Ins Zimmer trat ein Mann von fünfunddreißig Jahren, hohem Wuchse, etwas
gebückter Haltung, kraushaarig und von dunkler Gesichtsfarbe, mit
unregelmäßigen, aber ausdrucksvollen und klugen Zügen, feuchtem Glanze
in den lebhaften, dunkelblauen Augen, gerader und breiter Nase und
anmutig gezeichneten Lippen. Sein Anzug war nicht neu und eng, als wäre
er demselben entwachsen.
Gewandt trat er auf Darja Michailowna zu, entbot ihr einen kurzen Gruß,
sagte, daß ihn schon längst nach der Ehre, ihr vorgestellt zu werden,
verlangt habe und daß sein Freund, der Baron, es sehr bedauere, nicht
persönlich Abschied von ihr habe nehmen zu können.
Die feine Stimme Rudins entsprach weder seinem hohen Wuchse noch seiner
breiten Brust.
»Nehmen Sie Platz … es freut mich, Sie kennenzulernen,« sagte Darja
Michailowna, und nachdem sie ihn der ganzen Gesellschaft vorgestellt
hatte, fragte sie, ob er aus dieser Gegend oder angereist sei?
»Meine Besitzung liegt im T…schen Gouvernement,« erwiderte Rudin,
den Hut auf den Knien haltend, »ich bin seit kurzem hier. Ich bin in
Geschäften hergekommen und habe meinen Wohnsitz fürs erste in Ihrer
Kreisstadt genommen.«
»Bei wem?«
»Beim Doktor. Er ist ein alter Universitätsfreund von mir.«
»Ah! Beim Doktor … Man lobt ihn. Er soll, wie man sagt, seine Sache
verstehen. Und der Baron, seit wann sind Sie mit ihm bekannt?«
»Ich traf ihn im vergangenen Winter in Moskau und habe jetzt ungefähr
eine Woche bei ihm zugebracht.«
»Ein sehr gebildeter Mann – der Baron!«
»Gewiß.«
Darja Michailowna führte die mit Kölnischem Wasser getränkte Ecke ihres
Taschentuches an die Nase.
»Sie stehen vermutlich im Staatsdienste?« fragte sie.
»Wer? Ich?«
»Ja. Sie!«
»Nein … Ich habe den Dienst verlassen.«
Ein kurzes Schweigen trat ein, dann wurde die Unterhaltung wieder
allgemein.
»Dürfte ich wohl fragen,« begann Pigassow, sich zu Rudin wendend: »Sie
kennen gewiß den Inhalt des Aufsatzes, den der Herr Baron geschickt
hat?«
»Ich kenne ihn.«
»Jener Aufsatz berührt die Beziehungen des Handels … oder, besser
gesagt – der Industrie zum Handel in unserem Vaterlande … So, dünkt
mich, hatten Sie die Gefälligkeit zu sagen, Darja Michailowna?«
»Ja, es ist darin die Rede davon,« äußerte Darja Michailowna, die Hand
an die Stirn führend.
»Ich verstehe mich freilich schlecht auf solche Dinge,« fuhr Pigassow
fort, »muß jedoch gestehen, daß mir allein schon der Titel des
Aufsatzes sehr … wie sag’ ich das gelinder … sehr dunkel und konfus
vorkommt.«
»Woher scheint Ihnen das?«
Pigassow lächelte und warf einen Seitenblick auf Darja Michailowna.
»Ist dieser Titel Ihnen denn klar?« äußerte er, sein Fuchsgesicht
wieder zu Rudin wendend.
»Mir? Ja gewiß.«
»Hm … Freilich, Sie müssen das besser wissen.«
»Haben Sie Kopfschmerzen?« fragte Alexandra Pawlowna Darja Michailowna.
»Nein, es ist nichts … ~C’est nerveux.~«
»Dürfte ich wohl fragen,« lenkte Pigassow, mit etwas näselnder Stimme,
wieder ein: »Ihr Bekannter, der Herr Baron Muffel … so, glaube ich,
heißt er?«
»Ganz recht.«
»Beschäftigt sich der Herr Baron Muffel speziell mit politischer
Ökonomie, oder widmet er dieser anziehenden Wissenschaft nur so
nebenbei die Mußestunden, welche er nach den weltlichen Vergnügungen
und Dienstobliegenheiten erübrigen kann?«
Rudin blickte Pigassow scharf an.
»Der Baron ist in diesem Fache Dilettant,« erwiderte er mit leichtem
Erröten, »es ist aber viel Wahres und Interessantes in seinem Aufsatze.«
»Ich kann darüber nicht mit Ihnen disputieren, da mir der Aufsatz
unbekannt ist … Ich erlaube mir aber die Frage: Ihr Freund, der Baron
Muffel, geht vermutlich in dem Aufsatze mehr von allgemeinen Theorien
als von Tatsachen aus?«
»Er bietet sowohl Tatsachen als auch Theorien, die sich auf Tatsachen
stützen.«
»So, so. Meiner Meinung nach, Sie werden erlauben … ich darf wohl
gelegentlich mein Wort dazu geben: ich habe drei Jahre in Dorpat
zugebracht … alle diese sogenannten allgemeinen Theorien, Hypothesen,
Systeme … nehmen Sie es nicht übel, ich bin Provinzler, nehme kein
Blatt vor den Mund … taugen alle zu nichts. Das ist alles nur Klügelei
– um die Leute zu betören. Gebt uns Fakta, meine Herren, weiter fordern
wir nichts von euch.«
»Wirklich!« erwiderte Rudin. »Aber der Sinn der Fakten muß doch
gedeutet werden!«
»Allgemeine Theorien,« fuhr Pigassow fort, »nicht ausstehen kann ich
sie, diese allgemeinen Theorien, Übersichten, Schlußfolgerungen! Das
stützt sich alles auf sogenannte Überzeugungen; ein jeder faselt von
seinen Überzeugungen und verlangt noch dazu, daß man sie respektiere,
daß man sich mit dergleichen befasse … Oh! Oh!«
Und Pigassow schüttelte die Faust in der Luft. Pandalewski lachte auf.
»Herrlich!« sagte Rudin, »es gibt also, Ihrer Ansicht nach, keine
Überzeugungen.«
»Nein – es gibt keine.«
»Das ist Ihre Überzeugung?«
»Ja.«
»Wie können Sie nun sagen, es gäbe keine? Da haben Sie eben eine
ausgesprochen.«
Alle im Zimmer lächelten und warfen sich Blicke zu.
»Erlauben Sie, erlauben Sie aber,« begann Pigassow wieder …
Doch Darja Michailowna klatschte in die Hände und rief: »Bravo, bravo,
geschlagen, Pigassow ist geschlagen!« und nahm sachte den Hut aus
Rudins Händen.
»Halten Sie ein wenig ein mit der Freude, gnädige Frau: ein wenig
Geduld!« sagte Pigassow ärgerlich. »Es kommt nicht darauf an, mit
Überlegenheitsmiene ein witziges Wort abzuschießen, beweisen soll man,
widerlegen … Wir sind vom Gegenstande unseres Streites abgekommen.«
»Erlauben Sie,« bemerkte Rudin gelassen, »die Sache ist ganz einfach.
Sie glauben nicht an den Nutzen allgemeiner Theorien, Sie glauben nicht
an Überzeugungen.«
»Ich glaube nicht, glaube daran nicht, an nichts glaube ich!«
»Sehr gut. Sie sind Skeptiker.«
»Ich sehe nicht ein, wozu uns dies gelehrte Wort nützen soll.
Indessen …«
»Unterbrechen Sie doch nicht,« mischte sich Darja Michailowna ins
Gespräch.
»Jetzt geht es los!« sagte Pandalewski schmunzelnd vor sich hin.
»Dieses Wort drückt meinen Gedanken aus,« fuhr Rudin fort. »Sie
verstehen es: weshalb sollte ich es nicht gebrauchen? Sie glauben an
nichts … Wie glauben Sie denn an ein Faktum?«
»Wie? das ist aber schön! Ein Faktum ist eine bekannte Sache, ein jeder
weiß, was ein Faktum ist … Ich urteile darüber aus Erfahrung, nach
eigener Empfindung.«
»Die Empfindung kann Sie aber täuschen! Die Empfindung sagt Ihnen, daß
die Sonne sich um die Erde dreht, oder … oder, vielleicht teilen Sie
Kopernikus’ Ansicht nicht? Sie glauben auch ihm nicht?«
Von neuem überflog ein Lächeln die Gesichter. Aller Augen waren auf
Rudin gerichtet. Ein ganz gescheiter Mensch, dachte jeder.
»Sie gefallen sich in Scherzen,« sagte Pigassow. »Freilich, das ist
sehr originell, gehört aber nicht zur Sache.«
»In dem, was ich bis jetzt gesagt habe,« erwiderte Rudin, »war leider
sehr wenig Originelles. Alles dies ist schon längst bekannt und ist
tausendmal wiederholt worden. Nicht darauf kam es an …«
»Aber worauf denn?« fragte Pigassow, mit leichtem Anflug von
Unverschämtheit.
Er pflegte, wenn er stritt, mit spöttischen Ausfällen gegen seinen
Widerpart anzufangen, dann grob zu werden und endlich schmollend zu
verstummen.
»Ich will Ihnen sagen, worauf,« fuhr Rudin fort: »ich kann mich
wirklich nicht, ich muß es gestehen, eines tiefen Bedauerns erwehren,
wenn verständige Leute in meiner Gegenwart herfallen über …«
»Über Systeme!« unterbrach ihn Pigassow.
»Nun, meinetwegen, über Systeme. Was bringt Sie dies Wort so außer
sich? Jedes System stützt sich ja auf die Kenntnis der Grundgesetze
des Lebens …«
»Aber ich bitte Sie, die kann man doch nicht kennen, nicht ergründen …«
»Erlauben Sie. Freilich, nicht jedem sind sie zugänglich, und der
Mensch ist dem Irrtum unterworfen. Sie werden mir aber wahrscheinlich
zugeben, daß Newton zum Beispiel einige dieser Grundgesetze dennoch
entdeckt hat. Das war ein Genie, zugestanden; die Entdeckungen,
die geniale Geister machen, sind aber eben dadurch groß, daß sie
zum Gemeingute aller werden. Das Bestreben, allgemeine Gesetze aus
partiellen Erscheinungen herauszufinden, bildet eine Grundeigenschaft
des menschlichen Geistes, und unsere ganze Bildung …«
»Dahin also wollten Sie!« unterbrach ihn wiederum mit gedehnter Stimme
Pigassow. »Ich bin ein praktischer Mensch und vertiefe mich nicht gern
in diese metaphysischen Spitzfindigkeiten.«
»Sehr wohl! Das steht bei Ihnen. Beachten Sie indessen, daß schon der
Wille allein, ausschließlich ein praktischer Mensch zu sein, an und für
sich ein System vorstellt, eine Theorie …«
»Bildung! sagten Sie,« unterbrach ihn Pigassow, »Sie glauben wohl, mich
mit diesem Wort aus der Fassung zu bringen! Wir haben sie sehr nötig,
diese angepriesene Bildung! Nicht einen kupfernen Groschen möchte ich
für diese Ihre Bildung hingeben!«
»Sie disputieren aber grundschlecht, Afrikan Semenitsch!« bemerkte
Darja Michailowna, im Innern sehr befriedigt durch die Ruhe und
weltmännische Artigkeit ihres neuen Gastes. ~C’est un homme comme il
faut~, dachte sie, Rudins Gesicht mit Wohlwollen betrachtend: »Ich muß
ihn gewinnen.« Die letzten Worte sagte sie in Gedanken russisch.
»Ich werde es nicht unternehmen,« fuhr Rudin nach einigem Schweigen
fort, »die Bildung zu verteidigen: – sie bedarf meiner Verteidigung
nicht. Sie mögen dieselbe nicht … Jeder hat seinen eigenen Geschmack.
Es würde uns übrigens auch zu weit führen. Erlauben Sie mir nur, Sie
an einen alten Spruch zu erinnern: ›Jupiter, du wirst böse, folglich
hast du unrecht!‹ Ich wollte sagen, daß alle diese Ausfälle auf
Systeme, allgemeine Theorien usw. deshalb ebenso zu bedauern sind,
weil mit den Systemen zugleich die Menschen das Wissen überhaupt, die
Wissenschaft und den Glauben an eine solche verleugnen, folglich auch
den Glauben an sich selbst, an die eigene Kraft. Die Menschen bedürfen
aber dieses Glaubens: von Eindrücken allein können sie nicht leben,
es wäre sündhaft, wenn sie vor dem Gedanken Scheu hätten und ihm
nicht Vertrauen schenkten. Der Skeptizismus hat sich von jeher durch
Unfruchtbarkeit und Ohnmacht ausgezeichnet …«
»Das sind alles Worte!« murrte Pigassow.
»Vielleicht. Erlauben Sie mir aber, Ihnen zu bemerken, daß mit dem
Ausrufe ›Das sind nur Worte‹ wir uns oft der Notwendigkeit entheben,
etwas Gescheiteres als nur Worte zu sagen.«
»Wie?« fragte Pigassow und kniff die Augen zusammen.
»Sie haben verstanden, was ich Ihnen sagen wollte,« erwiderte Rudin mit
unwillkürlicher, doch sofort unterdrückter Ungeduld. »Ich wiederhole
es, wenn der Mensch keinen festen Grund hat, an den er glaubt, keinen
Boden, auf dem er sicher fußt, wie kann er sich dann Rechenschaft geben
von den Bedürfnissen, der Bedeutung, der Zukunft seines Volkes? Wie
kann er wissen, was er selbst zu tun hat, wenn …«
»Ehre dem Ehre gebührt!« stotterte Pigassow hervor, verbeugte sich und
trat auf die Seite, ohne jemand anzublicken.
Rudin sah ihn an, lächelte leicht und verstummte.
»Aha! Er hat die Flucht ergriffen!« begann Darja Michailowna. »Seien
Sie unbesorgt, Dimitri … Um Vergebung,« fügte sie mit freundlichem
Lächeln hinzu: »Wie hieß Ihr Herr Vater?«
»Nikolai!«
»Machen Sie sich keine Sorge, werter Dimitri Nikolaitsch! Er hat
niemand hier angeführt. Er tut so, als wolle er nicht mehr disputieren
… Er fühlt, daß er es mit Ihnen nicht kann. Setzen Sie sich aber näher
zu uns und lassen Sie uns plaudern.«
Rudin rückte seinen Sessel näher.
»Wie kommt es, daß wir nicht früher bekannt geworden sind?« fuhr
Darja Michailowna fort. »Das ist mir ein Rätsel … Haben Sie dies Buch
gelesen? ~C’est de Tocqueville, vous savez?~«
Und Darja Michailowna schob Rudin eine französische Broschüre hin.
Rudin nahm das dünne Büchlein in die Hand, blätterte ein wenig darin
und erklärte, nachdem er es wieder auf den Tisch zurückgelegt hatte,
er habe diese Schrift des Herrn Tocqueville zwar nicht gelesen, doch
häufig über die von ihm berührte Frage nachgedacht. Das Gespräch war
angeknüpft. Rudin zeigte sich anfangs etwas befangen, er zögerte, mit
seiner Meinung hervorzutreten, fand nicht immer sogleich die Ausdrücke,
wurde jedoch allmählich warm und beredt. Eine Viertelstunde später
vernahm man nur seine Stimme im Zimmer. Alle hatten einen Kreis um ihn
geschlossen.
Pigassow allein blieb entfernt, in einer Ecke neben dem Kamin. Rudin
sprach klug, mit Geist und Feuer, und zeigte viele Kenntnisse und große
Belesenheit. Niemand hatte erwartet, in ihm einen bedeutenden Menschen
zu treffen … Er war so alltäglich gekleidet, man hatte bisher so wenig
von ihm gehört. Allen blieb es unbegreiflich und auffallend, wie ein
so geistreicher Mann so unverhofft auf dem Lande hatte auftauchen
können. Um so mehr erregte er bei allen Bewunderung, man könnte sagen,
er bezauberte jeden, vor allen Darja Michailowna … Sie war stolz auf
ihren Fang und dachte schon im voraus daran, wie sie Rudin in die Welt
führen wolle. Trotz ihres Alters mischte sich bei ihr in die ersten
Eindrücke viel jugendliches, ja beinahe kindliches Feuer. Alexandra
Pawlowna hatte, offen gestanden, wenig von allem begriffen, was Rudin
gesprochen, war aber dennoch sehr erstaunt und erfreut; ihr Bruder war
es nicht weniger; Pandalewski beobachtete Darja Michailowna und wurde
neidisch; Pigassow dachte: wollte ich fünfhundert Rubel wegwerfen – ich
könnte mir eine bessere Nachtigall verschaffen … Mehr als alle übrigen
waren jedoch Bassistow und Natalia erstaunt. Bassistow war der Atem
fast ausgegangen; er war die ganze Zeit über mit offenem Munde und weit
geöffneten Augen sitzengeblieben und hatte mit einer Spannung zugehört,
wie bisher noch niemals; Natalias Gesicht war rot geworden und ihr
Blick, den sie unverwandt auf Rudin geheftet gehalten hatte, wurde
dunkler und glänzender zugleich …
»Was für prachtvolle Augen er hat,« flüsterte ihr Wolinzow zu.
»Ja, sie sind schön.«
»Schade nur, daß seine Hände so groß und rot sind.«
Natalia antwortete nichts.
Man bracht den Tee. Die Unterhaltung wurde allgemeiner, doch ließ
sich an dem plötzlichen Verstummen aller, sobald Rudin den Mund
auftat, gleich merken, wie überwältigend der Eindruck war, den er
hervorgebracht hatte. Es kam Darja Michailowna in den Sinn, Pigassow
ein wenig aufzuziehen. Sie trat zu ihm und fragte ihn halblaut: »Warum
schweigen Sie denn und zeigen uns nur ein höhnisches Lächeln? Versuchen
Sie es doch, mit ihm wieder anzubinden,« und ohne seine Antwort
abzuwarten, winkte sie Rudin zu sich.
»Eine seiner Seiten kennen Sie noch nicht,« sagte sie zu ihm, auf
Pigassow deutend, »er ist ein erschrecklicher Weiberfeind, fortwährend
greift er sie an; ich bitte, bekehren Sie ihn doch.«
Rudin blickte Pigassow unwillkürlich … von oben herab an: er war um
zwei Kopflängen höher als er. Dieser krümmte sich fast vor Ärger, sein
gelbes Gesicht wurde noch gelber.
»Darja Michailowna hat nicht ganz recht,« begann er mit unsicherer
Stimme, »ich greife nicht ausschließlich die Weiber an; das ganze
Menschengeschlecht behagt mir nicht sehr.«
»Was konnte Ihnen denn eine so schlechte Meinung von demselben
einflößen?« fragte Rudin.
Pigassow schaute ihm gerade ins Gesicht.
»Vermutlich meine Studien des eigenen Herzens, in welchem ich mit jedem
Tage mehr und mehr Schlacken entdecke. Ich urteile über andere nach mir
selbst. Das mag vielleicht ungerecht sein, und ich tauge viel weniger
als andere; was wollen Sie aber? Gewohnheit!«
»Ich verstehe Sie und sympathisiere mit Ihnen,« erwiderte Rudin.
»Welche edle Seele hätte nicht Anwandlungen von Selbstunterschätzung
gehabt! Man sollte aber doch aus dieser schlimmen Lage herauszukommen
trachten.«
»Danke recht sehr für die Adelsbescheinigung, die Sie meiner Seele
ausstellen,« erwiderte Pigassow, »mit meiner Lage hält sich’s noch –
sie ist so übel nicht, und wenn es auch einen Ausgang aus ihr gibt, er
mag bleiben, suchen will ich ihn nicht.«
»Das hieße aber, verzeihen Sie den Ausdruck – die Befriedigung seiner
Eigenliebe dem Verlangen, in der Wahrheit zu verbleiben, vorziehen …«
»Und was denn anderes!« rief Pigassow, »die Eigenliebe – das Ding
verstehe ich, verstehen Sie, versteht ein jeder; aber Wahrheit – was
ist Wahrheit? Wo ist sie, diese Wahrheit?«
»Sie verfallen in Wiederholungen, ich muß Ihnen diese Bemerkung
machen,« warf Darja Michailowna ein.
Pigassow zuckte die Achseln.
»Und was liegt daran? Ich frage: wo ist Wahrheit? Die Philosophen
selbst wissen nicht, was sie ist. So sagt Kant: Das ist sie; Hegel aber
– nein, bewahre! Dies ist sie.«
»Und wissen Sie, was Hegel darüber sagt?« fragte Rudin, ohne die Stimme
zu erheben.
»Ich wiederhole,« eiferte Pigassow, »ich kann nicht begreifen, was
Wahrheit ist. Meiner Ansicht nach gibt es eine solche nicht auf der
Welt, das heißt, das Wort ist da, die Sache selbst aber existiert
nicht.«
»Ei! Ei!« rief Darja Michailowna, »schämen Sie sich doch, so zu
sprechen, Sie alter Sünder! Es gäbe keine Wahrheit? Wozu nützte es
denn, auf der Welt zu leben?«
»Und wissen Sie, Darja Michailowna,« erwiderte ärgerlich Pigassow,
»ich bin der Meinung, daß Sie, auf jeden Fall, das Leben ohne
Wahrheit leichter finden würden, als ohne Ihren Koch Stephan, der so
vortreffliche Bouillons kocht! Und wozu brauchten Sie überhaupt die
Wahrheit, wenn ich fragen darf? Ein Häubchen ließe sich doch nicht
daraus machen!«
»Spaßen ist nicht beweisen,« bemerkte Darja Michailowna, »besonders
wenn es in Verleumdung ausartet.«
»Ich weiß nicht, wie es mit der Wahrheit bestellt ist, aber sie zu
hören ist freilich vielen schmerzlich,« brummte Pigassow und zog sich
mürrisch zurück.
Rudin jedoch begann von dem Selbstgefühl zu reden und sprach sehr
verständig. Er bewies, daß der Mensch ohne Selbstgefühl nichts bedeute,
daß Selbstgefühl »Archimedes’ Hebel« sei, durch welchen der Erdball
aus seiner Stellung gehoben werden könne; doch verdiene in der Tat
nur derjenige »Mensch« genannt zu werden, der sein Selbstgefühl zu
bändigen wisse, wie der Reiter sein Roß, der seine Persönlichkeit dem
Wohle aller zum Opfer bringe …
»Selbstsucht«, so beschloß er seine Rede, »ist Selbstmord. Der
selbstsüchtige Mensch verdorrt gleich einem vereinzelten, unfruchtbaren
Baume; Selbstgefühl aber, als lebendiges Streben nach Vervollkommnung,
ist der Ursprung alles Großen … Ja! es muß der Mensch den starren
Egoismus seiner Persönlichkeit brechen, um ihr das Recht zu
verschaffen, sich frei auszusprechen.«
»Dürfte ich Sie wohl um einen Bleistift bitten?« wandte sich Pigassow
an Bassistow.
Bassistow faßte nicht gleich, was Pigassow von ihm verlangte.
»Wozu brauchen Sie einen Bleistift?« brachte er endlich hervor.
»Ich will diese letzte Phrase des Herrn Rudin notieren. Notiere ich
sie nicht, ich könnte sie vergessen, stehe nicht dafür! Und Sie werden
selbst zugeben, solch eine Phrase kommt doch einem großen Schlemm im
Whist gleich.«
»Es gibt Dinge, Afrikan Semenitsch, über welche zu scherzen und zu
spotten unschicklich ist!« erwiderte Bassistow mit Wärme und drehte
Pigassow den Rücken.
Unterdessen war Rudin zu Natalia getreten. Sie erhob sich und auf ihrem
Gesichte zeigte sich Verwirrung.
Wolinzow, der neben ihr saß, erhob sich gleichfalls.
»Ich sehe da ein Klavier,« begann Rudin mit weicher, wohlwollender
Stimme, als wäre er ein Prinz auf Reisen, »spielen Sie vielleicht?«
»Ja, ich spiele,« sagte Natalia, »aber nicht besonders. Hier,
Constantin Diomiditsch spielt bedeutend besser als ich.«
Pandalewski streckte sein Gesicht vor und fletschte die Zähne.
»Sie sind ungerecht gegen sich, Natalia Alexejewna: ich spiele wirklich
nicht besser als Sie.«
»Spielen Sie den Erlkönig von Schubert?« fragte Rudin.
»Er spielt ihn, er spielt ihn!« nahm Darja Michailowna das Wort.
»Setzen Sie sich, Constantin … Sie lieben die Musik, Dimitri
Nikolaitsch?«
Rudin verneigte sich leicht mit dem Kopfe und fuhr mit der Hand über
das Haar, als bereite er sich zum Anhören vor … Pandalewski begann.
Natalia stellte sich ans Klavier, Rudin gerade gegenüber. Gleich bei
den ersten Tönen erhielt sein Gesicht einen begeisterten Ausdruck.
Seine tiefblauen Augen schweiften langsam umher, von Zeit zu Zeit auf
Natalia haften bleibend. Pandalewski hatte geendet.
Rudin sagte kein Wort und trat an das geöffnete Fenster. Ein
aromatischer Duft lag gleich einer leichten Hülle auf dem Garten,
einschläfernde Kühle entstieg den nahegelegenen Bäumen. Sanft
schimmerten die Sterne. Wonnig war die Sommernacht und Wonne
verbreitete sie um sich her. Rudin schaute in den dunklen Garten hinaus
und – wandte sich um.
»Diese Musik und diese Nacht«, sagte er, »haben in mir Erinnerungen
erweckt an meine Studentenzeit in Deutschland, an unsere
Zusammenkünfte, unsere Serenaden …«
»Sie waren in Deutschland?« fragte Darja Michailowna.
»Ich habe ein Jahr in Heidelberg studiert und etwa ebensolange in
Berlin.«
»Und Sie kleideten sich wie die Studenten? Die sollen dort, sagt man,
eine eigentümliche Kleidung tragen.«
»In Heidelberg habe ich hohe Stiefel mit Sporen und einen kurzen
Leibrock mit Schnurbesatz getragen und das Haar lang wachsen lassen
bis herab auf die Schultern … In Berlin kleiden sich die Studenten wie
jedermann.«
»Erzählen Sie uns etwas aus Ihrem Studentenleben,« bat Alexandra
Pawlowna.
Rudin begann seine Erzählung. Er war kein guter Erzähler. In seinen
Schilderungen vermißte man die Färbung. Er verstand es nicht,
Heiterkeit zu erregen. Übrigens ging er bald von der Erzählung seiner
Abenteuer im Auslande auf allgemeine Betrachtungen über, von der
Bedeutung der Aufklärung und Wissenschaft, den Universitäten und dem
Universitätsleben überhaupt. Mit breiten und kühnen Zügen entwarf er
ein riesiges Bild. Alle hörten ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu.
Er sprach meisterhaft, hinreißend, nicht immer bestimmt … aber diese
Unbestimmtheit selbst verlieh seiner Rede einen eigentümlichen Reiz.
Der Reichtum seiner Gedanken hinderte Rudin, sich bestimmt und genau
auszudrücken. Ein Bild drängte das andere; Gleichnisse, bald unerwartet
kühn, bald merkwürdig treffend, folgten Schlag auf Schlag. Nicht
selbstgefällige Worthascherei des geschulten Schönredners, sondern
Begeisterung sprach aus seinem ungestümen Redefluß. Er war um Worte
nicht verlegen: folgsam und frei traten sie ihm auf die Lippen,
und jedes Wort schien, durchglüht vom Feuer der vollständigsten
Überzeugung, direkt aus der Seele zu strömen. Rudin besaß im höchsten
Grade jene Eigenschaft, die man »Musik der Beredsamkeit« nennen könnte.
Er verstand es, indem er gewisse Saiten des Herzens anschlug, zugleich
alle anderen unbestimmt mittönen und erzittern zu machen. Es mag der
Fall gewesen sein, daß der eine oder der andere seiner Zuhörer nicht
recht verstand, wovon die Rede war, doch fühlte er die Brust schwellen,
ein Schleier schien von seinen Augen zu fallen, und in der Ferne stieg
ein gewisses strahlendes Etwas vor seinen Blicken empor …
Alle Gedanken Rudins schienen der Zukunft zugewandt zu sein; dieser
Umstand verlieh ihnen das Drangvolle und Jugendliche … Am Fenster
stehend, niemand vorzugsweise anblickend, sprach er – und begeistert
durch die Zustimmung und Aufmerksamkeit aller, durch die Nähe junger
Frauen, die Schönheit der Nacht, hingerissen von der Flut eigener
Empfindungen – erhob er sich bis zur Beredsamkeit, bis zur Poesie …
der Klang seiner Stimme sogar, sonor und ruhig, vermehrte noch den
Zauber; es schien, als redete aus seinem Munde etwas Höheres, ihm
selbst Ungewohntes … Rudin sprach von dem, was dem zeitlichen Leben des
Menschen Bedeutung für die Ewigkeit verleiht.
»Dabei fällt mir eine skandinavische Sage ein,« so beschloß er seine
Rede. »Es sitzt ein König mit seinen Recken in einer langen, dunklen
Halle um ein Feuer herum. Es war zu Winterszeit und nachts. Auf einmal
kommt ein kleiner Vogel durch die offene Tür hereingeflogen und fliegt
zur anderen wieder hinaus. Der König sagt: ›Das Vöglein ist wie der
Mensch auf Erden: aus dem Dunkel kommt es geflogen, in das Dunkel
fliegt es wieder zurück, und hat sich nur kurze Zeit der Wärme und des
Lichtes erfreut‹ … ›O König,‹ erwidert der Älteste der Krieger, ›das
Vöglein wird auch im Dunkeln nicht umkommen und sein Nest wiederfinden‹
… In der Tat, unser Leben ist kurz und vergänglich; doch alles Große
geschieht durch den Menschen. Das Bewußtsein, höheren Mächten zum
Werkzeug zu dienen, muß ihm Ersatz sein für alle übrigen Freuden; im
Tode selbst wird er sein Leben, sein Nest finden …«
Rudin hielt inne und senkte den Blick mit einem unwillkürlichen Lächeln
der Verwirrung.
»~Vous êtes un poète~,« sagte halblaut Darja Michailowna.
Und alle stimmten ihr im stillen bei, – alle, Pigassow ausgenommen.
Ohne das Ende der langen Rede Rudins abzuwarten, hatte er leise den
Hut genommen und, sich entfernend, dem bei der Türe stehengebliebenen
Pandalewski erbittert zugeflüstert: »Die klugen Leute machen es mir zu
bunt! Ich begebe mich zu den Einfaltspinseln!«
Es hatte ihn übrigens niemand zurückgehalten, auch seine Abwesenheit
nicht bemerkt.
Die Diener trugen das Abendessen auf, und eine halbe Stunde darauf
trennte man sich. Darja Michailowna hatte Rudin überredet, über
Nacht zu bleiben. Alexandra Pawlowna drückte auf der Heimfahrt in
der Kutsche ihrem Bruder unter vielen Achs ihr Erstaunen über Rudins
ungewöhnlichen Geist aus. Wolinzow stimmte ihr bei, bemerkte jedoch,
daß er sich zuweilen etwas unverständlich ausdrücke … das heißt nicht
ganz überzeugend, fügte er hinzu, vermutlich, um seinen Gedanken
besseren Ausdruck zu geben; sein Gesicht verfinsterte sich jedoch, und
der Blick, den er in die Ecke der Kutsche gerichtet hielt, war noch
schwermütiger geworden.
Pandalewski ließ, während er, sich zum Schlafengehen anschickend, seine
seidengestickten Tragbänder löste, laut die Worte fallen: »Ein sehr
gewandter Mensch!« und befahl dann sogleich mit strengem Blicke seinem
Kammerdiener, das Zimmer zu verlassen. Bassistow schlief die ganze
Nacht nicht und kleidete sich nicht einmal aus; bis zum Anbruch des
Tages schrieb er ununterbrochen einen Brief an einen seiner Freunde
nach Moskau; Natalia hatte sich zwar ausgekleidet und zu Bette gelegt,
aber gleichfalls nicht eine Minute geschlafen und sogar die Augen nicht
einmal geschlossen. Den Kopf auf den Arm gestützt, hatte sie in das
Dunkel hinausgeblickt; ihre Pulse pochten wie im Fieber und häufige
schwere Seufzer hoben ihren Busen.