Als Rudin, kurz nach seinem Zusammentreffen mit Leschnew, nach Hause
zurückgekehrt war, hatte er sich auf seinem Zimmer eingeschlossen und
zwei Briefe geschrieben: einen an Wolinzow, den der Leser bereits
kennt, und einen an Natalia. An diesem zweiten Briefe hatte er lange
gearbeitet, vieles in demselben gestrichen und umgeändert, und
nachdem er ihn säuberlich auf einen Bogen feines Postpapier ins reine
geschrieben und ihn dann so klein als möglich zusammengelegt hatte,
steckte er ihn in die Tasche. Mit gramerfülltem Gesichte ging er einige
Male im Zimmer auf und ab, setzte sich in einen Lehnstuhl ans Fenster
und stützte sich auf den Arm; eine Träne zitterte auf seinen Wimpern …
Plötzlich, als raffte er sich zu einem letzten Entschlusse zusammen,
erhob er sich, knöpfte seinen Rock bis an den Hals zu, rief den Diener
und hieß ihn bei Darja Michailowna nachfragen, ob sie für ihn sichtbar
sei.
Der Diener kehrte bald zurück und meldete, Darja Michailowna erwarte
ihn.
Rudin begab sich zu ihr.
Sie empfing ihn in ihrem Kabinett wie das erstemal, zwei Monate vorher.
Jetzt aber war sie nicht allein: Pandalewski, bescheiden, frisch,
sauber und salbungsvoll wie immer, saß bei ihr.
Darja Michailowna begegnete Rudin freundlich, und dieser begrüßte
sie mit anscheinender Ungezwungenheit; beim ersten Blick auf die
lächelnden Gesichter beider wäre jeder einigermaßen weltkundige Mensch
jedoch leicht gewahr geworden, daß zwischen ihnen etwas Unangenehmes
vorgefallen, wenn auch nicht verhandelt worden sei. Rudin wußte, daß
Darja Michailowna böse auf ihn war, und diese ahnte, daß er bereits von
ihrem Vorhaben unterrichtet sei.
Pandalewskis Bericht hatte sie sehr aufgeregt. Der Standeshochmut hatte
sich in ihr geregt. Rudin, der unbegüterte, ranglose und bis jetzt noch
unbekannte Mensch, hatte sich erfrecht, ihrer Tochter – der Tochter
Darja Michailowna Laßunskis – ein Stelldichein zu geben!!
»Nehmen wir an, er sei klug, ein Genie!« sagte sie, »was folgt denn
daraus? Es könnte demnach ein jeder darauf hoffen, mein Schwiegersohn
zu werden?«
»Lange wollte ich meinen Augen nicht trauen,« hatte Pandalewski
eingewandt. »Wie es möglich ist, seinen Platz in der Welt nicht zu
kennen, das wundert mich!«
Darja Michailowna war sehr aufgebracht und Natalia hatte darunter zu
leiden.
Sie bat Rudin Platz zu nehmen. Er tat es, aber nicht mehr wie der Rudin
von ehemals, der fast Herr im Hause geschienen hatte, selbst nicht wie
ein guter Bekannter, sondern wie ein Gast und nicht sehr befreundeter
Gast. Alles dies war das Werk eines Augenblicks … So verwandelt sich
Wasser plötzlich in festes Eis.
»Ich komme, Darja Michailowna,« begann Rudin, »Ihnen für Ihre
Gastfreundschaft Dank zu sagen. Ich habe soeben wichtige Nachrichten
von meinem Gütchen bekommen und muß heute noch dahin abreisen.«
Darja Michailowna blickte Rudin scharf an.
Er ist mir zuvorgekommen, gewiß hat er Verdacht, dachte sie. Er
überhebt mich der lästigen Erklärungen, um so besser. Es leben die
klugen Köpfe!
»Wirklich?« sagte sie laut. »Ach, wie das unangenehm ist! Was ist da
zu machen! Ich hoffe, Sie diesen Winter in Moskau zu sehen. Wir reisen
auch bald von hier fort.«
»Ich weiß nicht, Darja Michailowna, ob es mir möglich sein wird, nach
Moskau zu kommen; sobald ich aber das Nötige dazu werde gefunden haben,
werde ich es für meine Pflicht erachten, Ihnen meine Aufwartung zu
machen.«
Oho, mein Bester! dachte Pandalewski jetzt bei sich: vor kurzem noch
hast du hier als Sultan geschaltet und gewaltet und drückst dich jetzt
in diesem Tone aus?
»Sie haben also unbefriedigende Nachrichten von Ihrem Gute erhalten?«
fragte er mit gewohnter Ziererei.
»Ja,« erwiderte Rudin trocken.
»Mißernte vielleicht?«
»Nein … etwas anderes … Glauben Sie mir, Darja Michailowna,« fuhr
Rudin fort, »ich werde die Zeit nie vergessen, die ich in Ihrem Hause
verbracht habe.«
»Ich meinerseits, Dmitri Nikolaitsch, werde mich immer mit Vergnügen
unserer Bekanntschaft erinnern … Wann reisen Sie?«
»Heute nach Tische.«
»So bald! … Nun, ich wünsche Ihnen eine glückliche Reise! Übrigens,
wenn Ihre Geschäfte Sie nicht gar zu lange zurückhalten, könnten Sie
uns vielleicht hier noch treffen.«
»Das wird schwerlich angehen,« erwiderte Rudin, sich erhebend.
»Entschuldigen Sie mich,« setzte er hinzu, »ich kann nicht sogleich
meine Schuld abtragen, sobald ich aber auf meinem Gute …«
»Lassen Sie doch das, Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Darja
Michailowna, »wie können Sie davon reden! … Doch wieviel ist’s an der
Zeit?« fragte sie.
Pandalewski langte aus seiner Westentasche eine kleine, goldene,
emaillierte Uhr hervor und die rosige Wange bedachtsam an den weißen,
steifen Hemdkragen schmiegend, beäugelte er das Zifferblatt.
»Zwei Uhr dreiunddreißig Minuten,« sagte er.
»Es ist Zeit, daß ich Toilette mache,« warf Darja Michailowna hin. »Auf
Wiedersehen, Dmitri Nikolaitsch!«
Rudin erhob sich. Die ganze Unterhaltung mit Darja Michailowna trug ein
eigenes Gepräge. So repetieren Schauspieler ihre Rollen, so tauschen
miteinander auf Konferenzen Diplomaten ihre zum voraus verabredeten
Phrasen …
Rudin ging hinaus. Er hatte jetzt an sich die Erfahrung gemacht, wie
Leute von Welt einen Menschen, den sie nicht mehr brauchen, beiseite
werfen, oder nicht einmal das, sondern ihn ganz einfach fallen lassen:
wie einen Handschuh nach dem Balle, ein Bonbonpapier, oder ein Billett
der Tombola, das nichts gewonnen hat.
Rasch packte er seine Sachen ein und wartete mit Ungeduld auf die
Stunde der Abreise. Alle im Hause waren sehr erstaunt, als sie seinen
Entschluß erfuhren; selbst das Dienerpersonal blickte ihn befremdet
an. Bassistow verhehlte nicht seinen Kummer. Augenfällig war’s, daß
Natalia Rudin vermied. Sie bemühte sich sogar, seinen Blicken nicht zu
begegnen; es gelang ihm aber dennoch, ihr seinen Brief zuzustecken. An
der Tafel äußerte Darja Michailowna nochmals, sie hoffe, Rudin noch vor
ihrer Abreise nach Moskau zu sehen, er erwiderte jedoch nichts darauf.
Häufiger als die übrigen richtete Pandalewski an ihn das Wort, und mehr
als einmal spürte Rudin das Verlangen, über ihn herzufallen und sein
blühendes, rosiges Gesicht zu ohrfeigen. Mit eigentümlich verschmitztem
Ausdruck in den Augen warf Mlle. Boncourt häufige Blicke auf Rudin:
solch einen Ausdruck kann man an sehr klugen Hühnerhunden bisweilen
bemerken … Ha, ha, schien sie sagen zu wollen, so also behandelt man
dich jetzt!
Endlich schlug es sechs Uhr und Rudins Tarantaß fuhr vor. Er nahm eilig
von allen Abschied. Es war ihm sehr unbehaglich zumute. Er hatte nicht
erwartet, daß er so aus diesem Hause scheiden werde: es hatte den
Anschein, als triebe man ihn davon … Wie ist das alles gekommen? und
warum brauchte ich so zu eilen? Doch das Ende bleibt dasselbe, – das
war es, was ihm durch den Kopf ging, als er mit erzwungenem Lächeln
nach allen Seiten hin grüßte. Zum letzten Male warf er einen Blick auf
Natalia, und es regte sich in ihm das Herz: ihre Augen waren auf ihn
gerichtet und gaben ihm ein trauriges, vorwurfsvolles Geleit.
Rasch lief er die Treppe hinunter und sprang in den Tarantaß. Bassistow
hatte sich erboten, ihn bis zur ersten Station zu begleiten und setzte
sich zu ihm.
»Erinnern Sie sich,« begann Rudin, nachdem der Wagen aus dem Hofe auf
die breite, mit Tannen besetzte Straße gerollt war, »erinnern Sie
sich, was Don Quijote zu seinem Knappen sagt, als sie das Schloß der
Herzogin verließen? ›Freiheit,‹ sagte er, ›Freund Sancho, ist eins der
kostbarsten Güter der Menschen, und glücklich ist, wem der Himmel sein
tägliches Brot beschert hat und wer anderen dafür nicht verpflichtet
zu sein braucht!‹ Was Don Quijote damals empfand, empfinde ich jetzt …
Gebe Gott, mein guter Bassistow, daß Sie niemals in die Lage kommen,
dies zu empfinden!«
Bassistow drückte Rudin kräftig die Hand und das Herz des ehrlichen
Jünglings klopfte heftig in seiner gerührten Brust. Bis zu der Station
sprach Rudin von der Würde des Menschen, von der Bedeutung der wahren
Freiheit – seine Worte waren warm, edel und aufrichtig – und als es zum
Scheiden gekommen war, hielt es Bassistow nicht mehr aus, warf sich ihm
um den Hals und brach in Schluchzen aus. Auch Rudin ließ einige Tränen
fallen; doch weinte er nicht darüber, daß er von Bassistow schied, es
waren Tränen der Eigenliebe, die er vergoß.
* * * * *
Natalia begab sich auf ihr Zimmer und las Rudins Brief.
»Verehrte Natalia Alexejewna« – schrieb er – »ich habe mich
entschlossen, abzureisen. Ein anderer Ausweg bleibt mir nicht. Ich habe
mich entschlossen, abzureisen, bevor man mir unumwunden sagt, daß ich
mich entfernen möge. Mit meinem Scheiden hören alle Mißverständnisse
auf; bedauern wird mich schwerlich jemand. Wozu also noch zögern? …
Dies alles ist richtig, werden Sie denken, warum aber schreibe ich an
Sie?
»Ich scheide von Ihnen, vermutlich für immer, und es wäre gar zu hart,
müßte ich annehmen, daß ich einen schlechteren Ruf, als ich verdiene,
hinterlasse. Darum schreibe ich Ihnen jetzt. Ich will weder mich
rechtfertigen, noch irgend jemand beschuldigen, außer mich selbst: ich
will, so gut es geht, mich erklären … Die Ereignisse der letzten Tage
sind so unerwartet, so plötzlich hereingebrochen …
»Die heutige Zusammenkunft wird mir als Lehre dienen. Ja, Sie haben
recht: ich kannte Sie nicht, glaubte aber, Sie zu kennen! Auf meiner
Lebensbahn habe ich mit Menschen jeder Gattung zu schaffen gehabt,
bin mit vielen Frauen und Mädchen in Berührung gekommen; doch als Sie
mir begegneten, fand ich zum ersten Male eine vollkommen reine und
gerade Seele. Das war mir neu, und ich verstand nicht, Sie zu würdigen.
Ich fühlte mich gleich am ersten Tage unserer Bekanntschaft zu Ihnen
hingezogen – Sie müssen es bemerkt haben. – Viele Stunden verbrachte
ich mit Ihnen und habe Sie nicht kennengelernt; ja, ich gab mir nicht
einmal Mühe, Sie kennenzulernen … und ich habe mir einbilden können,
ich empfinde Liebe zu Ihnen!! Für diesen Frevel erdulde ich jetzt die
Strafe.
»Ich liebte vormals ein Weib und wurde wiedergeliebt … Das Gefühl, das
ich für sie empfand, war ein gemischtes, und so war auch das ihrige;
sie war aber kein Naturkind und so paßte denn eines zum anderen. Die
Wahrhaftigkeit zeigte sich mir damals nicht: ich habe sie auch jetzt
nicht erkannt, als sie vor mir stand … Zuletzt erst erkannte ich sie,
doch zu spät … Was vergangen, kehrt nicht wieder … Unser Leben hätte
sich in eins verschmelzen können – und wird es nun nimmer. Wie beweise
ich Ihnen, daß ich Sie mit wahrer Liebe – mit der Liebe des Herzens und
nicht der Einbildung hätte lieben können, wenn ich selbst nicht weiß,
ob ich einer solchen Liebe fähig bin!
»Die Natur hat mir viel gegeben – ich weiß es und will nicht aus falsch
verstandener Scham bescheiden vor Ihnen tun, vollends jetzt nicht, in
dieser für mich so bitteren, so schmachvollen Stunde … Ja, viel gab mir
die Natur; und ich werde sterben, ohne etwas getan zu haben, was meiner
Fähigkeiten würdig gewesen wäre, ohne von mir die geringste heilsame
Spur zu hinterlassen. Mein ganzer Schatz wird nutzlos verschwinden:
ich werde die Frucht meiner Aussaat nicht ernten. Es gebricht mir …
ich selbst weiß nicht zu sagen, woran es mir namentlich gebricht …
Es gebricht mir vermutlich an dem, ohne welches weder die Herzen der
Menschen sich bewegen, noch ein weibliches Herz sich erobern läßt;
die Herrschaft aber über die Geister allein ist eben so unsicher als
nutzlos. Sonderbar, fast komisch ist mein Geschick: ich gebe mich ganz,
mit wahrer Gier, vollständig hin – und kann mich doch nicht hingeben.
Das Ende wird sein, daß ich mich für irgendein Nichts, dem ich nicht
einmal glaube, opfern werde … Mein Gott! fünfunddreißig Jahre alt und
immer noch sich zur Tat zu rüsten!
»Ich habe mich noch gegen niemand so ausgesprochen, wie jetzt – dies
ist meine Beichte.
»Doch genug von mir. Mich verlangt, von Ihnen zu sprechen, Ihnen
einige Ratschläge zu erteilen: zu nichts anderem tauge ich … Sie sind
noch jung; doch wie lange Sie auch leben mögen, folgen Sie stets den
Eingebungen ihres Herzens, lassen Sie sich weder von Ihrem eigenen,
noch von fremdem Verstande beherrschen. Glauben Sie mir, je einfacher,
beschränkter der Kreis ist, in welchem das Leben sich abspinnt, desto
besser ist es; es kommt nicht darauf an, neue Seiten in demselben
zu entdecken, wohl aber, daß jeder Übergang in ihm zur rechten Zeit
stattfinde. ›Glücklich, wer von Jugend auf jung gewesen‹[5] … Ich
bemerke jedoch, daß diese Ratschläge weit mehr mich als Sie betreffen.
»Ich gestehe Ihnen, Natalia Alexejewna, mir ist sehr schwer ums Herz.
Ich habe mich niemals in der Natur jenes Gefühls, das ich Darja
Michailowna eingeflößt hatte, täuschen können; ich lebe jedoch der
Hoffnung, einen, wenn auch nur temporären Hafen gefunden zu haben …
Jetzt muß ich wieder durch die weite Welt irren. Was ersetzt mir Ihre
Unterhaltung, Ihre Gegenwart, Ihren aufmerkenden und klugen Blick?
… Ich bin selbst daran schuld; Sie werden aber zugeben, daß uns das
Schicksal wie vorsätzlich hart mitgespielt hat. Vor einer Woche ahnte
mir kaum, daß ich Sie liebte. Vorgestern abend im Garten vernahm ich
zum ersten Male aus Ihrem Munde … doch wozu sollte ich Ihnen ins
Gedächtnis rufen, was Sie an dem Abend sagten – und schon heute reise
ich ab, reise schmachbedeckt fort, nach der herben Unterredung mit
Ihnen und trage keine Hoffnung mit mir davon … Und noch wissen Sie
nicht, in welchem Grade ich Ihnen gegenüber schuldbeladen bin … Ich bin
nun einmal so tölpelhaft offenherzig und geschwätzig … Doch wozu davon
reden! Ich reise ab für immer.« (Hier hatte Rudin Natalia von seinem
Besuche bei Wolinzow zu erzählen angefangen, diese ganze Stelle jedoch
nach einigem Überlegen gestrichen und sodann in dem Briefe von Wolinzow
das zweite Postskriptum hinzugefügt.)
»Ich bleibe einsam auf der Welt, um, wie Sie heute früh mit grausamem
Lächeln zu mir sagten, mich anderen, mehr für mich geeigneten
Beschäftigungen zu widmen. O weh! wäre ich doch imstande, mich in der
Tat diesen Beschäftigungen zu widmen, endlich einmal meine Lässigkeit
zu überwinden … Doch nein! Ich werde dasselbe unvollendete Wesen, das
ich bisher gewesen bin, bleiben … Beim ersten Hindernis – falle ich
auseinander; der Vorfall mit Ihnen hat es mir bewiesen. Hätte ich
mindestens doch meine Liebe einer künftigen Wirksamkeit nach eigenem
Berufe zum Opfer gebracht; es war aber nur die Verantwortlichkeit, die
ich auf mich nehmen sollte, über die ich erschrak, und darum bin ich
wirklich Ihrer nicht würdig. Ich bin es nicht wert, daß Sie sich für
mich aus Ihrer Sphäre losreißen … Übrigens, wer weiß, wozu alles gut
gewesen … Aus dieser Prüfung werde ich vielleicht reiner und kräftiger
hervorgehen.
»Ich wünsche Ihnen alles Glück. Leben Sie wohl! Erinnern Sie sich
zuweilen meiner. Ich hoffe, Sie sollen noch von mir hören.