Und Esther senkte den Kopf. »Ich weiß es. Ich weiß es wohl.«

* * * * *

Zuweilen kam eine Sehnsucht nach starken, heißen Farben über sie. Am Berg

standen Ebereschen. Dort war es am schönsten, wenn die brennroten Beeren

durch den Nebel schimmerten. Das gab ein Gefühl der Abgeschlossenheit mit

dieser einzigen Farbe.

Immer wieder mußte sie dorthin gehen wie zu einem Geheimnis. Sie lächelte

über sich selbst.

Ihr Weg führte an vielen Wachholdersträuchen vorüber, die sich wie

sagenhafte Linien entfernter Pyramiden abhoben. Und über Felsgeröll

mußte sie klettern, bis endlich das Plateau mit den Ebereschen erreicht

war.

Die roten Beeren aus dem Nebel leuchtend -- mit der grellen Deutlichkeit

einer verzückten Vision -- -- -- --

Ein unbeschreiblicher, verschwiegener Genuß.

Zuweilen bettete der Nebel die Luft so dicht ein, daß sie unbeweglich

lag -- Dann war das Gefühl jener köstlichen Gemeinsamkeit am

stärksten. -- --

Anders war es in den klaren Tagen. Da lag alles wie ein Spiegel stiller und

weiter Gedanken.

Das war eine gute und fruchtbare Einsamkeit, die auch oft zum Mitleben in

andern, wesensfremden Naturen lockte.

Da war die Freundschaft mit Lydia.

Lydia besaß einen langen Hals und eine kränkliche Stimme. Und sie

gehörte zu den Ausgestoßenen.

»Du mußt mir erzählen wie es dort ist, wo du jetzt bist,« sagte Esther.

Lydia errötete und schob das Kinn über den schwankenden Hals hinaus. »O,

es gefällt mir ganz gut.«

»Du wünschest dir nichts anderes?«

»Nein.«

»Sind auch die Leute gut zu dir?«

»Was denn? Sie gehen mich nichts an. Ich will nichts von ihnen -- sie

wollen nichts von mir, als daß ich ihren Kindern Stunden gebe. Warum

sollten sie gut zu mir sein?«

»Wolltest du nie jemanden, den du liebst, und der dich lieb hat, Lydia?«

»Ich habe ja dich. Ich möchte niemand sonst.«

»Möchtest du keinen Mann, wie die andern Mädchen?«

Da kam eine plötzliche Energie in die Haltung des blassen Mädchens, und

sie richtete ihre, sehr schönen, ausdrucksvollen Augen auf Esther: »Wer

auch zu mir käme, ich wollte niemand als dich. Du bist gut zu mir gewesen

wie sonst kein Mensch. Und ich habe alles von dir bekommen -- alles!«

Esther dachte: Ich habe ja so wenig zu geben -- es ist alles so fest in

mich eingewachsen, daß nicht Wort und nicht Gebärde es lösen könnte. --

Ich gehöre ja zu denen, die schweigen müssen. Weshalb glaubt sie nur an

mich? -- Und sie sagte: »Wenn du nur nicht einmal siehst, daß ich dir

nicht genüge.«

»Ich will nichts von dir. Ich will dich nur lieb haben dürfen,« sagte

die andre.

Und sie saßen nieder an einer Hügelböschung. Vor ihnen lief der Fluß,

und das Wasser war so blank wie Glas. Drüben am andern Ufer wurde Heu

gemacht. Das Uferschilf rasselte manchmal in die Stille hinein, wie ein

wohlbewaffnetes Heer, das unversehens aus seinem Versteck brechen will. --

Ganz plötzlich kam ihr der Wunsch wohlzuthun. Sie nahm die Hand des

häßlichen Mädchens und küßte sie.

* * * * *

Später, zum Frühling hin, geschah es.

Da war Esther einmal im Nebenzimmer, wie Maria und Lothar in der Dämmerung

zusammensaßen. -- Ja, es war in der Dämmerung, wo sich die Seelen näher

kommen, wo jenseits alles Fremden und Irreleitenden ein Ich zum andern

findet.

Esther hörte es.

Sie hörte ihre freien, glücklichen Zärtlichkeiten und ihre Worte der

Zusammengehörigkeit.

Da streifte Maria das leichte Gewand der Melancholie herunter, und

sie zeigte sich ihm, wie sie im Grunde war: die Glückspendende -- die

Priesterin der Seligkeit.

Die Hochzeit der Esther Franzenius: Roman · 第 2 / 93 题