~P. S.~ Die zweihundert Rubel, welche ich Ihnen schulde, werde ich
Ihnen zustellen, sobald ich auf meinem Gute, im T…schen Gouvernement,
angekommen sein werde. Ich bitte noch, in Darja Michailownas Beisein
von diesem Briefe nicht zu reden.
~P. S.~ Noch eine letzte, doch wichtige Bitte: da ich unverzüglich
abreise, hoffe ich, werden Sie gegen Natalia Alexejewna nicht meines
Besuches bei Ihnen Erwähnung tun …«
»Nun, was sagst du dazu?« fragte Wolinzow, als Leschnew den Brief
beendigt hatte.
»Was läßt sich dazu sagen!« erwiderte Leschnew. »Alles, was man tun
kann, ist, wie die Morgenländer: Allah! Allah! ausrufen und den Finger
als Zeichen der Verwunderung in den Mund stecken. – Er reist ab … Nun!
Möge der Weg vor ihm eben sein! Interessant ist’s aber, daß er diesen
Brief zu schreiben für Pflicht gehalten hat, ebenso wie er auch aus
Pflicht getrieben wurde, dir einen Besuch zu machen … Bei diesem Herrn
dreht sich’s immer um den Pflicht- und Schuldbegriff,« setzte Leschnew,
mit einem Lächeln auf das Postskriptum deutend, hinzu.
»Und was für Phrasen er da macht!« rief Wolinzow. »Hat sich in mir
getäuscht: er hätte erwartet, ich werde mich über einen gewissen Kreis
erheben … Himmel! Ist das ein Gewäsch! Noch ärger als Gedichte!«
Leschnew erwiderte nichts; nur in den Augen ward ein Lächeln bemerkbar.
Wolinzow erhob sich.
»Ich will zu Darja Michailowna fahren,« sagte er, »ich will hören, was
dies alles bedeutet …«
»Warte, Bruder: gib ihm Zeit, sich davonzumachen. Warum wolltest du
wieder mit ihm zusammentreffen? Er verschwindet ja – was willst du
mehr? Besser, du legst dich hin und schläfst aus; du hattest dich
ohnehin gewiß die ganze Nacht von einer Seite auf die andere gewälzt!
Jetzt wird es ja besser mit deinen Angelegenheiten …«
»Woraus schließt du das?«
»Nun, mir kommt es so vor. Lege dich aber hin und schlafe ein wenig,
ich will unterdessen zu deiner Schwester – und ihr Gesellschaft
leisten.«
»Ich will ja nicht schlafen. Weshalb sollte ich schlafen! … Ich will
lieber die Felder besichtigen,« sagte Wolinzow, die Schöße seines
Mantels zurecht zupfend.
»Auch das! Reite hin, Bruder, reite hin, besichtige die Felder …«
Und Leschnew begab sich in die andere Hälfte des Hauses zu Alexandra
Pawlowna. Er traf sie in ihrem Gastzimmer. Sie bewillkommnete ihn
freundlich. Sie war wie immer über seinen Besuch erfreut, doch behielt
ihr Gesicht einen betrübten Ausdruck. Der gestrige Besuch Rudins
beunruhigte sie.
»Sie kommen vom Bruder?« fragte sie Leschnew, »wie ist er heute?«
»Es macht sich, er ist auf die Felder geritten.«
Alexandra Pawlowna schwieg.
»Sagen Sie mir,« begann sie, den Rand ihres Schnupftuches mit
Aufmerksamkeit betrachtend, »Sie wissen nicht, warum …«
»Rudin gekommen ist?« setzte Leschnew hinzu. »Ich weiß es: er kam, um
Abschied zu nehmen.«
Alexandra Pawlowna erhob den Kopf.
»Wie – um Abschied zu nehmen?«
»Jawohl. Haben Sie denn nicht gehört? Er verläßt Darja Michailowna.«
»Verläßt sie?«
»Für immer; so sagt er wenigstens.«
»Aber wie kann das sein, wie ist das zu verstehen, nach allem, was …«
»Ja, das ist eine andere Sache! Verstehen läßt sich’s nicht, es ist
aber so. Es muß dort etwas vorgefallen sein. Er hat wohl die Sehne zu
stark gespannt, und sie ist – gerissen.«
»Michael Michailitsch!« sagte Alexandra Pawlowna, »ich verstehe nichts;
Sie wollen, dünkt mich, Spaß mit mir treiben …«
»Nein! Bei Gott nicht … Ich sage Ihnen, er reist fort und teilt dies
seinen Bekannten sogar brieflich mit. Von einem gewissen Gesichtspunkte
aus betrachtet, ist das, wenn Sie wollen, nicht übel; seine Abreise
verhindert indessen die Ausführung eines der merkwürdigsten
Unternehmen, welches Ihr Bruder und ich soeben erst zu besprechen
begonnen hatten.«
»Was ist das für ein Unternehmen?«
»Sie sollen es hören. Ich machte Ihrem Bruder den Vorschlag, zur
Zerstreuung auf Reisen zu gehen und Sie zu entführen. Ich übernahm es,
speziell für Sie Sorge zu tragen …«
»Wie ist das schön!« rief Alexandra Pawlowna, »ich kann mir denken,
auf welche Weise Sie für mich Sorge tragen würden. Sie ließen mich
vermutlich Hungers sterben.«
»Das sagen Sie, Alexandra Pawlowna, weil Sie mich nicht kennen. Sie
glauben, ich sei ein Klotz, ein wahrer Klotz, ein Holzblock! Wissen Sie
aber, daß ich imstande bin, zu schmelzen wie Zucker und tagelang auf
den Knien zu liegen?«
»Das möchte ich wahrhaftig sehen!«
Leschnew erhob sich plötzlich. »Nun, nehmen Sie mich zum Manne,
Alexandra Pawlowna, dann werden Sie es erleben.«
Alexandra Pawlowna wurde bis über die Ohren rot.
»Was haben Sie da gesagt, Michael Michailitsch?« brachte sie verwirrt
hervor.
»Gesagt habe ich,« erwiderte Leschnew, »was mir schon längst und
tausendmal auf der Zunge geschwebt hat. Ich habe es nun ausgesprochen
und Sie können nach Gutdünken verfahren. Um Ihnen jedoch nicht störend
zu sein, will ich mich jetzt entfernen. Ja, ich entferne mich … Wenn
Sie meine Frau werden wollen … Wenn es Ihnen nicht zuwider ist, lassen
Sie mich nur rufen; ich werde es schon verstehen …«
Alexandra Pawlowna wollte Leschnew zurückhalten, er ging aber rasch
hinaus und begab sich ohne Mütze in den Garten und starrte, auf die
Gartentür gestützt, ins Weite hinaus.
»Michael Michailitsch!« ließ sich hinter ihm die Stimme des
Kammermädchens hören, »die gnädige Frau läßt Sie zu sich bitten.«
Michael Michailitsch wandte sich um, faßte das Mädchen zu seinem
großen Erstaunen beim Kopfe, küßte es auf die Stirn und begab sich zu
Alexandra Pawlowna.