Das Doppelbildnis von Philipp und Marianne, von dessen Entstehung

das Bild der „Meninas“ erzählt, ist nicht mehr vorhanden. Es wird

mit wer weiß wie vielen anderen Meisterwerken des Velazquez in dem

Brande des Königsschlosses untergegangen sein. Aber das aus dem Wiener

Familienbild angedeutete Bildnis Philipps IV. finden wir ganz genau

wieder, nur etwas kürzer ringsum abgeschnitten, in einem im Pradomuseum

befindlichen Brustbild des Königs in schmuckloser schwarzer Jacke,

das mit der höchsten Frische, sicherlich in einer einzigen Sitzung,

als Naturabschrift hingestrichen ist, um irgendeinem großen Bildnis

als erste Unterlage zu dienen (Abb. 41). Dann sind da aus derselben

Zeit zwei sonderbare Bilder, die König Philipp und Königin Marianne

im Gebet darstellen. In beiden sieht man ein Betpult, das mit einer

schweren Decke von grauem, mit einem großen Goldmuster durchwirktem

Stoff überhangen ist, und dahinter einen Vorhang aus dem nämlichen

Stoff; von den königlichen Personen sieht man hinter den Betpulten,

an denen sie knieen, nicht viel mehr als die Büste und die Hände.

Der König ist in schwarzer Kleidung, die sich, hell beleuchtet, nur

schwach vom Hintergrunde abhebt, so daß sein Gesicht als einzige

leuchtende Helligkeit in der eintönigen Masse steht, mit der die zwei

durcheinander schwimmenden Farben des Stoffs die große Bildfläche

ausfüllen. Bei dem Bilde der Königin ist die Wirkung dadurch eine

andere, daß sie ein hellgraues Kleid anhat, so daß auch dasjenige,

was man von ihrem Körper sieht, sich hell vom Hintergrunde absetzt.

Beide Bilder gehören nicht zu den glücklichen Werken des Velazquez.

Offenbar hat es den Meister gelangweilt, so viel nichtssagenden Stoff

um so wenig Lebendiges herum zu malen. Das Bild der Königin, bei

dem es besonders unangenehm auffällt, daß er außer dem Kopf nichts

-- auch nicht die Hände -- nach der Natur hat malen können, ist das

mindestwertige von all seinen Gemälden im Prado.

Philipp IV. ließ diese beiden Bilder für den Eskorial malen, wo im

Jahre 1654 die Einweihung des „Pantheon“, der königlichen Gruftkirche,

und die feierliche Überführung der Gebeine der Vorfahren Philipps in

diesen Raum stattfand. Durch die Vollendung der Gruftkirche gelangte

der Riesenbau Philipps II. zum endgültigen Abschluß. Die innere

Ausstattung des Eskorial gab auch Velazquez von Amts wegen viel zu tun.

Namentlich hatte er die Ausschmückung der Sakristei mit einundvierzig

kostbaren Gemälden von Raffael, Tizian, Correggio, Paul Veronese

und anderen zu leiten. Über diese Gemälde verfaßte Velazquez eine

Denkschrift in Gestalt eines Berichts an den König, die wegen der

Eleganz ihrer Darstellung und wegen ihres treffenden fachlichen Inhalts

sehr bewundert und als „ein Beweis seines Wissens und seiner großen

Kennerschaft“ gerühmt wurde. Es ist sehr zu bedauern, daß diese Schrift

nicht erhalten geblieben ist. Man möchte gern erfahren, in welcher

Weise ein Maler von solcher Größe und Eigenart seiner Bewunderung für

die Meister der italienischen Hochrenaissance Ausdruck gegeben hat.

Was man gelegentlich aus einzelnen Äußerungen von seinem Urteil über

Künstler erfährt, stimmt mit den Anschauungen unserer Tage auffallend

überein. -- Es verdient erwähnt zu werden, daß Velazquez das Gefühl der

Künstlereifersucht, das im Leben so vieler, selbst sehr hochstehender

Meister des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts eine so häßliche

Rolle spielt, gar nicht kannte. Er stand über dem Neide und benutzte

jede Gelegenheit, um begabte Künstler durch Heranziehen an den Hof zu

fördern.

[Illustration: Abb. 39. +In der Werkstatt des Velazquez um 1656.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 46.)]

[Illustration: Abb. 40. +Familienbild.+ In der kaiserl. Gemäldegalerie

zu Wien. (Zu Seite 49.)]

Um die nämliche Zeit, in der er das Brustbild des alternden Königs und

die „Meninas“ malte, und in der nämlichen Vollkommenheit des Tons

und der malerischen Behandlung führte Velazquez für das mehrerwähnte

königliche Jagdhaus im Walde von Pardo zwei köstliche Charakterfiguren

aus, die mit den Namen Äsopus und Menippus bezeichnet sind. Mit den

geschichtlichen Trägern dieser klassischen Namen haben die beiden

sonderbaren Gestalten, die wie aus dem Leben gegriffen dastehen, weiter

nichts gemein, als daß in ihnen der Gegensatz zwischen dem weinenden

und dem lachenden Philosophen vorgeführt werden soll. Beide erscheinen

als fragwürdige Existenzen, die durch die Besitzlosigkeit auf den

Standpunkt gekommen sind, in törichter Weisheit Betrachtungen über die

Verrücktheit der Menschen anzustellen. Der Mann, der den Namen des

wegen seines satirischen Zynismus berüchtigten Schülers des Diogenes

trägt, steht in einen verschossenen schwarzen Mantel gehüllt da, unter

dem eine bräunliche zerrissene Beinbekleidung hervorkommt; seine

Schuhe haben durch Mangel an Pflege eine Farbe bekommen, die gar keine

Farbe mehr ist, und dasselbe ist der Fall mit dem schäbigen Filzhut,

der formlos auf dem Kopfe sitzt. Am Boden deuten herumgeworfene

Schriften und ein Wasserkrug geistige Beschäftigung und körperliche

Bedürfnislosigkeit an. Das von weichem, schwärzlichem Haar und grauem

Bart eingerahmte Gesicht, dessen gerötete Färbung darauf hinzudeuten

scheint, daß in besseren Zeiten Wasser nicht das einzige Getränk des

„Menippus“ war, ist halb über die Achsel dem Beschauer zugewendet

und schaut zwischen Hut und Mantel wie aus einem Versteck mit einem

unvergleichlichen Ausdruck innerlichen Lachens heraus. Dieser Mann

ist ein unbarmherziger Spötter (Abb. 42). „Äsopus“ ist von Natur

weniger Lump, äußerlich aber womöglich noch mehr heruntergekommen.

Ein weiter, kaffeebrauner Rock, den ein Stück ehemals weiß gewesenen

Zeugs an Gürtels Stelle zusammenhält -- Knöpfe oder sonstige

Schließvorrichtungen sind nicht mehr vorhanden --, dient als Ober-

und Unterkleid zugleich; wo er am Halse offen steht, verrät er, daß

die Wäsche mangelt. Strümpfe sind allerdings noch da; die weitere

Fußbekleidung besteht aus formlosen, ausgetretenen Dingern, Ruinen

von Schuhen. Indessen verraten ein am Boden stehender Kübel klaren

Wassers mit einem Waschlappen und die sorgfältige Rasierung von Lippe,

Kinn und Wangen, daß der Träger dieser Kleidung noch nicht auf jeden

Luxus der Lebensgewohnheiten verzichtet hat. Während bei „Menippus“

die ganze Gestalt ein lebhaftes Temperament verrät, ist hier alles von

melancholischer Müdigkeit durchdrungen. Das bleiche, welke Gesicht,

über dem das wirre graue Haar wie von gewohnheitsmäßigem Durchfahren

der Finger in die Höhe gerichtet ist, richtet mit glanzlosen Augen,

die von den herabhängenden Lidern halb verdeckt werden, und mit

festgeschlossenen Lippen einen Ausdruck wortlosen Bedauerns auf uns.

Der Kopf hängt schlaff ein wenig zur Seite; diese Neigung erspart

zugleich die Mühe, ihn in der Richtung des Blickes zu drehen. Schlaff

und matt hält die herabhängende Rechte ein großes Buch, in dem wohl

Belehrungen niedergeschrieben sind, von denen „Äsop“ selber überzeugt

ist, daß sie, so wie die Menschheit nun einmal ist, vergeblich bleiben

müssen (Abb. 43).

[Illustration: Abb. 41. +Philipp IV.+, gemalt um 1656. Im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 50.)]

[Illustration: Abb. 42. +Menippus.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 53.)]

In dem nämlichen Raum, für den „Äsopus“ und „Menippus“ gemalt wurden,

fand ein Bild seinen Platz, das den Kriegsgott darstellt. Dieser Mars

ist in der Hauptsache nur eine Aktstudie, die das Modell so wiedergibt,

wie es war, und selbst von der Häßlichkeit des sehr gewöhnlichen,

schnurrbärtigen Gesichts uns nichts schenkt. Von göttlicher Idealität

ist also keine Rede, derartiges lag auch ganz außerhalb der

Absichten des Malers. Die Studie ist in gewissenhafter Benutzung der

verhältnismäßig seltenen Gelegenheit, Nacktes zu malen, mit großem

Fleiß sorgfältig durchgebildet, muß daher wohl vor der Übernahme des

Schloßmarschallamtes entstanden sein. Ein sonnverbrannter Körper mit

sehr kräftiger, ausgearbeiteter Muskulatur, spiegelblanke, blitzende

Waffenstücke, ein hellblauer Schurz und ein auf den weißen Überzug

des Lagers, auf dem der Kriegsgott sitzt, herabgesunkener karminroter

Mantel: alles das ist bewundernswürdig gemalt, erzielt aber nicht die

unbedingt vollkommene Harmonie der Farbenwirkung, an die man sonst

bei Velazquez gewöhnt ist. Doch muß das Bild mit seinen lichten,

bunten Farben in der ursprünglichen Aufstellung zwischen den beiden

Philosophen eine treffliche Wechselwirkung mit der schlichten, dunklen

Tönung dieser Gemälde hervorgebracht haben, und solche Wirkungen wußte

Velazquez beim Aufhängen der Gemälde in den königlichen Gemächern

sicherlich wohl in Rechnung zu ziehen.

Ein Prachtwerk ersten Ranges in bezug auf Farbenreiz und malerische

Wirkung, ein wunderbares Meisterstück der unglaublich flotten

Behandlung, in der Velazquez in seinen letzten Jahren die denkbar

höchste Vollkommenheit erreichte, ist das Bildnis eines Hofzwergs,

der einen Jagdhund an der Leine hält (Abb. 44). Das stolz aussehende

Männchen, dessen Kleinheit durch die Größe der neben ihm stehenden,

weißgefleckten schwarzen Hündin noch mehr hervorgehoben wird, trägt

eine reiche, vornehme Kleidung aus Goldbrokat mit Weißzeug aus

feinem niederländischen Batist; der graue Hut ist mit prächtigen

weißen Straußenfedern geschmückt: in das wallende kastanienbraune

Haar ist auf der linken Seite eine auf die Schulter fallende rote

Schleife eingebunden. Die ganze Tracht ist keine spanische, sondern

entspricht einer für das gesamte mittlere Europa maßgebend gewesenen,

in den fünfziger Jahren des Jahrhunderts allerdings schon veralteten

französischen Mode. Wer diese Persönlichkeit ist, weiß man nicht, man

vermutet in ihr, eben wegen der ausländischen Tracht, einen Zwerg, der

den Namen Don Antonio el inglés (der Engländer) führte.

[Illustration: Abb. 43. +Äsopus.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 54.)]

Auch mit der Ausführung von Landschaftsbildern wurde Velazquez wieder

beschäftigt. Auf Befehl des Königs malte er 1657 eine Ansicht des in

eben diesem Jahre im Park von Aranjuez aufgestellten Tritonenbrunnens.

Das Bild, das sich nebst einer zweifellos gleichzeitig gemalten anderen

Ansicht aus dem nämlichen Park im Pradomuseum befindet, zeigt den

weißmarmornen Brunnen mit seinem spiegelnden Becken im schattigen Grün,

zwischen den efeuumsponnenen Stämmen schlanker Bäume. Es ist mit echter

Empfindung für den Reiz einer solchen Parkanlage aufgefaßt, und diese

Empfindung gibt ihm eine große Schönheit, obgleich es ohne sonderliche

Liebe ausgeführt ist (Abb. 45). Das Gegenstück gewährt einen Blick in

die stundenlange gerade Ulmenallee, die den Namen „Straße der Königin“

führt. An der einen Seite sieht man das Wasser des Tajo, an dessen

Rand sich wildes Gehölz von Pappeln und Erlen erhebt. Das Ganze sieht

im wesentlichen ebenso aus, wie heute. Sehr schön ist die Stimmung:

dämmeriges Dunkel liegt unter den Bäumen, während draußen die Luft in

hellem Tagesblau leuchtet; der Wind treibt graue Wolken über den Himmel

und bewegt leise die Zweige. Beide Bilder sind im Vordergrund mit

mehreren Figuren staffiert, die aber auffallenderweise viel zu klein

sind; man fühlt sich versucht, sie auf Rechnung von Mazos mangelhafter

perspektivischen Kenntnis zu setzen.

Nur die geradezu an das Unbegreifliche grenzende Leichtigkeit und

Schnelligkeit der Malweise macht es erklärlich, daß Velazquez in

diesen Jahren neben der Ausführung der vom König befohlenen Gemälde

und neben seiner sonstigen Amtstätigkeit noch Zeit und Kraft fand,

einen Stoff nach freier Wahl in einem großen Bild zu behandeln. Man muß

doch annehmen, daß er selbst, und nicht der König es war, der auf den

Einfall kam, einen Blick in den Arbeitsraum der Spinnerinnen in einer

Teppichfabrik in lebensgroßer Darstellung zu verewigen.

Bei seinem Beruf, die Gemächer des Königs auszuschmücken, hatte

Velazquez sicherlich oft Veranlassung, die Teppichwirkerei von Santa

Isabel zu Madrid zu besuchen, wo seit mehreren Jahrzehnten mit Erfolg

der Versuch gemacht wurde, durch einheimische Erzeugnisse der Einfuhr

flandrischer Gobelins entgegenzuarbeiten. Da hat sich ihm denn einmal

beim Durchschreiten der Arbeitsräume das Bild dargeboten, das auf

sein Malerauge solchen Reiz ausübte, daß es ihn zur künstlerischen

Wiedergabe des Gesehenen drängte. So malte er den an sich völlig

bedeutungslosen Vorgang aus dem Alltagsgetriebe einer Fabrik; und er

malte das in der Wirklichkeit Vorhandene, ohne irgend welchen Inhalt

hineinzudichten, so, wie es in der Wirklichkeit da war; nur daß er

es nicht, wie die moderne Irrlehre will, gemalt hat, weil es da war,

sondern darum, weil es schön war. Sein schönheitskundiger Blick hat in

dem alltäglichen Vorgang unter den zufällig gegebenen Verhältnissen

von Licht und Farbe eine unendliche Fülle von Schönheit erschaut,

und diese Schönheitsoffenbarung, die er in sich aufgenommen, wußte

er in der Sprache seiner Kunst anderen mitzuteilen. Nicht um den

Vorgang, sondern um die malerische Schönheit von dessen Erscheinung

wiederzugeben, hat Velazquez dieses durch die Wahl des Stoffes in

jener Zeit ganz vereinzelt dastehende Werk geschaffen, das in Spanien

allgemein unter dem Namen „Die Spinnerinnen“ bekannt ist (Abb. 46).

Das Ganze ist ein hochpoetischer Farbenzauber. In diesen nüchternen

Raum irren Lichter aus spärlichen Quellen, die man nicht sieht, von den

Lichtern gehen Reflexe aus, und Lichter und Reflexe erfüllen das Gemach

mit einem flimmernden goldigen Schimmer und treiben ein belebtes Spiel

auf den Gestalten fleißiger Arbeiterinnen. Da sitzt eine ältere Frau

in weißem Kopftuch und schwarzem Kleid am Spinnrad, dessen schnelle

Drehung durch das Verschwimmen der Speichen zu einer durchsichtigen

Scheibe in merkwürdig deutlicher Weise wahrnehmbar gemacht wird.

Die unausgesetzte Tätigkeit in dem engen Raum an einem heißsonnigen

Tag hat ihr Gesicht gerötet. Man sieht, wie die arme Person von der

Hitze leidet, trotzdem sie sich durch Emporschlagen des Rockes bis

über das Knie eine Erleichterung zu verschaffen gesucht hat. Mit

einem dankbaren Blick wendet sie sich einer frischen, schwarzhaarigen

Dirne in dunkelrotgelbem Rock zu, die hinter ihr mit einem Ausdruck

dienstbereiter Fürsorge einen Vorhang aus dünnem, rotem Stoff beiseite

zieht, um mehr Luft einzulassen. In dem durch den Vorhang abgetrennt

gewesenen Nebenraum sieht man Vorräte an Stoffen aufgestapelt liegen;

eine dabei stehende Leiter bekundet, daß diese Vorräte sich zeitweilig

noch höher auftürmen. An der anderen Seite des Bildes sitzt ein

braunes Mädchen in kurzem, dunkelblaugrünem Unterrock -- ein oberes

Kleidungsstück aus verschossenem roten Wollenzeug hat sie hinter sich

auf den Schemel gelegt -- und windet das gesponnene Garn in Knäuel;

an ihrem entblößten Arm sieht man das Spiel der Muskeln bei der

flinken Bewegung der Finger. Neben ihr bringt eine Blondine in braunem

Kleid einen Korb herbei, um die Garnknäuel aufzunehmen. Zwischen der

Spinnerin und der Garnwinderin sitzt, mehr in der Tiefe des Bildes,

eine Frau in rotem Rock und dunkelbrauner ärmelloser Jacke, mit Hecheln

beschäftigt. Diese Figur ist, im Gegensatz zu der verhältnismäßig klar

beleuchteten schönen Rückenfigur der Garnwinderin, am tiefsten in

Schatten gehüllt. Ihren Kopf hat der Maler, mit schlagend richtiger

Beachtung einer optischen Erscheinung, in Undeutlichkeit verschwimmen

lassen. Denn dieser Kopf wird überstrahlt von einer hinter ihm

sich ausbreitenden starken Helligkeit. Man sieht hier durch einen

Bogendurchgang in einen um mehrere Stufen höher liegenden Raum, in den

ein Sonnenstrahl breit und voll hereinflutet, dessen Rückstrahlungen

auch die äußersten Schatten mit Licht durchdringen. In diesem Raum

sind an den weißlich-grauen Wänden fertige Teppiche zur Besichtigung

aufgehängt. An der Wand, die uns gerade gegenüberliegt, sehen wir einen

farbenprächtigen Gobelin, der in einer Umrahmung von Blumengewinden auf

dem Hintergrunde einer blauen Luft eine irgend woher aus der Sage oder

Geschichte des Altertums entnommene Darstellung zeigt. Davor haben sich

mehrere vornehme Damen in seidenen Kleidern von lebhaften, heiteren

Farben versammelt, um das Kunstwerk zu bewundern. Ein befremdlicher

Gegenstand an diesem Ort ist die an einem Stuhl lehnende Baßgeige.

Sollte der Besitzer der Fabrik von Santa Isabel auf den genialen

Gedanken gekommen sein, bei vornehmem Besuch in seiner Ausstellung die

Empfänglichkeit der Besucher für den Reiz der Farbe durch Musik zu

erhöhen?

[Illustration: Abb. 44. +Bildnis eines Hofzwergs Philipps IV.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 55.)]

Die „Spinnerinnen“ reihen sich den „Meninas“ und der „Übergabe von

Breda“ ebenbürtig an. Diese drei Wunderwerke der Kunst stehen auf der

äußersten Höhe dessen, was nach den Begriffen unserer Zeit für die

Malerei überhaupt erreichbar ist. Auch in der sonst so ganz anders

denkenden Zopfzeit übten die „Spinnerinnen“ selbst auf einen so kalten

Idealisten wie Raphael Mengs einen derartigen Eindruck aus, daß er nur

Worte der Bewunderung dafür fand; freilich bewunderte er an erster

Stelle nur die Technik: das Gemälde, sagte er, sei in einer Weise

gemacht, daß es ohne Anteil der Hände durch den bloßen Willen des

Künstlers entstanden zu sein scheine. -- Philipp IV. ließ das Bild im

Palast von Buen Retiro aufhängen.

Im Frühjahr 1658 entschloß sich der König, Velazquez die höchste

Auszeichnung, die er ihm verleihen konnte, zuteil werden zu lassen,

die Aufnahme in einen der drei alten spanischen Ritterorden. Er

erhöhte den Wert der Auszeichnung noch dadurch, daß er dem Maler die

Wahl freistellte zwischen den Orden von Alcántara, Calatrava und

Santiago. Velazquez wählte den letzteren. Vor der Bekleidung mit den

Ordensabzeichen waren die vorgeschriebenen Förmlichkeiten zu erfüllen.

Gegen die persönliche Würdigkeit des Velazquez als eines vollkommenen

Edelmannes wurde in den langen Vernehmungen von mehreren hundert Zeugen

keinerlei Bedenken laut. Schwieriger war die Ahnenprobe. Besondere

Kommissionen wurden in die Heimatsorte der Geschlechter Silva und

Velazquez entsandt, um die Geschichte beider Familien zu prüfen. Der

nach Sevilla abgesandten Kommission boten sich Zweifel hinsichtlich der

Adelsreinheit der mütterlichen Vorfahren des Velazquez dar. Der König

soll schließlich durch das Machtwort, für ihn stehe „die Qualität“ der

Velazquez fest, den Ordensrat bewogen haben, die Angelegenheit nochmals

zu untersuchen, und im April 1659 endlich wurde auch die Ahnenprobe

für vollgültig erklärt. Jetzt stand nur noch der päpstliche Dispens

aus, der erforderlich war, weil der Orden von Santiago ebenso wie die

beiden anderen ursprünglich ein geistlicher Ritterorden war und als

solcher seinen Mitgliedern die Ehelosigkeit vorschrieb. Am 29. Juli

1659 traf das Einwilligungsschreiben des Papstes ein, und nun fand die

Überreichung des Ordenshabits an Velazquez mit allem großen Zeremoniell

statt; ein Empfang im Palast bildete den Schluß der Feier.

Zu den Gemälden, die Velazquez im Jahre 1659 auszuführen hatte, gehören

Bildnisse der Infantin Margarita und des im Jahre 1657 geborenen

Infanten Philipp Prosper. Diese Kinderbilder wurden an die Großeltern

in Wien geschickt. Sie befinden sich jetzt im kunsthistorischen

Hofmuseum zu Wien, neben den früher zu verschiedenen Zeiten für den

österreichischen Hof gemalten Bildnissen des Königs und seiner beiden

Gemahlinnen und denjenigen der Kinder Philipps aus erster Ehe.

Im Herbst 1659 feierte der spanische Hof ein schon lange geplantes

und gewünschtes Ereignis, die Verlobung der Infantin Maria Teresa

mit dem jungen König von Frankreich. Der Herzog von Grammont kam als

Brautwerber Ludwigs XIV. Philipp IV. empfing ihn in einem Prunksaal des

Schlosses, den Velazquez zu dieser Gelegenheit mit allem Aufwand von

Kunst zurecht gemacht hatte. Danach zeigte Velazquez im Auftrage des

Königs dem Herzog die Kunstschätze des Palastes, und er führte ihn auch

in die an kostbaren Gemälden reichen Paläste mehrerer Granden.

[Illustration: Abb. 45. +Der Tritonenbrunnen im Park von Aranjuez.+ Im

Pradomuseum zu Madrid. (Zu Seite 55.)]

Jener Saal, in dem Grammont empfangen wurde, wird als der Spiegelsaal

bezeichnet. An seinen vier Hauptwandflächen prangten große Königsbilder

von Tizian, Velazquez und Rubens. Zur Ausfüllung der kleineren Flächen,

die von den Fenstern und den großen, zur Architektur gehörigen

Spiegeln freigelassen wurden, kamen Gemälde mythologischen und

biblischen Inhalts zur Verwendung. Velazquez malte für diesen Zweck

vier mythologische Bilder, vermutlich erst bei jener Veranlassung im

Jahre 1659. Von diesen Dekorativgemälden wird nur eins im Pradomuseum

aufbewahrt; zwei sind zugrunde gegangen, und eins ist in eine englische

Sammlung gelangt. Das letztere bedarf schon um seines Gegenstandes

willen einer besonderen Erwähnung. Denn es stellt die Göttin Venus vor

und zeigt diese in der Gestalt eines völlig entkleideten jungen Weibes,

das, auf einem Ruhelager ausgestreckt, sein vom Beschauer abgewendetes

Gesicht -- die ganze Figur ist vom Rücken gesehen -- in einem Spiegel

betrachtet. Wenn auch Gemälde mit nackten Frauengestalten, von der Hand

italienischer und niederländischer Meister ausgeführt, in reichlicher

Zahl in den Madrider Palast gelangt waren, so hatte bisher doch

kein spanischer Maler sich auf diesem Gebiet versucht. Vielleicht

waren dazu auch die Modelle in Spanien schwieriger zu haben, als in

irgendeinem anderen Kulturland Europas. Velazquez war der erste und auf

anderthalb Jahrhunderte hinaus auch der einzige Maler Spaniens, der das

Wagstück unternahm. -- Das Gemälde im Pradomuseum stellt die Ermordung

des Argos, des Wächters der durch die Eifersucht der Götterkönigin in

eine Kuh verwandelten Io, durch Hermes dar. Es ist ein ganz dekorativ

gehaltenes, aber in seiner wahrhaft unheimlichen Stimmung großartig

wirkendes Bild. Durch die bewundernswürdige Anpassung der Komposition

an das sehr niedrige, breitgestreckte Format hat der Meister dieses

gedrückte Format selbst mit heranzuziehen gewußt, um die eigentümliche,

man möchte sagen beängstigende Wirkung zu erhöhen. Argos ist ein armer

Kerl, in dürftiges schwarzes und graues Zeug gekleidet, der seine

wenigen Bedürfnisse für die lange Wacht in einem grauen Bündelchen

mit sich führt. Er hat zweifellos die redlichste Absicht, getreulich

seine Pflicht zu tun. Er hat sich auch nicht in bequemer Lage der

Gefahr des Einschlafens ausgesetzt; sondern wie er da im Schatten

eines braunen Felsens saß, mit dem linken Arm auf einen Stein gestützt,

hat ihn in der bleiernen Gewitterschwüle des Tages der Schlaf

unerwartet überwältigt; die Hirtenflöte, die nicht ausgereicht hat,

um ihn munter zu erhalten, ist seiner Hand entfallen, und sein Kopf

nickt auf die Brust. Da kommt -- furchtbar dämonisch, leise wie eine

Katze und unentrinnbar wie das Verhängnis -- Hermes auf allen Vieren

herangekrochen, die scharfe Klinge in der Faust. Dieser Vollstrecker

der geheimen Befehle des Götterkönigs ist ein göttlicher Schurke,

bei dem nichts weiter als die Halbnacktheit -- etwas karminrotes und

etwas dunkelgelbes Zeug schlingt sich um seinen braunen Körper -- die

ursprüngliche Idealität seines Wesens andeutet; der Flügelhut ist auf

seinem Banditenkopf zum abgetragenen schwarzen Filz geworden, der mit

zerzausten Rabenfedern aufgeputzt ist. Hinter ihm steht am abfallenden

Hang des Berges Io als rote Kuh, halb abgewendet von dem Wächter und

dem Mörder, aber mit zurückgerolltem Auge nach ihnen hinschielend.

Dieses Auge ist etwas ganz Wunderbares, es ist ein richtiges Kuhauge,

aber es lebt darin die gespannte Angst einer Menschenseele, die den

Augenblick gekommen sieht, der über ihr Schicksal entscheiden soll.

Der Kopf der langhörnigen Kuh, der Flügelhut und die Schulter des

Hermes bilden zusammen eine wilde, scharfzackige Umrißlinie, die grell

hervorgehoben wird durch den lichten Dunst der Ferne und schwere, weiße

Wetterwolken, die sich über dem Horizont zusammenballen, während weiter

oben die Luft schon ganz schwarz überzogen ist.

Velazquez(#58543) · 第 5 / 6 段