ungentlemanlike. Unlogisch, weil ich Ihnen früher, nach dem Dienst,
den Sie mir in Deutschland erwiesen haben, Wohlwollen bezeigte;
ungentlemanlike, weil ich Ihnen sechstausend schwedische Kronen
raube. Es war, nebenbei gesagt, der reine Zufall, daß ich sie
gefunden habe; es war nämlich nur meine Absicht, Ihnen hier oben in
Frieden und Ruhe einige Zeilen zu schreiben. Aber lassen Sie mich
Ihnen eines sagen: Sie haben heute abend meine Pläne durchkreuzt,
und man durchkreuzt meine Pläne nicht ungestraft. Ihre Strafe für
das erstemal ist sechstausend Kronen Buße -- das halbe Vermögen
im Koffer. Sollte das Vergehen sich wiederholen -- aber ich bin
überzeugt, daß Sie jetzt klug genug sind, es nicht zu wiederholen.
In Eile
Dr. Hauser,
(alias Ludwig Koch, alias Benjamin Mirzl).“
VII
Ein Verschwinden mit Nebenumständen
Es war Mr. Bowlby, der Allan am nächsten Morgen etwas nach halb neun
Uhr weckte. Allan schnellte aus dem Bett, schlaftrunken und ganz
überzeugt, daß es Herr Benjamin Mirzl war, der kam, um sich sein
übriges Geld zu holen.
„Sie, Mr. Bowlby!“
„Allerdings ich, junger Freund. Ich erhielt Ihre Botschaft durch den
Portier, als ich heute nach vier Uhr nach Hause kam. Entschuldigen Sie,
daß ich so in Ihr Schlafgemach eindringe -- _damn it_, es ist
eines der kleinsten, das ich je gesehen habe! -- aber Sie werden doch
meine Neugierde begreifen! Ein Loch in meinem Rauchzimmer, groß genug,
um einen Indianer drinnen zu fangen! Das Zimmer voll von Detektivs,
die mich verhört haben und Sie zu verhören gedenken, und eine tolle
Deliriumsgeschichte des Nachtportiers von +zwei+ Herren auf
Nr. 417. Ich hatte erwartet, Sie schon früher zu sehen, aber Helen
vertraute mir eben an, daß Sie nie vor dem Lunch aufstehen.“
„Miß Bowlby ist zu strenge in ihren Urteilen. Gestatten Sie, daß ich
Toilette mache, dann will ich versuchen, Ihnen das Ganze zu erzählen.
Aber Sie wissen doch, daß alles vorderhand geheim bleiben muß?“
„Die Detektivs faselten irgend etwas vom Maharadscha.“
„Ich fürchte, es ist kein Gefasel, Mr. Bowlby.“
Allan hüpfte aus dem Bett und begann ungeniert seine Waschungen vor den
Augen des Amerikaners, während er die Abenteuer der Nacht erzählte.
Die Beschreibung des Feuerfresser-Klubs entlockte Mr. Bowlby eine
Serie Pfiffe, eines durchgehenden Expreßzuges würdig. Als Allan zu dem
Bericht über seine Flucht kam und wie es Mirzl gelungen war, ihn und
den Portier zu überlisten, unterbrach er ihn mit dem Ausruf:
„Aber das muß ja ein Teufelskerl sein, dieser Mirzl? Eine solche
Kaltblütigkeit! Das ist doch das Frechste, was mir noch im Leben
untergekommen ist!“
„Warten Sie einen Augenblick mit Ihrem Lob!“ sagte Allan. „Was glauben
Sie, tat der Mann, als er mich in das Rauchzimmer eingesperrt und die
Kontakte abgedreht hatte?“
„Verduftete, natürlich.“
„Verduften! Da kennen Sie Mirzl schlecht. Er ging in mein Zimmer hinauf
und setzte sich nieder, um mir eine Warnung zu schreiben, mich nicht
mehr in seine Angelegenheiten einzumischen --“
„Da hört sich aber alles auf!“
„Und als er dabei zufällig fand, daß ich einen verriegelten Koffer
hatte, der nach wertvollem Inhalt aussah, öffnete er ihn. Bedenken Sie,
daß der Portier die ganze Zeit dastand und der Polizei telephonierte.
Im Koffer hatte ich meine Reisekasse, elftausend schwedische Kronen und
etwas darüber --“
„Sie sind aber höchst unvorsichtig! Und die nahm er?“
„Von diesen nahm er die Hälfte oder ein bißchen mehr, worauf er sich
niedersetzte und mir diesen Brief schrieb.“
Allan reichte Mr. Bowlby nicht ohne einen gewissen Stolz Herrn Mirzls
Brief.
Der Amerikaner las ihn langsam durch und gab eine neue Serie
betäubender Expreßsignale von sich.
„Sie haben doch natürlich der Polizei telephoniert?“
„Der Polizei! Warum nicht gleich einer Kleinkinderbewahranstalt und
habe sie um eine Amme gebeten? Ich ging zu Bett.“
In das Gesicht Mr. Bowlbys trat ein Ausdruck von ehrlichem Respekt.
„_Well!_ Ich muß sagen -- --!“
Er starrte Allan an, während dieser sich das Jackett anzog. Allan
öffnete ihm die Türe, und sie gingen die Stiege hinunter. Mr. Bowlby
wiederholte:
„Ich muß sagen! Und gedenken Sie die Sache jetzt nicht anzuzeigen?“
„Da die Detektivs schon hier sind, werde ich ihnen die Sache natürlich
anzeigen, aber es ist nur der Form wegen.“
„Mirzl scheint Ihnen Respekt eingeflößt zu haben!“
Allan nickte zustimmend. Im selben Augenblick erblickten sie
Mrs. Bowlby und Miß Helen, die in der Treppenhalle des zweiten
Stockwerks saßen. Mrs. Bowlby, die ein grellgrünes Kleid trug und
papageienähnlicher aussah denn je, begrüßte Allan mit einem kleinen
Schrei, der des erwähnten Vogelgeschlechtes durchaus nicht unwürdig war.
„Mister Cray! So! Also auf diese Art verbringen Sie die Nächte, wenn
ich außer Sehweite bin! Ein großes Loch im Boden, und die Detektivs
darum geschart wie Fliegen um eine offene Marmeladendose. Sie
wollten mich nicht einmal in die Nähe lassen. Sie glaubten wohl, ich
gedächte in das Schlafgemach des Untiers hinunterzuspringen. -- Na,
was haben Sie zu sagen? Setzen Sie sich und lassen Sie uns hören,
aber +alles+, verstehen Sie? Sie waren natürlich in irgendeinem
entsetzlichen Lokal? Haben also +Sie+ das Loch in den Boden
gemacht?“
„Wenn Sie zwischen halb eins und halb drei in Mr. Bowlbys Rauchzimmer
gekommen wären, hätten Sie es sicherlich geglaubt, Mrs. Bowlby.“
Allan begann zum zweiten Male seine Erzählung. Mrs. Bowlby beehrte
seine Beschreibung des Feuerfresser-Klubs nicht mit denselben
Expreßpfiffen wie ihr Mann, aber ihre Kommentare waren darum nicht
weniger ausdrucksvoll. Als Allan zum Schlusse von Herrn Mirzls
Leistungen gekommen war, ergriff sie das Wort:
„Ja, dieser Herr ist natürlich ein Schurke. Aber ich sage Ihnen eines,
ich würde tausendmal lieber das Untier hoppnehmen sehen als ihn.“
„Ich für mein Teil sechstausendmal lieber Herrn Mirzl,“ meinte Allan.
„Denken Sie nur, den +ersten+ Abend, den er in London
verbringt, in +solche+ Lokale zu gehen,“ setzte die alte Dame
ihren Anklageakt fort. „Natürlich war er in Damengesellschaft --
versuchen Sie das nicht zu leugnen, ich glaube Ihnen ja doch nicht.
Natürlich, obwohl er daheim bei sich das Haus voll und +mehr+
als voll hat. Und natürlich ist es furchtbar unrecht von Ihnen, in
ein solches Lokal zu gehen, aber ein verheirateter Mann, ein Mann,
der +hundertfünfzigfach+ verheiratet ist -- -- Und dieser alte,
graubärtige Wüstling -- --“
Allan wagte sie zu unterbrechen.
„Sind sie noch nicht nach Hause gekommen, Mrs. Bowlby?“
„Die! Die werden sich nicht beeilen, nach Hause zu kommen, da seien Sie
ganz beruhigt! Ich kenne die Männer.“
Mr. Bowlby hatte gedankenvoll dem Reglement des Hotels getrotzt und
während Allans Erzählung eine Zigarre geraucht. Jetzt nahm er sie
plötzlich aus dem Mund und hinderte Allan, seine Befürchtungen über das
Schicksal des Maharadschas auszusprechen, nun der Einbruch mißlungen
war.
„Da sind zwei Dinge,“ sagte er, „die ich nicht begreife, wie
durchtrieben auch dieser Gauner und seine Bande sein mögen. Sie haben
Sie natürlich von dem Augenblicke an, in dem Sie das Hotel verließen,
beobachtet. Aber wie konnten sie Sie gerade in das Haus lotsen, wo sie
den Maharadscha hatten?“
„Hm, Mr. Bowlby, das ist ja nicht so merkwürdig. Zufälligerweise
marschierte ich ja in Gesellschaft des Helfershelfers in jenes Café,
und wurde von ihm angesprochen. Das war ein Zufall. Aber in einem
anderen Lokal wäre das Resultat dasselbe gewesen. Im Notfall wären sie
wohl auch nicht vor Gewalt zurückgeschreckt.“
„_Well_, soviel kann ich zugeben, aber da ist noch eine Sache.
Sie haben natürlich im Hause und außer dem Hause nach dem Maharadscha
Ausschau gehalten. Aber +Sie+ sind ja in keinerlei Verbindung mit
dem Maharadscha oder jemand aus seiner Gesellschaft gestanden, und Ihr
eigenes Zimmer liegt im vierten Stock. Gestern abend forderte ich Sie
allerdings auf, bei mir einen Whisky zu trinken ... Aber wie zum Teufel
konnten die Kerls das wissen und sich darnach richten? Das frage ich.
Wir saßen doch, soweit ich sah, allein an dem Tisch.“
„Und woher konnten sie wissen, daß wir die halbe Nacht wegbleiben
würden, Papa?“
„Das ist keine Kunst, liebe Helen, wenn sie Spione im Hotel haben.
Aber als ich diesen jungen Mann zu mir einlud, war, soviel ich mich
erinnere, keine Seele in der Nähe, und ich habe ein gutes Gedächtnis.“
„Sie brauchten es ja nicht zu wissen, Papa. Sie hätten das Attentat auf
die Juwelen auf jeden Fall unternehmen können. Sie haben gesehen, daß
Mr. Cray und wir verkehren, sie haben ihn den ganzen Abend beobachtet,
wie er selbst sagt und ihn aus dem Wege geschafft, und dann hat sich
dieser Mirzl als Mr. Cray verkleidet --“
Miß Bowlby kam in ihrer Erklärung nicht weiter. Allan war von seinem
Stuhl aufgesprungen und hatte Mrs. Bowlby beim Handgelenk gepackt. Die
alte Dame schnellte, den Kopf im streitbaren Papageienwinkel schräg
gelegt, in die Höhe:
„Was fällt Ihnen ein, Sir? Glauben Sie, Sie sind noch in diesem Lokal?“
„Mrs. Bowlby! Sie haben bestimmt mit dem, was Sie über Ihre Landsmännin
sagten, recht gehabt! Jetzt verstehe ich, oder glaube wenigstens zu
verstehen! Aha! Sie gehörten also doch zusammen!“
„Meine Landsmännin? Wer?! Was verstehen Sie?“
„Mrs. Langtrey! Jetzt erinnere ich mich. Gerade als Sie gestern vom
Speisen aufstanden, sah ich zufällig nach rechts, und da, tief im
Schatten der Palmblätter, saß Mrs. Langtrey. Sie wissen, Sie machten
einige ... hm, offenherzige Bemerkungen, bevor Sie gingen, wie groß die
Aussichten dieser Dame wären, auf den Gesandtschaftsball zu kommen.
Als ich sie erblickte, sah sie aus wie eine Tigerin. Seien Sie sicher,
sie hat sowohl das gehört, was Sie über sie sagten, wie das, was Mr.
Bowlby zu mir sagte, ich möge heraufkommen und einen Whisky trinken.
Ihr Mann versprach mir ja sogar, den Bedienten von meinem Kommen zu
verständigen. Und sie hat eben -- -- Sie wissen doch, daß ich sie und
Mirzl zusammen auf dem Hamburger Bahnhof sah, wenn ich auch damals
nicht glaubte, daß sie sich kannten -- --“
Allan hatte noch nicht zu Ende gesprochen, als Mrs. Bowlby aus ihrem
Sessel aufflog wie der Habicht aus seinem Horst und mit raschen
Flügelschlägen die Stiege hinuntersauste. Ihre Augen strahlten vor
Triumph. Mr. Bowlby zuckte philosophisch die Achseln und steckte
eine neue Zigarre an. Allan, der über die Kampfesmiene der alten
Dame lächeln mußte, wollte eben seine Erklärungen ergänzen, als ein
Hotelangestellter auf ihn zukam.
„Der Detektivinspektor ist in Mr. Bowlbys Rauchzimmer und möchte Ihre
Aussage hören, Sir.“
Allan folgte ihm in den Raum, der am vorhergehenden Tage Zeuge von
Herrn Mirzls Niederlage gewesen -- und seiner eigenen. Er war nicht
ganz so mit Detektivs angefüllt, wie Mrs. Bowlbys Worte ihm Anlaß
gegeben hatten zu vermuten. Aber er beherbergte auf jeden Fall doch die
respektable Anzahl von vier Kollegen Sherlock Holmes’. Der unter ihnen,
der dem Aussehen nach seinem berühmten mageren Kollegen am ähnlichsten
sah, war offenbar auch der Inspektor; denn bei Allans Eintreten bat er
ihn, Platz zu nehmen und begann dann ihn zu verhören. Er saß an einem
kleinen Tischchen, das mit Dokumenten und mystischen Dingen in Kuverts
und Schachteln bedeckt war.
Allan appellierte an seine Sherlock Holmes-Erinnerungen und zog den
Schlußsatz, daß die Kuverts und Schachteln die „Spuren“ enthielten, die
man gefunden hatte. Der magere Mann blätterte ein paar Seiten in seinem
Notizbuch um und brachte die Füllfeder in Ordnung.
„Sie sind Mr. Allan K--r--a--g--h?“
Er buchstabierte den Zunamen, offenbar gänzlich abgeneigt, sich in
irgendwelche phonetische Fallen zu verstricken.
„Ja. Aus Schweden.“
„Aus Schweden. Ja. Sie wohnen auf Nr. 417?“
„Ja.“
„Sie waren derjenige, der gegen halb drei Uhr nachts nach Hause kam
und in Gesellschaft des Nachtportiers einen Versuch machte, die
Einbruchsdiebe zu überraschen?“
„Ich war es.“
„Erzählen Sie, wie es kommt, daß Sie überhaupt eine Ahnung hatten, daß
ein Einbruchsdieb hier war.“
Allan begann zum dritten Male an diesem Morgen seine Erzählung in
derselben Form wie früher, er beschrieb seinen Besuch im ‚Loch in der
Wand‘, den Fremden, der ihn dort angesprochen, den Lift, der sie in den
Feuerfresser-Klub geführt, das Erscheinen des Maharadschas in ihrer
Loge, und wie ihm plötzlich der Verdacht aufgestiegen war, der ihn
dann dazu gebracht hatte, aus dem Klub zu flüchten. Offenbar hatte der
Detektivkommissar die Erzählung schon durch die Polizisten gehört, die
in der Nacht dagewesen waren; denn er verglich sie mit einem Papier,
das er bei sich hatte. Hier und da machte er eine Notiz. Er ließ Allan
zu Ende sprechen, bevor er sein Verhör begann.
„Wollen Sie den Mann, der Sie im ‚Loch in der Wand‘ ansprach, so genau
Sie können, beschreiben.“
„Er war ziemlich untersetzt, hatte ein viereckiges Gesicht, glänzende
schwarze Haare und eine blauviolette Schattierung am Kinn und an den
Wangen. Ich fürchte, nicht viel, wonach man sich richten kann. Er war
in Abendkleidung. Er behauptete ein Deutscher zu sein; auf jeden Fall
sprach er fließend Deutsch.“
„Sie sprechen selbst Deutsch?“
„Ja.“
„Und der Mann, der in Gesellschaft des Maharadscha war?“
„Das war ein Engländer, wenigstens sagten es die anderen; sie nannten
ihn Stanton. Er war blond, scharfäugig und überaus korrekt seinem
ganzen Aussehen nach -- eine ungewöhnlich typische Rasseerscheinung,
wenn ich so sagen darf.“
Der Detektivinspektor blätterte einen Augenblick in seinen Papieren.
„Sie hatten gestern abend die Adresse des mystischen Hauses vergessen.
Sie ist Ihnen nicht etwa heute nacht eingefallen?“
„Nein, ich hatte, als ich fortlief, zu große Eile, um daran zu denken,
aber wenn Sie wissen, daß die kleine Schenke das ‚Loch in der Wand‘
heißt --“
„Es gibt hundert Bars mit diesem Namen und von diesem Aussehen in
London. Wo war sie denn ungefähr gelegen?“
„Etwa eine halbe Stunde weit von Leicester Square. Ich kenne mich
in London nicht aus, aber ich glaube, so lange brauchte ich im
gemächlichen Schlendern, um hinzukommen. -- Darf ich eines fragen, Herr
Inspektor?“
„Lassen Sie hören!“
„Der Maharadscha ist also nicht zurückgekommen?“
„Nein, wir haben seit halb vier Uhr nachts Nachforschungen angestellt,
aber sie mußten so diskret als möglich durchgeführt werden. Sowohl des
Maharadschas, wie auch des Hotels wegen. Was uns freut, ist, daß der
Einbruchsdiebstahl verhütet wurde.“
Allan flog auf:
„Darf ich fragen, woher Sie das wissen?“
Der Detektivinspektor lächelte zum erstenmal.
„Ich weiß es durch einen ... hm ... eigentümlichen Zufall ... Wie ist
es denn, haben Sie nicht auch für Ihre eigene Person eine Anzeige zu
machen?“
Allan zuckte heftig zusammen. Das schlug jeden Rekord. Von solchem
Detektivscharfsinn hatte er noch nie gelesen oder auch nur geträumt!
Hatte der magere Inspektor seinen Geldverlust an der Art gemerkt, wie
er sein Schuhband knüpfte, oder an irgendeinem Fleck auf dem linken
Rockärmel? Er starrte den Inspektor an, ohne etwas zu sagen. Dieser zog
lächelnd ein Papier aus dem Haufen vor sich und reichte es ihm.
„Bitte lesen Sie,“ sagte er. „Das ist mit der ersten Morgenpost
gekommen.“
Allan nahm das Papier, das ihm gereicht wurde, und durchflog die Zeilen
mit ihrer nur allzubekannten Schrift:
„An die Scotland Yard!
Herr Allan Kragh aus Schweden, wohnhaft Zimmer Nr. 417 Grand Hotel
Hermitage, wurde heute nacht zwischen halb drei Uhr und drei Uhr in
seinem Zimmer um eine Summe von sechstausend schwedischen Kronen (in
Tausendkronenscheinen) bestohlen.
Der Verüber des Diebstahls möchte darauf aufmerksam machen, daß
dies die überaus milde Strafe ist, die Herrn Kragh aufzuerlegen
für angemessen befunden wurde, wegen seines Eingreifens in die
andere Affäre, die sich in derselben Nacht im Grand Hotel Hermitage
abspielte.
Für den Fall, daß Herr Kragh die Sache noch nicht angezeigt haben
sollte, gestatte ich mir hiermit Sie davon zu benachrichtigen.
Herr Kragh ist ein liebenswürdiger junger Mann, der Ihre eifrigen
Bemühungen verdient.
In Eile
Benjamin Mirzl.
_P. S._ Die Zeit gestattet mir nicht ‚alias‘ hinzuzufügen.“
Der Detektivkommissar beobachtete lächelnd Allans Mienenspiel bei der
Lektüre dieser Epistel.
„Sie kennen Mirzl offenbar nicht, da Sie so überrascht sind,“ sagte er.
„Ich kenne ihn nicht? O doch, ein bißchen, wie schon aus dem Brief
hervorgeht. Und Sie? Kennen Sie ihn?“
„Ich kann antworten wie Sie, ein bißchen! Er hat uns vor drei Jahren
hier in London das Leben zur Hölle gemacht -- die zehn Einbrüche in
Regent Street, die Entführung des Ascotpokales, die Eskamotierung der
irländischen Kronjuwelen und ein Dutzend anderer Dinge, die man ihm
allerdings nicht direkt nachweisen kann, aber von denen wir schwören
möchten, daß er dahinter steckt. Ja, wir kennen Herrn Mirzl ein wenig.
Gottlob verließ er das Land nach den Ascotrennen und ging dazu über,
sich den Behörden seiner Heimat unangenehm zu machen. Jetzt hat er das
wohl satt bekommen und --“
„Und wäre wohl nie über die Grenze gekommen, wenn ich ihm nicht dazu
verholfen hätte!“
Allan konnte es nicht unterlassen, diesen kleinen Trumpf auszuspielen.
Die Detektivs hörten schweigend die Schilderung seines Abenteuers im
Expreßzug an. Als er zu Ende gesprochen, sagte der Inspektor:
„Ich will Ihnen einen guten Rat geben: sprechen Sie drüben nicht von
dieser Geschichte, ich bezweifle, daß Sie eine Medaille dafür kriegen
werden.“
„Und welchen Dank ich von Mirzl selbst habe, haben Sie gesehen. Darf
ich fragen: Da Sie nun wissen, daß Mirzl im Spiel gewesen ist, und
so gründliche Untersuchungen angestellt haben, haben Sie doch wohl
Hoffnung, ihn wenigstens diesmal zu fangen?“
„Offiziell, offiziell,“ nickte der Detektivinspektor, „haben wir
überaus günstige Hoffnungen. Aber was uns für den Augenblick beinahe
noch mehr am Herzen liegt, als Herrn Mirzls habhaft zu werden, ist, Se.
Königliche Hoheit Yussuf Khan zu finden.“
Der Detektivinspektor verstummte und schlug mit gerunzelter Stirn
sein Notizbuch ein Mal ums andere auf den Tisch. Allan fing einen
gemurmelten Fluch auf, der sich den Weg aus seines Herzens Tiefen
bahnte. Im selben Augenblicke wurde die Türe aufgerissen, und ein
grimmiger alter Herr mit weißem Schnurrbart kam hereingestürzt. Allan
erkannte in ihm den europäischen Mentor des Maharadscha, Oberst Morrel.
„Na!“ rief er. „Neuigkeiten? Spuren?“
Der Detektivinspektor schüttelte den Kopf.
„Wir hoffen, im Laufe des Tages ...“ begann er.
„Im Laufe des Tages, im Laufe der Woche, warum nicht gleich im Laufe
des Jahres!“ brüllte der alte Oberst und stampfte auf den Boden, daß
alles dröhnte. „Sie müssen, hören Sie, Sie müssen meinen schwarzen
Ado -- Seine Hoheit vor heute abend finden. Wir sind zum Empfang beim
Minister für Indien gebeten, diesem Ziviltrott -- hm, -- für fünf Uhr.
Tee, und der Himmel weiß was! Sie +müssen+ ihn bis dahin hier
haben, hören Sie, sonst schlage ich alles kurz und klein --“
„Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, Herr Oberst, ich würde eine Absage
schicken. Unbedingt. Wenn wir noch irgendeinen Zweifel gehegt haben,
daß Benjamin Mirzl im Spiel ist, so ist er nach der Aussage dieses
jungen Herrn zerstreut; und Mirzl, der die irländischen Kronjuwelen
gestohlen hat, hat wohl auch nichts dagegen, einen regierenden Fürsten
zu stehlen --“
„Dieser junge Herr! Wer, zum Geier, ist dieser junge Herr?“ Der Oberst
starrte Allan an wie einen kleinen renitenten Trommelschläger.
„Mr. Allan K--r--a--g--h,“ buchstabierte der Kommissar aus seinen
Papieren, „aus Schweden.“
„Schweden, Norwegen, ist mir total schnuppe. Wer zum Henker ist Mr.
Allan K--r--a--g--h?“
„Der Herr, der seine Fürstliche Hoheit in dem mystischen Klub, von dem
Sie gehört haben, Herr Oberst, zuletzt gesehen hat!“
„Ah--h--h!“ Der Oberst brüllte auf, wie ein zuschanden geschossener
Tiger. „Sie waren es, Sir, der meinen schwarzen Ado -- Se. Hoheit durch
Gassen und Gäßchen in dieses verdammte Lokal hinaufgelockt hat, wo er
jetzt ausgeraubt und ermordet liegt. Sie waren es, versuchen Sie nicht
zu leugnen! Sie waren es!“
Allan, der aufgestanden war, hatte alle Mühe, ernst zu bleiben.
Der Oberst war burgunderrot vor Wut bei dem Gedanken an Allans
Schurkenstreich. Wahrlich, es lohnte sich, gute Werke zu tun und die
Kronjuwelen indischer Fürsten vor dem Gestohlenwerden zu retten! Es
schien eine ebenso dankbare Sache, wie den Personen, welche besagte
Juwelen zu stehlen wünschten, behilflich zu sein, sich ihrem allzu
anhänglichen Vaterland zu entziehen.
„Nicht ich habe Seine Hoheit dorthin gelockt --“
„Doch, Sie! Das sieht man Ihnen an. Ich pfeife auf alles, was Sie da
zusammenreden!“
„Ich nicht,“ sagte Allan, der schon befürchtete, daß den Oberst bei
seinem hartnäckigen Leugnen der Schlag treffen könnte. „Es war ein
Mithelfer von Mirzl, von dem Sie den Herrn Inspektor sprechen gehört
haben. Ich wurde selbst in den Klub hinaufgelockt --“
„Haha! Hahaha! Hinaufgelockt! Arretieren Sie ihn doch, Inspektor! Er
war es, zu allen Teufeln, das müssen Sie doch sehen und hören.“
„Ich wurde selbst von einem anderen Genossen Mirzls in den Klub
hinaufgelockt. Wir wurden freigebig mit Wein bewirtet, ich und der
Maharadscha und der alte Hofdichter, die nach einer Weile in die Loge
kamen, in der ich saß. Darf ich fragen, Herr Oberst, kennen Sie jemand,
der Stanton heißt?“
„Stanton? Stilton? Wer zum Teufel ist dieser Stanton?“
„Das war der Mann, der Se. Hoheit dort hinaufgelockt hatte.“
„Haha! Natürlich! Inspektor --“
„Nach einiger Zeit gelang es mir durchzubrennen, und ich kam
glücklicherweise noch zur rechten Zeit, um den Einbruch hier zu
verhindern, der von Mirzl selbst in höchsteigener Person ausgeführt
wurde. Er hatte sich so kostümiert, daß er mir ähnlich sah --“
„Gütiger Gott im Himmel, Inspektor, hören Sie, oder sind Sie taub?
Können Sie noch mehr Lügen dieses Menschen hinunterschlucken ohne
daß Sie daran ersticken? Kostümiert wie +er+. Da will ich doch
gleich tot niederfallen, wenn ich je etwas Aehnliches gehört habe! Er
+war+ es, natürlich, er +war+ es, wie ich Ihnen jetzt schon
seit einer Stunde in die Ohren schreie!“
„Lieber Oberst, darf ich Sie eines fragen: Kann man zugleich hinter und
vor einer Türe sein?“
„Natürlich, wenn man will!“
„Das ist nämlich die einzige Möglichkeit dafür, daß der Portier diesen
jungen Herrn einerseits durchs Eingangstor entfliehen sah und ihn
andrerseits, als er mit den Konstablern heraufkam, übel zugerichtet
hier im Zimmer fand.“
„Dann ist er einfach durch das Loch im Boden wieder heraufgeklettert.“
„Und ist also an den Wächtern vorbei in das Schlafgemach des
Maharadscha gekommen und ohne Leiter durch das Loch im Boden hier
herauf, um den Polizisten in die Arme zu laufen?“
Der Oberst verstummte endlich. Die Möglichkeiten, die der Inspektor
dafür dargelegt hatte, daß Allan der Verbrecher war, schienen sogar
seiner bereitwilligen Phantasie etwas zu vage. Er sank auf einen Stuhl
und wischte sich mit dem Taschentuch die Stirne.
„Aber gütiger Gott im Himmel,“ stöhnte er, „der Minister erwartet uns
um fünf Uhr mit Tee und der Himmel weiß was noch! Und mein Ruf! Und die
Regierung in Indien!“
„Sie sollten diesem jungen Mann dankbar sein,“ fuhr der Kommissar
sanft, aber unerbittlich fort, „daß er doch wenigstens verhindert hat,
daß die Juwelen gestohlen wurden. Es hing an einem Haar. Dankbar, ganz
gewiß.“
Der Oberst heftete ein blutunterlaufenes Auge auf Allan, das gerade
keine lebhaftere Potenz von Dankbarkeit ausdrückte. Er murmelte etwas
Unhörbares, sprang auf und stürzte zur Türe hinaus.
Allan sah den Kommissar an, der sein Lächeln erwiderte. Im selben
Augenblicke wurde die Türe aufgerissen, und Mrs. Bowlby sauste herein
wie eine grüne Bombe. Sie erblickte Allan und pflanzte sich vor ihm auf.
„Haben Sie ihnen von Langtreys Frau erzählt?“ rief sie, sich bald zu
Allan, bald zum Kommissar umwendend. „Ja?“
„Langtreys Frau?“ fragte der Kommissar. „Wer ist denn das?“
„Eine gräßliche Person,“ rief Mrs. Bowlby triumphierend. „Gräßlich. Sie
steckt hinter der ganzen Geschichte, Sie werden schon sehen.“
„Darf ich einen von Ihnen bitten, zu erzählen, aber so klar als
möglich,“ sagte der Kommissar und ergriff die Feder.
„Darf ich, Mrs. Bowlby?“ sagte Allan.
Mrs. Bowlby nickte, indem sie sich triumphstrahlend bereit hielt, alle
erforderlichen Randbemerkungen beizusteuern. Allan begann: