger andrer kleinerer nahe der Küste legender Inseln
zwischen 10° 28' und 2° 10' südlicher Breite. -- Die Blokade ist nur
gegen die Einfuhr von Kriegsmaterial und die Ausfuhr von Sklaven
gerichtet. -- Die Blokade wird in Kraft treten am Mittag des 2.
Dezember dieses Jahres.«
Deutscherseits waren an der Blokade beteiligt die Schiffe Leipzig,
Carola, Sophie, Schwalbe, Möwe, Pfeil.
Der Blokadedienst gestaltete sich für die Marine zu einer ungemein
schwierigen Aufgabe. Bei den geringen Tiefenverhältnissen der
ostafrikanischen Küste war es den großen Kriegsschiffen gar nicht
möglich, so nahe unter Land hinzufahren, daß sie die an der Küste
direkt kreuzenden Dhaus abzufangen vermochten. Infolgedessen war die
Mannschaft in ungemein großer Ausdehnung zum Bootsdienst gezwungen.
Alle entbehrlichen Kutter und Pinassen wurden bemannt und kreuzten
unter den schwierigsten Verhältnissen die Küste ab. Sehr häufig waren
bei der Strenge des Admirals Deinhard, welcher an sich selbst die
höchsten Anforderungen stellte und auch von Offizieren und Mannschaften
das Menschenmöglichste verlangte, die Bootsmannschaften genötigt, sich
Proviant und Wasser, so gut es anging, in den Negerdörfern der Küste zu
verschaffen.
Der schließliche Erfolg der Blokade stand in gar keinem Verhältnis
zu dem aufreibenden Dienst. Es ist allerdings gelungen, die Zufuhr
größerer Massen von Kriegsmaterial nach Ostafrika teilweise zu
verhindern, und es sind andrerseits einige Sklaven-Dhaus eingebracht
worden. Die Zahl des vorgefundenen Menschenmaterials war aber so
geringfügig daß man eigentlich von einer verhinderten Ausfuhr kaum
sprechen konnte; eine solche bestand auch zur Zeit des Aufstandes nur
in sehr geringem Maße. Immerhin gewährte jedoch in Deutschland selbst
die Blokade die erste wesentliche Handhabe zu einem weiteren Vorgehen.
Denn so viel sah jeder ein, daß das Eingreifen der Kriegsschiffe eben
nur als Vorläufer der eigentlichen deutschen Machtentfaltung dienen
sollte und konnte. Das Hineinbringen der Sklavereifrage seitens des
Fürsten Bismarck erwies sich jedenfalls als eine außerordentlich
praktische politische Maßnahme. Der Reichskanzler gewann dadurch
die Unterstützung der stärksten Partei des Reichstags, nämlich des
Centrums, dessen Führer Windthorst schwerlich zu Gunsten der bloßen
Kolonialpolitik seinen berühmten Antrag gestellt hätte, welcher die
Grundlage für das militärische Einschreiten des deutschen Reiches und
die Besetzung der ostafrikanischen Küste bildete. Der Antrag wurde
von +Dr+. Windthorst am 27. November 1888 unter dem Namen des
Antisklaverei-Antrages eingebracht.
Am 6. Dezember 1888 wurde im Reichstag das erste Weißbuch, enthaltend
Aktenstücke über den Aufstand in Ostafrika, vorgelegt, und am 14.
Dezember gelangte der Antisklaverei-Antrag zur Annahme. Jetzt folgten
die Ereignisse Schlag auf Schlag. Am 9. Januar 1889 richtete die
Deutsch Ostafrikanische Gesellschaft eine Denkschrift an den Reichstag,
in welcher die Entwicklung der Gesellschaft geschildert und der Aufruhr
auf die Reaktion der arabischen Sklavenhändler gegen die christliche
Kultur und den europäischen Wettbewerb sowie auf die Machtlosigkeit
des Sultans von Sansibar zurückgeführt wurde. Am 12. Januar gelangte
das zweite Weißbuch über den Aufstand im Reichstage zur Verteilung,
und am 22. Januar trat die Regierung mit dem Entwurf eines Gesetzes,
betreffend die Bekämpfung des Sklavenhandels und den Schutz der
deutschen Interessen in Ostafrika vor den Reichstag. Am 30. Januar
gelangte das Gesetz in folgender Fassung zur Annahme:
»§ 1. Für Maßregeln zur Unterdrückung des Sklavenhandels und zum
Schutz der deutschen Interessen in Ostafrika wird eine Summe in der
Höhe von 2 Millionen Mark zur Verfügung gestellt. § 2. Die Ausführung
der erforderlichen Maßregeln wird einem Reichskommissar übertragen. §
3. Der Reichskanzler wird ermächtigt, die erforderlichen Beträge nach
Maßgabe des eintretenden Bedürfnisses aus den bereiten Mitteln der
Reichs-Hauptkasse zu entnehmen.«
Zum Reichskommissar wurde am 3. Februar durch Allerhöchste
Kabinetsordre Hauptmann Wißmann, à la suite des 2. Garderegiments zu
Fuß, ernannt.