IV

Kaum hatte sich Rudin am folgenden Morgen angekleidet, so erschien bei

ihm ein Diener von Darja Michailowna mit der Einladung, sich zu ihr ins

Kabinett zum Tee zu bemühen. Rudin traf sie allein. Sie bewillkommnete

ihn höchst freundlich, erkundigte sich, ob er die Nacht gut verbracht

habe und schenkte ihm selbst eine Tasse Tee ein; sie fragte sogar, ob

Zucker genug darin sei, bot ihm eine Zigarette an, und äußerte wieder

ein paar Male, daß sie sich wundere, wie sie nicht früher mit ihm

bekannt geworden sei. Rudin hatte etwas entfernt Platz genommen; Darja

Michailowna aber wies auf einen Diwan, der neben ihrem Sessel stand,

und begann, sich ein wenig nach seiner Seite hinneigend, ihn über

seine Verwandten, seine Pläne und seine Aussichten zu befragen. Darja

Michailowna sprach leicht hingeworfen und hörte zerstreut zu; Rudin

aber merkte sehr wohl, daß sie ihm zu gefallen suche, ja, ihm sogar

schmeichele: Nicht umsonst hatte sie also dieses Morgenstelldichein

vorbereitet, nicht umsonst ein einfaches aber graziöses Kleid ~à la

madame Récamier~ angelegt! Übrigens hörte Darja Michailowna bald auf,

ihn auszufragen: sie fing an, ihm von sich zu erzählen, von ihren

Jugendjahren und den Personen, mit denen sie bekannt gewesen war.

Rudin hörte teilnehmend ihrem Gerede zu, doch – sonderbar! – von wem

Darja Michailowna auch sprechen mochte, ihre eigene Person stand stets

im Vordergrunde und drängte jede andere zurück; dabei erfuhr Rudin

umständlich, was Darja Michailowna namentlich zu dieser bekannten,

hochgestellten Persönlichkeit geredet, welchen Einfluß sie auf jenen

berühmten Dichter ausgeübt hatte. Den Bekenntnissen Darja Michailownas

zufolge hätte man glauben können, daß alle Bedeutenden unter ihren

Zeitgenossen einzig und allein nur danach getrachtet hätten, mit ihr

bekannt zu werden, oder sich ihr Wohlwollen zu erwerben. Sie sprach von

ihnen in einfacher Weise, ohne besonderes Entzücken oder Lobeserhebung,

wie von ihr nahestehenden Personen; einige nannte sie sonderbare Käuze,

immer aber reihten sich ihre Namen, wie bei einem kostbar gefaßten

Edelstein, in strahlendem Kranze um den einen Namen: Darja Michailowna.

* * * * *

Rudin hörte zu, rauchte seine Zigarette und schwieg; nur hin und wieder

unterbrach er durch kurze Bemerkungen den Redeschwall der gnädigen

Frau. Er verstand und liebte zu sprechen; eine Unterhaltung im Gange zu

halten, war ihm nicht eigen, doch verstand er auch zuzuhören. Jeder,

den er nicht gleich anfangs eingeschüchtert hatte, ließ sich in seiner

Gegenwart zutraulich aus; so gefällig und ermunternd folgte der dem

Faden der Erörterungen anderer. Er besaß viel Gutmütigkeit, viel von

jener eigentümlichen Gutmütigkeit, welche Leuten eigen ist, die gewohnt

sind, sich über andere erhaben zu fühlen. Im Wortstreit ließ er selten

seinem Gegner das letzte Wort, sondern überwältigte ihn mit seiner

ungestümen und leidenschaftlichen Dialektik.

* * * * *

Darja Michailowna sprach russisch. Sie prahlte mit der Kenntnis ihrer

Muttersprache, obgleich bei ihr oft Gallizismen und französische Worte

mit unterliefen. Absichtlich gebrauchte sie einfache, volkstümliche

Ausdrucksweisen, doch nicht immer an dem rechten Orte. Rudins Ohr fand

sich durch die buntscheckige Sprache in Darja Michailownas Munde nicht

unangenehm berührt, wenn überhaupt er ein Ohr dafür hatte.

Diese hatte sich indes bald erschöpft, sie ließ den Kopf auf das

Rückenkissen des Lehnstuhls zurücksinken, richtete den Blick auf Rudin

und verstummte.

»Jetzt begreife ich,« begann langsam Rudin, »begreife ich es, weshalb

Sie jeden Sommer aufs Land reisen. Sie bedürfen dieser Erholung; die

ländliche Stille, nach dem Leben in der Hauptstadt, muß Sie erfrischen

und stärken. Ich bin überzeugt, Sie müssen ein tiefes Gefühl für die

Schönheiten der Natur haben.«

Darja Michailowna blickte Rudin von der Seite an.

»Die Natur … nun ja … ja, freilich … ich liebe sie außerordentlich;

wissen Sie aber, Dmitri Nikolajitsch, selbst auf dem Lande lebt sich’s

nicht ohne Menschen. Hier herum gibt’s aber keinen. Pigassow gilt hier

als der Geistreichste.«

»Der mürrische Graukopf von gestern?« fragte Rudin.

»Nun ja, derselbe. Auf dem Lande übrigens nimmt man ihn schon mit – er

heitert zuweilen auf.«

»Er hat Verstand,« erwiderte Rudin, »geht aber einen falschen Weg.

Ich weiß nicht, ob Sie mir recht geben werden, Darja Michailowna, es

liegt aber wirklich kein Segen in dem unbegrenzten und vollständigen

Verneinen. Verneinen Sie alles, und man wird Sie möglicherweise für

einen klugen Kopf halten: dieser Kunstgriff ist bekannt. Es werden

viele in ihrer Einfalt sogleich bereit sein, den Schluß zu ziehen,

Sie ständen höher als das, was Sie verneinen. Das ist aber oftmals

falsch. Erstens lassen sich in allem Flecken finden, zweitens, wenn

Sie auch recht hätten, bleiben Sie im Nachteil: Ihr Geist, fortwährend

und ausschließlich zur Verneinung gestimmt, verliert seine Kraft, er

stumpft ab. Indem Sie Ihre Selbstliebe befriedigen, rauben Sie sich den

wirklichen Genuß der Erkenntnis; das Leben – der innere Wert des Lebens

– entschlüpft Ihrem kleinlichen und erbitterten Beobachtungsgeiste

und Sie sinken zuletzt zu einem Zänker und Spaßmacher herab. Rügen,

schelten darf nur, wer liebt.«

»~Voilà Mr. Pigassoff enterré~,« sagte Darja Michailowna. »Sie

verstehen es aber meisterhaft, die Menschen zu schildern! Übrigens

würde Pigassow Sie wahrscheinlich nicht einmal begriffen haben. Liebt

er ja doch ausschließlich seine eigene Person.«

»Und er schilt dieselbe, um einen Vorwand zu haben, andere schelten zu

dürfen,« fiel Rudin ein.

Darja Michailowna lachte.

»Ja, ja, wie das Sprichwort sagt: vom kranken Kopf auf den Gesunden! –

A propos – was halten Sie von dem Baron?«

»Vom Baron? Er ist ein vortrefflicher Mensch, mit gutem Herzen und

erfahren … aber ohne Charakter … er wird sein ganzes Leben ein halber

Gelehrter, halber Weltmann, d. h. Dilettant bleiben, kurz gesagt, ein –

Nichts … Es ist aber schade um ihn!«

»Das ist auch meine Ansicht,« erwiderte Darja Michailowna. »Ich habe

seinen Aufsatz gelesen … ~Entre nous … cela a assez peu de fond.~«

»Wen haben Sie sonst noch in der Nähe?« fragte nach einigem Schweigen

Rudin.

Darja Michailowna strich mit dem kleinen Finger die Asche von ihrer

Zigarette.

»Weiter gibt es wohl niemand. Die Lipin, Alexandra Pawlowna, die

Sie gestern gesehen haben: sie ist allerliebst, und weiter nichts.

Ihr Bruder – ebenfalls ein vortrefflicher Mensch, ~un parfait

honnête homme~. Den Fürsten Garin kennen Sie. Das sind sie alle.

Es sind da noch zwei, drei Nachbarn, die sind aber ganz und gar

unbedeutend. Entweder Wichtigtuer – mit ungeheuren Prätensionen oder

menschenscheues, oft am unrichtigen Platze ungeniertes Volk. Mit den

Damen gehe ich nicht um, wie Sie wissen. Wir haben wohl noch einen

Nachbarn, einen sehr gebildeten, sogar gelehrten Mann, aber einen

schrecklichen Sonderling, einen Schwärmer. Alexandrine kennt ihn

und, wie es scheint, ist er ihr nicht gleichgültig … Sie sollten ihr

wirklich Aufmerksamkeit schenken, Dmitri Nikolaitsch: das ist ein

liebes Wesen; sie müßte nur etwas ausgebildet werden, ja sie muß es

durchaus werden.«

»Sie ist sehr anziehend,« bemerkte Rudin.

»Ein wahres Kind, Dmitri Nikolaitsch, eine wahre Unschuld. Sie ist

verheiratet gewesen, ~mais c’est tout comme~ … Wäre ich ein Mann, ich

würde mich nur in solche Weiber verlieben.«

»Wirklich?«

»Gewiß! Dergleichen Frauen sind zum mindesten frisch und die Frische

läßt sich nicht künstlich nachahmen.«

»Alles andere aber?« fragte Rudin mit Lachen, was selten bei ihm der

Fall war. Wenn er lachte, nahm sein Gesicht einen eigentümlichen, fast

greisenhaften Ausdruck an, die Augen zogen sich zusammen, er rümpfte

die Nase …

»Wer ist denn aber jener Sonderling, wie Sie sagen, der Frau Lipin

nicht gleichgültig wäre?« fragte er.

»Ein gewisser Leschnew, Michael Michailitsch, ein Gutsbesitzer aus

dieser Gegend.«

Rudin erstaunte und erhob den Kopf.

»Leschnew, Michael Michailitsch?« fragte er, »ist der denn Ihr Nachbar?«

»Ja. Sie kennen ihn also?«

Rudin schwieg.

»Ich habe ihn vormals gekannt … es ist schon lange her. Er ist reich,

wie man sagt?« fügte er hinzu, indem er an den Fransen des Lehnstuhles

zupfte.

»Ja, reich ist er, kleidet sich jedoch abscheulich und fährt auf einer

Reitdroschke gleich einem Dorfverwalter umher. Ich habe den Versuch

gemacht, ihn in mein Haus zu ziehen; er soll Verstand haben; dann stehe

ich auch gewissermaßen in Geschäftsverbindung mit ihm … Sie wissen

doch, daß ich mein Gut selbst verwalte?«

Rudin nickte mit dem Kopfe.

»Ja, selbst,« fuhr Darja Michailowna fort, »ich führe nichts von den

fremdländischen Albernheiten bei mir ein, halte mich an dem Meinigen,

dem Russischen, und Sie sehen, die Sache geht, denke ich, nicht

schlecht,« setzte sie hinzu, indem sie dabei mit der Hand einen Kreis

durch die Luft beschrieb.

»Ich bin immer der Überzeugung gewesen,« bemerkte Rudin verbindlich,

»daß diejenigen schreiendes Unrecht begehen, die den Frauen praktischen

Sinn absprechen.«

Darja Michailowna lächelte.

»Sie sind sehr nachsichtig,« sagte sie, »aber was wollte ich Ihnen doch

erzählen? Wovon sprachen wir denn? Ja! von Leschnew. Ich habe mit ihm

über Landvermessung zu verhandeln. Mehrmals schon habe ich ihn zu mir

eingeladen und erwarte ihn sogar heute; er kommt aber nie … ein wahrer

Sonderling.«

Der Vorhang an der Tür wurde behutsam zurückgezogen und der

Haushofmeister, ein hochgewachsener, grauer Mann mit einer Glatze, in

schwarzem Frack, weißer Halsbinde und weißer Weste, trat ein.

»Was willst du?« fragte Darja Michailowna und setzte mit einer leichten

Wendung zu Rudin halblaut hinzu: »~n’est ce pas, comme il ressemble à

Canning~?«

»Michael Michailitsch Leschnew ist angekommen,« meldete der Mann,

»befehlen Sie zu empfangen?«

»Ach, mein Gott!« rief Darja Michailowna, »er kommt wie gerufen. Bitte

ihn her!«

Der Haushofmeister ging hinaus.

»Der sonderbare Mensch, da wäre er endlich, und doch nicht zur rechten

Stunde; er unterbricht unser Gespräch.«

Rudin erhob sich von seinem Platze, Darja Michailowna hielt ihn aber

zurück.

»Wohin wollen Sie denn? Das läßt sich auch in Ihrer Gegenwart

besprechen, und dann wünsche ich, daß Sie mir sein Bild entwerfen, wie

das von Pigassow. Wenn Sie reden, ~vous gravez comme avec un burin~.

Bleiben Sie?«

Rudin wollte etwas einwenden, überlegte ein wenig und blieb.

Michael Michailowitsch, dem Leser bereits bekannt, trat ins Kabinett.

Er hatte denselben grauen Paletot an und hielt in den gebräunten Händen

dieselbe alte Mütze. Er grüßte gelassen Darja Michailowna und trat an

den Teetisch heran.

»Endlich sind Sie so gefällig gewesen, sich herzubemühen, Monsieur

Leschnew!« sagte Darja Michailowna. »Ich bitte, nehmen Sie Platz. Sie

sind miteinander bekannt, habe ich gehört,« fuhr sie fort, auf Rudin

deutend.

Leschnew blickte Rudin an und lächelte dabei sonderbar.

»Ich kenne Herrn Rudin,« sagte er mit einer kurzen Verbeugung.

»Wir sind zusammen auf der Universität gewesen,« bemerkte Rudin

halblaut und schlug den Blick zu Boden.

»Auch später sind wir miteinander zusammengetroffen,« sagte Leschnew

kalt.

Darja Michailowna blickte beide mit einigem Befremden an und bat

Leschnew, Platz zu nehmen. Er setzte sich.

»Sie hatten gewünscht, mich zu sehen,« begann er, »es betrifft die

Vermessung?«

»Ja, die Vermessung, doch habe ich auch überhaupt Sie zu sehen

gewünscht. Sind wir doch noch Nachbarn und auch wohl vielleicht

verwandt miteinander.«

»Sehr verbunden,« erwiderte Leschnew, »was nun die Vermessung betrifft,

so habe ich diese Angelegenheit bereits mit Ihrem Verwalter vollständig

zum Abschluß gebracht: ich gehe auf alle seine Vorschläge ein.«

»Das wußte ich.«

»Nur«, sagt er mir, »könnten ohne vorherige persönliche Zusammenkunft

mit Ihnen die Papiere nicht unterzeichnet werden.«

»Ja; so ist es nun einmal bei mir eingeführt. Darf ich wohl fragen, ob

die Bauern bei Ihnen zinspflichtig sind?«

»So ist es.«

»Und Sie selbst haben die Vermessung in Anregung gebracht? Das ist

lobenswert.«

Leschnew schwieg einen Augenblick.

»Da bin ich denn der persönlichen Zusammenkunft wegen hergekommen,«

sagte er.

Darja Michailowna lächelte.

»Ich sehe, daß Sie gekommen sind. Sie sagen das in solch besonderem

Tone … Gewiß hatten Sie sehr wenig Lust, zu mir zu kommen.«

»Ich besuche niemand,« erwiderte Leschnew phlegmatisch.

»Niemand? Sie besuchen aber doch Alexandra Pawlowna?«

»Ich bin ein alter Bekannter ihres Bruders.«

»Ihres Bruders! Übrigens, ich lege niemandem Zwang auf … Indessen,

Sie werden vergeben, Michael Michailitsch, ich bin älter als Sie

an Jahren und darf Sie ein wenig schelten: wie können Sie an einem

so zurückgezogenen Leben Vergnügen finden? Oder ist es _mein_ Haus

vielleicht, das Ihnen nicht gefällt? oder vielleicht gefalle _ich_

Ihnen nicht?«

»Ich kenne Sie nicht, Darja Michailowna, und deshalb können Sie mir

auch nicht mißfallen. Ihr Haus ist sehr schön; ich muß Ihnen aber offen

gestehen, ich tue mir nicht gern Zwang an. Ich habe nicht einmal einen

gehörigen Frack, keine Handschuhe; zudem passe ich auch nicht in Ihren

Kreis.«

»Der Geburt, der Erziehung nach gehören Sie demselben an, Michael

Michailitsch! ~vous êtes des nôtres~.«

»Wir wollen Geburt und Erziehung beiseite lassen, Darja Michailowna!

Nicht darauf kommt es an …«

»Der Mensch soll unter Menschen leben, Michael Michailitsch! Was hat

man davon, wie Diogenes in der Tonne zu sitzen?«

»Erstens fühlte sich Diogenes sehr wohl dabei; zweitens, weshalb

glauben Sie, daß ich nicht unter Menschen lebe?«

Darja Michailowna biß sich in die Lippen.

»Das ist eine andere Sache! Mir bleibt also nur zu bedauern, daß ich

mich zu denen nicht zählen darf, die Sie Ihrer Bekanntschaft würdigen.«

»Monsieur Leschnew«, mischte sich Rudin ein, »treibt zu weit, wie mich

dünkt, ein sonst sehr lobenswertes Gefühl – die Liebe zur Freiheit.«

Leschnew erwiderte nichts und blickte Rudin nur an. Ein kurzes

Schweigen trat ein.

»Und somit«, sagte Leschnew, sich erhebend, »darf ich unsere

Angelegenheit als erledigt betrachten und Ihren Verwalter bedeuten, daß

er mir die Papiere zur Unterschrift zustelle?«

»Sie können es … obgleich Sie, ich gestehe es, so wenig liebenswürdig

sind … daß ich es Ihnen abschlagen sollte.«

»Aber diese Vermessung bringt Ihnen ja mehr Vorteil als mir.«

Darja Michailowna zuckte die Achseln.

»Und Sie wollen nicht einmal das Frühstück bei mir einnehmen?« fragte

sie.

»Danke Ihnen gehorsamst; ich frühstücke niemals, und dann muß ich auch

bald nach Hause.«

Darja Michailowna erhob sich.

»Ich will Sie nicht aufhalten,« sagte sie, ans Fenster tretend, »ich

darf Sie nicht aufhalten.«

Leschnew verabschiedete sich.

»Adieu, Monsieur Leschnew! Verzeihen Sie, daß ich Sie belästigt habe.«

»Oh, ich bitte, hat nichts zu sagen,« erwiderte Leschnew und ging

hinaus.

»Wie gefällt er Ihnen?« fragte Darja Michailowna Rudin. »Ich hatte wohl

von ihm gehört, er sei ein sonderbarer Mensch; dies übersteigt aber

doch alles!«

»Er leidet an demselben Übel wie Pigassow,« erwiderte Rudin, »dem

Verlangen, originell zu erscheinen. Jener spielt den Mephistopheles,

dieser den Zyniker. In allem dem steckt viel Egoismus, viel Selbstsucht

und wenig Wahrheit, wenig Liebe. Das ist ja auch eine Berechnung in

ihrer Art: es bindet sich einer die Larve der Gleichgültigkeit und der

Nachlässigkeit vor, da muß denn gleich, denkt er, ein jeder auf den

Gedanken kommen, daß der Mensch auf unverantwortliche Weise sein Licht

unter den Scheffel stellt! Aber näher betrachtet, ist gar kein Licht

vorhanden!«

»~Et de deux!~« äußerte Darja Michailowna. »Sie sind furchtbar in der

Charakterschilderung. Ihnen entgeht man nicht.«

»Glauben Sie?« sagte Rudin … »Übrigens,« fuhr er fort, »ich sollte

eigentlich nicht von Leschnew sprechen: ich habe ihn geliebt,

geliebt wie einen Freund … nachher aber, infolge verschiedener

Mißverständnisse …«

»Haben Sie sich entzweit?«

»Das nicht. Wir haben uns getrennt, und, wie mir scheint, für immer

getrennt.«

»Das war es! Darum war Ihnen auch während seines Hierseins, wie

mir deuchte, nicht wohl zumute … Ich bin Ihnen aber doch sehr für

den heutigen Morgen verbunden. Ich habe die Zeit überaus angenehm

verbracht. Aber – alles mit Maß! Ich gebe Ihnen Urlaub bis zum

Frühstück, und will jetzt auch selbst an meine Geschäfte gehen. Mein

Sekretär, Sie haben ihn gesehen – ~Constantin, c’est lui qui est

mon secrétaire~ – wartet gewiß schon auf mich. Ich empfehle Ihnen

denselben: ein herrlicher, überaus dienstfertiger junger Mann und ganz

entzückt von Ihnen. Auf Wiedersehen, ~cher~ Dmitri Nikolaitsch. Wie

bin ich dem Baron zu Dank verpflichtet, daß er mir Ihre Bekanntschaft

verschafft hat!«

Und Darja Michailowna reichte Rudin die Hand. Er drückte sie zuerst,

führte sie dann an die Lippen und begab sich in den Saal und von da auf

die Terrasse, wo er Natalia traf.

V

Darja Michailownas Tochter, Natalia Alexejewna, konnte auf den ersten

Blick nicht gefallen. Sie war noch nicht vollständig ausgebildet,

mager, von bräunlicher Gesichtsfarbe und hielt sich etwas gebückt.

Die Züge ihres Gesichtes jedoch waren edel und regelmäßig, obgleich

etwas breit für ein siebzehnjähriges Mädchen. Besonders schön trat

ihre reine und glatte Stirn über den leicht geknickten Augenbrauen

hervor. Sie sprach wenig, aber hörte und schaute mit Aufmerksamkeit,

fast unverwandten Blickes, als wollte sie sich über alles Rechenschaft

geben. Sie war oft unbeweglich, in Gedanken versunken, und ließ die

Arme herabhängen; es zeigte dann ihr Gesicht den Ausdruck innerer

Gedankentätigkeit … Ein kaum merkliches Lächeln spielte um ihre Lippen

und verschwand wieder; die großen dunklen Augen hoben sich sanft …

~Qu’avez vous?~ pflegte sie dann Mlle. Boncourt zu fragen und ihr

vorzuhalten, daß es sich für ein junges Mädchen nicht schicke, den

Kopf hängen zu lassen und zerstreut auszusehen. Natalia war aber nicht

zerstreut: im Gegenteil, sie lernte fleißig, las und arbeitete gern.

Sie fühlte tief und stark, aber im stillen; schon als Kind hatte sie

selten geweint, jetzt seufzte sie sogar selten und wurde nur bleich,

wenn etwas sie betrübte. Die Mutter sah in ihr ein wohlgesittetes,

vernünftiges Mädchen, nannte sie scherzweise: ~mon honnête homme de

fille~, hatte jedoch keine hohe Meinung von ihren Geistesfähigkeiten.

»Meine Natascha ist kalt von Natur,« pflegte sie zu sagen, »nicht

wie ich … um so besser. Sie wird glücklich sein.« Darja Michailowna

täuschte sich. Übrigens nicht jede Mutter kennt ihre Tochter.

Natalia liebte ihre Mutter, hatte aber kein volles Vertrauen zu ihr.

»Du hast nichts vor mir zu verbergen,« sagte einmal Darja Michailowna

zu ihr, »sonst würdest du wohl ein wenig geheimtun, denn du hast deinen

Kopf für dich.«

Natalia blickte ihrer Mutter ins Gesicht und dachte: und warum sollte

ich nicht meinen Kopf für mich haben?

Als Rudin sie auf der Terrasse traf, schritt sie eben mit Mlle.

Boncourt ins Zimmer, um ihren Hut aufzusetzen und in den Garten zu

gehen. Ihre Morgenbeschäftigungen waren bereits beendigt. Man hatte

aufgehört, Natalia als Kind zu behandeln, Mlle. Boncourt gab ihr

schon lange keinen Unterricht mehr in der Mythologie und Geographie;

doch mußte Natalia jeden Morgen – in ihrer Gegenwart – historische

Bücher, Reisebeschreibungen und andere erbauliche Schriften lesen.

Darja Michailowna traf die Auswahl, scheinbar einem ihr eigenen

System folgend, in der Tat aber gab sie Natalia alles, was ihr ein

französischer Buchhändler aus Petersburg zuschickte, ausgenommen

natürlich Romane von Alexander Dumas Sohn und Comp. Diese Romane

las Darja Michailowna selbst. Mlle. Boncourt pflegte ganz besonders

streng und sauer Natalia über ihre Brille anzuschauen, wenn letztere

historische Bücher las: nach den Begriffen der alten Französin war die

ganze Geschichte voll unerlaubter Dinge, obgleich sie von den berühmten

Männern des Altertums, Gott weiß warum, nur einzig und allein den

Kambyses kannte, und aus neuerer Zeit – Ludwig den XIV. und Napoleon,

den sie nicht leiden konnte. Natalia las aber auch solche Bücher, deren

Dasein Mlle. Boncourt nicht ahnte: sie kannte den ganzen Puschkin

auswendig.

Natalia errötete etwas, als sie mit Rudin zusammentraf.

»Sie wollen spazierengehen?« fragte er sie.

»Ja. Wir gehen in den Garten.«

»Darf ich mich Ihnen anschließen?«

Natalia sah Mlle. Boncourt an.

»~Mais certainement, monsieur, avec plaisir~,« rief eilig die alte

Jungfer.

Rudin nahm seinen Hut und folgte ihnen.

Anfangs machte es Natalia etwas verlegen, an Rudins Seite auf demselben

Gartenwege zu wandeln; bald aber wurde es ihr leichter. Er richtete

an sie Fragen über ihre Beschäftigungen, und auch darüber, wie ihr

das Leben auf dem Lande gefalle. Sie antwortete ihm nicht ohne

Schüchternheit, aber ohne jene sich überstürzende Befangenheit, die so

oft für Schamhaftigkeit gehalten wird. Es klopfte ihr das Herz.

»Sie fühlen auf dem Lande keine Langeweile?« fragte Rudin, sie mit

einem Seitenblick streifend.

»Wie kann man auf dem Lande Langeweile empfinden? Ich bin sehr froh,

daß wir hier sind. Ich bin hier sehr glücklich.«

»Sie sind glücklich … Das ist ein großes Wort. Übrigens ist es

begreiflich: Sie sind jung.«

Rudin betonte dies letzte Wort in eigentümlicher Weise: es war wie eine

Anwandlung von Neid und Beileid, die ihn überkam.

»Ja! die Jugend!« setzte er hinzu. »Das Bestreben der Wissenschaft ist

– mit Bewußtsein das zu erringen, was die Jugend von selbst hat.«

Natalia blickte Rudin aufmerksam an: sie hatte ihn nicht verstanden.

»Ich habe mich heute den ganzen Morgen mit Ihrer Mama unterhalten,«

fuhr er fort, »eine außergewöhnliche Frau. Ich begreife, weshalb alle

unsere Poeten so großen Wert auf ihre Freundschaft legten. Lieben Sie

auch Gedichte?« setzte er nach einigem Schweigen hinzu.

Rudin(#75298) · 第 8 / 36 题