I
Auf dem Fluß hingen des Morgens Nebel, die sich in zarten Tönungen auch
noch über die Uferwiesen hin erstreckten. In den Straßen sangen nach
altem thüringer Brauch die »Kurrendeschüler« mit ihren schwarzen
Chormäntelchen angethan. Sie zogen von Haus zu Haus, sangen mit
Engelsstimmen und schimpften einander dazwischen, als die Gassenbuben die
sie waren. Von den Bäumen plauzten schon die reifen Kastanien, zerbarsten
und rollten schillernd über den Weg.
In wenig Tagen würde man auch das Schwimmbad schließen müssen, denn
schon traute sich niemand mehr in das abgekühlte Wasser, ausgenommen
Fräulein Esther Franzenius. Fräulein Esther aber würde gewiß nicht
eher aufhören ihre sehr schlanken, kraftvollen Glieder gegen das Wasser zu
spannen, bis ihr das erste Nachteis die Haut ritzte.
Esther Franzenius ging über die Wiesen, da steifte sich ihr der Wind
entgegen und zerrte an ihren vom Wasser feuchtdunklen Haarsträhnen, die
immer zu lang in das Gesicht fielen. Und sie bog ein wenig den Oberkörper
zurück, und eine Tragkraft ging durch ihren ganzen Leib, als sei er ein
feiner, stolzer Bau, den festgefügte Steine gen Himmel heben.
Dann ging sie durch die grauen Gassen mit dem Pflaster von Anno dazumal und
zuletzt die kleine Anhöhe hinauf.
Ja, ganz versteckt lag das Haus, in dem Esther wohnte. Eine hohe,
breitbuchtende Ligusterhecke umsperrte den Garten.
Maria kam über den Weg ihr entgegen. Maria war schön und strahlend
-- auch in ihrem Mißmut. Maria nahm alle Herzen hin, und selbst die
Baumwürzelein freuten sich, wenn sie vom Kleidersaum der Allerschönsten
gestreichelt wurden. Ja, Maria hatte ein gesegnetes Angesicht.
»Ist er noch nicht bei Dir?« frug Esther die Schwester.
»Oh, er wird schon kommen.«
Und da war er auch schon.
Erst gingen seine Augen zu der blonden Maria, wie das ganz natürlich war.
Sie verfingen sich förmlich in ihren Blicken, sie ließen nicht los, so
daß die Hände ungeleitet zu einander tasten mußten.
In Esther klang das wieder, was er fühlte in diesem Augenblick: Es
mußte ihm sein, wie ein Ausruhen nach langem ermüdendem Steigen -- ein
Erlösungsgefühl -- und Dank.
Immer wußte sie, was er empfinden würde bei all den kleinen, feinen
Anlässen, in denen sich das Leben unter der Hülle der Geschehnisse
abspielt. Sie besaß zu seiner die Schwesterseele -- aber das wußte nur
sie.
Sie erschrak förmlich, und ihr war, als hätte nun auch er ihre Gedanken
begleitet, als er plötzlich die Hände seiner Braut losließ und sich nun
zu ihr wandte.
»Sie sind vorhin immer vor mir hergegangen, Esther -- ich habe Sie
gesehen.«
Sie erschrak, weil sie seine Worte wie die Brücke zu tieferem Sinn nahm --
aber dann fiel ihr ein, daß ja nur sie es war, die ihn erkannt hatte. Da
tauchte auch wieder die Wirklichkeit an die Oberfläche.
»Jetzt ist Esther das Hausmütterchen, ja?« wandte sich nun Maria zu ihr.
-- Und sie gingen hinein in das Haus, und Esther trug Obst auf den Tisch
und Wein, der aus einem feinen, hohen Krug gegossen wurde. Und alles
ordnete sie Maria zu Händen. Und alles sah aus, als sei es nichts als ein
Opfer, Marias Schönheit gebracht.
»Die ungleichen Schwestern,« sagte Lothar; dabei hingen aber seine Augen
selbstvergessen nur an der, die er liebte.
Und Esther übersetzte in Gedanken seine Worte: Wir demütigen uns vor ihr.
-- Und sie lächelte zu der schönen Schwester hinüber.
Maria erzählte von einem Lied, das sie gestern niedergeschrieben
hatte. Sie dichtete in Tönen und Worten. Das stimmte auch zu ihrer
Persönlichkeit. Esther und Lothar aber übten nur die schweigsame Kunst
der Malerei, die sich im Bewundern und genießendem Verstehen bescheidet.
Dann setzte sich Maria an das Klavier und gab zu einer einfachen Melodie
ihr Lied, das sie nur mit ganz leiser, halb sprechender Stimme sang:
»Legt Narzissen auf mein Grab,
Ich habe mich zu viel gesehnt --
Schwarze Tujazweige drüber,
Weil mir keiner Liebe gab.
Rote Rosen streut zu Füßen,
Die bedeuten meine Träume,
Und zu Häupten eine Lilie,
Daß mich eure Engel grüßen --
Und dann laßt mich dem Vergessen.«
Es klang so weich und rührend, wie die schöne Maria mit ihrer zu
schwachen Stimme sang. Man vergaß darüber, daß sie die _schöne_ Maria
war, der ja alle Liebe stets zu Füßen lag, die nie eine vergebliche
Sehnsucht gekannt hatte. Und das Herz that sich auf in Zärtlichkeit für
diesen melancholischen Liebreiz.
Esther verstand nicht mehr. Ein häßlicher Gedanke drängte sich ihr auf.
»Tändeln mit dem Schmerz,« dachte sie.
Sie sah hinüber zu Lothar. Der saß in die stumme Anbetung versunken, die
man dem Leid eines geliebten Menschen weiht. Da stieg eine gegenstandslose
Scham in ihr auf.
»Aber die Dichter lügen zu viel!« -- Hatte sie selbst denn dieses
spottsüchtige Citat gesprochen?
Lothar sah sie mit ganz erstauntem Mißfallen an. Und Maria -- die arme,
schöne Maria machte so hilflose Kinderaugen. -- -- --
Als Lothar dann fortging, sprach er. Er traf mit Esther im Hausflur
zusammen, denn er war zuletzt allein mit Maria gewesen, und sagte: »Warum
haben Sie ihr das angethan? Man darf ihr nicht wehe thun -- Sie gehört zu
den Menschen, denen man nicht weh thun darf.«