Als Allan das Grand Hotel Hermitage nach halb neun verließ, hatte er

keinen bestimmten Plan für den Abend. Er schlenderte nach Leicester

Square hinunter, ging ins Empire und sah eine Vorstellung, die aufs

Haar allen anderen Varietévorstellungen glich. Sie bereitete ihm

keinerlei Enttäuschung, aber, wie ein hervorragender Schriftsteller von

der Zigarette, dem Typus des Genusses sagt -- sie reizte ihn und ließ

ihn unbefriedigt. Er empfand das, was er so oft bei den Eskapaden der

Studentenzeit empfunden und was ihn schon soviel Geld gekostet hatte,

eine ausgesprochene Unlust, nach Hause zu gehen. Er bog in eines der

Gäßchen hinter dem Empire ein, schlenderte da aufs Geratewohl herum,

ohne irgendwelche Angst vor den Typen, die das Londoner Abendleben bot,

und ohne die zweifelhafte Beleuchtung weiter zu beachten. Wenn wir

sagen würden, daß er sich dabei beobachtet oder verfolgt fühlte, so

wäre dies eine Unwahrheit; aber trotzdem ist es, wie die Fortsetzung

zeigen wird, Tatsache, daß er seit dem Verlassen des Hotels beobachtet

und verfolgt und mit infernalischer Geschicklichkeit gerade an jenen

Ort gelotst wurde, wo man ihn haben wollte. Urplötzlich befand er sich

in, ja, in der Straße, in der +Das Loch in der Wand gelegen+ ist.

Er blieb vor der diskret beleuchteten Fassade stehen, die irgendeinem

kleinen Café in kontinentalem Stil anzugehören schien. Sollte man nach

Hause gehen und Mr. Bowlbys Einladung Folge leisten oder nicht? Ein

anderer Herr tauchte plötzlich auf, öffnete die Türe zum Loch in der

Wand und blieb einen Augenblick auf der Schwelle stehen; Allan sah im

Flug einen Raum, der einladend aussah, und faßte seinen Entschluß. Fast

in den Fußstapfen desjenigen, der die Türe geöffnet hatte, trat er ein,

nachdem er auf seine Uhr gesehen. Sie zeigte zwanzig Minuten über elf.

Das „Loch in der Wand“ erwies sich als eine Kombination von englischer

_private bar_ und kontinentalem Café, dem Aussehen nach überaus

respektabel. Ein mattglänzendes Mahagonibüfett in Halbmondform wölbte

sich um die rechte Längsseite des Raumes, dahinter thronten drei

diskret gekleidete Barmaids. Alle schön, aber von ebenso respektablem

Aussehen wie die Bar, in der sie figurierten. Die linke Hälfte des

Raumes hatte Korbstühle und kleine Tischchen. Da war ein offener

Kamin, augenblicklich unbenützt, und ein Tischchen mit Zeitungen und

Zeitschriften. Die Beleuchtung war ebenso diskret und angemessen wie

die übrige Einrichtung.

Für den Augenblick waren sämtliche hochbeinige Stühle an der Bar

von Herren in Frack und weißer Krawatte besetzt, die offenbar, so

wie Allan, auf dem Heimwege vom Theater oder von einer Gesellschaft

einen Blick hereingeworfen hatten. Der Mann, der unmittelbar vor

Allan eingetreten war, saß an einem der kleinen Tischchen. Allan ließ

sich am Nebentisch nieder, bestellte einen Whisky und gab sich der

Betrachtung der drei schönen Barmädchen hin. Die eine von ihnen war

von schwedischem Typus, mit länglicher Kopfform, schmalem Gesicht und

hellblauen Augen. Allan, der eben den ersten Schluck von seinem Whisky

getrunken hatte, fühlte sich mit einem Male heimisch und verspürte

die Lust, mit jemand zu plaudern. Er wendete sich seinem Nachbar am

nächsten Tisch zu und fand, daß dieser ihn beobachtete. Allans Wunsch

gleichsam zuvorkommend, beugte er sich lächelnd vor und sagte auf

deutsch:

„Entschuldigen Sie, wenn ich mich vielleicht irre, aber sind wir nicht

Landsleute?“

Allan hatte jetzt lange Zeit immer nur englisch gesprochen und empfand

es als eine angenehme Abwechslung, einmal eine andere Sprache zu reden.

Er schüttelte den Kopf:

„Nein, ich bin kein Deutscher, aber ich spreche Ihre Sprache. Sie

finden, daß ich deutsch aussehe?“

Der Fremde fuhr fort ihn zu mustern.

„Hm, vielleicht ja, bei näherer Betrachtung vielleicht nein. Sie haben

etwas Unenglisches ... ich weiß nicht recht was, und ich bildete mir

ein ...“

Allan nickte.

„Es ist nicht das erstemal, daß ich für einen Deutschen angesehen

werde. Aber das vorigemal war es nicht gerade angenehm!“

„Wieso? War es in Frankreich?“

„Nein, in Deutschland.“

„Aber wirklich? In Deutschland kann es doch keine Unannehmlichkeiten

verursachen, für einen Deutschen gehalten zu werden. Das ist ja nur

sehr schmeichelhaft für Ihre Sprachenkenntnisse.“

„Es war leider in anderer Beziehung weniger schmeichelhaft. Die Sache

verhält sich nämlich so, daß ich für eine bekannte, ja allzu bekannte

Persönlichkeit gehalten wurde, von der ich nicht weiß, ob +Sie+

sie kennen, nämlich Benjamin Mirzl. Ja, ich wurde sogar als er

angehalten.“

„Von der Polizei? Als Benjamin Mirzl?“

„Allerdings, und mußte fast zwei Tage für Herrn Mirzl sitzen. Sie

kennen diesen Mirzl also?“

„Wer kennt Mirzl nicht dem Namen nach? Und da Sie für ihn gehalten

wurden, weiß ich jetzt also wie er ausschaut.“

„Er wird wohl nicht lange dasselbe Aussehen beibehalten, damit können

Sie also nicht so sicher rechnen. Trinken Sie etwas?“ fügte Allan

hinzu, tief wurzelnden nationalen Instinkten folgend.

Der Fremde lachte.

„Mit Vergnügen, danke, Herr Mirzl.“

Allan lachte.

„Ich glaube, Sie können ebenso gut Mirzl sein, wie ich. Zwei Whisky mit

Soda, _please_!“

Sein Gegenüber schob seinen Stuhl näher heran. „Wollen Sie nicht

diese Geschichte mit Mirzl erzählen?“ sagte er. „Wenn es kein allzu

schmerzliches Thema für Sie ist!“

„Keineswegs. Mirzl ist vielleicht ein Schurke ...“

„Sicherlich! Ich kann Ihnen später einiges darüber erzählen.“

„... Aber wenigstens ein Schurke, der sein Handwerk versteht, -- Sie

werden es aus meiner Erzählung ersehen -- und der Humor hat. Ich bin

ihm gar nicht böse, daß er mir mein ganzes Gepäck gestohlen hat und

mich zwei Tage für ihn im Arrest sitzen ließ!“

„Er hat Ihr ganzes Gepäck gestohlen? Und Sie sind nicht böse! Sie sind

wirklich freisinnig. Erzählen Sie doch!“

Allan stärkte sich aus dem Glas und wiederholte noch einmal die

Geschichte, mit der er schon die Familie Bowlby erquickt hatte. Der

Fremde horchte mit weit offenen Augen und stieß hier und da einen

Ausruf aus. Als Allan zu Herrn Mirzls Ausbleiben vom Rendezvous in

Leicester Lounge kam, zur Zurückgabe der Koffer und dem vergeblichen

Versuch, den Dienstmann aufzuspüren, fing er so zu lachen an, daß es in

der Bar widerhallte. Als Allan geschlossen hatte, beugte er sich mit

Tränen in den Augen vor.

„Ein Dienst ist des anderen wert,“ sagte er. „Ihre Geschichte ist

das Tollste, was ich seit langer Zeit gehört habe. Haben Sie heute

abend Zeit, so möchte ich Ihnen etwas zeigen, das, wie ich glaube,

+Ihnen+ ein bißchen Spaß machen wird, da Sie neu in London sind.

Haben Sie Lust?“

Allan sah auf seine Uhr. Es fehlten zehn Minuten auf zwölf.

„Ich glaubte, man schließt um diese Zeit überall in London?“

„Man schließt spätestens um eins, aber +nicht überall+. Es gibt

Orte ... hier zum Beispiel.“

„Hier! In dieser kleinen Bar! Ich finde, es sieht so aus, als ob der

Barmann sich schon anschicken würde, uns hinauszubefördern.“

„Das würde er auch mit Ihnen tun, wenn Sie allein wären. Aber

zufälligerweise gehöre ich zu den Eingeweihten.“

„Aber in dieser kleinen Bar sitzen zu bleiben ...“

„Urteilen Sie nicht nach dem äußeren Schein, junger Mann. Nur bei den

Römern war der Eingang zum Avernus leicht. Hier muß sogar der Eingang

zu einer Taverne schwer sein.“

Der Fremde lachte herzlich über sein eigenes philologisches Wortspiel

und ging zur Bar, wo der Bartender -- ein dicker glattrasierter junger

Mann von dem Aussehen eines Wettrenntrainers -- jetzt allein war und

die Kasse überzählte. Die drei schönen Barmädchen waren verschwunden.

Allan sah seinem neuen Bekannten interessiert nach. Es war ein kleiner,

ziemlich untersetzter Herr mit glänzendem, schwarzem Haar und jener,

beinahe blauvioletten Gesichtsfarbe, die vom vielen Rasieren kommt und

bei Schauspielern nicht selten ist. Nun kam er zu Allan zurück.

„Nun, wie ist es? Haben Sie Lust, sich das kleine Lokal des

internationalen Feuerfresserklubs anzusehen?“

„Internationaler Feuerfresserklub?“ wiederholte Allan. „Hat der Klub

strenge Eintrittsbedingungen?“

„Ueberaus milde, wenn man von einem Klubmitglied vorgestellt wird.

Sonst sehr strenge. Uebrigens heißt der Klub nicht so. Das ist nur ein

Kosename unter den Mitgliedern.“

Allan erhob sich.

„Führen Sie mich in den Klub ein, wenn Sie wollen,“ sagte er. „Es wird

mir ein großes Vergnügen sein, die Gepflogenheiten der Feuerfresser

kennen zu lernen.“

Der Fremde rief dem Mann, der eben die Eingangstüre der Bar

verriegelte, etwas zu. Der Barmann zog pfeifend eine Draperie zurück,

die im Hintergrunde des Cafés hing, und einige Schritte weiter in

einem Korridor erblickte Allan einen Aufzug. Der Fremde winkte ihm,

vor ihm einzusteigen, und Allan tat es arglos. Als er später über die

Abenteuer dieser Nacht nachdachte, wunderte es ihn am meisten, daß man

nicht -- aber der Leser wird noch früh genug Gelegenheit finden, seine

Verwunderung zu teilen.

Der Fremde stieg nach ihm ein und drückte auf einen Knopf. Der Lift

glitt hinauf, so überaus langsam, daß er noch die Lifts des Grand Hotel

Hermitage bei weitem übertraf, und machte es Allan ganz unmöglich, zu

beurteilen, wie hoch er hinaufging -- er war mit mattgeschliffenen

Glasscheiben versehen. Allan dachte jedoch im Augenblicke nicht daran,

er dachte nämlich an etwas ganz anderes und wandte sich an seinen

Begleiter:

„Verzeihen Sie mir, aber wie soll ich denn wieder hinauskommen? Die Bar

schließt ja.“

Der Fremde lachte.

„Dabei werde ich Ihnen schon behilflich sein. Es gibt einen anderen

Ausgang. Nun sind wir da.“

Der Fahrstuhl blieb so vorsichtig stehen, als hielte er vor einer

Krankenwohnung. Der Fremde zog die mattgeschliffene Doppeltüre auf

und schob Allan in eine große Vorhalle, deren Boden mit dicken

Teppichen belegt war. Ein Diener in orientalischem Phantasiekostüm kam

herbeigeeilt und verbeugte sich, als er Allans Begleiter erblickte,

sehr tief.

„Die Loge Nummer fünf steht bereit, Sir,“ sagte er.

Das ist eigentümlich, dachte Allan, hat er die Loge schon vorher

reserviert? Oder kommt er jeden Abend her?

Sein Begleiter hatte sich rasch zu dem Diener herabgebeugt und

flüsterte ihm etwas zu. Der Diener erwiderte etwas, worauf der

Schwarzhaarige einen Pfiff hören ließ.

„Schon in der Loge Nummer sechs!“

„Ja, Sir, sie sind vor einer halben Stunde gekommen.“

„_All right._ Ist die Passage frei?“

„Ja, Sir.“

Allans Begleiter drehte sich lächelnd zu ihm um.

„Entschuldigen Sie, wenn ich geheimnisvoll wirke,“ sagte er. „Ich habe

mich nur nach einem Bekannten erkundigt.“

„Sie müssen oft herkommen,“ sagte Allan, „da eine Loge für Sie

reserviert ist.“

„Ja, ich komme hie und da her. Wollen Sie nicht den Ueberrock ablegen?

Es pflegt hier sehr warm zu sein.“

Allan legte Rock und Hut ab und reichte sie dem Diener; sein Begleiter

tat das gleiche und ging auf eine Türe zu, die einen vergoldeten Fünfer

zeigte. Allan ging ihm nach, aber folgte halb unbewußt dem orientalisch

gekleideten Diener mit dem Blick. Er sah ihn auf einen Knopf drücken,

wobei die Türe zu einer Art Garderobe aufsprang, in der er die

Ueberkleider unterbrachte, die er in Empfang genommen hatte. Rechts in

der Garderobe sah Allan flüchtig eine halb geöffnete Türe mit einem

schmalen Treppenaufgang dahinter. Alles dies nahm kaum drei Sekunden in

Anspruch; aber wie es sich später zeigte, hing von diesen drei Sekunden

der Ausgang der Abenteuer des Abends ab. Nun war er wieder an der Seite

seines Begleiters. Dieser drehte sich lächelnd zu ihm um.

„Ich habe das Vergnügen, Sie in den Klub der internationalen

Feuerfresser einzuführen,“ sagte er und öffnete die Türe, die die

vergoldete Ziffer 5 zeigte. „Treten Sie ein!“

Allan trat vor ihm ein. Bei dem Anblick, der sich ihm bot, zuckte er

erstaunt zusammen. Er hatte sich irgendein kleines Klublokal von halb

zweideutiger Sorte erwartet, aber was er sah, war unleugbar etwas ganz

anderes.

Die „Loge“, in der er stand, war eine Art Mittelding zwischen

gewöhnlicher Theaterloge und Tribüne -- sie lag ein paar Fuß über

dem Boden der großen Halle und war von dieser durch eine Rampe von

flackernden Kerzenflammen getrennt, die der Halle zugekehrt waren. Die

Beleuchtung der Loge kam von oben, aus einem Netz von Geißlerschen

Röhren, durch die ein regenbogenschimmerndes Licht in feinen, lautlosen

Fluten strömte. Die Wände waren ganz unter schweren Draperien

verborgen. Es stand ein gedeckter Tisch da, mit Kuverts für zwei

Personen. Der Tisch hätte jedoch reichlich Platz für sechs gehabt.

Drei große Champagnerkühler auf hohen Silberfüßen standen daneben. Die

Stühle waren durch orientalische Diwane ersetzt. -- Auf der anderen

Seite der beständig flackernden Lichtrampe lag ein großer Saal in

groteskem Rokokostil mit einem mattgeschliffenen, durchsichtigen

Glasboden. Die Beleuchtung kam von tief unten in rhythmischen Kaskaden

von verschiedenfarbigen Lichtern, die aufwallten und erloschen und

den Paaren, die dort drinnen tanzten -- denn der Saal war offenbar

als Tanzsaal gedacht -- ein wunderliches Cachet der Unwirklichkeit

gaben. Eine Menge Menschen, Herren und Damen in bunten Kostümen,

morgen- und abendländischen, ethnographischen und rein phantastischen,

weitwallenden und zuweilen mehr als leichten, bewegten sich über den

regenbogenschimmernden Glasboden zum Takt einer Kapelle, die Allan

schließlich am entferntesten Ende des Saales entdeckte. Diese Kapelle,

in roten Mänteln, an jene erinnernd, mit denen die Inquisition ihre

Opfer ausstaffierte, saß auf einer Art schwarzen Insel des leuchtenden

Glasbodens. Das Ganze machte einen so verwirrenden Eindruck, daß Allan

sich mit beiden Händen an den Kopf griff. War er wach? Wie konnte ein

solches Lokal seinen Zugang durch das unscheinbare Loch in der Wand

haben? Er wendete den Blick seinem Begleiter zu und fand, daß er ihn

von einem der Diwane mit einem amüsierten Lächeln betrachtete.

„Das kleine Lokal der Feuerfresser macht Ihnen Eindruck?“ sagte er.

„Ich habe nie in meinem Leben etwas Aehnliches gesehen,“ sagte Allan

wahrheitsgemäß. „Aber wie --“

„Keine Fragen, lieber Freund. Sie begreifen, ein Klub wie der unsrige

ist exklusiv und will keine fremden Personen in seine Geheimnisse

einweihen. Sie haben mich dort unten amüsiert, und es hat mich

amüsiert, Ihnen einen kleinen Gegendienst zu erweisen. Aber keine

Fragen!“

Allan verbeugte sich.

„Gestatten Sie,“ sagte er, zum zweitenmal tiefverwurzelten Trieben

folgend, „daß ich mich vorstelle?“

„Ach, was ist ein Name! Lassen Sie mich Mirzl zu Ihnen sagen, wenn es

schon eine Ansprache sein muß. Name ist Schall und Rauch. Setzen Sie

sich und kosten Sie, was der Klub vermag. Trocken oder halbtrocken?“

„Trocken, danke,“ stammelte Allan und sank auf den Diwan gegenüber

seinem wunderlichen Begleiter. Dieser fuhr fort:

„Ich weiß nicht, ob es Sie interessiert, aber ich kann mir Ihre

Abenteuer mit Mirzl nicht aus dem Kopf schlagen. Würde es Sie

amüsieren, ihre Lösung zu hören? Ich glaube, merken Sie wohl, glaube,

daß ich sie gefunden habe.“

Allan riß die Augen auf und vergaß im Nu das wunderliche Lokal, in dem

er sich befand, sowie die tanzende Schar draußen auf dem Glasboden.

„Sie glauben, Sie haben die Lösung?“

„Ach, eigentlich ist sie doch ganz naheliegend. Ich weiß nicht, ob Sie

wissen, daß Mirzl vor acht Tagen in Berlin einen größeren Coup gemacht

hat.“

„Man sagte es mir in der Polizeikammer in Köln. An dem Tage, bevor ich

mit dem Expreß reiste. Hunderttausend Mark in irgendeinem Hotel des

Westens, nicht wahr?“

„Auf jeden Fall gut siebzigtausend. Er war diesmal ein bißchen gar zu

tollkühn gewesen. Er entkam gerade noch mit knapper Not, aber sein

Gepäck mußte er im Stich lassen. Nun können Sie sich denken, daß er

am liebsten aus Deutschland heraus wollte, und dabei wußte er, daß

die Polizei überall Spione hatte. Seine Helfershelfer wagte er nicht

aufzusuchen. Kam er an die Grenze und wollte sie ohne Gepäck passieren,

war er sofort verdächtig und wurde hoppgenommen. Suchte er sich Gepäck

von genügenden Dimensionen und entsprechender Qualität zu kaufen,

so war sein Signalement so verbreitet, daß er höchstwahrscheinlich

hängen blieb. Und der Boden brannte ihm unter den Füßen! Es handelte

sich um Stunden. Er war im Auto nach Hamburg geflohen, er stieg ohne

irgendeinen Plan in den Expreß, traf Sie -- und das übrige wissen Sie.

Aber nachdem er einmal glücklich in London war, brauchte er Ihre Sachen

nicht mehr. Und da er ein Freund von Exzentrizitäten ist, stellte

er sie eben zurück. -- Sie trinken nichts? Was sagen Sie zu meiner

Erklärung?“

Allan starrte seinen Begleiter mit weitgeöffneten Augen an. Das

war wirklich ein Sherlock Holmes! Er hob sein Glas, um ihm seine

Anerkennung auszusprechen, als eine Unterbrechung kam.

Die Draperien links begannen zu wogen, sie wallten auf und nieder

wie ein Wasserspiegel bei einem Unterseebootangriff und teilten sich

endlich. Jemand tauchte aus ihnen empor, wie Neptun aus den Fluten,

taumelte ein paar Schritte in die Loge, wo Allan und sein Begleiter

saßen, und blieb endlich auf ein paar nicht allzu festen Beinen mit dem

Rücken gegen sie stehen, während er mit der einen Hand die Draperien

festhielt, durch die er aufgetaucht war. Zu seinem Staunen merkte

Allan, daß gar keine Wand zwischen den Logen war; die Draperien waren

das einzige, was sie trennte. Offenbar waren sie schwer genug, um

alle Laute zu dämpfen, wenn man sie ruhig hängen ließ, denn während

er bisher keinen Ton aus der Nebenloge vernommen hatte, drang jetzt

ein Stimmengewirr heraus. Aber was war denn das für ein ungebetener

Gast? wollte er eben seinem Begleiter zurufen, als der Mann, der

hereingetaumelt war, ihnen plötzlich das Gesicht zukehrte. Allans

Ausruf sank zu einem Flüstern herab:

„Yussuf Khan! Der Maharadscha!“

Es war wirklich und unzweifelhaft der Maharadscha von Nasirabad, und

ebenso zweifellos war es, daß dieser mohammedanische Herrscher an

diesem Abend das Gebot des Propheten gröblich übertreten hatte: er war

sichtlich das, was man in höflicher Sprache angeheitert nennt und wofür

man in weniger höflicher Sprache eine Unzahl anderer Bezeichnungen

hat. Es war jedenfalls offenbar, daß sein Schwips von der guten

sanguinischen Sorte war. Jetzt wandte er sich mit einer vorsichtigen

Kreisbewegung Allan und seinem Begleiter zu, machte ein feierliches

Salaam und sagte mit Würde, wenn auch ein bißchen undeutlich:

„Edelgeborene Sahibs, ein armer Sohn eines toten Paria bittet euch um

Entschuldigung ob dieses Eindringens in euer königliches Z--z--ze--l--“

Er kam nicht weiter. Die Anstrengung war zu groß gewesen. Er fiel sanft

auf einen der Diwane und schloß seine Rede in sitzender Stellung ab:

„... Ze--zelt. Ich, Yussuf, der Sohn von tausend unwürdigen Vorvätern,

bitte euch um Entschuldigung.“

Allans Begleiter hatte sich hastig erhoben und eine Champagnerflasche

aus einem der silberfüßigen Kühler genommen.

„Yussuf, Sohn himmelgeborener Eltern, geruhe mit dem verächtlichsten

der weißen Männer zu trinken.“

Er schenkte ein Glas ein, das der Maharadscha mit einem wohlwollenden,

aber abwesenden Lächeln automatisch ergriff und austrank. Er blieb

mit dem Glas in der Hand sitzen, als die purpurroten, gelbgeflammten

Draperien zum zweitenmal zu wogen begannen, diesmal jedoch planmäßiger

als früher, worauf ein graubärtiger Kopf im Turban (der Maharadscha

hatte seinen verloren) sich in einer Spalte zeigte, so allmählich

folgte sein Besitzer nach, der sich als der alte Hofdichter Ali

entpuppte.

Er rief dem Maharadscha etwas zu, der nur mit einem Winken des

Champagnerglases und einem herzlichen Lachen antwortete, worauf er sich

wohlbehaglich seiner ganzen Länge nach auf dem Diwan ausstreckte. Der

alte Hofdichter, der selbst in aufgeräumter Stimmung zu sein schien,

zog die Draperie zurück und rief in die andere Loge hinein:

„Stanton Sahib, er hat sich hier drinnen zur Ruhe gelegt. Er weigert

sich, meinen weisen guten Ratschlägen Gehör zu schenken.“

Die Folge dieses Rufes war, daß eine dritte Person sich zwischen den

Draperien zeigte, ein junger blonder, scharfäugiger Engländer, mit dem

denkbar korrektesten Scheitel und dem denkbar reinsten Rasseprofil.

Auch er schien in brillanter Laune zu sein. Er puffte lächelnd den

alten Hofdichter in die Loge Nr. 5 und kam selbst nach. Dann wandte er

sich mit einem tiefen orientalischen Salaam an Allans Begleiter und

sagte mit singender Stimme:

„Edelgeborene Feuerfresser, verzeiht diese Zudringlichkeit meiner

zwei Schützlinge und meiner selbst, dem unwürdigen Sohn von zehn

Generationen von Sklaven! Salaam, edle Feuerfresser! Möge euer Schatten

stets zunehmen und eure Widersacher keine andere Speise finden als den

Schmutz der Erde.“

Allan beobachtete diesen Auftritt mit offenem Munde. Er blickte in

den Saal hinaus, wo der Tanz auf dem Glasboden herumwirbelte, um sich

selbst zu bestätigen, daß er wach war. Der Anblick der Tanzenden in

dieser phantastischen Beleuchtung trug nicht gerade dazu bei, sein

Zutrauen zu seinen Sinnen zu stärken. Yussuf Khan hier in dieser

Gesellschaft! Sein mystischer Begleiter aus dem ‚Loch in der Wand‘

war aufgestanden und hatte den Gruß des jungen Engländers mit einigen

ebenso orientalischen Wendungen erwidert, indem er erklärte, daß sein

Zelt (womit die Loge Nr. 5 gemeint war) der Ehre, die ihm von diesen

erhabenen Fremdlingen, deren Aussehen zur Genüge ihre Geburt und

ihre Tugenden bezeugte, erwiesen wurde, gänzlich unwürdig sei; doch

wenn sie sich in besagtem Zelt niederlassen wollten, wage er ihnen

vorzuschlagen, einen Becher elenden und essigsauren Weins zu leeren.

Der junge Engländer sank laut lachend auf einen Diwan und akzeptierte

ohne Umstände ein Glas; der alte Hofdichter trank das seine auf einen

Zug aus und erhob sich dann. Trotz des Weines stand er ziemlich

sicher. Der Maharadscha lag auf seinem Diwan und betrachtete sämtliche

Anwesende mit einem Lächeln des äußersten Wohlwollens. Der alte

Hofdichter hob die Hand und begann zu sprechen:

„Erhabene Sahibs! Sicherlich ist London die wunderbarste Stadt der

Welt. Ihre Schönheit ist märchenhaft, wenn auch von Nebeln verhüllt,

und die Tugenden und die Liebenswürdigkeit ihrer Einwohner übertreffen

die aller anderen Städte so wie der Koran alle anderen Bücher

übertrifft. Wisset (er wendete sich an Allan und seinen Begleiter),

erst heute morgens kam ich in Gesellschaft meines jungen Schülers, der

uns alle von seinem Diwan mit einem seligen Lächeln betrachtet, hier

an. Erst heute morgen trafen wir in dieser Stadt ein, wo wir niemand

kannten, und noch vor dem nächsten Morgen haben ich und mein Schüler

so viele Freunde gefunden, und sind in diesem Hause der Zehntausend

Freuden bewirtet worden, alles durch Stanton Sahibs Verdienst. An

diesem Abend, als wir uns von der Tyrannei, die ein alter Sahib,

dessen Namen ich nicht nennen will, gegen uns ausübt, befreit hatten,

machten mein Schüler und ich uns insgeheim auf einen Streifzug durch

London auf (Allan zuckte zusammen), um seine tausend Reize kennen zu

lernen, von denen wir in den Lehmhütten, die uns zur Welt kommen sahen,

soviel gehört haben. Kaum, o fremde Sahibs, waren wir hundert Schritte

gegangen, als wir uns schon verirrt hatten, verwirrt durch die Nebel,

die Londons Schönheiten zu verhüllen suchen, und von dem Getöse der

zehntausend Feuerwagen. Wir waren verirrt wie die Gottlosen, die die

Wahrheit außerhalb des Korans suchen (gepriesen sei sein Name). Wie

Abdul Mahbub, mein alter Lehrmeister, singt: ‚Weh dem, der die Wahrheit

anderwärts sucht.‘ So verirrt waren wir, als Stanton Sahib, dessen

Namen auf dem ganzen Erdenrund gerühmt werden wird, uns auf der Straße

sah, sich unser erbarmte (Allan zuckte wieder zusammen), und uns in

dieses Haus der Zehntausend Freuden führte. Immer und allezeit wird

Stanton Sahibs Name ob dieser Guttat gegen zwei arme Wanderer gepriesen

werden. Lasset uns auf Stanton Sahib, den edelsten der Engländer, mit

diesem Wein trinken, der frischer ist als Morgentau und kitzelnder als

die Lippen eines Weibes. Lasset uns dabei bedenken, was der göttliche

Zeltmacher sagt:

O trinke Wein, die Sorgen dir zu brechen,

Die zweiundsiebzig Sekten durchzurechen! --

Nie trenne dich von dieser Alchimie,

Ein Men davon heilt tausend von Gebrechen![2]

[2] Diese und die folgenden Verse nach der Uebersetzung von

Maximilian Rudolf Schenck.

Erhabene Sahibs, lasset uns ...“

Yussuf Khans Heirat · 第 6 / 16 段