III

Das war zu Ende des August, als Esther nach Eriksgaard kam.

Sie wollte den Weg allein gehen. Eine plötzliche und starke Sehnsucht nach

Einsamkeit drängte sie dazu. Denn schon lag alles Frohe und Leichte ihrer

Umgebung wie am andern Ufer. Und es war wie ein zögerndes Umwenden und

Zurückgrüßen, als sie das Haus am Meer verließ.

Sie ging über die weiche, nun schon verblühende Heide wie über das

zottige Fell jener Märchenungetüme, die vor verwunschenen Schlössern

liegen. Sie sah am Himmelsrand in grauer Wolkenferne die Erdriesen

kämpfen, und sie vernahm die Seufzer unstillbarer Sehnsucht aus dem Reich

der Unterirdischen.

Ja, alle Dinge sprachen zu ihr. Aber sie ging mit den stillen Augen des

Lauschenden, und in ihr erstand eine zarte und weltfremde Liebe -- eben zur

Welt. -- -- -- -- --

Da lag Eriksgaard. Und Eliza kam mit ihrem keuschen, erwartungsvollen

Lächeln ihr entgegen.

»Du kommst allein über die Heide, Esther? Jeden Tag habe ich auf dich

gewartet! Jeden Tag bin ich dir entgegengegangen.« -- Sie bemerkte gar

nicht, daß sie plötzlich das Du brauchte.

Dann faßte sie Esther bei der Hand, und sie traten ein in das Haus. In die

Thür war ein Herz geschnitten, man konnte dadurch in das Innere des Hauses

blicken, aber man sah nur das Dämmern des dunkleren Raumes, weil man

im hellen Tageslicht stand. -- Esther dachte: ein Herz ist in die Thür

geschnitten -- -- -- --

»Vater! da ist sie!« rief Eliza.

Adam Rude kam aus einem halbdunklen Zimmer und begrüßte den Gast. Seine

Augen waren wie im Traum gewesen.

»Dort hängt das Bild meiner Mutter,« sagte Eliza später. »Er geht

zuweilen hin und ist mit ihr allein.« Sie sprach wie von einer lebenden

Person von dem Bild der Toten.

»Wie war deine Mutter?«

»O -- zart und fein. Nicht sonderlich schön, aber voll Anmut. Und sie war

gut gegen ›Gerechte und Ungerechte‹. Ich entsinne mich, wie unser Haus

eben gebaut war, kam ein Bettelweib -- eine alte Frau, die oft betrunken

war. Die hat meine Mutter nun überall herumgeführt und ihr alles gezeigt

und sprach mit ihr, wie mit einer guten Bekannten. Dann hat sie ihr auch

etwas gegeben -- wohl nicht viel, denn die Eltern waren nicht reich damals

und meine Mutter ängstlich und sparsam. Aber ich habe die Frau dann

fortgehen sehen -- mit einem so glücklichen Gesicht.«

Eliza hatte eine seltsame frühreife Art zu sprechen. Die Art sehr

gewissenhafter und beobachtender Menschen: es war wie eine plastische

Nachgestaltung der Geschehnisse. -- Sie dachte ein wenig, wobei sie ganz

unerwartet ihrem Vater ähnlich wurde und sprach fort: »Ja -- und dann

erzählte Mutter uns aus der Geschichte. Aber alles, was schrecklich und

traurig darin war, verschwieg sie uns. Ich weiß gar nicht, wie sie das

möglich machte, aber wir erfuhren nichts über Tod und Entsetzen. So, daß

wir es dann später gar nicht verstehen konnten, als sie uns starb. Wir

hatten einfach den Schmerz nicht begreifen gelernt.«

»Du und dein Bruder?«

»Nein, der war schon von Hause fort. Ich und eine Schwester, die jetzt

tot ist. Sie war zarter als ich und hat nie das Entbehren lernen können --

obschon wir nicht sehr traurig waren, als Mutter starb.«

Über Elizas Hände ging die letzte Sonne. Es waren überzarte Hände.

Esther dachte: sie haben einen Zug der Unwirklichkeit.

»Du verstehst alles so sehr,« sagte sie zu dem Kind und strich ihr über

die Hände. Ja, es lag über diesen Händen wie die Ahnung von künftigem

Leid.

Da ließ das Mädchen mit einer sonderbar hilflosen Bewegung den Kopf auf

Esthers Schulter sinken und weinte. --

Sie weinte immer mehr und sagte dazwischen: »ich weiß gar nicht, warum es

ist -- ich verstehe mich gar nicht.« -- Und Esther zog sie zu sich heran.

Sie fühlte die Wärme ihres Körpers zu der andern übergehen wie im

instinktiven Beschützenwollen erwachender Mütterlichkeit und spürte,

daß Eliza ruhig wurde und auf ihren Herzschlag hörte.

Doch da geschah etwas ganz Seltsames: Esther erhob die Augen von dem Kind,

das da an ihrer Brust weinte und sah plötzlich in ein Gesicht, das mit

dem Ausdruck verzehrender Sehnsucht zu ihr gewandt war. Sie sah ratlos zur

Seite und dann wieder hin -- aber da stand im beschatteten Rahmen der Thür

Adam Rude mit seinem gewohnten verschlossenen Gesichtsausdruck. Er nahm

sich in der Dämmerung aus wie ein alter Van Dyck. Langsam kam er jetzt auf

die beiden Mädchen zu und strich seiner Tochter über das Haar. Dabei

sah er mit einem verlorenen Blick zum Fenster hinaus und sagte: »Kind --

Kind.« -- Und wieder: »Kind, Kind!«

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 8 / 93 题