Rudin.«

Natalia ließ den Brief Rudins auf ihre Knie fallen und blieb lange

unbeweglich mit auf den Boden gesenktem Blicke sitzen. Dieser Brief

bewies ihr klarer als irgendwelche Gründe es vermocht hätten, wie

recht sie gehabt hatte, als sie an diesem Morgen beim Abschiede von

Rudin unwillkürlich ausgerufen hatte, daß er sie nicht liebe! Doch

fühlte sie sich dadurch nicht erleichtert. Regungslos saß sie da; es

däuchte ihr, dunkle Wogen wären geräuschlos über ihr zusammengeschlagen

und sie versänke in den Abgrund, stumm und erstarrt. Eine erste

Enttäuschung preßt jedem das Herz ab; fast unerträglich aber ist

dieselbe für eine offene Seele, die keine Selbsttäuschung sucht,

und welcher Leichtfertigkeit und Übertreibung fremd sind. Natalia

gedachte ihrer Kinderzeit, wie sie abends, wenn sie spazierenging,

jedesmal bemüht gewesen war, dem erleuchteten Rande des Himmels,

dorthin, wo das Abendrot glühte, und nicht der dunklen Seite desselben

entgegenzuwandeln. Dunkel stand jetzt das Leben vor ihr, und sie hatte

dem Lichte den Rücken gekehrt …

Tränen traten ins Natalias Augen. Tränen sind nicht jedesmal wohltuend.

Erquickend und heilbringend sind sie, wenn sie, lange in der Brust

verhalten, endlich hervorbrechen – anfangs mit Anstrengung, dann immer

leichter, immer ruhiger; die stumme Angst des Grames löst sich in ihnen

auf … Es gibt jedoch kalte, spärlich rinnende Tränen: tropfenweise

entpreßt sie dem Herzen mit seinem schweren und steten Druck das auf

demselben lastende Leid; erquickungslos sind sie und bringen keine

Erleichterung. Solche Tränen weint die Not, und wer sie nicht vergoß,

war noch nicht unglücklich. Natalia lernte sie heute kennen.

Zwei Stunden vergingen. Natalia faßte ein Herz, stand auf, trocknete

die Augen, zündete ein Licht an, verbrannte an der Flamme desselben

Rudins Brief bis auf das letzte Stück und warf die Asche zum Fenster

hinaus. Dann schlug sie aufs Geratewohl Puschkin auf und las die

ersten Zeilen, die ihr in die Augen fielen (sie pflegte sich häufig auf

diese Weise aus ihm wahrsagen zu lassen). Auf folgende Stelle fiel ihr

Blick:

Wer tief gefühlt, dem gönnt nicht Ruhe

Das Schattenbild entschwundnen Glücks …

Für ihn hat alles Reiz verloren,

Erinnerung nur und Reue bohren

Gleich Nattern sich ins Herz ihm ein …

Sie blieb eine Zeitlang stehen, warf mit kaltem Lächeln einen Blick auf

ihre Gestalt im Spiegel, machte mit dem Kopfe eine leichte Bewegung von

oben nach unten und begab sich ins Gastzimmer hinab.

Kaum hatte Darja Michailowna Natalia erblickt, so führte sie dieselbe

in ihr Kabinett, hieß sie neben sich Platz nehmen, streichelte

ihr freundlich die Wange und blickte ihr dabei aufmerksam, fast

neugierig in die Augen. In Darja Michailowna waren geheime Mutmaßungen

aufgestiegen: es kam ihr zum ersten Male der Gedanke – daß sie in

der Tat ihre Tochter nicht kenne. Als sie durch Pandalewski von der

Zusammenkunft mit Rudin hörte, war sie weniger entrüstet als erstaunt

gewesen, daß ihre verständige Natalia sich zu einem solchen Schritte

hatte entschließen können. Als sie sie aber zu sich rief und sie zu

schelten begann, nicht etwa im Tone einer feinen Weltdame, sondern

ziemlich schreiend und unmanierlich, da machten die festen Antworten

Natalias, ihre Entschlossenheit in Blick und Haltung Darja Michailowna

verwirrt, ja erschreckten sie sogar.

Die unerwartete, gleichfalls nicht ganz erklärliche Abreise Rudins nahm

eine Zentnerlast von ihrem Herzen; doch war sie auf Tränen, hysterische

Anfälle gefaßt … Und abermals machte Natalias äußerliche Ruhe sie irre.

»Nun, mein Kind,« nahm Darja Michailowna das Wort, »wie geht es heute?«

Natalia blickte ihre Mutter an.

»Er ist ja fort … jener Herr. Weißt du nicht, weshalb er sich so

schnell davongemacht hat?«

»Mama!« sagte Natalia mit leiser Stimme, »ich gebe Ihnen mein Wort,

wenn Sie nicht selbst seiner Erwähnung tun, sollen Sie von mir nie

etwas über ihn hören.«

»Du siehst also dein Unrecht gegen mich ein?«

Natalia senkte den Kopf und wiederholte:

»Sie werden von mir nie etwas über ihn hören …«

»Nun nimm dich in acht!« erwiderte Darja Michailowna lächelnd. »Ich

glaube dir. Vorgestern aber, erinnerst du dich, wie … Nun, nichts

mehr davon. Er sei beendigt, abgetan und vergessen. Nicht wahr? Jetzt

erkenne ich dich wieder; ich war aber wirklich ganz irre geworden. Nun,

gib mir doch einen Kuß, mein liebes, kluges Kind …«

Natalia führte Darja Michailownas Hand an ihre Lippen und diese

drückte einen Kuß auf den niedergebeugten Kopf ihrer Tochter.

»Beachte immer meine Ratschläge, vergiß nicht, daß du eine Laßunski und

meine Tochter bist,« setzte sie hinzu, »und du wirst glücklich sein.

Jetzt aber geh.«

Natalia ging schweigend hinaus. Darja Michailowna sah ihr nach und

dachte: so war ich – die wird sich auch fortreißen lassen: ~mais elle

aura moins d’abandon~. Und Darja Michailowna versank in Erinnerungen an

Vergangenes … längst Vergangenes …

Dann ließ sie Mlle. Boncourt rufen und blieb lange unter vier Augen

mit ihr eingeschlossen. Nachdem diese entlassen worden war, rief

sie Pandalewski zu sich. Sie wollte durchaus den wirklichen Grund

der Abreise Rudins erfahren … Pandalewski beruhigte sie indessen

vollkommen. So etwas schlug in sein Fach.

* * * * *

Am folgenden Tage kam Wolinzow mit seiner Schwester zu Mittag. Darja

Michailowna war immer sehr liebenswürdig gegen beide, diesmal jedoch

empfing sie diese Gäste mit ausnehmender Freundlichkeit. Natalia war

unerträglich schwer zumute; Wolinzow dagegen war so ehrerbietig gegen

sie, so schüchtern, wenn er das Wort an sie richtete, daß sie im Herzen

nicht anders konnte, als ihm Dank dafür zu wissen.

Der Tag verging ruhig, ziemlich einförmig, doch als man sich trennte,

fühlte jeder sich wieder ins frühere Geleise gebracht; und das will

viel, sehr viel sagen. Jawohl, alle waren in das frühere Geleise

gekommen … alle, ausgenommen Natalia. Als sie allein war, schleppte

sie sich mit Mühe bis an ihr Bett und sank müde, wie gebrochen mit dem

Gesicht auf das Kissen. Das Leben dünkte ihr so herbe, so schal, es

widerte sie so sehr an, sie empfand eine solche Scham vor sich selbst,

vor ihrer Liebe, ihrem Gram, daß sie gewiß in diesem Augenblicke zu

sterben bereit gewesen wäre … Noch viele schwere Tage standen ihr

bevor, viele schlaflose Nächte, martervolle Aufregungen; sie war aber

jung – das Leben hatte für sie eben erst begonnen, das Leben aber

schafft sich, früh oder spät, sein Recht. Was für ein Schlag den

Menschen treffen mag, es wird ihm doch, wenn auch nicht an demselben

Tage, so vermutlich am folgenden – entschuldigen Sie den trivialen

Ausdruck – nach Essen verlangen, und da haben wir schon eine erste

Tröstung …

Natalias Leiden waren qualvoll; sie litt zum ersten Male … Doch die

ersten Leiden, wie auch die erste Liebe wiederholen sich nicht, – und

Gott sei es gedankt!

Rudin(#75298) · 第 17 / 36 题