Er examiniert mich, dachte Natalia und sagte: »Ja, ich liebe sie sehr.«

»Die Poesie ist die Sprache der Götter. Ich selbst liebe Gedichte. Doch

nicht in Gedichten allein liegt Poesie: sie ist überall, sie umfängt

uns … Sehen Sie diese Bäume, diesen Himmel an – von allen Seiten strömt

Schönheit und Leben hervor; wo aber Schönheit und Leben, da ist auch

Poesie.«

»Wollen wir nicht auf der Bank hier Platz nehmen,« fuhr er fort. »So.

Mir scheint, ich kann mir nicht erklären warum, daß, sobald Sie sich

ein wenig an mich werden gewöhnt haben (er blickte ihr hierbei lächelnd

in die Augen), wir gute Freunde sein werden. Was meinen Sie?«

Er behandelt mich wie ein kleines Mädchen, dachte Natalia wieder, und

ungewiß, was sie dazu sagen sollte, fragte sie ihn, ob er noch lange

auf dem Lande zu bleiben beabsichtige.

»Den ganzen Sommer, den Herbst und vielleicht auch den Winter. Ich bin,

wie Sie wohl wissen, wenig begütert; meine Verhältnisse sind zerrüttet,

und dann habe ich es auch schon satt, von einem Ort zum andern zu

ziehen. Es ist Zeit, daß ich mir Ruhe gönne.«

Natalia sah ihn erstaunt an.

»Sie finden wirklich, daß es _für Sie_ Zeit sei auszuruhen?« fragte sie

schüchtern.

Rudin wandte sein Gesicht ihr zu.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Ich will sagen,« erwiderte sie mit einiger Verwirrung, »daß andere

sich wohl Ruhe gönnen dürfen; Sie aber … Sie müssen arbeiten, müssen

sich bestreben, Nutzen zu schaffen. Wer denn wohl, wenn nicht Sie …«

»Ich danke für die schmeichelhafte Meinung,« unterbrach sie Rudin.

»Nutzen schaffen … das ist leicht gesagt! (Er fuhr mit der Hand über

sein Gesicht.) Nutzen schaffen!« wiederholte er. »Wenn ich auch die

feste Überzeugung hätte: auf welche Art ich Nutzen bringen könnte –

ja, wenn ich sogar Vertrauen in meine eigene Kraft hätte – wo fände ich

wohl lautere, mitfühlende Seelen? …«

Und Rudin ließ mit so hoffnungsloser Miene die Hand fallen und senkte

so betrübt den Kopf, daß Natalia unwillkürlich die Frage an sich

stellte: ob sie denn wohl aus _seinem_ Munde tags zuvor so begeisterte,

Hoffnung sprühende Reden gehört habe?

»Doch nein,« setzte er hinzu, und schüttelte ungestüm seine Löwenmähne,

»Unsinn das, Sie haben recht. Ich danke Ihnen, Natalia Alexejewna,

danke Ihnen von Herzen. (Natalia wußte entschieden nicht, wofür er ihr

dankte.) Ein Wort von Ihnen hat mich an meine Pflicht erinnert, hat mir

meine Bahn vorgezeichnet … Ja, ich muß handeln. Ich darf mein Talent,

wenn ich es wirklich besitze, nicht verbergen; ich darf meine Kräfte

nicht in Geschwätz, in leerem, nichtsnutzigem Geschwätz und eitlem

Gerede vergeuden …«

* * * * *

Und es ergoß sich seine Rede wie ein Strom. Er sprach schön,

begeistert, hinreißend – über Kleinmütigkeit und Trägheit, über

die Notwendigkeit, Taten zu vollbringen. Er machte sich selbst

Vorwürfe, bewies, daß sich über das, was man leisten wolle, im voraus

auszulassen, ebenso nachteilig wäre, wie wenn man eine reifende Frucht

mit einer Nadel anstechen wollte, das sei nur nutzlose Vergeudung der

Kräfte und Säfte. Er behauptete, es gäbe keinen edleren Gedanken, der

nicht Anklang fände, daß nur jene Menschen unverstanden blieben, die

entweder selbst noch nicht wüßten, was sie wollen, oder solche, die

nicht wert seien, verstanden zu werden. Er sprach lange und schloß

seine Rede damit, daß er Natalia nochmals dankte und ganz unerwartet,

ihr die Hand drückend, sagte: »Sie sind ein herrliches, edles Wesen!«

Diese Freiheit setzte Mlle. Boncourt in Erstaunen, die, trotz ihres

vierzigjährigen Aufenthaltes in Rußland, mit Mühe das Russische

verstand und nur die anmutige Schnelligkeit und das Fließende in der

Rede Rudins bewunderte. Er galt überhaupt in ihren Augen als eine Art

Virtuos oder Künstler, und an Leute dieses Schlages durften keine

Schicklichkeitsforderungen gestellt werden.

Sie erhob sich von ihrem Platze und ihr Kleid hastig zurechtklopfend,

machte sie Natalia darauf aufmerksam, daß es Zeit sei heimzukehren,

um so mehr, da ~monsieur Volinsoff~ (so nannte sie Wolinzow) sich zum

Frühstück habe einfinden wollen.

»Da ist er bereits!« fügte sie mit einem Blicke nach einer der Alleen,

die zum Hause führten, hinzu.

Und wirklich zeigte sich Wolinzow in einiger Entfernung.

Mit unentschlossenen Schritten trat er näher, begrüßte alle schon

von weitem und, mit leidendem Ausdruck im Gesichte, sich zu Natalia

wendend, fragte er:

»Ah! Sie gehen spazieren?«

»Ja,« antwortete Natalia, »wir waren im Begriff, nach Hause

zurückzukehren.«

»Ah!« sprach Wolinzow. »Nun, so wollen wir gehen.«

Und alle machten sich nach dem Hause auf.

»Wie ist das Befinden Ihrer Schwester?« fragte Rudin mit besonders

teilnehmender Stimme Wolinzow. Auch am Abend vorher war er sehr

freundlich gegen ihn gewesen.

»Ich danke recht sehr. Sie befindet sich wohl. Sie wird vielleicht

heute kommen … Sie unterhielten sich vorhin, wie mir schien, als ich

herkam?«

»Ja, wir unterhielten uns. Natalia Alexejewna hat ein Wort fallen

lassen, das eine gewaltige Wirkung auf mich hervorgebracht hat …«

Wolinzow fragte nicht, was für ein Wort das gewesen sei, und in tiefem

Schweigen erreichten alle das Haus der Darja Michailowna.

* * * * *

Vor dem Essen fand sich die Gesellschaft wieder im Salon ein. Pigassow

jedoch erschien nicht. Rudin war nicht aufgelegt; er bat fortwährend

Pandalewski, aus Beethoven vorzuspielen. Wolinzow schwieg und schaute

vor sich hin. Natalia blieb der Mutter immer zur Seite und war bald

in Gedanken versunken, bald mit ihrer Arbeit beschäftigt. Bassistow

verwandte die Augen nicht von Rudin, immer in der Erwartung, er werde

etwas Kluges vorbringen. So vergingen ziemlich einförmig drei Stunden.

Alexandra Pawlowna kam nicht zu Mittag – und Wolinzow ließ gleich nach

beendigter Tafel seine Kalesche anspannen und fuhr davon, ohne von

jemand Abschied genommen zu haben.

Er fühlte sich beklommen. Schon lange liebte er Natalia, hatte es aber

noch nicht gewagt, ihr seine Neigung zu gestehen, und unter diesem

ängstlichen Zustande litt er aufs grausamste … Sie sah ihn gerne –

doch blieb ihr Herz ruhig: darüber täuschte er sich nicht. Er hatte

auch nicht gehofft, ihr zärtliche Gefühle einzuflößen und erwartete

nur, sie werde mit der Zeit, wenn sie sich vollkommen an ihn gewöhnt

haben würde, ihm näherstehen. Was konnte ihn denn beunruhigen? Was für

eine Veränderung hatte er in diesen paar Tagen wahrgenommen? Natalias

Benehmen gegen ihn war ganz so wie vorher …

War es die Befürchtung: er kenne Natalias Charakter nicht, sie sei ihm

fremder, als er geglaubt habe – war’s Eifersucht, die in ihm erwacht

war, oder hatte er eine dunkle Ahnung von etwas Schlimmem … genug, er

litt, so sehr er sich auch zu beherrschen suchte.

Als er bei seiner Schwester eintrat, saß Leschnew bei ihr.

»Warum so früh zurückgekehrt?« fragte Alexandra Pawlowna.

»Ich weiß es selbst nicht! Ich langweilte mich.«

»War Rudin da?«

»Er war da.«

Wolinzow warf seine Mütze hin und setzte sich.

Alexandra Pawlowna wandte sich mit Lebhaftigkeit zu ihm.

»Ich bitte dich, Sergei, hilf mir, diesem starrsinnigen Menschen da«

– sie wies dabei auf Leschnew – »begreiflich zu machen, daß Rudin

ungewöhnlich klug und beredt ist.«

Wolinzow brummte etwas in den Bart.

»Ich widerstreite Ihnen durchaus nicht,« begann Leschnew, »ich zweifle

nicht an Rudins Geist und Beredsamkeit; ich sage bloß, daß er mir nicht

gefällt.«

»Hast du ihn denn gesehen?« fragte Wolinzow.

»Ich habe ihn heute morgen bei Darja Michailowna gesehen. Er ist

ja jetzt ihr Großwesir. Es wird die Zeit kommen, wo sie auch ihn

verabschiedet – von Pandalewski allein wird sie sich niemals trennen –,

jetzt aber herrscht jener. Jawohl, ich habe ihn gesehen! Er saß da –

und sie zeigte mich ihm: da schauen Sie einmal, mein Bester, was für

sonderbare Kerle wir hier haben. Ich bin kein Zuchtpferd – bin es nicht

gewohnt, vorgeführt zu werden. Da bin ich ohne Umstände davongefahren.«

»Warum warst du denn aber bei ihr?«

»Wegen einer Vermessung; aber das ist nur ein Vorwand: sie wollte sich

ganz einfach meine Physiognomie besehen. Eine große Dame – wir kennen

das!«

»Seine Überlegenheit ist Ihnen störend – das ist es!« sagte mit Feuer

Alexandra Pawlowna, »das ist es, was Sie ihm nicht vergeben können.

Ich aber bin überzeugt, daß er nicht nur Verstand, sondern auch ein

vortreffliches Herz hat. Betrachten Sie nur seine Augen, wenn er …«

»Von hoher Tugend spricht …«[3], setzte Leschnew hinzu.

»Sie werden mich böse machen und zum Weinen bringen. Es tut mir in der

Seele leid, daß ich bei Ihnen geblieben und nicht zu Darja Michailowna

gefahren bin. Sie waren es nicht wert. Hören Sie auf, mich zu reizen,«

setzte sie mit weinerlicher Stimme hinzu. »Es wird besser sein, Sie

erzählen mir etwas aus seinen Jugendjahren.«

»Aus Rudins Jugendjahren?«

»Ja doch. Sie sagten mir ja, Sie kennten ihn gut und seien schon lange

mit ihm bekannt.«

Leschnew erhob sich und fing an, im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ja,« begann er, »ich kenne ihn gut. Sie wollen, daß ich Ihnen

seine Jugend erzähle? Wohlan! Er ist in T. geboren, eines armen

Gutsbesitzers Kind. Sein Vater starb früh und er blieb mit der Mutter

allein. Sie war eine herzensgute Frau und liebte ihn über alles; sie

lebte sehr sparsam, und das wenige Geld, was sie hatte, gab sie für ihn

aus. Seine Erziehung hat er in Moskau erhalten, anfänglich auf Kosten

eines Oheims, dann aber, als er aufgewachsen und flügge geworden war,

auf Rechnung eines reichen Fürstensöhnchens, den er ausgewittert hatte

… schon gut, verzeihen Sie, ich werde nicht mehr … mit welchem er sich

befreundet hatte. Dann bezog er die Universität. Dort wurde ich mit ihm

bekannt und sehr intim. Von unserem damaligen Leben erzähle ich Ihnen

ein anderes Mal. Jetzt geht es nicht. Dann reiste er ins Ausland …«

Leschnew ging noch immer im Zimmer auf und ab; Alexandra Pawlowna

folgte ihm mit den Blicken.

»Aus dem Auslande«, fuhr er fort, »schrieb Rudin seiner Mutter äußerst

selten und hat sie nur einmal besucht, auf zehn Tage … Die Alte starb

auch in seiner Abwesenheit in fremden Armen, hat aber bis zu ihrem

Todesstündchen nicht das Auge von seinem Bildnisse verwandt. Als ich in

T. lebte, besuchte ich sie. Sie war eine gute, überaus gastfreie Frau

und pflegte mir immer eingemachte Kirschen vorzusetzen. Ihren Mitja

liebte sie unsäglich. Die Herren aus der Petschorinschen Schule[4]

werden Ihnen sagen, daß wir immer diejenigen lieben, die selbst wenig

fähig sind, Liebe zu fühlen; mir aber scheint es, daß alle Mütter ihre

Kinder lieben, besonders die fern von ihnen Weilenden. Später traf ich

mit Rudin im Auslande zusammen. Dort hatte ihn eine Dame, eine unserer

russischen Damen, an sich gezogen, ein Blaustrumpf, weder jung noch

hübsch, wie sich’s auch für einen Blaustrumpf schickt. Ziemlich lange

schleppte er sich mit ihr umher und ließ sie dann im Stich … doch nein,

entschuldigen Sie: sie ließ ihn im Stiche. Und auch ich verließ ihn zu

jener Zeit. Das ist alles.«

Leschnew schwieg, strich mit der Hand über die Stirn und ließ sich wie

erschöpft auf einen Lehnstuhl nieder.

»Wissen Sie aber wohl, Michael Michailitsch,« begann Alexandra

Pawlowna, »Sie sind, wie ich sehe, ein boshafter Mensch; wahrhaftig,

Sie sind nicht besser als Pigassow. Ich bin überzeugt, daß alles, was

Sie gesagt haben, wahr ist, daß Sie nichts hinzugedichtet haben, und

dennoch, in welch mißgünstigem Lichte haben Sie das alles dargestellt!

Die alte Frau, ihre Mutterliebe, ihr einsamer Tod, jene Dame … Wozu

alles das? … Wissen Sie wohl, man kann das Leben des allerbesten

Menschen mit solchen Farben schildern – ohne etwas hinzuzufügen,

wohl verstanden –, daß sich jeder davor entsetzen wird! Das ist auch

Verleumdung in ihrer Art!«

Leschnew erhob sich und begann wieder im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Ich hatte durchaus nicht die Absicht, Ihnen Entsetzen einzuflößen,

Alexandra Pawlowna,« brachte er endlich heraus. »Ich bin kein

Verleumder. Übrigens«, setzte er nach einigem Schweigen hinzu, »in

dem, was Sie gesagt haben, ist ein Teil Wahrheit. Ich habe Rudin nicht

verleumdet; doch – wer weiß! – vielleicht hat er sich seit jener Zeit

verändert – vielleicht bin ich ungerecht gegen ihn.«

»Da haben Sie es! … Versprechen Sie mir also, daß Sie die Bekanntschaft

mit ihm erneuern, ihn gehörig ergründen und mir dann erst Ihre

schließliche Meinung über ihn sagen wollen.«

»Wenn Sie es wünschen … Warum schweigst du aber, Sergei Pawlitsch?«

Wolinzow fuhr zusammen und erhob den Kopf, als hätte man ihn aus dem

Schlafe gerüttelt.

»Was sollte ich sagen? Ich kenne ihn nicht. Übrigens habe ich heute

Kopfweh.«

»Du bist wirklich etwas bleich,« bemerkte Alexandra Pawlowna.

»Ich habe Kopfweh,« wiederholte Wolinzow und verließ das Zimmer.

Alexandra Pawlowna und Leschnew sahen ihm nach und tauschten einen

Blick miteinander, doch ohne ein Wort zu sprechen. Weder ihm noch ihr

war es ein Geheimnis, was im Herzen Wolinzows vorging.

Rudin(#75298) · 第 9 / 36 题