ich ihm auch, wie Oberst Morrel Sahib versicherte, ein so schlechtes
Vorbild gewesen bin, daß diese ganze Stadt darüber empört ist und
mich in vier Teile zerstückelt sehen will, merke ich doch, daß es mir
einigermaßen gelungen ist, seinen Sinn für Poesie und Beredsamkeit
auszubilden. Allah -- dessen Name ewig gepriesen sei -- gebührt die
Ehre dafür. Jetzt erinnere ich mich doch an etwas, das ich früher
vergessen hatte. Während meine Seele von dieser Dunkelheit umschlossen
dalag, wie von einem Gefängnis mit unendlich dicken Mauern, rieselte
plötzlich ein kleiner Lichtschimmer durch die Mauer hinein. Wie in
einem Traum, oder so wie man durch dichten Nebel sieht, entsinne ich
mich, daß ich ausgestreckt auf einem Lager lag, ob entkleidet oder
nicht, weiß ich nicht. Nicht weit von mir, auf einem anderen Lager
dünkte es mir, daß mein Schüler sich befand. Gerade als ich diese
Empfindung hatte, glaubte ich zu sehen, daß ein Mann, der über mich
gebeugt dagestanden hatte, von meinem Lager zu dem meines Schülers ging
und sich über ihn beugte, mit einem bösartigen Grinsen, wie es die
Götzenbilder in den Tempeln der Ungläubigen auf ihrem Antlitz tragen.
Und seltsamerweise glaubte ich dicht neben ihm eine Frau zu gewahren.
Doch, was wäre daran seltsam? Wo böse Menschen ihren Versammlungsort
haben, da ist auch das Haus voll Weiber, sagt das Sprichwort, und der
Koran -- der allzeit gepriesen sei -- teilt diese Anschauung.“
„Es ist um so wahrscheinlicher, daß Sie richtig gesehen haben,“ rief
Allan, „als eine Frau in das gestrige Attentat verwickelt war.
Vielleicht haben Se. Hoheit und Sie noch nicht davon gehört?“
Yussuf Khan, der sich lebhaft auf dem Ellbogen aufgerichtet und seinen
Lehrer während seiner Erzählung unverwandt angestarrt hatte, schüttelte
den Kopf, und der alte Ali sagte:
„Oberst Morrel Sahib nahm sich wenig Zeit zu anderem, als mir meinen
Mangel an guten Eigenschaften vorzuhalten, und wie ich ihn sühnen
könnte. Dann eilte er zum Minister, um einen Aufschub der Strafen zu
erwirken, die dieser mir zugedacht hat. Oberst Morrel Sahib hat ein
gutes Herz.“
Ohne dem alten Hofdichter seine Auffassung von Oberst Morrels Maßnahmen
zu rauben, erzählte Allan, was sich am vorhergehenden Abend zugetragen
hatte. Die Libationen des Obersten hüllte er in einen Schleier, aber
machte eine große Nummer aus seiner Attacke gegen die Türe. Die beiden
anderen lauschten ihm wie einem Märchenerzähler im Basar. Allan hatte
kaum zu Ende gesprochen, als im Korridor Schritte ertönten und die Türe
aufgerissen wurde. Es war der Oberst selbst, in Gesellschaft Herrn van
Schleetens. Der alte Ali erhob sich mit ängstlicher Miene von seinem
Sitz.
„Wie ist es abgelaufen, Oberst Morrel Sahib?“ fragte er. „Kann Se.
Exzellenz der Minister uns verzeihen, oder sollen wir wie Pferdediebe
aus der Stadt gejagt werden?“
Oberst Morrel zögerte einen Augenblick mit der Antwort, während er
den Maharadscha und den alten Hofdichter fixierte. Endlich sagte er
mit derselben Langsamkeit wie ein Klassenvorstand, wenn er zu zwei
schlechten Schülern spricht:
„Ich habe ein sehr schweres Stück Arbeit gehabt. Ich fand Se.
Exzellenz, den Minister für Indien, meinen hochgeschätzten Freund“
(Allan erinnerte sich, diesen Herrn von Oberst Morrel anders titulieren
gehört zu haben), „in äußerst erregter Verfassung. Die Ansichten, die
er über das Vorgefallene aussprach, und die ich leider nicht ganz
mißbilligen konnte, die Befürchtungen, die er davor hatte, was man
Allerhöchsten Orts sagen und denken würde; die Kommentare, die leider
in der Presse gemacht werden -- all dies hatte seine Gemütsstimmung
derart beeinflußt, daß ich fürchten mußte, meine Aufgabe würde sich als
unlösbar erweisen. Nur durch Aufgebot meiner ganzen Ueberredungskunst,
nur durch wiederholte Berufung auf unsere alte Freundschaft und nur
indem ich heilig und teuer versprach, daß die Abreise Ew. Hoheit
augenblicklich erfolgen würde, gelang es mir, zu erwirken, daß Se.
Exzellenz ihren Entschluß änderte. Ich kann also mitteilen, daß wir
unbehelligt abreisen dürfen, wenn dies längstens übermorgen geschieht.
Ein Dampfer nach Bombay geht an diesem Tage um drei Uhr ab.“
Während der alte Ali mit einem tiefen Salaam seine Hand zu fassen
suchte, wischte sich der Oberst die Stirne, ermattet von der
Anstrengung seiner Rede, und fuhr in einem völlig veränderten Tone fort:
„Jetzt habe ich für Ew. Hoheit getan, was ich konnte. Nun ist es Ew.
Hoheit Sache, mit diesem Herrn zu tun, was Sie für angemessen finden.
Es hängt von Ihnen ab, was mit ihm geschehen soll.“
Der Maharadscha, der nach der Rede des Obersten in die Hände geklatscht
hatte und eigentümlicherweise gar nicht enttäuscht darüber schien,
Europa so rasch verlassen und alle Träume von weißen Prinzessinnen
aufgeben zu müssen, wendete sich an Herrn van Schleeten.
„Das ist ja der Juwelenkünstler,“ rief er, „wie weit ist die Arbeit an
meinen Steinen gediehen?“
„Ich ... ich habe die Arbeit vorgestern begonnen,“ stammelte Herr van
Schleeten, „mit Erlaubnis des Herrn Obersten ...“
„Mit meiner Erlaubnis, an den Juwelen zu arbeiten,“ schrie der Oberst,
„aber nicht Frauenzimmer heraufzuschleppen, die Sie betäuben und jene
stehlen.“
„Ich ... ich sah mich gestern in die Notwendigkeit versetzt, einen
Mitarbeiter heranzuziehen, um ... um die Arbeit so rasch als möglich zu
Ende zu führen ... so rasch als möglich ... wie Ew. Hoheit wünschten.
Leider fiel meine Wahl auf eine ungeeignete Persönlichkeit, die ...“
„Auf ein Dämchen, in das Sie verliebt waren, das Sie mit Chloroform
betäubte wie in einer Klinik und alles in Bausch und Bogen gestohlen
hätte, wenn nicht der Zufall und dieser junge Herr dazwischengekommen
wäre! Heraus mit der Sprache!“ rief der Oberst. „Bedenken Sie, daß
niemand weiß, wieviel Sie von ihr wußten!“
Herr van Schleeten warf einen wütenden Blick auf Allan, getreu dem
Prinzip, sich über andere zu ärgern, wenn man sich selbst zürnen sollte.
„Es ist ja möglich, daß die Sache sich so verhält, wie der Herr Oberst
sagt,“ murmelte er, „aber diesen jungen Herrn habe ich auf jeden Fall
vor knapp einer Woche auf einem Bahnhof in Deutschland verhaften sehen.
Wer weiß, was er ...“
„Sie sollten sich schämen,“ rief der Oberst, „nun schon zum zweiten
Male mit solchem verdammten Gerede zu kommen. Sie wissen, daß es nur
Gerede ist. Versuchen Sie nicht zu leugnen!“
„Es ist leider kein Gerede, Herr Oberst,“ sagte Allan und berichtete in
wenigen Worten, was er im Expreß erlebt hatte.
„Ich fiel Herrn Mirzls List zum Opfer. Aber was Herr van Schleeten
nicht unerwähnt lassen sollte, ist, daß er bei dieser Gelegenheit die
Bekanntschaft der Dame von gestern Abend machte. Ich war selbst Zeuge
davon. Und daß diese Bekanntschaft in ihrem Plane lag, von Mirzl gar
nicht zu sprechen, ist wohl recht sicher. In der einen oder anderen
Weise haben sie Wind bekommen, welchen Auftrag Herr van Schleeten in
London hatte, und waren entschlossen, alle Möglichkeiten wahrzunehmen.
Herr van Schleeten ging in die Falle, begreiflicherweise, denn die
betreffende Dame spielt ihre Karten geschickt aus und ist ungewöhnlich
schön.“
„Hat sie blaue Augen,“ fragte der Maharadscha „und blondes Haar? Ah,
daß ich sobald nach Indien zurückreisen muß!“ (Oberst Morrel fuhr von
seinem Sessel in die Höhe und starrte ihn an.) „Nein, Oberst Morrel
Sahib, ich reise, beglückt über die Gnade Sr. Exzellenz des Ministers.
Aber ...“
„Und was sagen Ew. Hoheit zu der Affäre mit Herrn van Schleeten?“ sagte
der Oberst wieder beruhigt. „Hoheit wissen, daß man gestern abend eine
Anzahl Juwelen gestohlen hat.“
„Ach, ein paar Juwelen mehr oder weniger!“ sagte Yussuf Khan mit einem
müden, mißmutigen Kopfschütteln. „Ich kam nach Europa, um mein Herz an
eine weiße Frau zu verlieren, wie die Sahibs es tun, und alles, was ich
verloren habe, ist mein guter Name und ein paar Juwelen.“
„Mein Schüler spricht schön,“ sagte der alte Ali befriedigt. „Der
Aufenthalt in dieser Stadt hat ihm in dieser Beziehung merklich gut
getan.“
„Nun, und Herr van Schleeten?“ beharrte der Oberst, der den Holländer
ungerne dem Schandpfahl entgehen sah.
„Ich sage ja,“ sagte Yussuf Khan, „daß ich diesen Juwelenkünstler
beneide, dem es gelungen ist, sein Herz an eine Frau zu verlieren. Ich
habe hundertfünfzig Frauen in meinem Palast, schön wie Gazellen und
zärtlich wie Turteltauben im Lenzmonat, und noch hat keine von ihnen
mich für mehr als eine Stunde bezaubert. Seinen Namen und seinen Ruf
für eine Frau zu wagen wie dieser Mann -- das muß wunderbar sein. Der
Juwelenkünstler hat meine Vergebung und meinen Neid.“
„Wahrlich,“ sagte der alte Ali, „mein Schüler spricht immer besser und
besser! Die Lehren, die ich ihm eingepflanzt habe, tragen späte, aber
schöne Früchte. Es muß der Aufenthalt in dieser Stadt sein, der sie
zur Reife gebracht hat.“
Herr van Schleeten, dessen bordeauxfarbene Nase sich bei Yussuf Khans
Rede, die er als Hohn auffaßte, zornig gerümpft hatte, richtete
sich nach seinen letzten Worten erleichtert auf. Er begann etwas zu
stammeln, aber Yussuf Khan schnitt seine Danksagungen ab, indem er zum
Obersten sagte:
„Nun liegen mir noch zwei Sachen am Herzen, Oberst Morrel Sahib,
erstens, daß eine angemessene Belohnung diesem jungen Mann überreicht
wird, der nun zweimal den listigen Verbrechern zuvorgekommen ist. Wollt
Ihr dies besorgen, da ich der europäischen Gebräuche ungewohnt bin?“
Allan wollte protestieren, aber der Oberst schnitt ihm das Wort ab.
„Eine Weigerung würde den Maharadscha zwecklos verletzen,“ sagte er.
„Was meinen Ew. Hoheit zu einigen der Juwelen, die der junge Mann
gerettet hat? Und was sagen Sie selbst, junger Freund?“
Allan murmelte etwas, und Yussuf Khan klatschte in die Hände.
„Ausgezeichnet! Ausgezeichnet!“ rief er. „Man bringe die Juwelen
herein.“
Eine Minute später durfte Allan zum erstenmal die Juwelen in ihrem
vollen Glanze schauen, die er mitgeholfen hatte, ihrem rechten Besitzer
zu bewahren. Es wäre zu wenig gesagt, daß sie ihm den Atem benahmen.
Etwas Aehnliches hatte er nie gesehen, ja nicht einmal geträumt. Es
war das Morgenland, das ihm aus den Fassetten dieser tausend Steine
entgegenstrahlte, wie durch ein vielfarbiges Fenster. Als er sich
halbwegs erholt hatte, wählte er befangen ein paar einzelne Edelsteine
aus, aber der Maharadscha, in den beim Anblick der Juwelen neues
Leben gekommen zu sein schien, nahm ein Diamantenhalsband mit einem
blutroten Rubin in der Mitte, in einer Goldkettenfassung, die vom Alter
verblichen war, und reichte es Allan.
„Nehmt dies,“ sagte er, „wenn Ihr wollt. Es ist ein unwürdiger Beweis
meiner Dankbarkeit.“
„Es gehörte einmal,“ schaltete der alte Ali ein, „Mahmud, Sultan von
Naishapur, an dessen Hof der göttliche Zeltmacher lebte. Vielleicht
hat er es am Halse einer der Favoritinnen des Sultans bewundert und
vielleicht besang er dieses Diadem mit den Worten ...“
„Ja, ja! Vortrefflich!“ sagte der Oberst. „Und die andere Sache, die
Ew. Hoheit wünschten?“
Es war klar, daß der Oberst die Poesie des göttlichen Zeltmachers
nicht im gleichen Grade liebte wie der alte Ali, und auch, daß er in
glänzender Laune war, nun er die Abreise gesichert sah. Yussuf Khan
erwiderte:
„Die andere Sache war, daß ich gerne mit dem Mann sprechen möchte, der
diese Karawanserei innehat ... wenn er kommt, werde ich schon erklären,
warum. Wollt Ihr ihn rufen lassen, Oberst Morrel Sahib?“
Mit wieder unruhigem Gesichtsausdruck klingelte der Oberst; ein paar
Minuten später erschien der Direktor des großen Hotels, von einem
Angestellten gerufen. Er begann den Maharadscha zu seiner Genesung zu
beglückwünschen. Der Oberst unterbrach ihn:
„Se. Hoheit mit Gefolge reist übermorgen, Herr Direktor!“
Der Direktor schlug einen dankbaren Blick zur Höhe auf, während er sich
verbeugte.
„Nicht so eilig, Oberst Morrel Sahib!“ sagte Yussuf Khan. Der Direktor
blieb erschrocken in seiner Verbeugung stecken. „Nicht so eilig! Wir
reisen übermorgen, Dank der Gnade Sr. Exzellenz des Ministers, aber
vorher wünsche ich noch etwas.“
Er wendete sich an den Direktor:
„Zweifelsohne habt Ihr einen Saal, wo Festlichkeiten abgehalten werden?
Einen Saal mit Raum für viele, so wie ich ihn in dem Hause der Freuden
sah?“
Der Direktor bejahte es.
„Gut. Hört also meinen Willen. Dieser Saal soll für morgen abend zu
einem Feste bereitet werden, und alles soll dem, was wir in Indien
haben, so ähnlich als möglich sein. Da ich nicht mehr von dem Lande der
Sahibs sehen kann, will ich den Sahibs mein eigenes Land zeigen. Darum
ist es mein Wille, daß alles dem, was wir in meinem Lande haben, so
ähnlich als möglich sein soll.“
Der Direktor verbeugte sich tief.
„Zu diesem Feste,“ fuhr Yussuf Khan fort, „das so festlich sein soll
wie die Vermählung eines Maharadschas, ist es mein Wille, daß alle
jene eingeladen werden, die in der Zeit, die ich hier war, unangenehme
Erlebnisse gehabt haben.“
Er machte eine Geste, die sämtliche Anwesende umfaßte; Allan murmelte
dem Obersten zu:
„Dann müßten Bowlbys mit dabei sein.“
„Was sagte der junge Mann?“ fragte Yussuf Khan.
„Er meinte, daß eine amerikanische Familie, aus deren Wohnung das erste
Attentat unternommen wurde, eingeladen werden sollte,“ sagte der Oberst.
„Sie soll eingeladen werden,“ sagte Yussuf Khan ohne Zögern. „Und
dieser Mann, dem die Karawanserei gehört?“
Der Direktor erklärte mit einer Verbeugung, daß es ihm erstens
unmöglich sei, in seinem eigenen Hotel zu Gast zu sein, daß er sich
zweitens undenkbar zu der Kategorie von Personen rechnen könne, die
durch die Anwesenheit Sr. Hoheit Unannehmlichkeiten gehabt hatten. Die
Anwesenheit Sr. Hoheit im Hotel habe im Gegenteil ...
Yussuf Khan unterbrach ihn mit einer Handbewegung. Der Oberst warf
knurrig ein:
„Und Herr van Schleeten?“
„Natürlich auch der Juwelenkünstler,“ sagte Yussuf Khan. „Von allen
beneidet soll der Mann an der festlichen Tafel sitzen, der sein Herz an
eine Frau verlieren konnte.“
Herr van Schleeten verbeugte sich, ohne daß besondere Freude über
die Rolle, die ihm bei der Festtafel zugedacht war, sich auf seiner
bordeauxfarbenen Nase spiegelte. Der alte Ali rief hingegen:
„Mein Schüler spricht immer besser und poetischer! Der Aufenthalt in
dieser Stadt, die wir Dank Oberst Morrel Sahib mit unversehrtem Turban
und ungeschorenem Kopfe verlassen dürfen; hat ihm in dieser Beziehung
wunderbar gut getan.“
XI
Das vielleicht seine Aufgabe erfüllt, den Leser zu verwirren
In der Ziegelwüste des nordwestlichen Londons liegt, nicht weit von
Maida Vale, ein Ziegelkanon Chesterton Mansions genannt. Tatsächlich
erinnert er mit seinen steilen hohen Ziegelmauern an nichts so sehr wie
an die berühmten Schluchten, die sich die Flüsse im Westen Amerikas
gegraben haben. Warum er die Bezeichnung Mansions führt, ist unbekannt;
im allgemeinen pflegt dieses Wort anzudeuten, daß eine Straße mit
Bäumen bepflanzt ist; aber wenn das bei Chesterton Mansions einstmals
der Fall war, so ist jetzt nur mehr der Name als einziges Rudiment
übrig. Die siebenstöckigen Häuser der Straße sind in Mietwohnungen
geteilt, zwei in jedem Stockwerk, so wie man es bei uns zulande kennt,
aber wie es in England etwas relativ Neues ist. Da der Ruf der Straße
nicht der beste ist, stehen oft eine Menge Wohnungen leer. In jenem
September, in dem die Ereignisse dieses Buches sich abspielten, stand
beispielsweise das Haus Nr. 48, das die Mietwohnungen Nr. 659-672
enthält, noch am 11. September leer. Am 12. fand sich jedoch ein Herr
beim Hausverwalter ein, stellte sich als Baron de Citrac vor und
wünschte eine so ungestörte Wohnung als möglich zu mieten. Er sei
wissenschaftlicher Arbeiten wegen nach London gekommen und bringe seine
Frau mit, für die er am liebsten eine separate Wohnung gegenüber seiner
eigenen haben wolle. Der Häuserverwalter Mr. Markham, beeilte sich,
ihm das Haus Nr. 48 zu zeigen. Der Baron entschied sich sofort für
die Wohnungen Nr. 661-662 im ersten Stock, bezahlte im vorhinein und
bat den Verwalter, ein einfaches, aber solides Ameublement für beide
Wohnungen zu beschaffen. Er drückte seine Anerkennung für Mr. Markhams
Entgegenkommen durch eine Fünfpfundnote aus, die Mr. Markham zu seinem
Sklaven machte, und nahm dann Abschied.
Montag, den 15., zog er ein. Der Verwalter war selbst zugegen, und
fand Gelegenheit, seine Meinung über den neuen Mieter in einem Punkte
zu ändern. Die Reden des Barons von wissenschaftlichen Arbeiten
hatte er nur als einen durchsichtigen Vorwand für etwas ganz anderes
aufgefaßt, worin die Franzosen eine traurige Berühmtheit besitzen und
dem auch Chesterton Mansions nicht fremd war: eine Eskapade mit einer
nicht offiziellen Baronin. Er gab den Glauben daran auf, als er die
Baronin de Citrac erblickte; denn gewiß war sie schön und pikant, mit
grauen Augen und rotblondem Haar, aber dabei sah sie so vornehm aus,
daß der Verwalter die ganze Zeit, die sie da war, mit dem Hute in der
Hand dastand. Der Baron, der zwei Diener mit hatte, drückte seine
Zufriedenheit mit der Möblierung der Wohnungen aus und verabschiedete
den Verwalter.
Es dauerte bis zum 16., bevor dieser den neuen Mieter wiedersah, denn
er wohnte selbst in einer Quergasse; aber als dies geschah, war es
unter Umständen, die ihn aufs neue an dem Ernst von Herrn de Citracs
wissenschaftlichen Studien zweifeln ließen. Mr. Markham war am Abend
des 15. Septembers in einer Gesellschaft gewesen, die sich bedenklich
in die Länge gezogen hatte; ein Freund von ihm, der Junggeselle war
und ein Geschäft in einer Quergasse von Chesterton Mansions hatte,
hatte ihn zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Diese hatte im „Roten
Löwen“ in Maida Vale begonnen und war nach Schließung dieses populären
Lokales in der Junggesellenwohnung des Freundes fortgesetzt worden.
Die Haupterfrischung war irländischer Whisky gewesen, und Mr. Markham
war sich des Einflusses dieses Getränkes auf die Balancierfähigkeit
ganz bewußt, als er gegen halb vier Uhr morgens heimwanderte. Er nahm
den Weg durch Chesterton Mansions aus dem Grunde, weil diese Straße
eine unerklärliche Anziehung auf seine Beine auszuüben schien, doch
ohne daß diese irgendwelche Parteilichkeit für eine bestimmte Seite
derselben zeigten; und er hatte sich eben an einem Laternenpfahl auf
dem linken Trottoir verankert, als die Nachtruhe von etwas anderem als
dem Trommelwirbel, den seine Stöckel auf dem Pflaster vollführten,
unterbrochen wurde. Ein Auto kam nach Chesterton Mansions gesaust und
hielt vor dem Hause gegenüber von Mr. Markhams Laternenpfahl. Mr.
Markhams irrender Blick hatte soeben konstatiert, daß es das Haus Nr.
48 war. Jetzt sah er zwei Herren mit aufgestellten Rockkragen aus dem
Auto steigen und mit großer Anstrengung zwei andere herausheben,
die in beträchtlich schlimmerer Verfassung schienen als Mr. Markham
selbst. Sie konnten faktisch nicht auf den Beinen stehen. Mr. Markham
glaubte zu sehen, daß sie in irgendein exzentrisches Kostüm gekleidet
waren. Der Kontrast zwischen den Evolutionen der vier Herren und seiner
eigenen sicheren Position am Laternenpfahl erfüllte ihn mit einer
Befriedigung, die in einem herzlichen Lachen Ausdruck fand.
„Mi--mir scheint, die haben g--genug,“ sagte Mr. Markham.
Die Laterne, unter der Mr. Markham stand, war ausgelöscht, und Mr.
Markham erregte daher nicht die Aufmerksamkeit der vier Herren.
Jetzt sprang der Chauffeur ab und übernahm den einen der beiden
übererfrischten Herren, während einer der Herren, die zuerst
ausgestiegen waren, das Haustor von Nr. 48 öffnete. Der Mann, den der
Chauffeur stützte, fiel seinem Helfer in die Arme, und verlor dabei
einen weißen Turban, der auf das Trottoir rollte.
„Der ist wohl auf einem Ma--maskenball gewesen,“ sagte Mr. Markham.
„Mir scheint, der hat genug. Und jetzt trei--treiben sie es, scheint
mir, noch weiter!“
Jetzt öffnete sich die Haustüre, und ein mühsamer Transport begann,
dem Mr. Markham unter großer Heiterkeit zusah. Schließlich kehrte der
Chauffeur allein zurück, schloß das Tor und fuhr im Auto fort, ohne Mr.
Markham gesehen zu haben.
„De--der wird sich auch ein schönes Trinkgeld verdient haben,“ murmelte
Mr. Markham mit einem verständnisvollen Lächeln und löste sich von dem
Laternenpfahl los. Er erreichte die nächste Straßenecke, wo er sich
wieder verankerte, um einem Gedanken Luft zu machen, der sich in seinem
Innern emporgearbeitet hatte.
„Nummer ach--achtundvierzig, hol mich der und jener!“ brummte Mr.
Markham. „Die Wohnung des B--barons. Die einzige, die vermietet
ist! Wissenschaftliche Arbeiten, hahaha! Go--gott helfe mir,
wissenschaftliche Arbeiten!“
Er gewann diesem Gedanken alle Ergötzlichkeit ab, die er bot, bevor
er den Laternenpfahl wieder losließ und seinen unsicheren Heimweg
fortsetzte.
Mr. Markhams Gedächtnis war von jener beneidenswerten Sorte, die auch
an einem Morgen nach irländischem Whisky funktioniert. Er erinnerte
sich folglich am nächsten Morgen an die vier Herren, die er in das Haus
Nr. 48 gehen gesehen hatte; und in der Morgenbeleuchtung erschien ihm
dieser Vorfall nicht ganz so ausschließlich humoristisch wie in der
Nacht. Nur der Chauffeur war wieder aus dem Hause herausgekommen; waren
also die drei Herren die Nacht über beim Baron geblieben? Dann hatten
sie sicherlich Lärm gemacht und die Nachtruhe der Nachbarn gestört. Mr.
Markham machte einen Vormittagsbesuch in Nr. 46, um sich beim Nachbar
des Barons darnach zu erkundigen.
Dieser war ein jüdischer Geldverleiher, der immer mit der Sonne
aufstand, um soviel als möglich aus seinem fragwürdigen Beruf
herauszuschlagen. An diesem Morgen war er schon seit halb sechs Uhr
auf, wie er Mr. Markham erklärte, aber durchaus nicht infolge von Lärm
im Nebenhause. Er hatte im Gegenteil kaum einen Laut von dort gehört;
aber gegen sechs Uhr hatte er einen Herrn mit aufgestelltem Rockkragen
Nr. 48 verlassen und die Sutherland Avenue hinuntergehen sehen.
„Einen?“ fragte Mr. Markham, „nur einen, Herr Streptowitz?“
„Nur einen,“ bestätigte Herr Streptowitz mit dem melancholischen
Tonfall, den seine Stimme bei der Erwähnung so geringfügiger Zahlen
annahm.
„Nur einer!“ wiederholte Mr. Markham. „Aber ich sah doch vier
hineingehen, und da müßten wohl drei wieder herausgekommen sein, wenn
der eine der vier der Baron war!“
„Die andern zwei Herren sind wohl vorangegangen,“ sagte Mr.
Streptowitz, so melancholisch, als wollte er andeuten, daß die beiden
Herren in eine andere Welt gegangen seien.
Mr. Markham gab zu, daß dies wahrscheinlich sei, und verabschiedete
sich.
Am selben Nachmittag sah er den Baron und die Baronin. Sie standen im
Stiegenhaus vor der offenen Türe ihrer Wohnung und sprachen eifrig mit
gesenkter Stimme. Mr. Markham, der die Treppen hinaufkam, um die leeren
Wohnungen zu besichtigen und seiner Gewohnheit gemäß in Gummischuhen
ging, kam in Hörweite, ohne daß sie ihn bemerkten. Er fing einige Worte
des Barons auf:
„Der verdammte schwedische Schlingel! Diese Nacht gehörte ihm, aber
übermorgen gedenke ich durch dich Revanche zu nehmen ...“ Er erblickte
Mr. Markham und verstummte plötzlich.
Mr. Markham, der innerlich zu der Schlußfolgerung gelangt war, daß der
eine der Teilnehmer an der Orgie der Nacht -- vermutlich der Herr mit
dem Turban -- ein Schwede war und offenbar seinen Gastgebern lästig
geworden war, lächelte dem Baron diskret zu, während er grüßte. Er
wollte eben eine feine Anspielung machen, um zu zeigen, daß er von den
wissenschaftlichen Studien seines Mieters wußte, was er wußte, aber sah
aus Respekt vor der Baronin davon ab.
Es dauerte bis Freitag, den 19. September, ehe er Anlaß hatte, wieder
an die Herrschaften in Nr. 48 zu denken. Früh am Vormittag dieses Tages
ging er an Mr. Streptowitz’ Wohnung vorbei. Dieser Herr stand in der
Türe und rauchte in Hemdärmeln eine Pfeife. Als er Mr. Markham sah,
nahm er die Pfeife aus dem Mund und winkte ihm.
„Jetzt sind die aus Nr. 48 abgereist,“ sagte er mit betrübter Stimme.
„Abgereist? Der Baron ist abgereist?“ stammelte Mr. Markham.
„Das weiß ich nicht, aber die zwei Herren, von denen Sie dieser Tage
sagten, daß sie Ihnen fehlten.“
„Was meinen Sie, Mr. Streptowitz?“
„Die zwei Herren, die dieser Tage fehlten. Sie sagten doch, Sie hätten
drei fremde Herren hineingehen sehen, und ich sah nur einen wieder
fortgehen. Heute morgens um halb fünf Uhr, als ich mich ankleidete, sah
ich sie in einem Auto in Gesellschaft eines anderen Herrn fortfahren.
Sie sahen aus wie Inder und wie schwer betrunken. Es war noch kaum
taghell. Ich stehe am Freitag immer so früh auf, weil die Leute für den
Sabbath Geld brauchen.“
„Inder und bis jetzt da!“ rief Mr. Markham, „und um halb fünf Uhr früh
schwer betrunken! Das ist ja unanständig, Mr. Streptowitz.“
„Das ist es auch,“ gab Mr. Streptowitz mit einem etwas freudigerem
Tonfall zu. „Um fünf Uhr soll man aufstehen und arbeiten, und nicht
betrunken sein. Was macht denn der Baron auf Nr. 48?“
„Er studiert!“ rief Mr. Markham mit einem schrillen Lachen. „Studiert
die Wissenschaften, Streptowitz! Gott helfe mir, die Wissenschaften!“
„Das ist traurig,“ sagte Mr. Streptowitz, „sehr traurig. Sie werden
schon sehen, bei dem kommt noch etwas Merkwürdiges heraus, Mr. Markham.“
Mr. Markham, der sich an seine Fünfpfundnote erinnerte, erklärte
energisch, seine Mieter stünden hoch über jedem Verdacht.