der er sich für den Augenblick befand, mußte er lächeln. Auf einem der
roten Lederstühle saß eine alte Dame mit dem New York Herald in der
Hand -- sie wäre von der Zeitung verdeckt gewesen, wenn sie sie nicht
gesenkt und Allan über den Rand angeguckt hätte. Ihr Gesicht glich
auf das I-Tüpfelchen einem alten, schlauen Papagei. Sie hatte graues
Haar, das von den Ohren abstand, zwei scharfe kohlschwarze Augen und
eine Nase, die den Rest des Gesichtes ebenso gründlich ausfüllte,
wie die Sankt Paulskathedrale den offenen Platz, an dem sie liegt.
So wie die Kathedrale kam sie architektonisch nicht zu ihrem vollen
Recht, aus Mangel an Perspektive ... Man sah jedoch einen breiten Mund
mit schmalen und offenbar sehr scharfen Lippen, und ein Kinn, das
napoleonisch zu wirken versuchte. Die kohlschwarzen Augen fixierten
Allan schräg, ganz wie die eines Papageis. Allan verbeugte sich
ehrfurchtsvoll:
„Ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, Madame! Ich dachte
wirklich nicht daran, was ich sagte, und ich wußte kaum, wo ich mich
befand.“
„Warum haben Sie geflucht?“ sagte die alte Dame. Sie betonte das Wort
geflucht so, daß es klang, wie gemordet oder falsches Zeugnis abgelegt.
Allan wandelte die barocke Lust an, ihr alles zu erzählen.
„Ich will versuchen, es Ihnen zu erklären,“ begann er. „Sind Sie
Amerikanerin, wenn ich fragen darf?“
„Ja. Haben Sie deshalb geflucht?“
„Nicht weil +Sie+ Amerikanerin sind. Gott bewahre mich. Aber
aufrichtig gesagt, war es eine Ihrer Landsmänninnen, die mich zum
Fluchen brachte.“
„Ein Gentleman flucht nie über eine Dame oder in Damengesellschaft.“
„Sie haben recht. Ich bereue aus der Tiefe meines Herzens. Sehen Sie,
diese Dame überraschte mich gerade, als ich dabei war, den Portier
auszufragen ...“
„Hat sie gehorcht? Dann ist sie keine Dame. Dann haben Sie das Recht zu
fluchen.“
„Hm, sehen Sie, ich war eben im Begriff, den Portier nach ihr selbst
auszufragen ...“
„Sind Sie in sie verliebt? Dann haben Sie ein Recht dazu. Dann verstehe
ich Sie.“
„Sie interessiert mich. Und Sie begreifen, daß ...“
„Haben Sie vom Portier erfahren, wer sie ist? Sind Sie ein Engländer?“
„Sie kam gerade zurecht, um mich daran zu verhindern. Nein, ich bin ein
Schwede, Madame.“
„Warum fluchen Sie dann auf englisch?“
„Ja, wer das sagen könnte! Das Klima, vermute ich. Nochmals, ich bitte
Sie um Entschuldigung, Madame.“
„Oh, _demmit_, ist nicht nötig. Ich fluche selber, wenns sein
muß. Setzen Sie sich nieder, Sie interessieren mich. Was machen Sie in
London?“
„Ja, wenn ich das wüßte. Eigentlich bin ich hier, um einen Herrn zu
treffen, der meine Koffer gestohlen hat.“
„Die kriegen Sie nie zurück. In London kriegt man nie etwas zurück,
nicht einmal das Geld, das bei den Rechnungen übrig bleibt. Ich kenne
die Engländer. Hat er Ihre Koffer hier in London gestohlen?“
„Nein, im Expreß in Deutschland; und sehen Sie, das Lächerliche ist --“
„Was ist das Lächerliche? Da ist Helen. Grüß Gott, mein Kind. Was ist
das Lächerliche?“
„Daß er sie mir unversehrt hierher zurückgeschickt hat.“
„_Now demmit_ ... ich meine, sitzen Sie da und machen Sie sich
über mich lustig, junger Mann? Helen, komm her, dann wirst du etwas
hören. Hier ist ein junger Mann, der Märchen aus Tausendundeiner Nacht
erzählt. Außerdem flucht er in Damengesellschaft.“
Allan sah auf und erblickte ein junges Mädchen von zwanzig Jahren,
die jetzt auf die alte Dame im Klubsessel zukam. Sie war schlank,
blond und unaussprechlich amerikanisch. Allan fühlte eine instinktive
Sympathie, die, wie er ebenso instinktiv empfand, verschieden von dem
war, was er sonst für junge Damen zu empfinden pflegte. Sie hatte graue
Augen und sehr reine Züge. War sie die Tochter der alten Dame auf dem
Klubfauteuil, dann mußte sie wohl mehr ihrem Vater nachgeraten sein ...
„Das hier ist meine Tochter, junger Mann, ob Sie es glauben oder nicht.“
Die kohlschwarzen Papageienaugen hatten offenbar seine Gedanken
gelesen. Allan verbeugte sich und zog eine Visitkarte hervor.
„Ich weiß nicht, was in Amerika korrekt ist,“ sagte er ein bißchen
befangen. „Gestatten Sie?“
Die alte Dame erfaßte seine Karte mit einer krallenähnlichen Hand,
hielt sie vorsichtig auf Armeslänge von sich ab (in diesem Falle keine
besonders große Distanz) und betrachtete sie mit schräggelegtem Kopf.
„K--r--a--g--h, Kragh, ist das ein komischer Name! Well, mein Name ist
Mrs. Bowlby aus Worcester, Massachusetts, Sir!“
Sie sprach Allans Namen aus, als bedeutete er Kreide[1].
[1] Auf englisch _Cray_. Vorsichtige Bemerkung.
Allan versuchte, ihr eine skandinavischere Aussprache beizubringen.
„_Now demmit_, glauben Sie, ich bin nach England gekommen, um
Schwedisch zu lernen? Wenn Sie auf englisch fluchen, können Sie sich
auch auf englisch titulieren lassen. _There_, fahren Sie in Ihrer
Erzählung fort.“
Seine weiteren Erlebnisse in Mrs. Bowlbys Gesellschaft hatte Allan
folglich als Mr. Cray.
Unter einem Regen von Interpellationen berichtete er seine Abenteuer im
deutschen Expreßzug, in Köln und in London. Plötzlich schweiften die
Gedanken der alten Dame zum Ausgangspunkt zurück.
„Und die Dame, die Sie am Hamburger Bahnhof sahen, ist dieselbe, die
hier im Hotel wohnt?“
„Ja.“
„Wie kann das Hotel so etwas zulassen, das ist doch natürlich eine
Hochstaplerin. Schon die Art, wie sie einen feinen jungen Mann wie Sie
behandelt, beweist es.“
„Mrs. Bowlby, ich war sehr unbescheiden ...“
„Gewiß nicht. Absolut nicht. Das ist eine Schwindlerin, denken Sie an
meine Worte! Wie sieht sie aus?“
„Sie ist ein bißchen mehr als mittelgroß und etwas hochmütig. Mit
grauen Augen wie Miß Bowlby und recht kurzer Oberlippe. Sie sieht aus
wie eine blonde spanische Infantin, wenn Sie verstehen, was ich meine,
Mrs. Bowlby.“
„Natürlich. Und sie ist Amerikanerin?“
„Ja. Ich glaube wenigstens. Das heißt, auf dem Bahnhof sprach sie
allerdings deutsch, wie ich Ihnen schon erzählt habe -- aber später ...“
„Haha!!“
Mrs. Bowlbys Lachen war so triumphierend-krächzend, wie das eines
Papageis, dem es soeben gelungen ist, einen Feind so recht tüchtig in
den Zeigefinger zu beißen.
„Haha! Die habe ich schon im Hotel gesehen, ganz richtig. Jetzt weiß
ich’s. Sie hätte ebensogut französisch sprechen können, junger Mann.
Sie sind in gute Gesellschaft gekommen! Glauben Sie, ich weiß nicht,
wer sie ist?
Mrs. Langtrey, erinnerst du dich an Mrs. Langtrey, Helen?“
„Ich glaube, du hast von ihr gesprochen, Mama.“
„Ich? Nie im Leben. Ich spreche von solchen Personen nicht. Andere
Menschen haben vielleicht mit dir von ihr gesprochen ... Vor vier
Jahren sprachen alle Leute von ihr, obgleich sie sich schämen sollten,
überhaupt von so etwas zu sprechen.“
„Aber Mama!“
„Sch! Ich weiß, was ich sage. _Dash it_, ich sollte gar nicht
zu dir von ihr sprechen, Helen. Sie war mit dem Obersten Langtrey
in Boston verheiratet und eine große Modedame. Kurz bevor Langtrey
starb, hatte sie einen +gräßlichen+ Flirt mit einem französischen
Windbeutel, der sich Baron nannte oder Marquis oder König. De Citrac
hieß er. Langtrey hatte kaum die Augen geschlossen, als sie nach Europa
verduftete. Natürlich weiß man, was sie da wollte. Seither hat niemand
in Amerika von ihr gehört, obwohl alle von ihr gesprochen haben. Aber
ich glaubte sie gestern, als wir kamen, hier im Hotel zu sehen, und nun
nach Mr. Crays Beschreibung ...“
Mrs. Bowlbys Rede wurde dadurch unterbrochen, daß die Türe des
Lesesalons sich öffnete und jemand hereinkam, in strahlender,
rosafarbener Nachmittagstoilette, die um sie rauschte, wie der Schaum
um eine schlanke Säule. Sie warf einen eisig gleichgültigen Blick
auf Allan, ohne die beiden Damen auch nur zu sehen, und ging mit
königlicher Grazie auf einen der Tische mit den illustrierten Zeitungen
zu. Sie wählte The Queen aus und versank in einem Lederfauteuil im
rückwärtigen Teil des Lesesalons.
„_Well!_“ Mrs. Bowlbys Interjektion barg eine Welt von Bedeutung
-- „ist das nicht sie, die ...“
Allan, dessen Augen in dieselbe Richtung starrten, wie ihre
steinkohlenschwarzen Aeuglein, zog langsam seinen Blick wieder zurück.
Mrs. Bowlby, die diesen Blick gesehen hatte, erhob sich fünf Fuß hoch
aus ihrem Sessel.
„Zeit, Tee zu trinken,“ sagte sie. „Wollen Sie mit Helen und mir den
Tee nehmen, Mr. Cray? Sie brauchen Schutz und Schirm gegen die Welt,
junger Mann, sie ist voll Sünde, und unser eigen Fleisch der Sünde
bester Bundesgenosse.“
Allan riß die Tür für sie und Fräulein Helen auf, während er innerlich
im stillen bedauerte, daß die Sünde einerseits so verlockend aussehen
muß und andererseits nicht immer so geneigt ist, den Menschen zu
attackieren, wie die Theologen behaupten.
* *
*
Beim Tee in Mrs. Bowlbys Salon im ersten Stock gesellte sich Mr.
Bowlby hinzu. Mr. Bowlby war ein langer, breitschultriger, blonder
Mann, offenbar jünger als seine Gattin. Sein glattrasiertes Gesicht
erhielt seinen Charakter von dem breiten lustigen Mund. Er sah aus
wie ein Schuljunge. Mrs. Bowlby stellte Allan unter der Signatur vor,
unter der sie ein für allemal entschlossen war, ihn zu verbergen. Sie
entwarf eine farbenprächtige Schilderung seiner Abenteuer und eine noch
koloriertere Darstellung von Mrs. Langtrey und ihren Ansichten, wes
Geistes Kind diese Dame war. Mr. Bowlby interpunktierte ihre Erzählung
mit einer größeren Anzahl _blow me_ und ebenso vielen Tassen Tee.
Dann wischte er sich den Mund und sagte:
„_Well_, Susan (seine Stimme war laut und lärmend wie die eines
großen jungen Hundes), ich habe auch Neuigkeiten. Wir müssen in den
zweiten Stock ziehen.“
„Früher siehst du mich am höchsten Ast baumeln,“ sagte Mrs. Bowlby,
ohne einen Augenblick zu zaudern. „Ist die Börse zurückgegangen, John?
Du solltest sie sein lassen, wenn du auf Ferien bist.“
„Es ist nicht die Börse;“ sagte John. „Es ist ein König.“
„Ein König? Hast du einem König Geld geliehen, John?“
„Unsinn, ich leihe kein Geld aus, das weißt du. Der König soll hier
wohnen, ein richtiger König, der übermorgen herkommt, um sich in London
zu verheiraten. Der Direktor hat es eben als eine Gnade von mir erbeten
...“
„Ich sage dir eines, John, versuche nicht unser armes Kind an ihn
zu verheiraten! Helen! Du darfst nie an derartige Menschen denken,
versprich mir das, Kind.“
„Du phantasierst, Susan. Helen mit ihm verheiraten! Ebensogut könnte
ich sie mit einem Mormonen-Bischof verheiraten. Der König, der kommt,
hat schon hundertfünfzig Frauen.“
„Barmherziger Jesus! Was ist das für ein Untier, das uns aus unserer
Wohnung vertreiben will, John?“
„Ein König, ein richtiger König mit fünfzehn Millionen Untertanen, die
meisten davon braun, aber, _blow it_, ein richtiger König. Der
Direktor war geradezu verzweifelt, daß ...“
„Komme mir nicht mit dem Direktor! Bist du ein freigeborener
Amerikaner? Gibt es nicht noch andere Hotels in London?“
„Einige, Susan, aber das hier ist wohl das einzige, wo ein König
absteigen kann. Und wir bekommen eine Wohnung einen Stock höher, wo
Prinz Hieronymus von Bulgarien wohnte, als er zuletzt in London war.“
„Dann kann sich dieser König auch damit zufrieden geben. Was dem einen
recht ist, ist dem anderen billig.“
„Das ist aber ein regierender Fürst, Susan, und ein regierender Fürst
kann nicht höher wohnen als im ersten Stock.“
Mrs. Bowlbys steinkohlenschwarze Augen wanderten von John zu Fräulein
Helen und von ihr zu Allan.
„Hat er die hundertfünfzig Frauen mit, John?“
„Das weiß ich nicht, liebe Susan. Dann muß er wohl ein besonderes Hotel
für sie mieten, oder vielmehr hundertfünfzig besondere Hotels, damit
sie ihm das Leben nicht zu sauer machen.“
Mrs. Bowlby wurde weich.
„Ich bin überzeugt; daß er sie mit hat, John, ich kenne die Männer.
Ziehen wir also in die Wohnung des Prinzen! Ich muß hier bleiben und
diesen jungen Mann beschützen. Das ist meine Pflicht, Mr. Cray, denn
ich kenne auch die Frauen.“
Mrs. Bowlby stellte ihre Teetasse energisch hin und betrachtete Allan,
als wäre er ein junger Papagei vor seinem ersten unsicheren Flug. Dann
wendete sie sich an Mr. Bowlby.
„Wie heißt das Untier, John?“
„Yussuf Khan,“ antwortete Mr. Bowlby, indem er eine Zigarre ansteckte.
„Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad.“
IV
Yussuf Khan, Maharadscha von Nasirabad
Als Ibrahim Khan, selbständiger Maharadscha des Staates Nasirabad,
in der nordwestlichsten Ecke Indiens, im Jahre 1885 am Khawakpasse
vom damaligen Obersten der angloindischen Armee, Sir George Merriman,
besiegt wurde, war es nicht ein Fürst, oder ein Volk, das fiel; es
war ein System. Ibrahim Khan hatte sich während einer vierzigjährigen
Regierung als der erbittertste Gegner bekannt gemacht, den das
englische Regime seit Tippo Sahib gehabt hatte; nur die Kleinheit
und Entlegenheit seines Staates hatte seine Feindschaft verhindert,
ebenso furchtbar zu werden als sie erbittert war. Als die Nachricht
vom Ausgang der Schlacht am Khawakpasse in Nasirabad eintraf, und es
klar wurde, daß die Tage von Ibrahim Khans Selbständigkeit gezählt
waren, beschloß er, wenigstens selbst über die Anzahl dieser Tage zu
bestimmen. Gleich einem berühmten König des alten Testamentes stürzte
sich Ibrahim Khan auf sein Schwert, und die Gesänge, die Sir George bei
seinem Einzug in Nasirabad begrüßten, waren keineswegs Lobeshymnen.
Es ist jedoch wohlbekannt (wir verweisen auf Alexander Carsons
vortreffliche Lebensbeschreibung Sir Georges, Heinemann & Co., London
1908), wie gut Ibrahim Khans Besieger die Kunst beherrschte, die
Hannibal nie erlernen konnte, den Sieg auszunützen. Zum Administrator
des Reiches ernannt, das er der Königin erworben, verwaltete er es
mit einer Pflichttreue und einem Eifer, der sogar in Indien wenig
Gegenstücke gehabt haben dürfte. Nicht genug damit: er sah sich
durch einen Erfolg belohnt, der wohl noch seltener erreicht worden
sein dürfte. Als er im Jahre 1905, am Jahrestage der Schlacht am
Khawakpasse, die Bergtäler Nasirabads verließ, war es als Vater des
Landes, nicht als sein Besieger; aufrichtige Tränen der Bevölkerung aus
allen Landesteilen folgten ihm; und diese Tränen verdoppelten sich,
als die Nachricht von seinem drei Monate später erfolgten Tode das
schlichte Gebirgsvolk erreichte. „Er schlug uns, und er wurde unser
Vater; als er seinem Herzen unsere Herzen nicht mehr entgegenschlagen
fühlte, hörte es selbst auf zu schlagen,“ sang der alte Hofdichter
Abdul Mahbub.
Der Schmerz über Sir Georges Hingang wurde einigermaßen dadurch
gemildert, daß ein Sohn des alten Fürstenhauses gleichzeitig (unter
Oberaufsicht des neuen Residenten, Sir Herbert Layson) die Regierung
übernahm. Es war Yussuf Khan, Ibrahim Khans ältester lebender Sohn --
selbst eines der Produkte und vielleicht nicht das glücklichste, von
Sir George Merrimans Reformen. Bei Sir Georges Einzug in Nasirabad
erst vier Jahre alt, wurde der junge Prinz sofort unter die Leitung
eines englischen Hofmeisters gestellt; es war Sir Georges Ueberzeugung,
daß die Reformen sowie die Kultur von oben nach unten gehen müssen.
Zum Hofmeister des jungen Prinzen Yussuf Khan wählte er einen alten
Oxforder Freund namens Bowles. Vermutlich sah Sir George diesen mehr
durch die Brillen der Freundschaft, als der Pädagogik; es ist auch
möglich, daß er zu sehr von den übrigen Einwohnern Nasirabads und
ihren bunten Angelegenheiten in Anspruch genommen war, um viel Zeit
für die zahlreichen Angehörigen des fürstlichen Hauses übrig zu haben.
Und jedenfalls trug der Nimbus, der den Eroberer Nasirabads umgab,
dazu bei, alle Exzesse des jungen Thronfolgers zu verhindern, solange
Sir George selbst die Leitung des Reiches inne hatte. Uebrigens
war Dr. Bowles dem Prinzen ein so guter Lehrer, daß er die Sprache
seines Vaterlandes fast ganz über der der Eroberer vergaß. Sogar mit
seinem eingeborenen Lehrer, dem alten Dichter Ali, sprach er meistens
englisch. Aber das Jahr 1906 -- Yussuf Khans fünfundzwanzigstes
Jahr -- war kaum angebrochen, als er auch schon Sir Herbert Layson
verschiedentliche Nüsse aufzuknacken gab.
Zu dieser Zeit war sein alter Erzieher Bowles schon aus dem Spiele,
mit einer schönen Pension und sämtlichen Orden des Staates Nasirabads
an seiner Brust nach England heimbefördert; es war also Sir Herbert
selbst, der dem Anprall des ersten Sturmlaufes des jungen Regenten
gegen das neue Regime standhalten mußte. Er tat es in seiner eigenen
Weise, und vielleicht wäre das, was nun geschah, nie eingetroffen, wenn
ein Mann von anderem Charakter Sir Herberts Platz bekleidet hätte, in
welchem Falle auch dieses Buch nie das Licht der Welt erblickt hätte.
_Habent sua fata libelli_, sagt mit Recht der römische Dichter.
Nun war Sir Herbert Layson gerade ein Jünger dieses römischen Dichters
sowie seines großen Namensvetters Herbert Spencer; er war ein stiller,
ironischer, arbeitsamer, verschlossener Mann, der seine Tagesarbeit
verrichtete und es liebte, auf das Leben von einer ebenso kühlen und
klaren Höhe herabzublicken, wie er von seinem Palast in Nasirabad
auf die Bergtäler unter der Hauptstadt herniedersah. Yussuf Khans
jugendliche Heißblütigkeiten fing er wie Wurfgeschosse mit dem Schild
seiner Ironie auf; es muß zugegeben werden, daß dieser Schild auf harte
Proben gestellt wurde. Es begann mit Regierungsfragen, in denen der
junge Regent seinen Willen durchsetzen wollte; die Angriffe auf diesem
Gebiet waren von kurzer Dauer. Sir Herbert ließ den jungen Mann bei
einer oder zwei passenden Gelegenheiten seinen Willen durchsetzen;
das war genug. Die Unruhe und Erregung der Bevölkerung, die sich
schon an die maßvollen Verordnungen und Auflagen des englischen
Residenten gewöhnt hatte, überzeugte sogar Yussuf Khan sehr bald, daß
seine Anlagen nach anderen Richtungen wiesen. Recht bald hatte er
auch herausgefunden, welche diese Richtungen waren: Pferdesport und
militärische Uebungen. Der Anfall dauerte gut zwei Jahre, von 1907
bis Ende 1909. Daraus folgte eine kurze Periode der Mattigkeit beim
Patienten, bis die neue Phase der Krankheit auftrat. Und als dies
geschah, wurde Sir Herbert zum ersten Male unruhig. Denn nun hatte das
Weib seinen Einzug in Yussuf Khans Leben gehalten, und was schlimmer
war, das geträumte, nur mit den Augen des Ideals gesehene Weib. Sir
Herbert hatte Grund zur Unruhe.
Bei diesem Punkt fragt sich der flüchtige Leser erstaunt: Was weiter?
Hat man nicht von diesen indischen Fürsten und ihren Harems gelesen,
wo die schönsten, üppigsten Frauen der Welt ausschließlich für ihre
Rechnung verwahrt werden, wie eine Bibliothek von Luxusausgaben?
Sind nicht ihre mandelförmigen Augen schwärzer und sanfter als
die der Gazelle, ihre Glieder geschmeidiger als Schlingpflanzen,
ihre Zärtlichkeit berauschender als Haschisch! Gibt es nicht eine
schwedische Zenanamission für diese Unglücklichen? Oder war Yussuf
Khan schlechter daran als seine Kollegen? -- Dem Leser, der diese
elegant formulierten Fragen stellt, können wir nur antworten: Möge
er sich selbst in Yussuf Khans Lage versetzen, als souveräner Gatte
von einhundertfünfzig schönen Asiatinnen aller Völkerschaften! Was
nützt ein Harem und seine arabeskengeschmückten Mauern gegen das
Ideal? Das Ideal findet immer eine Ritze in den Arabesken, durch die
es sich eindrängt; es ahmt die Stimme der Nachtigallen nach, um von
Frauen zu singen, tausendmal verführerischer als die Haremskönigin,
es flüstert im Palmenrauschen; sein Sirenengesang klingt aus dem
Rieseln der Springbrunnen. Oder, um so prosaisch zu sprechen wie Seine
allerchristlichste Majestät Franz I. von Frankreich, auch er Herr
eines (höchst christlichen) Harems -- „_toujours perdrix_“! Immer
Rebhühner! -- Leben Sie einmal einen Monat von Rebhühnern und Bordeaux,
und Sie sehnen sich nach Käse und Brot und einem Schluck Wasser. Leben
Sie ein paar Jahre von Rebhühnern, und Sie werden Vegetarianer. Yussuf
Khan, Maharadscha von Nasirabad war schon um die Mitte des Jahres 1909
definitiv zum Vegetarismus übergegangen, und zu Ende dieses Jahres
war seine idealistische Krankheit in ein bösartiges, akutes Stadium
getreten.
Er wollte eine europäische Prinzessin heiraten!
Hatte Sir Herbert Layson Grund, unruhig zu sein oder nicht?
Was die Sache noch verschlimmerte, war der Charakter des trefflichen
Sir Herbert. Sein Schädel entbehrte gänzlich jener idealistischen
Knollen, die ein Phrenologe an dem Yussuf Khans gefunden hätte; als
Yussuf Khan seine Gesellschaft aufsuchte und ihn zögernd in die stumme
Qual seines Geistes einzuweihen begann, begegnete ihm Sir Herbert mit
einem trockenen Lächeln und mit Reflexionen über die europäischen
Frauen, die Yussuf Khan vor Empörung aufflammen ließen, wie einen
neuen Bayard. Erst als es zu spät war, erkannte Sir Herbert, wie die
Dinge standen, und änderte seine Taktik; aber seine Versuche, den
jungen Regenten für Polo- oder für Regierungsfragen zu interessieren,
hatten keinerlei Erfolg mehr. Seine einzige Hoffnung war, daß der
Frühling, der die Liebe im Menschen wieder entzündet, auch seine
Wirkung auf Yussuf Khan nicht verfehlen würde. Der Frühling kam;
doch anstatt bei Yussuf Khan die Liebe zu den hundertfünfzig Frauen
wieder zu entflammen, ließ er seinen Idealismus auflodern wie die
Scheiterhaufen an den Landstraßen oben im Gebirge. Und was mehr war:
der Frühling brachte ihm einen Plan. Da es unwahrscheinlich war, daß
die europäischen Prinzessinnen ihn in Nasirabad aufsuchen würden, blieb
offenbar nichts anderes übrig, als daß er sie in Europa aufsuchte.
Nun begann Sir Herberts wirkliches Inferno. Endlose Ermahnungen und
ironische Ausfälle erwiesen sich als gleich fruchtlos. Den ganzen
Sommer streifte Yussuf Khan wie ein unversöhnter Schatten um seinen
Palast herum, einen einzigen Wunsch auf den Lippen. Der Sommer
Nasirabads, sonst kühl und angenehm gegen den Sommer im übrigen
Indien, wurde für Sir Herbert so allmählich heißer als der Bikanirs.
Die Quellen seiner Ironie vertrockneten vor Yussuf Khans asiatisch
glühender Halsstarrigkeit. Er wurde nervös und reizbar, er verlor
seine kühle Erhabenheit gegenüber den Phänomenen des Lebens und seine
Arbeitsfreude. Endlich faßte er Ende Juli seinen Entschluß und schrieb
an den Vizekönig in Simla: Konnte man es riskieren, einen vom Gifte des
Idealismus fieberkranken Himalaya-Löwen auf Europa loszulassen? Waren
die heiratsfähigen europäischen Prinzessinnen unfallversichert? Hatte
nicht Pasteur irgendeine Behandlungsmethode für diese neue Form der
Rabies?
Die Antwort des Vizekönigs, die mit bis dahin unbekannter Spannung in
Nasirabad erwartet wurde, lautete kurz und bündig: +Lassen Sie den
jungen Idioten reisen, aber sorgen Sie für Bewachung.+
Sir Herbert stieß einen Seufzer unsäglicher Erleichterung aus. In
einer Woche waren die Arbeiten an Yussuf Khans Ausrüstung in vollem
Gange -- dieser Zeitraum war nötig, um die Begriffe des jungen
Regenten über die Pracht, die bei der Werbung um eine weiße Prinzessin
entfaltet werden sollte, ein wenig zu modifizieren. Nachdem Elefanten,
goldschabrackengeschmückte Stuten und eine Eskorte von zweihundert
stummen Sklaven aus dem Programm gestrichen waren, blieb noch ein
Punkt; in dem er sich unerschütterlich zeigte: Die Kronjuwelen
Nasirabads vom ersten bis zum letzten mußten mitgenommen werden. Selbst
mit dieser Pracht wußte er nur zu gut, wie unendlich gering seine
Aussichten waren, die geträumte stolze Prinzessin zu erringen: ohne die
Juwelen waren diese Aussichten winziger als die Eier der weißen Ameise.
Sir Herbert zuckte die Achseln; tatsächlich konnte er in diesem Punkte
nichts machen, denn die Juwelen waren Yussuf Khans Privateigentum. Er
begnügte sich damit, sich die Juwelen zeigen zu lassen; es war ein
sehenswerter Anblick. Er wußte vom Hörensagen, welche Schätze der alte
Ibrahim Khan in seiner Juwelenkammer aufgestapelt hatte, aber bisher
waren sie ebenso sorgsam vor seinen Augen verborgen gewesen, wie die
hundertfünfzig Damen in Yussuf Khans Harem. Es war eine Pyramide
von Diamanten, Perlen, Topasen, Smaragden, Rubinen und Gold, ein
lichtsprühender Wasserfall von Farben. Halb geblendet von dem, was er
gesehen, beeilte er sich, für eine möglichst solide Verpackung der
Schätze Sorge zu tragen.
Wir werden Gelegenheit finden, später von ihnen zu sprechen.