Am selben Tage etwas später führte ihn sein Weg zum Baron. Chesterton

Mansions war bis jetzt nur mit Gas versehen gewesen; nun war die

Rede davon, Elektrizität einzuführen, wenn die Mieter sich dafür

aussprachen. Mr. Markham klingelte beim Baron an, um sich zu

erkundigen. In der Wohnung reagierte niemand darauf. Mr. Markham

klingelte bei der Baronin an. Zu seinem Staunen kam sie selbst und

öffnete. Sie machte nur einen kleinen Spalt der Türe auf, um zu sehen,

wer da war. Sie sah etwas übernächtig aus, ihre grauen Augen waren

nicht so ruhig und kalt wie sonst, und Mr. Markham bemerkte, daß sie

Ringe unter denselben hatte. Mr. Markham brachte sein Anliegen vor und

sagte, daß er schon an der Wohnung ihres Mannes geklingelt habe.

„Mein Mann ist ausgegangen,“ sagte sie kurz, aber verbesserte sich

sofort: „verreist, meine ich. Nach Oxford, seiner Arbeit wegen.“

Mr. Markham, der sich an Mr. Streptowitz’ Erzählung von den drei Herren

erinnerte, die am Morgen abgereist waren, starrte sie an und machte

seiner Neugierde Luft.

„Hat der Baron Besuch gehabt?“ fragte er.

Sie zog die Augenbrauen zusammen.

„Was meinen Sie?“

„Jemand hat heute morgens zu sehr früher Stunde drei Herren abreisen

sehen,“ stammelte Mr. Markham.

Die Baronin sah ihm fest in die Augen.

„Der Baron ist heute früh mit seinen zwei Dienern abgereist,“ sagte

sie kurz. „Ich bin bis morgen allein in der Wohnung, aber seien Sie

so gut und lassen Sie das nicht bekannt werden. Eine Dame allein kann

Unannehmlichkeiten haben.“

„Und die Elektrizität?“ murmelte Mr. Markham mit einer demütigen

Verbeugung.

„Hat Zeit, bis der Baron in ein oder zwei Tagen wiederkommt. Guten

Abend.“

Sie schloß die Türe artig, aber bestimmt Mr. Markham vor der Nase zu.

Dieser blieb stehen und starrte die Türe an, und plötzlich zuckte er

zusammen. Er hätte es nicht beschwören können -- aber war das nicht

eine Männerstimme, die er drinnen aus der Wohnung gehört hatte, in der

die Baronin +allein+ war? Nur einen Augenblick, dann war es wieder

still ... Mr. Markham machte einer ententefeindlichen Ansicht über die

Moral der Franzosen Luft und ging, indem er murmelte:

„Streptowitz hat recht, das ist bestimmt eine merkwürdige Gesellschaft,

die hier auf Nr. 48.“

Hätte Mr. Markham die Gabe gehabt, in dem Augenblicke, in dem er diese

Aeußerung machte, durch die geschlossene Türe zu sehen, wäre sie noch

berechtigter gewesen. Mr. Markhams Ohren hatten ihn nicht getäuscht; es

war eine Männerstimme, die er soeben aus der Wohnung der Baronin gehört

hatte, und was sie gesagt hatte, war:

„Wer war das? Der Verbrecherkönig?“

Die Stimme kam von einem jungen Manne, der auf einem Diwan lag. Er

war von bräunlicher Gesichtsfarbe mit einem kurzen Schnurrbart, nicht

ohne Spuren von Wohlleben, und seine Augen waren von schwarzen Ringen

umgeben, die ebenso gut von Wohlleben wie von Entbehrungen stammen

konnten. Denn der junge Mann, der auf dem Diwan lag, war an Händen und

Füßen gebunden und wurde außerdem durch einen losen Gürtel über der

Brust an dem Diwan festgehalten. Die Baronin hatte sich ruhig in einem

Fauteuil niedergelassen; der Gefangene auf dem Diwan wiederholte seine

Frage:

„War das Euer Gatte, der Verbrecherkönig?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie sind beharrlich in Ihrer Ausdrucksweise,“ sagte sie. „Wie oft

soll ich Ihnen noch sagen, daß der Mann, den Sie den Verbrecherkönig

nennen, nicht mein Gatte ist?“

„Aber ihr wohnt doch hier zusammen?“

„Nein, sage ich Ihnen. Wir haben jeder unsere Wohnung. Die seine liegt

meiner gegenüber, und der jetzt angeläutet hat, war der Mann, der

die Wohnungen vermietet. Er hatte eine Anfrage. Sind Sie jetzt nicht

durstig? Soll ich Ihnen Zitrone und Wasser geben?“

Der Gefangene auf dem Diwan runzelte heftig die Stirne.

„Ich nehme ebenso wenig von Euch etwas an, wie von ihm, von dem Ihr

behauptet, daß er nicht Euer Gatte ist,“ sagte er.

Seine Stimme zitterte vor unterdrückter Empörung.

„Ihr beide habt unauslöschliche Schmach auf meinen Namen gehäuft und

die Pläne ganz durchkreuzt, um deretwillen ich in diesen Weltteil

gekommen bin, der ewig verflucht sein möge.“

„Aber ich sage Ihnen, es dauert mindestens zwei Tage, bis Sie frei

werden. Sie werden verhungern oder verdursten.“

„Lieber das, als etwas von Euch annehmen.“

Dies junge Frau neigte den Kopf.

„Wie Sie wollen,“ sagte sie. „Vielleicht können Sie zwei Tage leben,

ohne sich so tief zu demütigen. Die Menschen in Ihrem Lande können sich

ja sogar lebend begraben lassen ohne zu sterben. Im übrigen müßte ja

Zitrone und Wasser nicht als Salz und Brot gelten.“

Der Gefangene lag mit geschlossenen Augen da, ohne zu antworten. Sie

fuhr langsam wie für sich selbst fort:

„Als Sie vor einigen Stunden zum Bewußtsein erwachten, tranken Sie zwei

ganze Gläser, die Ihnen gut zu tun schienen.“

Er öffnete die Augen und starrte sie an.

„Ist das wahr, oder lügt Ihr, um mich in einer Falle zu fangen?“

„Ich bin eine Abenteurerin, aber ich lüge Sie nicht an. Nicht einmal,

um Sie in eine Falle zu locken.“

Er starrte sie an ohne zu antworten. Endlich sagte er:

„Eine Abenteurerin? Was ist das?“

Sie zog die Augenbrauen empor.

„Wie soll ich es Ihnen sagen? Ich war verheiratet, mein Mann starb, ich

war des Lebens, das ich kannte, müde und zog aus, um etwas Neues kennen

zu lernen.“

„Und Ihr fandet es?“ Seine Stimme war eifrig, aber ohne die frühere

Erregung.

„Ich fand wenigstens eine neue Sorte von Mann,“ sagte sie.

„Wen? Den Verbrecherkönig?“

„Ja. Er glich keinem anderen Mann, den ich getroffen hatte. Er beging

Torheiten, die ihm das Leben und die Freiheit kosten konnten, um einer

Laune willen, und er konnte den Gewinn um einer Laune willen hinwerfen,

die törichter war, als andere Menschen es sich auch nur träumen lassen

können.“

Der Gefangene auf dem Diwan starrte vor sich hin und murmelte:

„Auch ich war des Lebens, das ich kannte, müde und zog aus, um etwas

Neues zu suchen, das ich nicht kannte.“

Sie lächelte.

„Aber das haben Sie ja unleugbar gefunden!“

„Was ich suchte, war ein Weib, dessengleichen ich noch nie gesehen.“

Sie lächelte wieder.

„Und ich suchte einen solchen Mann, vermute ich!“

Er starrte sie verachtungsvoll an.

„Und Ihr begnügtet Euch mit einem Verbrecherkönig!“

„Es gilt König auf irgendeinem Gebiete zu sein,“ sagte sie.

„Und Ihr, die Ihr es verdient, Königin, wo es auch sein mag, zu sein,

entscheidet Euch dafür, die Königin der Verbrecher zu sein. Beim

Propheten, ich kann meinen Sinnen nicht glauben.“

„Sie sind artig gegen mich,“ sagte sie. „Sie würden es vermutlich nicht

sein, wenn ich Ihnen sagte, daß ich mich nicht wie andere Königinnen

damit begnüge, den König regieren zu lassen. Heute nacht unternahm ich

einen Versuch, das zu tun, was dem König vor drei Tagen mißlungen ist.

Sie haben schon selbst herausgefunden, warum Sie hier sind.“

„Einer Anzahl farbiger Steine wegen; die weißen Sahibs denken nie an

etwas anderes als an Gewinn.“

„Einer Anzahl recht ungewöhnlicher, farbiger Steine wegen,“ wendete sie

ein. „Aber farbig oder nicht farbig hätten sie für mich nur durch das

Bewußtsein Wert gehabt, daß mir gelungen ist, was dem König mißlang.“

„Eurem Gemahl! Dem Mann, den Ihr liebt!“

„Nein, sage ich Ihnen!“ Sie stampfte mit ihrem schwarzen Samtschuh auf

den Boden, „ein Bewerber um meine Hand. Nichts anderes. Lassen Sie mich

erzählen, was er und was ich getan haben, und sagen Sie mir, wer bisher

des Throns würdiger ist.“

Indem sie ihre Finger miteinander verschlang und hie und da nach der

Sonne sah, die hinter dem Ziegelhorizont von Chesterton Mansions

verschwand und ihr Haar zu einer goldroten Krone machte, begann sie

zu sprechen. Der Gefangene auf dem Diwan hörte ihr schweigend zu,

während der Blick seiner Augen die ganze Skala von Verachtung bis

zum Enthusiasmus durchlief. Nach einiger Zeit verstummte sie und sah

ihn an, die Augenbrauen über ihren grauen Augen fragend gehoben. Er

schwieg, dann sagte er langsam:

„Und alles wegen ein paar farbiger Steine! Wäre ich frei, sie wären in

diesem Augenblicke die Euren.“

Sie richtete sich ein wenig auf.

„Meinen Sie, was Sie sagen?“ fragte sie. „Könnten Sie Juwelen, die in

Geld gar nicht zu schätzen sind, einem Wesen schenken, das alles dazu

getan hat, Sie derselben zu berauben? Ach, Sie sprechen wie andere

Männer -- der schönen Worte wegen.“

Er sah sie mit einem intensiven und zugleich müden Blick an.

„Ihr könnt so etwas nicht für möglich halten,“ sagte er, „seid Ihr

doch eine aus dem Volke der Sahibs. In meinem Lande werden Reichtum

und edle Steine nur für das geschätzt, was sie sind, und was ein Mann

leistet, gilt alles. Aber Ihr seid aus dem Volke der Sahibs, und Euch

scheint es undenkbar, daß ich aus einer Laune etwas wegwerfe, was für

Euch Ziel und Zweck des Lebens ist.“

Sie erhob sich aus ihrem Fauteuil und glitt zu dem Diwan, auf dem er

lag.

„Was würden Sie tun, wenn ich jetzt Ihre Bande löste?“ sagte sie.

Er sah sie mit derselben Ruhe im Blick an.

„Mein Versprechen lockt Euch?“ sagte er. „Ihr wollt sehen, ob eines

Königs Wort auch eines Königs Wort ist, wenn es sich um hundertfünfzig

Juwelen handelt?“

In ihren Augen blitzte es auf, und sie machte zwei Schritte zurück.

„Sie könnten mir die Steine jetzt geben, und ich würde sie Ihnen ins

Gesicht werfen,“ sagte sie. „Wenn es mir heute nacht gelungen wäre,

mich Ihrer Juwelen zu bemächtigen, für deren Besitz ich viele hundert

Meilen gereist bin, ich würde dasselbe damit tun. Sie können mir aufs

Wort glauben. So sehr Sie König sind, bin ich Königin.“

Er machte einen Versuch, sich auf dem Diwan aufzurichten, aber wurde

von den Banden gehindert und sank zurück. Er starrte sie lange und

unverwandt an, wie um sich von dem Gehalt ihrer Worte zu überzeugen.

Sie hielt stand und betrachtete ihn mit demselben Licht in den Pupillen

und derselben leichtgeschürzten Oberlippe. Endlich sagte er langsam und

beinahe demütig:

„Ich bin blind gewesen. Verzeiht! Ihr seid das, was Ihr sagtet, und

meine Kehle ist trockener als eine Wüste. Aus Eurer Hand empfange ich

alles, was sie gibt, wie der Bettler eine Gabe.“

Sie zuckte zusammen; ihr Mund verzog sich zu einem Lächeln, und sie

eilte durch das Zimmer zu einem Tisch mit Gläsern und Flaschen. Nach

einem Augenblick war sie wieder bei ihm, mit einem Glas, dessen Inhalt

er auf einen Zug austrank. Er sank auf den Diwan zurück, sie zog den

Fauteuil etwas näher heran und setzte sich. Sie maßen einander noch

immer mit den Blicken, und schließlich sagte er:

„Erzählt mir noch mehr aus Eurem Leben. Seid Ihr wirklich mehrere

hundert Meilen gefahren, um meine Juwelen zu erringen? Ohne sie auch

nur um ihres Geldwertes willen zu begehren?“

Sie neigte den Kopf.

„Mich dünkt,“ sagte er langsam, „als wäre ich einen noch weiteren Weg

gepilgert, oh Maharaneeh, um Euch zu begegnen.“

* *

*

Am Nachmittag des nächsten Tages, als Mr. Markham bei der Baronin und

dem Baron anklingelte, meldete sich niemand. Mr. Markham stürzte zu Mr.

Streptowitz hinauf. Dieser nickte bestätigend.

„Jawohl, sie ist abgereist. Ich habe sie selbst gesehen. Aber sie war

nicht allein!“

„Nicht allein? War sie in Gesellschaft des Barons?“

„Nein,“ sagte Mr. Streptowitz, „sie war mit einem Hindu. Das Haus muß

voller Hindu sein. Ich bin überzeugt, das sind Anarchisten. Und dieser

Hindu und die Baronin lächelten sich an wie ein verliebtes Paar.“

Und das war das letzte, was Chesterton Mansions von dem freiherrlichen

Paar de Citrac sah.

XII

Ein Fest und sein Abschluß

Allan fiel der Auftrag zu, Yussuf Khans Einladung der Familie Bowlby

zu übermitteln, einerseits, weil der Maharadscha und der alte Ali

noch nicht fest genug auf den Füßen standen, um die fürstliche Suite

zu verlassen, andererseits, weil Allan als persönlicher Freund der

amerikanischen Familie sich für den Auftrag am besten eignete. Er

machte folglich am selben Abend einen Besuch bei ihnen und überbrachte

die Einladung.

Eine Debatte folgte. Mrs. Bowlby hatte ihn kaum bis zu Ende gehört, als

sie von ihrem Sessel aufsprang und erklärte, was sie alles eher sein

wollte, als zu einer solchen Veranstaltung zu gehen.

„Glauben Sie, ich durchschaue ihn nicht? Er will sich durch uns

rehabilitieren, nachdem er durch den heutigen Skandal in aller Leute

Mund gekommen ist! Das will er!“

„Aber er reist doch übermorgen ab, Mrs. Bowlby.“

„Und was wird nun mit der Prinzessin, um die er werben wollte?“

„Das muß er aufgeben, und ehrlich gestanden, schien er es ungewöhnlich

leicht zu nehmen. Ich hatte Proteste erwartet, aber der Oberst hatte

ihn sofort umgestimmt. Das einzige, was er in dieser Richtung sagte,

war, daß er Herrn van Schleeten beneide, dem es gelungen sei, sein Herz

an ein Weib zu verlieren. Das habe er selbst nie zustande gebracht,

obwohl er hundertfünfzig hat, die es ihm stehlen wollen.“

„Das ist wieder echt männlich, ha! Dasitzen und mit seinen Erfolgen bei

den armen Geschöpfen und seiner eigenen Gleichgültigkeit zu prahlen! Er

sollte hundertfünfzig Rutenstreiche auf die Fußsohlen haben, das sollte

er!“

„Sie wollen also nicht kommen, Mrs. Bowlby?“

„Da ginge ich noch eher in das Lokal, wo er und Sie sich kürzlich

herumgetrieben haben.“

„Ich werde Se. Hoheit bitten, den Schauplatz dorthin zu verlegen.“

„Keine Keckheiten, _demmit_, junger Freund. Helen, mein Kind, ich

hoffe, du hast auch +keinen Augenblick+ Lust gehabt, zu gehen?“

„Ich ginge gerne, Mama, furchtbar gerne.“

„Und ich gedenke, zu gehen, wenn niemand anderer sich entschließt,“

sagte Mr. Bowlby.

Mrs. Bowlby konnte nur einen ganz kurzen Entsetzensschrei ausstoßen,

als Allan auch schon diplomatisch etwas aus der Tasche zog -- das

Halsband, das er am selben Nachmittag von Yussuf Khan erhalten hatte.

Mrs. Bowlby blieb ihr Schrei in der Kehle stecken.

„Mr. Cray! +Wo+ haben Sie das aufgegabelt? Mirzl hat doch Ihr Geld

gestohlen!“

„Das Geld, von dem Mirzl mich befreit hat, hätte nicht einmal gelangt,

um die Goldeinfassung dieser Steine zu bezahlen, Mrs. Bowlby. Ich bekam

dies heute nachmittag vom Maharadscha als geringen Dank dafür, daß es

mir zweimal gelang, Mirzl und seiner Bande zuvorzukommen. Wollen Sie es

ansehen?“

Mrs. Bowlbys Arm schnellte gierig und diebisch vor, wie die Klaue eines

Papageis. Sie ließ die Juwelen durch ihre Finger rinnen.

„Wunderbar,“ flüsterte sie. „Und das haben Sie von ihm bekommen? Und

Sie haben seine anderen Juwelen gesehen?“

„Ich habe das von ihm bekommen. Es hat einmal einem persischen Sultan

gehört, sagte der alte Ali. Der Maharadscha hat es mir ausgewählt.

Selbst hätte ich ein Jahr gebraucht, um unter seinen Juwelen eine Wahl

zu treffen. Das einzige, was ich zu nehmen wagte, waren diese einzelnen

Steine.“

„Opale! Die Unglück bringen!“

„Wer weiß? Vielleicht bringen sie mir Glück -- ich habe meistens gerade

umgekehrt gehandelt, wie vernünftige Menschen.“

„Und wie waren die andern?“

„Bitten Sie mich einen Regenbogen zu beschreiben, Mrs. Bowlby! Wenn Sie

einen Begriff davon haben wollen, weiß ich keinen anderen Weg, als daß

Sie zum Fest des Maharadscha kommen.“

„Dorthin? Nie! Eher will ich -- gehst du, John?“

„Ja, liebe Susan.“

„Und du, Helen, du machst es wie ich, nicht wahr?“

„Ja, Mama, wenn du Papa folgst. Eheleute sollen einander nahe sein, das

haben wir in meiner Schule gelernt.“

Mrs. Bowlby stieß einen Seufzer aus, den sie nur mäßig überzeugend

gestalten konnte.

„So sagen Sie also dem Untier, daß ich komme,“ sagte sie. „Aber

+anständiges Benehmen+ ist meine Bedingung. Und +was+ soll

man anziehen, Mr. Cray?“

* *

*

Wahrscheinlich hatte Yussuf Khan seine Weisungen etwas modifiziert,

oder auch war London außerstande gewesen, sie in vollem Ausmaß

durchzuführen, denn ganz asiatisch war das Bild nicht, das sich den

Eingeladenen -- Familie Bowlby, Herrn van Schleeten und Allan --

bot, als sie am folgenden Abend in einer Prozession in den großen

Festsaal des Grand Hotel Hermitage wanderten und dort von Yussuf

Khan, dem Obersten und dem alten Ali empfangen wurden. Der Oberst,

Herr van Schleeten, Mr. Bowlby und Allan waren im Frack; Miß Bowlby

in ausgeschnittenem Tüll und Mrs. Bowlby in einer grünschwarzen

Brokattoilette mit einer Schleppe, die ebenso lang war wie sie selbst,

mit ihren besten Juwelen geschmückt und fest entschlossen, das

Sternenbanner hochzuhalten. Yussuf Khan und der alte Ali waren in ganz

orientalischen weißen weiten Gewändern, mit Turbans auf dem Kopfe.

Yussuf Khans Turban trug eine Aigrette von Diamanten, alle weiß bis

auf einen einzigen großen schwarzen, der wie ein brennender Pechsee

flammte. Ueber sein rechtes Ohr hing ein Büschel Smaragden, das Mrs.

Bowlbys Lippen ein unwillkürliches Ah! entlockte. Yussuf Khan begrüßte

sie mit einem tiefen Salaam.

„Willkommen, Gäste des Abends!“ sagte er. „Willkommen zu dieser

Festlichkeit, und nehmet meinen Dank, daß ihr sie durch eure Gegenwart

beehren wollt. Ich bitte euch, gütigst zu entschuldigen, daß die

Anordnungen, die getroffen wurden, euer ganz unwürdig sind, und bevor

wir zu dem dürftigen Tische gehen, bitte ich euch, Oberst Morrel

Sahib, diejenigen meiner Gäste vorzustellen, mit denen ich noch nicht

zusammengetroffen bin.“

Während der Oberst diese Vorstellung vornahm, hatte Allan Zeit, sich

umzusehen.

Der Festsaal des Hotels hatte, um nach Yussuf Khans Wünschen angeordnet

zu werden, die Voraussetzung gehabt, daß er in einer Art Tempelstil

erbaut war, mit sehr breiten Säulen an den Seiten, die eine nicht

besonders hohe Decke trugen. Jetzt waren sowohl Decke wie Wände und

Boden von ungeheuren schweren Teppichen in phantastischen teheranischen

Mustern verdeckt, zwischen denen die grünblauen breiten Marmorsäulen,

wenigstens für Allans Phantasie, asiatisch wirkten. Von der Decke

sanken die Draperien in einer weichen Kurve herab, in der Mitte

des Saales von zehn langen Lanzen gerafft; unter dem so gebildeten

Baldachin war die niedrige Festtafel gedeckt. Davor befanden sich an

der Stelle von Sesseln förmliche Berge von Kissen. Neben jedem Platz

stand ein niedriges Metallgestell, das eine Spülschale aus grünem

Porphyr trug. Die Beleuchtung war ein Kompromiß zwischen Europa und

der Religion des Propheten: Elektrische Lampen, die zusammen einen

gewaltigen Halbmond bildeten, glitzerten an der draperieverhüllten

Decke von der einen Längsseite bis zur anderen. In einem entsprechenden

Halbkreis stand die schwarze Leibwache, die Krummsäbel im Gürtel rings

um den Platz, wo der Maharadscha sitzen sollte und wo die Kissen

etwas höher aufgetürmt waren, als auf den anderen Plätzen. Zuletzt

erblickte Allan mit einem leichten Schauer in einer Ecke einige

halbnackte Tänzerinnen mit goldenen Ringen um Arme und Fußknöchel. Sie

hatten breite, groteske Saiteninstrumente und blinkende Tamburine.

Was würde Mrs. Bowlby dazu sagen? Er wandte die Aufmerksamkeit von

den Tänzerinnen gerade rechtzeitig ab, um zu hören, wie diese Dame zu

Yussuf Khan sagte:

„Ich muß gestehen, daß ich schwankte, bevor ich Ihre ... Ew. Hoheit (es

fiel ihr merklich schwer, den Titel hervorzubringen) Einladung annahm.“

„Und warum?“ sagte Yussuf Khan. „Hat der junge Sahib, der meine Juwelen

gerettet hat, meine Einladung so lau oder schlecht vorgebracht?“

„Nein,“ sagte Mrs. Bowlby, „aber ich befürchtete, daß, wenn das Fest

so werden sollte, wie die Feste in Ihrem ... in Ew. Hoheit Heimat zu

sein pflegen, ich ... hm ... Dinge zu sehen bekommen würde, die eine

anständige Frau nicht zu sehen gewohnt ist.“

„Das ist richtig,“ sagte Yussuf Khan, „in meinem Lande kommen ehrbare

Frauen nicht zu den Festen der Männer.“

Mrs. Bowlby zuckte bei dieser orientalischen Aufrichtigkeit zusammen.

Im Nu vergaß sie Zeremonien und Titel über Dinge, die ihr schon lange

am Herzen lagen.

„Und in meinem Lande“, rief sie, „hat kein anständiger Mann

hundertfünfzig Frauen auf einmal!“

Yussuf Khan überlegte einen Augenblick.

„Aber habe ich nicht gehört,“ sagte er ernst, „daß eine Frau

hundertfünfzig Männer hintereinander haben kann, wenn sie es darauf

anlegt?“

Mrs. Bowlby starrte ihn an.

„Wir wollen uns die Hand schütteln,“ sagte sie schließlich. „Das haben

Sie gut gemacht! _Demmit_, das ist mir noch nie eingefallen.“

„Jedes Land“, warf der alte Hofdichter ein, „hat seine Sitten, die zwei

Meilen von der Grenze lächerlich und unbegreiflich erscheinen. Dies

sollte uns lehren, zu bedenken, daß wir alle nichts anderes sind, als

Spielbälle des Schicksals, wie der göttliche Zeltmacher es so treffend

ausdrückt:

Nur Puppen sind wir auf dem Schachbrett Welt,

Ein Spielzeug nur, geschoben und gestellt;

Ein Zeitvertreib! -- Und hat’s das Schicksal satt,

Zum Kasten wandert, Stück an Stück gesellt!“

Er wiederholte eine Zeile für sich selbst in einer Sprache, die Allan

nicht kannte und die etwa klang wie:

„_U danad u danad u danad u_ ...“

Oberst Morrel beeilte sich das Wort zu ergreifen; Poesie gehörte

offenbar nicht zu seiner Vorstellung von _hors d’oeuvres_.

„Wäre es nicht an der Zeit zu Tisch zu gehen?“ sagte er. „Ew. Hoheit

wissen, daß wir morgen in aller Frühe abreisen.“

Yussuf Khan brach in ein Lachen aus, das Allan überraschte. Eine solche

Heiterkeit erwartete man nicht von einem passiven Orientalen. Aber

tatsächlich lachte Seine Hoheit so, daß er alle Zähne zeigte, wobei

Allan flüchtig bemerkte, daß einer davon ganz überplombiert mit Gold

war. Yussuf Khan wischte sich die Augen und sagte noch immer lachend:

„Ihr habt recht, Oberst Morrel Sahib, morgen verliert mich diese Stadt

für lange Zeit aus den Augen. Gehen wir also zu Tisch!“

Der Oberst, der diese Heiterkeit, deren Ursache ihm offenbar

unbegreiflich war, ganz verblüfft beobachtet hatte, zuckte die Achseln.

Yussuf Khan wiederholte:

„Zu Tisch!“

Er führte selbst die Gäste zu der gedeckten Festtafel und wartete, bis

alle unter dem niedrigen Baldachin versammelt waren, um dann zu sagen:

„In meinem Lande nehmen wir unsere Mahlzeiten nicht an einem Tische wie

diesem ein. Aber als ich mit mir selbst über das Fest zu Rate ging,

sagte ich mir zwei Dinge. Ich dachte zuerst: diese edlen Sahibs sind

nicht an die Sitten meines Landes gewöhnt, und was das Essen betrifft,

so lieben alle Menschen ihre eigenen Sitten am meisten.“

„Das ist wahr,“ sagte der alte Ali, „und mein Schüler spricht gut.“

„Ferner“, fuhr Yussuf Khan fort, „sagte ich mir selbst: was ist schuld

daran, daß ich diesen edlen Sahibs Unannehmlichkeiten bereitet habe,

die ich sie nun in unwürdiger Weise durch dieses Fest bitten möchte,

zu entschuldigen? Ich sagte mir selbst: meine Juwelen, denen von

schlauen, kühnen Dieben nachgetrachtet wurde. Wenn nun meine Gäste

diese Juwelen zu sehen bekommen, die trotz alldem von einer gewissen

Schönheit sind, können sie vielleicht den Grund der Gier der Diebe

begreifen und dadurch auch die Unannehmlichkeiten, die sie selbst

erdulden mußten. Und deshalb --“

Er brach plötzlich ab und klatschte in die Hände.

Im Nu, plötzlich, wie der Nebel bei einem Sonnenaufgang in den Tropen

verschwindet, verschwand eine Hülle aus weißer Seide, die über der

Festtafel ausgebreitet gelegen war -- wie es zuging, konnte niemand

sehen -- und Yussuf Khans Gäste starrten mit halbgeblendeten Augen

auf die Juwelen Nasirabads, die sich in einer Pyramide mitten auf

dem Tische auftürmten. Eine nette Tischdekoration! Allan, der Oberst

und Herr van Schleeten, die sie schon gesehen hatten, standen stumm

da, wieder ganz bezaubert von dem phantastischen Glanz der Steine.

Aber der Familie Bowlby, die sie noch nicht gesehen hatte, entrang

sich ein dreifacher erstickter Schrei. Mrs. Bowlbys Augen irrten von

einem Diadem und Halsband zum anderen, halb mit naiver Bestürzung,

halb mit Mißtrauen. Endlich wendete sie sich dem Maharadscha zu,

der sie ernsthaft beobachtet hatte, und murmelte, indem sie auf die

Familienjuwelen wies, die sie trug:

„Wollen Ew. Hoheit einen Augenblick warten, ich springe nur hinauf und

lege das ab!“

Yussuf Khan winkte majestätisch mit der Hand.

„Das wäre töricht, und wir würden Zeit verlieren,“ sagte er, ohne sich

auf irgendwelche Versuche zu Höflichkeiten einzulassen. „Nehmen wir

Platz!“

Yussuf Khans Heirat · 第 14 / 16 段