Bei den Landschaften mag man in erster Linie an Aufnahmen aus den

Gärten der ausgedehnten Villa bei Madrid denken, die Olivares im

Anfang der dreißiger Jahre dem König verehrte, und deren Namen Buen

Retiro jetzt in den weitläufigen öffentlichen Anlagen fortlebt, die

sich in der Nähe des Spaziergangs el Prado ausdehnen. Zur Ausschmückung

des Wohnpalastes dieser Villa hat auch das einzige im Pradomuseum

vorhandene Bild der ersten Gemahlin Philipps IV., Isabella von Bourbon,

gedient. Die Königin ließ sich, nach ihrer eigenen Äußerung, nicht

gern abmalen. Daraus mag es zu erklären sein, daß das in Rede stehende

Gemälde, das die Königin zu Pferde zeigt, durch teilweise Übermalung

eines alten Bildes als Gegenstück zu einem neuen, für den Palast von

Buen Retiro angefertigten Reiterbildnis des Königs zurecht gemacht

wurde. Zur Ausschmückung dieses neuen Schlosses beizutragen, war eine

Hauptaufgabe des Velazquez in den dreißiger Jahren. Dazu kamen Bilder

für ein Jagdhaus, das Philipp IV. sich in dem großen Wildpark von Pardo

zu dieser Zeit herrichten ließ. Was Velazquez für diese neuen Gebäude,

in die eine Menge vorhandener Gemälde zusammengetragen wurde, zu malen

hatte, waren in erster Linie Reiter- und Jägerbildnisse. In diesen

Darstellungen der fürstlichen Personen in freier Luft offenbart uns der

Meister erst die Höhe seiner Kunst. In ihnen verschmilzt die vollendete

Naturtreue mit der höchsten dichterischen Schönheit der Farbe zur

Einheit. Velazquez versetzt seine Reiter und Jäger auf Bergeshöhen;

man glaubt die erfrischende Luft des Gebirges zu atmen, und in einer

Flut von Licht blickt man hinaus in den namenlosen Farbenzauber

weiter Fernsichten. Das aus Buen Retiro in das Pradomuseum gekommene

Reiterbild Philipps IV. zeigt den wegen seiner Reitkunst berühmten

König, wie er mit seinem weißfüßigen Braunen die schwierige Stellung

ausführt, die als Pesade oder als Halbkurbette bezeichnet wird. In den

Umrissen des Pferdes hat der Maler sich augenscheinlich Korrekturen

von seiten seines Herrn gefallen lassen müssen, die ihn zwangen, seine

naturalistische Anschauung zurücktreten zu lassen hinter der Beachtung

der vom Modegeschmack diktierten Schönheitseigenschaften des Pferdes;

es ist ja eine merkwürdige, aber wohl in allen Zeiten zu beobachtende

Tatsache, daß die Modebegriffe von Pferdeschönheit die Einbildung der

Pferdekenner so stark beeinflussen, daß ein unbefangenes Auge die

nach deren Vorschrift dargestellten Pferde nur mit Befremden ansehen

kann. Der König erscheint auf diesem Bilde in Feldherrentracht. Über

einem rotbraunen, goldgestickten Sammetanzug trägt er einen schwarzen

Harnisch mit Goldverzierungen; seine Brust umgibt eine karminrote

Schärpe, den Kopf bedeckt ein schwarzer, mit weißen und braunen

Straußenfedern geschmückter Hut, und die Füße stecken in Stiefeln von

hellem Leder. Prachtvoll ist die Landschaft. Die blaue Luft ist von

grauen und weißen Windwolken durchzogen; die fernste Berglinie trägt

Schnee, dann kommt ein dunkelblauer, ganz kahler Bergrücken, weiter

nach vorn grüne Hügel mit Steineichengehölzen; dann zieht sich ein

dürrer, weißlich-grün schimmernder Hang nach der Höhe hinan, wo der

königliche Reiter sein Roß auf trockenem, braunem Boden tummelt (Abb.

17). Das Gegenstück, das Reiterbild der Königin (Abb. 18), ist nur

zum Teil von Velazquez selbst gemalt. An der Figur Isabellas rührt

nur der Kopf von ihm her, ein von dunkelbraunem Haar umrahmtes feines

weißes Gesicht mit geröteten Wangen und frischen Lippen. Das braune,

goldgestickte Reitkleid mit dem weißen, mit Silbersternchen verzierten

Unterkleid und selbst die Hände sind von einer sehr fleißigen, aber

wenig künstlerischen Hand ausgeführt; ebenso die braune, mit Gold und

Silber verzierte Pferdedecke. Dagegen hat der Meister das Pferd und

den landschaftlichen Hintergrund wieder eigenhändig gemalt. Dieser

prachtvolle Schimmel mit dem wunderbar schönen und lebendigen Auge,

und diese köstliche Landschaft -- unter kühlem, bewölktem Himmel sieht

man zwischen Hügeln mit Gebüschen hindurch in ein Flußtal, das in der

Ferne von einem duftig blauen Gebirgskamm begrenzt wird, -- sind nicht

zu derselben Zeit gemalt wie die Figur, sondern geben sich deutlich als

Übermalung aus späterer Zeit zu erkennen; von einem dunklen Pferd, das

früher da war, sind Teile im Laufe der Zeit wieder zum Durchscheinen

gekommen. Wahrscheinlich gefiel dem Meister das ältere Bild nicht

mehr gut genug, um es in den Prunksaal des neuen Palastes dem neuen

Reiterbild des Königs gegenüber hängen zu lassen.

Für eben diesen Saal, der den Namen „Saal der Königreiche“ führte,

mußte Velazquez auch alte Reiterbildnisse der Eltern Philipps IV., des

Königs Philipp III. und der Königin Margarete von Österreich, durch

Überarbeitung und durch Vergrößerung des Formats -- indem jedem Bild an

beiden Seiten ein Stück angesetzt wurde -- mit seinen eigenen Gemälden

in Übereinstimmung setzen. Es ist begreiflich, daß dem Meister diese

Änderungen an fremden Werken keine besonders erfreuliche Arbeit waren;

man sieht, daß die Übermalungen, die sich übrigens im wesentlichen auf

die Pferde und die Hintergründe beschränken, mit großer Hast ausgeführt

sind. Dennoch ist es ihm gelungen, durch seine Übermalungen den beiden

Bildern ein prächtiges Aussehen zu geben und seine Farbenstimmungen so

einzurichten, daß kein Mißklang mit dem, was er stehen ließ, entstand.

Ganz wundervoll ist die landschaftliche Stimmung -- Sonnenuntergang --

in dem Bild der Königin Margareta.

Die Krone von Velazquez’ Reiterbildnissen ist dasjenige des Prinzen

Don Baltasar Carlos, das er, nach dem Alter des Kindes zu urteilen,

um 1636, ebenfalls für Buen Retiro malte (Abb. 19). Es ist ein

entzückendes Bild, neben dessen lichterfüllter Farbenpoesie alle

Gemälde anderer Meister, die es umgeben, schwarz erscheinen. Der

sattelfeste kleine Reiter, der schon ganz früh unter des Grafen

Olivares, als Oberstallmeisters, Aufsicht Reitunterricht bekommen

hatte und der im Alter von vier Jahren sich bereits auf einen Pony

setzen durfte, der als ein Teufelchen bezeichnet wurde, sprengt im

Galopp auf einem stämmigen andalusischen Pony daher. Don Baltasar

Carlos ist ein hübscher Junge geworden; groß und lebhaft blicken die

schwarzblauen Augen, die denen seines Vaters gleichen, aus dem etwas

blassen Gesichtchen; das lichtblonde Haar hat einen wärmeren Ton

bekommen. Er trägt eine Jacke von Goldbrokat mit grünem, goldgesticktem

Ärmelaufschlag, Kollett und Beinkleid von dunkelgrünem, mit Gold

verziertem Stoff, schwarzen Hut mit schwarzem Ausputz, Stiefel und

Handschuhe von hellbraunem Leder. Wie ein künftiger Feldherr trägt er

eine Schärpe, rosenrot mit Goldfransen, und schwingt einen Kommandostab

in der Rechten. Das feiste Pferdchen ist ein Rotschimmel mit braunem

Kopf und schwarzen Füßen; Schweif und Mähne sind dunkel und sehr dicht

und lang, wie man es damals als unentbehrliches Schönheitserfordernis

eines edlen spanischen Pferdes ansah. Sattel- und Zaumzeug sind mit

Goldstoff überzogen, die Metallteile des Geschirres vergoldet. Das

Königskind galoppiert so stolz und freudig dem Bergrücken entlang,

von dem man weit in das spanische Land hinaussieht. Das ganze Bild

ist sozusagen auf einen freudigen Ton gestimmt. Der Himmel ist sonnig

blau, von silberiggrauen und von hell durchschienenen weißen Wölkchen

belebt. Die Fernsicht schwimmt in blauen, weißlichen und grünen Tönen,

zu denen nur ganz wenig Rötliches und Bräunliches im Vordergrund kommt.

Diese Luft und diese Landschaft geben eine charakteristische Stimmung

der spanischen Landschaft in so treffender Weise wieder, daß man sich

versucht fühlt, hier von einer absoluten Wahrheit des Farbentons zu

reden.

Prinz Baltasar Carlos wurde ebenso früh wie im Reiten, auch im Weidwerk

ausgebildet. Der König war ein leidenschaftlicher Jäger; schon im

Knabenalter hatte er bewunderte Proben von Kraft, Gewandtheit und

Unerschrockenheit abgelegt. Mit Stolz sah er, daß sein vergöttertes

Söhnchen es ihm in den ritterlichen Künsten nachtun zu wollen

schien. Wohl zum Andenken an den ersten Jagdgang des Prinzen in den

Pardowald ließ Philipp IV. das allerliebste Bild ausführen, das den

Sechsjährigen als Jäger darstellt. Der hübsche Knabe steht ernst und

wichtig blickend, mit einer kleinen Flinte in der Hand, unter einer

Eiche, im Jagdanzug aus derbem, dunkel bräunlich-olivengrünem Stoff

mit gesteppten schwarzseidenen Ärmeln und schwarzen Strümpfen. Neben

ihm sitzt ein reizender Zwergwindhund im Schatten des Baumes, und auf

der anderen Seite liegt im fahlen dürren Grase ein prächtiger brauner,

weißgezeichneter Vorstehhund, mit einem Ausdruck, der zu sagen scheint,

daß er sich der Pflicht bewußt sei, den kleinen Jäger zu bewachen. Es

ist ein kühler Tag. Über einen weißlich-grauen Hang hinweg sieht man

in die bläuliche Berglandschaft mit graugrünen Steineichenbeständen,

über die im Ziehen der Wolken Sonnenblicke einhergleiten. Das Ganze ist

in seinem durchaus naturalistischen und dabei so unendlich poetischen

Farbenreiz ein wahres Wunder von einem Bild (Abb. 20).

[Illustration: Abb. 17. +Reiterbildnis Philipps IV.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)

(Zu Seite 20.)]

[Illustration: Abb. 18. +Reiterbildnis der Königin Isabella von

Bourbon.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 20.)]

Außer diesem sind von den Jägerbildnissen, die Velazquez für

das Jagdhaus im Pardowald und auch noch für ein mit Jagdstücken

ausgeschmücktes Zimmer im Palast malte, noch zwei vorhanden: eines,

das den König, und eines, das dessen jüngsten Bruder, den Infanten

Ferdinand, darstellt. Der König steht in weiter Bergeinsamkeit,

über der sich ein lichtbewölkter Abendhimmel ausspannt, unter

einem dichtbelaubten Baum auf dem Anstand, das lange Gewehr in

der herabhängenden Rechten. Neben ihm sitzt ein gelbbrauner Hund,

starkknochig mit feinem Kopf und klugen Augen. Das Bild scheint

gleichzeitig mit demjenigen des Prinzen Baltasar gemalt zu sein. Der

König befindet sich also im Alter von dreißig Jahren. Gestalt und

Gesicht haben sich nur wenig verändert, seit Velazquez die erste

Aufnahme machte; längere Haartracht und ein in die Höhe gebürsteter

Schnurrbart sind die einzigen Veränderungen, die einem beim ersten

Anblick auffallen. Die Kleidung ist in Schnitt und Farbe derjenigen

des kleinen Prinzen ganz ähnlich. Der Infant Don Ferdinand, in der

nämlichen Jägertracht, steht mit dem gespannten Gewehr im Arm da. Aus

dem blassen Gesicht schauen hellblaue Augen ruhig und aufmerksam in die

Ferne. Vor seinen Füßen sitzt ein schöner hellbrauner Spürhund. Hinter

ihm dehnt sich ein grauer Bergrücken aus, den die blauen Zacken einer

fernen Sierra überragen; der Himmel ist von dünnem Gewölk überzogen.

Dieser Prinz, der an Liebe zum Weidwerk seinen königlichen Bruder

womöglich noch übertraf, ist der unter dem Namen „Kardinal-Infant“

bekannte Statthalter der Niederlande; den Kardinalstitel hatte er

schon als Kind bekommen, nachdem ihm zuvor der mit großen Einkünften

verbundene Titel eines Erzbischofs von Toledo erteilt worden war. Da

er Spanien im Jahre 1634 verließ, um sich nach Flandern zu begeben, so

muß das schöne Bild vor diesem Jahre gemalt sein oder doch auf einer

vorher gemachten Aufnahme beruhen (Abb. 21).

Im Jahre 1634 bestellte Olivares in Florenz ein in Erzguß

auszuführendes Reiterstandbild Philipps IV. Velazquez malte für den

mit dieser Aufgabe betrauten Bildhauer Pierro Tacca die Vorbilder. Ein

im Pittipalast zu Florenz befindliches Reiterbildnis des Königs, das

demjenigen des Pradomuseums ähnlich, aber in kleinem Maßstab ausgeführt

ist, ist vermutlich eines dieser Modelle zu dem Erzbild, das später vor

dem Königsschloß in Madrid aufgestellt wurde.

Wenn fürstliche Gäste an den Hof zu Madrid kamen, so fiel Velazquez

öfters die Aufgabe zu, auch diese zu malen. So hatte er bereits im

Jahre 1623 den Prinzen von Wales, Karl Stuart, gemalt, der damals um

die Infantin Maria, die nachmalige deutsche Kaiserin, warb. Im Jahre

1638 fertigte er ein Bildnis des Herzogs Franz II. von Modena an, als

dieser in Madrid verweilte, um das Töchterchen des Königspaares, die

Infantin Maria Teresa aus der Taufe zu heben. Es ist erwähnenswert,

daß unter den Geschenken, welche Philipp IV. dem Herzog bei dieser

Gelegenheit machte, auch ein von Velazquez gemaltes Miniaturbildnis des

Königs genannt wird, das sich auf der Rückseite eines Diamantschmucks

befand. Velazquez hat nur sehr selten in kleinerem als lebensgroßem

Maßstab gearbeitet.

Unter den wenigen Werken des Velazquez, welche Deutschland besitzt,

ist das Bildnis des Kirchenfürsten, der die Taufe der Prinzessin

Maria Teresa vollzog, eines der vorzüglichsten. Es befindet sich im

Städelschen Institut zu Frankfurt am Main. Es ist nur ein frisch nach

dem Leben gemaltes Brustbild, das uns das gelbliche Gesicht und die

schwarzen Augen des Kardinals Gaspar Borja -- aus dem berühmten, in

Italien Borgia genannten Geschlecht -- durch die Purpurkleidung in

eigentümlicher Farbenwirkung hervorgehoben zeigt; aber diese einfache

Naturabschrift ist unter Velazquez’ Hand zum vollendeten Meisterwerk

der Bildniskunst geworden, so groß durch malerischen Reiz wie durch

Kraft und Wahrheit des Lebens.

Das Jahr 1638 wurde das glücklichste Jahr Philipps IV. genannt. Auf

den Schlachtfeldern vieler Länder errangen die spanischen Waffen

blutige Erfolge, und im Palast von Buen Retiro wurden glänzende

Siegesfeste gefeiert. Zu dieser Zeit mag dem Graf-Herzog Olivares

der Gedanke gekommen sein, sich als Kriegshelden malen zu lassen. Er

war ja die Ursache der kriegerischen Unternehmungen Spaniens, mithin

auch die Ursache der spanischen Siege. Das Reiterbild des Olivares,

das Velazquez in diesem Sinne malte, ist in malerischer Beziehung

den königlichen Reiterbildern völlig ebenbürtig. Aus dem Besitz der

Nachkommen des Olivares wurde es im achtzehnten Jahrhundert durch

König Karl III. erworben und befindet sich jetzt im Pradomuseum. Das

ganze Bild ist Leben und Kraft. Olivares, als Feldherr gekleidet, im

schwarzen, goldverzierten Harnisch, mit der roten Schärpe umgürtet,

den grauen Hut mit roten Federn geschmückt, goldene Sporen an den

Reiterstiefeln, hält auf einer Anhöhe, auf der Silberpappeln stehen

und Myrtengesträuch blüht. In tadelloser Haltung hebt der stolze Mann,

den man in seiner Jugend den besten Reiter Spaniens genannt hatte,

seinen goldgeschirrten feurigen Braunen zur Halbkurbette in die Höhe.

Mit blitzenden Augen sieht er sich um und streckt den Kommandostab

aus, um neue Scharen hinabzuweisen in den Kampf, der in dem

graugrünen Hügelland unter dem sommerlich bewölkten Himmel entbrannt

ist. Eine Ortschaft steht in Flammen, das Gewehrfeuer blitzt, die

Reitergeschwader sprengen wohlgeordnet zum Angriff, auf der staubigen

Straße, die das Tal durchzieht, gibt ein Trompeter im Galopp die vom

Feldherrn befohlenen Signale weiter (Abb. 22).

Ganz anders als hier, wo er in einer erträumten Heldenrolle prunkt,

sieht Olivares auf dem wenige Jahre später entstandenen Bildnis der

Dresdener Galerie aus. Da zeigt er die veränderten Züge, die dem

Beobachter auffielen, als er Mißerfolge über Mißerfolge erleben mußte,

unter denen er körperlich und geistig niederbrach.

Die Dresdener Galerie besitzt noch zwei Bildnisse von der Hand

des Velazquez, die mit demjenigen des Olivares zusammen aus der

Sammlung der Herzöge von Modena dorthin gekommen sind. Das eine, ein

Meisterwerk körperhaft wirkender Malerei, zeigt in halber Figur einen

grauhaarigen Herrn mit stolzer, finsterer Miene (Abb. 23). Das andere

führt in einem Brustbild, dem die letzte Vollendung der malerischen

Ausführung zu fehlen scheint, einen wohlwollend aussehenden alten Herrn

vor, auf dessen Mantel an der linken Brustseite das rote Kreuz des

Santiagoordens angegeben ist (Abb. 24). Wer die beiden sind, ist nicht

festgestellt: sicher aber sind es hochstehende Persönlichkeiten aus der

Umgebung Philipps IV.

[Illustration: Abb. 19. +Reiterbildnis des Prinzen Don Baltasar

Carlos.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 21.)]

[Illustration: Abb. 20. +Der Prinz Don Baltasar Carlos im Jagdanzug.+

Im Pradomuseum zu Madrid. (Nach einer Originalphotographie von Braun,

Clément & Cie. in Dornach i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 22.)]

Als der König die Ausschmückung des Palastes von Buen Retiro mit

Gemälden anordnete, bestimmte er für den „Saal der Königreiche“ eine

Folge von großen Bildern, in denen die kriegerischen Erfolge seiner

Regierung verbildlicht werden sollten. Sieben Maler erhielten den

Auftrag, in zwölf Bildern die ruhmreichsten Begebenheiten aus den

Feldzügen in Flandern, Deutschland, Italien und Amerika darzustellen.

Velazquez, den der König mit Bildnismalen für die verschiedenen

Neueinrichtungen in Beschäftigung hielt, war nicht bei dieser Aufgabe

beteiligt. Aber er fand nachträglich Veranlassung, einen der hier

zur Darstellung gelangenden Stoffe gleichfalls zu behandeln. Der

betreffende Vorwurf war die Übergabe von Breda am 5. Juni 1625. Spinola

hatte die vielumstrittene Festung nach zehnmonatiger Belagerung

zur Übergabe gezwungen; in Anerkennung der tapferen Verteidigung

gewährte er dem Kommandanten, Justinus von Nassau, und sämtlichen

Offizieren und Truppen freien Abzug mit allen kriegerischen Ehren;

als der holländische Befehlshaber vor dem Sieger erschien, begrüßte

ihn dieser in freundlichster Weise und pries ihn wegen der Tapferkeit

und Beharrlichkeit des geleisteten Widerstandes. Als Velazquez vier

Jahre nach diesem Ereignis mit Spinola auf dessen Galeere nach Italien

fuhr, mögen die Unterhaltungen während der langen Reise ihm wohl

auch Gelegenheit gegeben haben, aus dem eigenen Munde des Generals

Ausführliches über die Begebenheiten des niederländischen Feldzugs zu

vernehmen. Es unterliegt wohl keinem Zweifel, daß hierin der innere

Grund für die Entstehung von Velazquez’ „Übergabe von Breda“ zu suchen

ist. Denn in dem Gemälde des José Leonardo, der um das Jahr 1635 die

Übergabe von Breda für den Saal der Königreiche malte, sah Velazquez

die Persönlichkeit des ihm befreundet gewordenen -- inzwischen

verstorbenen -- Feldherrn und den Hergang, den er von diesem selbst

hatte erzählen hören, in einer Weise geschildert, die der Wahrheit

nicht entsprach. Das Bild des Leonardo, der ein Schüler des Eugenio

Caxesi war, zeigt in konventioneller Historienbild-Komposition den

Marquis Spinola in hochmütig stolzer Haltung auf einem Schimmel sitzend

und vor ihm auf den Knieen den holländischen Kommandanten, der die

Schlüssel mit beiden Händen emporhebt, um sie jenem zu überreichen.

Diese jetzt im Vorsaal der Gemäldegalerie des Prado befindliche

Malerei, deren Urheber übrigens noch in sehr jugendlichem Alter stand,

ging dem gewissenhaften Velazquez gegen seine Wahrheitsliebe. Er mag es

für eine Pflicht der Ehrlichkeit gehalten haben, solcher Darstellung

gleichsam eine Berichtigung zu malen, nach seiner besseren Kenntnis

von dem Charakter und Wesen der Hauptperson und von dem Tatsächlichen

des Hergangs. -- In welchem Jahre Velazquez das Gemälde ausführte,

ist nicht bekannt; wahrscheinlich doch nicht allzu lange nach der

Ausschmückung des Saales der Königreiche in Buen Retiro mit jener Folge

von Geschichtsbildern. Sein Werk fand ebenfalls Platz im Palast von

Buen Retiro.

[Illustration: Abb. 21. +Der Infant Don Fernando de Austria, Bruder

Philipps IV., als Jäger.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i.E., Paris und New York.) (Zu Seite 24.)]

[Illustration: Abb. 22. +Reiterbild des Grafen von Olivares.+ Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 24.)]

[Illustration: Abb. 23. +Bildnis (mutmaßlich des Jägermeisters Philipps

IV., Juan de Mateos).+ In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Zu

Seite 25.)]

Wenn man vor Velazquez’ „Übergabe von Breda“ steht, so fühlt man sich

versucht zu glauben, es habe überhaupt niemals irgendein anderer

ein wirkliches Geschichtsbild gemalt. Der geschichtliche Hergang

ist so klar und so einfach, so natürlich veranschaulicht, daß man

denkt, so müsse es und es könne nicht anders gewesen sein (Abb. 25).

Von einem erhöhten Standpunkt aus -- ~à vue de chevalier~, wie der

damals gebräuchliche Kunstausdruck lautet -- sieht man in die flache

niederländische Landschaft, für die dem Maler offenbar militärische

Aufnahmen als Anhaltspunkte gedient haben. Wasserläufe blinken in der

blaugrünen, von bräunlichem Schimmer durchflimmerten Ebene; hin und

wieder steigt der Rauch von Lagerfeuern und von brennenden Dörfern

oder Gehöften auf: die Rauchwolken verschwimmen vor der schweren

Wolkendecke des Himmels, die über dem Horizont in dicken bläulichen

Massen lagert und sich weiter oben zu weißgesäumten Streifen verdünnt.

Wo in der Mitte des Bildes ein kleiner Durchblick nach dem Mittelgrund

frei bleibt, sieht man in dem Raum zwischen den Festungswerken und

der schwachen Erhöhung des Geländes, auf der die Begegnung der

beiden Heerführer stattfindet, spanische Pikeniere aufgestellt; ein

paar geschulterte Piken und Fahnen deuten die vorbeimarschierende

holländische Infanterie an. Die Feldherren begrüßen einander in dem

schmalen Zwischenraum, der die beiderseits aufgestellten Gefolgschaften

voneinander scheidet. Beide Herren sind vom Pferde gestiegen; auf

beiden Seiten haben alle Offiziere ihre Häupter entblößt. Justin

von Nassau geht mit großen Schritten auf Spinola zu und überreicht

mit einer Verneigung, seine Augen in die des Gegners heftend, den

Torschlüssel als Sinnbild der Übergabe. Der Spanier neigt sich ihm

entgegen, vornehm und freundlich, das Musterbild eines formgewandten

ritterlichen Mannes, und legt ihm die Hand wohlwollend auf die

Schulter; man sieht seinem Gesicht an, wie verbindlich die Worte

sind, die er an den Besiegten richtet, dem er seine Bewunderung nicht

versagt. Spinola ist blaß von Farbe, sein dunkles Haar ist stark mit

Grau gemischt. Er trägt eine schwarze, goldverzierte Eisenrüstung

und darüber die hellrote Schärpe. Eine ebensolche Feldherrenschärpe

umgibt die Schulter des gleichfalls geharnischten Offiziers, der am

nächsten bei Spinola steht und dem sich weitere Offiziere, die alle

einen bildnismäßigen Eindruck machen, anreihen. Bei den Offizieren

stehen die Fähnriche; von den beiden sichtbaren Fahnen ist die eine

blau und weiß gewürfelt mit rosenrotem Schrägbalken, die zweite

rosenrot mit blauem Schrägbalken. Unmittelbar hinter den Offizieren

steht dicht gereiht eine Abteilung Pikeniere, breitrandige Filzhüte

auf den Köpfen, die Piken senkrecht aufgerichtet. Dieser starre Wald

von Spießen übt eine eigentümliche, mächtige Wirkung auf den Beschauer

aus, die für den Gesamteindruck des Bildes so bedeutsam ist, daß

dasselbe hiernach im Volksmunde den Namen „~las lanzas~“ bekommen

hat. Im Vordergrunde bildet das Pferd Spinolas eine große ruhige

Dunkelheit. Der mächtige Braune steht ungern still; damit er nicht

störend nach den beiden Herren hindränge, läßt ihn der Stallmeister,

der ihn hält und der sich mit begreiflicher Schaulust nach jenen

hingewendet hat, durch einen rückwärts mit der Gerte gegen den linken

Hinterfuß gegebenen leichten Schlag nach rechts zur Seite treten. Diese

Bewegungen des Dieners und des Pferdes tragen, so nebensächlich sie

an sich auch sind, durch ihre schlagende Lebenswahrheit doch nicht

unwesentlich mit bei zu der großartigen Natürlichkeit des Ganzen. Neben

der dunklen Schulter des Pferdes und unter den lebhaften Farben der

Fahnen wird noch ein Soldat sichtbar, der mit silbergrauer Kleidung

an dieser Stelle einen ruhigen und vermittelnden Abschluß bildet.

Die Niederländer sind in Gesichtsbildung und Wuchs, in der Art sich

zu kleiden und zu bewegen, mit treffender Charakteristik von den

Spaniern unterschieden. Der Oranier, bräunlichrot von Gesichtsfarbe,

mit dunklem, grau gemischtem Haar, trägt einen Anzug von hellbraunem

Sammet, mit schmalen Goldtressen und goldenen Knöpfen verziert; seine

Schärpe und die Federn auf seinem Hut zeigen die Orangefarbe, welche

die abgefallenen niederländischen Staaten zu ihrer Nationalfarbe

erwählten, als der große Schweiger Wilhelm von Oranien sie zur

Selbständigkeit geführt hatte. Die warmen Töne der Figur Justins

heben sich in starker Wirkung von vorwiegend blauen Tönen ab: die

im Mittelgrund sichtbare spanische Pikenierabteilung in hellblauen

Röcken, dann die holländische Trikolore, blau-orange-weiß, und vorn

der dunkelblau gekleidete semmelblonde Reitknecht, der den mit einer

großen Bleß gezeichneten Braunen des Oraniers hält, bilden für ihn den

Hintergrund. Die Wimpel an den Spontons der holländischen Offiziere,

die Quasten an den Hellebarden der Sergeanten, die Ärmelaufschläge

und andere Kleidungsteile der Soldaten sind wieder orangefarbig. Die

holländischen Ober- und Unteroffiziere scheinen nicht das ehrerbietige

Schweigen zu beobachten, das in den Reihen der Spanier herrscht.

Ein vor dem Pferde Justins stehender Kavalier in weißem, mit roten

Schleifchen verziertem Seidenwams und silbernem Bandelier macht eine

zum Stillsein auffordernde Gebärde gegen seine Umgebung, um besser

horchen zu können auf das, was die beiden Feldherren in einer ihm

vielleicht nicht ganz geläufigen Sprache miteinander reden. Prächtige

Typen niederländischer Kriegsleute stehen im Vordergrund: ein Offizier

in Lederkoller und Reitstiefeln und ein Arkebusier in blaugrünem Anzug.

-- Das ganze Bild ist überaus reichfarbig, aber dabei vom tiefsten

Ernst. Es ist so gediegen und so groß gemalt, wie es kaum etwas anderes

gibt. Alle Kleinigkeiten sind da, und nirgends ist etwas Kleinliches.

Die Farbenstimmung ist vollendet naturwahr; aber noch vollkommener als

ihre Wahrheit ist ihre Schönheit. Wenn irgendwo, so ist es hier am

Platze, von hohem Stil in der Farbe zu sprechen.

[Illustration: Abb. 24. +Bildnis eines Ritters des Santiagoordens.+

In der königl. Gemäldegalerie zu Dresden. (Nach einer Photographie von

F. & O. Brockmann’s Nachf. [R. Tamm] in Dresden.) (Zu Seite 25.)]

[Illustration: Abb. 25. +Die Übergabe von Breda.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

Velazquez(#58543) · 第 2 / 6 段