„Unmittelbar vor dem Verhör ist mir eine Sache eingefallen, die mir

zu denken gegeben hat, Herr Inspektor. Offenbar hat Mirzl und seine

Bande über alles, was im Grand Hotel Hermitage vorging, durch Spione

genaue Kontrolle ausgeübt. Es können ja Bediente, Kammerjungfern,

Kellner, Laufburschen gewesen sein, von denen es hier wimmelt. Durch

sie wußten sie Bescheid über die Lokalitäten, und auch, daß ich mich

mit der Familie Bowlby, die die Zimmerflucht über Seiner Hoheit hat,

angefreundet habe. Sie haben erfahren, daß Mr. Bowlby mit Familie

gestern bis spät nachts ausbleiben würde. Diese Sache war schon Freitag

bestimmt, und sie haben sofort ihren Coup geplant. Daß er unter

normalen Verhältnissen diese Form angenommen haben würde, nämlich

daß Mirzl sich gerade in meine Gestalt gehüllt hätte, ist wohl nicht

ausgemacht, wenn auch immerhin möglich. Aber nun kam hinzu, daß Mr.

Bowlby mich gestern, bevor er vom Mittagstisch aufstand, freundlich

aufforderte, ungeniert in sein Rauchzimmer hinaufzukommen, wenn ich

Lust hätte, einen Whisky mit Soda zu trinken. Dies war gegen acht Uhr,

und Mr. Bowlby versprach sogar, seinen Diener zu verständigen, daß ich

vielleicht kommen würde. Frappiert Sie dieses Detail? Wir waren damals

allein bei Tisch; es war niemand vom Personal in der Nähe. Sollte

Mirzl das im letzten Moment erfahren haben, hat es ihn natürlich in

seiner Wahl der Verkleidung bestimmt. Aber wie konnte er es erfahren

haben? Wie ich Ihnen schon sagte, war niemand von der Dienerschaft in

der Nähe. Aber kurz nachdem Mr. Bowlby mit seiner Familie gegangen

war, warf ich zufällig einen Blick nach rechts, von unserem Tisch

aus gerechnet; und da, tief im Schatten der Palmen, die diesen Teil

des Speisesaales dekorieren, und so gut wie von ihnen verborgen, saß

eine Dame, von der Mrs. Bowlby behauptet, daß sie von zweifelhaftem

Charakter ist, eine Amerikanerin aus guter Familie, die vor mehreren

Jahren aus Amerika durchgegangen ist und sich vermutlich hier in Europa

mit einem Abenteurer zusammengetan hat. Ihr Name ist Mrs. Langtrey ...“

„Und heute,“ ertönte Mrs. Bowlbys schrille Stimme wie ein Trompetenton,

„heute um halb acht Uhr morgens ist Mrs. Langtrey aus dem Hotel

verschwunden, nachdem sie ein Lokal-Expreßtelegramm bekommen hat!“

VIII

Mynheer van Schleetens Erlebnisse

Mynheer van Schleetens Leben hatte seine Wechselfälle gehabt; das

Angenehme daran für Mynheer van Schleeten war, daß sie sich in einer

stets aufsteigenden Kurve bewegt hatten. Aus einem Unbekannten war

er eine europäische Berühmtheit geworden; aus einem armen Schlucker

ein reicher Mann, aus einem reichen ein noch reicherer. In dem

Jahre, in dem Yussuf Khan von Nasirabad seinen ersten Besuch in dem

Weltteil machte, war Herr van Schleeten in demselben der berühmteste

Juwelenspezialist. Wie Mr. Bowlby schon Allan Kragh mitgeteilt hatte,

hatte er das Diadem angefertigt, das die französische Republik bei

einem denkwürdigen Anlaß der Kaiserin von Rußland sandte, und noch ein

Dutzend ähnlicher Dinge. Sein Hauptgeschäft war in Amsterdam, aber sein

Beruf brachte es mit sich, daß er sich fast ebensoviel in Berlin, Paris

und London aufhielt wie in seiner Heimatstadt. In allen diesen Städten

hatte er Filialen oder Korrespondenten.

Ende August des obenerwähnten Jahres hatte er in Berlin (wo er sich im

Auftrage eines später geadelten Finanzmannes befand, dessen Name mit

B. anfängt) einen Brief von seinem Korrespondenten in London erhalten,

daß ein gewisser Oberst Morrel seine Dienste für seinen Schützling,

den Maharadscha von Nasirabad wünsche. Mynheer van Schleeten, der noch

nie mit orientalischen Fürsten zu tun gehabt, aber um so mehr von ihren

Juwelen gehört hatte, hatte sich beeilt, das Anerbieten anzunehmen,

namentlich da es von einem sehr schmeichelhaften Honorarvorschlag

begleitet war. Er teilte seine Freude den Zeitungen mit, die sich in

mehreren Notizen mit ihm freuten. Es handelte sich um neue Fassungen

und Aenderungen der Edelsteine des Maharadscha. Der junge Fürst war

etwas exzentrisch, und war der Dinge, die seit tausend Jahren dasselbe

Aussehen hatten, müde geworden.

Anfangs September reiste Mynheer van Schleeten nach Hamburg, wo er ein

kleineres Geschäft hatte; und am selben Tage, an dem Herr Allan Kragh

aus Schweden in dieser Stadt ankam, verließ Herr van Schleeten sie mit

dem Morgenexpreß nach Paris, wohin ihn eine kleine Angelegenheit rief,

die ihm gestattete, ganz bequem zur festgesetzten Zeit in London zu

sein.

Mynheer van Schleetens Erlebnisse begannen im Expreß.

Er war als Holländer ein phlegmatischer Herr; die Erfolge, die er in

seinem fast sechzigjährigen Leben gehabt, hatten dazu beigetragen,

dieses holländische Phlegma noch zu erhöhen. Er ereiferte sich selten;

er hatte nur zwei Passionen, denen er sich in passender, phlegmatischer

Weise hingab. Die eine, die mit den Jahren gekommen war, galt altem

molligem Bordeaux; die andere, die mit den Jahren etwas abgenommen

hatte, jungen molligen Frauen. Mynheer van Schleetens Jugend war von

verschiedenen lustigen Soupers in Damengesellschaft belebt gewesen;

sein phlegmatisches Temperament hatte ihn jedoch abgehalten, so oft zu

soupieren, daß es ihm die Fähigkeit oder die Freude am Dinieren geraubt

hätte. In späteren Jahren hatte Herr van Schleeten viel häufiger

diniert als soupiert. Das ging auch aus seinem Aussehen hervor; seine

Nase war groß, gebogen, und hatte allmählich die Farbe des guten

französischen Weines angenommen, in dem er sie am liebsten spiegelte.

Sein gelbgrauer Schnurrbart war bei diesen Libationen gewachsen wie

ein Baum, am Bachesrand gepflanzt; und wenn Herr van Schleeten jetzt

trank, hing er auf das Bordeauxglas herab wie ein Grasbüschel über ein

Bächlein.

Diese Bemerkungen werden vorausgeschickt, um Herrn van Schleetens

Abenteuer im Expreß Hamburg-Köln und später zu erklären.

Sogleich, nachdem Herr van Schleeten seinen Platz in einem Coupé erster

Klasse eingenommen hatte, -- seiner Gewohnheit gemäß den Fensterplatz

in der Fahrtrichtung -- kam eine Dame ins Coupé. Sie betrachtete einen

Augenblick Herrn van Schleeten, der sie seinerseits betrachtete. Er

konstatierte, daß sie jung, ziemlich mollig war und sehr hübsch aussah,

wenn auch ein bißchen hochmütig, und daß er folglich in der Zeit seines

Leichtsinnes nichts dagegen gehabt hätte, mit ihr zu soupieren. Welche

Resultate ihre Prüfung seiner Person ergaben, ist unbekannt; jedoch

waren sie offenbar befriedigend, denn sie placierte ihre Reiseeffekten

in das Netz und sich selbst auf dem Sitz gegenüber Herrn van

Schleeten. Dann setzte sich der Zug in Bewegung, und Herr van Schleeten

versenkte sich, um seine phlegmatische Natur zu dokumentieren, in das

Studium der Morgenzeitungen.

Es dauerte bis Bremen, bevor sich etwas ereignete.

Kaum war der Zug in dieser Station stehen geblieben, als Herr van

Schleeten Schritte im Korridor hörte und sah, wie die Türe seines

Coupéabteils von einem jungen Manne geöffnet wurde, der auf der Suche

nach einem Platz zu sein schien. Herr van Schleeten konstatierte, daß

der junge Mann ein ganz sympathisches Aussehen hatte; aber da er es

höchst ungerne sah, wenn das Coupé, in dem er reiste, mehrere Personen

beherbergte, betrachtete er den jungen Mann mit einer bestimmten,

barschen, abweisenden Miene, die ausdrücken sollte: Gehen Sie in

das nächste Coupé, junger Freund. Ohne sich im geringsten daran zu

kehren, ließ sich der junge Mann ungeniert auf Herrn van Schleetens

Sofa nieder, ihm dadurch alle Chancen raubend, sich nach dem Lunch

auszustrecken und ein kleines Schläfchen zu machen. Herr van Schleeten

repetierte seinen barsch abweisenden Blick und legte noch eine Portion

wohlerzogenen Staunens über ein solches Betragen hinein. Leider merkte

er, daß dieser Blick an den jungen Mann (der übrigens gar kein Gepäck

hatte) verschwendet war; dieser war ganz und gar damit beschäftigt,

Herrn van Schleetens schönes Visavis mit den Augen zu verschlingen; sie

ihrerseits schien eingeschlummert zu sein. Herr van Schleeten gab sich

selbst seine Ansichten über die jungen Leute von heute kund, und nahm

nach einer Weile sein Studium der Morgenblätter wieder auf.

Die nächste Episode ereignete sich, als der Zug etwa eine halbe Stunde

weitergesaust war. Die Coupétüre wurde plötzlich wieder geöffnet,

diesmal zu Herrn van Schleetens Befriedigung vom Kondukteur, der die

Fahrkarten zu sehen wünschte. Der junge Mann wies die seine vor, die

zu Herrn van Schleetens Enttäuschung in Ordnung zu sein schien. Der

Schaffner wendete sich nun an Herrn van Schleeten, betrachtete seine

Fahrkarte und hustete dann zweimal ein „Gnädige“, um die Aufmerksamkeit

der jungen Dame zu erregen, die Herrn van Schleeten gegenüber saß. Dies

erwies sich jedoch als vergeblich. Sie schlief noch immer. Der junge

Mann schien einen Augenblick nachzudenken, dann beugte er sich vor und

tätschelte Herrn van Schleetens Visavis sanft das Knie.

Die Wirkung war eine momentane. Die junge Dame schnellte von ihrem

Platze auf, warf ihm einen furchtbaren, empörten Blick zu, starrte um

sich, reichte dem Schaffner die Karte und brach dabei in eine Sturzflut

von englischen Worten aus: Wie konnte dieser junge Mann es wagen?

Was meinte er eigentlich? Konnte man nicht in Europa reisen (sie war

also Amerikanerin), ohne beleidigt zu werden? Herr van Schleeten fand

ihren Zorn etwas übertrieben, in Gedanken an die Damen amerikanischer

Abstammung, die er sowohl am Knie wie auch anderswo getätschelt hatte;

aber als er bedachte, daß er durch eine feindselige Haltung den jungen

Mann möglicherweise von seinem (Herrn van Schleetens) Sofa vertreiben

konnte, hütete er sich wohl, sie zu unterbrechen. Plötzlich wendete sie

sich an ihn:

„Sir, haben Sie gesehen, ob dieser junge Mensch sich noch andere

Freiheiten gegen mich herausgenommen hat, während ich schlief?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Herr van Schleeten diplomatisch, noch immer in

Gedanken an sein kleines Mittagschläfchen. „Ich habe Zeitungen gelesen.“

„Es ist gut!“

Sie setzte ihre Ausfälle gegen den jungen Mann fort, der zuerst ganz

verblüfft zugehört hatte und nun zu einer Entgegnung ansetzte. Sie

unterbrach ihn sofort.

„Wie können Sie es wagen, mich anzusprechen?“

Nun wurde es ihrem Widersacher zu toll. Er erhob sich zu Herrn van

Schleetens Entzücken von dem Sofa und verschwand in den Korridor.

Im selben Augenblick verspürte Herr van Schleeten eine leise Reue,

daß er dazu geholfen hatte, ihn in die Flucht zu jagen: es würde

wohl nicht sehr angenehm sein, allein mit solch einer empfindlichen,

streitsüchtigen, kleinen Xantippe zu reisen. Kaum war jedoch der

junge Mann zur Türe hinaus, als sie ihr Aussehen veränderte wie ein

Aprilhimmel und sich mit dem sonnigsten Lächeln der Welt Herrn van

Schleeten zuwendete:

„Ich war vielleicht ein bißchen heftig,“ sagte sie, „aber ich kann nun

einmal die Zudringlichkeit solcher junger Laffen nicht vertragen.“

Sie legte einen Akzent auf „solche junge Laffen“, der Herrn van

Schleeten angenehm berührte. Er konstatierte, daß sie weiße starke

Zähne hatte, und daß ihre Augen, wenn sie lächelte, ungewöhnlich

anziehend waren. Der Farbe nach waren sie grau; grau war mit den Jahren

Herrn van Schleetens Lieblingsfarbe geworden, nachdem er in allzuviel

blaue und schwarze Augen zu tief gesehen und dafür hatte büßen müssen.

„Madame,“ sagte er, „die Zudringlichkeit dieses jungen Mannes war

einfach unerhört.“

Bald waren sie in ein interessantes Gespräch vertieft, das nur dadurch

unterbrochen wurde, daß der Speisewagenkellner in ihr Coupé kam und

meldete, daß das Diner serviert sei. Obgleich Herr Van Schleeten jetzt

mit sich schon darüber einig war, daß er gar nichts dagegen hätte,

mit seinem Visavis zu soupieren, schob er den Gedanken daran doch bis

auf weiteres auf, und schlug ihr vor, mit ihm zu dinieren. Sie nickte

gnädig:

„Natürlich unter der Voraussetzung, daß ich selbst für mich bezahle.“

Herr van Schleeten verbeugte sich.

Nach dem Mittagessen, das bei gutem alten Bordeaux auf das angenehmste

verstrichen war, vergingen einige Stunden, bis Herr van Schleeten

wieder etwas von dem jungen Mann sah, der gedroht hatte, ihn seines

Mittagschläfchens zu berauben. Gegen die junge Dame, die ihm diesen

Genuß nun tatsächlich geraubt hatte, hegte er keinerlei Groll; sie

hatte ihm durch ihre höchst flirtoyante Konversation soviele andere

bereitet. Der Zug stand in Köln, als Herr van Schleeten und die junge

Amerikanerin, deren Name, wie er jetzt wußte, Mrs. Langtrey war,

durch aufgeregte Stimmen im Korridor mitten aus einem interessanten

Meinungsaustausch, ob gemeinschaftliche Schulen für Knaben und Mädchen

ratsam seien, gerissen wurden. Sie blickten hinaus und sahen den jungen

Mann, der sie beide zum Zorn gereizt hatte, in Gesellschaft eines

Polizeikonstablers und eines Zivilisten verschwinden, den Herr van

Schleeten sofort als Detektiv agnoszierte. Herr van Schleeten sah Mrs.

Langtrey an. Mrs. Langtrey sah ihn an und rief:

„Sehen Sie, was habe ich gesagt! Ich habe es förmlich im Gefühl, wenn

ich in der Nähe eines Verbrechers bin!“

Während Herr van Schleeten ihr seine Bewunderung für diese Clairvoyance

ausdrückte, mußte er sich selbst gestehen, daß seine Gefühle für sie

durchaus nicht telepathischer Natur waren.

Bei der Ankunft in Paris um halb elf Uhr abends machte es sich ganz

natürlich, daß sie im selben Hotel abstiegen. Herr van Schleeten wählte

ein ruhiges Familienhotel in der Nähe der Madeleinekirche, und sie

erklärte sich damit einverstanden. Wie sie sagte, war sie noch nie in

Paris gewesen. Sie war mit einem der Schiffe der Hamburg-Amerika-Linie

herübergekommen und reiste nur, um den Schmerz über den Verlust ihres

ersten Mannes zu betäuben, der gestorben war, und einem zudringlichen

Freier auszuweichen, der sich einbildete, daß sie ihn liebte.

Herr van Schleeten war gerne bereit, ihr schon am ersten Abend in Paris

behilflich zu sein, alle Schmerzen zu vergessen, aber er fand keine

Gelegenheit dazu. Nach einer Tasse Tee verschwand Mrs. Langtrey in ihr

Zimmer.

Zwei Tage später fuhren sie nach London, noch immer zusammen. Sie hatte

ein Telegramm bekommen, das sie zwang, am selben Morgen wie Herr van

Schleeten hinzufahren; sie würde im Grand Hotel Hermitage absteigen.

Bei der Ankunft in Charing Croß drückte sie Herrn van Schleeten so

ungeschminkt herzlich die Hand, wie es nur eine junge Amerikanerin

wagt, und bat ihn am nächsten Tage zum Diner im großen Hotel ihr Gast

zu sein.

Dieses Diner war entzückend; vor allem dekretierte sie mit

Prinzessinnenmiene, daß nur sie allein bezahlen dürfe. Herr van

Schleeten war der Gastgeber vieler junger Damen gewesen, doch nie der

Gast einer Dame. Es war ein eigentümlich prickelndes Gefühl, so etwa

wie ein neuer holländischer Likör. Er beeilte sich zu betonen, daß dies

nur unter der Voraussetzung denkbar sei, daß sie sobald als möglich mit

ihm im Savoy soupieren wollte. Sie akzeptierte, immer mit derselben

freimütigen Prinzessinnenmiene.

Beim Abschluß dieses Mittagessens entdeckten Herr van Schleeten und

seine Partnerin zu ihrem Staunen an einem Tisch im Speisesaal des

Hotels keinen Geringeren als den jungen Mann aus dem Eisenbahnzug.

„Sollten wir nicht eigentlich die Polizei verständigen, Mrs. Langtrey?“

sagte Herr van Schleeten.

Mrs. Langtrey schüttelte ihr schönes Haupt.

„Ich liebe meine Nächsten immer, wenn ich Champagner getrunken habe,“

sagte sie.

Herr van Schleeten beschloß, daß beim Souper im Savoy Champagner und

nicht Bordeaux serviert werden sollte.

Dies war Donnerstag, den 11. September. Herrn van Schleetens Geschäfte

zwangen ihn zu einer Spritztour nach Amsterdam, die auf die nächsten

drei Tage Beschlag legte. Als er Montag, den fünfzehnten, zu früher

Morgenstunde nach London zurückkehrte, erwartete ihn die Mitteilung,

daß Seine Hoheit, der Maharadscha von Nasirabad am selben Tage in

der Weltstadt eintreffen sollte, und, um sobald als möglich mit

präsentablen Juwelen auftreten zu können, sein sofortiges Erscheinen im

Grand Hotel Hermitage wünschte.

Herr van Schleeten empfand einen Augenblick Verwunderung, daß Seine

Hoheit und Mrs. Langtrey dasselbe Hotel gewählt hatten, aber vergaß

sie bald über der angenehmen Perspektive, sie im Hotel zu treffen und

das Datum für das kleine Souper festzusetzen, das er nun halb und halb

an einen bedeutend diskreteren Ort als das Savoy zu verlegen gedachte,

beispielsweise seine eigene überaus diskrete Privatwohnung. Er verfügte

sich ohne Aufschub in das Hotel.

Der Direktor empfing ihn selbst und führte ihn in die Suite des

Maharadscha im ersten Stock. Nach ein paar Minuten des Wartens wurde

Herr van Schleeten in die Privaträume des Maharadscha geleitet, und sah

sich einem bräunlichen, etwas korpulenten, jungen Manne mit dunklem

Schnurrbart gegenüber, offenbar Sr. Hoheit, einem graubärtigen alten

Hindu, dessen Identität ihm unbekannt blieb, und einem Engländer von

militärischem Typus mit weißem Schnurrbart. Der letztere ergriff das

Wort:

„Sie sind Mr. van Schleeten aus Amsterdam, Spezialist in Juwelen?“

„Ja.“

„Seine Hoheit wünscht Sie wegen Aenderungen einiger besonders

wertvoller Schmuckstücke zu konsultieren. Sie verstehen, besonders

wertvoll!“

„Wertvoll!“ unterbrach der junge Maharadscha, „Morrel Sahib, wie könnt

Ihr sie wertvoll nennen! Sie sind ebenso unwürdig der weißen Fürstinnen

wie ich selbst. Vielleicht können sie ihrer würdig werden durch die

Hilfe dieses Mannes, dessen Belohnung und Ehre in solchem Falle nicht

gering sein werden.“

„Kann ich die Schmucksachen sehen?“ sagte Herr van Schleeten, der

fand, daß dieser Meinungsaustausch den Juwelen kein gutes Prognostikon

stellte, und der an Mrs. Langtrey dachte.

Auf einen Ruf von Oberst Morrel öffneten sich die Türen zu

einem inneren Gemach, und zwei schwarze Diener von ernstem und

drohendem Aussehen kamen herein, eine eisen- und kupferbeschlagene

Mahagonikassette von ansehnlichen Proportionen schleppend. Die

schwarzen Diener verschwanden wieder, Herr van Schleeten wurde

aufgefordert, sich abzuwenden und hörte einiges Knirschen und Knacken.

Offenbar wurde diese Kassette durch ein verwickeltes Sesam geöffnet, in

das man ihn nicht einweihen wollte.

Nun, wenn die Steine nicht besser waren, als der Maharadscha meinte,

dann! Glaubten sie vielleicht, daß er das erstemal Juwelen sah? Nun

wurde er aufgefordert, sich umzudrehen. Er tat es und wäre fast

umgefallen.

Natürlich hatte er von den Juwelenkammern der orientalischen

Fürsten gehört und hatte selbst die Mehrzahl ihrer europäischen

Kollegen gesehen, aber das übertraf seine wildesten Phantasien.

Das war Tausendundeine Nacht. Das war der Todesstoß sogar für sein

holländisches Phlegma. Eine Flut von verschiedenfarbigen Steinen, von

denen ein jeder würdig war, ein Kronjuwel zu sein; ein Springbrunnen

von Licht; schwere blaue Trauben von Saphiren; Perlenschnüre, die sich

durch das Juwelengewühl ringelten wie matt blinkende graue Schlangen;

Smaragden, brennend wie Raubtieraugen; ein Blutgeriesel von Rubinen

über dem Ganzen, so, als wäre irgendein unredlicher Wächter über

der Truhe geköpft und gezwungen worden, sein Blut über ihren Inhalt

sprühen zu lassen -- und überall zwischen die anderen versprengt,

Diamanten und Diamanten, deren kaltes Feuer wie Wintersterne und

Nordlicht flammte. Diese ganze Eruption von farbenstrahlendem, aus sich

selbst geborenem Licht, die Herrn van Schleeten entgegengeschleudert

wurde, benahm ihm fast den Atem. Erst nach einiger Zeit sah er die

Einzelheiten, die seltenen Steine, deren Ton von dem normalen abwich;

schwarze Diamanten und Diamanten, deren blaue Farbe die Morgenbläue

um die Bergfirne des Himalaya war; Smaragden, deren grüner Glanz in

einen Opalton überging wie ein eben entflammter Abendhimmel, Rubine,

deren rotes Blut einen Stich ins Blaue hatte, wie um ihren uralten Adel

zu zeigen -- schließlich auch die Goldfassung um die Steine. Sie war

schwer, phantastisch, zuweilen grotesk, aber welcher Gedanke, sie zu

modernisieren! Herr van Schleeten schöpfte tief Atem und stammelte an

den Maharadscha gewendet:

„Und Hoheit wollen, daß ich das ändere?“

„Natürlich,“ sagte Yussuf Khan würdevoll. „Warum hätte ich Euch sonst

durch Oberst Morrel Sahib rufen lassen? Er hat mir gesagt, daß Ihr in

Europa der erste unter jenen seid, die edle Steine behandeln. Obwohl

die meinen von geringem Werte sind und Euch nicht fesseln können, bitte

ich Euch doch, sie der weißen Fürstinnen so würdig zu machen, als sie

werden können. Wisset, daß ich in Europa bin, um eine Sahibprinzessin

zu erringen. Und denkt daran, wenn Eure Hand an diesen Steinen

arbeitet. Euer Lohn und Eure Ehre werden groß sein.“

Herr van Schleeten, dessen Augen an der Kassette und ihrem Inhalt

hingen, wie die des Vogels am Reptil, wollte eben neue Einwände

erheben, als Oberst Morrel ihm zuvorkam.

„Die Sache ist durch den Willen Seiner Hoheit entschieden,“ sagte er

scharf. „Wollen Sie die Arbeit übernehmen oder müssen wir uns an einen

anderen wenden? Lassen Sie mich das gleich wissen.“

Herr van Schleeten stand noch einen Augenblick stumm da, bevor es ihm

gelang zu erwidern:

„Natürlich ... wenn es der Wille Seiner Hoheit ist ... Aber darf ich

fragen, in welcher Richtung Seine Hoheit wünscht, daß ...“

„Welche Richtung immer,“ unterbrach der Oberst. „Bestimmen Sie selbst.

Es ist ja Ihre Spezialität.“

Herr van Schleeten stand einen Augenblick stumm da und hörte den Oberst

in sich hineinmurmeln:

„Welche gottverdammte Richtung immer, kommt schon auf eins heraus.“

Herr van Schleeten begann zu verstehen, wie die Dinge standen, und fuhr

fort:

„Ist es gestattet, daß ich die Juwelen Seiner Hoheit in mein Atelier

hier in London bringe, oder --“

„Sie müssen hier arbeiten,“ sagte der Oberst. „Sie bekommen ein Zimmer

zu Ihrer Verfügung, und dorthin müssen Sie die Instrumente, die Sie

brauchen, schaffen lassen. Außerdem müssen Sie schon entschuldigen,

wenn vor dem Arbeitszimmer von der Leibgarde Sr. Hoheit Wache gehalten

wird. Es ist nicht Ihretwegen, sondern um einem Attentat von außen

vorzubeugen.“

„Ich verstehe,“ murmelte Herr van Schleeten, den Blick auf die Kassette

und ihren Inhalt geheftet. „Und wann soll ich anfangen?“

„Sobald als möglich, sobald als möglich!“ rief der Maharadscha eifrig.

„Am besten heute.“

„Heute, fürchte ich, muß ich mich damit begnügen, meine Instrumente

herzubringen,“ sagte Herr van Schleeten, „aber morgen.“

„Nun gut, morgen! Und Ihr versprecht, so rasch zu arbeiten, als Ihr

könnt, nicht wahr? Eure Ehre und Eure Belohnung werden nicht gering

sein, so wahr ich Yussuf Khan von Nasirabad bin, Sohn des Ibrahim Khan.“

„Ich werde mein Möglichstes tun, Hoheit,“ sagte Herr van Schleeten und

verabschiedete sich unter tiefen Verbeugungen. „Wenn es notwendig sein

sollte, werde ich Tag und Nacht arbeiten.“

Der Maharadscha klatschte vor Freude in die Hände, als er zur Türe

hinausschritt. Herr van Schleeten sah die schwarzen Diener auf einen

Ruf ihres Herrschers hereineilen.

Zu seiner Enttäuschung fand er, daß Mrs. Langtrey ausgegangen war, als

er sich beim Portier nach ihr erkundigte. Er schrieb einige Zeilen,

in denen er sie fragte, ob er sie nicht treffen könnte, bevor er am

nächsten Tage seine Arbeit in der Wohnung des Maharadscha begann, und

bat den Portier sie zu übergeben.

Dies war am 15. September. Dienstag, der 16., brachte für Herrn van

Schleeten ungeahnte Ueberraschungen.

Schon aus dem Gesicht des Portiers konnte er, als er sich gegen zehn

Uhr im Grand Hotel Hermitage einfand, sehen, daß nicht alles so war,

wie es sein sollte. Er war kaum zur Türe herein, als der Portier den

Direktor anklingelte und ihn bat, ins Kontor hinunterzukommen. Herr van

Schleeten beugte sich diskret zum Portier vor.

„Ich habe Ihnen gestern ein Briefchen gegeben,“ sagte er mit einem

bedeutungsvollen Blick und strich sich seinen gelbgrauen Schnurrbart.

Yussuf Khans Heirat · 第 9 / 16 段