Sie blieben nach dem Dessert noch etwa eine halbe Stunde sitzen und

nippten an ihrem Kaffee, während der Zug weiter durch den klaren

Herbsttag brauste. Allan empfand mehr und mehr Interesse für seinen

Reisekameraden; er war unterhaltend, originell, offenbar viel gereist

und wußte Geschichten aus allen Ecken und Enden Europas zu erzählen.

Hie und da kam er wieder auf sein Erstaunen über Allans Art, einfach

von seinem Gepäck fortzufahren, zurück, und Allan fühlte sich mehr

und mehr befriedigt von sich selbst. Einmal verschwand er für einen

Augenblick und wechselte in der äußeren, nunmehr leeren Wagenhälfte

einige Worte mit dem Kellner, ohne daß Allan dies beachtete oder

weiter daran dachte. Als er zurückkam, begann er eine Geschichte, die

Allan Gelegenheit gab, seine Theorie, daß er ein Schauspieler sein

müsse, zu bestätigen; er erwähnte sogar flüchtig seinen Namen -- Ludwig

Koch. Allan erwog eben, ob es korrekt sei, sich vorzustellen oder

nicht, als der Zug in eine große Station einfuhr, wo er langsamer wurde

und stehen blieb. Der Mann mit dem Zwicker lehnte das Gesicht an die

Fensterscheibe, während man dem Perron entlang rollte. Mit der Hand

über den Augen musterte er rasch die Menschen auf dem Perron; offenbar

erkannte er jemand, denn ein leichter Ausruf entschlüpfte ihm. Er erhob

sich von seinem Platz, nickte Allan zu und eilte hinaus.

„Komme gleich wieder!“ rief er.

„Fahren Sie nur nicht von Ihrem Gepäck weg, wie ich,“ rief Allan zurück.

Der Mann mit dem Zwicker verschwand ohne weitere Repliken. Zu Allans

Erstaunen waren nach seinem Abgang kaum fünfzehn Sekunden verstrichen,

als der Zug mit einem Ruck aus der Station hinausrollte, deren Namen

Allan nicht bemerkte, so sehr war er damit beschäftigt, nach seinem

Tischgenossen auszulugen. Er sah keine Spur von ihm auf der Plattform;

er mußte also in eines der Coupés weiter vorne aufgesprungen sein.

Allan drehte den Kopf dem Eingang des Speisewagens zu, bereit, Herrn

Koch mit einem Glückwunsch zu begrüßen, daß die Sache noch gut

abgelaufen war, aber es vergingen ein und zwei Minuten, ohne daß Herr

Koch sich zeigte. Allan setzte sich wieder auf seinen Platz zurecht

und begann die Landschaft zu betrachten.

Der Zug rollte jetzt durch einen Fabrikdistrikt. Man sah nur hohe

Schlote, von denen der fette Rauch in langen, schweren Streifen,

die Meertang glichen, über den blauen Himmel wogte; graugelbe

Fabrikfassaden, Massen von Seitengleisen, wo schmutzigrote Güterwagen

angehäuft standen. Gras und Unkraut wucherte mager und gelb, als

hätte es Fieber; die Schlackenhaufen türmten sich darum wie um einen

Krater. Das Ganze war beklemmend, trostlos. In einer solchen Umgebung

zu existieren, für sein ganzes Leben lang an ein solches Gefängnis

gebunden zu sein ... Allan schauderte. Er sah zu dem abenteuerblauen

Septemberhimmel empor und freute sich, in diesem Wagen zu sitzen, der

in taktfesten Wellenbewegungen dahinrollte, und er zitierte halblaut

und pathetisch vier Zeilen von Snoilsky, die den Unterschied zwischen

einem Passagier erster Klasse und einem Lokomotivführer hervorheben.

Dann fiel ihm wieder Herr Koch ein, und er klopfte dem Kellner.

„Ich möchte zahlen, Ober. Ich muß dann hineingehen und mich nach meinem

Freunde umsehen.“

Ueber das Gesicht des Kellners huschte ein rasches Zucken, aber er

sagte nichts anderes als: „Sehr wohl,“ und kritzelte hastig einige

Hieroglyphen auf ein Blatt Papier.

„Neun Mark, sechzig Pfennig!“

Allan bezahlte und gab ein Trinkgeld. Plötzlich fiel ihm etwas ein.

„Aber Herr -- -- -- aber der andere Herr?“

„Hat schon bezahlt.“

„Hat schon bezahlt?“

„Jawohl, schon längst.“

Die Stimme des Kellners war so gleichgültig als nur möglich, und er

eilte weiter, sowie er geantwortet hatte. Allan unterdrückte ein

hastiges Gefühl des Staunens. Herr Koch hatte bezahlt! Pflegte man im

Speisewagen zu bezahlen, bevor man fertig war? Und insgeheim? Er für

seine Person hatte Herrn Koch dem Kellner keinen Pfennig geben sehen.

Er zuckte die Achseln und ging in sein Coupé zurück, um Herrn Koch zu

interviewen, wie die Sache zugegangen war.

Der Zug hatte wieder begonnen zu schwanken und zu schlingern, und

es brauchte einige Zeit, und nicht wenig Balancierungskunst, um

glücklich durch die Korridore zu kommen, die jetzt leer waren.

Einmal kam ein so heftiger Stoß von einem Stationswechsel, den man

im Eilzugstempo passierte, daß Allan ganz linksum geworfen wurde.

Zu seiner Ueberraschung erblickte er am anderen Ende des Korridors

keinen geringeren als den Speisewagenkellner, der ihm zu folgen

schien. Im selben Augenblicke, in dem Allan den Mann ansah, verschwand

er jedoch in ein Coupé. Allan erinnerte sich, daß man sich auch in

den Coupés servieren lassen konnte, und vermutend, daß der Mann zu

diesem Behufe da war, ging er weiter. Endlich hatte er seinen Wagen

erreicht. Er ging an dem Coupé vorbei, das die Amerikanerin und der

alte Herr mit Beschlag belegt hatten, und zog die Schiebetüre zu seinem

eigenen Abteil zurück. -- Nun, Herr Koch, Sie sind ja gar nicht

wiedergekommen! hatte er auf den Lippen, als er plötzlich innehielt.

Herr Koch befand sich nicht in dem Coupé. Das Coupé war leer.

Allan blieb eine Minute in der Türe stehen, bevor er sich entschloß,

einzutreten. Was in aller Welt? Er war gar nicht da? Sehen wir mal,

sein Gepäck ... Es war auch kein Gepäck da! Nur eine ganz diminutive

Handtasche. Plötzlich kam ihm eine blitzartige Erinnerung: Es war

ja auch zu der Zeit, als Herr Koch noch im Coupé saß, kein anderes

Gepäck dagewesen. Herr Koch reiste fast ebenso ohne Gepäck wie er

selbst ... Er fuhr aus seinen Gedanken bei dem Laut diskreter, beinahe

schleichender Schritte im Korridor auf. Bei allen Göttern, war das

nicht schon wieder der Speisewagenkellner!

Diesmal berührte seine Anwesenheit und sein blitzschnelles

Hineinblicken in Allans Coupé diesen als so unnötig, ja geradezu

eigentümlich, daß er von seinem Platz aufsprang und in den Korridor

hinausstürzte, um mit dem dienenden Bruder ein Wörtchen zu sprechen.

Aber dieser war schon in den nächsten Wagen verschwunden, und Allan

kehrte mit gerunzelter Stirne zu seinem Platz zurück. Ein paar

Augenblicke dachte er daran, den Schaffner aufzusuchen und mit ihm über

Herrn Kochs Schicksal zu beratschlagen; dann beschloß er, sich einen

blauen Teufel darum zu scheren -- er kannte den Mann ja gar nicht --

und versank in das Studium des einzigen Gepäckstückes, das dieser,

abgesehen von der diminutiven Handtasche auf dem Sofa zurückgelassen

hatte, einen illustrierten Katalog einer Zauberfirma in Berlin.

Es war ungefähr fünf Uhr, als der Zug in die Bahnhofshalle von Köln

rollte, wo Allans erstes wirkliches Abenteuer begann. Er vergaß

nachher nie das Nachmittagssonnenlicht, das die gewaltige Halle mit

gelben Staubgürteln durchzog. Der breite Perron war voll von Menschen,

die durcheinanderwimmelten, von Zeitungs- und Bücherkiosken, von

Verkaufsständen, wo man Bier, Bananen und Bäckereien bekam. Eine alte

Vettel, im Hinblick auf die Gestalt von frappanter Aehnlichkeit mit

einem _Ballon captif_, im Begriffe, die Vertauungen zu lösen,

hatte die Rolle des Blumenmädchens übernommen. Allan zog den Kopf vom

Coupéfenster zurück und streckte die Hand zum Netz nach seinen einzigen

Gepäckstücken aus -- einem Hut und einem Stock (der Ueberrock war in

Hamburg geblieben). Er wollte aussteigen, um seine Beine ein bißchen

auszugraden. Eben hatte er den Hut auf den Kopf gesetzt, als die Türe

seines Coupés von drei Gestalten verdunkelt wurde. Der vorderste trug

einen diskreten zivilen blauen Sakkoanzug; hinter ihm gewahrte Allan

zu seiner unaussprechlichen Verwunderung einerseits den weißbejackten

Kellner aus dem Speisewagen, andererseits einen kolossalen behelmten

Schutzmann.

Allans erster Impuls (wie wahrscheinlich auch der des Lesers) war,

einen Schritt zurückzutreten, während er das Trio anstarrte; er hatte

Zeit zu einem Schritt, aber nicht zu mehr, denn offenbar befürchtend,

daß er zum Fenster hinausspringen könnte, stürzten der Mann in Zivil

und der Polizist auf ihn los, legten jeder eine Hand auf seine

Schulter und riefen mit Stentorstimme:

„Im Namen des Gesetzes, Sie sind verhaftet!“

Allan war zu betäubt, um an Widerstand zu denken. Der einzige Gedanke,

den er formulieren konnte, war: Was zum Teufel soll das heißen? Ist

das die Rache der Akzeptanten? Lassen sie mich durch diese Schergen

heimholen? Nun tat der Zivilist (ein schwammiger Herr mit schwitzenden

Händen) seinen Mund auf und sagte hohnvoll:

„Machen Sie kein so erstauntes Gesicht, mein lieber Benjamin Mirzl! Man

weiß schon, daß Sie sich verkleiden können. Aber es gibt Leute, die

Ihre kleinen Kniffe durchschauen. Kommen Sie ohne Aufsehen mit. Sie

können sich dieses Mal einen Träger für Ihr Gepäck ersparen.“

„Gepäck? Das ist nicht meine Tasche,“ gelang es Allan hervorzustoßen.

„Natürlich nicht! Haha, natürlich nicht!“

„Mein Gepäck steht in Hamburg,“ schrie Allan außer sich, während eine

dunkle Ahnung des Zusammenhanges sich aus den Nebeln in seinem Innern

kristallisierte.

„Haha, ja gewiß, ja gewiß! Warum nicht in Petersburg? Nein, nein,

Mirzl, Sie sind in der Schlinge gefangen. Machen Sie gute Miene, das

ist wohl das einzige, was Sie tun können.“

„Ich heiße nicht Mirzl, oder was Sie da zum Donnerwetter sagen, ich

heiße Kragh, und ...“

„Stillschweigen!“ brüllte der gigantische Schutzmann, dessen Gemütsruhe

durch die Lorbeeren des Zivilisten gestört wurde. „Mit aufs Amt, und

keinen Ton, dann werde ich mich hinter Ihnen halten.“

„Aber ...“ setzte Allan an und hielt inne; es hatte ja keinen Zweck,

+hier+ zu protestieren. Mit einem Achselzucken trat er in den

Korridor. Der Zivilist mit Herrn Kochs diminutiver Tasche folgte

ihm auf dem Fuße und der Mammut-Schutzmann beschloß die Prozession.

Plötzlich hörte Kragh den Kellner rufen:

„Aber meine Belohnung! Wo kann ich mir die abholen?“

„Das werden Sie später erfahren!“ rief der Mann in Zivil über die

Achsel zurück. „Uebrigens sind Sie ja zwei; der in Essen ausgestiegen

ist, wird Ihnen schon nicht das Ganze lassen.“

Mit diesen Worten des Zivilisten im Ohr, ihn selbst an seiner Seite

und den gewaltigen Gesetzeswächter hinter sich, passierte Allan das

Paar im anderen Coupé -- die Amerikanerin und den alten Herrn mit der

Raubvogelnase. Er sah, wie sie ihre feinen Augenbrauen emporzog und dem

bordeauxnasigen Alten etwas zuflüsterte -- die waren jetzt offenbar ein

Herz und eine Seele. Er senkte den Kopf, um nicht mehr zu sehen und

ging nach rechts, in der Richtung, die der Zivilgekleidete angab. Was

hatte das Ganze zu bedeuten? Abenteuer, Septemberabenteuer in Sonne

und blauer Luft -- das sah mehr nach totaler Sonnenfinsternis und sehr

eingeschlossener Luft aus. Was hatte das Ganze zu bedeuten?

Kein Philosoph hätte sich diese Frage mit mehr Nachdruck stellen können.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

„Das ist Ihr Paß? Sie sind Herr Allan Kragh, Student, schwedischer

Bürger?“

Allan bejahte diese beiden Fragen mit einem Nachdruck, der nur von

seiner Furcht, den kleinen dicken Polizeirichter, der Geijerstam

ähnlich sah, unwiderruflich zu verletzen, gedämpft war. Keine schwarzen

Fahnen jetzt, nur weiße Friedensflaggen, bis man loskam. Anderthalb

Tage im schwarzen Loch!

„Warum haben Sie nicht schon früher bei mir protestiert, wenn das Ihr

Paß ist?“

Allan fixierte den geijerstamähnlichen Repräsentanten der Gerechtigkeit

und schluckte erst einige kernige schwedische Ausdrücke, bevor er

erwiderte:

„Ich habe doch vom ersten Augenblick an gesagt, wer ich bin, obgleich

Ihre verdamm -- -- -- obgleich niemand auf mich hören wollte. Es wurde

als mathematisch feststehend angesehen, daß ich Mirzl sein muß -- wer

zum Teufel nun dieser Mirzl ist! Mirzl! In meinem Leben habe ich nichts

von einem Mirzl gehört.“

„Dann lesen Sie die Zeitungen schlecht, oder auch sind die schwedischen

Zeitungen hinter ihrer Zeit zurück. Nun gut, wir werden telegraphisch

anfragen. Fällt die Antwort zu Ihren Gunsten aus, werden wir Ihre Sache

schon heute nachmittag in Erwägung ziehen.“

„Danke allerergebenst, danke +aller+...“

„Aber ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß uns die Sache mit der

Handtasche sehr bedenklich vorkommt. Sie enthielt allerdings nichts

direkt Kompromittierendes, aber es ist bekannt, daß Mirzl eine solche

Tasche in seinem Besitz hatte, als er aus Berlin verschwand.“

„Die Tasche! Wie oft muß ich noch sagen, daß das nicht mein Gepäck ist?

Daß mein Gepäck in der Garderobe in Hamburg mit dieser Kontramarke

steht und ...“

„Sie werden zugeben, daß man nicht gerade häufig sein Gepäck in der

Garderobe in Hamburg läßt, wenn man mit dem Expreßzug nach Paris fährt?

... Nun ja, nun ja, wir werden telegraphieren!“

Es vergingen sechs Stunden, bis Allan den Polizeirichter mit dem

rundbäckigen Aussehen, den Brillen und dem Schnurrbart wiedersah. Als

es dazu kam, war es in einem kleinen, ganz ungestörten Raum des großen

Amtsgebäudes. Der kleine Mann mit dem literarischen Aussehen hielt ein

paar Telegramme in der Hand und betrachtete abwechselnd eine Karte des

Deutschen Reiches und ein Album mit vielen Photographien.

„Ja, ja, wir haben untersucht, wir haben telegraphiert ... ich muß

sagen, Herr Kragh, Sie haben höchst außerordentliche Erfahrungen

gemacht. Ist das Ihre erste längere Reise ins Ausland?“

„Ja“ (erbittert).

„Das glaube ich, ich konnte es mir denken. Höchst außerordentliche

Erfahrungen, das muß ich sagen.“

„Ist Ihnen meine Identität bestätigt worden?“ (äußert erbittert, denn

sechs Stunden der Abgeschiedenheit bei spartanischer Kost tragen nicht

gerade dazu bei, die Laune zu verbessern.)

„Wir glauben es. Ja, wir glauben, überzeugt sein zu dürfen, daß Sie

tatsächlich Herr Allan Kragh aus Schweden sind.“

„Gedenken Sie mich also loszulassen? Gedenken Sie die Bevölkerung von

Köln diesem Risiko auszusetzen? Ist das Kölnischwasser eingesperrt? Und

der Dom bewacht?“

„Einen Augenblick, Herr Kragh. Wir bedauern den Mißgriff sehr, wir

bedauern ihn außerordentlich, und wir wollen Sie gerne, soweit es in

unseren Kräften steht, schadlos halten. Natürlich werden Sie sofort

in Freiheit gesetzt (die Stimme des Polizeirichters war so sanft und

versöhnlich, daß es beinahe klang, als spräche er finnisch). Gestatten

Sie mir nur eine Frage: Waren in Ihrem Gepäck in Hamburg große Werte

enthalten?“

„Werte? Hm. Das gewöhnliche Reisegepäck, einige Anzüge und dergleichen.

Gold und Juwelen nicht.“

„Ausgezeichnet ... Ihr Garderobeschein hatte die Nummer 374?“

„Ja, was meinen Sie?“

„Warten Sie ein bißchen! Hm ... 374. Nun wohl, Herr Kragh, warum sollte

ich Ihnen die Sache verbergen: Ihr Gepäck ist gestohlen.“

„Gestohlen? Stiehlt man Gepäck, das einer deutschen Eisenbahngarderobe

eingeliefert ist? Ich habe meinen Schein.“

„Ja, ja, Ihren Schein, Nr. 374, drei Kolli. Aber vorgestern, als Sie

... als Sie irrtümlich angehalten wurden, kam ein Telegramm an die

Garderobe, die drei Kolli auf Nummer 374 expreß nach Osnabrück zu

schicken; der Inhaber habe nicht Zeit gefunden, sie abzuholen. Die

Garderobe sandte sie noch am selben Tage ab, sie wurden um sechs Uhr

abends in Osnabrück (mit einem falschen Gepäckschein, wie wir allen

Grund haben, zu vermuten, ja allen Grund) von einem Herrn abgeholt,

der sofort nach Holland weiterreiste ... Ihre zwei Handkoffer und Ihr

Ueberrock, Herr Kragh, sind also gestohlen.“

„Putz weg! Donnerwetter ...“ Allan starrte den sanftäugigen

Polizeirichter ganz verblüfft an. „Wer in Teufels Namen ...“

„Ja, wer kann die Nummer Ihres Garderobescheines wissen! Hat man Sie im

Hamburger Bahnhof darangekriegt? Wir verstehen die Sache ebensowenig

wie Sie selbst -- und Sie sollten sie besser verstehen als wir. Ja, das

sollten Sie wirklich.“

Allan bog in einen neuen Gedankenkanal ein.

„Das sollte ich! Aber wie konnten Sie sich unterstehen, mich zu

arretieren? Warum haben Sie diesem Kerl Gelegenheit gegeben, mein

Gepäck zu stehlen? Haben Sie die Güte und erklären Sie mir, was hinter

dieser anderen Geschichte steckt! Jetzt bin ich nicht mehr Angeklagter!“

„Herr Kragh!“ Die Stimme des Polizeirichters war voll sanftem

Tadel, aber Allan hörte nicht mehr auf diesem Ohr, seine erlittenen

Verunrechtungen begannen ihm zu Kopf zu steigen. Wie ein Verbrecher

arretiert und obendrein noch bestohlen werden! Das war zuviel. Wozu

hatte man Konsuln?

Er hörte die sanfte, gleichsam bebrillte Stimme des Polizeirichters:

„... daß die ganze Geschichte im Speisewagen entstanden ist. Sie haben

den Mann nicht gekannt, mit dem Sie zu Mittag gegessen haben?“

„Gekannt? Habe den Kerl noch nie im Leben gesehen. Es ist das erstemal,

daß ich im Ausland bin.“

„Hm, ja, ich kann ... nun schön, dieser Mann -- Aber warten Sie, Sie

sollen die Geschichte aus erster Hand hören.“

Der Polizeirichter drückte auf einen Knopf, gab einem Bediensteten

eine Weisung und begann in der Erwartung, daß sie ausgeführt werde,

wieder in dem Album mit den vielen Photographien zu blättern. Hie

und da schob er die Unterlippe auf halbem Wege zur Nase hinauf,

offenbar in tiefe Grübeleien versunken. Von Zeit zu Zeit fanden diese

in einem gedankenvollen p--r--m, p--r--m Ausdruck, das an den Ton

erinnerte, den eine Kindertrompete von sich gibt, wenn ihr kleiner

Besitzer hineingespuckt hat. Plötzlich öffnete sich die Türe, und der

Bedienstete kam mit jemand herein, der sich als der Speisewagenkellner

von vorgestern entpuppte. Der kleine Polizeirichter schnitt die

untertänigen Bücklinge des Sangmeds mit einer Geste ab und sagte kurz:

„Erzählen Sie. Erklären Sie dem Herrn die Sache.“

„Ach, gnädiger Herr, es ist ein Irrtum, ein furchtbarer Irrtum. Man

hat mich beschwindelt, man hat mich betrogen, gnädiger Herr. Es war

der Herr, der an Ihrem Tische gespeist hat -- hol’ ihn der Teufel.

Gerade als ich dem gnädigen Herrn den Fisch serviert habe, machte

mir der andere Herr Grimassen: Sehen Sie den Herrn an, das ist ein

durchgegangener Verbrecher -- ganz vorsichtig, so daß der gnädige

Herr nichts gemerkt hat. Ich sah den gnädigen Herrn an und hörte, wie

der gnädige Herr sagte, daß er von seinem Gepäck und allem fortreisen

mußte; und der andere Herr nickte mir nur immer zu -- der Teufel soll

ihn holen. Auf einmal kommt er zu mir hinaus in den rückwärtigen Teil

des Wagens und sagt: Der Herr an meinem Tisch ist kein anderer als

Mirzl selbst.“

„Aber wer ist denn dieser Mirzl?“ rief Allan, dem nun schon zum

dritten Male dieser Name ins Gesicht geschleudert wurde. Statt aller

Antwort reichte der Polizeirichter ihm stumm das Album mit den vielen

Bildern und eine zwei Tage alte Berliner Zeitung. Da fand er fett

gedruckt die Ueberschriften: -- +Großer Hoteldiebstahl in Berlin W.

-- Benjamin Mirzl wieder in Aktion -- der Betrag über siebzigtausend.

-- Mirzl entkommt im Auto.+ -- Und im Album fand Allan eine

Serie Photographien _en face_, im Profil, von rückwärts, einen

dreißigjährigen Herrn darstellend, an dessen Züge er sich dunkel zu

erinnern glaubte, vermutlich aus irgendeiner illustrierten Zeitung. --

„Unser größter Schwindler,“ sagte der Polizeirichter. „Er ist noch nie

gefaßt worden, aber diesmal ist er mit knapper Not entwischt und mußte

das meiste im Stich lassen.“

„Das war am Tage, bevor ich mit dem Expreß abreiste!“ rief Allan.

„Ja, so war es.“

Der dienende Bruder setzte unverdrossen seinen Bericht fort.

„Ich spitzte natürlich die Ohren; der andere Herr zog eine Visitkarte

hervor und sagte: ‚Ich bin Rechtsanwalt Dr. Hauser.‘“

„Aber mir sagte er doch, er hieße Koch und sei Schauspieler!“ rief

Allan.

„Er hat den gnädigen Herrn irreführen wollen. ‚Mein Name ist

Rechtsanwalt Dr. Hauser,‘ sagte er zu mir. ‚Ich springe in Essen ab,

um einen Detektiv zu holen und Mirzl zu arretieren. Komme ich nicht

zurecht, so lassen Sie ihn um Gottes willen in Köln festnehmen! Auf

dem dortigen Bahnhof sind immer Polizisten. Bedenken Sie, daß nur für

seinen letzten Streich allein fünftausend Mark Belohnung ausgesetzt

sind!‘ So sagte der gottverdammte Mensch, und in Essen sprang er ab. Er

kam nicht wieder. Ich behielt den gnädigen Herrn im Auge, und in Köln

...“

„Das übrige weiß ich,“ sagte Allan.

„Ach, gnädiger Herr, ich bin ein armer Mann, verheiratet, Familienvater

mit vier Kindern, wie sollte ich ahnen, daß dieser elende Mensch mich

ins Verderben stürzen wollte. Nicht einmal sein Mittagessen hat er

bezahlt, bevor er in Essen abgesprungen ist.“

„Ich bezahle es nicht. Aber ich unternehme auch nichts gegen Sie. Ich

rate Ihnen nur, ein andermal mehr an das Service und weniger an die

Gäste zu denken. Das ist eine gute Regel für einen Kellner, glaube ich.“

„O gnädiger Herr ...“

„Es ist schon gut. Kann ich gehen, Herr Polizeirichter?“

„Aber -- aber natürlich. Und Sie -- Sie gedenken die Sache nicht weiter

zu verfolgen?“

„Diesmal nicht. Ich zog aus, um Abenteuer zu suchen, wenn ich sie

auf den Hals bekomme, kann ich nicht klagen. Falls mein Gepäck noch

auftauchen sollte -- aber das kommt wohl nicht in Frage. Darauf wird

Herr Mirzl wohl auch Beschlag gelegt haben.“

„P--r--m -- ach nein, der bewegt sich in einem höheren Genre.“

„Ich bin ebenso gespannt, seine nähere Bekanntschaft zu machen, wie

Sie, Herr Polizeirichter. Leben Sie wohl.“

Allan verließ das kleine Zimmer des großen Gebäudes; der kleine

Polizeirichter folgte ihm durch die Korridore bis zum Ausgang, wo Allan

und er sich voneinander unter tiefen Verbeugungen verabschiedeten.

Allan ging nun durch die Straßen, etwas wirr im Kopf von all den

Ereignissen, ohne daran zu denken, welche Richtung er einschlug. Es war

nun, wie ein Blick auf die Uhr ihm sagte, fast vier Uhr nachmittags.

Plötzlich, als er an einer Straßenecke stehen blieb, um zu überlegen,

was nun zu tun sei, spürte er eine Hand auf seiner Schulter und zuckte

zusammen. Eine neue Arretierung? Das wäre doch zuviel des Guten. Er

drehte sich um. Ein junger Mann im Strohhut grüßte ihn lächelnd und

reichte ihm einen Brief.

„An Sie,“ sagte er.

Bevor Allan ihn noch aufhalten konnte, war er verschwunden. Allan

starrte ihm in dem Volksgewühl nach, ohne zu wissen, was er eigentlich

glauben sollte. Er lief einige Schritte in der Richtung, die der

Unbekannte eingeschlagen hatte, aber ohne ihn zu erblicken; der Verkehr

war im Augenblicke überwältigend. Dann sah er den Brief an, der die

Aufschrift trug: „Herrn Allan Kragh aus Schweden“, und riß ihn auf, von

einer plötzlichen Ahnung gepackt.

Was er las, war dies:

„Lieber Herr Kragh! Sie haben ohne Zweifel viele Flüche auf mein

Haupt herabbeschworen, seit wir uns zuletzt sahen, obwohl es fraglich

ist, ob Sie diese Flüche richtig adressieren konnten. Verzeihen

Sie mir, daß ich Ihre Freundlichkeit, mir im Speisewagen Graacher

Auslese vorzusetzen, so schlecht gelohnt habe; verzeihen Sie mir in

noch höherem Grade die Unannehmlichkeiten, die ich Ihnen späterhin

verursacht habe -- Unannehmlichkeiten, deren Charakter ich selbst nur

zu gut einzuschätzen verstehe.

Ich weiß, daß der Verlust Ihres Reisegepäcks auf den Garderobeschein

374 des Hamburger Hauptbahnhofes, den Sie so unvorsichtig waren,

mir beim Diner zu zeigen, gegen die eben erwähnten anderen

Unannehmlichkeiten nicht ins Gewicht fällt. Leider war ich wirklich

durch die Verhältnisse gezwungen, so zu handeln. Seien Sie überzeugt,

daß es eine zwingende Notwendigkeit war.

Sollten Sie geneigt sein, mich sämtliche Unannehmlichkeiten

sühnen und Ihnen natürlich in erster Linie Ihr elegantes Gepäck

zurückstellen zu lassen, so können Sie mich Freitag abend, den

zwölften dieses, um zehn Uhr in The Leicester Lounge am Leicester

Square in London treffen. Seien Sie überzeugt, daß ich Sie erkennen

werde, wenn Sie sich einfinden, auch wenn Sie mich nicht erkennen

sollten. Ich mache Ihnen diesen Vorschlag, um zu sehen, ob ich den

Charakter eines Mannes, der ohne weiteres einer Laune wegen sein

Gepäck im Stiche läßt, richtig beurteilt habe.

Also auf Wiedersehen!

Ihr ergebener

Ludwig Koch,

alias Dr. Hauser,

alias .....

(nach Belieben von Ihnen selbst auszufüllen.)“

_P. S._ Daß ich Ihren Namen in Erfahrung gebracht habe, werden

Sie hoffentlich nicht übelnehmen.“

Yussuf Khans Heirat · 第 2 / 16 段