(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.) (Zu Seite

42.)]

Zu seinen ersten Aufgaben nach der Ankunft in Madrid mußte es

natürlich gehören, das Bildnis der jungen Königin zu malen. Marianne

von Österreich war hübsch, eine lichtfarbige deutsche Blondine, noch

ganz Kind. Schade, daß die von Natur anmutige Erscheinung durch einen

so fürchterlichen Anzug entstellt wurde. In der weiblichen Hoftracht

hatte die spanische Mode zu dieser Zeit mit das Ungeheuerlichste

hervorgebracht, was jemals ausschweifender Ungeschmack ersonnen

hat. Ein Reifrock von abenteuerlichem Umfang, dafür desto engere

Einpressung des Oberkörpers, Ärmel, welche die natürliche Bildung der

Arme verleugnen; dazu eine mit Hilfe künstlicher Haare hergestellte

Frisur, die durch seitlich angeordnete Lockenmassen den Kopf die

Halbkugelform des Reifrocks wiederholen ließ, und eine wagerechte Reihe

von Schleifchen in den Locken. Gesicht und Hände waren so ziemlich

das einzige, was verriet, daß in diesem verwunderlichen Aufbau ein

menschliches Wesen steckte. Wenn Velazquez Damen in dieser Hoftracht

zu malen hatte, so fand er sich damit ebenso künstlerisch ab wie

mit den Bildnissen von Zwergen und Blödsinnigen. Er malte alles mit

einer unbedingten Naturtreue, mit der schärfsten Kennzeichnung der

Formen, in der denkbar vollkommensten Wahrheit, und er malte alles

mit einem solchen malerischen Reiz, mit einem so wunderbaren Zauber

der Farbe, daß diese malerische Schönheit stärker auf die Empfindung

des Beschauers einwirkt, als die von der Wirklichkeit gegebene

gegenständliche Häßlichkeit. Im Pradomuseum befinden sich zwei fast

ganz übereinstimmende Gemälde, welche Marianne von Österreich in ganzer

Figur in großer Hoftracht zeigen. Die unglaubliche Kleidung ist hier

womöglich noch steifer als sonst. Die österreichische Prinzessin, an

ganz andere Kleidung und ganz anderes Benehmen gewöhnt, als wie es

das spanische Zeremoniell vorschrieb, mußte es sich wohl gefallen

lassen, wenn die Oberhofmeisterin, die, wie sie dem König klagte, die

größte Mühe hatte, der jugendlichen Herrin „das ungenierte deutsche

Benehmen“ abzugewöhnen, sie in der Kleidung wenigstens zu einem

Prachtmuster des strengsten Hofstils gestaltete. Man bekommt Mitleid

mit dem jungen Wesen, das da so hilflos in dem grünlichschwarzen,

mit Silbertressen besetzten und an den Ärmeln mit roten Schleifen

verzierten Prunkkleid steckt, das hübsche Gesichtchen eingerahmt von

der denkbar geschmacklosesten Perücke, unter der nur auf der Stirn ein

widerspenstiges Löckchen des eigenen Haares zum Vorschein kommt, und

in der eine geradlinige Reihe roter Schleifchen die Farbe der auf die

Wangen gelegten Schminkeflecken in gleicher Höhe mit diesen vielfältig

wiederholt. Eingezwängt und beengt durch Kleid und Etikette, macht

die Königin kein Hehl aus ihrem Unbehagen; sie hat die Unterlippe

aufgeworfen, und der ganze Ausdruck ist der der Verdrießlichkeit und

furchtbarer Langeweile. So hat sie dem Maler gestanden, und so hat der

große Naturalist sie der Nachwelt überliefert (Abb. 33).

Lebhafter und liebenswürdiger als die Königin, glänzte neben dieser

ihre nur um drei Jahre jüngere Stieftochter, die Infantin Maria Teresa,

die nachmalige Königin von Frankreich. Ein italienischer Gesandter in

Madrid berichtet über sie im Jahre 1651, in welchem sie ihr dreizehntes

Lebensjahr vollendete, daß er sie für die anmutigste und schönste

Prinzessin der Christenheit halte. In diesem Alter hat sie Velazquez

mehrmals gemalt. Zwei der Bilder befinden sich in der kaiserlichen

Gemäldesammlung zu Wien, ein drittes, nur Brustbild (Abb. 34), im

Louvre. Da sehen wir ein frisches Mädchengesicht mit dunkelblauen Augen

und kirschrotem Mündchen, mit einer Munterkeit des Ausdrucks, wie sie

sonst auf Bildern vom Hofe Philipps IV. nicht vorkommt. Ihr macht

auch, als etwas Gewöhntes, die schreckliche Tracht keine Beschwerden,

die sie zwingt, die Arme weit abgesperrt zu halten. Sie ist in weiße

Seide mit einigen wenigen roten Verzierungen gekleidet, mit Perlen und

Edelsteinen geschmückt; die blonde Perücke ist mit roten Schleifchen,

Diamantgehängen und einer weißen Straußenfeder besteckt.

Von jenen zwei Bildern der Königin Marianne hat das eine, das im

Format etwas höher als das andere und wahrscheinlich das später

entstandene ist, ein Bild des Königs in schwarzem, goldverziertem

Harnisch zum Gegenstück (Abb. 32). Das Gesicht Philipps hat angefangen

welk zu werden; ein Zusammenziehen der Brauen verändert den Ausdruck.

Unverändert ist des Malers Meisterschaft geblieben, alles mit einem

Ton von unbeschreiblicher Vornehmheit zu durchdringen. Velazquez’

malerische Behandlungsweise ist nach dem zweiten Aufenthalt in Italien,

der ihm eine große Erfrischung gewährt zu haben scheint, noch leichter

und freier geworden, als sie es vordem schon war. --

Für die Wohnung der neuen Königin malte Velazquez zum Schmucke des

Betzimmers ein Andachtsbild, die Krönung Marias darstellend (Abb.

35). Dieses Gemälde, das unter den Werken des Meisters durch seinen

kleinen Maßstab auffällt -- die Figuren haben nur zwei Drittel

Lebensgröße -- ist der merkwürdigste Beweis für die einzig dastehende

Begabung des Velazquez, gleich der Natur selbst in jede beliebige

Farbenzusammenstellung die vollkommenste Harmonie zu bringen. Hier

stehen Farben nebeneinander, die unter der Hand irgendeines anderen

Malers sich zu einer das Auge des Beschauers verletzenden Wirkung

vereinigen müßten. Die beiden in Menschengestalt erscheinenden Personen

der dreieinigen Gottheit haben violette Röcke und karminrote Mäntel,

Maria karminrotes Kleid und blauen Mantel. Diese zusammenhängende

blaurote Masse schwebt in einem silberigblaugrauen, weiß

durchleuchteten Gewölk, in welchem die hellgoldigen Strahlenscheine

und die Körper und Köpfchen der kleinen Engel die einzigen -- und

dazu nur wenig kräftigen -- Gegensatzfarben zu all den violetten

Tönen enthalten. Es scheint unbegreiflich, und doch wirkt das Ganze

harmonisch; es flimmert so viel goldiges Licht in dem Bilde, daß den

schweren kalten Farben dadurch ihre Schwere entzogen wird und daß

die miteinander unverträglich scheinenden Töne zu einem feierlichen

Zusammenklang gestimmt werden. Die ungewöhnliche Farbenwirkung ist so

feierlich und erhaben, daß man gar nicht dazu kommt, zu bemerken, was

erst die Photographie einem zeigt, daß die Köpfe der Himmlischen in der

Form wenig oder nichts von übermenschlicher Hoheit besitzen.

[Illustration: Abb. 34. +Die Infantin Doña Maria Teresa de Austria.+ Im

Louvremuseum zu Paris. (Zu Seite 42.)]

Ein merkwürdiges Bildnis im Berliner Museum erinnert in seinen

künstlerischen Eigenschaften so sehr an die Art und Weise des

Velazquez, daß es eine Zeitlang fast unbestritten als dessen Werk

gegolten hat. Doch sprechen gewichtige Gründe für die entgegenstehende

Ansicht, daß es die außergewöhnlich gut gelungene Arbeit eines

italienischen Malers sei. Der in dem Bilde dargestellte Herr, Marchese

Alessandro del Borro, stand als Führer italienischer Söldner bis 1649

in kaiserlichen Diensten; dann diente er dem König von Spanien in

der noch immer nicht zum Frieden gebrachten katalonischen Provinz,

aber er überwarf sich bald mit der Oberleitung und kam 1651 nach

Madrid, um seine Stellung niederzulegen. Damals also hätte Velazquez

ihn malen können. Das Bild selbst aber enthält einen Hinweis auf

eine weiter zurückliegende Begebenheit, aus einen im Jahre 1643 für

Kaiser Ferdinand III. unternommenen Einfall in den Kirchenstaat. Über

Borro wird berichtet, daß er zu Sonderbarkeiten neigte und von Launen

beherrscht war; eine sonderbare Laune hat auch die Auffassung des

Bildnisses vorgeschrieben. Auf einem hohen Standpunkt, der über der

Gesichtslinie des Beschauers liegt, und von dem aus er geringschätzig

auf die Welt herabblickt, bringt der Marchese seine umfangreiche

Persönlichkeit in selbstbewußter Pose zur Geltung; ganz geschwollen

von dem Gefühl der Größe, das seine Siege über Papst Urban VIII. ihm

gewähren, tritt er dessen Banner, das die goldenen Bienen der Barberini

kenntlich machen, mit Füßen. Es liegt Humor in der Wahrhaftigkeit,

mit welcher der Maler der großtuerischen Stimmung des Modells gerecht

geworden ist. Die Beleuchtung selbst erinnert an die Theaterrampe (Abb.

36).

Im Jahre 1652 erhielt Velazquez die Stelle des königlichen

Schloßmarschalls, ein hohes Amt, dem zwar große Wichtigkeit und Ehre

beigemessen wurde, das aber seinen Inhaber so sehr in Anspruch nahm,

daß dem Maler nicht mehr viel Zeit zum Malen blieb. Dem Schloßmarschall

war die Ordnung und Ausschmückung der Räume, die der König bewohnte,

unterstellt; er führte einen Schlüssel, der alle Türen öffnete, und

mußte in der königlichen Wohnung stets dienstbereit zugegen sein; er

überreichte den Kammerherren ihre Schlüssel und wies den Hofdamen

ihre Gemächer an; bei öffentlichen Mahlzeiten des Königs hatte er den

Beginn der Tafel zu bezeichnen dadurch, daß er dem König den Stuhl

hinstellte, und er hatte die Tafel aufzuheben; Festlichkeiten jeglicher

Art hatte er anzuordnen. Diese Aufgaben machten schon genug zu tun,

wenn der König in seinem Palast zu Madrid in ruhigen und geregelten

Verhältnissen lebte. Aber der Schloßmarschall hatte die nämlichen

Verrichtungen auch zu erfüllen, wenn sich der Hof auf Reisen befand.

Velazquez bewarb sich, was einem befremdlich vorkommt, um dieses Amt,

als die Stelle frei wurde. Die Gesuche anderer Bewerber wurden vom

Majordomus und dessen Räten stärker befürwortet als das seinige. Aber

der König schrieb an den Rand des Berichts nur drei Worte: „Ich ernenne

Velazquez.“

Von da ab malte Velazquez seine Bilder in einer hastigen Weise, die das

Ergebnis seines Mangels an Zeit war, mit einer Technik, an der nur die

Sicherheit des Erfolgs bewunderungswürdiger ist als die Kühnheit, mit

Pinselhieben, die unfehlbar trafen.

[Illustration: Abb. 35. +Die Krönung der Jungfrau Maria.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 42.)]

Ein umfangreiches Gemälde im Pradomuseum gewährt uns einen Einblick

in die Werkstatt des Künstlers. Dieses Bild, eines der vollkommensten

Meisterwerke nicht nur des Velazquez, sondern der Malerei überhaupt,

ist ein Ausschnitt aus der Wirklichkeit, ein Augenblick aus dem

Leben im Schloßatelier, den der König und sein Maler des Festhaltens

für wert erachteten, weil der belebte Vorgang sich darbot als eine

reiche und kostbare Fassung für ein Bildnis der kleinen Prinzessin

Margarete, des im Jahre 1651 geborenen ersten Kindes der jungen

Königin, das den Mittelpunkt des Gemäldes bildet. Das Prinzeßchen

wird als kleiner Engel geschildert, der Sonnenschein in das letzte

Jahrzehnt von König Philipps Leben brachte. Es versteht sich von

selbst, daß die Erscheinung dieses lieblichen Wesens oftmals von

Velazquez festgehalten werden mußte. Sobald das Kind selbständig auf

seinen Füßchen geworden war, wurde es von ihm abgebildet in einem

Gemälde, das den Großeltern in Wien übersandt wurde, und das in der

dortigen kaiserlichen Galerie als ein Juwel unter den entzückenden

Kinderbildnissen des Meisters schimmert. Eine zarte hellblonde

Lichtgestalt in silberdurchwirktem Rosakleidchen mit schwarzen Spitzen

und glitzerndem Geschmeide, herausleuchtend aus der tieffarbigen

Umgebung eines dunkelgrünen Vorhangs und eines Fußteppichs von rotem

Grundton, steht das niedliche Geschöpfchen an einem mit grünlichblauer

Decke überzogenen niedrigen Tisch, der ein Glasgefäß mit Blumen trägt;

selbst eine Blume, wetteifert es an duftigem Farbenzauber mit den

blassen Rosen und Tausendschönchen (Abb. 37). Das zeitlich zunächst

folgende Bildnis ist eine Halbfigur im Louvre; die bei diesem Bild,

das wohl als Geschenk für die Königin Anna nach Paris gekommen ist,

in den Hintergrund gemalte Namensbeischrift „~L’Infante Marguérite~“

beseitigt jeden Zweifel, daß die in Wien befindlichen Porträte des

nämlichen Kindes in verschiedenen Lebensjahren mit Unrecht als

Bilder der Infantin Maria Teresa bezeichnet werden. Die Kleine, die

hier dreijährig erscheint, hat sich allerliebst entwickelt; das

Gesichtchen hat mehr Fülle, die dunkelblauen Augen haben mehr Ausdruck

bekommen, das lichtblonde Seidenhaar fließt, an der rechten Schläfe

mit einem blaßroten Schleifchen zusammengesteckt, über die Schultern

herab. Sie trägt ein weißes Kleid, das schon den Ansatz zu dem

unförmlichen Reifrock zeigt, mit schwarzem Spitzenputz und blaßroten

Schleifen, Goldschmuck an Hals und Brust und Handgelenken (Abb. 38).

Im lieblichsten Reiz, im Alter von etwa fünf Jahren, zierlicher und

lebhafter geworden, zeigt sich die Infantin Margarita in jenem großen

Gemälde, welches uns gestattet, dem Hofmaler bei der Arbeit zuzuschauen

(Abb. 39). Wir sehen Velazquez damit beschäftigt, das Königspaar in

einem Doppelbildnis zu malen. Von der großen Leinwand, auf der das Werk

entsteht, sehen wir ein Stück von der Rückseite, ganz im Vordergrund

des Bildes. Der Maler ist zurückgetreten und faßt seine königlichen

Modelle ins Auge; man sieht, wie seine Blicke den Eindruck aufsaugen,

den er, wieder an die Leinwand herantretend, in Farben festlegen wird.

Den König und die Königin selbst sieht man nicht; denn der Platz, wo

sie sich befinden müssen, liegt außerhalb des Bildes, genau da, wo der

Standpunkt des Beschauers ist. Darum sieht der Beschauer den Blick des

Velazquez auf sich gerichtet. Wem aber in Wirklichkeit dieser Blick

gilt, das verrät ein gegenüber an der Wand des Ateliers hängender

Spiegel, in dem wir Philipp und Marianne wahrnehmen, undeutlich

schimmernd in der Trübung durch die Entfernung und das Glas, aber

doch in schlagender Ähnlichkeit. Zur Unterhaltung während der Sitzung

haben der König und die Königin ihren Liebling, die kleine Margarete,

ins Atelier bringen lassen. Zwei junge Damen beschäftigen sich mit

dem Kinde, um es in vergnügter Stimmung zu erhalten. „Meninas“ nannte

man solche zum Dienst bei der jungen Infantin befohlene Fräulein,

die vom höchsten Adel und hübsch sein mußten. Nach diesen Figuren

führt das Bild die landläufige Bezeichnung „~Las meninas~“. Neben

den anmutigen Erscheinungen des Prinzeßchens und der Edelfräulein

müssen wir uns freilich auch einige andere zur Belustigung der hohen

Herrschaften anwesende Persönlichkeiten gefallen lassen, deren für

unser Gefühl geradezu abstoßende Erscheinung wir ebenso gut mit in

den Kauf zu nehmen haben, wie die unschöne Kleidung der Mädchen. Da

steht eine furchtbar häßliche Zwergin, die mit dem Ausdruck eines treu

ergebenen Tieres nach dem Königspaar -- also nach dem an dessen Stelle

befindlichen Beschauer -- hinsieht, und neben ihr ein verhältnismäßig

wohlgebildeter Zwerg, der einem am Boden ausgestreckten großen Hund

einen Fußtritt versetzt, durch den er dem Tier wohl sagen will, es sei

gegen die Etikette, hier zu schlafen. Weiter zurück im Atelier stehen

im Schatten ein Hofherr, der Guardadamas, dessen Amt es war, neben

dem Wagen der Hofdamen zu reiten, und eine Ehrendame in Nonnentracht.

Ganz in der Tiefe des Bildes, wo man durch die geöffnete Tür in einen

Vorraum sieht, erscheint am Fuß der nach den oberen Gemächern führenden

Treppe ein Herr, der nach dem erhaltenen Verzeichnis der Namen und

Titel sämtlicher auf dem Bilde dargestellten Personen der Hausmarschall

der Königin ist. -- Dies das Gegenständliche des Gemäldes. Für seine

malerischen Eigenschaften gibt es keine Worte. Höchster bestrickender

Farbenreiz ist mit dem denkbar geringsten Aufwand an Farben erreicht.

Die Töne gehen von reinem Schwarz, in der Kleidung und im Haar des

Malers, durch die verschiedenartigsten Abstufungen von Grau hindurch

einerseits bis zu vollem Weiß, das auf der Marmortreppe hinter der

Türöffnung steht, und anderseits zu einem leuchtenden goldigen Hellgrau

in der Kleidung der Prinzessin, das mit dem rosigen Fleisch des

Kindergesichts und dem lichten Blond des Haares köstlich ineinander

klingt. In dem grauen Gesamtton stehen als pikante kleine Flecken ein

paar lebhaft rote Schleifchen an Brust und Ärmel der Prinzessin und

an den Ärmeln des stehenden Edelfräuleins. In abgeschwächter Tönung

kehrt das Rot wieder auf der Palette des Malers, in der Spiegelung

eines Vorhangs über dem Königspaar und -- in ausgedehnterer Masse --

in der Kleidung des Zwergs. Dieses wenige Rot findet sein Gegengewicht

darin, daß das silberbesetzte Kleid der Zwergin ins Blaugrüne und der

Rock der blonden knieenden Menina ins Dunkelolivengrüne geht. Der

Rock der stehenden, dunkelbrünetten Menina hat eine unbestimmtere,

olivengraue Farbe. Die oberen Teile der Kleidung beider Edelfräulein

sind derjenigen der Prinzessin ähnlich gefärbt. -- Die Art und Weise,

wie das alles gemalt ist, hat nicht ihresgleichen. Es ist, wie man zu

sagen pflegt, „mit Nichts“ gemalt, mit nichts außer mit dem höchsten

Können. Die Pinselstriche sind Schlag auf Schlag auf die Leinwand

geworfen, man hat das Gefühl, daß der Maler keinen Punkt zum zweitenmal

angerührt hat. Sobald man aber so weit von dem Bilde entfernt steht,

daß man nicht mehr die einzelnen Pinselstriche sieht, erscheint alles

in einer, man möchte fast sagen minutiösen Ausführung. In der nämlichen

Vollendung wie die Form wird der stoffliche Charakter eines jeden

Dinges durch die in der Nähe unentwirrbar scheinenden Pinselstriche zur

Anschauung gebracht. So lassen sich an den Kleidern die verschiedenen

Arten von Seide unterscheiden, und mit der nämlichen Vollkommenheit

ist alles, bis zum Geringsten, behandelt: die getünchte Wand, das Holz

der Tür und dasjenige des Rahmens, auf den die Malleinwand aufgespannt

ist, diese selbst mit den an einigen Stellen durchdringenden Ölflecken,

-- kurz, jede noch so unbedeutende Nebensache ist bewunderungswürdig.

„Herr, das ist die Theologie der Malerei,“ sagte der italienische

Schnellmaler Luca Giordano beim Anblick dieses Bildes zu König Karl II.

[Illustration: Abb. 36. +Marchese Alessandro del Borro+, Führer

italienischer Truppen unter Kaiser Ferdinand III., spanischer General

von 1649 bis 51. Im kgl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstaengl in München.) (Zu Seite

44.)]

Philipp IV. ließ das Gemälde, das immer als die Krone von Velazquez’

Schöpfungen anerkannt worden ist, in seinem Wohnzimmer aufhängen. Ein

Zeichen seiner königlichen Anerkennung ist auf dem Bilde selbst zu

sehen; auf dem Rock des Malers ist nachträglich mit glatten Strichen

und in so gedämpftem Ton, daß es auf die Wirkung des Ganzen keinen

Einfluß ausübt, das rote Kreuz des Ritterordens von Santiago aufgemalt.

Die Überlieferung behauptet, der König selbst habe, als er das Bild

fertig sah, einen Pinsel genommen und mit den Worten, es fehle noch

etwas, diese hohe Auszeichnung hinzugemalt, die Velazquez tatsächlich

allerdings erst einige Jahre später erhielt.

[Illustration: Abb. 37. +Die Infantin Margarita.+ In der kaiserl.

Gemäldegalerie zu Wien.

(Nach einer Photographie von J. Löwy in Wien.) (Zu Seite 45.)]

[Illustration: Abb. 38. +Die Infantin Margarita.+ Im Louvremuseum zu

Paris. (Zu Seite 46.)]

Es gibt noch ein zweites Bild, in welchem Velazquez bei der Arbeit

zu sehen ist, freilich nur im Hintergrund und in der Rückenansicht.

Es ist das mit dem Namen „Die Familie des Malers“ bezeichnete große

Porträtstück in der kaiserlichen Gemäldesammlung zu Wien (Abb. 40). Da

sieht man in einem Zimmer zwei Männer, zwei Frauen und fünf Kinder; ein

Teil dieser Personen scheint eben einzutreten, ohne daß die bereits

Anwesenden viel Notiz von ihnen nehmen. An der Wand des Zimmers hängt

über einem Tisch, auf dem man Zeichnungen, einen Blumenstrauß und

die Marmorbüste einer Frau erblickt, ein Brustbild Philipps IV. und

darüber eine Landschaft. Daneben vertieft sich das Zimmer in einen

Nebenraum, der als Maleratelier dient und durch ein breites Fenster

mit großen Scheiben erleuchtet wird. In dieser ganz kahlen Werkstatt,

in der von Mobiliar nur zwei Klappstühle zu sehen sind, führt eine

ältliche Frau ein kleines Kind auf den Maler zu, der, unbekümmert um

alles, was hinter seinem Rücken vorgeht, an dem Bilde einer Dame des

königlichen Hauses, mutmaßlich der Königin Marianne selber, arbeitet.

Daß dieser Maler Velazquez ist, daran ist wohl nicht zu zweifeln. Dann

muß, da Velazquez keine anderen Kinder hatte, als jene beiden Töchter,

von denen eine in früher Jugend starb, die zahlreiche Familie, die so

unbefangen in dem Vorraum der Werkstatt verkehrt, diejenige seines

Schwiegersohnes Mazo sein. Aus den auf dem Gemälde erkennbaren Werken

des Velazquez kann man den Schluß ziehen, daß die Entstehung des

Bildes in die Mitte oder die zweite Hälfte der fünfziger Jahre fällt.

Damals kann Mazo schon ganz erwachsene Kinder gehabt haben. Diesen

selbst müßte man in dem zweiten Männerkopf links erkennen, und die

sitzende Frau wäre die etwa 35jährige Francisca Velazquez; sie trägt

in ihrem häuslichen Anzug das Haar, entgegen der Mode, noch so, wie

es die dreißig Jahre früher gemalten Kinderbildnisse im Pradomuseum

zeigen (s. Abb. 12), an denen die Bezeichnung als Töchter des Velazquez

haftet. Sicher ist das malerisch sehr reizvolle Wiener Familienbild

unter den Augen des großen Malers entstanden, und an manchen Stellen,

namentlich an den Köpfen der vier jüngeren Kinder, mag man den

Strich seiner Meisterhand erkennen. Ebenso sicher aber ist das Bild

als Ganzes nicht als sein Werk zu betrachten. Seiner Urheberschaft

widerspricht das Zusammengestellte der Anordnung, die nur durch einen

ganz schwachen Versuch, einen Faden inneren Zusammenhangs in die Reihe

der Bildnisfiguren zu bringen, belebt wird. Auch die auffallende

Fehlerhaftigkeit der Perspektive darf man ihm nicht zumuten; Mazo aber

war, wie andere seiner Werke beweisen, einer solchen wohl fähig.

Velazquez(#58543) · 第 4 / 6 段