ihn gewesen, und mitten in seinem letzten Satz plumpste er plötzlich
auf einen Diwan, trank die letzten Tropfen aus dem Glas und sah sich
mit einem unsteten Lächeln um. Allans Begleiter füllte die Gläser
wieder und ließ sich bei dem jungen Engländer nieder, den man Stanton
genannt hatte. Allan saß da, in Grübeleien versunken, während seine
Augen auf die Tanzenden draußen auf dem Glasboden geheftet waren; das
war doch ein mehr als eigentümliches Zusammentreffen, daß er, der nie
von diesem Lokal gehört, und die beiden Hindu, die den ersten Tag in
London waren, alle drei von wohlwollenden Fremdlingen hier eingeführt
wurden ... Er starrte seinen Begleiter an, der mit dem jungen Engländer
beschäftigt war. Plötzlich kam ihm eine flüchtige Idee: Hatte er
den Mann, der ihn hier eingeführt hatte, nicht in dem Varieté im
Leicester Square gesehen? Unmöglich es zu sagen, man sieht ja an einem
solchen Ort tausend Gesichter, und das seines Begleiters war nicht
besonders auffallend. Und wenn er ihn auch in dem Varieté gesehen
hatte? ... Er fuhr unwillkürlich fort, darüber nachzugrübeln, was ihm
eigentlich daran, daß gerade +er+ und die beiden Hindu hier im
Feuerfresser-Klub saßen, so eigentümlich vorgekommen war. Plötzlich sah
er, wie der alte Hofdichter sich erhob und auf etwas unsicheren Beinen
zu seinem Platz herankam.
„Junger Mann,“ sagte er und setzte sich auf den Diwan neben dem Allans,
„ich will Ihnen etwas anvertrauen.“
Allan neigte lächelnd den Kopf.
„Ich will Ihnen etwas anvertrauen,“ wiederholte der alte Poet. „Dieser
Wein, der frischer ist als der Morgentau auf den Berghängen und
kitzelnder als die Lippen eines Weibes, ist auch ebenso hinterlistig
wie das Herz eines Bewohners der Ebene. Ach, was haben wir von den
Frauen, die wir lieben, und dem Wein, den wir trinken? Beide Räusche
verschwinden mit dem Morgen. Doch weiß ich nicht, ob der Rausch dieses
kitzelnden Weines, der wie ein Frühlingsbach perlt, morgen mit dem
Morgen verschwinden wird. Ich bin fast geneigt, es zu bezweifeln; aber
wenn es der Fall ist, so denke ich daran, was der göttliche Zeltmacher
sagte:
Wein trinken will ich! Trinken, daß der Duft,
Wo ich begraben, füllet einst die Luft;
Daß all die Waller, trunken noch vom Abend,
Im Rausche sinken rings um meine Gruft.
Junger Mann, hüten Sie sich vor dem Wein und den Frauen. Nehmen
Sie diesen Rat von dem alten Sänger Ali. Vernehmen Sie, daß mein
Schüler, der uns von seinem Diwan aus mit einem milden glücklichen
Lächeln betrachtet, über das große Wasser hergekommen ist, um sich zu
vermählen. Es ist eine Folge seiner jugendlichen Torheit, daß er zu
diesem Zweck einen so weiten Weg macht. Er ist wie der Steinbock, der
mühsam ins Dschungel herabwandert, um dort von den Tigern gefressen zu
werden. Das beweist, daß ich ihm ein schlechter Lehrer gewesen bin.
Lasset uns trinken!“
Allan erhob sein Glas.
„Verehrungswürdiger Dichter,“ sagte er, „wissen Sie, daß wir im selben
Hotel wohnen?“
Der alte Poet sah ihn mit Augen an, die vom Wein verdunkelt waren.
„Und wenn dem so ist?“ sagte er. „Ein Wohnort, was ist ein Wohnort? Je
mehr ich von diesem gelben Wein trinke, desto besser verstehe ich den
göttlichen Zeltmacher, und wenn Sie von Hotels sprechen, junger Mann,
denke ich daran, was er gesagt hat:
O alte Welt! Du altes Herbergshaus,
Wo Tag und Nacht gehn ewig ein und aus,
Du warst die Bettstatt schon von tausend Dschemschids,
Der Rest von tausend Behrams reichem Schmaus.
Was bedeutet es, ob wir im selben Hotel wohnen. Ein anderer liegt
morgen in dem Bett, das noch von uns lau ist.“
„Gottlob ist der Champagner für uns noch kalt,“ sagte Allan. „Prost!
Seine Königliche Hoheit dort auf dem Diwan scheint ein bißchen
ermüdet.“
„Mein Schüler“, sagte der alte Hofdichter, indem er sein Glas austrank,
„ist noch nicht recht vertraut mit dem Wein der weißen Sahibs. Seine
verräterische Süßigkeit hat ihn überwältigt. Bei der Erkenntnis dessen
schaudere ich, wenn ich an die blauäugigen weißen Frauen denke,
von denen er träumt. Sicherlich hat Nasirabads letztes Stündlein
geschlagen, wenn eine von ihnen ihn in ihre Arme schließt. Woher wissen
Sie, wer mein Schüler ist?“
„Ich habe ja schon gesagt, daß wir im selben Hotel wohnen.“
Kurz nach dieser letzten Antwort mußte auch Allans Bewußtsein sich
umnebelt haben. Auf jeden Fall war es das Letzte, was er am nächsten
Tag aus seiner Erinnerung hervorzuholen vermochte. Auch in die
Handlungen, die er und die anderen Anwesenden darnach vornahmen, konnte
er keine Klarheit bringen. Er erinnerte sich undeutlich, daß er,
nachdem er noch ein paar Gläser getrunken, aufgestanden und unter der
heiteren Zustimmung seines eigentümlichen Begleiters, der noch immer im
Gespräch mit Mr. Stanton dasaß, durch die Draperien in die Loge Nr. 6
gewankt war, aus der Mr. Stanton und seine Schützlinge gekommen waren.
Ein paar Augenblicke starrte er die Loge an, die ebenso eingerichtet
war wie die andere, und den Tanz, der draußen auf dem Glasboden
unablässig weiterging. Dann legte er sich auf einen Diwan.
Das nächste, woran er sich dann erinnerte, war, daß sein Begleiter und
Mr. Stanton durch die Draperie zu ihm hineinguckten; sie sahen auf ihre
Uhren, lächelten und zogen sich in die Loge Nr. 5 zurück; er fing
noch den Laut der Stimme des alten Hofdichters auf, der irgend etwas
rezitierte, und ein Schnarchen, das vermutlich von Yussuf Khan kam.
Vermutlich war er selbst gleich darauf eingeschlummert, aber es ist
unsicher, wie lange er geschlafen hatte, als er mit einemmal klar
wach war, so wie es manchmal vorkommt, von einer Idee gepackt, einer
halben Ahnung, wie man sie im Schlaf hat, einer Idee, die ihn dazu
brachte, sich kerzengerade auf dem Diwan aufzusetzen und vor sich
hinzustarren. War +das+ der Zweck des Ganzen. Waren deshalb gerade
er und die beiden Inder in dieses eigentümliche Lokal geführt worden?
Hatte deshalb sein Begleiter eine so plausible Erklärung für Herrn
Mirzls Vorgehen geben können? ... Dann war +eine+ Sache sicher
-- er mußte sich eilen, wollte er ihre Pläne durchkreuzen; und eine
andere Sache beinahe noch sicherer -- er mußte mit äußerster Vorsicht
zu Werke gehen, wenn es ihm gelingen sollte ... Noch wirr im Kopf von
dem Champagner und unsicher auf den Beinen nach dem Schlaf erhob er
sich von dem Diwan und schlich, so leise er konnte, zur Logentüre.
Dort angelangt, blieb er stehen und sah vorsichtig nach den Draperien
zur Loge Nr. 5. Sie hingen regungslos, kein Laut war von dort drinnen
zu hören. Er drückte vorsichtig die Klinke nieder. Sie gab lautlos
nach. Gott sei Dank, die Türe war also nicht verriegelt, wie er schon
befürchtet hatte.
Er öffnete sie so behutsam er konnte, und guckte mit einem Auge in
die Halle. Sie war leer; von dem orientalisch gekleideten Diener war
nichts zu sehen. Mit noch einem gemurmelten Segensspruch auf den Zufall
oder die Vorsehung ging er zur Türe hinaus, schloß sie hinter sich
zu und schlich auf den Zehen zu zwei großen Doppeltüren mit elegant
vergitterter Glasfüllung. Nur fort, so rasch als möglich. Er sah hastig
auf seine Uhr, die fast zwei zeigte -- keine Zeit, an Ueberrock und Hut
zu denken -- als er eine Entdeckung machte, die ihn zurücktaumeln ließ.
Die großen Hallentüren waren ebenso fest und unerschütterlich
verschlossen wie eine Gefängnispforte!
Für einen Augenblick stand er wie gelähmt da, fast bereit, in die Loge
zurückzukehren und die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Dann jedoch
gewann die Empörung die Oberhand, und er begann mit zusammengebissenen
Zähnen nach einer Möglichkeit zu suchen, den Leuten dort drinnen ein
Schnippchen zu schlagen. Er grübelte und grübelte, während seine
Augen rings um die Halle irrten, jeden Augenblick darauf gefaßt, den
Diener auftauchen zu sehen. Die Halle bog sich nach rechts und links
zu Korridoren um, die die Logen rings um den Saal mit dem gläsernen
Boden umschlossen. Vielleicht war dort irgendein Ausgang? Er verjagte
den Gedanken an diese Möglichkeit ebenso rasch, als er aufgetaucht
war. Fand sich dort irgendein Ausgang, so war er sicherlich ebenso
fest verrammelt wie der Hauptausgang. Der Diener in der orientalischen
Gewandung hatte natürlich dafür zu sorgen, daß kein Unberufener herein
oder heraus kam; und diesem Diener wollte er keinesfalls begegnen. Er
hätte darauf schwören mögen, daß er seine Weisungen hatte! -- War das
Spiel also verloren? Schon waren drei Minuten vergangen, seit er die
Loge verlassen hatte -- hallo!
Mit einem Male fiel ihm etwas ein.
Er sah die Szene wieder, als er mit seinem wunderlichen Begleiter
herausgekommen war; der Diener hatte ihre Ueberkleider genommen und
sie in die Garderobe hinüber getragen, deren Türe er durch den Druck
auf einen Knopf geöffnet hatte. Und drinnen in der Garderobe hatte
Allan einen Augenblick eine halb offene Türe gesehen, die zu einer
Hintertreppe führte. ... Ohne diesen Gedanken zu Ende zu denken oder
die Chancen zu berechnen, ob er auch den Knopf zur Garderobetüre
entdecken und die andere Türe geöffnet finden würde, stürzte Allan
quer durch die Halle zur Garderobetüre. Er ließ die Finger über die
Wand fahren, auf die er den Diener drücken gesehen hatte; Sekunde für
Sekunde verging, von seinem Herzen mit einem Hämmern markiert, das
man seiner Empfindung nach durch das ganze Haus hören mußte; seine
Finger flogen über die Wand hin und her, ohne jedes Resultat. Halb
verzweifelt ließ er die Hände sinken und starrte die Wand an. Seine
Verzweiflung ging in kindische Erbitterung über; er versetzte der Wand
einen Faustschlag, der dumpf krachte und weh tat, aber -- o Wunder! --
im selben Augenblicke öffnete sich die Türe. Im nächsten war Allan in
der Garderobe und zog die Türe hinter sich zu, ohne zu bedenken, daß er
keine Zündhölzchen bei sich hatte. Er tappte zu den Ueberkleidern, die
er dort drinnen hängen gesehen hatte, und durchsuchte mit fiebernden
Händen eine Tasche nach der andern: Die internationalen Feuerfresser
schienen den Gebrauch von Zündhölzchen abgeschworen zu haben, und sie
hätten doch die Nächsten dazu sein sollen! Ohne daran zu denken, was
er in Gestalt von gebrochenen Beinen und ähnlichem riskierte, gab er
seine Nachforschungen in den Ueberrocktaschen auf und tastete sich zu
jener Ecke der Garderobe, wo er am Abend die offene Türe gesehen hatte.
Eigentümlicherweise fand er sie so gut wie gleich, und zwar noch immer
angelehnt.
Er öffnete sie ganz und machte mit ausgestreckten Händen ein paar
vorsichtige Schritte über die Schwelle. Er fand ein eisernes Geländer
und konstatierte, daß da eine Wendeltreppe sein mußte. Er trat einen
Schritt zurück und schloß die Türe zur Garderobe wieder, um keinerlei
Spuren zu hinterlassen; dann begann er die Wendeltreppe herabzusteigen,
so rasch er es bei dieser Dunkelheit wagen konnte.
Wenn der Leser je eine dunkle Treppe in einem fremden Hause ohne andere
Richtschnur als das Gefühl hinauf oder hinunter gegangen ist, dürfte
dem Leser eines aufgefallen sein: Sie erscheint ebenso endlos wie
ein Satz eines besseren lateinischen Schriftstellers. Wenn der Leser
diese Beobachtung nicht gemacht hat, hat der Leser nie einen besseren
lateinischen Schriftsteller gelesen. Allan Kragh, der in dieser
Hinsicht zu den Bevorzugten gehörte, hatte Gelegenheit zu konstatieren,
daß die Wendeltreppe, die er gefunden, gut und reichlich so lang
war, wie der Satz, wo Livius seine Reflexionen über die Schlacht bei
Cannae beginnt. Er glaubte Aeonen gegangen zu sein und fragte sich
schon, ob die Treppe zu den Verließen des Feuerfresserklubs führte,
zum Inferno oder zu irgendeiner Station der Londoner Untergrundbahn,
als die Treppe plötzlich ein Ende nahm und er vor einer Türöffnung
stand, durch die graues Nachtlicht hereinrieselte. Er eilte so eifrig
hinaus, als sei es die Pforte zu einem verzauberten Garten. Sie führte
jedoch nur zu einem dunklen Brunnen -- wenigstens kam es ihm so vor.
Himmelhohe Hausgiebel und Feuermauern erhoben sich auf allen Seiten,
mit oder ohne Reihen von dunklen Fenstern. Er suchte die Finsternis
rings um sich mit den Blicken zu durchdringen. Sollte er seine Flucht
nur unternommen haben, um in eine Falle geraten zu sein? Er begann sich
zwischen den Gegenständen auf dem Grund dieses Schachtes, der sich
nach links ausbuchtete, weiterzutasten. Er folgte der Hausmauer. Nun
kam eine Biegung im rechten Winkel, dann wieder eine in der früheren
Richtung. Plötzlich fand sich Allan, mit einem Ruf der Erleichterung,
vor einem Gitter zwischen zwei hohen Hausgiebeln, von denen der eine
mit Efeu bewachsen war. Ohne eine Sekunde zu zögern, begann er das
Gitter zu überklettern und kam mit einem zerrissenen Hosenbein auf die
andere Seite hinüber. Die Straße, in der er nun stand, war kurz und sah
sehr vornehm aus. An ihrem einen Ende war ein offener Platz, undeutlich
beleuchtet; und auf diesem entdeckte Allan zu seiner unbeschreiblichen
Freude nichts Geringeres als ein Cab.
Der Cabby unterzog ihn einer genauen Okularbesichtigung und stellte
die Forderung eines Vorschußerlages, bevor er das Pferd aus seinem
beschaulichen Schlummer riß und es dem Grand Hotel Hermitage zutraben
ließ. Herren ohne Hut und Ueberrock um diese Tageszeit flößten ihm
offenbar gemischte Gefühle ein. Allan drinnen im Cab kam es vor, als
rührte sich dieser gar nicht vom Fleck; Straße um Straße passierten
in unendlicher Prozession vorbei, Häuser, Häuser und Häuser,
Firmenschilder und Schilder, die eine rotgelbe Gaslaterne nach der
anderen. Er starrte die Zeiger seiner Uhr an, wie sie dahinkrochen --
immerhin bedeutend schneller als der Cab, schien es ihm. Hier und da
sandte er durch die Dachluke dem Cabby einen flehentlichen Ruf zu;
jedesmal kam ein Ruck der Zügel als Antwort und eine schwache Reaktion
in der Mähne des Pferdes. Es wurde zehn Minuten vor halb drei, fünf
Minuten vor halb drei. Jetzt kam er sicherlich zu spät ... Endlich bog
der Cab in eine breitere asphaltierte Straße ein, die er erkannte, und
stand auf dem Monmouth Square.
Das Grand Hotel Hermitage lag stumm und schlummernd da, kaum ein
Fenster der großen Fassade war beleuchtet; es schien Allans Ahnungen
wenig Berechtigung zu geben. Und doch dauerte es kaum so lange, bis er
in die Halle gekommen war, als ihm auch schon die Bestätigung wurde,
die er zugleich befürchtet und ersehnt hatte.
Der Nachtportier, der den Seiteneingang mit einem erstickten Gähnen
geöffnet hatte, erstickte dieses gänzlich, als er Allan erblickte. Er
prallte zwei Schritte zurück und starrte Allan wie ein Gespenst an.
„Wer sind Sie?“ rief er.
„Nr. 417!“ rief Allan. „Rasch! Kommen Sie mit! Es ist keine Minute zu
verlieren.“
„Aber ich habe Sie doch vor zwei Stunden nach Hause kommen sehen ...“
„Ich weiß! Ich weiß! Ich werde Ihnen schon alles später erklären. Man
hat ein Verbrechen geplant -- ist Mr. Bowlby mit seiner Familie schon
nach Hause gekommen?“
„Nein, aber -- --“
„Kein Aber! Die Stiege hinauf in ihre Wohnung, und rasch, wenn wir
verhindern wollen, was man geplant hat!“
Ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen, packte Allan den
verblüfften Portier beim Arm und zog ihn die Treppe hinauf, zur
Suite der Familie Bowlby im zweiten Stockwerk. Als sie den großen
Treppenabsatz im ersten Stockwerk passierten, warf Allan einen Blick in
den Korridor, wo die Zimmerflucht lag, die Bowlbys früher inne gehabt
hatten und die nun vom Maharadscha bewohnt wurde. Er sah seine Annahme
bestätigt: Fünf Mann von Yussuf Khans zehn Mann starker Leibgarde
hielten vor den Türen seiner Wohnung Wache. Diesen Weg hatten also die
Betreffenden nicht einschlagen können, und deshalb hatten sie eben -- --
er verdoppelte seine Schritte. Würde er noch zurecht kommen? war der
einzige Gedanke, für den er Raum hatte. Den Portier hinter sich
herschleppend, erreichte er die Türe zu Mr. Bowlbys Privatrauchzimmer
-- dem Zimmer, das infolge seiner Lage und aus anderen Gründen das sein
mußte, das die Betreffenden für ihre Operationen gewählt hatten. Der
dicke Teppich im Korridor dämpfte den Laut ihrer Schritte; und richtig,
als sie die Türe erreicht hatten, und einen Augenblick davor stehen
blieben, war drinnen eben jenes Geräusch zu hören, das Allan erwartet
hatte, ein gedämpftes Scharren wie von einer Feile oder Säge ... Allan
packte die Klinke.
Die Türe war verriegelt.
„Ich verdammter Esel,“ murmelte Allan heiser. „Portier, haben Sie
Doppelschlüssel? Uebrigens was wollen wir mit Doppelschlüsseln? Ein
Stemmeisen, und zwar rasch!“
„Ein Stemmeisen?“ Der Portier starrte Allan wie einen Wahnsinnigen an.
„Ich sage,“ flüsterte Allan atemlos, „hier wird ein Attentat begangen,
das das Hotel für immer in Verruf bringen wird! Wissen Sie, was für ein
Zimmer unmittelbar hier darunter liegt?“
Der Portier dachte eine Sekunde mit weit aufgerissenen Augen nach.
„Das Privatschlafzimmer des Maharadscha!“ murmelte er schließlich.
„Wo er alle seine Juwelen hat! Verstehen Sie jetzt? Begreifen Sie, daß
dieser Herr, der vor zwei Stunden herkam, nicht ich war, sondern ein
verkleideter Einbruchsdieb! Rasch, ein Stemmeisen, und lassen Sie ihn
uns fangen, so lange es noch Zeit ist.“
Endlich ging dem Portier ein Licht auf. Er schoß wie ein Pfeil die
Treppen hinunter, und Allan stand allein vor der verriegelten Türe, die
er mit den Augen verschlang. Der verdammte Mirzl! +Wenn+ Allan
nicht auf die Gedanken verfallen wäre, dies ihm im Feuerfresserklub
gekommen waren, hätte jetzt wohl +er+ die Ehre des Einbruchs ...
Allan kam in seinem Gedankengang nicht weiter. Urplötzlich, ohne
daß er einen Laut gehört hatte, wurde die Türe vor ihm aufgerissen;
Jemand im _evening-dress_, der ihm selbst ähnlich sah, packte
ihn bei den Armen, drehte ihn im Kreise herum wie ein Kind und warf
ihn in das Zimmer hinein, vor dem er gewartet hatte. Er wurde einfach
hingeschleudert wie ein toter Gegenstand und konnte noch gar nicht
daran denken, sich zu erheben, als das elektrische Licht im Zimmer
erlosch und er sich in abgrundtiefer Finsternis befand. Sein Kopf
tickte und summte wie ein Uhrmacherladen, und seine Augen sahen mehr
Sterne als sich je auf einer Kognakflasche befunden haben. Endlich war
er wieder auf den Beinen und tappte, so rasch er konnte, zur Türe. Sie
war versperrt. Er warf sich dagegen, ohne daß sie nachgab. Es gelang
ihm, den elektrischen Kontakt zu finden, und er drehte ihn herum, so
wie man eine Uhr aufzieht, ohne daß auch nur ein Lichtfünkchen kam.
Endlich hörte er eilige Schritte dort draußen, ein Rütteln an der Türe
und die Stimme des Portiers:
„Haben Sie ihn drinnen? Haben Sie den Hauptkontakt abgedreht?“
Allan bemühte sich die Worte zu unterdrücken, die ihm auf der Zunge
lagen.
„Um Gottes willen!“ schrie er, „so lassen Sie ihn doch nicht
entwischen! Versperren Sie den Ausgang! Telephonieren Sie der Polizei!
Er hat mich hier drinnen eingesperrt!“
Er hörte den Portier die Treppe hinunter verschwinden, ohne sich auch
nur die Zeit zu nehmen, den elektrischen Kontakt aufzudrehen, und es
verging eine Ewigkeit, während der er, vor Ungeduld schnaubend, vor
der verriegelten Türe auf und ab tanzte. Von Zeit zu Zeit unternahm
er einen neuen Versuch, sie zu sprengen. Immer vergeblich. Es mochten
vielleicht zehn Minuten vergangen sein, die ihm wie zehn Jahrhunderte
vorkamen, als er zum zweiten Male draußen Schritte hörte, diesmal von
mehreren Personen. Das Zimmer füllte sich plötzlich mit Licht, und ein
Schlüssel drehte sich im Schloß. Er riß selbst die Türe auf und fand
draußen den Portier, atemlos vor Erregung, in Gesellschaft von zwei
Polizisten. Er setzte zu Erklärungen und Fragen an, aber ein Ausruf des
einen Polizisten kam ihm zuvor.
„Nanu! Einbruchsversuch, todsicher! Sehen Sie mal!“
Allan drehte sich nach der Richtung um, in die der Konstabler wies.
Wenn es noch eines Beweises für die Richtigkeit seiner Ahnungen bedurft
hätte, so hatte er ihn nun.
Eine Oeffnung von etwa sechzig Zentimeter im Durchschnitt klaffte
im Fußboden, daneben lag ein geschlossener Regenschirm und eine
Anzahl Holzscheiben und etwas Mörtel. Er starrte verständnislos den
Regenschirm an, bis der eine Polizist auf das Loch im Boden zueilte und
den Regenschirm aufhob. Er spannte ihn auf; es zeigte sich, daß er eine
Quantität Sägespäne, Mörtel und Gips enthielt. Der Polizist nickte:
„Der gewöhnliche Trick, damit der Mörtel nicht in das Zimmer darunter
fällt! Seine Strickleiter hat er glücklich mitgenommen.“
Endlich fand Allan die Sprache wieder.
„Ist er entwischt?“
Der Portier nickte düster.
„Er hat sowohl den Hauptkontakt abgedreht wie den Etagenkontakt für
dieses Stockwerk. Die sind beide hier drüben in der Treppenhalle. Ich
stand unten im Bureau und klingelte die Polizei an. Als es plötzlich
dunkel wurde, stürzte ich die Treppe hinauf. -- Sie brauchen mich nicht
so anzusehen, Sir; was hätten denn Sie getan? In solchen Fällen ist man
immer nachher am klügsten. Ich merkte in der Dunkelheit nichts, bis ich
den Hauptkontakt aufgedreht hatte -- den Etagenkontakt vergaß ich ganz.
Im selben Augenblicke sehe ich jemand die Treppe hinunter verschwinden.
Ich stürze nach --“
„Ist er denn +erst dann gegangen+?“ rief Allan, „warum ist er so
lange dageblieben?“
„Da müssen Sie einen anderen fragen, Sir. Ich stürzte ihm nach, aber es
war zu spät. Er war, bevor ich nur mau sagen konnte, schon draußen und
in einem Auto, das in der Nähe des Hotels stand. In diesem Moment kamen
die Konstabler --“
Der eine der erwähnten Konstabler unterbrach ihn.
„Wir müssen ein Protokoll aufnehmen,“ sagte er.
„Ist das notwendig?“ murmelte der Portier. „Der Maharadscha -- Bedenken
Sie den Ruf des Hotels!“
„Wir halten einstweilen alles geheim, wenn Sie selbst nicht darüber
sprechen.“
Noch halb wirr im Kopf nach seinen Erlebnissen, mußte Allan den
Polizisten erzählen, was er wußte. Bei seinem Bericht über den
Feuerfresserklub schüttelten sie den Kopf.
„Sicher, daß Sie nüchtern waren, Sir? Nichts für ungut, aber --“
Allan wiederholte seine Schilderungen mit einer gewissen Heftigkeit.
„Und die Adresse des Lokals, Sir?“
Allan wich einen Schritt zurück. Er hatte weiß Gott bei seiner Flucht
aus dem betreffenden Lokal solche Eile gehabt, daß er ganz vergessen
hatte, sich den Namen der Straße anzusehen, in der es gelegen war.
„Denn Sie sagten doch,“ fuhr der Polizist gelassen fort, „daß dieser
indische Prinz, dem die Juwelen im Zimmer unten gehören oder gehörten,
noch da war, als Sie fortgingen?“
Allan nickte stumm. Gütiger Gott, was würden die Verbrecher mit dem
Maharadscha beginnen, wenn sie merkten, daß der andere Plan mißlungen
war -- falls er nun mißlungen war.
„Der Maharadscha war noch dort, als es mir gelang, mich aus dem
Staube zu machen,“ stammelte er schließlich. „Mein Gott, wenn ich den
Einbruchsversuch nur verhütet hätte, um ...“
„Ob Sie den Einbruch verhütet haben, werden wir wohl kaum heute nacht
erfahren. Oder wollen Sie es auf Ihre Kappe nehmen, Portier, uns in die
Wohnung des Maharadscha zu bringen?“
Der Portier schüttelte energisch den Kopf. Nach einigen weiteren
Fragen steckte der Konstabler sein Notizbuch in die Tasche.
„Lassen Sie das Zimmer unberührt stehen. Die Detektivs kommen morgen
in aller Frühe, wenn nicht noch früher,“ sagte er und nahm mit seinem
Kollegen Abschied.
Allan wankte die Treppen in sein Zimmer hinauf, nachdem er den Portier
gebeten hatte, Mr. Bowlby mit einigen vorsichtigen Worten von dem
Vorgefallenen zu verständigen. Er war todmüde nach all dem Champagner,
der Spannung und dem Ringkampf mit Mirzl -- wenn es nun Mirzl gewesen
war.
Hatte er in diesem Punkte noch irgendwelche Zweifel gehegt, so sollten
sie jedoch behoben werden, als er glücklich in der ägyptischen
Grabkammer Nr. 417 angelangt war. Das Zimmer lag, als er die Tür
öffnete, in voller Beleuchtung da; und das erste, was er sah,
war sein einer Reisekoffer, in dem er außer auf Eisenbahnfahrten
unpraktischerweise sein Geld unter Schloß und Riegel zu verwahren
pflegte -- er hatte noch nicht die kluge Gewohnheit angenommen, es
im Bureau des Hotels, wo er wohnte, zu deponieren. Der Deckel, der
durch zwei gute Hängeschlösser geschützt wurde, stand offen, und der
Inhalt des Koffers -- allerlei Kleinigkeiten, darunter eine Kassette,
die seine Reisekasse enthielt -- lag in völliger Wirrnis da. Von
einer düsteren Ahnung ergriffen, stürzte er auf den Koffer zu und
riß die betreffende Kassette heraus -- ein kleines Silberkunstwerk,
das er einmal in Dänemark gekauft hatte. Sie hatte noch am Morgen
elftausendsechshundert Kronen in schwedischem Geld enthalten. Davon
waren jetzt nur fünftausendsechshundert da ...
Es dauerte etliche Minuten, bis er seine Sinne genügend in Ordnung
hatte, um auch den Rest des Zimmers zu sehen; und das erste, was er da
erblickte, war ein Brief, der an das elektrische Lämpchen auf seinem
Nachtkästchen gelehnt war. Er riß ihn mit einem wütenden Knurren auf:
„Lieber Herr Kragh!