XI

Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause

zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und

zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits

kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange

gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und

nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine

geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte,

steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige

Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster

und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …

Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen,

erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener

und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar

sei.

Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte

ihn.

Rudin begab sich zu ihr.

Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher.

Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch,

sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.

Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte

sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die

lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch

jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes

vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß

Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von

ihrem Vorhaben unterrichtet sei.

Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte

sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch

unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter

Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!

»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn

daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn

zu werden?«

»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski

eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu

kennen, das wundert mich!«

Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu

leiden.

Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin

von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie

ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter

Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich

Wasser plötzlich in festes Eis.

»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre

Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten

von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«

Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.

Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er

überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die

klugen Köpfe!

»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da

zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen

auch bald von hier fort.«

»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach

Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben,

werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu

machen.«

Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch

hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt

in diesem Tone aus?

»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?«

fragte er mit gewohnter Ziererei.

»Ja,« erwiderte Rudin trocken.

»Mißernte vielleicht?«

»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr

Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause

verbracht habe.«

»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen

unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«

»Heute nach Tische.«

»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens,

wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie

uns vielleicht hier noch treffen.«

»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend.

»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich

meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«

»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja

Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der

Zeit?« fragte sie.

Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene,

emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen,

steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.

»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.

»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf

Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«

Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein

eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen

miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten

Phrasen …

Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie

Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite

werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen:

wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett

der Tombola, das nichts gewonnen hat.

Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die

Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen

Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet

an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß

Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu

begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An

der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor

ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.

Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr

als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein

blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem

Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin:

solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen

bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man

dich jetzt!

Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig

von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht

erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den

Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und

warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das

war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln

nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf

Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn

gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.

Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow

hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte

sich zu ihm.

»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf

die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie

sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der

Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der

kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein

tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet

zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt …

Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen,

dies zu empfinden!«

Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen

Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station

sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren

Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum

Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm

um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen

fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es

waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.

* * * * *

Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.

»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich

entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe

mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich

mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse

auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? …

Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an

Sie?

»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart,

müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,

hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich

rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich

will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage

sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …

»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben

recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner

Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt,

bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie

mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und

gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen.

Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen

hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte

ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht

einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können,

ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die

Strafe.

»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das

ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige;

sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die

Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt

nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie,

doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte

sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise

ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und

nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß,

ob ich einer solchen Liebe fähig bin!

»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch

verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in

dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir

die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner

Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame

Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:

ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir …

ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht …

Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der

Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt;

die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als

nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz,

mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben.

Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht

einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und

immer noch sich zur Tat zu rüsten!

»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies

ist meine Beichte.

»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen

einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind

noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den

Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,

noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher,

beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto

besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben

zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit

stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich

bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.

»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz.

Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja

Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der

Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben …

Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre

Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick?

… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das

Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte

mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich

zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins

Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise

ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit

Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie

nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin

nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon

reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem

Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch

nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow

das zweite Postskriptum hinzugefügt.)

»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem

Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten

Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der

Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit

zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das

ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich

auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich

mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem

Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die

ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich

wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für

mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut

gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger

hervorgehen.

»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich

zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.

Rudin(#75298) · 第 16 / 36 题