Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam.
Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach
Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer
Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und
Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ.
Sie ging über die weiche, nun schon verblühende Heide wie über das
zottige Fell jener Märchenungetüme, die vor verwunschenen Schlössern
liegen. Sie sah am Himmelsrand in grauer Wolkenferne die Erdriesen
kämpfen, und sie vernahm die Seufzer unstillbarer Sehnsucht aus dem Reich
der Unterirdischen.
Ja, alle Dinge sprachen zu ihr. Aber sie ging mit den stillen Augen des
Lauschenden, und in ihr erstand eine zarte und weltfremde Liebe -- eben zur
Welt. -- -- -- -- --
Da lag Eriksgaard. Und Eliza kam mit ihrem keuschen, erwartungsvollen
Lächeln ihr entgegen.
»Du kommst allein über die Heide, Esther? Jeden Tag habe ich auf dich
gewartet! Jeden Tag bin ich dir entgegengegangen.« -- Sie bemerkte gar
nicht, daß sie plötzlich das Du brauchte.
Dann faßte sie Esther bei der Hand, und sie traten ein in das Haus. In die
Thür war ein Herz geschnitten, man konnte dadurch in das Innere des Hauses
blicken, aber man sah nur das Dämmern des dunkleren Raumes, weil man
im hellen Tageslicht stand. -- Esther dachte: ein Herz ist in die Thür
geschnitten -- -- -- --
»Vater! da ist sie!« rief Eliza.
Adam Rude kam aus einem halbdunklen Zimmer und begrüßte den Gast. Seine
Augen waren wie im Traum gewesen.
»Dort hängt das Bild meiner Mutter,« sagte Eliza später. »Er geht
zuweilen hin und ist mit ihr allein.« Sie sprach wie von einer lebenden
Person von dem Bild der Toten.
»Wie war deine Mutter?«
»O -- zart und fein. Nicht sonderlich schön, aber voll Anmut. Und sie war
gut gegen ›Gerechte und Ungerechte‹. Ich entsinne mich, wie unser Haus
eben gebaut war, kam ein Bettelweib -- eine alte Frau, die oft betrunken
war. Die hat meine Mutter nun überall herumgeführt und ihr alles gezeigt
und sprach mit ihr, wie mit einer guten Bekannten. Dann hat sie ihr auch
etwas gegeben -- wohl nicht viel, denn die Eltern waren nicht reich damals
und meine Mutter ängstlich und sparsam. Aber ich habe die Frau dann
fortgehen sehen -- mit einem so glücklichen Gesicht.«
Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr
gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische
Nachgestaltung der Geschehnisse. -- Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz
unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja -- und dann
erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und
traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das
möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß
wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir
hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.«
»Du und dein Bruder?«
»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt
tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können --
obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.«
Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände.
Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit.
»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über
die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem
Leid.
Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf
Esthers Schulter sinken und weinte. --
Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es
ist -- ich verstehe mich gar nicht.« -- Und Esther zog sie zu sich heran.
Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im
instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte,
daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte.
Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind,
das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit
dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur
Seite und dann wieder hin -- aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür
Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm
sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf
die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei
sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind --
Kind.« -- Und wieder: »Kind, Kind!«