Sie ging in die Stube zurück und las den Brief --

Lydia erzählte allerhand Kleinigkeiten aus der Heimat, ihre eigne Person

immer nur nebensächlich berührend.

Da fand sich auch eine Stelle, als Esther die las, war der ganze übrige

Brief vergessen. Sie las noch einmal -- da war schon das alte Herzweh

wieder eingedrungen.

»-- -- ja, es ist noch das alte Glück. Ich hörte ihn zu deiner Schwester

sagen: ›Du bist es, die für mich ist‹. Und sie antwortete: ›Und du

für mich‹ --«

Weiter kam Esther nicht. Sie mußte dasselbe immer wieder lesen.

Und da stieg ein Bild des Glückes vor ihr auf -- des Glückes in seiner

Vollkommenheit. Es war nicht mehr die Liebe zu diesem Mann, der so gesegnet

rein und voll empfinden konnte -- Sie hätte nur seine Worte nehmen mögen,

stehlen mögen, um sie dem andern zu schenken, den sie liebte --

Sie hätte zu dem kommen mögen, den sie liebte und allen Reichtum dieser

Worte über ihn ausschütten: »Du bist es, der für mich ist.«

Aber das -- das würde ja für sie nur eine neidische Lüge sein. Denn sie

war genügsam geworden bei einem halben Verstehen, bei einschläfernden

Zärtlichkeiten. Sie hatte gewußt, daß sich ihr nirgends Heimat bot --

und da nahm sie die warme Hand, die sich ihr entgegenstreckte --

Ja, der Wille zu einem Götterglück war allzufrüh in ihr gebrochen -- und

da griff sie nach einem kleinen frohgemuten Trost. -- -- --

Sie hatte nicht bemerkt, daß jemand eingetreten war.

Arne ging auf sie zu mit einem frohen fragenden Blick.

Sie gab ihm flüchtig die Hand. Seine Augen wurden ernst und die Frage

darin eindringlicher.

Sie spürte die Verpflichtung, etwas zu sagen, fand kein Wort und wurde

dadurch verlegen.

Er bemerkte den Brief in ihrer Hand. »Sie haben Nachrichten von zu Hause,

Fräulein Esther?«

»Ja, sie schreiben -- ich werde bald reisen müssen.«

»Sie wollen wieder fort, Fräulein Esther? Hier im Hause hofft man, daß

Sie immer bleiben möchten.«

»Ich bin so lange schon fort,« sagte Esther eintönig.

Er antwortete gar nicht, sah sie nur mit dem traurig befremdeten Blick

eines Hundes an, der Güte und immer nur Güte von seinem Herrn zu erwarten

gewohnt war und sich nun getäuscht sieht. Er ging. Es war ein stummes

Richten.

Aber sie dachte nichts als: es ist gut so, denn es wäre eine Lüge

gewesen.

Doch nun würde sie auch nicht länger in diesem Hause bleiben können.

Die Heimkehr stieg vor ihr auf -- nicht die Heimkehr mit den tausend Masten

der Sehnsucht -- es würde die stille dumpfe Heimkehr des Ausgestoßenen

vom fremden Lande sein. Und wie gegen das Schicksal gerichtet erhob sich

bei diesem Gedanken eine flehende Abwehr in ihr. Nur nicht zurück auf den

Ausgangspunkt ihres Leides!

Eine alte Sage fiel ihr ein: Der Tod kommt zu einem Mann und spricht: »In

dieser Nacht noch schickt mich der Herr, dich zu holen.«

Und von Entsetzen und Widerstand gegen das Schicksal ergriffen, will der

Mann dem Gebot Gottes entfliehen. Er besteigt sein schnellstes Pferd und

jagt über das Land. Er spornt das Tier, daß es die Luft schneidet, als

bräche ein Sturm entgegen, daß es schäumt und keucht, lange Wolkenzüge

von aufgewirbeltem Staub hinter sich läßt im rasenden Ritt.

Und wie Mitternacht kommt, ist der Mann weit im Innern der Wüste

angelangt, wo kein andrer Mensch mehr nah und fern zu finden ist.

Da läßt er das erschöpfte Tier Schritt gehen, selbst in Mattigkeit

zusammenbrechend.

Doch plötzlich -- gar nicht weit von sich -- sieht er eine dunkle Gestalt

in wartender Ruhe. Es zieht ihn hin -- da steht der Tod.

»Wahrlich des Herrn Wege sind wunderbar,« spricht der Tod. »Fast

zweifelte ich heute an der göttlichen Allwissenheit, als der

Herr mir befahl, dich hier an dieser Stelle der Wüste zu

erwarten.« -- -- -- -- --

»Wollen Sie mit mir eine Tour über Land gehen?« fragte später am

Nachmittag Adam Rude.

Esther war gleich bereit. Eliza und Arne saßen schon seit Stunden überm

Schachbrett, Esther hatte ein Buch genommen, aber die gelesenen Worte

bekamen keinen Sinn in ihren Gedanken.

Nun schritt sie neben dem alten Rude über das Heideland. Er hatte ihre

Hand durch seinen Arm gezogen, »damit Sie nicht ermüden, denn wir wollen

weit gehen«.

»Wohin gehen wir?«

»Nach einem Bauernhof, drüben im Rottbüllwald. Recht merkwürdige Leute

sitzen dort, hören Sie nur:

Vor zwanzig Jahren starb der Bauer. Er hatte aber ein Testament gemacht,

nach dem die Bäuerin den Hof verlieren sollte, wenn sie innerhalb

zwanzig Jahren wieder heiraten würde. So sehr hatte er sich ihrer Treue

versichert!

Kaum aber ist der Mann tot, so hat die Bäuerin nichts Eiligeres zu thun,

als ihre Gunst dem Großknecht zu schenken. Aber heiraten dürfen sie nun

ja mal nicht, weil sie sonst den Hof verlieren. Also sie warten zwanzig

Jahre, und jetzt im Frühling hielten sie Hochzeit.

Weil aber im Laufe dieser Zeit an zwölf Kinder gekommen waren, schlug

ihnen der Pfarrer vor, die Hochzeit doch wenigstens etwas in der Stille

zu feiern. Das war aber nun gar nicht nach ihrem Sinn -- es mußte im

Gegenteil eine ganz große Hochzeit sein, denn sonst, wissen Sie, wären

die Brautleute ja um die schon lange entbehrten Hochzeitsgeschenke

gekommen!«

Esther amüsierte sich. Der Alte konnte mit so viel verstecktem Humor

erzählen, wie sie es seiner feierlichen Art gar nicht zugetraut hatte.

Aber es that ihr wohl -- gerade heute. Und sein kräftiger Schritt

unterstützte so harmonisch den ihren. Sie schmiegte sich an ihn und sah

zutraulich zu ihm auf.

Ein herber Wind ging über die abgeernteten Felder; er trug den Geruch von

Erde und Gras, das auf sandigem Boden wächst. Auch überreife Brombeeren

mochten dazwischen sein.

Alles ringsum war klar und einfach -- allem heißen Zweifeln der Sinne und

der Seele fremd.

Was heute früh geschehen war, klang nur noch wie ganz aus der Ferne

herüber. Ein hohes Bild verblaßte. Eine überzärtliche Sehnsucht

entblätterte im Nordlandswind.

War hier nicht alles gesund und stark und gut? Redeten nicht alle Dinge in

einer herzlichen und bekannten Sprache zu ihr? Wozu dann einen festen

und treuen Gewinn des Lebens aufgeben, um sich selbst ins Ungewisse zu

verstoßen?

Wie denn? Das waren alles Worte, um einen Willen zu verkleiden. Ja, ganz

einfach: sie wußte, daß sie sich hier nicht loszureißen vermochte -- sie

_wollte_ hier bleiben.

Wieder sah sie mit einem freudigen und zuversichtlichen Ausdruck auf den

Menschen, der neben ihr ging. Sie wollte ihm so gern etwas Liebes sagen.

»Erzählen Sie mir ein wenig von sich selbst,« meinte sie plötzlich.

»Das kann ich so schlecht,« antwortete er. »Ich bin nicht gewohnt, von

mir zu sprechen.«

Sie glaubte, daß er nun nicht weiter reden würde, aber er fing nach einem

gewaltigen Besinnen wieder an, und es war, als müßte er erst die Worte

aus schlafender Versunkenheit wecken.

Und dann kam eine Geschichte von Arbeit und Entbehren. Absichtslos

erzählt, ohne zu verdecken oder zu übertreiben -- von der einfältigen

Wahrhaftigkeit eines Menschen, der noch vor keinem Spiegel in müßige

Selbstbeschau versunken gewesen, und der in natürlicher Vornehmheit nichts

zu verheimlichen oder zu verschönen an sich weiß.

Und in diese Geschichte der Arbeit und des Enbehrens trat eine Frau.

Sie ging einfach und klar hindurch -- und doch wie etwas Ungeahntes und

Überirdisches. -- Sie erschien ihm so fein, daß er sie nicht anzurühren

wagte mit seinen rauhen Arbeitshänden. Aber sie neigte sich ihm. Doch

immer wenn er fort von ihr war, konnte er es noch nicht glauben, daß sie

ihm gehörte -- wirklich ihm! Und er dachte die ganze Zeit, während er

arbeitete, an sie, und daß er sich eilen wollte, wieder zu ihr zu kommen.

Und auf seinem Heimweg sah er sie dann, wie sie ihm entgegenkam. Sie ging

ihm entgegen mit dem sorgenvollen Blick, der ihr eigen war. Und sein Glück

war es dann, zu erwarten, daß sie ihn erkannte: dann sah er, wie sich ihre

Züge zur Freude veränderten. Ja, diese Wandlung immer wieder zu sehen,

war das köstliche Glück seiner Tage. -- Er erzählte und kam immer wieder

darauf zurück, und dann lächelte er -- und schwieg einen Augenblick --

und erinnerte sich.

Esther ging neben ihm und nahm sein Vertrauen wie ein Heiligtum entgegen,

denn sie verstand wohl seinen Wert.

Und wie er zu Ende war, da wußte sie nichts zu sagen, blieb an einem

Berberitzenstrauch stehen und brach sich Zweige voll der roten Beeren.

Und er griff auch in die Dornen und half ihr. Aber seine Hand zitterte,

so daß ihn die Dornen verletzten. Und er wußte nicht, daß er ihr mit

blutenden Händen den kindlichen Schmuck überreichte.

Und sie nahm den Hut herunter und krönte sich mit den Zweigen in einer

unbewußt feierlichen Gebärde. Und die roten Beeren hingen in ihrem Haar,

wie Blut, das unter einem Dornenkranze niedertropft.

* * * * *

Späte, warme Tage kamen, so daß die langverblühte Heide noch einmal

purpurn schillerte vor lauter Sonnenlicht.

Nicht weit von Eriksgaard lag ein kleiner Friedhof. Gräber mit alten,

verwitterten Steinen, in die so wunderliche Namen eingeschnitten waren,

gab es dort. Esther ging oft allein dorthin und las die Geschichten von

»Jung-Svend«, von »Eike« und »Gerdine«. Sie lasen sich einfältig und

überzeugend wie alte Märchen. Mit trocknen Wirklichkeitsworten war dort

von der Liebe über den Tod und vom Wiedersehen im Jenseits erzählt. Man

wußte, weder Jung-Svend, Eike oder Gerdine, noch ihre Nachredner hatten

diese Hoffnung auch nur in den Bereich des Geheimnisvollen verlegt -- sie

war ihnen so selbstverständlich wie das Tagewerk und das Kinderzeugen

gewesen.

Reseden gab es noch auf den Gräbern und die nachzüglerischen Rosen

des Kirchhofs. Über die Schutzmauer aus Feldgestein hob sich nur ein

untersetzter Nußbaum mit seinen glatten blankflimmernden Blättern.

Einmal, wie Esther durch das Kirchhofspförtchen trat, fand sie Arne unter

dem Nußbaum. Er sah verlegen aus und war bemüht, das Zusammentreffen

als ein zufälliges hinzustellen, denn sie waren sich in einem stillen

Übereinkommen seit jenem Morgen ausgewichen.

Esther ging auf seine Bemühungen ein. Es war etwas Hilfloses über

ihm, das sie rührte. Sie setzte sich sogar neben ihm an die

kleine Hügelböschung unter der Steinmauer und redete ein paar

Gleichgültigkeiten, ihn dabei ernst und freundlich ansehend.

Er schien ihr ein wenig verändert in dieser letzten Zeit, wenigstens

war seine Kleidung nicht mehr so ~dandy like~, und auch der sonst so

wohlfrisierte Scheitel war in wirren Knabenlocken verloren gegangen. Eine

leichte Unrast lag in seinen Bewegungen.

Plötzlich begann er ganz unvermittelt und vor unterdrückter Bewegung fast

automatenhaft redend: »Wir sprachen neulich einmal über die Möglichkeit

eines immateriellen Fortbestehens, Fräulein Esther.

Wissen Sie noch, ich leugnete das Jenseits und die Seele? -- Ich habe

Unrecht gehabt. Ich weiß jetzt, daß ich Unrecht hatte.

Es giebt eine Seele, und es giebt einen Himmel, in dem uns wird, was

wir auf Erden entbehrt haben. Das läßt sich nicht mit Sätzen der

Wissenschaft beweisen -- das muß man gefühlt haben.

Man muß nur einen Menschen über alles lieb haben, dann will man auch mit

ihm die Ewigkeit. Dann will man nichts von der ewigen Seligkeit, als diesen

einen Menschen -- dann glaubt man an das Jenseits und die ewige Vereinigung

der Seelen -- trotz aller Erkenntnisse der Wissenschaft.«

Er schwieg und sah sie erwartungsvoll an. Doch als sie nichts sagte,

nur den Kopf tiefer senkte, fragte er wie mit zugeschnürter Stimme:

»Fräulein Esther, wollten Sie keinen Himmel?«

Sie sah ihn nicht an, antwortete nur still vor sich hin: »Menschen wie ich

bin, wollen keinen Himmel. Es ist ihnen kein Verzichten auf Erkenntnis --

es giebt ja zu viele unerklärliche Dinge, an die sie glauben, als daß

nicht auch der Traum von einem Jenseits zur Wirklichkeit werden könnte.

-- Wir wollen nur keinen Himmel, weil wir dort drüben nicht zu leben

verstünden. Denn wir sind nicht zur Freude geschaffen -- wir würden den

Kampf entbehren -- und den Schmerz -- und die Einsamkeit. Denn das alles

haben wir lieben gelernt, als uns die Erde nichts anderes zu bieten hatte.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 19 / 93 题