»O ja,« sagte Esther zerstreut.
Die Schwester ließ sich nicht einschüchtern. »Wohl gar bis Kopenhagen?«
fragte sie.
»Bis Berlin.«
Die Schwester machte andächtige Augen. »Ja, waren Sie denn schon einmal
in Deutschland, und können Sie die Sprache verstehen?«
»Ich bin Deutsche,« sagte Esther.
Da drückte sich die Schwester ängstlich in eine Wagenecke und sah
erschrocken und unentwegt auf das junge Mädchen. --
Esther nahm den Brief des alten Rude heraus und öffnete ihn -- und las:
»Mein einzig liebes Kind!
Nun gehst Du fort, und ich konnte Dir nicht Lebewohl sagen. Ich konnte
es nicht, weil ich meiner nicht sicher war, weil ich mich vielleicht
verraten hätte. Und was soll die Liebe eines alten Mannes zu einem
Kind?
Du bist durch mein Leben gegangen wie ein lichter Traum; das ist es,
was ich Dir zu danken habe.
Zuerst sah ich Dich wie ein Kind -- ein schönes, liebes Kind, an dem
ich meine Freude haben durfte. Aber Du bist vor mir gewachsen -- mit
jedem Tag gewachsen zu dem einzig begehrten Weib.
Du bist mir alles geworden, und ich hätte alles für Dich hingegeben,
wenn ich nicht immer gewußt hätte, wie vergeblich solche Liebe ist.
Und ich wollte Dir nichts anthun, Dich nicht damit erschrecken, mein
einzig liebes Kind, darum habe ich immer geschwiegen.
Aber heute, nun Du gehst, will ich Dir meine Liebe mitgeben wie einen
Dank, und Du darfst sie nehmen, weil sie so ganz anspruchslos ist und
nichts will, als Dich feiern.
Lebe nun wohl, Du, die alles Glück zu vergeben hat -- und mögest Du
den finden, der dieses Glückes würdig ist.