durchlas, ist ungewiß. Schließlich sahen doch die Passanten dieser
Straße, wie er sich aufraffte, den Brief in die Tasche steckte, einen
Polizisten über irgend etwas befragte und in der Richtung zum Bahnhof
forteilte. Es war über vier Uhr; er hatte eine knappe Stunde, um den
Zug zu erreichen, über dessen Abgang er eben den kölnischen Wächter des
Gesetzes konsultiert hatte. Diese Stunde mußte genügen, um seinen Magen
nach den Prüfungen im Arrest zu befriedigen.
„Es fängt an!“ murmelte Herr Kragh für sich. „Das war ja eine feine
Reisegesellschaft, die ich hatte! Auf diese Weise sind die Koffer also
fortgekommen. Nun wollen wir vor allem das tun, was Hermann Bergius als
das oberste und unveräußerlichste Menschenrecht erklärte -- Frühstück
essen. Es ist spät und wohlverdient. Und dann auf nach London, um mit
Herrn Benjamin Mirzl Bekanntschaft zu machen! Das dürfte interessant
sein.“
III
Das große Hotel
Einmal hatte Allan die größte der großen Turbinenanlagen in Südschweden
besucht. Es war ihm, als wäre er in ihre maschinendruckvibrierende und
dröhnende Luft gekommen, als er am 11. September spät abends in London
eintraf.
Er rieb sich die Augen, wie er da in seinem Taxi saß. Das war eine
Stadt! Hier mußten die Abenteuer zu Hause sein; hier mußten sie gerade
an jeder Straßenecke lauern. Was war dagegen Hamburg und Köln! Was
war die unbeschreibliche Atmosphäre von jagender Eile, raffiniertem
Luxus und unerhörtem Geldzustrom, die sein Eindruck des Luxuszuges von
Köln nordwärts war, gegen dieses London! Schon die Luft war neu, eine
phantasiereizende Mischung von tausend Ingredienzien: Dem Geruch des
heißen Steinpflasters, von parfümiertem Virginiatabak, Benzindämpfen
der zahllosen Autos, deren Gummiräder über den spiegelblanken Asphalt
zischten; dem Duft des parfümierten Reichtums der ganzen Welt und
all ihres unaussprechlichen stinkendsten Elends. Die Häuser jagten
wie im Traum an seinem Auto vorbei; gigantische Fassaden verloren
sich nach oben zu in der nebligen Abendluft; es flammte und zuckte
von unzähligen Lichtern; die Reklamen krochen wie regenbogenfarbene
Schlangen die Mauern auf und ab; der Himmel über den offenen Plätzen
brannte schlackenrot wie vom Widerschein einer kolossalen Feuersbrunst
oder dem Ausbruch eines Riesenkraters. Und der Menschenstrom brauste
und brauste. Das Auto, das Herrn Allan Kragh aus Schweden auf der Suche
nach Abenteuern und eventuell einer Zukunft umschloß, eilte lautlos
durch das Gewirr, vermied es zu kollidieren, vermied es, jemand zu
töten, zog hier und da an einer Straßenecke eine augenblickliche Ritze
durch die Menschenfluten; stürzte dahin, scheinbar ebenso sinnlos, wie
die tausend anderen Autos, denen es begegnete, hundertmal schneller
als die dahinströmenden Menschenfluten, aber ebenso sinnlos. Plötzlich
bog es in einen offenen Platz, der weniger lichtflammend war, als die
vorhergehenden Straßen und hielt vor einer Fassade, an der die Lichter
sich zu einem gewaltigen Feston zusammengeballt hatten. „Grand Hotel
Hermitage“ sagten die Lichtkränze; der Chauffeur wiederholte es, indem
er die Türe des Autos aufriß, und Herr Allan Kragh ging über eine
breite Treppe hinauf, in eine große Halle, die nach dem Souza-Marsch
der Straßen unerhört still wirkte -- die ungeheure Drehtüre des
Vestibüls schnitt den Lärm der Außenwelt ab wie eine Klosterpforte.
Das war also das berühmte Grand Hotel Hermitage. Hundertmal hatte Allan
diese drei Worte im Henschel, Bradshaw und den großen ausländischen
Zeitungen gesehen; jedesmal hatte er gedacht: Wer doch da wäre; und als
er nun auf seiner großen Reise vom Zufall und Herrn Mirzl nach London
verschlagen wurde, da war es ihm ganz selbstverständlich erschienen,
dem Chauffeur die Adresse des großen Hotels anzugeben.
Auf dem Wege von Köln hatte Allan sich in Belgien mit den notwendigsten
Reiseeffekten versehen -- man durfte vielleicht Herrn Mirzls
Versprechen nicht allzu ernst nehmen; aber andererseits wäre es töricht
gewesen, sich mit einer doppelten Ausstattung zu belasten; und er
war folglich nicht ganz gepäcklos, als er, den Hotelträger hinter
sich, durch die Drehtüre eintrat. Dennoch war es nur natürlich, daß
der ernste Portier des Luxushotels (dessen Figur am ehesten an eine
Benediktinerflasche erinnerte) ihn mit einer etwas herablassenden
Nuance im Ton empfing. Hinter dem Portier bemerkte Allan im Kontor
einen vierschrötigen Herrn mit graugesprenkeltem Yankeebart ohne
Schnurrbart, der Direktor des Hotels, wie er später erfahren sollte.
Hätte der Direktor und der Portier die Ereignisse vorausahnen können,
die sich während Allans Aufenthalt im Grand Hotel Hermitage abspielen
sollten und die Rolle, die Allan darin zu spielen bestimmt war, hätten
sie ihn vermutlich mit Grüßen ganz anderer Art aufgenommen als die, mit
denen der Portier Allan jetzt empfing.
„Das ist Ihr ganzes Gepäck, Sir?“
„Ja. Ich erwarte noch mehr. Ich möchte ein Zimmer haben.“
Der Portier musterte ihn noch einen Augenblick, und weichere Gefühle
erlangten die Oberhand.
„Kleines Zimmer für diesen Gentleman, Jones. Ist 417 frei?“
Es stellte sich heraus, daß 417 frei war. Ein uniformierter magerer
junger Mann übernahm Allans unbeträchtliches Gepäck und geleitete
ihn zum Lift. Dieser machte sich mit der würdigen Langsamkeit eines
alten Herrschaftsdieners auf den Weg und blieb mit derselben Würde im
vierten Stock stehen. Der uniformierte Herr führte Allan über einen
teppichbelegten Korridor in das kleine Gemach, das geeignet befunden
worden war, ihn zu beherbergen. Es war wirklich klein, das heißt, in
der Breite, denn die Höhe ließ nichts zu wünschen übrig. Es wurde zum
größeren Teil von einem Bett und einem Toilettetisch ausgefüllt und
erinnerte infolge seiner architektonischen Gestalt in hohem Grade
an eine Grabkammer in einer ägyptischen Pyramide. Dahinter befand
sich, wie Allan sah, ein Badezimmer. Aber Allan hatte von Hermann
Bergius gelernt, daß nichts gleichgültiger ist, als das Zimmer, das
man auf seinen Reisen bewohnt, da man sich ja doch nie in wachem oder
nüchternem Zustande darin aufhält. Er erklärte sich folglich mit der
ägyptischen Grabkammer zufrieden, drückte dem uniformierten Herrn einen
Schilling in die Hand und ging dazu über, Toilette zu machen.
Als er eine halbe Stunde später, ohne sich wegen seines Reiseanzuges
zu genieren, in den Speisesaal des großen Hotels wanderte, fand er
Gelegenheit, zu konstatieren, daß nicht nur die Zimmer für Reisende
mit unbedeutendem Gepäck klein sind, auch die Welt selbst ist überaus
klein. Ja, offenbar, denn als er sich an einem Tisch niedergelassen,
die Speisekarte verlangt hatte und sich im Speisesaal umzusehen begann,
wen erblickte er an dem Nebentisch rechts, wenn nicht die Dame, die
ihn vom Hamburger Bahnhof in die Welt hinausgelockt hatte, und als
ihren Kavalier den alten Herrn mit der Raubvogelnase und dem gelbgrauen
Schnurrbart.
Allan fixierte sie überrascht. Es war unleugbar kurios, dieses Paar
gerade hier zu treffen! Es gab doch tausend Hotels in London. Nun, es
war natürlich ein Zufall, aber ... das Freundschaftsbündnis, das er
im Expreß beginnen gesehen und zu dem er selbst teilweise die direkte
Ursache gewesen, war offenbar von nachhaltigerer Art geworden, als
Reisebekanntschaften zu sein pflegen. Er konnte die alte Bordeauxnase
gut verstehen ... trotz des Grolls, den er noch gegen die junge Dame
wegen ihres Auftretens im Coupé hegte, mußte er sich selbst gestehen,
daß sie eine Messe wert war ... sie schien ihm sogar mehrere Messen
wert. Es bedurfte der Phantasie einer Pariserin, dachte er, um sich
eine solche Toilette, wie sie sie heute abend trug, auszudenken,
und der Courage einer Amerikanerin, um sie zu tragen. Seine Blicke
irrten über die Linie des Ausschnittes um ihren weißen Busen, der so
herausfordernd entblößt war wie auf einer Zeichnung von Rops, und
wenn sie nicht da umherirrten auf der Grenzlinie zwischen der weißen
Haut und der grünen Seide, ist es möglich, daß sie etwas weiter
hinabschweiften, wo der knapp anliegende Rock fast bis zum Knie
aufgeschlitzt war ... Welche Linie ist mystischer und verlockender zu
verfolgen als die Linie einer schönen Frauenwade? Namentlich wenn sie
von einem Strumpf von jener diskreten Durchsichtigkeit umschlossen
ist, wie sie Madame offenbar bevorzugte ... Die Wellenlinie ihrer
Wade zeichnete sich durch den grünen Strumpf ab wie Marmor durch den
adriatischen Wasserspiegel. Allan starrte, ganz im klaren darüber, daß
er zudringlich war, und plötzlich drehte Madame den Kopf nach Allans
Seite (sie saß im Halbprofil) und ließ den Blick über ihn hingleiten;
Allan sah, daß sie ihn erkannte. Im selben Augenblick stand der Kellner
an seinem Tisch, mit Speisekarte und Weinliste, und er war genötigt,
seine Augen von ihr loszureißen.
Wer konnte sie sein, und wie kam es, daß sie in dieser Gesellschaft
hier war? Diese Frage summte Allan im Kopf, während er ein paar
Gerichte der Speisekarte und einen Bordeaux von der Weinliste wählte.
Der Kellner verschwand, und er hatte die Aussicht auf den anderen Tisch
wieder frei.
Man sprach dort ziemlich eifrig. Ueber ihn? Nicht unmöglich, denn
eine flüchtige Sekunde flog ihr Blick wieder zu ihm hinüber; der alte
Herr mit der Raubvogelnase bekundete hingegen kein Interesse für
ihn, wenn nun wirklich über ihn gesprochen wurde. Allan nahm seine
bewundernde Betrachtung ihrer Person wieder auf, ohne daß sie sie
nunmehr zu berühren schien, und war noch damit beschäftigt, als der
Kellner mit der Omelette und dem Wein, den er bestellt hatte, erschien.
Er machte einen Schluck aus seinem Glas und begann zu essen, während
seine Gedanken von dem geheimnisvollen Paar dort drüben zu Herrn
Benjamin Mirzl schweiften. Plötzlich kam es ihm, eigentümlicherweise
zum erstenmal, zum Bewußtsein, daß er gerade dieses Trio in seiner
Gesamtheit -- den alten Herrn, die junge Dame und Herrn Mirzl -- vor
dem Billettschalter in Hamburg gesehen hatte. Allerdings schienen
sie damals ganz unabhängig voneinander, aber ... Herr Mirzl war ein
internationaler Schwindler, wenn auch vielleicht ein exzentrischer,
wohlwollender; waren die beiden anderen von derselben Sorte? Das
war natürlich nicht ausgeschlossen, und Allan beschäftigte sich mit
dieser Möglichkeit, während er vom Poulard und Bordeaux zum Dessert
und einem Glas Madeira überging (man mußte doch die Bekanntschaft mit
der Mutter aller Städte feiern), aber verwarf sie nach dem zweiten
Glas Madeira als unwahrscheinlich. Er bestellte Kaffee und Likör,
wobei das Wesen des Kellners ebenso milde zu werden begann, als
wenn er im _evening-dress_ gewesen wäre, und blieb bei diesen
angenehmen Getränken sitzen, auch als das Paar, das ihn intrigierte,
den Speisesaal verlassen hatte. Zu seiner nicht geringen Ueberraschung
sah er, als die Rechnung beglichen wurde, daß sie für beide bezahlte;
der alte Herr war also offenbar von ihr eingeladen. Kontinental, dachte
Allan. Sie passierten seinen Tisch ohne ein Zeichen des Wiedererkennens
-- oder sah er recht, als er ein kleines Blinzeln zu merken glaubte,
die Ahnung eines spöttischen Lächelns in ihren Augen? Es war unmöglich
zu entscheiden.
Um halb elf Uhr, als Allan sich zu einem Abendspaziergang mit Zigarre
durch London entschlossen hatte, zeigte es sich, daß die Stadt
ihrerseits entschlossen war, seine Ankunft mit einem undurchsichtigen,
gelbgrauen, brandrauchduftenden Nebel zu feiern, der zur Folge hatte,
daß er (nach zwei Whisky mit Soda, zu Ehren der Riesenstadt) in der
ägyptischen Grabkammer zu Bette ging. Er schlummerte sofort ein und
schlief wie ein Stück Holz.
London ist eine wunderbare Stadt, voll Ueberraschungen, unerforschlich
wie das Menschenherz, mehr Dinge bergend als die Philosophie sich
träumen läßt oder Baedeker in seinen roten Büchern mit Sternen
bezeichnet hat. Und Herr Allan Kragh fand in seinem bescheidenen Maße
Gelegenheit, diese Binsenwahrheiten schon im Laufe des folgenden
Tages bestätigt zu finden. Die Nebel des Abends waren von einem
sanften Sonnenschein, der von einem milden, veronikablauen Himmel
erstrahlte, abgelöst, als er am Vormittag seine Streifzüge vom
Grand Hotel Hermitage antrat, und, Goethe gehorchend, ins volle
Menschenleben der Straßen hineingriff. Seine Streifzüge gehen jedoch
diese wahrheitsgetreue Erzählung nichts an, und wir begnügen uns damit,
den Kontakt mit ihm wieder aufzunehmen, als er gegen ein Uhr nachts
ins Grand Hotel Hermitage heimkehrte. Da beschäftigten ihn nicht die
Geheimnisse von London, sondern das Geheimnis Benjamin Mirzl.
Was hatte Herr Mirzl mit dem Brief beabsichtigt, den er Allan durch
einen seiner Helfershelfer vor zwei Tagen in Köln hatte zustecken
lassen? Ein Bluff? Aber warum? Konnte einem Herrn seines Schlages
etwas derartiges Spaß machen? Es war ja denkbar, aber paßte nicht zu
der Vorstellung, die Allan sich von Herrn Mirzl gemacht hatte. Es war
ja auch möglich, daß dieses Vorstellungsbild Herrn Mirzl ebensowenig
ähnlich sah, wie dieser sich selbst in seinen verschiedenen
Verkleidungen. Auf jeden Fall: Schlag neun Uhr, eine Stunde vor der
angegebenen Zeit, hatte sich Allan in dem von Mirzl bezeichneten Kaffee
„The Leicester Lounge“ eingefunden. Seine Londoner Eindrücke waren
dadurch um noch einen vermehrt worden, aber als er gegen halb ein Uhr
aus dem Kaffee hinausgeworfen wurde (Polizeivorschrift), war dies auch
seine einzige Ausbeute. Dem Kaffee hatte sein dreiundeinhalbstündiger
Besuch etwas mehr Ausbeute gebracht. „The Leicester Lounge“ erwies
sich als ein Kaffee von der Art, wo Maria Magdalena auch vor ihrer
Reue Zutritt hat. Es gab dort ein paar Dutzend Magdalenen vor der Bar
und ein halbes Dutzend innerhalb derselben. Der Raum im übrigen, der
sehr beschränkt war, wurde von dem leichtlebigen männlichen London in
Anspruch genommen. Die Losung sowohl für das leichtlebige männliche
London wie für die Direktion des Lokales war fixe Expedition. Das
größtmöglichste Glück der größtmöglichsten Anzahl: ein schöner
Leitsatz. Die Zirkulationsgeschwindigkeit war bewunderungswürdig:
Entree, ein Drink, Bekanntschaft, noch ein Drink, Sortie. Herren,
die keine Bekanntschaften machten, wurden über die Achsel angesehen.
Herr Allan Kragh wurde über die Achsel angesehen. Es nützte nichts,
daß er, so oft das dunkle Auge des Kellners ihn traf, einen Drink
bestellte, oder daß eine unbestimmte Anzahl Magdalenen sich an seinem
Tisch bezechten; er blieb sitzen und wurde folglich über die Achsel
angesehen. Und Herr Mirzl kam nicht. Oder gab sich wenigstens nicht
zu erkennen. Konnte es ihn amüsieren, Allans drinkerfüllte Erwartung
in einer Verkleidung zu beobachten? Konnte er (da war der Kellner mit
dem Auge schon wieder -- _Whisky and soda, please!_) -- konnte
er vielleicht von der weltlichen Gerechtigkeit arretiert sein? Die
Polizisten Londons waren ja so flink. Reichte Herrn Mirzls Schlauheit
nicht hin, um sie zu überlisten? Sherlock Holmes, _you know_. Auf
jeden Fall (_Whisky and soda please_, der Kellner mit dem Auge)
-- reichte sie für Allan Kragh aus. Nach einer dreiundeinhalbstündigen
Whisky-Orgie verließ Herr Allan Kragh (auf Grund der polizeilichen
Bestimmungen und Müdigkeit in der Kehle) The Leicester Lounge,
durchdrungen von der eben erwähnten Ueberzeugung.
Und das erste, was er in der ägyptischen Grabkammer Nr. 417 erblickte,
waren seine ehrlichen schwedischen Handkoffer. Es fehlte nicht viel,
und er hätte geglaubt, eine Säufervision zu haben.
Aber faktisch; da standen seine beiden Handkoffer, der aus braunem
Rindsleder und der aus eisenbeschlagenem Holz ... Sein Klingeln rief in
weniger als einer Minute einen uniformierten Herrn in die Grabkammer
hinauf.
„Diese Koffer?“
„Wurden heute abend um halbzehn Uhr von einem Träger abgegeben, Sir. Es
liegt ein Brief an Sie auf dem Toilettetisch, Sir. Wünschen Sie noch
etwas, Sir?“
Allan machte eine stumme Handbewegung. Jetzt wurde die Sache aber doch
zu mystisch. Wie in -- -- konnte Herr Benjamin Mirzl denn wissen, wo
er wohnte. -- Er stürzte sich über den Brief auf dem Tisch, ohne seine
verwirrten Fragen zu Ende zu denken. Er enthielt zwei Schlüssel und
folgende Zeilen:
„Lieber Herr Kragh! Entschuldigen Sie, daß ich Sie vergeblich in The
Leicester Lounge warten ließ. _Business, you know_; unmöglich
für mich, abzukommen. Hoffe, Sie waren nicht gezwungen, allzu viele
Whisky mit Soda zu nehmen; kenne das Lokal; sollte mir leid tun. Füge
die Schlüssel bei, die ich während der Zeit, als ich Ihr prächtiges
Gepäck inne hatte, zu verwenden pflegte; hoffe, Sie können sie als
Reserveschlüssel brauchen; danke Ihnen nochmals für die freundliche
Ueberlassung des Gepäcks; bitte Sie um Entschuldigung wegen all der
Mühe, die ich Ihnen verursacht habe und verbleibe in aller Eile
Ihr ergebener
Ludwig Koch,
alias Dr. Hauser,
alias ......
(nach Belieben auszufüllen.)“
Es ist unnötig, die Ausrufe, Fragen und Gesten zu verzeichnen, mit
denen Allan Kragh diese Epistel kommentierte. Das Leben ist kurz, wie
schon Mark Twain sagte; es war drei Uhr, als er sich nach der dritten
Visitierung der Koffer -- nichts fehlte -- und der achtundneunzigsten
Lektüre von Benjamin Mirzls Brief zu Bett legte. Es dauerte noch eine
Stunde, bis er einschlief, und als er es tat, war sein Schlummer
unruhig.
Er hätte gar zu gerne Herrn Mirzl getroffen.
Es war bestimmt, daß er seinen Willen in dieser Hinsicht durchsetzen
sollte, aber das dauerte noch eine Weile.
* *
*
Es war spät, als Allan am nächsten Tag die Augen aufschlug. Sein erster
Blick galt den Koffern und sein zweiter Herrn Mirzls Brief, den er nun
schon auswendig wußte, wie einen Bibelspruch im Katechismus. Erst sein
dritter Blick galt der Uhr. Sie zeigte fünf Minuten vor zwölf. Allan
flog aus dem Bett und begann sich anzukleiden. Unmittelbar vor dem
Einschlafen war ihm etwas eingefallen: Es gab eine Möglichkeit, Herrn
Mirzl aufzuspüren, durch den Dienstmann, der die Koffer gebracht hatte!
Allan runzelte die Stirn und entwarf in Gedanken einen Kriegsplan, der
auf besagtem Dienstmann aufgebaut war, und durch den Herr Mirzl sich
wohl bald in seiner Höhle aufgespürt sehen sollte.
Aber ach, schon der erste Faden riß, als er gegen halb ein Uhr sein
Verhör im Hotelbureau anstellte. Der Dienstmann? Ein gewöhnlicher
Träger. Nummer? Weiß Gott, was für eine Nummer er hatte. Er hatte ganz
einfach die Koffer niedergestellt, erklärt, daß sie dem Herrn auf Nr.
417 gehörten, dessen Namen auf beifolgendem Briefe stand, und daß alles
bezahlt sei, worauf er sich ohne weiteres entfernt hatte. Nun, wenn man
es sich recht überlegte, hatte er wohl überhaupt keine Nummer gehabt.
Es war vermutlich ein gewöhnlicher Arbeitsloser gewesen. Stimmte etwas
mit den Koffern nicht? Hatte der Mann etwas gestohlen oder verschlampt?
Allan beeilte sich, nein zu sagen und verschwand. Es war nicht so
leicht, die Sachlage mit einem unromantischen Hotelkontoristen zu
diskutieren. Er versuchte sich vorzustellen, was Sherlock Holmes in
seiner Lage getan hätte, und da kam ihm plötzlich eine Idee. Eine
Annonce! Das war es. Sherlock Holmes hätte eine Annonce eingerückt und
dem unnumerierten Dienstmann eine Belohnung in Aussicht gestellt.
Allan erkundigte sich und suchte das Zeitungsbureau des Hotels auf; er
fand es in einer kleineren Halle rechts von dem großen Entree gelegen.
Es war eine weitläufige Anlage, wo alle Zeitungen der Welt verkauft,
Annoncen für sie, Abonnements auf sie und (gegen eine kleine Abgabe)
persönliche Notizen für sie über den Aufenthalt der Betreffenden
im Grand Hotel Hermitage, ihre Gewohnheiten, ihren Lieblingssport,
aufgenommen wurden. Allan erhielt ein Blankett und formulierte nach
einiger Gedankenarbeit folgende Annonce:
Träger! Zwei Pfund Belohnung erhält der Träger, der am Abend des 12.
dieses, halb zehn Uhr, drei Gepäckstücke im Grand Hotel Hermitage
abgegeben hat, wenn er sich ehestens im besagten Hotel einfindet.
Der Kontorist des Zeitungsbureaus war ein ernster junger Mann vom
Detektivtypus. Er nahm Allans Annonce ohne jeden Kommentar entgegen und
fragte nur, in welche Zeitungen Allan sie aufgenommen wünsche. Allan
überließ ihm selbst, dies zu bestimmen, worauf der hagere junge Mann
dekretierte, daß Star, Daily Mail und Daily Citizen am besten seien,
und einen Betrag für die zweimalige Einschaltung in jeder derselben
entgegennahm. Sehr zufrieden mit sich selbst begab sich Allan in die
Stadt, um sein Lunch einzunehmen.
Im Laufe des Nachmittags, während er in Pall Mall promenierte, kam
ihm jedoch eine Idee, die zur Folge hatte, daß er eine Viertelstunde
später aus einem Auto vor dem Grand Hotel Hermitage sprang. Er hatte
ja ganz verabsäumt, in Erfahrung zu bringen, wer seine mystische
Reisegenossin war, die Dame aus Hamburg! Und sie wohnte doch in
demselben Hotel! So ist es, wenn man den Kopf mit einer Sache voll
hat. Der benediktinerflaschenähnliche Portier selbst führte den Befehl
im Hotelbureau, als Allan hereinkam, um sein Verhör anzustellen. Die
Wärme seines Tones war seit der Ankunft von Allans Gepäck um fünf Grad
gestiegen.
„Wünschen Sie ein größeres Zimmer, Sir?“ fragte er.
„Vielleicht später,“ sagte Allan. „Ich möchte Sie gerne etwas fragen,
Portier.“
Er wühlte einen Augenblick in seinen Erinnerungen an Sherlock Holmes.
„Ich glaube hier im Hotel eine Bekannte gesehen zu haben, eine
Dame. Ich bin meiner Sache aber nicht ganz sicher und möchte nicht
zudringlich erscheinen, Sie verstehen, Portier. Sie ist blond, schlank,
von Mittelgröße oder etwas darüber, sieht sehr gut, aber ein bißchen
hochmütig aus und speiste vorgestern mittag im Speisesaal -- -- --“
Ein plötzliches Rauschen von Seidenröcken neben ihm ließ ihn
zusammenzucken. Er wandte sich seitwärts und da stand die Unbekannte
selbst!
„Ich hörte zufällig Ihre freundliche Anfrage,“ sagte sie. „Sollte am
Ende ich es sein, die Sie dem Portier beschrieben haben?“
Diesmal konnte kein Zweifel über ihren Gesichtsausdruck herrschen, wie
vor zwei Tagen im Speisesaal. Jetzt war es genau dieselbe Miene, die er
vom Expreß her kannte; und ihre grauen Augen hatten einen Blick, der
ihm kalt über das Rückgrat lief. Endlich gelang es ihm, sich zu fassen.
„Sie, Madame? Soviel ich weiß, habe ich nicht das Vergnügen, Sie zu
kennen.“
„Ich Sie auch nicht -- dem Namen nach.“
Es lag eine vernichtende Betonung auf den letzten zwei Worten, die
nur zu gut ausdrückten, was sie meinte -- die Szene in Köln, wo sie
ihn vor fünf Tagen arretieren gesehen hatte. Allan nahm eine hübsche
Preißelbeerfarbe an, aber es gelang ihm zu sagen:
„Sie haben gewiß etwas mit dem Portier zu besprechen. Ich will mich
außer Hörweite zurückziehen, damit ich Sie nicht zu belauschen brauche.“
Er wußte, daß dieser Abschiedspfeil sie in das Tiefste ihrer
anglosächsischen Seele treffen mußte, aber trotzdem empfand er seine
Sortie aus dem Bureau nicht als eine _Sortie d’éclat_. Er kreuzte
die Halle so rasch, als es seine Würde zuließ. -- Was er hauptsächlich
befürchtete, war, daß sie ihn zurückrufen und bitten würde, das
Interview mit dem Portier fortzusetzen; er fühlte sich dieser Aufgabe
jetzt nicht gewachsen. Und plötzlich fand er sich im Konversationssalon
des Hotels, in den seine Beine ihn, ohne daß er es selbst wußte,
getragen hatten, und hörte ein _damn and confound_, das mit
ungeheurer Energie in seiner unmittelbaren Nähe ausgestoßen wurde.
Erst im nächsten Augenblick dämmerte es ihm auf, daß ihm selbst diese
Worte entschlüpft waren; und noch ganz erstaunt über seine rasche
Akklimatisierung hörte er eine schrille Stimme, die sagte:
„Hallo, junger Mann! Solche Worte pflegt man nicht in Damengesellschaft
zu sagen.“