Eines seiner letzten Bilder malte Velazquez für Buen Retiro. Der

ausgedehnte Park dieser Besitzung enthielt neben Plätzen für jede Art

von Lustbarkeiten auch Orte stiller Zurückgezogenheit für Bußübungen

und Gebet. An dem einen Ende der Anlagen befand sich eine sogenannte

Einsiedelei mit einem auf den Namen des heiligen Eremiten Antonius

geweihten Bethaus. Hier wurde gegen Ende des Jahres 1659 das Gemälde

des Velazquez aufgestellt, das den Besuch des heiligen Antonius bei dem

heiligen Einsiedler Paulus zum Gegenstand hat (Abb. 47). Der Inhalt

der Legende, welche den Vorwurf abgegeben hat, ist folgender: Paulus

lebte als der erste christliche Eremit in der thebäischen Wüste; ein

Rabe brachte ihm täglich ein halbes Brot, von dem er sich ernährte.

Als er nach neunzig Jahren des Aufenthalts in vollständiger Einsamkeit

sein hundertunddreizehntes Lebensjahr erreicht hatte, kam, infolge

einer göttlichen Eingebung, der neunzigjährige Antonius, der in einer

anderen Gegend der Wüste wohnte, zu ihm, um ihm in der Sterbestunde als

Priester zur Seite zu stehen. Während dessen Anwesenheit brachte der

Rabe ein ganzes Brot. Als Paulus verschied, kamen Löwen herbei, um ein

Grab zu scharren, in das Antonius dann den Leichnam bettete. -- In dem

Gemälde des Velazquez ist der Landschaft ein großer Raum zugemessen;

die Figuren haben nur wenig mehr als halbe Lebensgröße. Wir werden in

die großartige Wildnis einer spanischen Gebirgseinöde versetzt. Vorn

schroffe, graue Felsen mit bräunlichen Tönen in ihren Vertiefungen;

in der Ferne kahle Höhenzüge, in denen sich die blauen und weißen

Töne der bewölkten Luft wiederholen. Unter einer Silberpappel, deren

Stamm mit Efeu bewachsen und deren Fuß von Brombeerranken umsponnen

ist, sitzen die beiden ehrwürdigen Greise. Paulus in schmutzigweiße

Wolle gekleidet, faltet seine dürren Hände zum Gebet, während er

den ergreifend schönen Kopf mit leuchtenden, glaubensfrohen Augen

nach dem Raben emporhebt. Antonius, den die Legende zum Begründer

des Mönchtums macht, und der daher in einer mönchischen Kleidung, in

brauner Kutte und schwarzem Mantel, erscheint, ist ganz von Staunen

erfüllt über das Wunder der übernatürlichen Speisung. Im Hintergrund

sind, in Aufnahme jener alten Weise bildlicher Erzählung, die in der

Spätzeit des Mittelalters allgemein, vielfach aber -- so namentlich in

Deutschland -- bis in das siebzehnte Jahrhundert hinein gebräuchlich

war, Begebenheiten des Vorher und Nachher zur Anschauung gebracht: wie

Antonius auf der Wanderung durch die Einöde einem Faun begegnet; wie

er an dem Holzgitter, das die Felsenwohnung des Paulus verschließt,

anklopft; wie er bei der Leiche betet, während die Löwen das Grab

auswerfen.

[Illustration: Abb. 46. +Spinnerinnen in der Teppichfabrik von Santa

Isabel zu Madrid.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 56.)]

Das letzte Porträt, das Velazquez malte, ist wohl das Bildnis der

Infantin Margarita im Pradomuseum, welches dort, mit nicht haltbarer

Begründung, Maria Teresa benannt wird. Die Tracht, die wir hier

sehen, ist die letzte und ungeheuerlichste Ausbildung der spanischen

Reifrockmode. Der Rock hat an Umfang immer noch zugenommen, und dabei

ist er aus der Halbkugelform in die Walzenform übergegangen, so daß

die Schöße des Leibchens auf ihm wie auf einem runden Tisch aufliegen,

der auch zum Darauflegen von allerlei anderen Sachen benutzt werden

kann. Weitpuffige Ärmel und genau wagerecht gezogener Halsausschnitt

haben die gänzliche Beseitigung einer jeden Linie, die dem menschlichen

Körperbau entsprechen könnte, vollendet. Einen solchen Anzug trug die

Infantin Maria Teresa als Brautkleid; ein französischer Gobelin mit

der Darstellung der Vermählungsfeier im Jahre 1660, nach einem Entwurf

von Charles Lebrun gewirkt, hat davon ein Abbild auf die Nachwelt

gebracht, freilich schon in einer abgeschwächten Form gegenüber der

unbarmherzigen Wahrheitsliebe des Velazquez. Ludwig XIV. entsetzte sich

beim ersten Anblick seiner Braut über diese Ungestalt. So entsetzt sich

auch der Beschauer beim ersten Anblick des Gemäldes im Pradomuseum,

wo ein neunjähriges Kind in dem an so jungem Leibe doppelt unleidlich

wirkenden Kleidergebäude steckt. Aber die malerische Schönheit des

Bildes bewältigt diesen Eindruck. Das späteste Werk des Velazquez steht

mit in der ersten Reihe der Meisterschöpfungen seiner Farbenkunst. Den

Hintergrund des Porträts bildet ein dunkelroter Paravent, der von der

grauen Wand des Zimmers nur sehr wenig sehen läßt, und weiter nach

vorn ein schwerer rotsamtener Vorhang, der aufgerafft und mit dem Ende

über eine Stuhllehne geworfen ist; Vorhang und Paravent sind durch

farbige, vorwiegend bleich-goldige Musterung belebt. Der Fußteppich hat

roten Grundton. In diesem Ganzen von prächtigen roten Tönen steht die

kleine Prinzessin, lange nicht mehr so hübsch wie vor einigen Jahren,

ein schnellgewachsenes, blasses, schnippisches Wesen, das vielleicht

kindlicher aussehen könnte, wenn es nicht eingezwängt wäre in diesen

entsetzlichen unnatürlichen Staat. Erfreulicherweise ist die Frisur

wenigstens mit dem eigenen blonden Haar hergestellt, das noch von dem

linksseitigen Scheitel durchzogen wird, der schon auf den frühesten

Bildnissen Margaritas zu sehen ist. Die Farben der Kleidung zeigen

Silberstoff und Zinnoberrot, dazu ein Rosa, das zwischen diesen beiden

Tönen genau die Mitte hält, durchsichtiges Weiß an Kragen und Ärmeln,

Gold und Silber in den Schmucksachen und Schwarz in der das Fleisch

pikant abgrenzenden Einfassung des Halsausschnittes. Der Reifrock

gestattet den Händen nicht, herabzuhängen; sie liegen seitwärts auf

dem Rock. Mit dem rechten Händchen hält die Prinzessin ein großes

Taschentuch von feinem Batist, mit der Linken ein paar Blumen (Abb. 48).

Im Frühjahr 1660 brach Philipp IV. mit einem großen Gefolge auf, um

in den Pyrenäen mit dem König von Frankreich zusammenzutreffen und

ihm seine Tochter zu übergeben. Velazquez als Schloßmarschall hatte

die Aufgabe, dem König vorauszureisen und in Städten und Burgen

dessen Wohnung vorzubereiten. In dieser Tätigkeit wurde er von drei

Quartiermeistern, unter denen sich sein Schwiegersohn Mazo befand,

unterstützt. Mitte April verließ der königliche Zug Madrid; unterwegs

reihte sich Fest an Fest, bei jedem Einzuge von der Bevölkerung

der betreffenden Gegend veranstaltet; Anfang Juni langte man in

Fuenterrabia an, wo Velazquez den von Kaiser Karl V. umgebauten alten

Palast der Könige von Navarra zur Aufnahme Philipps instand gesetzt

hatte. Die Begegnung der beiden Königsfamilien fand auf einer kleinen

neutralen Insel in dem Grenzfluß Bidassao statt, wo zu diesem Zweck ein

Gebäude errichtet worden war, zu dessen Ausschmückung man Gobelins aus

den Beständen des Madrider Königspalastes herbeigeschafft hatte. Den

Schluß der Königszusammenkunft bildete die Übergabe der Braut an Ludwig

XIV. am 7. Juni. Philipp IV. weinte beim Abschied.

Velazquez nahm an allen Feierlichkeiten dieser Tage teil. Seine

Persönlichkeit erregte Aufsehen, nicht nur durch die Vornehmheit und

Anmut seines Auftretens, sondern auch durch den auserlesenen Geschmack,

den er in seiner Kleidung an den Tag legte. Gleich am 8. Juni begann

seine anstrengende Tätigkeit als Schloßmarschall des reisenden Hofes

von neuem. Die Rückreise wurde auf einem anderen Wege genommen wie die

Hinreise. Wurde irgendwo ein längerer Halt gemacht, so füllten Feste

die Zeit aus. So ging es ohne Rast und Ruh, bis man am 26. Juni wieder

in Madrid eintraf.

[Illustration: Abb. 47. +Die heiligen Einsiedler Antonius und Paulus.+

Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 60.)]

Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß Velazquez durch das Übermaß von

Tätigkeit, das diese Reise ihm auferlegte, überanstrengt wurde, und daß

sich hier der Keim zu der Krankheit bildete, die bald darauf seinem

Leben ein Ende machte.

Nachdem Velazquez am 31. Juli den Vormittag über beim König Dienst

getan hatte, fühlte er sich unwohl und mußte nach Hause eilen. Ein

Wechselfieber stellte sich ein, mit Ohnmachtsanfällen verbunden. Der

König gesellte dem behandelnden Hofarzt seine beiden persönlichen

Leibärzte zu; aber auch diese konnten nur feststellen, daß die

Heftigkeit der Krankheit wenig Hoffnung übrig lasse. Darauf sandte der

König einen Erzbischof als geistlichen Beistand an das Krankenlager. Am

6. August 1660 verschied Velazquez. Philipp IV. war tief erschüttert

durch den Verlust. Die Leiche wurde in der Ordenstracht der

Santiagoritter aufgebahrt. Die Leichenfeierlichkeiten fanden mit großer

Prunkentfaltung in der St. Johannespfarrkirche statt. Ein Leibadjutant

des Königs und andere Ritter vom Hofe trugen den Sarg in die Gruft.

[Illustration: Abb. 48. +Die Infantin Margarita.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i

E., Paris und New York.) (Zu Seite 62.)]

Die Spanier nennen Velazquez den König der naturalistischen Malerei.

Das ist nicht zu viel gesagt. Seine Vornehmheit und sein feiner

Geschmack im Naturalismus sind von keinem anderen auch nur ganz von

ferne wieder erreicht worden.

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