Am Abend saß sie mit Lydia und dem Brautpaar noch zusammen.
Lydias liebevolle Besorgnis nahm sie heute ungerecht auf. Es erinnerte
sie so sehr daran, daß Lydia sie so ganz, so lückenlos ersetzen würde.
Keiner würde sie, nicht einmal äußerlich, entbehren.
Man sprach sehr wenig. Es lag auf allen wie eine scheue Ahnung, daß eines
unter ihnen war, das Schmerzliches in sich trug.
Lothar erbot sich schließlich, vorzulesen.
Und er nahm eins der Bücher, die er immer für Maria mitbrachte. Esther
sah, daß es von selbst aufblätterte, nach Art der Bücher, die eine oft
gelesene Lieblingsstelle enthalten.
Und er las ein Gedicht von Clemens Brentano:
Einsam will ich untergehn,
Keiner soll mein Leiden wissen,
Wird der Stern, den ich gesehn,
Je vom Himmel mir gerissen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Pilger in der Wüste!
Wenn der Stern, den ich gesehn
Mich zum letzten Male grüßte,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Bettler auf der Heide!
Giebt der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht weiter das Geleite,
Will ich einsam untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen.
Einsam will ich untergehn
Wie der Tag im Abendgrauen!
Will der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mich niederschauen,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Sklave an der Kette!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Sklave an der Kette!
Scheint der Stern, den ich gesehn,
Nicht mehr auf mein Dornenbette,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schwanenlied im Tode!
Wird der Stern, den ich gesehn,
Mir nicht mehr ein Friedensbote,
Will ich einsam untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
Einsam will ich untergehn
Wie ein Schiff in wüsten Meeren!
Wird den Stern, den ich gesehn,
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen!
Einsam will ich untergehn
Wie der Trost in stummen Schmerzen!
Soll den Stern, den ich gesehn,
Jemals meine Schuld verscherzen,
Will ich einsam untergehn
Wie mein Herz in deinem Herzen!
Er schwieg und sah mit einem verlorenen, träumerischen Ernst auf Maria.
Jenes leichte, lässige Gefühl der Glückssicherheit, das ihn in dieser
Zeit meist an der Oberfläche gehalten hatte, war plötzlich von ihm
gewichen.
Esther fühlte, ihm war nicht die Kraft verloren gegangen und nicht der
Ernst, schwer am Leben zu tragen.
Und sie wußte, daß diese Worte, die er eben gelesen hatte, das Tiefste in
ihm berührten -- daß es das Glaubensbekenntnis seiner Liebe war zu Maria,
der Einzigen.
Wie eine Nachtwandlerin that sie noch, was geschehen mußte.
Sie verabschiedete sich von Lothar, ohne den Ausdruck einer starren Ruhe,
der den ganzen Abend über ihrem Gesicht lag, zu verändern.
Und während sie ihm die Hand gab, sah sie ganz tief in seinen Augen
etwas wie ein leises Verstehen aufglimmen -- ein fernes, unterdrücktes
Verstehen, das nicht erst jetzt entstanden sein konnte.
Und sie fühlte wie ihr eigner Blick so ganz fest und ruhig wurde -- wie um
ein jedes Einverständnis abzuweisen.
Wenn er später an diesen Augenblick zurückdenken würde, so sollte es
ohne die niederziehende Last einer Gemeinsamkeit zwischen ihnen sein. Sie
konnte ihn so ganz verstehen: Seine Liebe mochte keine fremde Berührung
auf sich dulden.
Ja, sie gab ihm mit diesem ruhigen, kühlen Blick die Fremdheit wieder, die
zwischen ihnen bestehen sollte. --
Dann ging sie hinauf in ihr Zimmer.