„De Citrac!“ Allan zuckte zusammen. „Kennen Sie den Namen, Mr. Bowlby?

Der Mann, der nach dem, was Mrs. Bowlby erzählt hat, in Amerika mit

Mrs. Langtrey geflirtet hat! Seien Sie sicher, de Citrac ist kein

anderer als Mirzl in höchsteigener Person!“

Der Direktor und Mrs. Bowlby starrten ihn an, und Mr. Bowlby ließ ein

schrilles, reich moduliertes Expreßsignal als Ausdruck seiner Gedanken

ertönen.

„_By Jove!_ Sie haben recht, junger Freund! Sicher! Sie haben

recht! Ich fühle es!“

Der Direktor zuckte die Achseln.

„Auf jeden Fall, behauptet Hardy, daß er steinreich ist und zwei, drei

Schlösser in Frankreich hat. Und wenn das auch unwahr ist, so hilft das

jetzt nicht viel, wo es so eilt, des armen Morrels wegen. Es wäre eine

Gnade des Himmels, wenn die Schurken schreiben und ihren Preis angeben

wollten, das sage ich, wenn es auch feige klingt.“

Mrs. Bowlby war nicht so sehr von Mitleid mit dem Maharadscha und

seinem Mentor erfüllt wie der Direktor, als man beim Diner die Debatte

wieder aufnahm.

„Der arme Oberst! Hätte er besser auf das Untier aufgepaßt. +Er+

müßte doch wissen, wie er ist. Wenn man hundertfünfzig zum täglichen

Gebrauch hat, gewöhnt man es sich nicht so plötzlich ab. Sie können

sagen, was Sie wollen, Mr. Cray, ich +weiß+, daß er in diesem

Lokal in Damengesellschaft war. Helen, mein Kind, höre nicht zu, was

ich sage.“

„Nein, Mama.“

„Und Langtreys Frau! Denken Sie, diese dickschädligen Detektivs wollten

nicht einmal auf das hören, was ich ihnen über sie sagte! Unschuldig!

Natürlich ist sie unschuldig, weil sie lange Haare hat. Ich kenne die

Männer. Sie hat den Verbrechern rapportiert, daß John Mr. Cray zu sich

eingeladen hat. Bitte stellen Sie das nicht in Abrede, Mr. Cray.“

„Nein, Mrs. Bowlby. Sie haben gehört, daß ein Baron de Citrac Mirzls

zwei Helfershelfer in den Feuerfresserklub eingeführt hat?“

„In das Lokal!“

„Ja. Und glauben Sie nicht, daß de Citrac und Mirzl eine und dieselbe

Person sind?“

„Sicher!! Sie sind genial, Mr. Cray. Sicher! Dann bedauere ich Mirzl.

Er war mir früher eigentlich nicht so unsympathisch, aber wenn er einen

solchen Geschmack hat. -- Aber +wissen+ Sie, was ich jetzt glaube,

Mr. Cray?“

„Nein, Mrs Bowlby.“

„Ja, daß Langtreys Frau den Prinzen für ihre private kleine Rechnung

entführt hat! Die ganze Welt weiß ja, wie sie ist, und sie -- Helen,

mein Kind, höre nicht zu, was ich sage.“

„Nein, Mama.“

Allan fiel etwas ein.

„Weiß jemand, ob der alte Juwelier auch heute dagewesen ist und

gearbeitet hat?“

Mr. Bowlby nickte.

„Er kam heute morgens wie gewöhnlich und arbeitete hier bis halb

sieben. Er sprach mit dem Direktor -- mit dem Obersten ist ja nicht

mehr zu reden -- und sagte, die Arbeit sei doch viel langwieriger als

er geglaubt hatte. Er bat um die Erlaubnis, am Abend wieder zu arbeiten

und einen Mann aus seinem Geschäfte zu seiner Hilfe mitzubringen.

Der Direktor sprach mit dem Obersten, und der Oberst gab seine

Einwilligung.“

„Ich kann mir denken, wie er sie formuliert hat,“ sagte Allan.

Nach dem Diner verfügte man sich in die Appartements der Familie

Bowlby, wo sich außer anderen Annehmlichkeiten auch ein amerikanischer

Whisky vorfand, der von Mr. und Mrs. Bowlby in hohem Grade goutiert

wurde, von der letzteren allerdings nur ferne von der Oeffentlichkeit.

Allan blieb bis kurz vor zehn Uhr sitzen, zu welcher Stunde die

amerikanische Familie erklärte zu Bett gehen zu wollen, da sie die

Nacht vorher lang aufgewesen waren. Allan wurde aufgefordert, sitzen zu

bleiben und sich allein zu erfrischen, aber lehnte ab und sagte gute

Nacht. In die Halle gekommen, dachte er einen Augenblick nach, was er

anfangen sollte. Die große Halle war leer bis auf einen Kellner und ein

paar Hotelbedienstete. Er beschloß, einen Abendspaziergang zu machen

und zog seinen Ulster an, der beim Garderobier hing. Gerade als er sich

anschickte zu gehen, ging die Drehtüre auf, und zum Vorschein kam der

alte Juwelier und ein einfach gekleideter Mensch. Offenbar hielt Herr

van Schleeten Wort und erschien nun zur Nachtarbeit an den Juwelen des

Maharadschas. Es war zu hoffen, daß der Maharadscha Gelegenheit finden

würde, ihn für seinen Eifer zu belohnen. Allan trat beiseite, um Herrn

van Schleeten und seinen Gehilfen passieren zu lassen. Er musterte

sie ohne weiter daran zu denken; Herr van Schleeten erwiderte seine

Blicke mit zornigem Funkeln. Was hatte er eigentlich für einen Grund

Allan böse zu sein? Es war doch Allans Verdienst, daß er überhaupt in

die Lage gekommen war, an den Juwelen zu arbeiten. Allan ging vorbei,

mit einem flüchtigen Blick auf den Gehilfen, der durch die Pracht des

großen Hotels befangen und geniert zu sein schien, er nahm nicht einmal

seine tief hineingezogene Sportmütze ab. Ganz flüchtig kam Allan die

Idee, daß er schon einmal ein paar graue Augen gesehen hatte, die denen

des Arbeiters glichen. Dann war er zur Drehtüre hinaus und ging die

breiten Marmorstufen hinunter.

Er blickte zur Hotelfassade empor. In der Suite der Familie Bowlby

waren noch ein paar Fenster hell. In der des Maharadscha war alles

dunkel bis auf ein einziges Fenster -- offenbar eines von denen,

die dem Obersten gehörten. Während Allan noch dastand und vor sich

hinblickte, wurden noch zwei Fenster hell. Herr van Schleeten war also

mit seinem Gehilfen oben angelangt. Allan wollte eben weitergehen, als

sich etwas Eigentümliches ereignete.

Eine Hand zeichnete sich seinen Augenblick von der Scheibe ab, die

eben erleuchtet worden war, mit ausgespreizten Fingern. Die Finger

schlossen sich, öffneten sich und schlossen sich abermals. Dann zeigten

sich nur zwei davon, ganz ausgespreizt; dann verschwand die Hand.

Alles war mit Blitzesschnelle gegangen. Allan, der noch dastand und

hinaufsah, wußte nicht recht, ob er richtig gesehen oder das Opfer

einer Halluzination gewesen war. Herrn van Schleetens guter Name und

Ruf war ja von keinem Geringeren als dem Direktor des Hotels bezeugt

worden. Aber wie sollte diese Hand an der Scheibe aufgefaßt werden,

wenn nicht als ein Signal für jemanden draußen? Und warum signalisiert

man jemandem draußen, wenn man das ganze Personal eines großen Hotels

zur Verfügung hat? Bei aller Achtung vor dem Direktor ...

Allan machte mit philosophisch gerunzelter Stirne einige Schritte der

Hotelfassade entlang. Verwirrte Gedanken wirbelten wie Schneeflocken

durch seinen Kopf. War Mirzl im Komplott mit Herrn van Schleeten? Erst

eine halbe Minute nach dem Verschwinden der geheimnisvollen Hand fiel

ihm etwas ein, das doch ganz selbstverständlich war: +Wenn+ man

von dem beleuchteten Fenster aus signalisierte, in der Hoffnung, von

jemand draußen verstanden zu werden, so mußte dieser Jemand in der Nähe

sein, um das Signal aufzufangen. Er begann sich auf dem ziemlich matt

beleuchteten Square, an dem das große Hotel gelegen war, umzusehen.

Massen von Menschen strömten vorbei, obgleich Monmouth Square nicht

zu den belebtesten gehört. Die Person, der man eventuell signalisiert

hatte, mußte also vor dem Hotel stehen und warten. War irgendeine

mystische stationäre Person da? Soweit Allan sehen konnte, war das

einzige Stationäre fünf oder sechs Autos. Nun, nichts hinderte ja, daß

es eines von ihnen war, dem man ...

Allan fuhr mit einem innerlichen Triumphschrei auf. Haha! War das der

kleine Plan? War Herr van Schleeten mit im Komplott? Oder war er nur

eine Marionette, an der man mit dem Faden manövrierte, von dem sie

sich am liebsten lenken ließ? Mr. Bowlby hatte ja von seiner Schwäche

für das schöne Geschlecht gehört und erzählt -- war Mrs. Langtrey in

Kenntnis dessen und in spezieller Absicht im Expreß so gnädig gegen ihn

gewesen und so aufgebracht gegen Allan, der ihr Tete-a-tete zu stören

drohte? ... Und war es denkbar, daß ihm darum die grauen Augen des

Gehilfen so bekannt vorgekommen waren?

Ein Schwarm von Gedanken, deren Ausgangspunkt der letztgenannte war,

summte durch Allans Kopf. Und nachdem er rasch die Ueberzeugung erlangt

hatte, die sowohl seine Eigenliebe wie seine Revanchelust kitzelte, daß

er recht hatte, blieb nur eine Frage: Was sollte er tun?

Er ging auf dem Trottoir auf und ab, die Augen bald auf das erleuchtete

Fenster geheftet, wo jetzt keine Hand zu sehen war, bald auf die Leute,

die vorbeipassierten, um den eventuellen Mitschuldigen zu entdecken.

Der Direktor? Ihn aufsuchen? Er würde unfehlbar ausgelacht werden.

Der Direktor hatte seinen Glauben an Herrn van Schleeten zu energisch

betont, als daß er seinen Standpunkt auf eine unbegründete Einbildung

eines jungen Herrn wie Allan ändern würde -- wenn es sich auch schon

erwiesen hatte, daß Allan glückliche Einfälle haben konnte.

Denn vielleicht war es doch nur eine unbegründete Einbildung, daß es

nicht ein Arbeiter war, der mit Herrn van Schleeten hinaufgegangen war,

das Signal, das Ganze. Was konnten die Betreffenden eigentlich gegen

Herrn van Schleeten unternehmen, +wenn+ Allan recht hatte? Es

stand ja eine Wache vor dem Eingang.

Ein neuer Gedanke ließ Allan zusammenzucken. Was ihn hervorgerufen

hatte, war nichts anderes, als der Anblick von Oberst Morrels Fenster,

wo noch Licht brannte.

Der Oberst! +Der+ ließ an Bereitwilligkeit nichts zu wünschen

übrig, jeden, wer es auch sein mochte, zu verdächtigen -- vermutlich

in erster Linie Allan! ... Aber ohne die Zeit mit weiteren Erwägungen

zu verschwenden, ob ein anderer Weg geeigneter wäre, oder wie dies

ausgehen würde, stürzte Allan die Eingangstreppe des Hotels hinauf und

weiter zur Suite des Maharadschas. Er sah die schwarze Leibgarde, die

in dem Korridor vor den Räumen, die ihr Herrscher inne hatte, Wache

hielt. Das Zimmer des Obersten lag am äußersten Ende des Korridors,

und davor stand ein Mann in Livree mit einem Syphon und einer Flasche

Whisky auf einem Tablett; er stand, den Knöchel an der Türe, als wenn

er eben angeklopft hätte. Offenbar wollte der Oberst versuchen, seine

Kümmernisse in einem kleinen Abendrausch zu ertränken. Im selben

Augenblick, in dem der Mann die Türe öffnete, stand Allan auch schon

davor.

„Ich muß mit dem Herrn Oberst sprechen!“ rief er und faßte den Mann am

Arm.

Der Livrierte betrachtete ihn kalt.

„Der Herr Oberst empfängt nicht um diese Tageszeit,“ sagte er und

versuchte, sich aus Allans Griff zu befreien. Aber Allan hielt sich

fest wie an einer Rettungsboje.

„Sie werden es zu verantworten haben, wenn Sie sich weigern, mich

anzumelden. Hören Sie, zu verantworten! Mein Name ist Allan Kragh, der

Oberst weiß, wer ich bin. Hören Sie!“

Allan konnte nicht zu Ende sprechen. Oberst Morrel zeigte sich

plötzlich in der Türöffnung, leichenblaß vor Erregung. Es war

unverkennbar, daß der Whisky, den der Bediente jetzt brachte, nicht der

erste war, den er heute sah. Es fiel ihm schwer, gerade zu stehen, und

seine Augen, die Blicke wie Lanzen um sich schleuderten, konnten nur

schwer damit zielen.

Als er Allan erblickte, stieß er ein Tigergebrüll aus.

„Sie! Was zum Teufel tun Sie hier? Ist es Ihnen gelungen die Juwelen zu

stehlen oder haben Sie Nachrichten von Ihren Kameraden, was sie für den

Maharadscha bezahlt haben wollen?“

Allan verzichtete auf alle Umschweife.

„Oberst Morrel, ich denke nicht daran, auf Ihre Insinuationen zu

antworten. Falls es Sie interessiert, daß man wahrscheinlich gerade

heute abend die Juwelen zu stehlen beabsichtigt, so wissen Sie es

jetzt. Gute Nacht!“

Der Oberst war mit einem Sprung zur Türe hinaus und packte Allan am

Arm.

„Gute Nacht! Was zum Henker meinen Sie? Gedenken Sie die Juwelen heute

nacht zu stehlen, und kommen Sie, um mir das im vorhinein zu erzählen!

So wahr mir Gott helfe, Sie werden ...“

Allan heftete einen Blick auf den alten Krieger, der ihn tatsächlich

dazu brachte, Allans Arm loszulassen und mitten im Satze zu verstummen.

Er starrte einen Augenblick um sich und sah dann Allan an.

„Was zum Teufel haben Sie gesagt?“ murmelte er undeutlich.

„Was ich Ihnen gesagt habe, Oberst Morrel, war, daß ich glaube, daß man

heute nacht den Versuch zu machen gedenkt, die Juwelen zu stehlen. Sie

hören, +heute nacht+? Vielleicht gerade jetzt, vielleicht in einer

Stunde. Ich weiß es nicht bestimmt, aber ich glaube es. Interessiert

Sie das genügend, um diesen Whisky zurückzuschicken?“

Der Oberst richtete sich heftig auf, aber senkte dann wieder den Blick.

„Nimm das weg, John,“ sagte er. „Heute abend nichts mehr! Kommen Sie

herein, junger Mann.“

Er wies den Weg in sein Zimmer, ging in das Badezimmer und fuhr sich

ein paarmal mit einem Schwamm über die Stirn. Dann kam er wieder zu

Allan heraus.

„Rauchen Sie?“ sagte er „Nicht? Erzählen Sie mir, was Sie zu wissen

glauben.“

Allan ging, so langsam und deutlich er konnte, die wenigen Tatsachen

durch, auf die er seine Theorie stützte. Der Oberst hörte mit

gerunzelter Stirne zu. Ein paarmal zeigten seine Augen, daß es ihm

schwer fiel, die Gedanken zusammenzuhalten. Allan wiederholte, bis er

glaubte, das Ganze klargelegt zu haben. Als er zum Schlusse gelangt

war, schüttelte der Oberst den Kopf.

„Ich will Sie nicht beleidigen,“ sagte er. „Das habe ich wohl schon oft

genug getan. Aber ... ist das Beweismaterial für Ihre Theorie nicht

recht mager im Verhältnis zur Theorie selbst?“

„Ganz wie Sie sagen. Aber wie erklären Sie sich die Hand?“

„Ein Zufall. Und wenn Ihre Theorie wahr wäre, was könnte eine Frau tun?

Van Schleeten ist doch kein Kind. Und wie sollte sie mit ihrer Beute

wieder hinauskommen?“

„Das kann ich Ihnen nicht sagen; aber van Schleetens Eifer zu arbeiten,

sogar um diese Tageszeit?“

„Er wurde dazu von Sr. Hoheit besonders aufgefordert. Und er erklärte

sich schon damals zur Nachtarbeit bereit, lange vor dem ersten

Attentat.“

Allan senkte den Kopf und überlegte. Der Oberst hatte recht. Seine

Theorie war phantastisch, aber dennnoch ... Er wendete sich dem alten

Krieger zu.

„Oberst Morrel!“ sagte er. „Ich verlange von Ihnen nichts anderes, als

eine einfache Probe. Sie verstehen, die Sache geht mich doch eigentlich

gar nichts an. Aber gehen wir in das Zimmer, wo van Schleeten arbeitet,

und sehen wir, ob dort alles mit rechten Dingen zugeht. Oder gehen nur

Sie hinein! Das können Sie ja, ohne das mindeste Aufsehen zu erregen.“

Der Oberst überlegte. Ein paarmal zuckte er die Achseln, und Allan

glaubte schon das Spiel verloren zu haben, als er plötzlich von seinem

Sessel aufsprang.

„_All right!_“ sagte er. „Es wäre unverzeihlich von mir, Ihnen

nicht diese einfache Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Ich gehe

gleich hinüber. Sie können mir nachkommen, wenn Sie wollen, so daß Sie

ins Zimmer hineinsehen können. Mit hinein möchte ich Sie nicht nehmen,

Sie verstehen doch.“

Sie verließen das Zimmer des Obersten unter gegenseitigen

Höflichkeitsbezeigungen -- Allan wollte den alten Herrn vorangehen

lassen, und dieser wollte seinem Gast diese Ehre geben. Schließlich

gewann Allan mit seiner schwedischen höflichen Beharrlichkeit das

Spiel. Einige Schritte über den dicken orientalischen Teppich des

Korridors, und sie waren an der Türe des Zimmers, das Herr van

Schleeten überlassen worden war. Die schwarze Leibwache schulterte bei

dem Anblick des Obersten ihre krummen Yatagans. Dieser richtete in

einem krächzenden Dialekt einige Worte an sie.

„Ob sie etwas Verdächtiges gehört haben,“ wendete er sich erklärend an

Allan.

„Nun, haben sie das?“

„Nein. Aber nehmen wir die Untersuchung nur vor.“

Er faßte die Türklinke. Die Türe war verriegelt. Bevor Allan es

verhindern konnte, hatte er die Hand gehoben und geklopft.

„Oberst Morrel!“ flüsterte Allan. „Was tun Sie? +Wenn+ nun --“

Er konnte seinen Satz nicht abschließen. Von drinnen war keine Antwort

auf das Klopfen erfolgt, und plötzlich loderte die nur schlummernde

Whiskyraserei des Obersten in hellen Flammen auf. Er stieß ein Brüllen

aus, riß einen der Säbel der schwarzen Krieger an sich und hatte,

bevor Allan noch wußte, wie ihm geschah, den Türspiegel mit einem

Hieb gespalten, der wie ein Kanonenschuß durch den Korridor dröhnte.

Noch zwei Hiebe, dann warf er sich mit voller Kraft gegen die Türe.

Diese stürzte krachend ein; der Oberst flog hindurch, Allan in seinen

Fußstapfen und die schwarzen Krieger in einem Strom hinterdrein. Sie

erhaschten eben noch sein wunderliches Bild, bevor es, von sechs

aufeinander folgenden Revolverschüssen des Obersten begleitet,

verschwand.

Das Fenster stand offen, und über dem Fensterbrett tauchte in dem

Augenblicke, in dem sie das Zimmer betraten, ein einfach gekleideter

Mensch auf, oder richtiger der Kopf dieses Menschen, von einer grauen

Sportmütze bedeckt. Er verschwand gerade, als sie über die Schwelle

kamen, über den Rand des Fensterbrettes, von sechs Revolverkugeln des

Obersten gefolgt, und Allan konnte sich noch nicht recht von seinem

Staunen erholen, wie er da verschwinden konnte, als er auch schon am

Fenster stand und die Lösung hatte. Eine feine Strickleiter fiel die

Hausmauer entlang bis auf das Trottoir hinunter; die Person, die sie

verschwinden gesehen, war schon unten angelangt; und gerade, als Allan

und Oberst Morrel das Fenster erreicht hatten, kam das Ueberraschendste

in dieser blitzschnellen Folge von Ereignissen. Der Flüchtling, der mit

schlangenhafter Geschmeidigkeit die Strickleiter hinuntergeklettert

sein mußte, und nunmehr, offenbar schon ganz im klaren über den Ernst

der Situation war, hatte noch Zeit, eine hastige Bewegung mit der

Hand zu machen -- es war ein Zündhölzchen, das angerieben wurde.

Gerade als Allan die Beine über das Fensterbrett warf um sich die

Strickleiter hinunterzuschwingen, stand diese von einem Ende bis zum

anderen in hellen Flammen; sie mußte wohl schon früher mit irgendeinem

entzündlichen Stoff präpariert worden sein. Allan hatte gerade noch

Zeit, sich über das Fensterbrett zurückzuziehen, bevor die Flammen

darüber zusammenschlugen. In ohnmächtiger Wut schleuderte der Oberst

seinen leeren Revolver dem Entwichenen nach. Er fehlte, und binnen

einer Sekunde war der Flüchtling in einem schwarzen blanken Auto, das

aus dem Nichts aufzutauchen schien ...

Allan und der Oberst wendeten sich einander zu, und ihre Augen riefen

dasselbe Wort: Zu spät! -- als sie beide etwas erblickten, das ihren

Gedanken eine andere Richtung gab.

Und dieses etwas war Mynheer Jan van Schleeten, der berühmte

Juwelenspezialist, der sich in einer Ecke des Zimmers auf dem Ellbogen

von einer Chaiselongue aufrichtete und mit abwesenden Augen und offenem

Munde um sich starrte. Neben ihm stand ein Werkzeugtisch und eine

Mahagonikassette, die von glänzenden Edelsteinen überquoll. Und die

ersten Worte, die Herr van Schleeten sagte, waren: „Sie! Wo ist sie?“

Jetzt war Allan Herr der Situation. Mit zwei Schritten war er bei Herrn

van Schleeten; er nahm ein durchtränktes Taschentuch von der Brust

dieses Herrn und schwenkte es gegen den Obersten:

„Sehen Sie, Oberst Morrel, was ein schwaches Weib vermag! Chloroform

genug für ein Roß! Jetzt gilt es zu sehen, ob wir noch zurecht gekommen

sind oder nicht. Herr van Schleeten, auf, helfen Sie uns, und denken

Sie daran, daß Ihre Ehre und Ihr Name auf dem Spiele steht!“

Der alte Holländer erhob sich von der Chaiselongue, wankend wie ein

Schwertrunkener. Der Oberst war nach der Flucht des Verbrechers

plötzlich in einen Zustand der Lethargie versunken und starrte ratlos

um sich. Allan mußte das ganze in die Hand nehmen.

„Wollen Sie dafür sorgen, daß wir etwas Kaffee heraufbekommen, Oberst

Morrel!“ rief er. „Sie sehen, in welchem Zustande Herr van Schleeten

sich befindet. Starker Kaffee, das ist das einzige, was ihn auf die

Beine bringen kann.“

Der Oberst murmelte einem Mann von der schwarzen Leibwache einige Worte

zu, und dieser stürzte davon; eine Minute später goß Herr van Schleeten

mit Allans Hilfe eine Tasse dampfenden schwarzen Kaffee hinunter. Das

erste, was er dann tat, war, sich aufzurichten und Allan anzustarren.

„Sie kenne ich,“ sagte er mit lallender Stimme. „Sie sind -- Sie sind

ein Verbrecher.“

„Mund halten, Kerl,“ schrie der Oberst, plötzlich aus seiner Betäubung

erwachend. „Danken Sie Ihrem Schöpfer, daß dieser junge Mann gekommen

ist! Sonst säßen Sie morgigen Tags hinter Schloß und Riegel.“

Herr van Schleeten starrte ihn mit stumpfen Blicken an.

„Aber ich sah ihn doch,“ murmelte er, „sah ihn doch auf einer

Station -- wie hieß sie nur? -- ja -- K--köln -- und da wurde er

arre--arretiert. Er hat n--nämlich --“

„Trinken Sie Ihren Kaffee aus, und halten Sie den Mund!“ brüllte der

Oberst. „Und dann zur Kassette, und sagen Sie uns, wieviel fehlt!“

Es verging noch eine Weile, bis es Herrn van Schleeten gelang, diese

drei Wünsche zu erfüllen. Die Untersuchung der Mahagonikassette nahm

lange Zeit in Anspruch, eine Zeit, während der Allan unten war und

einen verstörten Nachtportier an die Polizei telephonieren ließ. Aber

als er wieder heraufkam, hatte er die Befriedigung, daß Oberst Morrel

ihm entgegenstürmte; der Oberst packte seine beiden Hände, es schien

nicht viel zu fehlen, und er hätte sie geküßt.

„Die Fassungen sind zu groß und hinderlich gewesen, und sie hat es zu

eilig gehabt!“ schrie er. „Es ist möglich, daß eins der Diademe fehlt,

aber mehr nicht. Darauf schwört der verdammte Holländer. Ganz richtig,

diese kleine listige Hexe von einer Abenteuerin hat ihn bestrickt, und

ihr Streich wäre ihr gelungen, wenn nicht Sie --“

Allan versuchte ihn mit schwedischer Bescheidenheit zu unterbrechen. Es

dauerte noch lange, bis er diese Nacht ins Bett kam. Denn einerseits

mußten alle von dem erschienenen Detektivinspektor Mr. Mc. Lowndes

in aller Form verhört werden (nach welchem Verhör Herr van Schleeten

die Heimfahrt in Gesellschaft eines Detektivs antreten durfte);

andererseits wollte Oberst Morrel nicht zu Bett gehen, ohne seinen

morgigen Katzenjammer durch eine Flasche Champagner mit Allan

verschärft zu haben. Zu Ende dieser Flasche erklärte er ohne alle

Einschränkungen, daß er seines Wissens noch nie einem Menschen begegnet

war, auf dessen Stirn alle guten Eigenschaften sich ein so harmonisches

Stelldichein gegeben hatten wie bei Allan.

* *

*

Allan wurde am nächsten Morgen gegen zehn Uhr in seiner Morgentoilette

dadurch unterbrochen, daß Mr. Bowlby höchst unzeremoniös die Türe zu

seinem Zimmer aufriß. Was er zu verkünden hatte, war nichts Geringeres,

als daß Yussuf Khan und der alte Ali am selben Morgen gegen halb sieben

Uhr im Viktoria-Park im East End in vollkommen bewußtlosem Zustand

aufgefunden worden waren, jeder mit der aufgeklebten Etikette versehen:

Abzugeben Grand Hotel Hermitage.

Allan hatte noch nicht zu Ende gefragt -- Mr. Bowlby wußte übrigens

kaum mehr als die Tatsache, die er vom Direktor erfahren hatte -- und

selbst noch nicht mehr erzählt als die Konturen der Ereignisse der

Nacht, als eine neue Sensation über ihn hereinbrach. Noch immer von Mr.

Bowlby begleitet, ging er in das Bankkontor des Hotels hinunter, um

einige Pfund seines deponierten Geldes zu beheben.

Der junge Mann hinter dem Schalter starrte ihn einen Augenblick

an und fragte ihn dann mit halb erschrockenem, halb mißtrauischem

Gesichtsausdruck, ob er denn vergessen habe, daß er erst vor einer

Stunde dagewesen war und sein ganzes Guthaben an der Kasse behoben

hatte.

X

Die Nachwirkungen einer tollen Nacht auf Fürsten und Poeten

Allan starrte Mr. Bowlby an und Mr. Bowlby Allan. Dann gab er ein

Expreßsignal von sich, das wie ein Schwert durch alle Stockwerke

des Hotels ging und klang wie: Lebensgefahr, alle Bremsen anziehen,

augenblicklich stoppen!

„Schon wieder Mirzl! _By Jove!_“

Endlich fand Allan die Stimme wieder und wendete sich an den Beamten.

„Kann ich mit Ihrem Chef sprechen?“

„Im Augenblick bin ich allein hier, Sir, aber wenn Sie es wünschen,

kann ich den Hoteldirektor anrufen. Ich sehe ja, daß da etwas nicht

klappt, obwohl ich es nicht verstehe.“

„Danke, rufen Sie ihn sofort.“

Drei Minuten später kam der Direktor in das Kontor gestürzt. Es war

schon von weitem unverkennbar, daß er nicht in rosiger Laune war, und

die Aeußerung, die er in der Türe Mr. Bowlby zuwarf, verriet sofort die

Ursache.

„Weiß Gott, warum ich Sie je gebeten habe, aus Ihrer Wohnung

auszuziehen, Mr. Bowlby!“

„Gibt es etwas neues?“

Yussuf Khans Heirat · 第 11 / 16 段