Und es kamen die stillen, schweren Tage des Frühsommers.
Alles Blühen wurde farbenreicher und üppig, und die Luft stand zitternd
und hell über der Erde.
Es war gegen Abend.
Esther saß mit der Schwester und Lothar im Garten.
Die Vögel stießen schrille, scharfe Locktöne aus, die in der unbewegten
Luft wie erstickt abbrachen.
»Es ist noch immer so heiß,« sagte Maria. »Die Büsche sind so dicht
geworden und halten die Tageshitze gefangen. Wollen wir nicht einmal nach
dem Berggarten sehen?«
Und sie gingen den grünen Heckenweg hinter der Stadt hinaus und erstiegen
einen Berg, an dessen Hang sich Weingärten hinzogen.
Es war schon ein wenig dämmerig im Thal, droben aber lag noch das
weißliche, schon abgetönte Licht des Sommerabends.
Ganz hinauf stiegen sie, bis zu einem kleinen Steinbruch, der von
Schlehengestrüpp durchwachsen war.
Da hatten sie unter sich den weiten, blühenden Hang, der einmal ein
wohlgepflegter Weinberg gewesen. Jetzt aber wucherten die tiefen Farben
der Akelei zwischen den Reben, und weiße, scharfduftende Rosen waren im
Erblühen.
Weit, weit unten lag die Stadt, aus deren Dämmern sich kleine, unsichere
Lichtfunken hoben, und aus den fernen bläulichen Kornfeldern, die sich mit
dem Sinken des Abends entfärbten, roch es frisch herüber.
Das Schönste aber waren die weißen Irisblüten.
Hell und gleißend erhoben sie sich dicht vor ihnen gegen den Abendhimmel.
Der Mond kam leicht und durchsichtig hinter den jenseitigen Bergen hervor
und strich zögernd über den Himmel.
Die Irisblüten waren wie weiße, flackernde Flammen. Esther beugte sich
tief hinab zwischen die glatten, glänzenden Stiele, die sich knirschend
aneinander rieben und atmete den kühlen, unsagbar feinen Duft. Von der
Nachtluft leicht bewegt, flatterten die Blütenblätter mit einem sirrenden
Ton, der wie Seidenrauschen klang.
Maria erhob sich von dem steinernen Sitz und trat unter die Schwertlilien.
Sie bog die Stengel auseinander und legte sich mitten unter sie.
Esther sah hinüber zu Lothar. Der blickte weit hinaus in das nächtige
Land.
Aber der Nachtwind strich vorbei wie eine Sehnsucht nach kühlen,
rätselhaften Geheimnissen.
»Ich liebe dich,« dachte Esther. »Ich liebe dich -- --
Dringt es denn nicht zu dir? Kann meine Liebe noch für dich schweigen in
dieser Nacht?«
Doch er schwieg und sah weit hinaus in das nächtige Land.
Da war ihr, als müsse sie sich jetzt erheben und zu ihm gehen und seine
Hand fühlen. Als müsse sie sagen: »Komm nun zu mir, denn du bist bei mir
zu Hause -- bei mir allein.«
Aber sie regte sich nicht, folgte nur seinem fernen Blick.
Und es wurde ganz ruhig in ihr, ruhig wie zu einem angestrengten Horchen.
Und ihr war, als sehe sie dort draußen im unbestimmten Licht zwei Seelen
zusammenfließen -- dort draußen -- weit -- zwischen Himmel und Erde.
Und ein tiefes, geheimnistrunkenes Glück verschleierte alle Wirklichkeit.
Sie gab sich ganz dem Entzücken des Traumes hin.
Sie dachte: »Was geht mich die Erfüllung an und die Ewigkeit der Seligen?
Liegt nicht alle Ewigkeit in diesem Augenblick?« --
Maria richtete sich halb zwischen den Irisblüten auf. »Was denkst du
jetzt?« fragte sie Lothar.
Der wandte sich wie zögernd ihr zu.
»Ich dachte, wie leicht es sei, auf die Ewigkeit zu verzichten, da man sie
doch fühlen kann in einem Augenblick.«
Da wußte Esther, es gab keine Täuschung mehr: Fern von der Welt der
Wirklichkeit und des Bewußtseins hatten sich ihre Seelen berührt.
Und sie weinte ganz still -- sie weinte die wunderbaren Thränen um eine
erste bräutliche Berührung. -- -- -- --