„Ach ja!“ sagte er, „gewiß. An die Dame auf Nr. 320/21. Sie ist
abgereist, ohne eine Antwort zu hinterlassen.“
„+Sie ist abgereist!+“
In seiner Verblüffung und Enttäuschung sprach Herr van Schleeten in
gesperrten Lettern wie ein Schauspieler.
„Sie ist heute morgen abgereist,“ sagte der Portier, „so gegen halb
acht. Kurz zuvor ist ein Expreß-Telegramm gekommen.“
„Aus Amerika,“ murmelte Herr van Schleeten, plötzlich überzeugt, daß
der zudringliche Freier aufgetaucht war. Was würde nun aus dem Souper
werden?
„Nein, aus Paddington,“ sagte der Portier. „Ich habe es zufällig auf
dem Blankett gesehen. Hier kommt der Herr Direktor.“
Herr van Schleeten, der in diesem Augenblick den Direktor des großen
Hotels durch die Halle herankommen sah, war von dem Schlage, den der
Portier ihm ahnungslos versetzt hatte, so betäubt, daß er weder denken
noch sprechen konnte. Es dauerte darum eine Weile, bis er merkte, daß
der Direktor ebenso aufgeregt war wie er selbst.
Er blieb vor Herrn van Schleeten stehen und schien nach Worten zu
suchen. Endlich fiel es Herrn van Schleeten auf, wie eigentümlich es
doch war, daß man den Direktor überhaupt gerufen hatte. Er hatte ja gar
nichts mit ihm zu tun. Er wollte eben fragen, was denn los sei, als der
Direktor sich zu einem Entschluß aufzuraffen schien.
„Wollen Sie mit mir zum Herrn Oberst kommen, Herr van Schleeten,“ sagte
er. „Sprechen Sie mit ihm selber; das wird das beste sein.“
„Ja, was gibt es denn?“ fragte Herr van Schleeten erstaunt.
„Sie müssen über das, was ich Ihnen sage, Diskretion bewahren, Herr van
Schleeten, aber Sie müssen doch in die Sache eingeweiht werden. Der
Maharadscha ist verschwunden, und in seiner Wohnung ist heute nacht
ein Einbruch verübt worden.“
„Einbruch!“ stammelte Herr van Schleeten, für den Augenblick Mrs.
Langtrey und alles andere vergessend, als die wunderbaren Juwelen.
„Sind die Juwelen gestohlen?“
„Nein, glücklicherweise wurde der Diebstahl im letzten Moment von einem
jungen Manne verhindert, der hier im Hotel wohnt. Aber der Maharadscha
ist verschwunden, und Gott weiß, wann wir ihn wiedersehen.“
Herr van Schleeten brachte kein Wort der Erwiderung hervor. Was
waren das für Mysterien? Sowohl Mrs. Langtrey wie der Maharadscha
verschwunden! Waren sie zusammen durchgegangen? Hatte er sie entführt?
Dann, bei allen Mächten der Unterwelt, wollte sich Herr van Schleeten
mit den Juwelen nicht mehr abgeben, als mit dem Schmutz der Straße.
„Wann ist er verschwunden?“ stammelte er.
„Gestern abend. Er wurde an irgendeinen infernalischen Ort gelockt und
konnte nicht wieder gefunden werden. Aber um Gottes willen, seien Sie
diskret!“
Herr van Schleeten atmete wieder.
Herrn van Schleetens Unterredung mit Oberst Morrel auf dessen Zimmer in
der fürstlichen Suite war summarisch. Er fand den Oberst von einer Wand
zur anderen rennend, wie ein frisch gefangener Tiger und kaum weniger
blutdürstig anzusehen.
„Was zum Geier gibt es?“ war sein artiger Begrüßungsruf.
„Dies ist Herr van Schleeten, Herr Oberst,“ sagte der Direktor. „Der
Juwelier, der --“
„Juwelier her, Juwelier hin! Wenn mein schwarzer Diamant beim Teu--“
Herr van Schleeten begann sich verletzt zu fühlen. Er hatte
augenblicklich selbst seine Sorgen und fand sie groß genug, um nicht
noch mit denen anderer belastet zu werden. Er machte einen Schritt auf
die Türe zu.
„Ich werde meine Instrumente wieder holen lassen,“ sagte er mit
eiskalter Stimme, „gestatten Sie mir, Ihnen zu sagen, Herr Oberst, daß
ich nicht --“
„Gut! Gut! Zum Teufel hinein!“ rief der Oberst, aber hielt dann
inne, von einem Gedanken gepackt. „Ja, richtig -- es ist ja doch
eine Möglichkeit, daß die Blindschleichen dort oben (offenbar Oberst
Morrels Kosename für die Detektive) meinen schwarzen Ado -- Sr. Hoheit
finden ... Also arbeiten Sie nur nach Belieben, mein bester Herr van
Schleeten, ganz nach Belieben. Dann erweisen Sie meinem schwar... Sr.
Hoheit einen großen Dienst. Adieu!“
Der Oberst stürzte zur Türe hinaus und schlug sie mit einem Krach zu,
der an einen Felssturz gemahnte. Der Direktor wendete sich mit einem
entschuldigenden Lächeln Herrn van Schleeten zu.
„Der Oberst ist ein bißchen erregt,“ sagte er. „Nehmen Sie es nicht
krumm, Herr van Schleeten, Sie wissen, ein alter Soldat ... er hat es
momentan nicht sehr angenehm.“
„Das ist kein Grund, mich zu behandeln wie einen Kutscher, der falsch
gefahren ist,“ sagte Herr van Schleeten mit gerunzelter Stirne. „Ein
jeder hat seine Sorgen.“
„Herr van Schleeten, Sie sind doch ein Weltmann. Beachten Sie den
schlechten Humor eines alten Herrn nicht. Gestatten Sie mir, Sie in das
Zimmer zu führen, das für Sie reserviert ist.“
Noch etwas grollend wurde Herr van Schleeten in den Arbeitsraum
geleitet. Der erste Anblick der märchenhaften Edelsteine war genug,
um ihn sowohl den Obersten wie Mrs. Langtrey vergessen zu lassen. Er
verbrachte eine Stunde damit, sie einen nach dem anderen zu bewundern;
zwei damit, nachzudenken, wie er die Fassungen „ändern“ sollte, damit
sie nach dem Geschmack des Maharadscha ausfielen. Dann klingelte er
und ließ sich ein leichtes Frühstück mit einer halben Chateau-Lafitte
bringen und machte sich dann gegen zwei Uhr an die Arbeit. Er blieb bis
sieben Uhr dabei und merkte kaum, wie die Zeit verflog, so hypnotisiert
war er von den Steinen; was er hingegen, als er seine Instrumente
weglegte, merkte, war, daß er eine Hilfskraft haben mußte, wenn er die
Arbeit in annehmbarer Zeit fertig bringen sollte, ganz abgesehen von
der nervösen Eile des Maharadschas. Gegen halb acht Uhr verließ er das
Hotel.
Die schwarze Leibgarde hielt noch immer treue, stumme Wache vor
den Türen des Arbeitsgemaches. Herr van Schleeten sprach sie im
Vorüberstreifen auf englisch an, aber bekam keine Antwort. Offenbar
verstanden sie nur ihre Muttersprache.
Unten auf der Straße angelangt, ging er anfangs halb abwesend durch
das Menschengewühl. Der Septemberabend war etwas kühl, mit einem
herbstlichen Ton in der Luft. Herr van Schleeten, dessen Kopf ganz von
den wunderbaren Steinen erfüllt war, wurde sich erst nach einiger Zeit
bewußt, daß er Hunger hatte.
Er ging in ein kleines französisch-italienisches Restaurant, an dessen
Türe er gerade vorbeikam, setzte sich nieder, und wählte einige
Gerichte _à la carte_ und eine Halbe Kirwan-Cantenac. Er war zum
Kompott nach dem Huhn gekommen, als er aufblickte und sah, daß Mrs.
Langtrey an seinem Tische stand, allein, im Straßenkleid.
Herr van Schleeten flog in die Höhe.
„Sie!“ rief er. „Sie!“
„Ja, ich ...“ murmelte sie. „Ah, daß ich Sie treffe! ... Gott sei Dank!
Gestatten Sie, daß ich mich niedersetze?“
Herr van Schleeten riß einen Stuhl unter dem Tisch mit einem Schwung
hervor, als wollte er ihn als Wurfgeschoß verwenden und half ihr die
Ueberkleider ablegen. Das kleine Souper winkte, und in dem rosigen
Wachskerzenschein seiner Hoffnungen sah er sich ihr schon weit mehr
ablegen helfen als die Ueberkleider. Sie ließ sich nieder und blätterte
zerstreut in dem Menü, das der französische Kellner sich beeilt hatte,
ihr zu überreichen.
„Aber heute abend müssen Sie mir gestatten,“ sagte Herr van Schleeten
hastig. „Geben Sie mir die Weinkarte, Kellner.“
Sie nickte leicht und wählte ein paar Speisen. Herr van Schleeten, der
die Champagnerliste durchforschte, bemerkte, daß sie auf französisch
bestellte. Er war ein bißchen verwundert, und nachdem der Kellner
verschwunden war, sagte er:
„Ich habe geglaubt, Sie waren nie in Frankreich, Mrs. Langtrey.“
„In Frankreich?“ wiederholte sie nach einem Augenblick. „Nein, warum
denn? Ach so, weil ich Französisch spreche! Das tut doch jeder
gebildete Mensch.“
Herr van Schleeten beeilte sich, das einzuräumen.
Erst beim Dessert begannen sie von ihm und dem, was er vor hatte,
zu sprechen. Die Zeit bis dahin war mit ihren Berichten über die
Gründe ihrer überstürzten Abreise ausgefüllt gewesen, und Herrn van
Schleetens Sympathieausbrüchen bei der Anhörung derselben. Es war
dieser zudringliche Freier! Natürlich! Der brutale Egoist! (Herrn van
Schleetens Generalurteil.) Der rücksichtslose Geselle. Ganz einfach
telegraphieren: „Ich komme, erwarten Sie mich,“ und sich einbilden, daß
alles in Ordnung ist! Daß die Heirat ohne weiteres stattfinden kann!
Ach, was für verächtliche Typen es doch in der menschlichen Komödie
gibt (Herr van Schleeten); Wie schwer das Leben für eine arme Frau
ohne Freunde ist (Mrs. Langtrey); Aber schön für den, der +einen
einzigen+ guten Freund hat (Herr van Schleeten).
„Wollen Sie wirklich mein Freund sein?“ murmelte sie.
Herr van Schleeten erklärte sich bereit, diese Rolle ohne alle
Einschränkungen zu übernehmen.
„Mein wirklich guter Freund, nichts anderes?“ setzte sie fort.
Herr van Schleeten ging auch darauf ein, allerdings nicht so eifrig wie
auf das erste Programm. Aber er schenkte noch Champagner in ihr Glas,
im Vertrauen auf diesen gelben Wein, im Notfalle auf die Zukunft. Sie
war ja Amerikanerin, und die Amerikanerinnen -- man weiß schon. Ein
bißchen Belagerung.
„Wie froh bin ich, daß ich Sie getroffen habe!“ flüsterte sie und ließ,
wie zerstreut, ihre kleinen Finger Herrn van Schleetens etwas volle
Hand streifen. „Nein, wie der Zufall einem manchmal helfen kann, wenn
man es am schwersten hat. Wenn es nun der Zufall war!“
Herr van Schleeten sprach die feste Ueberzeugung aus, daß es die
Vorsehung gewesen, und suchte die kleinen Finger zu erhaschen, die sich
rasch aus seinem gierigen Griff retteten.
„Sprechen wir von Ihnen,“ unterbrach sie. „Was machen Sie denn jetzt?
Sind Sie sehr beschäftigt?“
Herrn van Schleeten wandelte die Lust an, sich interessant zu machen
und zu zeigen, was er alles konnte, dieselbe Lust, die der Grund ist,
daß er und wir alle, dank unserem Stammvater, nicht mehr im Paradiese
wohnhaft sind. Mit einer Beredsamkeit, die sie offenbar ganz und gar
bestrickte, beschrieb er den Auftrag, den er vom Maharadscha empfangen,
und wurde bei der Schilderung der Juwelen geradezu dramatisch.
Plötzlich fiel sie ihm mit funkelnden Augen ins Wort:
„Ich +muß+ sie sehen!“ rief sie. „Ich +liebe+ Juwelen! Ueber
alles andere auf Erden.“
„Ueber alles andere auf Erden?“ wiederholte Herr van Schleeten
enttäuscht. „Ich fürchte, das ist unmöglich, Mrs. Langtrey, es war
schon indiskret von mir, Ihnen überhaupt davon zu sprechen.“
„Mir! Haben Sie schon vergessen, daß Sie versprachen, mein Freund zu
sein? Wenn es etwas auf Erden gibt, das mehr wert ist als Diamanten,
ist es wahre Freundschaft. Und einem Freunde muß man seine intimsten
Geheimnisse erzählen können, nicht wahr, Herr van Schleeten?“
Herr van Schleeten gab zu, daß sie recht hatte. Aber ihr die Juwelen zu
zeigen --
„_All right._ Wir sprechen nicht mehr darüber,“ sagte sie, mit
einem kleinen Unterton kühler Verwunderung in der Stimme, der Herrn van
Schleeten einen Schauer über den Rücken jagte. „Sie brauchen sich wegen
Ihrer Indiskretion keine Sorgen zu machen. Ich plaudere nichts aus.“
Der rosige Wachskerzenschimmer über Herrn van Schleetens
Zukunftsträumen zuckte bei ihrer kalten Stimme wie unter einem Luftzug.
Er beeilte sich, einen stammelnden Satz zu beginnen:
„Mrs. Langtrey ... liebste Freundin ... sehen Sie ... ja, was soll ich
sagen? ... Warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht! Es +gäbe+ ja
eine Möglichkeit ...“
Ihre Augen begannen ihn warm und strahlend anzusehen.
„Lassen Sie mich hören!“ rief sie. „Sie sind ein Engel!“
Herr van Schleeten strich sich seinen gelbgrauen Schnurrbart.
„Es ist nämlich so,“ flüsterte er, „daß ich bei meiner Arbeit eine
Hilfskraft brauche, das habe ich heute nachmittag konstatiert. Und wenn
-- ja das heißt, dann müßten Sie aber Männerkleider anziehen -- und das
--“
„Männerkleider! Gott, wie lustig! Was Sie sich alles ausdenken können,
lieber Freund! Sie +sind+ ein Engel.“
Herr van Schleeten begann seine Worte schon halb und halb zu bereuen.
„Aber das wäre doch eine schwierige Sache,“ sagte er zögernd. „Sie
verstehen, wenn jemand im Hotel Sie erkennen sollte, dann wären sowohl
Sie wie ich rettungslos kompromittiert.“
„Aber wenn es dunkel wird,“ sagte sie. „In der Verkleidung bei
elektrischem Licht wird man mich doch nicht erkennen. Wie lange
arbeiten Sie denn dort?“
„So lange ich will,“ gestand Herr van Schleeten.
„Gott, da können Sie ja auch in der Nacht dort sein!“
„Das kann ich,“ räumte Herr van Schleeten ein.
„Aber dann komme ich eben bei Nacht,“ rief sie entzückt, ganz glücklich
über diese einfache Lösung eines schwierigen Problems.
Herr van Schleeten erbebte innerlich. Wie wäre es mit einem kleinen
Souper, nur von der Glut der wunderbaren Juwelen beleuchtet?
„Sie müßten abends kommen, gegen zehn Uhr,“ sagte er, „und ich müßte
den Obersten vorbereiten, daß ich jemand zu meiner Hilfe mitbringe. Um
diese Zeit sind die meisten Hotelgäste zu Bett oder im Theater.“
Sie klatschte vor Entzücken in die Hände und drückte über den Tisch
hinweg seine Hand.
„Gott, wie reizend! Das wird das Reizendste, was ich noch im Leben
mitgemacht habe, und Ihnen habe ich es zu verdanken!“
„Aber,“ stammelte Herr van Schleeten wieder reuig und sich an diese
letzte Chance festklammernd, „es steht eine schwarze Leibwache mit
gezogenen Säbeln vor den Türen, und --“
„Das macht nichts,“ rief Mrs. Langtrey, „gar nichts, wenn ich weiß, daß
ich mit einem wirklichen Freund bin!“
Das Souper schloß in scharmanter Stimmung von seiten Mrs. Langtreys.
Aber die Hoffnung, die Herr van Schleeten an den Champagner geknüpft,
erfüllte sich nicht; trotz dieses gelben und verräterischen Trankes
mußte er Mrs. Langtrey an der Türe eines Autos Adieu sagen (sie war
in ein kleines Familienhotel irgendwo gezogen, sagte sie). Ein Druck
ihrer weichen festen Hand und ein Blick durch den Schleier, versprachen
immerhin deliziöse Möglichkeiten für die Zukunft, und während Herr
van Schleeten heimwärts ging, gelang es ihm bald, sich selbst zu
überzeugen, daß er ein verfluchter Kerl war und daß alles gut gehen
würde. Morgen abend, im Zimmer des Maharadscha ...
IX
Yussuf Khans Wiederkehr
Als die Detektivs endlich gegangen waren und die Familie Bowlby unter
dem Präsidium Mrs. Bowlbys die Einbruchsaffäre und Mrs. Langtreys
Verschwinden zu Ende debattiert hatte, dachte Allan an sein eigenes
Privatmißgeschick; aber es wäre unwahr zu sagen, daß er es sehr schwer
nahm. Was hatte er sich doch zugeflüstert, als er vor einigen Tagen die
Küste der Heimat verbleichen sah? Vorwärts, den Abenteuern entgegen!
Schicksal, _en garde_! Unleugbar waren ihm Abenteuer begegnet;
aber das Schicksal hatte seine Herausforderung ebenfalls angenommen und
zu einem recht fühlbaren ersten Gegenstoß ausgeholt. Wäre Herr Mirzl
nicht ebenso exzentrisch gewesen, als er kühn war, so stünde Allan
heute ohne Koffer und Kasse da -- und was hätte er dann angefangen?
Nach Hause telegraphiert ...? Das Vorstellungsbild der jetzt wohl laut
brüllenden Akzeptanten ließ ihn rasch davon abstehen, diesen Gedanken
zu Ende zu verfolgen. Auf jeden Fall wollte er einer Wiederholung
vorbeugen. Es konnte ja geschehen, daß Herr Mirzl in seiner
Exzentrizität sein Urteil kassierte und die Geldbuße in gleicher Weise
zurückschickte wie damals die Koffer; aber in der Erwartung dessen war
es wohl am besten, den Rest der Reisekasse außer Reichweite für ihn zu
placieren. Am Mittwoch deponierte Allan ihn folglich im Bankkontor des
Hotels, nur gegen von ihm signierte Schecks oder Quittung zu beheben.
Zwei Exemplare seiner eigenhändigen Namensunterschrift wurden dem
Bankbeamten eingehändigt.
Am selben Abend gegen sieben Uhr sah Allan den alten Herrn mit der
Raubvogelnase, der, wie er nun wußte, der Juwelenspezialist Mynheer
van Schleeten war, die Treppe von der Wohnung des Maharadscha
herunterkommen. Er sah ein bißchen erregt aus. Als der Hoteldirektor
etwas später die Halle passierte, nahm Allan seinen ganzen Mut zusammen
und ging auf ihn zu.
„Darf ich Sie etwas fragen, Herr Direktor?“
Der Direktor, der Allan von dem gestrigen Verhör kannte, nickte
wohlwollend. Das war ja dieser junge Mann, dem man es zu danken hatte,
daß nicht alles verloren war.
„Sie haben noch keine Nachrichten vom Maharadscha?“
Der Direktor schüttelte düster den Kopf.
„Leider nicht. Sie sind doch diskret gewesen, hoffe ich?“
„Absolut. Ich habe kein Wort über die Sache zu irgend jemand verlauten
lassen außer der Familie Bowlby. Aber darf ich Sie etwas fragen? Ich
sah gerade den alten Juwelier, den der Maharadscha berufen hat, aus
seinem Appartement herunterkommen. Arbeitet er denn an den Juwelen,
obwohl Se. Hoheit verschwunden ist?“
„Ja, er kam heute morgen, und da ich nicht wußte, was ich tun sollte,
führte ich ihn zu Oberst Morrel hinauf ...“
Der Direktor brach ab und bemühte sich ein Lachen zu verbeißen.
„Ich hatte selbst das Vergnügen, den Oberst gestern morgen zu treffen,“
sagte Allan. „Herr van Schleeten bekam vermutlich die Aufforderung,
sich an einen heißen Ort zu verfügen?“
„Etwas Aehnliches. Aber dann reute es den Obersten, und er bat ihn
-- na ja, +bat+, hm, -- die Arbeit in Angriff zu nehmen. Herr
van Schleeten hat den ganzen Tag oben in der Suite des Maharadscha
gearbeitet.“
„Glauben Sie nicht, daß er in der Einsamkeit in Versuchung kommen
könnte?“ fragte Allan. „Er geht ganz nach Belieben aus und ein?“
„Er! Er ist ja selbst ein Krösus und einer der bestrenommierten
Juwelenspezialisten in Europa! Ebensogut könnten Sie ihn des Einbruchs
verdächtigen.“
„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte Allan, „vermutlich geht mir der
Einbruch im Kopfe herum. Und dann ist da noch eine andere Sache, die
ich zufällig weiß.“
„Was denn?“
„Ich weiß zufällig, daß Herr van Schleeten intim oder zumindest bekannt
mit Mrs. Langtrey war, die gestern früh verschwunden ist.“
„Ich habe Mrs. Bowlbys Insinuationen gegen die betreffende Dame gehört.
Aber die Detektivs zuckten nur die Achseln darüber, und weder uns
noch ihnen ist etwas Nachteiliges über sie bekannt. Und wenn Sie sie
auch im selben Zug gesehen haben wie Mirzl, könnten Sie doch nicht
behaupten, daß sie einander kannten. Aber man wird sie natürlich im
Auge behalten.“
„_All right_,“ sagte Allan. „Ich wollte Ihnen nur sagen, was ich
weiß.“
Der Direktor neigte den Kopf und ging in das Bureau.
Kurz darauf wurde Allan Zeuge einer Szene, über die er hell aufgelacht
haben würde, wenn er ihren Ernst nicht erkannt hätte. Der alte Oberst
kam die Treppen herunter und stürzte mit nervösen Schritten auf das
Bureau zu. Im Vorbeieilen warf er Allan einen ergrimmten Blick zu.
Offenbar war er noch durchaus nicht überzeugt, daß nicht alle Attentate
ihren Ursprung von Allan herleiteten. Bevor er noch das Bureau erreicht
hatte, kam der Direktor wieder herausgeeilt; in seinem Gesicht prägte
sich die lebhafteste Erregung aus. Bei dem Anblick des Obersten stieß
er einen kleinen Schrei aus. Allan sah ihn mit gesenkter Stimme dem
alten Krieger etwas mitteilen. Der Oberst starrte ihn regungslos an und
stieß dann ein Gebrüll aus, bei dem die Leute rings in der Halle von
ihren Klubsesseln emporfuhren. In der nächsten Sekunde stürzte er wie
ein Wahnsinniger die Treppen hinauf. Allan eilte auf den Direktor zu,
um ihn zu fragen, was denn los sei. Hatten sie den Maharadscha ermordet?
„Der arme Oberst Morrel,“ sagte der Direktor. „Mich soll es wundern,
wenn nach seinem letzten Geheul nicht das ganze Hotel weiß, wie die
Dinge stehen.“
„Was gibt es denn? Ist Seine Hoheit tot aufgefunden?“
„So schlimm ist es nicht -- noch nicht. Aber er ist überhaupt nicht
gefunden, und das ist fast ebenso arg.“
„Aber das wußte ja der Oberst schon?“
„Ja, aber wir hatten eben eine telephonische Botschaft vom Inspektor
Mc. Lowndes -- Sie wissen, der magere Mann, der Sie gestern früh
verhört hat. Seine Leute haben das Lokal herausgeschnüffelt, von dem
Sie sprachen!“
„Sie haben den Feuerfresserklub gefunden?“
„Offiziell heißt er irgendwie anders -- englisch-französische
Theaterfreunde oder so ähnlich. Feuerfresserklub ist nur ein Kosename
unter den Mitgliedern. Ein Mann namens Hardy steht dem Ganzen vor. Die
Papiere waren in Ordnung. Hardy hat nie etwas von Mirzl oder seinem
Anhang gehört. Vor zwei Tagen erhielt er den Besuch der zwei Herren,
die Sie beschrieben haben, Stanton und dem anderen, der unter dem Namen
Müller eingeschrieben war. Sie bestellten die Logen Nr. 5 und 6 für
den Abend, das war das Ganze, und alles was Hardy wußte oder wissen
wollte. Der Diener konnte auch nicht viel mehr sagen. Wie es Ihnen
gelungen ist, herauszukommen, war ihm ein Rätsel, da er allein die
Gäste ein und aus ließ. Gegen drei Uhr morgens war er durch ein Signal
aus Nr. 5 alarmiert worden, wo er sowohl die Gesellschaft von Nr. 6
wie die von Nr. 5 vorfand, mit Ausnahme von Ihnen. Er stellte eine
Frage nach Ihnen an Müller, der antwortete, daß Sie drinnen seien und
tanzten und solange bleiben könnten als Sie wollten. Er, Stanton und
die zwei dunklen Herren, die leider etwas angeheitert waren, wollten
jetzt gehen. Sie verstehen, sie hatten nun Ihre Flucht entdeckt und
waren erschrocken. Der Diener half ihnen, den Maharadscha und den alten
Hofdichter, von deren Identität er keine Ahnung hatte, in den Lift
hinauszutragen. Unten auf der Straße bestiegen sie ein Auto, und er sah
sie fortrollen. Die Autonummer sah er nicht an, und die Adresse hörte
er nicht. -- Das ist das Ganze. Sie verstehen also, daß der Maharadscha
in den Krallen der Gauner ist, und Sie verstehen wohl auch, was das
bedeutet.“
„Erpressung?“
„Das ist das Geringste, und wir müssen leider sagen, das Günstigste.
Erpressung von mir, des Hotels wegen, und vom Obersten Seiner Hoheit
wegen. -- Ach, wenn ich doch diese Menschen nie in das Hotel gelassen
hätte!“
Der Direktor murmelte etwas, das Allan nicht hören konnte, aber das er
ohne Zögern als einen energischen Fluch agnoszierte. Allan wollte noch
einige Fragen stellen, aber plötzlich eilte der Direktor auf und davon,
ohne auch nur guten Abend zu sagen.
Allan ließ sich auf einem Fauteuil in der Halle nieder, bestellte einen
Whisky mit Soda und fing an, die letzten Nachrichten zu überdenken.
Einiges davon war ihm noch unklar, infolge der abrupten Art des
Direktors, die Konversation abzuschließen. Hatte die Polizei die
Angelegenheiten dieses Klubs nicht gründlicher durchwühlt? Kannte
Hardy die Herren Stanton und Müller als Klubmitglieder? In diesem Falle
mußte er doch ihre Adresse wissen. Suchte die Polizei sie durch das
Auto aufzuspüren?
Allan ging zu Bett, ohne den Direktor wiedergesehen oder eine Antwort
auf diese Fragen gefunden zu haben. Bowlbys waren an diesem Abend
eingeladen; in ihrer Suite wurde Wache gehalten, um einer Wiederholung
von Herrn Mirzls Besuch vorzubeugen.
Der nächste Tag war ebenso arm an Ereignissen, als ein paar der
vorangegangenen reich daran gewesen waren. Der Maharadscha war und
blieb verschwunden, und kein Wort von Erpressung kam von seinen
Entführern. Gegen sieben Uhr morgens sah Allan den Obersten wieder und
fühlte eine Anwandlung von Mitleid mit dem alten Herrn, so verstört und
nervös sah er aus. Kurz darauf, während er am Eingang des Speisesaales
stand und mit Mr. Bowlby plauderte, kam der Direktor vorbei.
„Wenn die Schurken doch wenigstens schreiben und ihren Preis sagen
wollten,“ rief er. „Der arme alte Morrel wird noch verrückt, wenn nicht
bald Nachrichten eintreffen.“
Allan benutzte die Gelegenheit, seine Fragen zu stellen. Der Direktor
zuckte die Achseln, und die Worte überkollerten sich förmlich in seinem
Munde.
„Untersuchungen! Natürlich tut die Polizei was sie kann, aber man
weiß ja, wieviel das ist! Dem Auto wird nachgespürt, Hardy und der
Diener sind heute ein halbes Dutzend mal verhört worden, und man hat
die Klubliste mit Argusaugen durchgesehen. Natürlich hatten Stanton
und Müller, seit sie sich einschrieben, ihre Adressen ein dutzendmal
gewechselt, und keine Menschenseele weiß, wo sie sich aufhalten. Der
Mann, der sie in den Klub, der eigentümlicherweise verdammt heikel
ist, eingeführt hat, war ein französischer Baron, de Citrac oder so
irgendwie --“