Über zwei Monate waren vergangen. Während dieser ganzen Zeit war Rudin
fast nicht aus Darja Michailownas Hause gekommen. Sie konnte ihn nicht
mehr entbehren. Es war ihr zur Gewohnheit geworden, ihm von sich zu
erzählen und sich von ihm erzählen zu lassen. Einmal hatte er abreisen
wollen, unter dem Vorwande, seine Geldmittel seien erschöpft – sie gab
ihm fünfhundert Rubel, was ihn nicht hinderte, weitere zweihundert
von Wolinzow zu borgen. Pigassow besuchte Darja Michailowna bedeutend
seltener als vorher: Rudin übte durch seine Gegenwart auf ihn einen
Druck aus, den übrigens Pigassow nicht allein empfand.
»Ich mag ihn nicht, diesen eingebildeten Menschen,« pflegte er zu
sagen, »seine Ausdrucksweise ist unnatürlich, ganz so wie bei den
Helden in russischen Romanen. Mit einem: Ich! fängt er an, hält dann
wie gerührt inne … Ich, also, ich … Und er zieht die Worte so lang.
Habt ihr geniest, so wird er euch sogleich auseinandersetzen, warum
Ihr geniest und nicht gehustet habt … lobt er euch, so klingt es, als
befördere er euch zu einer höheren Rangstufe … fängt er aber an, sich
selbst zu schelten, dann zieht er sich geradezu in den Schmutz herab –
nun, denkt ihr, der darf sich jetzt nicht mehr bei Tageslicht zeigen!
Nichts davon! Noch heiterer stimmt es ihn, so daß man glauben könnte,
jene bitteren Worte hätten ihm nur zu Erfrischung und Kräftigung
gedient, wie ein Schluck bitteren Schnapses!« Pandalewski empfand eine
gewisse Scheu vor Rudin und machte ihm mit einiger Vorsicht den Hof.
Wolinzows Stellung, Rudin gegenüber, war eigentümlicher Art. Dieser
nannte ihn einen Ritter und rühmte ihn, er mochte zugegen sein oder
nicht, über die Maßen; Wolinzow aber konnte ihn nicht liebgewinnen, und
seine schmeichelhaftesten Komplimente erzeugten in ihm unwillkürlich
Ungeduld und Ärger. ›Er macht sich wohl gar über mich lustig!‹ dachte
er, und eine feindselige Stimmung überschlich ihn dann. Wolinzow
versuchte Herr über sich zu werden; es ging nicht: die Eifersucht nagte
heimlich an ihm. Aber auch Rudin, der Wolinzow stets geräuschvoll
entgegenkam, ihn einen Ritter nannte und Geld bei ihm borgte, fühlte
sich nichts weniger als zu ihm hingezogen. Es wäre nicht leicht zu
bestimmen gewesen, was in beiden Männern vorging, wenn sie einander
freundschaftlich die Hände drückten und ihre Blicke sich begegneten …
Bassistow fuhr fort, vor Rudin die äußerste Hochachtung zu empfinden
und jedes seiner Worte im Fluge zu haschen. Dieser aber beachtete ihn
wenig. Einmal brachte er mit ihm einen ganzen Morgen zu, unterhielt
sich von den wichtigsten Weltfragen und Weltaufgaben und erregte in
ihm das lebhafteste Entzücken, nachher beachtete er ihn nicht mehr
… Es war demnach nur eitles Gerede gewesen, wenn er nach reinen und
ergebenen Seelen Verlangen geäußert hatte. Mit Leschnew, der mit seinen
Besuchen bei Darja Michailowna begonnen hatte, ließ Rudin sich niemals
in einen Wortstreit ein, ja er schien ihm auszuweichen. Leschnew
seinerseits behandelte ihn gleichfalls kalt, ließ aber immer noch nicht
seine letzte Meinung über ihn laut werden, was Alexandra Pawlowna sehr
unangenehm berührte. Sie beugte sich vor Rudin – zu Leschnew aber
hatte sie Vertrauen. Alle im Hause Darja Michailownas unterwarfen sich
den Launen Rudins: seinen geringsten Wünschen wurde nachgekommen. Die
Verteilung der täglichen Beschäftigungen hing von ihm ab. Nicht eine
einzige ~partie de plaisir~ konnte ohne ihn zustande kommen. Alle
unerwarteten Ausflüge und Überraschungen waren übrigens nicht sehr nach
seinem Geschmack, und er nahm teil daran wie Erwachsene am Spiel der
Kinder, mit freundlicher und etwas gelangweilter Miene. Dagegen mischte
er sich in alles: räsonierte mit Darja Michailowna über Gutsverwaltung,
Kindererziehung, Wirtschafts- und Geschäftsangelegenheiten überhaupt;
hörte ihre Pläne an, schätzte auch Unwichtiges nicht zu gering und
schlug Verbesserungen und Neuerungen vor. Darja Michailowna war
entzückt darüber – doch dabei blieb es. Bezüglich der Gutsverwaltung
folgte sie den Ratschlägen ihres Verwalters, eines ältlichen,
einäugigen Kleinrussen, eines gutmütigen, doch listigen Schelmes.
– »Das Alte ist fett, das Neue ist hager,« pflegte er zu sagen und
schmunzelte und blinzelte dabei wohlgefällig.
Außer mit Darja Michailowna hatte Rudin mit niemandem so häufige und
lange Unterredungen wie mit Natalia. Er steckte ihr insgeheim Bücher
zu, vertraute ihr seine Pläne und las ihr die ersten Seiten künftiger
Aufsätze und Werke vor. Das Verständnis dafür fehlte ihr oft, doch
daran lag Rudin anscheinend wenig, wenn sie ihn nur anhörte. Dieses
nahe Verhältnis zu Natalia war Darja Michailowna nicht ganz unangenehm.
Mag sie immerhin – dachte sie – mit ihm hier auf dem Lande schwatzen.
Er findet Gefallen an ihr, wie an einem kleinen Mädchen. Gefahr ist
nicht dabei, und jedenfalls lernt sie von ihm … In Petersburg will ich
das alles anders einrichten.
Darja Michailowna täuschte sich. Nicht wie ein kleines Mädchen
schwatzte Natalia mit Rudin: sie lauschte gierig seinen Worten, bemühte
sich, in den Sinn derselben einzudringen und unterwarf seinem Urteile
ihre Gedanken, ihre Zweifel; er war ihr Erzieher, ihr Führer. Fürs
erste kochte es bei ihr nur im Kopfe … in einem jungen Kopfe kocht es
aber nicht lange, ohne daß das Herz auch ein Wort mitredet. Was für
wonnevolle Minuten verbrachte Natalia, wenn, wie es oft vorkam, Rudin
im Garten auf einer Bank, im leichten und lichten Schatten einer
Esche, anfing ihr Goethes Faust, Hoffmann, die Briefe Bettinas oder
Novalis vorzulesen, und er sich dabei beständig unterbrach, um ihr
zu erläutern, was ihr dunkel schien! Sie sprach das Deutsche nicht
gut, wie fast alle unsere jungen Damen, verstand es aber vollkommen,
und Rudin war ganz in deutscher Poesie, deutscher Romantik und
deutscher Philosophie versunken und zog Natalia nach sich in jene
höheren Regionen. Eine unbekannte, erhabene Welt enthüllte sich dem
aufmerksamen Blicke des jungen Mädchens. Von den Seiten des Buches, das
Rudin in der Hand hielt, strömten gleich einer Flut entzückender Musik
wunderbare Bilder, neue, lichte Gedanken unaufhörlich in ihre Seele
über, und in ihrem Herzen, das von edler Freude hoher Empfindungen
erschüttert worden, erglimmte und entbrannte sanft der heilige Funken
der Entzückung …
* * * * *
»Sagen Sie doch, Dmitri Nikolaitsch,« redete sie ihn einst an, als sie
vor ihrem Stickrahmen am Fenster saß, »Sie werden für den Winter wohl
nach Petersburg fahren?«
»Ich weiß es nicht,« erwiderte Rudin, das Buch, in welchem er
herumblätterte, auf die Knie sinken lassend, »wenn ich die Mittel dazu
auftreibe, fahre ich hin.«
Er sprach träge: er fühlte sich ermattet und war den ganzen Morgen über
müßig gewesen.
»Wie sollten Sie die nicht finden?«
Rudin schüttelte den Kopf.
»Ihnen deucht es so!«
Und er warf einen bedeutsamen Seitenblick auf sie.
Natalia wollte etwas sagen, hielt jedoch inne.
»Sehen Sie,« begann Rudin und wies mit der Hand nach dem Fenster,
»sehen Sie jenen Apfelbaum: er ist gebrochen unter der Last und Fülle
seiner Früchte. Ein treues Sinnbild des Genies …«
»Er ist gebrochen, weil er keine Stütze gehabt hat,« erwiderte Natalia.
»Ich verstehe Sie, Natalia Alexejewna; es ist aber für den Menschen
nicht so ganz leicht, sie zu finden, diese Stütze.«
»Mir scheint, das Mitgefühl anderer … Einsamkeit aber muß jedenfalls …«
Natalia verwirrte sich ein wenig und wurde rot.
»Und was wollen Sie im Winter auf dem Lande anfangen?« setzte sie rasch
hinzu.
»Was ich anfangen werde? Ich werde meine große Abhandlung beendigen
– Sie wissen – vom Tragischen im Leben und in der Kunst – ich setzte
Ihnen vorgestern den Plan auseinander – und werde Ihnen den Aufsatz
zustellen.«
»Und werden ihn drucken lassen?«
»Nein.«
»Warum aber nicht? Für wen wollen Sie denn arbeiten?«
»Nun, wenn es für Sie wäre?«
Natalia senkte den Blick.
»Das wäre für meinen Verstand zu hoch.«
»Wovon handelt, wenn ich fragen darf, der Aufsatz?« fragte bescheiden
Bassistow, der in einiger Entfernung saß.
»Vom Tragischen im Leben und in der Kunst,« wiederholte Rudin.
»Hier, Herr Bassistow wird ihn auch lesen. Übrigens bin ich, was den
Grundgedanken angeht, noch nicht mit mir im reinen. Ich habe mir
bis jetzt noch nicht hinreichend die tragische Bedeutung der Liebe
klargemacht.«
Rudin ließ sich gern und häufig über Liebe aus. Beim Worte Liebe
war Mlle. Boncourt bisher immer zusammengefahren und hatte die
Ohren gespitzt wie ein alter Schlachtgaul, der die Trompeten hört;
nachher aber wurde sie es gewohnt und begnügte sich, die Lippen
zusammenzuziehen und in Zwischenräumen Tabak zu schnupfen.
»Mich dünkt,« bemerkte Natalia schüchtern, »das Tragische in der Liebe
– das ist die unglückliche Liebe.«
»Keineswegs!« erwiderte Rudin, »das ist eher die komische Seite in der
Liebe … Man muß diese Frage ganz anders stellen … tiefer hineingreifen
… Die Liebe!« fuhr er fort, »in ihr ist alles Geheimnis, wie sie kommt,
wie sie sich entwickelt, wie sie verschwindet. Bald zeigt sie sich
plötzlich, unzweideutig, freudig, wie der Tag; bald glimmt sie lange,
wie die Glut unter der Asche, und bricht als Flamme in der Seele aus,
wenn alles bereits zerstört ist; bald schleicht sie sich schlangenhaft
ins Herz hinein und unerwartet wieder hinaus … Ja, ja; das ist eine
bedeutsame Frage. Und wer liebt wohl zu jetziger Zeit? Wer erkühnt sich
zu lieben?«
Rudin wurde nachdenkend.
»Weshalb zeigt sich aber Sergei Pawlitsch schon so lange nicht mehr?«
fragte er plötzlich.
Natalia wurde über und über rot und senkte den Kopf auf ihren
Stickrahmen.
»Ich weiß es nicht,« antwortete sie leise.
»Was für ein herrlicher, vortrefflicher Mensch,« sagte aufstehend
Rudin. »Das ist einer der besten Vertreter des jetzigen russischen
Adels …«
Mlle. Boncourt betrachtete ihn von der Seite mit ihren kleinen,
französischen Augen.
Rudin ging einige Male durchs Zimmer.
»Haben Sie vielleicht die Bemerkung gemacht,« hub er an, sich rasch
auf den Absätzen umdrehend, »daß die Eiche – und die Eiche ist ein
starker Baum – ihr altes Laub erst dann abwirft, wenn das neue bereits
hervorzubrechen beginnt?«
»Ja,« erwiderte langsam Natalia, »ich habe das beobachtet.«
»Ganz dasselbe ist auch der Fall mit alter Liebe in einem starken
Herzen: sie ist bereits abgestorben, hält sich aber noch immer; und nur
eine andere, neue Liebe vermag sie zu verdrängen.«
Natalia erwiderte nichts.
»Was soll das bedeuten?« dachte sie.
Rudin blieb eine Weile stehen, schüttelte die Haare und entfernte sich.
Natalia ging auf ihr Zimmer. Lange blieb sie in Nachdenken versunken
auf ihrem Bettchen sitzen, lange dachte sie über die letzten Worte
Rudins nach, drückte plötzlich die Hände zusammen und brach in Tränen
aus. Worüber sie geweint hat – das weiß Gott allein! Sie selbst wußte
nicht, warum sie so plötzlich weinen mußte. Sie trocknete ihre Tränen,
doch von neuem flossen sie, gleich dem Wasser einer lange verhaltenen
Quelle.
* * * * *
An eben diesem Tage war Rudin der Gegenstand eines Gesprächs zwischen
Alexandra Pawlowna und Leschnew. Anfangs wollte letzterer sich durch
Schweigen abfinden; sie hatte es aber darauf angelegt, etwas aus ihm
herauszubringen.
»Ich sehe,« sagte sie zu ihm, »Dmitri Nikolajewitsch gefällt Ihnen
nach wie vor nicht. Ich habe Sie absichtlich bis heute nicht befragt;
jetzt aber müssen Sie die Gewißheit gewonnen haben, ob in ihm eine
Veränderung vorgegangen ist, und ich wünsche zu erfahren, weshalb er
Ihnen nicht gefällt.«
»Sehr wohl,« erwiderte Leschnew mit gewohntem Phlegma, »wenn Sie
wirklich so ungeduldig sind; doch, merken Sie sich’s, Sie müssen nicht
böse werden …«
»Nun, fangen Sie an, fangen Sie an.«
»Und lassen Sie mich ausreden, bis zu Ende.«
»Gut, gut; fangen Sie an.«
»So will ich Ihnen denn sagen,« begann Leschnew, sich langsam auf den
Diwan niederlassend, »mir gefällt Rudin in der Tat nicht. Er ist ein
kluger Mensch …«
»Das ist nicht zu leugnen!«
»Er ist ein auffallend kluger Mensch, wenn auch im Grunde gehaltlos …«
»Das ist leicht gesagt!«
»Obgleich im Grunde gehaltlos,« wiederholte Leschnew, »das tut aber
weiter nichts: wir sind alle gehaltlose Menschen. Ich rechne es ihm
sogar nicht als Schuld an, daß er herrschsüchtigen Geistes ist, träge,
nicht sehr kenntnisreich …«
Alexandra Pawlowna schlug die Hände zusammen.
»Rudin nicht sehr kenntnisreich!« rief sie aus.
»Nicht sehr kenntnisreich,« wiederholte Leschnew ganz in demselben
Tone, »auch daß er es liebt, auf Kosten anderer zu leben, eine Rolle
spielen will und so weiter … das ist alles in der Ordnung. Schlecht ist
es aber, daß er kalt ist wie Eis.«
»Er, diese feurige Seele, kalt!« unterbrach ihn Alexandra Pawlowna.
»Ja, kalt wie Eis, und er weiß es und spielt den Feurigen. Schlecht ist
das,« fuhr Leschnew, allmählich sich belebend, fort, »denn es ist ein
gefährliches Spiel, das er spielt – gefährlich, nicht für ihn, versteht
sich, keinen Kopeken, kein Härchen setzt er auf die Karte – andere
dagegen setzen ihre Seele ein …«
»Von wem, wovon reden Sie? Ich verstehe Sie nicht,« sagte Alexandra
Pawlowna.
»Schlecht ist, daß er nicht ehrlich ist. Weil er ein Mann von Geist
ist, muß er den Wert seiner Worte kennen, – und doch läßt er sie von
seinen Lippen fallen, als ob sie ihm aus dem Herzen kämen … Nun ja, er
ist beredt; seine Beredsamkeit ist aber nicht die eines Russen. Und
dann – verzeiht man auch der Jugend Schönrednerei, in seinem Alter
ist es eine Schande, am Getön eigener Worte Gefallen zu finden, eine
Schande, sich derartig zur Schau zu stellen.«
»Mich dünkt, Michael Michailitsch, für den Zuhörer ist es ganz gleich,
ob man sich zur Schau stellt oder nicht …«
»Bitte um Vergebung, Alexandra Pawlowna, es ist nicht ganz gleich. Es
kann mir jemand ein Wort sagen und es dringt mir durch Mark und Bein,
ein anderer sagt mir genau dasselbe Wort und vielleicht noch schöner –
und es wird mir nicht einmal das Ohr kitzeln. Woher kommt das?«
»Das heißt, _Ihr_ Ohr wird es nicht kitzeln,« unterbrach ihn Alexandra
Pawlowna.
»Ja, mein Ohr,« erwiderte Leschnew, »obgleich ich vielleicht große
Ohren habe. Die Sache ist die, daß Rudins Worte eben nur Worte bleiben
und niemals zu Taten werden, dennoch aber können diese seine Worte
Verwirrungen erzeugen in einem jungen Herzen und dasselbe zugrunde
richten.«
»Von wem, von wem reden Sie aber, Michael Michailitsch?«
Leschnew zögerte.
»Sie wünschen zu wissen, von wem ich rede? Von Natalia Alexejewna.«
Alexandra Pawlowna wurde für einen Augenblick verwirrt, lächelte aber
gleich darauf.
»Du lieber Gott!« begann sie, »was für sonderbare Einfälle Sie immer
haben! Natalia ist noch ein Kind; und dann, gesetzt es wäre auch etwas
daran, so werden Sie doch nicht glauben, daß Darja Michailowna …«
»Darja Michailowna ist vor allem eine Egoistin und lebt nur für sich;
dann aber ist sie so sehr von ihrer Erfahrung in Erziehung der Kinder
überzeugt, daß es ihr nicht einmal einfällt, um ihre Tochter besorgt
zu sein. Bewahre! Wie könnte sie das! Ein Wink, ein majestätischer
Blick – und alles muß wie am Drahte gehen. Das ist’s, woran diese
Gnädige denkt, die sich eine Beschützerin der Künste und Wissenschaften
dünkt, sich für einen hohen Geist und Gott weiß was noch hält, in der
Tat aber weiter nichts ist als ein altes Weltdämchen. Natalia ist
kein Kind; glauben Sie mir, sie gibt sich häufigeren und tieferen
Betrachtungen hin als wir beide. Und da mußte solch ein ehrliches,
leidenschaftliches Gemüt auf diesen Schauspieler, diesen Gecken stoßen!
Übrigens ist auch dies in der Ordnung.«
»Gecken! Sie nennen ihn einen Gecken?«
»Natürlich ihn … Sagen Sie doch selbst, Alexandra Pawlowna, was für
eine Rolle spielt er bei Darja Michailowna? Den Götzen, das Orakel des
Hauses vorstellen, sich in die Wirtschaft, in häusliche Klatschereien
und Lappalien mischen – ist das wohl eines Mannes würdig?«
Alexandra Pawlowna blickte Leschnew mit Erstaunen an.
»Ich erkenne Sie nicht wieder, Michael Michailitsch,« sagte sie. »Das
Blut ist Ihnen ins Gesicht gestiegen, Sie sind in Aufregung. – Nein,
wahrhaftig, da steckt etwas anderes dahinter …«
»Nun, da haben wir’s! Sagt man einer Frau die Wahrheit auf sein
Gewissen – sie wird sich nicht zufrieden geben, bevor sie nicht
irgendeinen nichtigen Nebengrund erdichtet, weshalb man gerade so und
nicht anders geredet hat.«
Alexandra Pawlowna wurde böse.
»Bravo, Monsieur Leschnew! Sie fangen an, die Frauen nicht besser
zu behandeln, als Herr Pigassow es tut; doch, mit Ihrer Erlaubnis,
wie scharfsichtig Sie auch sein mögen, wird es mir doch schwer, zu
glauben, daß Sie in so kurzer Zeit alle und alles durchdringen konnten.
Mir scheint, Sie sind im Irrtum. In Ihren Augen wäre Rudin eine Art
Tartüffe.«
»Das ist’s eben, daß er nicht einmal ein Tartüffe ist. Tartüffe, der
wußte wenigstens, um was es ihm zu tun war; dieser aber, trotz seines
Verstandes …«
Leschnew hielt inne.
»Nun denn, dieser also? Reden Sie aus, Sie ungerechter, garstiger
Mensch!«
Leschnew erhob sich.
»Hören Sie, Alexandra Pawlowna,« begann er, »ungerecht sind Sie, nicht
ich. Sie zürnen mir wegen meines strengen Urteils über Rudin: ich
habe ein Recht, mich über ihn streng zu äußern! Vielleicht habe ich
dieses Recht nicht um billigen Preis erkauft. Ich kenne ihn gut: habe
lange mit ihm zusammen gelebt. Erinnern Sie sich, ich versprach Ihnen
gelegentlich, unser Leben in Moskau zu erzählen. Wie es scheint, muß
ich es wohl jetzt tun. Werden Sie aber die Geduld haben, mich bis zu
Ende anzuhören?«
»Reden Sie, reden Sie!«
»Wohlan denn!«
Leschnew begann langsamen Schrittes durch das Zimmer zu gehen, von Zeit
zu Zeit blieb er stehen und senkte den Kopf nach vorn.
»Vielleicht ist es Ihnen bekannt,« hub er an, »vielleicht auch nicht,
daß ich früh als Waise zurückblieb und bereits im siebzehnten Jahre
keine andere Autorität über mich kannte als die eigene. Ich lebte im
Hause meiner Tante in Moskau und tat, was ich wollte. Ich war ein
ziemlich hohler und selbstsüchtiger Bursche und liebte mich zu brüsten
und großzutun. Als ich die Universität bezogen hatte, war mein Betragen
das eines Schuljungen und verwickelte mich bald in eine höchst fatale
Geschichte. Ich will sie Ihnen nicht erzählen: es lohnt nicht. Ich
hatte mir eine Lüge zuschulden kommen lassen, eine ziemlich garstige
Lüge … Die Sache kam heraus, ich ward überführt, beschämt … ich war
verwirrt und weinte wie ein Kind. Das ereignete sich in der Wohnung
eines Bekannten, in Gegenwart unserer Gefährten. Alle machten sich
lustig über mich, alle, einen Studenten ausgenommen, der, bitte zu
beachten, mehr als die übrigen unwillig über mich gewesen war, solange
ich verstockt blieb und meine Lüge nicht eingestanden hatte. Tat ich
ihm vielleicht leid – genug, er nahm mich unter den Arm und führte mich
zu sich.«
»Das war Rudin?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Nein, es war nicht Rudin … das war ein Mensch … er ist jetzt schon
tot … das war ein ungewöhnlicher Mensch. Er hieß Pokorski. Ihn mit
wenigen Worten zu schildern, bin ich nicht imstande, kommt sein Name
mir auf die Lippen, dann vergeht mir die Lust, von jedem anderen zu
sprechen. Das war eine erhabene reine Seele und ein Geist, wie er mir
nachher nicht wieder vorgekommen ist. Pokorski bewohnte ein kleines,
niedriges Stübchen im Halbgeschosse eines alten, hölzernen Häuschens.
Er war sehr arm und schlug sich, so gut es ging, mit Unterrichtgeben
durch. Es kamen Zeiten, wo er nicht einmal mit einer Tasse Tee seinen
Gast zu bewirten imstande war, und sein einziger Diwan war dermaßen
eingesessen, daß er einem Boote nicht unähnlich sah. Dennoch, trotz des
Mangels an Bequemlichkeiten, besuchten ihn viele. Es hatten ihn alle
lieb und er zog die Herzen an. Sie können sich nicht vorstellen, wie
angenehm und heiter es sich in seinem ärmlichen Stübchen saß! Bei ihm
wurde ich mit Rudin bekannt. Er hatte sich damals bereits von seinem
Fürstensöhnchen getrennt.«
»Was hatte denn jener Pokorski Besonderes an sich?« fragte Alexandra
Pawlowna.
»Wie soll ich Ihnen das erklären? Poesie und Wahrheit – das zog alle
zu ihm hin. Bei seinem hellen, weiten Geiste war er liebenswürdig und
unterhaltend, wie ein Kind. Noch jetzt tönt sein frohes Lachen in
meinen Ohren nach, und dabei
›Glühte er still und unauslöschlich für das Gute
Wie vor dem Heiligenbild die nächtliche Lampe …‹
wie sich über ihn ein halbverrückter, überaus liebenswürdiger Poet
unseres Kreises ausgedrückt hat.«
»Und wie sprach er?« fragte wieder Alexandra Pawlowna.
»Er sprach gut, wenn er aufgelegt war, doch nicht auffallend. Rudin
war schon damals zwanzigmal beredter als er.«
Leschnew hielt inne und kreuzte die Arme übereinander.
»Pokorski und Rudin glichen einander nicht. An Rudin war gleich
mehr Glanz und Effekt, mehr Phrase, und – wenn Sie wollen – mehr
Begeisterung. Er schien viel mehr Talent zu besitzen als Pokorski,
in der Tat aber war er, im Vergleich zu ihm, ein armer Wicht. Rudin
entwickelte ganz vorzüglich jeden beliebigen Gedanken und disputierte
meisterhaft; die Gedanken entsprangen aber nicht aus seinem Kopfe: er
stahl sie anderen, vorzüglich Pokorski. Dieser war äußerlich ruhig und
sanft, fast schwach – liebte die Frauen bis zur Narrheit, zechte gern
und würde von niemandem eine Beleidigung ertragen haben. Rudin schien
voll Feuer, Kühnheit, Leben, war jedoch im Innern der Seele kalt und
beinahe ein Poltron, solange seine Selbstliebe nicht angefochten wurde:
dann aber konnte er aus der Haut fahren. Er suchte beständig, andere
zu beherrschen, tat es aber immer im Namen allgemeiner Prinzipien und
Ideen und gewann dadurch wirklich großen Einfluß auf viele. Es ist
wahr, niemand liebte ihn; ich war vielleicht der einzige, der sich an
ihn geschlossen hatte. Sein Joch wurde ertragen … Pokorski unterwarfen
sich alle von selbst. Rudin vermied aber auch niemals, sich mit dem
ersten besten in Unterhaltung oder Wortstreit einzulassen … Er hatte
nicht viel gelesen, jedenfalls aber bedeutend mehr als Pokorski und
wir alle, überdies besaß er einen systematischen Verstand und ein
ungeheures Gedächtnis, dies alles aber verfehlt niemals seine Wirkung
auf die Jugend! Ein Resultat muß sie haben, Abschlüsse, wenn auch
falsche, aber es müssen Abschlüsse sein! Ein durchweg ehrenhafter
Mensch taugt dazu nichts. Versuchen Sie es, der Jugend zu gestehen, daß
Sie ihr reine Wahrheit nicht reichen können, weil Sie selbst solche
nicht besitzen … die Jugend wird Sie nicht anhören wollen. Sie geradezu
hinter das Licht führen können Sie aber auch nicht. Es ist durchaus
notwendig, daß Sie selbst, wenn auch nur zur Hälfte, glauben, Sie seien
im Besitze der Wahrheit … Darum war denn auch die Wirkung, die Rudin
auf unsereinen ausübte, so mächtig. Nun sehen Sie, ich sagte Ihnen
soeben, daß er nicht viel gelesen hatte; es waren aber philosophische
Bücher, die er las, und sein Kopf war so eingerichtet, daß er aus dem,
was er gelesen hatte, sogleich das Allgemeine herausnahm, sich an die
Wurzel der Sache klammerte und dann erst von derselben aus, nach allen
Seiten hin, klare und gerade Gedankenfäden zog, geistige Fernsichten
eröffnete. Unseren damaligen Kreis bildeten, offen gestanden, Knaben
– und nur oberflächlich gebildete Knaben. Philosophie, Kunst,
Wissenschaft, das Leben selbst – alles das waren für uns nur Worte,
vielleicht auch Begriffe, anziehende, herrliche, aber zerstreute,
vereinzelte Begriffe. Von einem allgemeinen Zusammenhange dieser
Vorstellungen, von einem allgemeinen Weltgesetze hatten wir keine
Ahnung, nichts davon stand vor unseren Blicken, obgleich wir unbestimmt
disputierten und uns abmühten, uns Licht darüber zu verschaffen. Hörten
wir Rudin sprechen, so glaubten wir zum ersten Male, ihn endlich erfaßt
zu haben, diesen allgemeinen Zusammenhang, wir wähnten, der Vorhang
sei endlich vor uns aufgehoben! Gesetzt auch, er habe nicht Eigenes
vorgetragen – was tat es! Eine regelmäßige Ordnung war in unserem
ganzen Wissen eingetreten, alles Verworrene hatte sich gesammelt,
geschichtet und war vor uns aufgewachsen, wie ein Bau, überall war
Licht und wehte Lebensgeist … Nichts blieb unverständlich, zufällig:
aus allem sprach vernünftige Notwendigkeit und Schönheit, alles bekam
eine klare und zugleich geheimnisvolle Bedeutung, jede vereinzelte
Erscheinung im Leben tönte wie ein Akkord, und wir selbst, von einer
heiligen Scheu, einem sanften Herzensschauer erfüllt, dünkten uns
belebte Gefäße jener ewigen Wahrheit, ihre Werkzeuge, zu etwas Großem
berufen … Kommt Ihnen das nicht lächerlich vor?«
»Nicht im mindesten!« erwiderte Alexandra Pawlowna gedehnt. »Warum
glauben Sie das? Ich verstehe Sie nicht ganz, finde es aber nicht
lächerlich.«
»Seit der Zeit sind wir freilich klüger geworden,« fuhr Leschnew
fort, »das muß uns alles jetzt wie Kinderei vorkommen … Doch, ich
wiederhole es, wir hatten damals Rudin viel zu verdanken. Pokorski
stand unvergleichlich höher als er, dagegen ist nichts zu sagen;
Pokorski flößte uns allen Feuer und Kraft ein, er fühlte sich indessen
zu gewissen Zeiten schlaff und wurde schweigsam. Er war ein nervöser,
krankhafter Mensch; wenn er aber seine Flügel entfaltete – Gott! Wohin
nahm er dann seinen Flug! Gerade in das tiefste Blau des Himmels
hinein! In Rudin hingegen, diesem schönen und stattlichen Jungen, gab
es viel Kleinliches; er machte sogar Klatschereien; seine Leidenschaft
war es, sich in alles zu mischen, über alles sein Wort abzugeben, alles
zu erklären. Seine rührige Tätigkeit gönnte sich niemals Ruhe … ein
politischer Geist das! Ich rede von ihm, wie ich ihn damals gekannt
habe. Er hat sich übrigens leider nicht verändert. Und auch in seinen
Überzeugungen ist keine Veränderung eingetreten … bei fünfunddreißig
Jahren! … Das kann nicht jeder von sich sagen.«
»Setzen Sie sich,« sagte Alexandra Pawlowna zu ihm, »Sie brauchen ja
nicht wie ein Perpendikel das Zimmer zu durchlaufen!«
»Mir ist’s so bequemer,« erwiderte Leschnew. »Kaum war ich in den Kreis
Pokorskis hineingeraten, so war ich wie umgewandelt: ich demütigte
mich, fragte, lernte, freute mich, empfand eine Art von Ehrfurcht,
wie wenn ich in einen Tempel getreten wäre. Und in der Tat, wenn
ich an unsere Zusammenkünfte zurückdenke, ja, bei Gott, es war viel
Gutes, ja Rührendes in ihnen. Stellen Sie sich eine Gesellschaft von
fünf, sechs jungen Burschen vor, ein einziges Talglicht brennt, es
wird ein abscheulicher Tee getrunken mit altem, ganz altem Zwieback
dazu; zugleich aber betrachten Sie unsere Gesichter und hören unsere
Reden! In den Blicken eines jeden – Entzücken, es glühen die Wangen,
das Herz klopft, wir reden von Gott, von Wahrheit, von der Zukunft
der Menschen, von Poesie, – zuweilen auch Unsinn, lassen uns von
einem Nichts hinreißen; was tut das aber! … Pokorski sitzt da, mit
untergeschlagenen Beinen, seine Hand stützt die bleiche Wange: seine
Augen leuchten. Rudin steht mitten im Zimmer und redet, redet schön,
das treue Abbild eines jugendlichen Demosthenes vor dem brausenden
Meere; Ssubotin, der Poet mit verwühltem Haar, stößt von Zeit zu Zeit
und wie im Traume abgebrochene Sätze aus; ein vierzigjähriger Bursche,
Sohn eines deutschen Pastors, Scheller genannt, der wegen seines
beständigen, unverbrüchlichen Schweigens unter uns sich den Ruf eines
überaus tiefen Denkers erworben hatte, schweigt auf ganz besonders
feierliche Weise – und der heitere Stschitow selbst, der Aristophanes
unseres Kreises, wird stille und lächelt bloß; zwei drei Neulinge
horchen mit begeistertem Entzücken auf … Und die Nacht zieht unbemerkt
in stillem Fluge wie auf Fittichen vorüber. Da graut schon der Morgen,
und gerührt, heiter, ehrsam, nüchtern – an Wein dachte man damals bei
uns nicht – und mit einer gewissen, der Seele wohltuenden Müdigkeit
gehen wir auseinander … Noch jetzt denke ich daran, wie ich, ganz in
Rührung zerflossen, die menschenleeren Gassen durchstreifte und sogar
den Sternen zutrauliche Blicke zuwarf, als wären sie mir näher gerückt
und verständlicher geworden … Oh! Die herrliche Zeit damals, und ich
kann nicht glauben, daß sie nutzlos verlorengegangen ist! Und sie ist
es auch nicht – sie ist nicht verloren, selbst für diejenigen nicht,
welche nachmals in der Alltäglichkeit des Lebens untergingen … Wie
oft sind mir dergleichen Leute, einstige Kommilitonen, vorgekommen!
Man hätte glauben können, ganz vertiert wäre der Mensch, – und es
bedürfte nur des Namens Pokorski –, so wurde sogleich alles Gute, das
in ihm übriggeblieben war, rege, wie wenn man in einem schmutzigen und
finsteren Gemache ein liegengebliebenes Fläschchen voll Wohlgeruch
öffnet …«
Leschnew schwieg; sein bleiches Gesicht hatte sich gerötet.
»Weshalb aber, wann – haben Sie sich mit Rudin entzweit?« fragte
Alexandra Pawlowna mit verwundertem Blick.
»Ich habe mich nicht mit ihm entzweit; ich trennte mich von ihm, als
ich ihn im Auslande genau kennengelernt hatte. Aber schon in Moskau
hätten wir uns entzweien können. Schon damals spielte er mir einen
bösen Streich.«
»Was war denn das?«
»Das will ich Ihnen sagen. Ich war … wie soll ich mich ausdrücken? Zu
meiner Figur paßt das nicht … ich war von jeher sehr geneigt, mich zu
verlieben.«
»Sie?«
»Ja, ich! Das ist sonderbar, nicht wahr? Dem ist aber doch so … Nun,
ich verliebte mich also damals in ein sehr liebliches Mädchen … Warum
sehen Sie mich denn so an? Ich könnte Ihnen von mir eine bei weitem
wunderbarere Geschichte erzählen.«
»Was für eine Geschichte? Wenn ich fragen darf? Sie machen mich
neugierig.«
»Einfach folgende: Zu jener Zeit in Moskau pflegte ich bei Nacht
mich zu einem Rendezvous einzustellen … mit wem meinen Sie wohl? Mit
einer jungen Linde am Ende eines Gartens. Ich hielt ihren dünnen und
schlanken Stamm umfangen, und es deuchte mir, ich umfasse die ganze
Natur, und das Herz wurde mir weit und verging in Liebe, als ob
wirklich die ganze Natur sich in dasselbe ergossen hätte … Ja, so war
ich! … Doch was! Sie glauben vielleicht auch, ich hätte damals keine
Verse gemacht? Ich habe es dennoch getan, ja sogar eine Nachbildung des
›Manfred‹ von Byron! Unter den handelnden Personen kam ein Gespenst
vor, mit Blut auf der Brust, und, wohl verstanden, nicht sein eigenes
Blut, sondern das Blut der Menschheit überhaupt … Ja, ja, also wundern
Sie sich nicht … Doch, ich fing an, von meiner Liebe zu erzählen. Ich
machte also die Bekanntschaft eines jungen Mädchens …«
»Und hörten auf, zu der Linde zu gehen?« fragte Alexandra Pawlowna.
»Hörte auf hinzugehen. Jenes junge Mädchen war ein herzensgutes,
allerliebstes Geschöpfchen mit lebhaften, klaren Augen und
hellklingender Stimme.«
»Sie schildern sehr gut,« bemerkte mit einem feinen Lächeln Alexandra
Pawlowna.
»Sie aber sind eine strenge Richterin,« erwiderte Leschnew. »Nun,
dieses Mädchen wohnte bei ihrem greisen Vater … Doch ich will mich
nicht in Details einlassen. Ich muß Ihnen aber wiederholen, daß dieses
junge Mädchen wirklich herzensgut war – goß sie mir doch immer beim Tee
das Glas bis zum Rande voll, wenn ich auch nur um ein halbes gebeten
hatte! … Drei Tage nach unserem ersten Zusammentreffen war ich schon
in Liebe zu ihr entbrannt, am siebenten Tage hielt ich es nicht mehr
aus und teilte Rudin alles mit. Junge Leute, wenn sie verliebt sind,
können es nicht für sich behalten; ich beichtete also Rudin alles. Ich
stand damals ganz unter seinem Einflusse, und dieser Einfluß, ich muß
es unverhohlen bekennen, war in vieler Hinsicht wohltuend. Er war der
erste, der mich nicht geringachtete, er gab mir den nötigen Schliff.
Pokorski liebte ich leidenschaftlich, aber ich empfand eine gewisse
Scheu vor seiner reinen Seele, Rudin stand mir näher. Als er von meiner
Liebe hörte, geriet er in unbeschreibliches Entzücken, gratulierte
mir, umarmte mich und begann sogleich mich belehren, mir die große
Wichtigkeit meiner neuen Lage auseinanderzusetzen. Ich war ganz Ohr
… Nun, Sie wissen ja, wie er zu reden versteht. Seine Worte machten
auf mich einen außerordentlichen Eindruck. Ich bekam auf einmal eine
merkwürdige Achtung vor mir selbst, nahm eine ernsthafte Miene an und
lachte nicht mehr. Ich weiß es noch, ich fing sogar an, vorsichtiger
aufzutreten, als trüge ich in der Brust ein Gefäß, mit kostbarer
Flüssigkeit angefüllt, die ich zu verschütten befürchtete … Ich fühlte
mich so hoch beglückt, um so mehr, da mir unverkennbare Beweise von
Wohlwollen zuteil wurden. Rudin äußerte den Wunsch, die Bekanntschaft
des Gegenstandes meiner Liebe zu machen, und vielleicht war ich es
selbst, der darauf bestand, daß er ihm vorgestellt werde.«
»Nun, ich sehe, sehe jetzt, wo dies hinausläuft,« unterbrach ihn
Alexandra Pawlowna. »Rudin hat Ihnen Ihren Gegenstand abgejagt, und Sie
können es ihm bis jetzt nicht verzeihen … Ich wollte wetten, ich habe
es getroffen!«
»Und Sie würden Ihre Wette verlieren, Alexandra Pawlowna: Sie sind im
Irrtum. Rudin hat mir meinen Gegenstand nicht abgejagt und wollte ihn
mir auch nicht abjagen; er hat aber dennoch mein Glück zertrümmert,
obgleich ich ihm jetzt, wenn ich es mit kaltem Blute betrachte, Dank
dafür wissen möchte. Damals aber verlor ich beinahe den Verstand. Rudin
wollte mir keineswegs schaden – im Gegenteil! Doch, getreu seiner
unglückseligen Gewohnheit: jede Regung des Lebens, des eigenen sowohl
wie des anderen, an ein Wort zu spießen, wie den Schmetterling an die
Nadel, begann er uns über uns selbst aufzuklären, unser Verhältnis,
unser gegenseitiges Benehmen zu analysieren, er zwang uns despotisch,
ihm Rechenschaft abzulegen von unseren Gedanken, erteilte uns Lob und
Tadel, ja – wollen Sie es glauben – er ließ sich mit uns sogar in
einen Briefwechsel ein! … Kurz, wir wurden durch ihn ganz und gar irre
aneinander! Ich würde wohl damals schwerlich meine Schöne geheiratet
haben, soviel gesunder Verstand war mir noch geblieben, wir hätten aber
immerhin, gleich Paul und Virginie, einige glückliche Monate verbringen
können; so aber kam es zu Mißverständnissen und Spannungen aller Art –
mit einem Worte, es wurde ein völliger Wirrwarr daraus. Das Ende vom
Liede war, daß Rudin eines schönen Morgens aus seinen eigenen Reden die
Überzeugung herausschälte: es läge ihm, als dem Freunde, die heilige
Verpflichtung ob, den greisen Vater von allem in Kenntnis zu setzen,
und das hat er auch getan.«
»Wäre es möglich?« rief Alexandra Pawlowna aus.
»Ja, doch nicht zu vergessen, mit meiner Einwilligung – das ist das
Wunderbare! Ich erinnere mich jetzt noch, welch ein Chaos ich damals
im Kopf mit mir umherschleppte: es drehte sich und verrückte sich in
demselben alles, wie in einer Camera obscura: was weiß gewesen, zeigte
sich schwarz, Schwarzes – weiß, Lüge schien Wahrheit, Einbildung –
Pflicht geworden zu sein … Oh! Noch jetzt fühle ich mich beschämt, wenn
ich daran denke! Rudin, – der verlor den Mut nicht … warum sollte er
es auch! Er flog nur so hinweg über Mißverständnisse und Verwicklungen
aller Art, wie die Schwalbe über den Teich.«
»Und so schieden Sie denn von Ihrem Mädchen?« fragte Alexandra
Pawlowna, das Köpfchen naiv auf die Seite neigend und die Augenbrauen
heraufziehend.
»Ich schied von ihr … und es war ein schlechtes, ein beleidigendes,
ungeschicktes, unnützerweise offenkundiges Scheiden … Ich weinte, sie
weinte und der Teufel weiß, was daraus wurde … Es hatte sich da ein
gordischer Knoten zusammengezogen – er mußte durchhauen werden, das tat
wehe! Übrigens fügt sich alles auf der Welt zum besten. Sie hat einen
braven Mann geheiratet und lebt jetzt glücklich …«
»Gestehen Sie es, Sie haben Rudin doch nicht vergeben können …« warf
Alexandra Pawlowna ein.
»Sie irren sich!« erwiderte Leschnew, »geweint habe ich wie ein Kind,
als ich bei seiner Abreise ins Ausland Abschied von ihm nahm. Die
Wahrheit zu sagen, ist mir aber doch, schon damals, ein Stachel in
der Seele steckengeblieben. Und als ich später im Auslande mit ihm
zusammentraf … je nun, da war ich auch schon älter geworden … Rudin
erschien mir in seinem wahren Lichte.«
»Was war es denn, was Sie an ihm entdeckt hatten?«
»Nun, alles, wovon ich Ihnen vor einer Stunde erzählte. Doch genug von
ihm. Vielleicht endet noch alles gut. Ich wollte Ihnen nur beweisen,
daß, wenn ich über ihn ein strenges Urteil fälle, ich es nicht tue,
weil ich ihn etwa nicht kenne … Was indessen Natalia Alexejewna
betrifft, so will ich nicht unnütze Worte verlieren; Sie aber mögen auf
Ihren Bruder achtgeben.«
»Auf meinen Bruder! Was ist denn mit ihm?«
»Sehen Sie ihn doch nur an. Bemerken Sie denn nichts?«
Alexandra Pawlowna senkte den Kopf.
»Sie haben recht,« sagte sie, »mein Bruder … seit einiger Zeit erkenne
ich ihn nicht wieder … Glauben Sie aber wirklich …«
»Still! Er kommt, deucht mir,« flüsterte Leschnew. »Natalia ist gewiß
kein Kind mehr, glauben Sie mir’s, obschon sie unerfahren ist wie ein
solches. Sie werden sehen, dieses kleine Mädchen wird uns noch alle in
Erstaunen setzen.«
»Wodurch meinen Sie?«
»So meine ich: solche kleine Mädchen pflegen sich ins Wasser zu
stürzen, Gift zu nehmen und dergleichen mehr. Beurteilen Sie sie nicht
nach ihrem ruhigen Aussehen, sie besitzt heftige Leidenschaften und
auch Charakter, verlassen Sie sich darauf!«
»Nun, mir scheint, Sie versteigen sich in das Reich der Dichtung. Einem
solchen Phlegmatiker wie Ihnen könnte auch ich noch als ein Vulkan
erscheinen.«
»O nein!« äußerte Leschnew lächelnd … »Was Charakter anbetrifft – davon
besitzen Sie, Gott sei Dank, nichts.«
»Was ist das wieder für ein unartiger Ausfall!«
»Wie? Ich bitte Sie, das ist ja das allergrößte Kompliment …«
Wolinzow trat herein und warf einen mißtrauischen Blick auf Leschnew
und seine Schwester. Er hatte in der letzten Zeit etwas abgenommen.
Beide redeten ihn an; er würdigte aber ihre Scherze kaum eines Lächelns
und hatte, wie sich einst Pigassow über ihn äußerte, die Miene eines
»melancholischen Hasen«. Es hat aber wohl kaum jemals einen Menschen
gegeben, der nicht, wenn auch nur einmal in seinem Leben, eine noch
schlechtere Miene gezeigt hätte. Wolinzow fühlte, daß Natalia sich von
ihm abwandte, mit ihr aber, so deuchte es ihm, schwand auch der Boden
unter seinen Füßen.