(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 27.)]

Zur Ausführung religiöser Gemälde fand der Hofmaler verhältnismäßig

selten Gelegenheit. Gegen Ende der dreißiger Jahre ist, wie man

vermutet, das Bild des Gekreuzigten entstanden, das sich ursprünglich

im Benediktinerinnenkloster S. Placido zu Madrid befand (Abb. 26).

Es ist ein mächtig ergreifendes Bild. Auf einem Hintergrund, der

keinerlei Formen enthält, sondern leere Finsternis ist, schwarz mit

leichtem bräunlichen Anflug, ragt der schöne Körper in das goldige

Licht hinein, das ihn oben voll überflutet, während die Beine in einem

Halbton verschleiert bleiben. Das Haupt des göttlichen Dulders ist

im Tod vornüber gesunken; dabei ist auf der einen Seite das lange

Haar nach vorn gefallen. Diese mächtig wallende Masse von dunklem

Haar, die fast die Hälfte des Gesichts verdeckt, bringt etwas sehr

Eigentümliches in die Wirkung des Ganzen. Aber weder hieraus, noch

aus dem allmählichen Hineinwachsen der Gestalt aus dem Schatten in

das Licht ist das Außerordentliche des Eindrucks, den das Gemälde

auf den Beschauer ausübt, zur Genüge zu erklären. Vor allem wirkt

das Bild dadurch, daß der Maler für die Tiefe seiner religiösen und

künstlerischen Empfindung in der größten Schlichtheit den stärksten

Ausdruck gefunden hat. Der größte Meister der naturalistischen Kunst

hat es verschmäht, hier irgendeines der sonst gerade im siebzehnten

Jahrhundert bei diesem Gegenstand so sehr beliebten naturalistischen

Hilfsmittel, um auf das Gemüt des Beschauers einzuwirken -- die

Kennzeichnung des qualvollen Hängens, des Zuckens im Schmerz, des

Zusammensinkens im Tode --, anzuwenden. Das Bild ist mit der größten

Sorgfalt und Liebe gemalt. Die Ausführung des Holzes der Kreuzbalken

und der Inschrifttafel ist wahrhaft rührend. Bemerkenswert ist, daß

Velazquez die altertümliche Darstellungsweise wieder aufgenommen hat,

daß jeder Fuß des Gekreuzigten durch einen besonderen Nagel angeheftet

ist. Er ist hierin der Vorschrift seines Schwiegervaters gefolgt, der

in seinem Buch über die Malkunst mit Eifer gegen die im dreizehnten

Jahrhundert aufgekommene Darstellungsweise zu Felde zieht, welche, wie

es seitdem im allgemeinen gebräuchlich geblieben ist, eine Dreizahl von

Nägeln an die Stelle der altüberlieferten vier Nägel setzte.

Auch ein Velazquez mußte es erfahren, daß das große Publikum beim

Anblick eines Bildes mehr den Gegenstand als die Kunst ins Auge zu

fassen pflegt. In der Mitte der dreißiger Jahre wurde ein Bildnis des

Grafen Olivares, das er öffentlich ausstellte, vom Volk mit Steinen

beworfen. Denn der allmächtige Minister wurde immer verhaßter bei der

ganzen Nation. Vielleicht sind manche Bildnisse, die Velazquez nach

Olivares, der sich ihm stets sehr zugetan erwies und dem er auch seine

Anhänglichkeit und Dankbarkeit bewahrte, gemalt hat, als Opfer der

Volkswut zugrunde gegangen.

Im Januar 1643 wurde Olivares gestürzt. Er überlebte diesen Schlag

nicht lange; er starb fünf Monate danach. Philipp IV. wollte sich jetzt

zu selbständigem Handeln aufraffen. Er beschloß, persönlich ins Feld zu

ziehen, um beizutragen zur Wiederherstellung der spanischen Waffenehre,

die bald nach den rauschenden Siegesfesten von 1638 überall bedenklich

ins Wanken geraten war. Velazquez begleitete den König, als dieser

nach dem katalonischen Kriegsschauplatz aufbrach. Ganz Katalonien

befand sich seit 1646 in hellem Aufruhr; französische Truppen waren

als Befreier begrüßt und die Tore der Festungen waren ihnen geöffnet

worden. Vor einem Betreten des aufständischen Landes zauderte König

Philipp indessen doch noch zurück. In Saragossa machte er Halt und

begnügte sich damit, den Gang der Ereignisse von hier aus zu verfolgen.

Dem Velazquez verlieh er in diesem Jahre den Titel eines Leibadjutanten

(~Ayuda de cámara~ -- ein niederer Grad der Kammerherrenwürde), und

außerdem gab er ihm ein Amt, das keine bloße Würde war, sondern auch

Arbeit erforderte, indem er ihn zum Gehilfen des Marquis von Malpica,

des Oberintendanten der königlichen Bauunternehmungen, ernannte. Im

folgenden Jahre begab sich Philipp IV. wirklich nach Katalonien. Der

baldige Fall der von den Franzosen besetzten Festung Lerida wurde mit

Bestimmtheit vorausgesehen. Auf dem Marsch von Saragossa gegen Lerida

ließ der König sich von Velazquez malen in der Tracht, in welcher

er dort seinen Einzug halten wollte, wenn die Stadt wiedergewonnen

sein würde. Lerida wurde in der Tat übergeben, und der vorausgeplante

Einzug fand im August 1644 statt. Das Feldzugsbildnis des Königs, das

Velazquez während des Wartens auf dieses Ereignis malte, entstand

unter schwierigen Verhältnissen. Man lagerte in einem kleinen Orte

namens Fraga, wenige Meilen von Lerida entfernt, in unglaublichen

Unbequemlichkeiten. Die Werkstatt wurde eingerichtet in einem Raum,

der „nicht viel mehr war als das untere Ende eines Schornsteins“, mit

leeren Löchern statt der Fenster, mit Wänden, an die der Sicherheit

halber Stützen angelegt werden mußten; der Fußboden wurde durch Belegen

mit Schilf in einen einigermaßen erträglichen Zustand gebracht. Hier

saß der König dem Maler dreimal im roten, goldgestickten Anzug.

Um während der Sitzungen für die Unterhaltung zu sorgen, war ein

Hofzwerg befohlen. Auch diesen malte Velazquez während des Wartens auf

die Kapitulation von Lerida. Beide Bilder wurden gleich nach ihrer

Vollendung nach Madrid geschickt. Dasjenige des Königs ist später nach

England gekommen (Abb. 27). Dasjenige des Zwergs befindet sich neben

mehreren anderen von Personen dieses sonderbaren Teiles des Hofstaates

im Pradomuseum.

Am Hofe Philipps IV. befand sich eine ganze Schar von Zwergen und

„lustigen Personen“, wirklichen und scheinbaren Narren, die durch ihr

törichtes oder witziges Wesen den hohen Herrschaften zum Vergnügen

dienten. Das war übrigens keineswegs eine Besonderheit des spanischen

Hofes; das Halten von Hofnarren war damals, wenn auch nicht mehr so

allgemein gebräuchlich wie im sechzehnten Jahrhundert, eine weit

verbreitete Sitte.

Der große Meister der Bildniskunst hat in den ihm vom König

aufgetragenen Bildnissen dieser freiwilligen und unfreiwilligen

Spaßmacher Meisterwerke der Charakterdarstellung geschaffen.

[Illustration: Abb. 26. +Christus am Kreuz.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 30.)]

Das Porträt des Zwerges, der bei den Sitzungen des Königs in Fraga

zugegen war, und der mit dem Namen ~el primo~, „der Vetter“, bezeichnet

wurde, ist ein Prachtbild. Der sehr kleine Mann sitzt im Freien auf

einem Stein und blättert mit den Händchen in einem großen Folianten;

für Aufzeichnungen, die er etwa aus dem alten Buche machen will, sind

ein Heft und ein Tintenfaß bereit. Er hat den Blick dem Beschauer

zugewendet, aber ohne ihn zu fixieren; die schwarzen Augen sind ohne

Glanz. Der Ausdruck des Gesichts ist eine Ruhe der Vornehmheit, die

kaum komisch wirkt, die vielmehr echt zu sein scheint. Es ist ja

wohl denkbar, daß ~el primo~ von guter Herkunft war. Seine tadellose

Kleidung ist ganz schwarz; das Gesicht leuchtend hell, warm im Ton,

mit dunkelblondem Haar und Schnurrbärtchen. Die Landschaft ist grau,

mit ein paar scharfen Helligkeiten in der Luft und auf den Bergen.

Sonst keine Farbe außer dem Weiß in den aufgeschlagenen Büchern und ein

paar bräunlichen Tönen in den Bucheinbänden und vorn am Boden. Was für

eine Farbenwirkung mit diesen Mitteln erreicht ist, das ist geradezu

wunderbar.

Das Bildnis eines anderen Hofzwergs, der als Don Sebastian de Morra

bezeichnet wird, zeigt einen sehr kleinen, schwarzhaarigen und

schwarzbärtigen Mann, der platt auf dem Boden sitzt, die Schuhsohlen

dem Beschauer zukehrend. In bunter Kleidung tritt er farbig aus

schlichtem graubraunem Grund hervor. Er hat die Fäustchen auf die

Oberschenkel gestemmt und mit leicht zur Seite geneigtem Kopf sieht er

einen unter den schwarzen Brauen hervor mit einem ganz eigentümlichen,

dunkeln Blick an. Dieser Blick hat etwas Melancholisches und zugleich

etwas Wildes, Mitleiderweckendes und Furchterregendes gemischt.

Den Bildern der Zwerge, die durch ihren Witz den König und die Großen

des Hofes unterhielten, reihen sich diejenigen von bedauernswerten

Geschöpfen an, die durch ihre natürliche Torheit zur Belustigung

dienten. Da ist „Das Kind von Vallecas“, ein Kretin, mit einer

schrecklichen Wahrheit in jeder Einzelheit der Form, des Ausdrucks

und der Bewegung gemalt, dabei ein Meisterwerk der Farbenstimmung.

Ferner „Der Dumme von Coria“, noch meisterhafter gemalt als jenes,

ein Blödsinniger, der lustig ist und ohne Grund lacht. Man kann sich

nicht leicht etwas Schrecklicheres für die Darstellung denken, als

diese häßlichen, armen Geschöpfe. Wie groß ist die Macht einer Kunst,

die so vollkommen ist, daß sie auch diesen Darstellungen Schönheit zu

verleihen vermag!

Erfreulicher für den heutigen Beschauer ist jedenfalls der Anblick

derjenigen „lustigen Personen“, die sich wenigstens im Besitze der

Gesundheit und wohlgewachsener Gliedmaßen befinden. Da ist Pablillos

von Valladolid, ein stattlicher Mann, der in spreizbeiniger Stellung,

das Mäntelchen wie eine Toga umgenommen, wie ein Redner gestikuliert;

seine dunklen Augen blicken stier, wie die eines Berauschten -- man

weiß nicht, ist er klug oder dumm, oder hat man ihn, was zu den

beliebten Scherzen des Hofes gehörte, betrunken gemacht. Die ganze

Gestalt wirkt unsagbar lebendig, man glaubt den blechernen Klang der

Stimme des Schwatzenden zu vernehmen (Abb. 28). Dann Christóbal de

Pernia, der oberste der Hofnarren, der sich nicht davor fürchtete,

seinen Witz auch an dem gefährlichen Olivares auszulassen, und

der den Mut und die Kraft besaß, als Stierkämpfer aufzutreten. Er

erscheint in einem mit höchster Schnelligkeit gemalten und unfertig

gelassenen, trotzdem aber mächtig wirkenden Bilde entsprechend seinem

Beinamen „Barbarroja“ in der Maske des wilden Seeräubers Barbarossa.

In türkischer Kleidung, rot mit weißem Mantel, steht er mit gezogenem

Schwert da, und der zornige Ausdruck seines Gesichts, dem der große

graue Schnurrbart und der kurze Backenbart ein für die Zeit sehr

fremdartiges Aussehen geben, scheint einen unsichtbaren Gegner zum

Kampf herauszufordern.

Als „Don Juan de Austria“ parodiert ein anderer Hofnarr den durch

seinen großen Seesieg über die Türken berühmten Sohn Karls V. (Abb.

29). Daß dieser Großoheim von unrechtmäßiger Herkunft für Philipp IV.

ein Gegenstand des Spottes sein konnte, braucht nicht zu befremden.

Von am Boden liegenden Waffen umgeben, steht „Don Juan de Austria“ in

der Tracht aus Großvaters Zeit da, die Linke am Degengefäß, in der

Rechten einen großen Stab. Im Hintergrund ist mit ein paar scherzhaften

Strichen die Schlacht bei Lepanto angedeutet: ein Durcheinander von

Feuer und Rauch, man darf sich in Brand geschossene und in die Luft

fliegende türkische Kriegsschiffe darunter vorstellen. Das Bild ist

ebenfalls sehr schnell gemalt -- diese Art von Personen gewährten wohl

keine langen Sitzungen --, nur der Kopf ist fertig ausgeführt. Aber

ganz vollendet ist es in malerischer Hinsicht, prachtvoll im Ton. Das

Bild eines Narren soll selbstverständlicherweise Komik enthalten.

Hier liegt das Komische der Wirkung schon in dem Gegensatz zwischen

der vornehmen Kleidung und der sehr wenig vornehmen Gestalt ihres

Trägers. Ein Mann von ungelenker Haltung, mit dünnen, wadenlosen

Beinen und großen Plattfüßen, der auf seinem steifen, plumpen Rumpf

einen Kopf mit schlecht rasierten Wangen, mächtigem Schnauzbart,

breiter gedrückter Nase und klug tuenden kleinen Augen trägt, -- in

würdevollem, altmodischem Anzug aus prächtig wirkenden schwarzen und

hellkarminfarbigen Stoffen, wie ihn wohl ein Heerführer Philipps II.

hätte tragen können: eine solche Erscheinung mußte am Hofe Philipps

IV. schon durch ihren bloßen Anblick die Lachlust erwecken. Für uns

geht natürlich derjenige Teil der Wirkung verloren, der für den

zeitgenössischen Beschauer darin bestand, daß die Kleidung, die vor

einigen Jahrzehnten aus der Mode gekommen war, eben dadurch schon an

und für sich lächerlich erschien. In Kleidersachen mißfällt bekanntlich

das jüngst Veraltete immer am meisten. Heutzutage haben wir keine

Veranlassung, die Tracht aus der Zeit Philipps IV. für kleidsamer zu

halten, als diejenige aus der Zeit seines Großvaters.

[Illustration: Abb. 27. +König Philipp IV., gemalt im Quartier zu Fraga

1644.+ In der Dulwich-Galerie zu London. (Zu Seite 32.)]

Als der König im Jahre 1645 sich abermals nach Saragossa begab, nahm er

den Infanten Baltasar Carlos mit, damit dieser in seiner Eigenschaft

als Thronerbe die Huldigung der aragonischen Stände entgegennähme. Der

Kronprinz war in guter Gesundheit herangewachsen. Das im Pradomuseum

befindliche letzte Bildnis, welches Velazquez nach ihm malte, zeigt ihn

als einen geweckt aussehenden schlanken Knaben im Alter von vierzehn

bis fünfzehn Jahren; die in Schwarz gekleidete Figur steht auf einem

dunkelgrauen Hintergrund, den nur ein auf die Lehne des seitwärts

stehenden Stuhls herabfallender roter Sammetvorhang belebt, und bei

der äußersten Einfachheit der Wirkung prangt das Bild doch wieder in

einem vornehmen Velazquezschen Ton, durch den es zwischen allen anderen

Gemälden sich schon von weitem als ein Werk des Meisters kenntlich

macht. Bei jener Reise nach Aragonien ließ der König zum Andenken an

die Anwesenheit des Kronprinzen ein Bild der Stadt Saragossa malen.

Mazo, der Schwiegersohn des Velazquez, wurde mit dieser Aufgabe

betraut, und Don Baltasar Carlos selbst bestimmte den Standpunkt, von

dem aus die Ansicht aufgenommen werden sollte. Dieses Bild des Mazo,

jetzt im Pradomuseum befindlich, zeigt unter duftig bewölktem Himmel

die Stadt in hellem Lichte jenseits des Ebro. Der Vordergrund ist durch

eine buntfarbige Menge von Figuren belebt, in deren meisterhafter

Ausführung man wohl mit Gewißheit die Hand des Velazquez erkennen darf.

-- Als ein Studienblatt zu derartiger Staffierung eines vorwiegend

landschaftlichen Gemäldes -- sei es eine Stadtansicht, wie die von

Saragossa, sei es eine Schilderung einer als öffentliches Schauspiel

dienenden Hofjagd, wie Velazquez deren mehrere für den König malte,

-- muß man die Zusammenstellung von dreizehn spanischen Kavalieren

auf einer kleinen Leinwand ansehen, die sich im Louvre befindet

und mit den Titeln „Die Unterhaltung“ oder, unbegreiflicherweise,

„Künstlervereinigung“ bezeichnet wird; die Tracht der Dargestellten

weist auf die Zeit gegen 1640 (Abb. 30).

[Illustration: Abb. 28. +Bildnis eines Hofnarren Philipps IV., genannt

Pablillos de Valladolid.+ Im Pradomuseum zu Madrid. (Zu Seite 34.)]

Dem Prinzen Baltasar Carlos war es nicht beschieden, die großen

Hoffnungen, die man auf ihn setzte, zu erfüllen. Nachdem er im Alter

von siebzehn Jahren mit seiner um sechs Jahre jüngeren Base Erzherzogin

Maria Anna von Österreich, der Tochter des Deutschen Kaisers, verlobt

worden war, starb er bald darauf an einem Fieber, im Oktober 1646.

Sechs Monate später verlobte sich König Philipp IV., der seit dem

Herbst 1644 Witwer war, mit der früheren Braut seines Sohnes. Die

Vermählung wurde bis zum Jahre 1649, wo die Erzherzogin ihr vierzehntes

Lebensjahr vollendete, hinausgeschoben.

[Illustration: Abb. 29. +Bildnis eines Hofnarren Philipps IV., genannt

Don Juan de Austria.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 34.)]

Velazquez war bei der Ankunft der jungen Königin in Spanien, bei den

Vermählungsfeierlichkeiten und bei dem glänzenden Einzug in Madrid im

Spätherbst 1649 nicht zugegen. Er hatte damals im Auftrage des Königs

eine Reise nach Italien angetreten, die ihn zum zweitenmal längere Zeit

an das alte Kunstland fesselte.

[Illustration: Abb. 30. +Gruppen spanischer Kavaliere+, vermutlich

Studien zu einem verloren gegangenen Gemälde. Im Louvremuseum zu Paris.

(Zu Seite 36.)]

Diese Reise hing mit einer neuen amtlichen Stellung zusammen, die

Velazquez seit Anfang 1647 bekleidete. Philipp IV. ließ das alte

Königsschloß zu Madrid teilweise umbauen und neu einrichten. Zu diesen

Herstellungen gehörte ein großer achteckiger Saal nach dem Muster der

Tribuna im Uffizienpalast zu Florenz, der ebenso wie dieser berühmte

Raum dazu dienen sollte, die auserlesensten Meisterwerke der Kunst

in sich zu vereinigen. Die Beaufsichtigung und die Rechnungsführung

über die Einrichtung des achteckigen Saales übertrug der König dem

Velazquez, dem er zu seiner größeren Bequemlichkeit eine geräumige

Wohnung im Palast anwies, neben der Dienstwohnung in der Stadt,

die er seit Antritt seiner Stellung als Hofmaler inne hatte. Als

nun der König mit Velazquez über die zu gründende Gemäldegalerie

sprach, soll dieser gesagt haben, daß er sich anheischig mache,

Meisterwerke italienischer Maler anzuschaffen, wie sie nur wenige

Fürsten besäßen, wenn Seine Majestät ihm nur gestatten wolle, selbst

nach Rom und Venedig zu gehen und dort die besten Bilder aufzusuchen

und anzukaufen. Daraufhin habe der König den Urlaub bewilligt. Außer

der Anschaffung von Gemälden des sechzehnten Jahrhunderts handelte

es sich auch um die Anschaffung antiker Bildwerke, oder, wenn solche

nicht zu bekommen wären, um Abformungen, nach denen dann später in

Madrid Erzgüsse angefertigt werden sollten. Anfang Januar 1649 schiffte

sich der Abgesandte Philipps IV., welcher die neue Königin in Triest

in Empfang nehmen sollte, in Malaga ein. In dessen Gesellschaft trat

Velazquez die Reise an. Stürmisches Wetter verzögerte die Fahrt, so

daß das Schiff erst nach vierzig Tagen in Genua ankam. Velazquez

begab sich zunächst nach Venedig, wo er Bilder von Paul Veronese und

Tintoretto kaufte, und dann nach Rom. Ehe er sich hier festsetzen

konnte, mußte er nach Neapel reisen, um das ihm vom König mitgegebene

Empfehlungsschreiben an den Vizekönig Graf Oñate abzugeben. In Rom

bemühte er sich um die Erlaubnis, den Papst malen zu dürfen. Innocenz

X., aus dem Hause Pamfili, gewährte, obgleich er im allgemeinen kein

Freund der Künstler war, dem spanischen Hofmaler eine Sitzung. Da

Velazquez durch die langen Reisen seit Jahr und Tag nicht zum Malen

gekommen war, fühlte er das Bedürfnis, sich vorher etwas zu üben, ehe

er an die hohe Aufgabe, das Bildnis des Papstes, herantrat. Er malte

seinen Diener, den Mulatten Juan de Parejo. Dieser Mann hat sich

später einen Namen dadurch gemacht, daß er sich im stillen, angeblich

ganz ohne Wissen seines Herrn, dem er die Farben rieb, im Malen übte,

bis er plötzlich mit ganz hübschen Erfolgen an die Öffentlichkeit

treten konnte. Velazquez schickte das Bildnis seines Mulatten zu

einer Ausstellung, die in Rom alljährlich am 19. März stattfand.

Das Bild fand wegen seiner schlagenden Naturwahrheit die höchste

Anerkennung bei einheimischen und fremden Malern, die Akademie von S.

Luca ernannte Velazquez zu ihrem Mitglied. Als bald darauf der Papst

dem spanischen Künstler die versprochene Sitzung gewährte, entstand

jenes wunderbare Bildnis, welches, im Palast Doria-Pamfili, dem an die

Familie Doria übergegangenen Elternhaus Innocenz’ X., befindlich, heute

gerade wie damals das Staunen aller Rom besuchenden Maler ist (Abb.

31). Diese künstlerische Wahrheit ist überwältigend. Das Bild gehört

zu denjenigen, deren Eindruck unauslöschlich im Gedächtnis haftet,

und wohl mancher hat schon gesagt, daß es das schönste Ölgemälde in

ganz Rom sei. Das Bild hat eine merkwürdige Farbenwirkung; es ist

sozusagen rot in rot gemalt. Innocenz X., ein auffallend häßlicher

Mann mit stechenden dunklen Augen, ungewöhnlich rot von Gesichtsfarbe,

sitzt, mit Mütze und Schultermäntelchen von purpurroter Seide und

einem Chorhemd aus dünnem weißen Stoff bekleidet, auf einem roten

Sammetsessel vor einem roten Vorhang. Wenn bei der Ausstellung des

Bildnisses des Mulatten der Ausspruch getan wurde, daß daneben alles

andere Malerei geschienen hätte, dieses allein Wahrheit, so hat ein

solcher Ausspruch an und für sich nicht viel Gewicht. Denn Ähnliches

ist zu verschiedenen Zeiten und von Bildern der verschiedensten Art

gesagt worden; anderen Zeiten gilt anderes als Wahrheit. Aber in einer

Beziehung ist Velazquez wirklich nur mit der Natur zu vergleichen: wie

die Natur durch das Verhältnis von Licht und Schatten alles zueinander

stimmt, so daß es in ihr keinen Mißklang der Farben gibt, so stimmt

auch Velazquez die sonst unvereinbarsten Farben in vollendeter Harmonie

zueinander. Die verschiedenen Rot in dem Bilde des Papstes -- wenn man

nur davon hört, ohne das Bild zu sehen, kann man es sich unmöglich

vorstellen -- klingen zusammen in einer Wirkung von schmelzendem

Wohllaut. -- Velazquez verehrte das Bildnis dem Papste; die Widmung

hat er auf den Brief geschrieben, den man auf dem Bilde in der linken

Hand des hohen Herrn sieht. Innocenz X. war sehr zufrieden mit der

Leistung des spanischen Malers, und er schenkte ihm als Zeichen seiner

Anerkennung eine goldene Kette von großem Wert, an der an einem Ringe

eine mit Edelsteinen besetzte Schaumünze mit dem Bildnis des Papstes

hing. Das Meisterwerk des Velazquez versetzte, so wird berichtet,

ganz Rom in Aufregung, alle kopierten es zum Studium und betrachteten

es wie ein Wunder. Zahlreiche Bildnisbestellungen von seiten hoher

Persönlichkeiten waren die natürliche Folge jener die ganze

italienische Kunst der Zeit so unendlich weit überragenden Leistung.

[Illustration: Abb. 31. +Innocenz X.+ In der Galerie Doria zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 38.)]

Darüber versäumte Velazquez nicht die Aufgaben, um derentwillen ihm

sein König den Urlaub nach Italien bewilligt hatte. Von zweiunddreißig

der berühmtesten Marmorwerke des Altertums, die sich im Vatikan,

auf dem Kapitol, im farnesischen Palast, in den Villen der Borghese

und der Ludovisi befanden, wurden Gipsabgüsse angefertigt. Bei den

Bilderankäufen erreichte Velazquez freilich nicht alles, was er wollte.

Ein Gemälde, auf das er es ganz besonders abgesehen hatte, war die

später nach Dresden gekommene „Heilige Nacht“ des Correggio, im Besitze

des Herzogs Franz II. von Este. Der Herzog ließ sich weder durch die

Rücksicht auf den spanischen König, noch durch seine persönliche

Gewogenheit gegen Velazquez dazu bestimmen, sich dieses Kunstkleinods

zu entäußern. Als Velazquez Rom verlassen hatte, um nach Spanien

zurückzukehren, machte er in Modena Halt und erklärte, da er den Herzog

nicht antraf, daß er warten würde bis zu dessen Rückkehr. Es wurden ihm

alle möglichen Aufmerksamkeiten erwiesen, aber Herzog Franz vermied

es, mit ihm zusammenzutreffen; Velazquez mußte sich schließlich darein

schicken, daß das begehrte Gemälde für seinen König nicht zu haben sei.

Ein anderer Mißerfolg war der, daß zwei Bologneser Dekorationsmaler,

die er angeworben hatte, um die Schlösser Philipps IV. auszumalen, ihr

Wort nicht hielten und Velazquez vergeblich in Genua warten ließen.

[Illustration: Abb. 32. +Philipp IV.+, gemalt nach 1651. Im Pradomuseum

zu Madrid.

(Nach einer Photographie von J. Laurent & Cie. in Madrid.) (Zu Seite

42.)]

Velazquez’ zweiter Aufenthalt in Italien hatte über zwei Jahre

gedauert. Es scheint, daß er gern noch länger geblieben wäre.

Wenigstens bekam er schließlich einen ausdrücklichen Befehl zur

Rückkehr von seiten des Königs. Er verzichtete auf eine geplante Reise

durch Südfrankreich, schiffte sich in Genua ein und landete im Juni

1651 in Barcelona.

[Illustration: Abb. 33. +Marianne von Österreich, zweite Gemahlin

Philipps IV.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

Velazquez(#58543) · 第 3 / 6 段