Der folgende Tag war ein Sonntag, und Natalia verließ spät ihr Lager.
Tags zuvor war sie bis zum Abend sehr schweigsam gewesen, hatte sich
insgeheim ihrer Tränen geschämt und schlecht geruht. Halb angekleidet
vor dem kleinen Klavier sitzend, hatte sie, um Mlle. Boncourt nicht
zu wecken, kaum hörbare Akkorde gegriffen, oder war, die Stirn an die
kalten Tasten gedrückt, lange regungslos sitzengeblieben. Sie hatte
fortwährend, nicht sowohl an Rudin selbst, als vielmehr an dieses
oder jenes seiner Worte gedacht und sich gänzlich ihren Eindrücken
hingegeben.
Von Zeit zu Zeit tauchte Wolinzow in ihrer Erinnerung auf. Sie wußte,
daß er sie liebe, doch sie verwarf den Gedanken an ihn sogleich
wieder … Sie empfand eine eigentümliche Aufregung. Als der Morgen
gekommen war, kleidete sie sich rasch an, ging hinunter, und nachdem
sie ihrer Mutter einen guten Tag gewünscht hatte, benutzte sie einen
günstigen Augenblick, um sich allein in den Garten zu begeben. Es
war ein heißer, heller, sonniger Tag, wenn auch von Zeit zu Zeit von
kurzem Regen unterbrochen. Niedrige wollige Wolkenknäuel zogen ruhig
am reinen Himmel, ohne die Sonne zu verdecken, dahin und sandten den
Feldern in Zwischenräumen heftige und plötzliche Regengüsse. Große,
glänzende Tropfen fielen gleich Brillanten mit abgerissenem, trocknem
Geräusch; die Sonnenstrahlen spielten mitten durch den Regen; das Gras,
noch vor kurzem vom Winde bewegt, rührte sich nicht: es sog gierig
die Feuchtigkeit auf; das benetzte Laub zitterte an den Bäumen; die
Vögel hatten ihren Gesang nicht unterbrochen und es war eine Lust,
dem munteren Gezwitscher derselben beim kühlen Rauschen und Murmeln
des vorüberziehenden Regens zu lauschen. Kleine Staubwirbel zogen wie
Rauch auf der Landstraße dahin, die von den heftig aufschlagenden
Regentropfen wie gefleckt erschienen. Doch da ist das Wölkchen vorüber,
ein leichter Wind hat sich erhoben, in Smaragden und Gold spielt das
Gras … Blatt hat sich an Blatt gelegt, wie angeklebt, und lichter ist
es in dem Laube geworden … Starker Duft steigt überall empor …
Der Himmel hatte sich fast ganz aufgeklärt, als Natalia sich in
den Garten begab. Frische und Stille umfingen sie, jene sanfte und
beglückende Stille, welche im menschlichen Herzen sehnsuchtsvolles
Mitgefühl und unbestimmtes, heimliches Verlangen hervorruft …
Natalia wandelte den Teich entlang, in der langen Allee von
Silberpappeln, als plötzlich vor ihr, wie aus dem Boden
emporgeschossen, Rudin erschien.
Sie wurde verwirrt. Er blickte ihr ins Gesicht.
»Sie sind allein?« fragte er.
»Ja, ich bin allein,« antwortete Natalia, »ich habe übrigens nur für
eine Minute das Freie gesucht … Ich muß sogleich zurück.«
»Ich werde Sie begleiten.«
Und er ging an ihrer Seite hin.
»Sie scheinen betrübt?« sagte er nach kurzem Schweigen.
»Ich? … Und eben wollte ich Ihnen dieselbe Frage vorlegen! Sie sind,
wie mir deucht, nicht aufgelegt.«
»Vielleicht … ich bin es zuweilen. Mir kann man das leichter verzeihen
als Ihnen.«
»Weshalb das? Glauben Sie etwa, ich hätte keine Ursache, betrübt zu
sein?«
»In Ihren Jahren muß man das Leben genießen.«
Einige Schritte ging Natalia schweigend weiter.
»Dmitri Nikolaitsch!« begann sie.
»Was wünschen Sie?«
»Erinnern Sie sich … des Gleichnisses, das Sie gestern gebrauchten … es
war … von der Eiche.«
»Gewiß! Ich erinnere mich. Aber warum diese Frage?«
Natalia warf verstohlen einen Blick auf Rudin.
»Warum … was wollten Sie mit dem Gleichnisse sagen?«
Rudin senkte den Kopf und ließ den Blick in die Weite schweifen.
»Natalia Alexejewna!« fing er mit dem ihm eigenen, zurückhaltenden und
bedeutungsvollen Ausdruck an, der seine Zuhörer stets glauben machte,
er äußere kaum den zehnten Teil von dem, was ihm die Brust schwellte.
»Natalia Alexejewna! Sie haben bemerken müssen, daß ich von meiner
Vergangenheit wenig rede. Es gibt darin gewisse Saiten, die ich gar
nicht berühre. Mein Herz … wer braucht überhaupt zu wissen, was in
demselben vorgegangen ist? Solche Dinge zu offenbaren, habe ich stets
für einen Frevel gehalten. Ihnen gegenüber jedoch bin ich aufrichtig:
Sie erwecken mein Zutraun … Ich darf Ihnen kein Geheimnis daraus
machen, daß auch ich geliebt und gelitten habe, wie alle … Wann und
wie? davon lohnt sich’s nicht zu sprechen; genug, mein Herz hat der
Freuden und Leiden viel erfahren …«
Rudin hielt einen Augenblick inne.
»Das, was ich Ihnen gestern sagte,« fuhr er fort, »ließ sich in
gewisser Hinsicht auf mich anwenden, auf meine jetzige Lage. Doch
wahrlich, es lohnt nicht, davon zu reden. Diese Seite des Lebens ist
für mich bereits dahin. Mir bleibt jetzt nur, mich auf staubiger und
heißer Landstraße in elendem Wagen von Station zu Station fortrütteln
zu lassen … Wann ich mein Ziel erreichen – ob ich es überhaupt
erreichen werde – das weiß Gott … Lassen Sie uns lieber von Ihnen
sprechen.«
»Wäre es möglich, Dmitri Nikolaitsch,« unterbrach ihn Natalia, »Sie
erwarten nichts mehr vom Leben?«
»O nein! Ich erwarte vieles; doch nicht für mich … Der Tätigkeit, der
Freude am Handeln werde ich niemals entsagen; ich habe aber dem Genusse
entsagt. Mein Hoffen, mein Träumen und mein persönliches Glück haben
nichts miteinander gemein. Die Liebe (bei diesem Worte zuckte er die
Achseln) … die Liebe: – ist nicht für mich; ich bin … ihrer nicht wert;
ein Weib, welches liebt, hat das Recht des Anspruchs auf den ganzen
Mann, ganz aber kann ich mich nicht hingeben. Und dann – Gefallen ist
das Ziel und das Recht der Jugend: ich bin zu alt dazu. Wie sollte
ich noch fremde Köpfe verdrehen? Gott helfe mir, den meinen auf den
Schultern zu behalten!«
»Ich verstehe,« äußerte Natalia, »wer einem hohen Ziele entgegenstrebt,
darf nicht mehr an sich denken; warum aber wäre das Weib nicht
imstande, einen solchen Menschen zu würdigen? Mich dünkt im Gegenteil,
es würde sich eher von einem Egoisten abwenden … Alle jungen Leute,
jene Jünglinge, wie Sie sagen, sind insgesamt – Egoisten, nur mit sich
selbst beschäftigt, selbst wenn sie lieben. Glauben Sie mir, das Weib
ist nicht bloß imstande, Aufopferung zu begreifen, sie versteht es
auch, sich selbst zum Opfer zu bringen.«
Natalias Wangen hatten sich leicht gerötet und ihre Augen glänzten. Vor
ihrer Bekanntschaft mit Rudin würde man nie aus ihrem Munde eine so
lange und feurige Rede vernommen haben.
»Sie haben schon mehrmals meine Meinung von dem Berufe der Frauen
gehört,« erwiderte Rudin mit herablassendem Lächeln, »Sie wissen, daß,
meiner Ansicht nach, Johanna d’Arc allein Frankreich retten konnte …
doch, nicht davon ist die Rede. Ich wollte von Ihnen sprechen. Sie
stehen an der Schwelle des Lebens … Von Ihrer Zukunft zu sprechen,
macht Vergnügen und ist nicht ohne Nutzen … Hören Sie mich: Sie
wissen, ich bin Ihr Freund; ich nehme teil an Ihnen, wie etwa an
einer Verwandten … darum, hoffe ich, werden Sie meine Frage nicht
unbescheiden finden: sagen Sie mir, ist Ihr Herz bis jetzt ganz ruhig
gewesen?«
Natalia wurde feuerrot und antwortete nichts. Rudin blieb stehen und
sie tat dasselbe.
»Sind Sie mir böse?« fragte er.
»Nein,« sagte sie, »ich hatte aber durchaus nicht erwartet …«
»Übrigens«, fuhr er fort, »brauchen Sie mir nicht zu antworten. Ihr
Geheimnis ist mir bekannt.«
Fast erschrocken blickte Natalia ihn an.
»Ja … ja; ich weiß, wer Ihnen gefällt. Und ich muß Ihnen sagen – eine
bessere Wahl konnten Sie nicht treffen. Er ist ein vortrefflicher
Mensch; er wird Sie zu schätzen verstehen; das Leben hat ihn noch nicht
abgenutzt – seine Seele ist einfach und klar … er wird Sie glücklich
machen.«
»Von wem sprechen Sie, Dmitri Nikolajewitsch?«
»Sie sollten nicht verstehen, von wem ich spreche? Natürlich von
Wolinzow. Wie? Sollte ich mich geirrt haben?«
Natalia wandte sich etwas von Rudin ab. Sie war ganz außer Fassung.
»Liebt er Sie denn nicht? Gehen Sie doch! Er hat nur Augen für Sie
und folgt jeder Ihrer Bewegungen; läßt sich denn überhaupt die Liebe
verheimlichen? Und sind Sie ihm denn nicht selbst gut? Soviel ich
bemerken konnte, gefällt er auch Ihrer Mama … Ihre Wahl …«
»Dmitri Nikolaitsch!« unterbrach ihn Natalia, in ihrer Verwirrung die
Hand nach einem nahestehenden Strauche ausstreckend, »wirklich, es ist
mir peinlich, über diesen Gegenstand zu sprechen; ich versichere Ihnen
aber, Sie irren sich.«
»Ich mich irren?« wiederholte Rudin. »Ich glaube es nicht … Ich habe
zwar erst vor kurzem Ihre Bekanntschaft gemacht; kenne Sie aber bereits
gut. Was bedeutet denn die Veränderung, die ich an Ihnen wahrnehme,
deutlich wahrnehme! Sind Sie denn jetzt dieselbe, wie ich Sie vor
sechs Wochen gefunden habe? Nein, Natalia Alexejewna, Ihr Herz ist
nicht ruhig.«
»Kann sein,« erwiderte kaum hörbar Natalia, »Sie sind aber dennoch im
Irrtum.«
»Inwiefern?« fragte Rudin.
»Lassen Sie mich, fragen Sie mich nicht!« sagte Natalia und eilte
raschen Schrittes dem Hause zu.
Ihr selbst wurde Angst vor dem, was so plötzlich in ihr vorgegangen war.
Rudin eilte ihr nach und hielt sie auf.
»Natalia Alexejewna!« redete er sie an, »diese Unterredung darf kein
solches Ende nehmen: sie ist auch für mich gar zu wichtig … Wie soll
ich Sie verstehen?«
»Lassen Sie mich!« wiederholte Natalia.
»Natalia Alexejewna, um Gottes willen!«
Auf Rudins Gesicht war Unruhe zu lesen. Er war bleich geworden.
»Sie verstehen alles, müssen auch mich verstehen!« sagte Natalia, riß
ihre Hand aus der seinigen und entfernte sich, ohne sich umzusehen.
»Nur ein Wort!« rief ihr Rudin nach.
Sie blieb stehen, ohne sich jedoch umzudrehen.
»Sie fragten mich, was ich mit dem gestrigen Gleichnisse hätte sagen
wollen. So hören Sie es, ich will Sie nicht hintergehen. Ich sprach von
mir, von meiner Vergangenheit – und von Ihnen.«
»Wie? Von mir?«
»Ja, von Ihnen; ich wiederhole es, ich will Sie nicht hintergehen …
Jetzt wissen Sie, von welchem Gefühle, von welchem neuen Gefühle ich
in jenem Augenblick sprach … Vor dem heutigen Tage würde ich es nicht
gewagt haben …«
Natalia bedeckte rasch das Gesicht mit den Händen und lief dem Hause zu.
Sie war dermaßen durch den unerwarteten Ausgang ihres Gesprächs mit
Rudin erschüttert, daß sie Wolinzow, an dem sie vorbeigelaufen war,
nicht einmal bemerkt hatte. Er stand unbeweglich, mit dem Rücken
an einen Baum gelehnt. Eine Viertelstunde vorher war er zu Darja
Michailowna gekommen, hatte dieselbe im Gastzimmer getroffen, ihr ein
paar Worte gesagt und sich unbemerkt entfernt, in der Absicht, Natalia
aufzusuchen. Geleitet von dem, den Verliebten eigentümlichen Instinkt,
war er geradeswegs in den Garten gegangen und auf Rudin und Natalia
in dem Augenblicke gestoßen, als sie ihre Hand der seinigen entriß.
Wolinzow war es dunkel vor den Augen geworden. Nachdem er Natalia mit
den Blicken gefolgt war, verließ er den Baum und tat ein paar Schritte,
ohne selbst zu wissen, wohin und warum.
Rudin bemerkte ihn im Vorbeigehen. Beide blickten einander in die
Augen, tauschten einen Gruß und trennten sich schweigend.
Damit ist es nicht abgemacht, dachten beide.
Wolinzow entfernte sich an das äußerste Ende des Gartens. Ein
bitterpeinliches Gefühl hatte sich seiner bemächtigt; auf dem Herzen
lag es ihm wie Blei und das Blut in ihm wallte von Zeit zu Zeit
schwer und heftig auf. Es fielen wieder Tropfen. Rudin war auf sein
Zimmer zurückgekehrt. Auch er war nicht ruhig: im Wirbel drehten
sich die Gedanken in seinem Kopfe. Wer sollte durch die unerwartete,
vertrauensvolle Hingabe einer jungen, reinen Seele nicht verwirrt
werden!
Bei der Mittagstafel wollte kein Gespräch in Gang kommen. Natalia
war sehr bleich, hielt sich kaum auf ihrem Stuhle und hob die Augen
nicht auf. Wolinzow saß, wie er gewohnt war, an ihrer Seite, und zwang
sich von Zeit zu Zeit, das Wort an sie zu richten. Es traf sich,
daß Pigassow an diesem Tage bei Darja Michailowna speiste. Er war
der Gesprächigste von allen bei Tische. Unter anderen suchte er zu
beweisen, daß man die Menschen, wie Hunde, in zwei Klassen, in kurz-
und langohrige, einteilen könne. »Die Menschen«, sagte er, »haben kurze
Ohren, entweder von Geburt an oder durch eigene Schuld. In beiden
Fällen sind sie zu beklagen, denn nichts gelingt ihnen – es fehlt ihnen
das Selbstvertrauen. Der Langohrige dagegen ist ein Glückskind. Er
mag schlechter und schwächer als der Kurzohrige sein, er besitzt aber
Selbstvertrauen; er spitzt die Ohren – und alles bewundert ihn.«
»Ich«, setzte er mit einem Seufzer hinzu, »gehöre zur Klasse der
Kurzohrigen, und, was dabei das Schlimmste ist, ich habe mir die Ohren
selbst gestutzt.«
»Damit wollen Sie sagen,« warf nachlässig Rudin ein, »was übrigens
bereits lange vor Ihnen La Rochefoucauld gesagt hat: ›Vertraue
dir selbst und andere werden dir vertrauen.‹ Wozu aber da die
Ohrengeschichte!«
»So lassen Sie doch jeden,« bemerkte Wolinzow bitter und mit funkelndem
Blick, »lassen Sie jeden sich ausdrücken, wie es ihm gefällt. Man redet
von Despotismus … Nach meiner Meinung gibt’s keinen ärgeren Despotismus
als den der sogenannten klugen Geister. Fort mit ihnen!«
Alle waren über diesen Ausfall Wolinzows in Staunen geraten und
verstummt. Rudin warf einen Blick auf ihn, konnte aber den seinigen
nicht ertragen und wandte sich ab, lächelte verlegen und sagte nichts.
Oho! Auch du hast kurze Ohren! dachte Pigassow bei sich; Natalia bebte
vor Angst. Darja Michailowna maß Wolinzow mit einem langen, erstaunten
Blick und nahm endlich das Wort; sie begann von einem ungewöhnlichen
Hunde zu erzählen, der ihrem Freunde, dem Minister N. N., gehörte …
Wolinzow entfernte sich bald nach Tische. Beim Abschiednehmen von
Natalia hielt er nicht mehr an sich und sagte zu ihr:
»Warum sind Sie so verstört, als wären Sie sich einer Schuld bewußt?
Sie können sich – vor niemandem – einer Schuld bewußt sein! …«
Natalia hatte nichts verstanden und folgte ihm bloß mit den Augen. Vor
dem Tee trat Rudin zu ihr, und über den Tisch gebeugt, als überfliege
er die Zeitungen, flüsterte er ihr zu:
»Es ist wie ein Traum, nicht wahr? Ich muß Sie durchaus allein sprechen
… wäre es auch nur auf einen Augenblick.« Und zu Mlle. Boncourt
gewendet, sagte er: »Hier ist das Feuilleton, welches Sie suchten,«
dann neigte er sich wieder zu Natalia und setzte leise hinzu: »Suchen
Sie gegen zehn Uhr sich in der Fliederlaube neben der Terrasse
einzufinden, ich werde Sie erwarten …«
Der Held dieses Abends blieb Pigassow. Rudin hatte ihm den Kampfplatz
überlassen. Er machte Darja Michailowna viel lachen; zuerst erzählte
er von einem seiner Nachbarn, der dreißig Jahre unter dem Pantoffel
seiner Ehehälfte gestanden und sich bis zu dem Grade Weibergewohnheiten
angeeignet hatte, daß er einst, im Beisein Pigassows, beim
Überschreiten einer kleinen Pfütze, die Schöße seines Gehrocks aufnahm,
wie Frauen es mit ihren Röcken zu tun pflegen. Dann kam er auf einen
anderen Gutsbesitzer, der anfangs Freimaurer, dann Melancholiker
gewesen war und endlich Bankier zu werden gewünscht hatte.
»Wie haben Sie es denn angefangen, Freimaurer zu werden, Philipp
Stepanitsch?« hatte ihn Pigassow gefragt.
»Nichts leichter als das,« habe er geantwortet, »ich ließ mir den
Nagel des kleinen Fingers wachsen.« Über nichts jedoch lachte Darja
Michailowna mehr, als wenn Pigassow anfing, sich über die Liebe
auszulassen und zu beteuern, auch nach ihm sei geseufzt worden, und
eine feurige Ausländerin habe ihn sogar »ihr appetitliches Afrikänchen«
genannt. Darja Michailowna lachte, doch war es die Wahrheit, was
Pigassow erzählte: er hatte in der Tat ein Recht, mit seinen Siegen
zu prahlen. Er behauptete, nichts wäre leichter, als jedes beliebige
Frauenzimmer verliebt zu machen: man dürfe ihr bloß zehn Tage
nacheinander wiederholen, sie habe das Paradies auf den Lippen,
Seligkeit in den Augen und die übrigen Weiber seien bloß Lappen im
Vergleich zu ihr; und am elften Tage werde sie selbst sagen, sie habe
das Paradies auf den Lippen, Seligkeit in den Augen und wird sich in
Sie verlieben. In der Welt kommt alles vor. Wer weiß, vielleicht hatte
Pigassow recht.
Um halb neun Uhr war Rudin bereits in der Laube. Am fernen,
erbleichenden Horizonte tauchten eben die ersten Sternchen auf; im
Westen war der Himmel noch gerötet – auch war auf dieser Seite der
Horizont heller und reiner; der Halbmond schimmerte wie Gold durch
das dunkle Geflecht der Trauerbirke. Die übrigen Bäume standen
entweder vereinzelt mit durchscheinenden Laubkronen gleich finsteren,
tausendäugigen Riesen da oder verschwammen in dichte, düstere
Massen. Kein Blatt regte sich; die äußersten Zweige der Flieder-
und Akazienbäume strecken ihre Spitzen in die warme Luft hinaus, als
lauschten sie auf etwas. Das nahe Haus hüllte sich in Dunkel; wie
rötlich gefärbte Streifen hoben sich an demselben die erhellten,
länglichen Fenster ab. Die Nacht war milde und still; doch schien es,
als ob ein zurückgehaltener, leidenschaftlicher Seufzer geheimnisvoll
in dieser Stille verhallte.
Rudin stand, die Arme über die Brust gekreuzt und horchte mit äußerster
Spannung. Sein Herz klopfte heftig und unwillkürlich hielt er den Atem
an. Endlich glaubte er leichte, hastige Schritte zu vernehmen und
Natalia trat in die Laube.
Rudin stürzte ihr entgegen und ergriff ihre Hände. Sie waren kalt wie
Eis.
»Natalia Alexejewna!« redete er sie mit bebender Stimme an, »ich wollte
Sie sehen … ich konnte den morgenden Tag nicht erwarten. Ich muß Ihnen
sagen, was ich vor dem heutigen Morgen selbst noch nicht geahnt hatte,
mir noch nicht bewußt war: ich liebe Sie.«
Natalias Hände zuckten schwach in den seinigen.
»Ich liebe Sie,« wiederholte er, »und daß ich so lange mich täuschen,
so lange nicht ahnen konnte, daß ich Sie liebe … Und Sie, Natalia
Alexejewna … antworten Sie mir – und Sie?«
Natalia konnte kaum atmen.
»Sie sehn, ich bin hergekommen,« brachte sie endlich hervor.
»Oh! sagen Sie, lieben Sie mich?«
»Ich glaube … ja …« sagte sie leise.
Rudin drückte ihr noch heftiger die Hände und wollte sie an sich
ziehen …
Natalia blickte sich rasch um.
»Lassen Sie mich – es wird mir bange –, mir deucht, es belauscht uns
jemand … Um Gottes willen, seien Sie vorsichtig. Wolinzow ahnt etwas.«
»Mag er! Sie haben gesehen, ich habe ihm heute nicht einmal geantwortet
… Ach, Natalia Alexejewna, wie bin ich glücklich! Jetzt soll uns nichts
mehr trennen!«
Natalia blickte ihm in die Augen.
»Lassen Sie mich,« flüsterte sie, »es ist Zeit, daß ich zurückkehre.«
»Einen Augenblick,« bat Rudin.
»Nein, lassen Sie, lassen Sie mich …«
»Sie scheinen Furcht vor mir zu haben?«
»Nein; ich habe keine Zeit mehr …«
»So wiederholen Sie denn, wenigstens noch einmal …«
»Sie sagen, Sie sind glücklich?« fragte Natalia.
»Ich? Es gibt keinen glücklicheren Menschen als mich auf der Welt!
Zweifeln Sie etwa?«
Natalia erhob den Kopf. Wie schön war ihr bleiches, edles, junges,
aufgeregtes Gesicht – in dem geheimnisvollen Dunkel der Laube, beim
schwachen Lichte des nächtlichen Himmels.
»So wissen Sie denn,« sagte sie, »ich bin die Ihre.«
»O Gott!« rief Rudin aus.
Natalia aber machte sich los und ging fort. Rudin blieb einige Zeit
stehen, und verließ dann langsam die Laube. Der Mond erleuchtete hell
sein Gesicht; ein Lächeln schwebte auf seinen Lippen.
»Ich bin glücklich,« sagte er halblaut. »Ja, ich bin glücklich,«
wiederholte er, als suchte er sich selbst dazu zu überreden.
Er warf sich in die Brust, strich sein Lockenhaar zurecht und vertiefte
sich in den Garten, lustig die Arme schwenkend.
Unterdessen aber wurden in der Fliederlaube die Zweige behutsam
voneinandergebogen und es zeigte sich Pandalewski. Vorsichtig blickte
er sich um, schüttelte den Kopf, preßte die Lippen zusammen, sagte
mit bezeichnendem Tone: »So stehen die Sachen! Davon muß man Darja
Michailowna in Kenntnis setzen,« und verschwand.