„Neues! Nichts anderes, als daß ich diesen Morgen vier Dutzend

Journalisten hinter mir her habe. Die Wiederauffindung des Maharadschas

im East End in einem solchen Zustande war in zehn Minuten in Fleet

Street verbreitet. Die dummen Polizisten, die ihn fanden, hatten

natürlich nicht den Verstand, das Maul zu halten ... Und dazu ein Loch

im Boden, das geflickt werden muß -- und eine Türe, vom Obersten ärger

zugerichtet als der Birnbaum von George Washington. Ein Vergnügen,

feine Gäste zu haben, was?“

„Sie haben auch heute Morgen feine Gäste hier gehabt, ohne daß Sie es

wissen,“ sagte Mr. Bowlby. „Hören Sie nur!“

Und er erzählte, was Allan widerfahren war. Der Direktor starrte ihn

an, wie ein Gespenst. Schließlich stammelte er:

„Also ... was meinen Sie? Wer ist hier gewesen?“

„Mirzl! Sie wissen doch, daß er meinem jungen Freunde die Hälfte

seines Geldes abgenommen hat, als er sich das erstemal konterkarriert

sah. Woher er weiß, daß der Rest hier deponiert wurde, kann ich nicht

verstehen.“

„Es ist vielleicht nicht so schwer zu erklären,“ sagte Allan. „Sie

sagen (er wendete sich an den Bankbeamten), daß ich vor einer Stunde

hier war und mein ganzes Guthaben behoben habe. Erzählen Sie, wie das

zuging.“

Der junge Bankbeamte warf einen scheuen Blick auf den Direktor und

begann:

„Es war eben, als ich öffnete. Da kam ein Herr herein, der Ihnen aufs

Haar ähnlich sah, Sir, und wendete sich an mich: ‚Wieviel habe ich doch

hier deponiert?‘ ‚Ihr Name, Sir,‘ sagte ich der Form wegen, denn ich

erkannte Sie ja ganz gut, Sir. ‚Am besten, ich buchstabiere ihn Ihnen

vor,‘ sagte er und lächelte. ‚Allan K--r--a--g--h. Schwer, den Namen

auszusprechen.‘ ‚_All right_, Sir,‘ sagte ich und schlug im Buche

nach. ‚Sie haben etwas über fünftausend schwedische Kronen deponiert --

dreihundert englische Pfund.‘ ‚Es ist gut, ich nehme sie heraus,‘ sagte

er, ‚geben Sie mir eine Quittung, dann werde ich unterzeichnen.‘ ‚Sie

haben den Depotschein, den Sie seiner Zeit bekamen, nicht bei sich,

Sir?‘ fragte ich. Er suchte in seinen Taschen. ‚Na aber! den muß ich in

meinem anderen Anzug vergessen haben. Aber wenn ich einstweilen hier

quittiere, kann ich ihn ja später bringen.‘ ‚_All right_, Sir,‘

sagte ich, denn ich dachte ja mit keinem Gedanken daran, daß es jemand

anderes sein könnte, als Mr. Kragh. Und die Schrift war ...“

„Der Teufel soll das ganze holen!“ schrie der Direktor. „Ich

werde schon bald ebenso verrückt, wie der Oberst. Journalisten,

Einbruchsdiebe, andere Diebe, schwarze Regenten, die um sechs Uhr früh

in öffentlichen Parks gefunden werden -- man kann ja toll werden! Von

heute an müssen die Leute sich einem Polizeiverhör unterziehen, bevor

sie die Nase zur Türe meines Hotels hereinstecken dürfen!“

Mr. Bowlby fiel ihm ins Wort.

„Sie sollten ein bißchen dankbarer gegen meinen jungen Freund aus

Schweden sein,“ sagte er. „Er hat nun schon zweimal die Diebstähle

beim Maharadscha verhindert ...“

„Dann sollte er zum Teufel doch auch die Diebstähle bei sich selbst

verhindern,“ rief der Direktor. „Dankbar! Gewiß bin ich dankbar.

Wieviel hatten Sie doch in englischer Münze?“

„Fünftausendvierhundert in schwedischer -- dreihundert englische

Pfund,“ sagte Allan kurz. „Bitte, machen Sie sich keine Gedanken

darüber, Herr Direktor. Aber ich muß um einen kleinen Aufschub bei der

Rechnung bitten, nachdem Herr Mirzl meine ganze Reisekasse übernommen

hat.“

Der Direktor schüttelte ihm die Hand.

„Aber, aber!“ rief er, „nehmen Sie es doch nicht übel. Mißverstehen

Sie mich nicht. Natürlich ist das Hotel für deponiertes Geld

verantwortlich. Aber die Umstände in diesem Falle sind solche, daß ich

nicht auf eigene Hand entscheiden kann. Mißverstehen Sie mich nicht.

Wenn Sie den Obersten drei Tage lang hinter sich her gehabt hätten,

und heute morgen einen Schwarm von Journalisten, die Ihnen die Ohren

vollschreien -- bei Gott, da kommt der Oberst. Was ist denn schon

wieder geschehen? Was für ein Verbrechen ist denn jetzt im Hotel verübt

worden?“

Die Miene des Obersten war wirklich nicht so sonnig, daß der Direktor

mit seinen Befürchtungen nicht recht haben konnte. Immerhin erwiesen

sie sich als unbegründet.

„Ich hörte, daß Sie hier sind, Direktor!“ rief er. „Warum um Himmels

willen lassen Sie dieses verdammte Zeitungsschmiererpack nicht

hinausschmeißen?! Sie setzen mir nach wie Hunde einem Fuchs. Ob

es wahr ist, daß der Maharadscha so gut wie ermordet in einem Park

aufgefunden wurde? Ob es wahr ist, daß man ein Attentat auf seine

Juwelen und ein anderes auf ihn selbst verübt hat? Welche Ansicht der

Maharadscha über London hat? Welche Ansicht ich über das eigentümliche

Attentat auf ihn habe -- -- Gentlemen, schrie ich, ich habe die

unmaßgebliche Ansicht, daß Sie ein Haufen gottverdammter Vampire sind,

und wenn Sie sich nicht augenblicklich packen, werde ich versuchen,

sie Ihnen mit meinem Sechsläufigen klarzumachen. Die Ansicht des

Maharadscha über London ist, daß es eine entzückende Stadt sein würde,

wenn die Londoner nicht wären, und um sie so wenig als möglich zu

sehen, pflegt Se. Hoheit jeden Morgen in aller Frühe einen Spaziergang

durch die Parks in East End zu machen, wo er heute von einer

bedauerlichen Schwindelattacke befallen wurde, die Anlaß zu tausend

idiotischen Gerüchten gab, die nur Leute glauben können, die dumm genug

sind, Zeitungen zu lesen, die von noch größeren Idioten geschrieben

werden als sie selbst; und wenn Sie mit diesem Bescheid nicht zufrieden

sind, meine Herren, dann können Sie mir den Bu -- --“

Die Stimme des Obersten kippte vor Gemütserregung um, ohne daß es

seinen Zuhörern Schwierigkeiten bereitete, seinen elliptischen Satz zu

ergänzen. Mr. Bowlby wischte sich die Augen und sagte:

„Sie sollten Minister des Aeußeren sein, Herr Oberst, dann käme doch

ein bißchen mehr Schwung in den diplomatischen Verkehr! Haben Sie

Herrn van Schleeten heute schon gesehen?“

„Schleeten! Ich habe mit den Tintenkulis genug zu tun gehabt. Er

wird schon im Laufe des Tages kommen, und dann werde ich ihm meine

Meinung sagen. Heute früh ist mir etwas eingefallen. Wer beweist mir,

daß Schleeten nicht mit im Spiel war? Ich glaube, das Ganze war ein

Komplott, und ich werde die Detektive davon verständigen.“

„Aber Herr Oberst, einer der ältesten und angesehensten Juwe ...“

„Der sich von einer verdammten kleinen Abenteuerin in Hosen düpieren

läßt. Es +war+ ein Komplott. Da können Sie Gift darauf nehmen.“

„Sie ging ja wohl nicht immer in Hosen herum, Herr Oberst. Und was

sagen Sie zum Chloroform? Sie haben doch selbst gesehen, daß er betäubt

dalag.“

„Als ob das nicht gerade das Komplott beweisen würde! Hat man nicht

schon tausendmal gehört, wie Leute falsche Einbrüche arrangieren!

Das ist mir nur nicht früher eingefallen. Das werde ich sofort den

Detektiven telephonieren! -- Guten Morgen, junger Freund! Wie steht es?“

Er schien Allan erst jetzt zu bemerken.

„Danke, Herr Oberst,“ sagte Allan. „Es geht mir so gut, als es einem

gehen kann, wenn man eben um seine ganze Barschaft bestohlen worden

ist.“

„Ihre ganze Barschaft! Das ist sie und Schleeten!“

„Ich bezweifle nicht, daß Herr van Schleeten ebenso bereit wäre, zu

behaupten, daß ich und sie das Attentat heute nacht arrangiert haben.

Nein, es war ein anderer ihrer Freunde, den sie in letzter Zeit auch

kennen gelernt haben -- Herr Benjamin Mirzl.“

Der Oberst lauschte mit weitaufgerissenen Augen Allans Erzählung,

drehte seinen weißen Schnurrbart und sprach in einigen kernigen Worten

seine Ansicht über Mrs. Langtrey und Herrn Mirzl aus:

„Wielange werden diese Blindschleichen die Herrschaften noch frei

herumlaufen lassen? Ich glaube wirklich, dieser Mirzl ist der

leibhaftige Teufel!“

Der Direktor unterbrach ihn.

„Wie steht es mit Seiner Hoheit, Herr Oberst?“

Die Stirne des Obersten umwölkte sich.

„Er und das andere Prachtexemplar liegen noch todbesoffen da,“ sagte

er. „Weiß Gott, was die Räuber ihnen eingetrichtert haben. Der Doktor

und die Krankenschwestern plagen sich schon eine Stunde lang mit

Massage, Injektionen und Elektrizität ab, sie stellen sie bald auf den

Kopf, bald auf die Füße, ohne daß sie sich mucksen. Der Doktor glaubt,

es wird Aether oder Morphium sein oder vielleicht beides.“

„Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß die Verbrecher sie losgelassen

haben, Herr Oberst?“ wagte Allan einzuwerfen. „Ohne den Versuch zu

machen, etwas zu erpressen! Und gerade in derselben Nacht, in der ihr

anderer Plan mißlungen ist!“

„Das ist mir total schnuppe,“ sagte der Oberst behaglich. „Sobald sie

nur wieder die Schnauze in die Luft strecken können, geht es nach

Indien zurück, da lassen Sie nur mich dafür sorgen. Ich gehe zum

Minister für Indien und erzähle ihm die ganze Sache privatim. Und

dann kann sich Se. Hoheit meinetwegen grün und blau protestieren, aber

es gibt keinen weiteren Europa-Séjour für ihn und keine Werbungen um

schöne weiße Prinzessinnen.“

Der Direktor des großen Hotels wendete die Augen mit einem Ausdruck der

lebhaftesten Dankbarkeit himmelwärts und verabschiedete sich, nachdem

er dem jungen Bankbeamten die Weisung gegeben, Allan auszuzahlen, was

er momentan von ihm haben wollte. Allan wendete sich an den Obersten.

„Kann man die Patienten sehen, Herr Oberst?“

„Noch nicht, junger Freund. Jetzt muß ich selbst hinauf und sie ein

wenig beaugapfeln. Wir treffen uns noch!“

Er stürzte davon. Mr. Bowlby sah auf seine Uhr.

„An der Zeit, etwas zu essen,“ sagte er. „Kommen Sie, wir wollen doch

sehen, was Susan und Helen machen.“

Sie fanden Mrs. Bowlby und Miß Helen im Salon der Familie Bowlby.

Mrs. Bowlby trug eine purpurfarbene Toilette, die ihr eine frappante

Aehnlichkeit mit einem brasilianischen Kakadu gab.

„Nun endlich!“ rief sie. „Wo hast du dich so lange herumgetrieben,

John? Ich und Helen, wir vergehen ja schon vor Neugierde. Was ist also

geschehen? Ist es wahr, daß man das Untier halb tot von Ausschweifungen

auf der Straße gefunden hat? Die Dienerschaft sagt es. Und den alten

grauhaarigen Wüstling? So erzähle doch, John! Und der Dritte aus der

sauberen Gesellschaft soll ja einen Anfall von Delirium gehabt haben,

er hat die Leibwache niedergemetzelt und große Löcher in den Fußboden

und die Wände gestoßen? So erzähle doch, John!“

„Sobald du mich läßt, liebe Susan. Der Ma...“

„Es ist also wahr, natürlich! Halbtot von Ausschweifungen! Helen, du

solltest nicht zuhören, mein Kind, aber es kann ganz gut für dich sein,

zu wissen, wie es die Männer treiben. Und der Oberst, John?“

„Liebe Susan, lasse mich doch zuerst nur zwei Worte über den

Maharadscha sagen.“

„Natürlich, du willst ihn in Schutz nehmen!“

„Der Maharadscha, geliebte Susan, wurde heute Morgen in einem Park in

East End aufgefunden, betäubt ...“

„Von Ausschweifungen!“

„Betäubt mit Aether oder Morphium von der Bande, die ihn und den alten

Hofdichter geraubt haben.“

„Behaupten sie selbst, haha!“

„Behaupten sie nicht selbst, da die Belebungsversuche des Arztes bis

jetzt weder beim Maharadscha, noch bei dem alten Ali gelungen sind.“

„Haha, John, du bist wirklich +zu+ naiv!“

„_All right._ Aber du hast nach dem Obersten gefragt.“

„Der gestern abend das Delirium hatte, das sagt die Dienerschaft. Ich

+will+ ja zugeben, daß der arme Prinz nicht gerade von leuchtenden

Beispielen umgeben war. Diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren

lassen. Wenn er von einem alten Wüstling seiner eigenen Religion in

entsetzliche Lokale gelockt wird und sieht, wie sich ein weißhaariger

Heuchler, der sich Christ nennt, bis zur Besinnungslosigkeit betrinkt,

kann man ja verstehen, daß ein Mensch, von schwachem Charakter in

Versuchung geraten kann. Und dann fehlt ihm doch auch die Stütze einer

Frau.“

„Er hat doch hundertfünfzig, liebe Susan.“

„Solche nenne ich nicht Frauen, John, das weißt du.“

„Aber du hast es doch bisher getan, liebe Susan.“

„Weil ich die Ohren meiner kleinen Helen schonen wollte. Sie bekommt

ohnehin genug zu hören, das arme Kind.“

„Geniere dich meinethalben nicht, Mama, ich weiß sehr gut, was für ein

Wort du anwenden wolltest.“

„Helen!“

„Liebe Mama, es steht doch im Shakespeare und in der Bibel.“

Mrs. Bowlby wechselte das Gesprächsthema.

„Wie ist es also mit dem Obersten, John? Ist er in eine Irrenanstalt

gebracht worden?“

„Noch nicht, liebe Susan. Wir trennten uns eben vor einem Augenblick.

Er ging zu seinen Schützlingen hinauf. Er war ein bißchen erregt

nach seinen Gesprächen mit dreißig oder vierzig Reportern. Sonst

befand er sich ganz wohl. Und wenn du Mr. Cray so halbwegs in Frieden

erzählen lassen willst, kannst du hören, wie das mit seinem Delirium

zusammenhängt. Du glaubst doch Mr. Cray?“

„Soviel ich nach zwanzigjähriger Ehe einem Mann glauben kann, John.“

„Liebe Susan, sei mir nun nicht böse, weil ich dir deine Illusionen

über den Maharadscha und die beiden anderen geraubt habe. Erzählen Sie,

Mr. Cray!“

Allan wiederholte seinen Bericht über das, was am vorhergehenden Abend

passiert war. Mrs. Bowlby hörte halbwegs ruhig zu, bis er zu der Szene

kam, die sich dem Obersten und ihm selbst im Arbeitszimmer Herrn van

Schleetens geboten hatte. Da stieß sie einen Schrei aus, der der

baseballspielenden amerikanischen Nation würdig war.

„Der auch! Ein Schwindler! Der alte Roué! Jetzt sind die Juwelen also

gestohlen?“

„Noch nicht, Mrs. Bowlby. Der Oberst und ich kamen gerade in der

letzten Sekunde, um es zu verhindern, und sicherlich hat die

Säbelattacke des Obersten gegen die Türe den Dieb in die Flucht gejagt.“

„Den Dieb? Sie meinen den Mitschuldigen!“

„Sie sind derselben Ansicht wie der Oberst, wenn Sie das sagen, Mrs.

Bowlby. Aber sie ist, mit Ihrer Erlaubnis gesagt, nicht richtig. Es war

eine Schwindlerin, die Herrn van Schleeten düpiert hatte.“

In Mrs. Bowlbys Gedankennetz trat ein Kurzschluß ein.

„+Eine Schwindlerin!+ Sie haben doch gesagt, daß jemand in

Männerkleidern mit ihm hinaufging?“

„Ja, aber es war doch eine Schwindlerin, Mrs. Bowlby, verkleidet.“

„In Hosen! Da würde ich doch lieber ... Helen, du siehst, wie Frauen

werden können, wenn sie einmal anfangen. Tausendmal ärger als die

Männer. Wer war es, Mr. Cray? Weiß man es? Eine Holländerin?“

„Eine Amerikanerin, Mrs. Bowlby. Schöpfen Sie tief Atem, bevor ich

Ihnen den Namen sage.“

„Sie meinen doch nicht --“

„Ja, allerdings: Mrs. Langtrey!“

Es war offensichtlich, daß Mrs. Bowlby seiner Aufforderung in Bezug auf

das Atmen nachgekommen war, denn der Ruf, den sie ausstieß, ging durch

Mark und Bein.

„Hatte ich also recht, Mr. Cray?!“

„Es sieht so aus, Mrs. Bowlby.“

„So etwas, dieser alte ausschweifende Schwindler läßt sich verlocken,

von einem Frauenzimmer -- Helen, mein Kind, höre nicht zu was wir

sprechen -- in Hosen!“

„Er ist seiner Strafe nicht entgangen, Mrs. Bowlby. Sie hat ihn

chloroformiert und würde alle Juwelen gestohlen haben, wenn wir nicht

rechtzeitig gekommen wären. Nun gelang es ihr zu entkommen, aber

die Juwelen mußte sie im Stiche lassen. Es war ihr Glück, daß dem

Obersten die Hand zitterte. Er hat ihr sechs Schüsse durch das Fenster

nachgeschickt. Aber ich muß gestehen, daß ich ihre Kaltblütigkeit

bewundere, die Strickleiter anzuzünden!“

„Sie sollen nie etwas bewundern, was unmoralisch ist, Mr. Cray. Und um

die Juwelen ist sie also gekommen?“

„Ja, und zum Dank dafür bin ich heute durch Herrn Mirzl von dem Rest

meines Geldes befreit worden.“

„_Now, demmit lively!_ Was sagen Sie?“

Allan beschrieb, was im Bankkontor passiert war. Mrs. Bowlby hörte ihn

mit weit aufgerissenen Augen an. Als er zu Ende war, atmete sie tief

und sagte:

„Ich muß gestehen, dieser Mirzl ... Nein, daß er Langtreys Frau in

die Krallen geraten mußte! Ich bin überzeugt, sie hat ihn auf Abwege

gebracht wie diesen alten Roué von einem Juwelier.“

„Glauben Sie, sie hat ihn mit Chloroform betäubt, Mrs. Bowlby?“

„Eine Frau braucht zu so etwas kein Chloroform. Ich muß sagen, daß ich

diesen Mirzl auf jeden Fall beinahe bewundern muß.“

„Sie sollen nie bewundern, was unmoralisch ...“

„Keine vorlauten Bemerkungen, junger Mann. _Demmit._ Also jetzt

haben Sie es das zweitemal verhindert! Glauben Sie, er wird sich damit

zufrieden geben?“

„Wahrscheinlich ist es nicht. Aber sobald der Maharadscha sich erholt

hat -- die Schnauze in die Luft stecken kann, wie der Oberst sich so

schön ausdrückte -- soll er wieder nach Indien zurückgebracht werden.

Darauf schwor der Oberst. Und dann hat Mirzl keine Chancen mehr.“

Nach dem Lunch unternahm Allan einen Ausflug in das erste Stockwerk.

Aber die schwarze Leibwache versperrte ihm den Weg mit einem

wiedererkennenden Zähneblecken. Vor die Türe, die der Oberst gesprengt

hatte, hatte man eine Draperie gehängt. Allan suchte sich den schwarzen

Kriegern verständlich zu machen, aber sie antworteten nur mit einem

Wort, von dem Allan schließlich begriff, daß es +Oberst+ bedeute.

Der Oberst hatte offenbar allen den Zutritt verboten.

„Lassen Sie mich mit dem Oberst sprechen,“ sagte er.

Sie schüttelten den Kopf und sagten irgend etwas Unverständliches, als

sich im selben Augenblicke eine Türspalte öffnete und ein blasser Kopf

im Turban sichtbar wurde. Es war der alte Ali.

„Verehrungswürdiger Poet,“ rief Allan. „Lassen Sie mich hereinkommen

und Ihnen die Hand drücken! Wie geht es Ihnen? Erinnern Sie sich meiner

nicht aus dem Hause der Tausend Freuden, auch Feuerfresserklub genannt?“

Der alte Hofdichter fuhr sich über die Stirne.

„Das Haus der Tausend Freuden war ein vermummter Eingang zum Palast der

Plagen,“ sagte er. „Es kommt mir nun vor, daß ich mich Ihrer erinnere,

junger Mann. Von Ihnen hat man uns gesprochen! Sie waren es, dem es

gelang, von diesen Söhnen Scheitans zu flüchten und es zu verhüten, daß

die Juwelen meines Schülers gestohlen wurden.“

„Es war meine Wenigkeit,“ sagte Allan.

„Kommen Sie also herein, und seien Sie gesegnet! Nicht so sehr von

mir -- denn was sind wohl Juwelen anderes als farbiger Kies? -- aber

von meinem Schüler, dessen Herz in jugendlicher Torheit von den

vielfarbigen Lichtnebeln dieser Welt erfüllt ist, von denen diese

Steine ein Symbol sind. Beim Propheten, mein Kopf schmerzt. Seit

Jamshyd König von Kaikobad war, hat es einen solchen Rausch nicht

gegeben, der große Richter sei mir gnädig. Kommen Sie herein!“

Allan passierte ein Spalier von Säbeln. Drinnen fand er den Mann, um

den so viele Intrigen gesponnen waren, in derselben Stellung liegen,

wie er ihn zuletzt im Feuerfresser-Klub gesehen, auf einem Diwan

ausgestreckt, aber mit einem bedeutend matteren und weniger freudigem

Lächeln als damals. In der halbgeöffneten Türe zu einem inneren Zimmer

sah er eine Krankenpflegerin. Bei Allans Eintritt hob Yussuf Khan beide

Hände zum Gruß.

„Seid mehr als tausendmal gegrüßt!“ sagte er mit schwacher Stimme.

„Verzeiht mir, daß ich mich nicht erhebe, edelster der Sahibs. Man hat

es mir verboten. Sagt, was Ihr als Belohnung für das, was Ihr an mir

getan, wünschet! Sprecht frei!“

„Wir wollen ein andermal darüber reden,“ sagte Allan, „es ist mehr dem

Zufall als mir zu verdanken, daß den Verbrechern ihr Anschlag mißlungen

ist. Lassen Sie mich lieber hören, was für Abenteuer Ew. Hoheit und

dieser verehrungswürdigste der Dichter, seit wir uns zuletzt sahen,

erlebt haben.“

Der alte Ali sank auf einen Stuhl, nachdem er Allan einen hingestellt

hatte.

„Setzen Sie sich,“ sagte er. „Ich bin, wie mein Schüler, ermattet von

der Behandlung, der die Söhne Scheitans uns unterworfen haben. Nach

dem, was mir Oberst Morrel Sahib sogleich, als ich hier wieder zum

Leben erwachte, anvertraute, habe ich für immer meinen guten Namen und

meinen Ruf verwirkt. Mit Recht sagt der göttliche Zeltmacher von sich

selbst:

Gurt, Kleid und Seele, alles, was mir teuer,

Gab ich als Pfand dem Schenken-Ungeheuer.

Nun denn, so bin ich frei von Furcht und Hoffen

Und los von Erde, Wasser, Luft und Feuer.

Dasselbe sagte Oberst Morrel Sahib von mir, nur nicht in so melodischer

Sprache wie der göttliche Omar. Ich weiß kaum, was ich erlebt habe,

junger Freund, und noch weniger, was mein Schüler erlebt hat. Von

dem Augenblicke, wo ich ihn mit mildem, freundlichem Lächeln um die

Lippen auf einem Diwan im Hause der Freuden ausgestreckt sah, habe ich

ihn nicht wieder gesehen, bis ich heute die bleischweren Augenlider

in diesem Zimmer aufschlug. Da war ich von weißgekleideten jungen

Frauen umgeben, die mich rieben, so wie der Wucherer sein Gold reibt

und beinahe noch eifriger. Außerdem befanden sich im Zimmer ein

weißgekleideter Hakim (Arzt) und mein Schüler sowie Oberst Morrel

Sahib, der mir sofort sagte, ich sollte geköpft und vor den Stadtmauern

Nasirabads aufgehängt werden, als milde Strafe für meine Untaten, für

die es in der Sprache der Sahibs gar keinen Ausdruck gibt.“

„Wo ist Oberst Morrel jetzt?“ warf Allan ein. Er konnte sich die Suada

des Obersten vorstellen.

„Oberst Morrel Sahib ist ausgegangen, um mit dem Minister für Indien

über wichtige Angelegenheiten zu sprechen, die er uns andeutete. Mein

Schüler und ich, die wir unseren guten Namen und unseren guten Ruf in

dieser Stadt verloren haben, die noch nie von ähnlichen Dingen gehört

hat, sollen so still und verschwiegen als möglich wieder heimgebracht

werden. Das will Oberst Morrel Sahib als eine Gnade vom Minister zu

erwirken trachten, der beabsichtigt hat, uns ohne Turbans und mit

geschorenen Köpfen fortzujagen.“

„Aber erinnern Sie sich an nichts aus dem Feuerfresser-Klub bis heute?“

rief Allan. „Das ist ja drei Tage her!“

„Junger Freund,“ sagte der alte Hofdichter, „ich bin ein rechtgläubiger

Anhänger des Propheten und habe stets getrachtet, mich unbefleckt

von den Irrlehren zu erhalten, die an Nirwana und ähnliche Einfälle

einer irregeleiteten Phantasie glauben. Aber wenn ich an den Zeitraum

zurückdenke, den Sie eben erwähnt haben, fühle ich eine bedauerliche

Neigung zu glauben, daß die Reden dieser Irrlehrer doch etwas für sich

haben, so vollständig erloschen war mein Bewußtsein in dieser Zeit, von

der Sie sagen, daß sie drei Tage währte. Und mein Schüler, den ich nach

seinen Erfahrungen befragt habe, sagt für seine Person das gleiche aus.“

„Das ist wahr,“ kam Yussuf Khans Stimme vom Sofa. „Was mein Lehrer

sagt, ist wahr wie der Koran. Ich erinnere mich an nichts anderes,

als an eine große Dunkelheit, in der ich auf einem unruhigen Meer zu

treiben glaubte und von bösen Träumen gequält wurde. Plötzlich faßte

jemand meine Seele, wie man einen Ertrinkenden faßt, und als ich den

Kopf wieder über das schwarze Meer hob, befand ich mich in diesem

Gemach, umgeben von weißgekleideten Krankenpflegerinnen und einem

weißgekleideten Hakim. Die Verbrecher, die uns in das Haus der Freuden

gelockt und dann entführt haben, konnten, dank Euch, meine Juwelen

nicht stehlen, aber sie stahlen mir drei Tage meines Lebens.“

Yussuf Khans Heirat · 第 12 / 16 段