Ist es wohl so? --

Aber sie -- sie gehörte doch zu denen, die für sich selbst nichts mehr

zu erwarten haben -- denen sich das Leben geweigert hat. Zu denen, die nur

noch tapfer sein wollen.

Doch der Wind streifte sie wie ein verwehter Klang der Heimatssprache.

Wie träumend ging sie von dem gewohnten Rückweg aus der Malschule ab und

verfolgte die Richtung nach dem Tiergarten.

Überall standen an den Straßenecken Blumenverkäufer mit italienischen

Anemonen und Mimosenzweigen, deren linder Geruch gleichsam die Luft

verjüngte.

Esther trat in einen Blumenkeller und kaufte ein paar Narzissen -- ihre

Lieblingsblumen. Sie trug sie sinnend vor sich her.

Über den Straßen des Tiergartenviertels glänzte weißes, trocknes Licht.

Aus den Gärten herüber drang üppiger Blumenduft der ausländischen

Pflanzen, vermischt mit dem herben Geruch von jung keimendem Grün.

Und dann war der Tiergarten erreicht.

Ein zartgrünes, durchdringendes Licht spiegelte von den jungen

Blattknospen auf den Weg herab.

Wie schön das alles war. Ja, sie wußte, daß alles das schön war,

was sie umgab -- aber sie vermochte es nicht zu fühlen. Eine lähmende

Starrheit lag über ihrer Seele, die der alte leichtbewegliche

Schönheitssinn vergeblich zu durchbrechen suchte.

Wie Scham über ein heimliches Gebrechen empfand sie diese Starrheit

plötzlich. Und sie quälte sich damit und suchte nach Gründen.

Sie dachte: Wie kann es nur sein, daß eine bloße Enttäuschung, die uns

nicht einmal im tiefsten traf, so zu töten vermag, während ein großer,

echter Schmerz lebenschaffend wirkt?

Sie erinnerte sich, wie sie einmal das Leid getragen hatte wie ein

heimliches Glück. Wie ringsum alles zu Leben erstand -- geheimnisreich und

tief. Wie jeder Vorgang bedeutungsvoll wurde, weil er sich in einem heißen

Herzen spiegelte.

Doch dann war jener Irrtum des Fühlens gekommen, der die Lebenskraft

langsam, fast unmerklich in sich sog, der sie ganz im geheimen leer

und unfähig machte, während ihr schien, sie habe kaum etwas daran

gesetzt. -- --

Sie ging an den Teichen entlang, dann über eine Brücke.

Schwäne kamen fauchend und mit erhobenen Flügeln angeschwommen. Wie ein

hellgrünes Netz über schwarz-goldenem Grund spiegelten sich die jungen

Knospen im Wasser.

Esther blieb stehen, senkte den Kopf immer tiefer, lehnte sich an den

Brückenpfeiler.

Da kamen ihr ein paar Worte -- arme, geborgte Worte -- sie hatte wohl keine

eigenen mehr: Verfehlte Liebe -- verfehltes Leben -- --

Und die Schwäne reckten sich zischend zu ihr herauf, und die Worte fielen

wie eine geheimnisvolle Last in das golden schwarze Wasser. -- -- -- --

»Fräulein Franzenius, da stehen Sie nun immer und unterhalten sich mit

den Schwänen?«

Esther sah auf. Fräulein von Preller stand neben ihr.

»Ich habe Sie gar nicht gesehen,« sagte Esther mit einem scheuen

Lächeln.

»Natürlich nicht,« meinte die andre und sah ihr mit einem sonderbar

guten und warmen Blick entgegen.

Esther dachte: »Sie ist schön.« Und dann: »Hat sie mir auch jetzt eben

gewiß nichts ansehen können?«

Nein, gewiß ahnte sie nichts dergleichen. Sie fragte ganz harmlos:

»Darf ich nun mit Ihnen zurückgehen? Denn wir müssen doch gewiß recht

pünktlich zum Mittagessen kommen, sonst machen wir das arme Fräulein

Schulze ja unglücklich.«

»Gern, wenn Sie mögen.«

Esther war ganz erleichtert, daß sie sich nicht durchschaut fühlen

mußte.

So gingen sie nebeneinander durch den Tiergarten zurück.

Fräulein von Preller machte kleine Bemerkungen über die Umgebung.

»Schade, daß ich kein Brot für die Schwäne mithabe,« sagte sie. »Sie

erwarten es eigentlich nicht anders von jedem Vorübergehenden. Sie stellen

sich auf und fordern Zoll. Und wer nichts zu geben hat, den verfolgen

sie höchst ärgerlich noch ein Stückchen auf dem Land, dort wo es ihnen

eigentlich schon fast unmöglich ist, sich fortzubewegen. Alles das, weil

sie sich recht sehr enttäuscht fühlen.«

Dann kam ein Kinderfräulein vorbei mit einer Schar kleiner aufgeputzter

Judenkinder. Sie trippelten alle ganz vorsichtig in ihrem Staat einher und

hatten traurige, müde Augen.

Fräulein von Preller sagte: »Es thut mir immer weh, wenn ich Kinder sehe,

die nicht laufen und springen dürfen. Mir scheint, solche Kinder haben

für ihre kleinen beständigen Entsagungen mehr zu dulden, als irgend ein

Erwachsener über seinen reifen Kummer, den ihm das Schicksal auferlegt.

Immer wenn ich solchen kleinen unglücklichen Wesen begegne, wünsche ich

mir nichts mehr, als an Stelle dieser leeren Holzpuppen zu sein, und dann

würde ich selbst mit den Kindern um die Wette Kinderstreiche machen. --

Natürlich wäre ich dann bald genug von der betreffenden gnädigen Mama

entlassen,« setzte sie lachend hinzu.

Esther hörte gern zu. Die alleralltäglichsten Sachen klangen gut und warm

durch die Art, wie sie gesprochen wurden, und die etwas tiefliegende Stimme

war wie von Leben durchzittert.

Da plötzlich nach einer kleinen stummen Pause brach Fräulein von Preller

in die Worte aus: »Ich wollte, alle Geheimnisse wären so schön wie die

eines Frühlingstages. Kein Mensch dürfte etwas Trauriges verbergen --

dann würde ein jeder umhergehen und den andern glücklich machen mit dem,

was er verschweigt.«

»Was kann ein Mensch dazu thun, wenn er trübe Geheimnisse tragen muß?«

sagte Esther leise.

»Sie tot machen! Sie ganz ertöten und überwinden, und dann -- ein neues

Glück darauf bauen!«

»Glauben Sie nicht, daß es Verhältnisse giebt, die kein neues Glück

zulassen -- die _das_ Glück nicht zulassen?«

»Nein -- nie!«

»Sie meinen?«

»-- daß jedes Glück gewollt und erzwungen werden kann.«

»Glauben Sie nicht, das ergäbe eine recht billige Moral?«

»Ich weiß, daß sich das, was ich jetzt sagen will, sehr leicht

mißverstehen läßt -- trotzdem: ich glaube, daß für jeden Menschen,

auch für den, der gewohnt ist, nie nach billigen Moralen zu handeln,

einmal der Augenblick kommt, wo er sich jenseits der Moral stellt. Es

ist für ihn der Ausnahmefall -- das Zugeständnis an die Forderung des

brutalen Lebens. _Wann_ diese Zeit aber gekommen ist, hat jeder anständige

Mensch allein mit sich selbst abzumachen. Er allein muß wissen, wie viel

Kampf und Schmerz er einzusetzen hat, ehe er sich sein Glück nimmt.

Man hat viel von einer Moral gesprochen, die im Namen der Schönheit und

Freiheit verkleideten Häßlichkeiten das Wort redet. Darüber sind wir

jetzt hinaus. Unsre ganze Zeit ist darüber hinaus. Wir wissen nur mehr von

einer Ästhetik, die sich mit Ethik deckt.

Wir haben uns von den mißverstandenen Idealen der Freiheit entfernt und

lassen wieder die Gesetze der Güte und Großmut über uns stehen, die im

Grunde stets für den besseren Menschen gegolten haben. Und an wen es nun

kommt, daß er abweichen muß, von dem, was er für gut hält, der hat

einen strengen Kampf mit sich selbst zu führen -- und er wird ihn hart

kämpfen -- nur sich nicht zerstören lassen.«

»Aber könnte es nicht einmal -- die Pflicht eines Menschen sein, sich in

diesem Sinn zerstören zu lassen!«

»Nie. -- Allein schon darum nicht, weil ein gebrochener Mensch -- ganz

objektiv geurteilt -- durch seine Person ebensoviel Unheil anrichten muß,

wie er sonst Glück geben könnte. Sein Bestes kann ja nur noch Resignation

sein.«

»Und das Unglück, das er anrichtet, wenn er sich nimmt, was ihm nicht

zukommt?«

»Das -- muß er als ehrlicher Streiter thun. Und noch einmal: Er muß

wissen, _wann_ er es thun darf -- er allein.

Ein guter und ganzer Mensch wird immer von guten Instinkten geleitet -- ein

gebrochener kann nur noch Unheil anrichten -- ganz unbewußt und ungewollt

vielleicht.« --

Sie gingen nun das letzte Stück schweigend nebeneinander. Das helle

Frühlingslicht floß zitternd an ihnen herab. Esther war es, als hörte

sie ganz von ferne Glocken klingen. Feiertagsglocken waren das -- wurde

nicht das Leben eingeläutet?

Das alles drängte sich ihr so heiß zu Herzen. Und auch das Traurige wurde

milde.

Esther dachte: »Das war es -- ja, das war es: ich mußte Unheil anrichten

-- überall wohin ich kam. Ich hatte nichts Ganzes und Gutes einzusetzen,

weil ich dort nicht kämpfen durfte, wo meine Seele begehrte. -- --

»_Mit meiner ganzen Seele begehre ich nach dir!_«

Ja, mit diesen Worten dachte sie plötzlich an den alten Wunsch. Lebensvoll

wie nur je trat er hervor aus langem, langem Schweigen.

Der Kampf war zu Ende.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 57 / 93 题