Mrs. Bowlby, dann Allan mit Miß Helen, dann den Obersten, Herrn van
Schleeten und den alten Ali. Selbst setzte er sich zu allerletzt,
indem er den rechten Arm zu dem Baldachin erhob. Im selben Augenblicke
tauchten von allen Seiten, wie es schien, aus dem Nichts, Diener mit
blinkender schwarzer Haut auf, füllten die Porphyrschalen vor jedem
Gaste mit parfümiertem Wasser und stellten vor jeden einen Becher mit
einem rosafarbenem Getränk hin.
„Das ist Sorbet,“ sagte Yussuf Khan, „später kommen die Getränke, die
die Sahibs lieben, aber zum Willkommengruß wünschte ich den Trank
meines eigenen Landes.“
Er erhob das Glas mit einer majestätischen Bewegung und trank es aus.
„Möchte diese unwürdige Mahlzeit euch alle Beschwerden vergessen
lassen, die ihr meinetwegen erduldet habt.“
Im selben Augenblicke, in dem er seinen Becher niederstellte, fiel ein
Regen von Rosen auf die Festtafel und die Gäste, und im Hintergrunde
des Saales begannen die braunen Tänzerinnen einen wirbelnden Tanz, den
sie auf ihren seltsamen Instrumenten begleiteten. Während Mrs. Bowlby
von ihren Kissen empor schnellte, um sie anzustarren, beugte Allan
sich zu Miß Helen herab, die mit träumenden Augen dasaß, als wüßte sie
nicht, ob sie wachte, und sagte:
„Se. Hoheit scheint kein weiteres Attentat auf seine Edelsteine zu
befürchten, da er sie hier so ausbreitet.“
„Er hat ja die Leibwache um sich,“ sagte sie, ohne ihre Blicke von
der Pyramide auf dem Tisch abzuwenden. „Sie haben aber auch gehörigen
Respekt vor diesem Mirzl!“
„Ich muß gestehen, daß ich ihn im Verdacht habe, wo immer zwei oder
drei versammelt sind und etwas in der Nähe ist, das des Stehlens wert
ist.“
„Da müßte er ja hier drinnen sein,“ lachte sie.
Allan fuhr bei ihren leicht hingeworfenen Worten zusammen. Was war ihm
doch früher am Abend eingefallen? Und nach welcher anderen Erinnerung
fahndete er nur?
Yussuf Khan, der Mrs. Bowlby mit tiefem Ernst beobachtet hatte, sagte:
„Es ist unbestreitbar, daß einige der Tänzerinnen, die der Besitzer
dieser Karawanserei aufgetrieben hat, nicht des Reizes entbehren. Aber
ich für meine Person finde weit größeres Gefallen an Eurer Tochter, die
mir herangewachsen genug scheint, um verehelicht zu werden.“
Mrs. Bowlby stieß einen Schrei aus, wie ein in der Schlinge gefangener
Papagei und wandte sich jäh von den Tänzerinnen ab, die in einem Zyklon
von nackten Gliedern und blinkendem Gold umherwirbelten.
„Helen!“ rief sie. „Helen, du darfst kein Wort von dem hören, was er
sagt!“
„Nein, Mama.“
„Sie sollten sich schämen!“ fuhr Mrs. Bowlby an Yussuf Khan gewendet
fort. „Sie sollten sich die Augen aus dem Kopfe schämen! Wo Sie
hundertfünfzig Weiber haben, die Sie Frauen nennen, Sie sollten sich
schämen, meinem armen, unschuldigen Kinde Fallstricke zu legen!“
„Diese hundertfünfzig Frauen“, sagte Yussuf Khan, „sind schon lange
in meinem Palast. Ueberdies können sie weggeschickt werden, wenn
es nötig ist. Vielleicht ist es leichter, eine Frau zu lieben als
hundertfünfzig.“
Mrs. Bowlby umklammerte ihren Sorbetbecher, wie um ihn ihm an den Kopf
zu werfen und starrte ihn sprachlos an. Yussuf Khan fuhr ebenso ruhig
wie immer fort:
„Mein Geschlecht zählt achtundvierzig Ahnen, und von meinem Palast
und meinen Besitztümern legen diese Juwelen ein wenn auch unwürdiges
Zeugnis ab. Wäre der Juwelenkünstler, der zur Linken meines Lehrers
sitzt, nicht von einem Weibe betört worden, worum wir ihn alle beneiden
müssen, hätten diese Juwelen ein anderes und gewinnenderes Aussehen.“
„Helen!“ schrie Mrs. Bowlby mit erstickter Stimme, „Helen, höre nicht
auf ihn!“
Miß Helen wollte etwas antworten, und die schwarzen Diener erschienen
eben in feierlicher Prozession mit einer Reihe Silberschüsseln in den
erhobenen Händen, als Allan eine Idee durchzuckte. Die Erinnerung, nach
der er gesucht hatte, war aufgetaucht, und im selben Augenblick war die
Idee gekommen -- wahnsinnig, aber!! Er beugte sich hinter Miß Helens
Rücken zu Oberst Morrel vor. Er flüsterte dem Obersten zwei Fragen zu,
worauf dieser ihn anstarrte wie einen Wahnsinnigen, bis er endlich die
Sprache wieder fand.
„Ja, was zum Henker soll das heißen?“ brüllte er. „Sind Sie denn ganz
toll?“
Allan erhob sich von seinem Platz.
„Was das heißen soll?“ rief er, indem er mit blitzenden Augen auf
Yussuf Khan deutete. „Das soll heißen, daß der Mann, der da sitzt, gar
nicht Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad ist!“
Er hatte kaum diesen Satz herausgeschleudert, als an die Eingangstür
des Festsaals geklopft wurde. Sie öffnete sich, und drei wunderliche
Gestalten erschienen auf der Schwelle.
Zuerst kam der Mann, der behauptet hatte, einem Feste in seinem
eigenen Hotel nicht beiwohnen zu können -- der Direktor des Grand
Hotels Hermitage. Dann kam eine Frau, bei deren Anblick Mrs. Bowlby
zurückprallte wie vor dem Anblick einer Klapperschlange, und
schließlich ein Mensch im zerdrückten Anzug und nicht ganz reinem
Kragen, der eine gewisse Aehnlichkeit mit dem Maharadscha von Nasirabad
aufwies.
XIII
Yussuf Khans Heirat
Der Direktor des großen Hotels brach das Schweigen, das durch
seinen und den Eintritt der anderen zwei Personen in den Festsaal
entstanden war. Er wendete sich an Oberst Morrel und sagte mit einer
entschuldigenden Betonung auf jedem Wort, das er sprach:
„Herr Oberst, Sie müssen mein Eindringen in Ihre Gesellschaft
verzeihen. Sie können sich denken, daß es nicht ohne zwingende Gründe
geschieht. Ich werde das, was vorgefallen ist, so kurz und deutlich
erzählen, als ich kann.
Vor zwanzig Minuten wurde ich in das Bureau gerufen, mit dem Bedeuten,
daß meine Anwesenheit unumgänglich notwendig sei. Ich eilte hinunter
und fand diese Dame, in der ich Mrs. Langtrey erkannte, die einige Zeit
im Hotel gewohnt hat, und diesen Herrn, der eine gewisse Aehnlichkeit
mit Sr. Hoheit hat (der Direktor verbeugte sich in der Richtung von
Yussuf Khan). Ich traute meinen Augen nicht, als ich Mrs. Langtrey
sah, die, wie wir wissen, vor zwei Tagen ein kühnes Attentat auf die
Juwelen Sr. Hoheit versucht hatte, über das einer der Gäste Sr. Hoheit
die ausführlichsten Aufklärungen geben kann. (Der Direktor verbeugte
sich leicht gegen Herrn van Schleeten, der ganz starr dasaß, die
Augen auf Mrs. Langtrey geheftet). Bevor ich noch meine Bestürzung
aussprechen konnte, sagte Mrs. Langtrey: ‚Ich weiß genau, was Sie
sagen wollen. Es ist unnötig. Ich bin Mrs. Langtrey, die in Ihrem
Hotel gewohnt hat; das ist der Maharadscha von Nasirabad, der vor fünf
Tagen geraubt wurde.‘ ‚Wie können Sie es wagen, zu behaupten, daß
dieser Mensch der Maharadscha ist,‘ rief ich aus, ‚ich weiß doch, daß
der Maharadscha gerade jetzt ein Abschiedsfest in meinem Hotel gibt!‘
‚Der Maharadscha,‘ erwiderte Mrs Langtrey, ‚ein sauberer Maharadscha!
Der Mensch, der heute abend in Ihrem Hotel das Fest gibt, ist nicht
mehr Maharadscha als Sie selbst oder der Portier hier. Ich verlange
augenblicklich in den Festsaal hinaufgeführt zu werden.‘ Jetzt wurde
mir die Sache zu bunt, und ich wollte die Dienerschaft rufen, um Mrs.
Langtrey aus dem Hotel zu weisen, als sie mir zuvorkam und sagte: ‚Tun
Sie nicht etwas, was Sie bereuen würden! Wir wollen nur ungerne mit
Hilfe der Polizei eindringen, aber wenn es notwendig ist, werden wir
es tun.‘ Nach dieser Aeußerung glaubte ich nichts anderes machen zu
können, als die Gesellschaft hierher zu begleiten, wie sie es wünschte.“
Der Direktor verstummte. Der Oberst blickte wie ein Schlaftrunkener
um sich, bald starrte er den Direktor, bald Allan an, bald die zwei
Personen, die auf den Thron von Nasirabad Anspruch erhoben. Der
zuletzt Erschienene, der Mann in Mrs. Langtreys Gesellschaft mit dem
zerdrückten Frack, ergriff das Wort:
„Wie lange werde ich noch warten müssen, bis dieser Verbrecher, der
mein Aussehen gestohlen hat, in Ketten gelegt wird?“ sagte er. „Fünf
Tage bin ich in seinen und seiner Bande Händen gewesen, und nun ich
wiederkomme und finde, daß er meinen Namen, wenn auch nicht mein Hab
und Gut, gestohlen hat, werde ich behandelt, als wäre +ich+ er.
Oberst Morrel Sahib, wie lange werde ich noch warten müssen, daß der
Verbrecher in Ketten gelegt wird?“
Der Oberst starrte von ihm zum Maharadscha am Tisch, ohne eine Silbe
hervorbringen zu können. Er kannte den Maharadscha seit vielen Jahren;
am Tische saß ein Yussuf Khan, an den er sich von tausend Gelegenheiten
her erinnerte, in der Türe stand ein Mann mit eingefallenen Wangen und
zerknitterter Kleidung, der wohl eine gewisse Aehnlichkeit mit dem
anderen Yussuf Khan hatte, aber auch nicht mehr als das.
Aber dieses Zusammentreffen mit dem jungen Mann aus Schweden, der seine
absurde Behauptung fast im selben Augenblicke hinausgeschleudert hatte,
in dem sie in so eigentümlicher Weise von anderer Seite vorgebracht
wurde! Er stand noch total konfus da, als das Schweigen gebrochen
wurde: Der Maharadscha am Tische wollte sprechen, aber Allan Kragh fiel
ihm höchst unartig ins Wort.
„Oberst Morrel,“ sagte er. „Ich stellte kürzlich zwei Fragen an Sie,
die Sie, wie ich sah, wahnwitzig fanden. Gestatten Sie, daß ich sie
noch einmal wiederhole?“
Der Oberst nickte starr, vermutlich ohne aufzufassen, was Allan sagte,
so verblüfft starrte er noch immer die beiden Kronprätendenten an.
„Ich habe Sie gefragt,“ sagte Allan, „ob Se. Hoheit, der Maharadscha,
Gelegenheit hatte in Nasirabad seine Zähne plombieren zu lassen? Wollen
Sie mir diesmal ausdrücklich darauf antworten?“
Der Oberst wendete seinen starren Blick ihm zu.
„Zähne plombieren,“ schrie er. „Das ist wirklich nicht die rechte Zeit
für Geschwätz und Dummheiten.“
„Es sind vielleicht nicht solche Dummheiten, wie Sie glauben,“ sagte
Allan. „Ich ziehe aus Ihrer Antwort den Schluß, daß Se. Hoheit keine
Gelegenheit hatte, seine Zähne in Nasirabad plombieren zu lassen. Und
in London?“
„Jetzt hören Sie aber, junger Freund --“
„_All right._ Also auch nicht in London. Nun weiß ich aber, daß
der Mann, der hier am Tische sitzt, einen Backenzahn hat, der mit einer
Goldplombe überzogen ist. Kann er dies widerlegen, entfällt einer der
Gründe für meine Behauptung, daß er nicht der Maharadscha von Nasirabad
ist. Ich gebe ihm hiermit Gelegenheit, es sofort zu widerlegen.“
Yussuf Khan sprang mit blitzenden Augen vom Tische auf.
„Ich weiß nichts von der Gastfreundschaft der Sahibs,“ sagte er, „wenn
sie die Gastgeber sind. Aber wenn jemand in meinem Lande zu mir, seinem
Gastgeber, so spräche, wie dieser junge Mann zu mir spricht, ich würde
ihn mit Hieben und Schlägen von meinen Dienern aus dem Hause jagen
lassen. Bin ich ein Pferd, daß ich mir auf einen Wink in den Mund
schauen lasse? Man treibe diese Menschen hinaus, die ich nicht kenne
und die sich hier eingedrängt haben wie freche Bettler, und zugleich
mit ihnen diesen jungen Mann, der mich beleidigt hat, wie ich noch nie
beleidigt wurde!“
Er betrachtete Allan und die ungebetenen Gäste mit blitzenden Augen.
Der Oberst richtete sich auf und war im Begriff seinen Wunsch zu
erfüllen, als Allan ihn mit einer Geste und einem leisen Lächeln
aufhielt.
„Oberst Morrel,“ sagte er, „einen Augenblick! Ich will mich gerne in
der Weise, wie Se. Hoheit es wünscht, hinausjagen lassen, aber unter
einer Bedingung. Ich glaube, daß Mrs. Langtrey und ihr Begleiter sich
mir anschließen werden, wenn sie diese Bedingung hören.“
Er wandte sich dem Maharadscha am Tisch zu:
„Benjamin Mirzl, du Sonne der Rechtgläubigen und aller Verbrecher
König, habe die Gewogenheit, deiner schwarzen Leibwache selbst den
Befehl meiner Verjagung zu geben! Ich weiß zufällig, daß sie nicht
englisch spricht!“
Die Züge des Maharadscha nahmen, während Allan sprach, einen
furchtbaren Ausdruck an. Er verließ seinen Platz und kam mit langsamen
Schritten auf die Gruppe zu, die in der Nähe des Eingangs stand. Seine
Augen waren durchbohrend auf Allan geheftet und funkelten wie die
eines Königstigers. Er blieb vor Allan stehen und fixierte ihn einen
Augenblick mit einem Ausdruck solchen Zornes, daß der Oberst eine
Bewegung machte, um einzuschreiten; es sah aus, als wollte er Allan
auf der Stelle niederschlagen. Im selben Augenblick geschah jedoch
etwas ganz anderes. Der Maharadscha machte an ihnen allen vorbei
einen Riesensprung, nicht unwürdig des königlichen Raubtieres, dem
er glich; und bevor jemand sich noch gerührt hatte, lag der Saal in
Stockfinsternis versunken; sie hörten die Eingangstüre zufliegen und
das Einschnappen eines Riegels. Für einen Augenblick war alles ein
wüstes Durcheinander; Rufe ertönten von Mrs. Bowlby, vom Obersten,
von der schwarzen Leibwache, vom Direktor und den eben eingetroffenen
ungebetenen Gästen. Dann kam ein Ausruf der Befriedigung von jemand,
dem es gelungen war, den Kontakt zu finden, und der Saal lag wieder im
Licht da. Ein Gewimmel von Armen und Beinen bearbeitete die Türe mit
Schlägen und Stößen; verschiedene Ausrufe des Obersten, der mitten im
Kampfgewühl war, deuteten an, daß nicht alle Schläge den Türspiegel
trafen. Endlich flog die Türe auf, und eine wilde Jagd begann die
Treppe hinunter in die große Halle. Zum Glück für den zukünftigen Ruf
des Hotels war die Halle bis auf ein paar Bedienstete und den Portier
ganz leer. Der Direktor schleuderte ihm mit Tigergebrüll eine Frage zu,
und nach einem Augenblick des erstaunten Starrens kam die Antwort von
dem würdigen Portier mit der Benediktinerfigur:
„Der falsche Maharadscha? Der Maharadscha ist vor einem Augenblick die
Treppe hinuntergekommen und ... nun ja, er schien ein bißchen unsicher
auf den Beinen. ‚Will b--bißchen an die f--frische Luft‘, hat er uns
zugemurmelt, Sir, und uns ein wenig unsicher angesehen. Wir hörten Rufe
oben aus dem Festsaal und dachten uns: Jetzt sind die Gäste in Stimmung
gekommen, und --“
Im nächsten Augenblicke waren sie an dem würdigen Portier vorbei, wie
ein Koppel Hunde, die die Fährte gefunden haben. Leider führte diese
Fährte nicht weiter als bis zum Monmouth Square. Der patrouillierende
Polizeikonstabler rapportierte, daß er vor zwei Minuten einem
asiatischen Gentleman, der etwas bezecht zu sein schien, in ein Auto
geholfen hatte, das dann zur Wohnung dieses Herrn, Grosvenor Hotel,
fortgerollt war.
Der Oberst sah Allan an, während er sich den Schweiß von der Stirne
wischte.
„Der verdammte Schurke,“ murmelte er. „Das drittemal! Und auf ein Haar
wäre es ihm geglückt ... Hol’s der Teufel -- ich kann nicht umhin, den
Kerl zu bewundern.“
„Gehen wir wieder hinauf,“ sagte der Direktor. „Seine Hoheit ... Seine
wirkliche Hoheit kann Entschuldigungen und Erklärungen verlangen.“
Er, der Oberst und Allan gingen die Treppe wieder hinauf; Herr van
Schleeten hatte an der Jagd auf den falschen Maharadscha nicht
teilgenommen. Die Leute auf dem Monmouth Square starrten die drei
Herren an, von deren Gesichtern der Schweiß troff, trotzdem sie in
Frack und weißer Krawatte waren. Im Festsaal angelangt, bot sich ihnen
eine bunte Szene.
Links von dem Eingange stand die Familie Bowlby unter dem Präsidium
von Mrs. Bowlby, die mit ausgebreiteten Röcken bereit war, ihr
Haus zu verteidigen, wie die Henne ihre Küchlein. Sie führte eine
eifrige, leise Konversation mit ihrem Mann und ihrer Tochter und
schleuderte hie und da einen herausfordernden Blick auf Mrs. Langtrey.
Mrs. Langtrey stand mitten im Saale mit stolzer Haltung und einem
unergründlichen Lächeln. Ihre Augen hingen an Yussuf Khan -- dem nun
anerkannt richtigen -- und auf ein Kissen an der Festtafel gesunken,
die Nasenfarbe von Chateau Lafitte in Haut Sauterne verwandelt, saß
ein Herr mit dickem, gelbgrauem, jetzt schlaff hängendem Schnurrbart,
dessen Augen nichts anderes sahen als Mrs. Langtrey -- Herr van
Schleeten.
Die schwarzen Diener und die Leibwache hatten sich in einem Kreis
versammelt, wie eine Krähenkolonie über das Passierte schnatternd.
Yussuf Khan -- der richtige -- stand, noch etwas schlapp, mit einem
geleerten Weinglas in der Hand da und war der Gegenstand zärtlicher
Worte und entschuldigender Bitten von seiten seines alten Lehrers.
„Beim Propheten, mein Sohn, ich schäme mich wie ein Dieb, der im Basar
auf frischer Tat ertappt wurde! Ich, ich selbst, dein Lehrer, ließ mich
zwei Tage von diesem frechsten unter den Betrügern täuschen. Sogar
seine Sprache war die deine, nur poetischer, worin ich eine Frucht
der Lehren sah, die ich dir beizubringen bemüht. Mein Hochmut darüber
machte mich noch blinder gegen seinen wirklichen Charakter, wofür Allah
mir gnädig sein möge. Wahrlich, beim Propheten! Ich schäme mich! Wäre
nicht dieser junge Mann mit dem wunderbar scharfen Falkenblick gewesen,
du wärest jetzt vertrieben, und er, der Betrüger wäre in wenigen
Wochen, wenn wir unser Land wiedersehen, nach dem ich mich sehne, wie
der Hirsch nach der Quelle, auf den Thron von Nasirabad erhoben worden.
Ueberaus treffend sagt der göttliche Zeltmacher --“
Der Maharadscha unterbrach ihn, ohne die treffende Aeußerung des
göttlichen Zeltmachers abzuwarten.
„Ohne Zweifel“, sagte er, indem er sich aufrichtete, „hat der junge
Mann, der mir unbekannt ist, jetzt das Verdienst, daß der Betrüger
entlarvt wurde, aber ich hatte jemanden in meiner Gesellschaft, der
bereit war, ihn zu entlarven. Sie wollte nur ihren Zeitpunkt wählen.“
„Mein Sohn, ich bedauere, daß du mir den Schmerz bereitest, den Worten
des göttlichen Zeltmachers nicht so gerne zu lauschen wie der elende
Betrüger, Sohn Scheitans. Aber du sagtest +sie+? Meinst du die
Frau, die in deiner Gesellschaft kam?“
„Wie du sagst. Sie, die in meiner Gesellschaft kam, die von diesem
Betrüger und Menschenräuber zu meiner Gefängniswärterin ausersehen
war, die sich meiner in meiner Gefangenschaft erbarmte, und von der
ich gleich noch mehr mit dir und Oberst Morrel Sahib sprechen werde.
Fünf Tage war sie meine Wächterin, nur anfangs von dem Verbrecherkönig
abgelöst. Ihre Milde zugleich mit der Festigkeit ihres Willens war
bewunderungswürdig, und die Zeit in meinem Gefängnis, wo sie über mich
wachte, war mir süßer als alle Stunden, die ich in der Gesellschaft
anderer Frauen verbracht habe. Sie war fest wie die Hand des Reiters,
wenn sie den Zügel hält, und sanft wie sie es ist, wenn sie das Fohlen
streichelt. Heute -- doch später mehr davon. Du sagtest, daß wir schon
in einigen Wochen unser Vaterland wiedersehen werden? War denn die Zeit
für Eure Abreise schon bestimmt?“
„Sie war von Oberst Morrel Sahib für morgen bestimmt, der es gestern
als eine Gnade von Sr. Exzellenz dem Minister erwirkte, daß wir diese
Stadt mit unversehrter Ehre und Turbans verlassen dürfen. Von solchen
Dingen wie die, die unsere Anwesenheit hier verursacht hat, hat diese
Stadt noch nie gehört, und sowohl die Bevölkerung hier wie Oberst
Morrel Sahib sind mit Recht über mich empört, der ich dir ein so
elendes Vorbild gewesen. Ach, du kannst in Wahrheit auf deinen Lehrer
anwenden, was der göttliche Omar von seinen Lehrern sagte:
Die hellsten Leuchten von den klügsten Köpfen,
Die von den Sternen selbst die Weisheit schöpfen,
Da liegen sie ...“
„Da kommt Oberst Morrel Sahib,“ schnitt Yussuf Khan ab. „Das ist gut.
Ich will sogleich mit ihm von dem sprechen, was mir am Herzen liegt.“
Er ging dem Obersten entgegen, der sich noch nach der Verbrecherjagd
die Stirne wischte und hie und da mit einem gemurmelten energischen
Ausdruck die Fußknöchel rieb, die im Kampf gegen die Eingangstüre
mitgewirkt hatten. Er starrte Yussuf Khan mit Blicken an, in denen
allzu geringe Freude über die Rückkehr des rechten Thronprätendenten zu
lesen war.
„Eine saubere Geschichte,“ rief er, als trüge Yussuf Khan die Schuld
an Herrn Mirzls Missetaten. „Habe ich gesagt eine verdammt saubere
Geschichte? Was sage ich, ein ganzer Knäuel von verdammt sauberen
Geschichten! Hätte Gott uns nicht diesen jungen Mann gesandt“ -- er
wies auf Allan -- „so weiß der Teufel, wie es jetzt aussehen würde.“
„Wer ist dieser junge Mann?“ sagte Yussuf Khan.
„Er hat einen Namen, an dem man sich die Zunge zerbricht. Aber das tut
nichts. Das ist das drittemal, daß es ihm gelungen ist, den Erzgauner
zu überlisten, der sonst gewiß den Satan selbst beschwindeln kann,
wenn er es darauf anlegt. Haben sie viele solche in Deutschland, wo er
herkommt, dann begreife ich, daß wir Zölle gegen alles brauchen, was
aus diesem Lande kommt. Dieser junge Mann -- ja hören Sie nur!“
Er gab dem Maharadscha eine kurze, aber bunte und pittoreske
Beschreibung Von Herrn Mirzls und Allans drei Duellen und unterließ
es nicht, moralische Reflexionen über Yussuf Khans eigenen Anteil an
den Malheurs einzuflechten, die ihn (Oberst Morrel) seit der Ankunft
in Europa heimgesucht hatten, einem Weltteil, der vor Scham errötete,
daß sich solche Dinge vor seinen Augen abspielten. Yussuf Khan hörte
geduldig zu, bis er zu Ende war, und sagte dann:
„Mein Lehrer Ali hat mir gesagt, daß es Eure Absicht war, Oberst Morrel
Sahib, morgen nach Nasirabad mit diesem Betrüger als König an meiner
Statt abzureisen. Ist das richtig?“
Der Oberst knurrte ein halb zorniges, halb verlegenes „Ja“.
„Es ist gut. Dasselbe ist nun meine eigene Absicht. Was diesen jungen
Mann betrifft, werde ich mir später überlegen, was geschehen soll, um
ihm meine Dankbarkeit zu bezeigen. Vorher kommt etwas anderes. Ich bin
über das Meer in dieses Land gereist, um mir eine passende Gemahlin aus
dem Volke der Sahibs zu erringen.“
„Eine Prinzessin,“ knurrte der Oberst. „Diesen Plan müssen wir schon
auf den Nagel hängen, nach allem, was Ew. Hoheit hier in London
angestellt haben. Weiße Prinzessinnen sind ein bißchen heikel.“
„Ihr sprecht töricht, Oberst Morrel Sahib, wir müssen diesen Plan nicht
auf den Nagel hängen, wie Ihr sagt. Vielmehr wird schon an diesem Abend
meine Vermählung gefeiert werden.“
„Haha! Das ist gut! Wo ist denn die Prinzessin?“
„Hier,“ sagte Yussuf Khan gelassen und wendete sich Mrs. Langtrey zu.
So allmählich hatte sich ein Kreis aus allen Personen, die im Saal
waren, um ihn gebildet. Bei seinen letzten Worten ertönte ein schriller
Schrei von dem Punkt des Kreises, wo Mrs. Bowlby stand, noch immer ihre
Familie hinter ihren ausgebreiteten grünen Brokatflügeln schützend:
„+Haha! Die wird Königin!+“
Yussuf Khan sah Mrs. Bowlby an.
„Wer ist diese Frau, die törichte Worte durch die Nase entsendet?“
fragte er.
„Ew. Hoheit müssen das nicht beachten,“ sagte Mr. Bowlby, „wodurch
sollte sie sie sonst entsenden?“
„John! Du auch! Du verläßt deine Gattin und beleidigst sie öffentlich!“
„Geliebte Susan. Bist du auf deine alten Tage eitel geworden? Du weißt,
daß deine Nase Format zehn ist. Außerdem bist du Gast Sr. Hoheit,
und es schickt sich nicht für dich, ihn oder seine anderen Gäste zu
beleidigen.“
Mrs. Bowlby schien nahe daran, in ihrem grünen Brokat zu explodieren,
aber es gelang ihr, ihre Gefühle in ihren Busen hinabzupressen, und
sie schwieg, nachdem sie dem Kreis im übrigen eine tiefe ironische
Verneigung gemacht hatte. Yussuf Khan nahm Mrs. Langtrey bei der Hand
und wandte sich seinem alten Lehrer zu.
„Mein Lehrer Ali“, sagte er, „ist nächst mir selbst Scheik-ul-Islam in
Nasirabad. Als solcher ist er bei fürstlichen Vermählungen derjenige,
der das Ehepaar verbindet, und auch der berufenste, meiner Gemahlin
später Unterricht in der Lehre des Propheten zu erteilen.“
Bei diesen Worten bahnte sich trotz alledem ein heiserer Schrei den Weg
aus Mrs. Bowlbys Brust.
„+Die wird Mohammedanerin! Und die hundertfünfzig anderen?+“
Yussuf Khan wandte sich ihr wieder mit erstauntem Ernst zu.
„Wie töricht spricht doch diese Frau, jedesmal wenn sie sich äußert!
Ein Bekenner der Lehre des Propheten hat nur vier Frauen. Ich
persönlich habe nur zwei.“
„Zwei! Wie kann man nur ... die ganze Welt weiß doch ...“
„Die übrigen sind nur Nebenfrauen,“ sagte Yussuf Khan. „Und nun werden
alle aus dem Palast entfernt und an einen passenden Aufenthaltsort
gebracht werden. Von meiner Rückkehr nach Nasirabad an habe ich gleich
den Regenten der Sahib nur eine Gemahlin.“
Er machte einen ernsten Salaam vor Mrs. Langtrey, die ihm mit Blicken
gefolgt war, aus denen zärtliche Heiterkeit sprach, und wandte sich an
den Direktor.