Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei
ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins
Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete
ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht
habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob
Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder
ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm
bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja
Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand,
und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über
seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja
Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin
aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar
schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein
vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la
madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,
ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren
Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war.
Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem
Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets
im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin
umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten,
hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen
berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas
zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren
Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr
bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von
ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,
wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze,
immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten
Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.
* * * * *
Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder
unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen
Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu
halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,
den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner
Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem
Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von
jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt
sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten
seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner
ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.
* * * * *
Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer
Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte
mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche
Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand
sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht
unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.
Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das
Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin
und verstummte.
»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb
Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die
ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen
und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die
Schönheiten der Natur haben.«
Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an.
»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich;
wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s
nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier
als der Geistreichste.«
»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin.
»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er
heitert zuweilen auf.«
»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg.
Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es
liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen
Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für
einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden
viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen,
Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals
falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn
Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend
und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er
stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den
wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens
– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste
und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen,
schelten darf nur, wer liebt.«
»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie
verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens
würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt
er ja doch ausschließlich seine eigene Person.«
»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu
dürfen,« fiel Rudin ein.
Darja Michailowna lachte.
»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! –
A propos – was halten Sie von dem Baron?«
»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und
erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber
Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein –
Nichts … Es ist aber schade um ihn!«
»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe
seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~«
»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen
Rudin.
Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer
Zigarette.
»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die
Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts.
Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait
honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle.
Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar
unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder
menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den
Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen
Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen
schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn
und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr
wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein
liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es
durchaus werden.«
»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.
»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist
verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich
würde mich nur in solche Weiber verlieben.«
»Wirklich?«
»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische
läßt sich nicht künstlich nachahmen.«
»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der
Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast
greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte
die Nase …
»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin
nicht gleichgültig wäre?« fragte er.
»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus
dieser Gegend.«
Rudin erstaunte und erhob den Kopf.
»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?«
»Ja. Sie kennen ihn also?«
Rudin schwieg.
»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich,
wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles
zupfte.
»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer
Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch
gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe
ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen
doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«
Rudin nickte mit dem Kopfe.
»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den
fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,
dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht
schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis
durch die Luft beschrieb.
»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich,
»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen
Sinn absprechen.«
Darja Michailowna lächelte.
»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch
erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm
über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir
eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer
Sonderling.«
Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der
Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in
schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein.
»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten
Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à
Canning~?«
»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann,
»befehlen Sie zu empfangen?«
»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte
ihn her!«
Der Haushofmeister ging hinaus.
»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten
Stunde; er unterbricht unser Gespräch.«
Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber
zurück.
»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart
besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie
das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~.
Bleiben Sie?«
Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb.
Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett.
Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen
dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an
den Teetisch heran.
»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur
Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie
sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin
deutend.
Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar.
»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung.
»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin
halblaut und schlug den Blick zu Boden.
»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew
kalt.
Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat
Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich.
»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die
Vermessung?«
»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen
gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht
verwandt miteinander.«
»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft,
so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig
zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.«
»Das wußte ich.«
»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft
mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.«
»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob
die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?«
»So ist es.«
»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist
lobenswert.«
Leschnew schwieg einen Augenblick.
»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,«
sagte er.
Darja Michailowna lächelte.
»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem
Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«
»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch.
»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?«
»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«
»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen,
Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie
an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem
so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus
vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_
Ihnen nicht?«
»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir
auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen
gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen
gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren
Kreis.«
»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael
Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.«
»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna!
Nicht darauf kommt es an …«
»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat
man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?«
»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb
glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?«
Darja Michailowna biß sich in die Lippen.
»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich
mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«
»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich
dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«
Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes
Schweigen trat ein.
»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere
Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß
er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«
»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig
sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.«
»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.«
Darja Michailowna zuckte die Achseln.
»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte
sie.
»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch
bald nach Hause.«
Darja Michailowna erhob sich.
»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich
darf Sie nicht aufhalten.«
Leschnew verabschiedete sich.
»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«
»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging
hinaus.
»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl
von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber
doch alles!«
»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem
Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles,
dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht
und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in
ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der
Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den
Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht
unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht
vorhanden!«
»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der
Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.«
»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte
eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt,
geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener
Mißverständnisse …«
»Haben Sie sich entzweit?«
»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer
getrennt.«
»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie
mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für
den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm
verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum
Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein
Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est
mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen
denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz
entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie
bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft
verschafft hat!«
Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst,
führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf
die Terrasse, wo er Natalia traf.
V
Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten
Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet,
mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt.
Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich
etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat
ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen
hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,
fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft
geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die
Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer
Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen
und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft …
~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr
vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den
Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht
zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern.
Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie
selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,
wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes,
vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de
fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.
»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht
wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna
täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.
Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.
»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna
zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen
Kopf für dich.«
Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte
ich nicht meinen Kopf für mich haben?
Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle.
Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu
gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte
aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr
schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie;
doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische
Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen.
Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen
System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein
französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen
natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane
las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders
streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere
historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die
ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten
Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den
Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,
den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren
Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin
auswendig.
Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.
»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.
»Ja. Wir gehen in den Garten.«
»Darf ich mich Ihnen anschließen?«
Natalia sah Mlle. Boncourt an.
»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte
Jungfer.
Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.
Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben
Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete
an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr
das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne
Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so
oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.
»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit
einem Seitenblick streifend.
»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh,
daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«
»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es
begreiflich: Sie sind jung.«
Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine
Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.
»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist
– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«
Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.
»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,«
fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle
unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie
auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.