Ein um diese Zeit entstandenes Meisterwerk der Bildniskunst

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Anmerkungen zur Transkription

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beeinträchtigen. Das Verzeichnis der Abbildungen wurde vom

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Liebhaber-Ausgaben

[Illustration]

Künstler-Monographien

von

H. Knackfuß

Professor an der K. Kunstakademie zu Kassel.

VI

Velazquez

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1905

Velazquez

Von

H. Knackfuß

Mit 48 Abbildungen von Gemälden

Fünfte Auflage

[Illustration]

=Bielefeld= und =Leipzig=

Verlag von Velhagen & Klasing

1905

Von diesem Werke ist für Liebhaber und Freunde besonders luxuriös

ausgestatteter Bücher außer der vorliegenden Ausgabe

_eine numerierte Ausgabe_

veranstaltet, von der nur 100 Exemplare auf Extra-Kunstdruckpapier

gedruckt sind. Jedes Exemplar ist in der Presse sorgfältig numeriert

(von 1-100) und in einen reichen Ganzlederband gebunden. Der Preis

eines solchen Exemplars betragt 20 M. Ein Nachdruck dieser Ausgabe, auf

welche jede Buchhandlung Bestellungen annimmt, wird nicht veranstaltet.

=Die Verlagshandlung.=

Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.

[Illustration: Abb. 1. +Selbstbildnis des Malers.+ In der

kapitolinischen Gemäldesammlung zu Rom.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)

(Zu Seite 14.)]

Verzeichnis der Abbildungen.

Abb. Seite

1. Selbstbildnis des Malers (Kapitolinische Gemäldesammlung,

Rom) 2

2. Die Anbetung der Hirten, gemalt um 1620 (Nationalgalerie,

London) 5

3. Bildnis König Philipps IV. aus dem Jahre 1623 (Pradomuseum,

Madrid) 7

4. Philipp IV. „mit der Bittschrift“ (Pradomuseum, Madrid) 8

5. Der Infant Don Carlos, Bruder Philipps IV. (Pradomuseum,

Madrid) 9

6. Bacchus und die Zecher (Pradomuseum, Madrid) 10

7. Ansicht aus dem Garten der Villa Medici zu Rom (Pradomuseum,

Madrid) 11

8. Ein toter Franziskaner (Gemäldesammlung der Brera, Mailand) 12

9. Die Schmiede Vulkans (Pradomuseum, Madrid) 13

10. Die Infantin Doña Maria, Schwester König Philipps IV.,

gemalt im Jahre 1630 (Pradomuseum, Madrid) 14

11. Die Sibylle, angebliches Bildnis der Gattin des Künstlers

(Pradomuseum, Madrid) 15

12. Bildnis eines jungen Mädchens, mutmaßlich einer Tochter des

Künstlers (Pradomuseum, Madrid) 16

13. Mutmaßliches Bildnis der Gattin des Künstlers, Doña Juana de

Miranda Pacheco (Königl. Museum, Berlin) 17

14. Die Dame mit dem Fächer (Hertford-Galerie,

London) 18

15. Bildnis eines Unbekannten (Pradomuseum, Madrid) 19

16. Der Infant Don Baltasar Carlos (Hertford-Galerie,

London) 20

17. Reiterbildnis Philipps IV. (Pradomuseum, Madrid) 22

18. Reiterbildnis der Königin Isabella von Bourbon (Pradomuseum,

Madrid) 23

19. Reiterbildnis des Prinzen Don Baltasar Carlos (Pradomuseum,

Madrid) 25

20. Der Prinz Don Baltasar Carlos im Jagdanzug (Pradomuseum,

Madrid) 26

21. Der Infant Don Fernando de Austria, Bruder Philipps IV., als

Jäger (Pradomuseum, Madrid) 27

22. Reiterbild des Grafen von Olivares (Pradomuseum, Madrid) 28

23. Bildnis, mutmaßlich des Jägermeisters Philipps IV., Juan de

Mateos (Königl. Gemäldegalerie, Dresden) 29

24. Bildnis eines Ritters des Santiagoordens (Königl.

Gemäldegalerie, Dresden) 30

25. Die Übergabe von Breda (Pradomuseum, Madrid) 31

26. Christus am Kreuz (Pradomuseum, Madrid) 33

27. König Philipp IV., gemalt im Quartier zu Fraga 1644

(Dulwich-Galerie, London) 35

28. Bildnis eines Hofnarren Philipps IV., genannt Pablillos de

Valladolid (Pradomuseum, Madrid) 36

29. Bildnis eines Hofnarren Philipps IV., genannt Don Juan

d’Austria (Pradomuseum, Madrid) 37

30. Gruppen spanischer Kavaliere, vermutlich Studien zu einem

verloren gegangenen Gemälde (Louvremuseum, Paris) 38

31. Innocenz X. (Galerie Doria, Rom) 39

32. Philipp IV., gemalt nach 1651 (Pradomuseum, Madrid) 40

33. Marianne von Österreich, zweite Gemahlin Philipps IV.

(Pradomuseum, Madrid) 41

34. Die Infantin Doña Maria Teresa de Austria (Louvremuseum,

Paris) 43

35. Die Krönung der Jungfrau Maria (Pradomuseum, Madrid) 45

36. Marchese Alessandro del Borro, Führer italienischer Truppen

unter Kaiser Ferdinand III., spanischer General von

1649-51 (Königl. Museum, Berlin) 47

37. Die Infantin Margarita (Kaiserl. Gemäldegalerie, Wien) 48

38. Die Infantin Margarita (Louvremuseum, Paris) 49

39. In der Werkstatt des Velazquez um 1656 (Pradomuseum,

Madrid) 51

40. Familienbild (Kaiserl. Gemäldegalerie, Wien) 52

41. Philipp IV., gemalt um 1656 (Pradomuseum, Madrid) 53

42. Menippus (Pradomuseum, Madrid) 54

43. Äsopus (Pradomuseum, Madrid) 55

44. Bildnis eines Hofzwergs Philipps IV. (Pradomuseum, Madrid) 57

45. Der Tritonenbrunnen im Park von Aranjuez (Pradomuseum,

Madrid) 59

46. Spinnerinnen in der Teppichfabrik von Santa Isabel zu Madrid

(Pradomuseum, Madrid) 61

47. Die heiligen Einsiedler Antonius und Paulus (Pradomuseum,

Madrid) 63

48. Die Infantin Margarita (Pradomuseum, Madrid) 64

Velazquez.

Unter all den großen Malern des Jahrhunderts, dem in

kunstgeschichtlicher Beziehung vorzugsweise der Name des malerischen

zukommt, des siebzehnten, ist keiner, der in seinen Werken unserer

heutigen Empfindungsweise und unserer Art, die Formen und Farben in der

Natur zu sehen, so unmittelbar nahe kommt, wie der Spanier Velazquez.

Wer nach dem Anblick anderer Werke der Malerei des siebzehnten

Jahrhunderts vor die Gemälde des Velazquez hintritt, dem ist es, als

ob er aus dem bunten und geräuschvollen Treiben großer Städte mit

prunkenden Kirchen, stolzen Palästen, menschenüberfüllten Gassen

und dumpfigen Wirtsstuben, prächtigen Parkanlagen und schmutzigen

Vorstädten hinausversetzt würde in die reine, kühle, frische Luft einer

Bergeshöhe. So grundverschieden ist der Ton, auf den die Gemälde des

Velazquez gestimmt sind, von der gesamten übrigen Malerei seiner Zeit.

Über das Leben dieses ungewöhnlichen Künstlers ist in zuverlässigen

Nachrichten Ausführliches überliefert worden. In der neuesten

Zeit hat ein deutscher Forscher, Karl Justi, durch Sammeln des

zerstreuten Urkundenstoffs das Lebensbild vervollständigt und in

seinem meisterhaften Buch „Diego Velazquez und sein Jahrhundert“

bekannt gemacht. Von den Werken des Velazquez ist die größte Zahl

der erhaltenen im Pradomuseum zu Madrid vereinigt, und in dieser

Gemäldesammlung ohnegleichen sind unter den Werken der berühmtesten

Meister nur wenige, die sich neben den seinigen als malerisch

ebenbürtig zu behaupten vermögen.

Don Diego Rodriguez de Silva Velazquez war von vornehmer Herkunft.

Sein Vater Don Juan Rodriguez de Silva stammte aus einem ritterlichen

Geschlecht, das seinen Stammbaum bis in das elfte Jahrhundert

zurückführte und sich eines Ahnherrn rühmte, in dessen Adern das Blut

eines Königs von Leon floß. Seine Mutter Doña Gerónima Velazquez

gehörte einem Sevillaner Adelsgeschlechte an. Diego wurde zu Sevilla

im Juni 1599 geboren; am 6. dieses Monats wurde sein Name in das

Taufregister der Pfarrkirche S. Pedro eingetragen. Es erscheint uns

befremdlich, daß der Name, unter dem er berühmt geworden ist, nicht

der Familienname seines Vaters, sondern derjenige seiner Mutter war.

Daß jemand zu dem väterlichen Namen den mütterlichen annahm, kam wohl

öfter vor. Hier mag es aus dem Umstande, daß die Velazquez in Sevilla

einheimisch waren, während Juan Rodriguez de Silva der Sohn eines dort

eingewanderten Ehepaares war, wohl zu erklären sein, daß Diego von

seinen Landsleuten mehr mit dem ersteren als mit dem letzteren Namen

genannt wurde, bis schließlich in seiner eigenen Gewohnheit dieser

hinter jenem verschwand.

Aus der Kindheit des Diego Velazquez wird berichtet, daß er von

seinen Eltern in großer Frömmigkeit erzogen wurde, daß er eine höhere

Schule besuchte und daß, als seine künstlerische Begabung zutage

trat, die Eltern seiner Neigung, Maler zu werden, keinen Widerstand

entgegensetzten.

Er kam als Schüler zu Francisco de Herrera, einem Maler, von dem

mehr Merkwürdiges berichtet wird, als aus seinen erhaltenen Werken

zu ersehen ist, und bei dem es wegen seines wunderlichen und rauhen

Wesens kein Schüler lange aushielt. Auch der junge Velazquez wechselte

bald den Lehrer und ging zu Francisco Pacheco, einem Anhänger der

alten Schule, die in der Nachahmung der großen italienischen Meister

des sechzehnten Jahrhunderts das alleinige Heil der Kunst erblickte.

Pachecos Namen ist der Mit- und Nachwelt hauptsächlich bekannt

geworden durch ein im Jahre 1649 herausgegebenes, mit vielseitiger

Gelehrsamkeit geschriebenes Buch: „Die Kunst der Malerei“, in welchem

er seine veralteten Ansichten gegenüber den auf Naturnachbildung

gerichteten Bestrebungen seiner Zeit zu verfechten suchte und in dem

er belehrende Auseinandersetzungen mit geschichtlichen Abhandlungen

und Lebensbeschreibungen verband. Nachdem Velazquez unter der Leitung

dieses als Künstler sehr unbedeutenden, aber darum doch als Lehrer

vielleicht ganz tüchtigen Mannes fünf Jahre lang gemalt hatte,

heiratete er im Jahre 1618 dessen Tochter Juana.

Das Buch des Pacheco enthält auch über den ersten Abschnitt von

Velazquez’ Künstlertätigkeit mancherlei Nachrichten. Denn dieser

war, schon lange bevor das Buch erschien, ein hochberühmter Maler

geworden, und der Schwiegervater rühmte sich des Verdienstes seiner

Ausbildung als der „Krone seiner letzten Jahre“. Velazquez hielt sich

als Schüler des Pacheco einen Bauernburschen als Farbenreiber und

ständiges Modell. Nach diesem zeichnete er viele Köpfe mit Schwarz

und Weiß auf blauem Papier, und auch nach anderen Leuten zeichnete

er solche Studien. Dadurch erwarb er sich, wie Pacheco sagt, seine

Sicherheit im Treffen. Als seine ersten selbständigen Gemälde werden

Darstellungen aus dem Alltagsleben genannt, zu Bildern abgerundete

Studien nach der Wirklichkeit. Derartige Darstellungen widerstrebten

zwar ihrer Natur nach den Grundsätzen des Pacheco; aber derselbe fand

doch, daß solche an und für sich lächerliche Bilder achtenswert seien,

wenn sie so gezeichnet und gemalt wären, wie sein begabter Schüler

es tat. Zu dieser Gattung von frühen Arbeiten des Velazquez gehört

ein berühmtes Bild, „Der Wasserträger“ oder „Der Korse von Sevilla“

genannt, eine Gruppe aus dem Straßenleben von Sevilla, mit dem Bildnis

einer bestimmten Persönlichkeit in der Hauptfigur. Das Gemälde befindet

sich im herzoglich Wellingtonschen Hause zu London, wohin es als ein

Geschenk König Ferdinands VII. an den Sieger von Vittoria gelangte.

Gleichzeitig mit solchen, vorzugsweise zur Übung dienenden Bildern

malte der junge Meister seine ersten Kirchengemälde. Eine „Unbefleckte

Empfängnis“ und ein „Evangelist Johannes auf Patmos“, für eine

Klosterkirche in Sevilla gemalt, befinden sich in einer Londoner

Sammlung. Das Pradomuseum zu Madrid besitzt eine „Anbetung der

heiligen drei Könige“ vom Jahre 1619, ein Gemälde, das sich trotz der

ihm anhaftenden jugendlichen Unvollkommenheiten schon als das Werk

eines hochbegabten Künstlers zu erkennen gibt. Es hat eine gewisse

Härte in der Wirkung, die Helligkeiten stehen fast unvermittelt in

einer großen Finsternis; in der Farbe wiederholen sich -- sicherlich

im Anschluß an theoretische Belehrungen Pachecos -- die einfachen

Akkorde Blau, Rot, Gelb. Und doch besitzt das Ganze in der Farbe

sowohl wie in der Wirkung von Hell und Dunkel einen eigenen Reiz. Die

einzelnen Figuren sind ohne sonderliche Vertiefung in den Gegenstand

recht und schlecht nach der Natur gemalt, und zwar so gemalt, daß

ihre körperliche Lebenswahrheit wohl einigen Ersatz für den Mangel an

Heiligkeit zu gewähren vermag. In gewissenhafter Befolgung des von

Pacheco in seinem Buche mit theologischen Gründen gegen die allgemeine

Gewohnheit der Maler verfochtenen Satzes, daß man das Jesuskind nicht

nackt, sondern in Windeln gehüllt darstellen müsse, hat Velazquez das

auf dem Schoße Marias sitzende Kind bis an das Kinn eingewickelt wie

eine Puppe. -- Ein ähnliches, wenig später entstandenes Bild besitzt

die Londoner Nationalgalerie in einer „Anbetung der Hirten“ (Abb. 2).

Auch dieses ist ein Nachtstück mit scharf in die Finsternis gesetzten

hellen Lichtern. Das Christkindlein liegt gewickelt in der am Boden

befindlichen Krippe, über der man, weiter zurück, den neugierig

vorgestreckten Kopf des herkömmlichen Ochsen sieht. Maria kniet bei der

Krippe und enthüllt das Gesicht des Kindes. Ihre feine, helle Haut

und die schlanken, vornehmen Hände stellen einen lebhaft sprechenden

Unterschied her zwischen der heiligen Jungfrau und den Verehrenden: der

Alten, die mit vergnüglichem Fraueninteresse den Neugeborenen prüfend

betrachtet, dem betenden Manne und dem Kind, das zu den als Opfergabe

dargebrachten gebundenen Lämmern ein paar Hühner und einen Korb mit

Brot hinzufügt. Von der Dunkelheit verschleiert, werden hinter diesen

Personen ein Knabe, der die Flöte bläst, und ein kräftig gebautes

Mädchen, das einen Korb mit Tauben auf dem Kopfe trägt, sichtbar. Der

heilige Joseph steht, mit den Händen am Wanderstabe, im Halblicht da

und blickt ebenfalls auf das Kind. Alles ist mit dem größten Fleiß

und Geschick gemalt; aber eines verrät den noch nicht ausgereiften

Künstler: mit Ausnahme der Maria, die ganz des Velazquez geistiges

Eigentum ist, sehen alle Figuren so aus, als ob sie von Ribera erdacht

wären. Neben dem Vorbild der Natur hat sich dem jungen Maler die

Kunst des berühmten Valencianers als Vorbild vor die Seele gestellt.

Später hat Velazquez niemals mehr sich an irgend etwas anderes als die

Wirklichkeit angelehnt.

[Illustration: Abb. 2. +Die Anbetung der Hirten+, gemalt um 1620. In

der Nationalgalerie zu London.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 4.)]

Als am 31. März 1621 König Philipp III. gestorben war, und als nun ganz

Spanien mit den hochgespanntesten Erwartungen auf den sechzehnjährigen

König Philipp IV. blickte, entschloß sich Velazquez, sein Glück am

Hofe zu suchen. Mit Empfehlungen an angesehene Persönlichkeiten des

königlichen Hofstaats versehen reiste er nach Madrid. Aber die

Verhältnisse brachten es mit sich, daß er wieder heimkehren mußte,

ohne sein Ziel erreicht zu haben. Indessen vergaßen ihn seine Gönner

nicht. Im Frühjahr 1623 wurde er auf Ersuchen des Grafen von Olivares,

des gewichtigen Mannes, der zuerst als bevorzugter Günstling und

dann als allmächtiger Minister den König Philipp IV. beherrschte,

eingeladen, wieder nach Madrid zu kommen, und es wurde ihm hierzu eine

Reiseunterstützung von 50 Dukaten gewährt. Pacheco begleitete voll

freudigen Stolzes seinen Schwiegersohn zur Hauptstadt. Velazquez stieg

im Hause eines geistlichen Herrn aus Sevilla ab, der bei Hofe ein

Ehrenamt bekleidete. Er malte alsbald dessen Bildnis, und ein Hofherr

des Infanten Ferdinand, des Bruders des Königs, brachte dieses Bild,

sobald es fertig war, in das königliche Schloß. „In einer Stunde,“

so versichert Pacheco, „sah es der ganze Palast.“ Philipp IV. war

von dieser Kunstprobe des jungen Sevillaner Malers sehr befriedigt.

Velazquez bekam gleich den Auftrag, den König in einem Reiterbild

zu malen. Die Ausführung dieses großen Bildes, in dem Velazquez,

wie besonders hervorgehoben wird, alles, auch die Landschaft, nach

der Natur malte, verzögerte sich bis zum Spätsommer, da der König

vorher keine Zeit zum Sitzen fand. Nach seiner Vollendung wurde es

allgemein bewundert, nicht bloß im Palast, sondern auch in der Stadt,

wo es öffentlich ausgestellt wurde. Der Graf von Olivares versprach

dem jungen Künstler, daß er von nun an der einzige sein solle, der

den König malen dürfe, und er gebot ihm, sein Hauswesen nach Madrid

überzuführen.

Das war der Anfang der Tätigkeit des Velazquez für seinen König, dem

er sein ganzes ferneres Leben widmete. Das Bild selbst ist nicht mehr

vorhanden; man vermutet, daß es bei dem Brande, der im Jahre 1734 das

königliche Schloß zu Madrid zerstörte, zugrunde gegangen ist. Das

älteste erhaltene Bildnis Philipps IV. von der Hand des Velazquez

ist ein Brustbild im Pradomuseum, von dem man glaubt, daß es die

erste Aufnahme zu jenem Reiterbilde sei. Die bestimmt und lebendig

gemalten Züge geben uns eine überzeugende Vorstellung von dem Aussehen

des jungen Herrschers (Abb. 3). Philipp ist blond. Seine Hautfarbe

ist bleich, nur ein matter rosiger Anflug schimmert auf den Wangen;

um so lebhafter sprechen die Farben der tiefdunkelblauen Augen und

des rubinroten Mundes, an dem das in der habsburgischen Familie

erbliche Herabhängen der Unterlippe fast noch stärker auffällt als

bei Karl V. und Philipp II. Nase und Wangen sind sehr schmal; durch

das ungewöhnlich schwere Kinn wird das schmale Gesicht noch mehr in

die Länge gezogen. Der Ausdruck ist beabsichtigtes Vermeiden eines

bestimmten Ausdrucks, Regungslosigkeit. -- Dieser Kopf war an und für

sich wahrlich nicht dazu angetan, einen Maler besonders zu reizen.

Velazquez wurde durch eine am 6. Oktober 1632 ausgefertigte königliche

Urkunde als Hofmaler angestellt. Er hatte es von jetzt an als die

Hauptaufgabe seines Lebens zu betrachten, immer wieder diesen König zu

malen. Das der Zeit nach zunächst folgende Bildnis Philipps (ebenfalls

im Pradomuseum, wo im neunzehnten Jahrhundert die Gemälde aus den

verschiedenen königlichen Schlössern zusammengebracht worden sind)

zeigt ihn stehend, in ganzer Figur, mit einem Schriftstück in der

herabhängenden Rechten, die Linke auf den Degengriff gelegt; ganz in

Schwarz gekleidet, mit dem eigentümlichen tellerähnlichen Leinenkragen

um den Hals, den Philipp IV. gleich beim Antritt seiner Regierung in

Mode gebracht hatte, als er die bis dahin üblichen großen Halskrausen

aus holländischem Batist als verschwenderisch verbot. Die Gestalt des

Königs ist groß und schlank. In einem Punkte hat dabei Velazquez seine

künstlerische Überzeugung, die ihn auf eine unbedingte Naturtreue

hinwies, den Pflichten des gehorsamen Hofmalers untergeordnet: die Füße

des Königs hat er lächerlich klein, und dementsprechend die Beine über

den Fußknöcheln unnatürlich dünn malen müssen. Aber ganz und voll als

Künstler zeigt er sich in der Farbe: das Bild des schwarzgekleideten

blassen Mannes, auf einem leeren dunkelgrauen Hintergrund, in den

ein Stück von einem Tisch mit roter Decke seitwärts hinter der Figur

hereinragt, hat in seinen einfachen Tönen eine Stimmung von wahrhaft

königlicher Vornehmheit (Abb. 4).

[Illustration: Abb. 3. +Bildnis König Philipps IV. aus dem Jahre 1623.+

Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.)

(Zu Seite 6.)]

Als Hofmaler hatte Velazquez ein Atelier im königlichen Schloß.

Hier besuchte der König ihn häufig, fast täglich, um ihm beim Malen

zuzusehen. Er unterhielt sich mit ihm, wie Pacheco versichert, mit

einer unglaublichen Leutseligkeit und Liebenswürdigkeit. Velazquez war

der einzige Spanier unter den Hofmalern Philipps IV. Seine Kollegen

waren die Italiener Vincencio Carducho (Carduccio) und Angelo Nardi

und Eugenio Caxesi, der in Madrid geborene Sohn eines Italieners.

Diese alle drei waren Anhänger der alten Schule, die nur an Raffael

und Correggio glaubten und in der treuen Nachbildung der Natur einen

unkünstlerischen Greuel erblickten. Ihnen erschien der Naturalist

Velazquez als ein gar nicht ebenbürtiger Genosse. Man begreift das,

wenn man über den Standpunkt dieser Maler belehrt wird durch die von

Carducho in einer gegen den Naturalismus gerichteten Schrift „Gespräche

über die Malerei“ ausgesprochene Behauptung, daß kein großer und

außerordentlicher Maler jemals Bildnismaler gewesen sei. Es wird

erzählt, König Philipp habe einst zu Velazquez gesagt, man mache ihm

den Vorwurf, daß das einzige, was er malen könnte, Köpfe wären. Darauf

habe dieser geantwortet, er nehme das als Kompliment an, denn er wisse

niemanden, der Köpfe gut zu malen verstehe. Um Velazquez Gelegenheit

zu geben, sich auch als Geschichtsmaler zu zeigen, veranstaltete der

König im Jahre 1627 einen künstlerischen Wettkampf zwischen seinen

vier Hofmalern. Er gab ihnen die Aufgabe, daß jeder ein und denselben

geschichtlichen Stoff in einem Bilde von 9 Fuß Höhe und 15 Fuß Breite

behandeln sollte. Den Gegenstand, den er bestimmte, war die unter

seinem Vater im Jahre 1609 erfolgte Vertreibung der letzten Mauren aus

Spanien. Die Preisrichter wählte der König so, daß sich aus dieser

Wahl nicht das geringste gegen seine Unparteilichkeit herleiten ließ;

ein spanischer Dominikanermönch und ein italienischer Künstler, der

Architekt Crescenzi, sollten das Urteil fällen. Die Entscheidung fiel

zugunsten des Velazquez. Dessen Bild zeigte in der Mitte, neben der

thronenden Gestalt der Hispania, den König Philipp III., der mit dem

Feldherrnstab nach der Küste hinwies; an ihm vorbei wanderten in langem

Zuge, unter der Aufsicht von Kriegsleuten, die wehklagenden Familien

der Moriscos zu den Schiffen hin. Das bewunderte Gemälde erhielt einen

bevorzugten Platz im königlichen Palast, und dort ist es wahrscheinlich

in dem Brande von 1734 untergegangen. Leider ist auch nicht einmal eine

Abbildung vorhanden, so daß wir uns gar keine Vorstellung von diesem

Werk des Velazquez machen können.

[Illustration: Abb. 4. +Philipp IV.+ „mit der Bittschrift“. Im

Pradomuseum zu Madrid.

(Zu Seite 6.)]

[Illustration: Abb. 5. +Der Infant Don Carlos+, Bruder Philipps IV. Im

Pradomuseum zu Madrid. (Zu Seite 10.)]

In demselben Jahre 1627 bekam Velazquez einen Titel, der ihm in der

spanischen Hofordnung einen höheren Platz anwies, als es derjenige

eines bloßen Hofmalers war, und ihm zugleich eine Gehaltszulage

brachte. Der König ernannte ihn zum Ugier de cámara (wörtlich „Pförtner

des königlichen Gemachs“). Das war, nach der ironischen Erklärung, die

ein italienischer Gesandter seiner Regierung über diesen Titel gab,

„etwas mehr als Portier und etwas weniger als Leibadjutant.“

Ein um diese Zeit entstandenes Meisterwerk der Bildniskunst bewahrt das

Pradomuseum in dem Bild in ganzer Figur des Infanten Don Carlos, des

Bruders des Königs (Abb. 5). Es ist wieder ein Gemälde von großartiger

Vornehmheit in der Einfachheit seiner Wirkung. Der Prinz, etwa

zwanzigjährig, sieht seinem älteren Bruder sehr ähnlich, macht aber den

Eindruck einer von Natur bedeutenderen Persönlichkeit. Man sieht ihm

an, daß er sich wider Willen langweilt; ein Ausdruck von Lässigkeit

geht durch bis in die Fingerspitzen der schlaff herabhängenden Hand,

die den abgestreiften Handschuh an einem Finger baumeln läßt. Dieses

matte, verdrießliche Aussehen erweckt Mitleid, wenn man weiß, daß der

begabte Prinz durch Olivares, der seine Fähigkeiten fürchtete, in einem

dauernden Zustand der Unterdrückung gehalten wurde. Als er im Jahre

1642 fünfundzwanzigjährig starb, bezeichnete die Volksstimme Olivares

als die Ursache seines Todes.

[Illustration: Abb. 6. +Bacchus und die Zecher.+ Im Pradomuseum zu

Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 11.)]

Das Jahr 1629 brachte Velazquez die persönliche Bekanntschaft des

vornehmsten und berühmtesten Malers seiner Zeit. Im Herbst dieses

Jahres kam Rubens nach Madrid, als Träger diplomatischer Mitteilungen

und als Überbringer von Gemälden. Er widmete sich nach Erledigung der

Staatsgeschäfte noch neun Monate lang in Madrid seiner Kunst. Mit

seiner bekannten Schnelligkeit malte er in dieser Zeit eine Menge

von Bildern und kopierte Gemälde von Tizian. Den König malte er

fünfmal. Er war der einzige, dem gegenüber Philipp IV. von dem durch

Olivares gegebenen Versprechen, daß nur Velazquez ihn malen sollte,

eine Ausnahme machte. Während Rubens sonst mit keinem Maler in Madrid

verkehrte, befreundete er sich mit Velazquez. Dieser begleitete ihn

nach dem Escorial, und auf dem Wege dorthin unternahmen die beiden

Maler eine Bergbesteigung.

[Illustration: Abb. 7. +Ansicht aus dem Garten der Villa Medici zu

Rom.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 13.)]

Rubens und Velazquez waren in ihrer künstlerischen Eigenart zu sehr

von Grund aus verschieden, als daß der jüngere Meister von dem

älteren, so hoch er ihn auch verehren mochte, eine Beeinflussung in

bezug auf seine Kunst hätte erfahren können. Aber darin mag man eine

Wirkung des Verkehrs mit Rubens erblicken, daß Velazquez in dieser

Zeit das sonst der spanischen Kunst sehr fern liegende Stoffgebiet der

antiken Mythologie betrat. Er malte für den König einen Bacchus, der

den Erdenbewohnern die Freude des Weines zu kosten gibt (Abb. 6). Das

Bild hat freilich wenig Ähnlichkeit mit den üblichen mythologischen

Darstellungen, am allerwenigsten mit denen des Rubens. Bacchus, eine

mit Reben bekränzte sehr jugendliche Gestalt, deren Göttlichkeit durch

nichts weiter als die mangelhafte Bekleidung gekennzeichnet wird,

sitzt auf einem Faß in einem Kreise von Spaniern aus dem niedrigsten

Volk, die sich seine Gabe munden lassen, ohne sich Sorgen zu machen

um den Abscheu ihrer Landsleute vor der Trunkenheit. Ein paar Faune

oder Satyrn, die das Gefolge des Bacchus bilden, hat der Maler sehr

nebensächlich behandelt. Um so köstlicher hat er die realistischen

Gestalten der Zecher durchgebildet. Das ist eine Natur- und

Lebenswahrheit, die alle modernen Wirklichkeitsmaler mit Neid erfüllen

müßte. Und welcher Humor in jeder dieser Gestalten, von dem zaghaft

den Hut lüftenden verspäteten Ankömmling bis zu dem Sieger im Trunk,

der, vor Bacchus knieend, von diesem mit dem Efeukranz gekrönt wird!

Man sehe nur die vom Weingenuß glänzenden Züge des Mannes, der eine

große gefüllte Schale in der Hand hält und in einem seligen Grinsen

dem Beschauer seine blitzenden Zähne zeigt, und das Spitzbubengesicht

des anderen, der diesem den Kopf über die Schultern streckt, und die

Andacht des armen Alten und die Begeisterung des Schwarzbärtigen, der

neben dem Alten sich huldigend vor dem Freudenspender niederläßt! Das

Merkwürdigste an dem Bilde aber ist das, daß durch den großen Stil, den

es in der Farbe hat, die ganze Darstellung etwas Großartiges bekommt.

Die Beleuchtung ist ein scharfes, goldfarbiges Licht, das am hellsten

auf der Figur des Bacchus liegt und sich auf den Gestalten der Trinker

allmählich verflüchtigt, und das vor dem schwülen blaugrauen Ton der

Luft fast wie Sonnenschein wirkt. In den dunklen Kleidungen der Männer

herrscht Braun vor. Die einzigen lebhaft sprechenden Farben sind das

Graugelb der Jacke des vorn Knieenden, das prächtig zu dem tiefen

Schwarz von dessen Beinkleidern gestimmt ist, und das kalte Karmin

des Bacchusgewandes, dazu die rote Glut in den vom Trunk erhitzten

Gesichtern, das dunkle Goldgelb des Weins in dem Glase, welches Bacchus

in der Linken hält, und das Rot des tönernen Weinkruges am Boden. --

Philipp IV. schätzte dieses Gemälde sehr hoch und verwendete es zum

Schmucke eines seiner Schlafzimmer.

Velazquez hatte schon seit längerer Zeit den Wunsch, das Kunstland

Italien kennen zu lernen. Durch die Gespräche mit Rubens mag dieses

Verlangen zu noch größerer Lebhaftigkeit angefacht worden sein. Im Juni

1629 erhielt er vom König den erbetenen Urlaub. Alle italienischen

Gesandten am spanischen Hofe bekamen die Anweisung, dem Maler

Empfehlungsschreiben an ihre Regierungen mitzugeben. Außerdem gab ihm

Olivares viele Empfehlungsschreiben an hohe Personen mit.

[Illustration: Abb. 8. +Ein toter Franziskaner.+ In der Gemäldesammlung

der Brera zu Mailand. (Zu Seite 14.)]

[Illustration: Abb. 9. +Die Schmiede Vulkans.+ Im Pradomuseum zu Madrid.

(Nach einer Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach

i. E., Paris und New York.) (Zu Seite 14.)]

Velazquez reiste im Gefolge des Generals Spinola, der mit dem Auftrag

nach Italien ging, durch Einnahme der von den Franzosen besetzten

Festung Casale eine Entscheidung im mantuanischen Erbfolgekrieg

herbeizuführen. Er landete am 20. August in Genua und begab sich,

nachdem er den General verlassen hatte, möglichst schnell nach Venedig,

wo das Studium der Werke Tintorettos ihn besonders fesselte, und wo

er gern viel länger geblieben wäre, wenn nicht die kriegerischen

Verhältnisse ihn zur Abreise gedrängt hätten. Von Venedig ritt er

über Ferrara, Bologna und den Wallfahrtsort Loreto nach Rom. In Rom

angekommen, meldete er sich, nachdem er sich von den Anstrengungen des

weiten Rittes der letzten Tagereise ausgeruht und in der spanischen

Nationalkirche die Messe gehört hatte, bei dem spanischen Gesandten

Graf Monterey und machte auch dessen Gemahlin, der Schwester des

Grafen Olivares, seine Aufwartung. Der Gesandte, der sich seiner im

übrigen mit großer Liebenswürdigkeit annahm, erklärte ihm, daß er ihn

jetzt nicht im Vatikan einführen könne, weil Papst Urban VIII. zu

ungnädig gegen Spanien gestimmt sei wegen dessen Verbündung mit den

Kaiserlichen im mantuanischen Erbfolgekrieg; er versicherte ihm aber,

daß er in dem Kardinal Francesco Barberini, dem Neffen des Papstes, den

einflußreichsten Gönner finden würde, der ihm zu allem helfen könne.

In der Tat wurde Velazquez von dem Kardinal, an den er gleichfalls

durch Olivares empfohlen war, mit der ausgesuchtesten Liebenswürdigkeit

aufgenommen. Auf dessen Befehl wurde ihm eine Wohnung im vatikanischen

Palast angewiesen. Aber Velazquez fand den Ort gar zu abgelegen und

einsam, trotz des Reizes, den die Nähe der Fresken Michelangelos und

Raffaels auf ihn ausübte. Er gab die Wohnung auf und begnügte sich

mit der Erlaubnis, zu jeder Zeit in den Vatikan kommen und nach den

Fresken zeichnen zu dürfen. Als er an einem der nächsten Tage die Villa

Medici besuchte, kam er zu der Ansicht, daß dies der wünschenswerteste

Aufenthaltsort für die Sommermonate sei. Durch Vermittlung des Grafen

Monterey erteilte ihm der Eigentümer dieser Villa, der Großherzog

von Toscana, die Erlaubnis, dort zu wohnen. Von dem Aufenthalt des

Künstlers in der herrlichen Villa, die er freilich nach zwei Monaten

wieder verlassen mußte, weil das Fieber ihn von da vertrieb, erzählen

im Pradomuseum zwei kleine flott gemalte Naturaufnahmen. Die eine zeigt

eine weiße Terrasse zwischen Zypressen und geradlinig geschorenen

dunkelgrünen Hecken; ein wunderbarer silberiger Luftton schwimmt

über dem Bild, bei dem die Einfachheit des Motivs sehr bemerkenswert

ist. Die andere Aufnahme ist eine köstliche Sonnenstudie. Aus dem

Schatten dunkler Steineichen sieht man durch einen weiten Bogen, unter

dem die Marmorfigur der schlafenden Ariadne aufgestellt ist, in die

weitere Ausdehnung des Parks mit bläulich überhauchten Zypressen und

zwischen den Bäumen durchschimmernden weißen Gebäuden unter wolkenlosem

italienischen Himmel (Abb. 7). Diesen römischen Landschaftsbildern

reiht sich im Madrider Museum noch eine in etwas größerem Maßstabe

ausgeführte und bildmäßig abgerundete Ansicht des Titusbogens an.

In Rom selbst erinnert an den Aufenthalt des Velazquez ein im

kapitolinischen Museum befindliches Brustbild, das mit Recht als

Selbstbildnis des Meisters gilt. Daß er damals sich selbst abmalte,

wird durch Pacheco berichtet. Das kapitolinische Bildnis ist mit der

äußersten Schnelligkeit in wenigen Tönen hingestrichen, erzielt aber

dabei eine so schlagende Wirkung, daß es gleich beim ersten Anblick den

Beschauer ganz gefangen nimmt und sich unvergeßlich einprägt; es gibt

nichts Lebendigeres, als diese funkelnden, kohlschwarzen Augen (Abb. 1).

[Illustration: Abb. 10. +Die Infantin Doña Maria+, Schwester König

Philipps IV., gemalt im Jahre 1630. Im Pradomuseum zu Madrid. (Zu Seite

15.)]

Zu den in Italien gemalten Studienarbeiten mag man auch den in der

Brera zu Mailand befindlichen Kopf der aufgebahrten Leiche eines

Franziskanermönchs rechnen. Die Urheberschaft des Velazquez bei

dieser prächtig gezeichneten und gemalten Skizze ist freilich nicht

unzweifelhaft; aber das Werk wäre seiner Hand wohl würdig (Abb. 8).

Velazquez’ Hauptarbeit in Rom war die Anfertigung zweier größeren

Gemälde, in denen er wohl seinem König einen Beweis von dem Erfolg

seiner italienischen Studien, namentlich in bezug auf die Kenntnis des

Nackten, geben wollte. Den Stoff entnahm er für das eine der beiden

Gemälde dem Alten Testament, für das andere dem Homer. Das erstere,

das die Brüder Josephs darstellt, wie sie ihrem Vater unter Vorzeigung

des blutigen Rockes die falsche Todesnachricht von dessen Liebling

bringen, befindet sich im Escorial. Es ist wohl nur seines verdorbenen

Zustandes wegen nicht in das Pradomuseum übergeführt worden. Die

ursprüngliche Farbenwirkung ist ganz verloren gegangen. Was man noch

voll würdigen kann, ist die einfache und natürliche Veranschaulichung

des Vorgangs und der sprechende Ausdruck einer jeden Figur. Man sieht,

der Meister hat es mit einem wunderbaren Scharfblick verstanden, den

innersten Seelenregungen im Spiel der Gesichtsmuskeln nachzuspüren.

Von der Gewaltsamkeit und den Übertreibungen, durch welche sonst die

Kunst jener Zeit in Bewegungen und Mienenspiel zu wirken suchte,

ist nicht die leiseste Spur vorhanden. Diesem ungewöhnlichen Sinn

für Naturwahrheit entspricht die schlechtweg natürliche Bildung der

Körperformen. -- Das andere Gemälde (im Pradomuseum) versetzt uns in

die Schmiede Vulkans, in dem Augenblick, wo Apollo dort erscheint, um

die Untreue der Venus zu verraten (Abb. 9). Es ist durch die nämlichen

Eigenschaften ausgezeichnet, wie sein Gegenstück, und darüber hinaus

-- bei tadelloser Erhaltung -- durch einen Farbenton von großartiger

Schönheit. Man kann sich nichts Vollkommeneres von Malerei vorstellen.

In der grauen, rußigen Schmiede stehen die braunen Gestalten des

Vulkan und seiner Gesellen. Alle Blicke hängen an dem Ankömmling, der,

hell von Haut, blondlockig, mit einer goldfarbenen Toga bekleidet,

durch seine ganze Erscheinung einen lebhaften Gegensatz zu jenen

bildet. Hinter seinem von einem Strahlenschein umgebenen Haupt sieht

man durch eine Fensteröffnung das tiefe Blau des Himmels. Mit Apollo

kommt gleichsam das Licht in die Werkstatt. Das Licht spiegelt sich

blitzend in dem Harnisch, der auf der anderen Seite am Boden liegt.

Apollo spricht mit Mund und Händen; er erzählt seine üble Nachricht

mit geflissentlicher Wichtigkeit. Vulkan hält starr inne im Bearbeiten

des glühenden Eisenstückes, das er vor sich auf dem Amboß hat; sein

Mund findet keine Worte, aber sein Körper krümmt sich in einer

unwillkürlichen Bewegung der Wut, und seine Augen -- solche schwarze

Augen, wie sie nur Velazquez malen konnte -- rollen. Die beiden

Gesellen mit den Zuschlaghämmern erstarren auch, aber ohne Aufregung,

nur in Verwunderung über die interessante Neuigkeit; in dem Kopf des

einen, der Mund und Augen aufsperrt, malt sich das höchste Staunen

eines beschränkten Menschen. Der dritte Gesell ist in Anspruch genommen

durch die nicht so plötzlich zu unterbrechende Arbeit, ein Stück Eisen

durchzukneifen; der Ausdruck der körperlichen Anstrengung spielt noch

in seinen Gesichtsmuskeln nach, während er sich aufrichtet, um zu

lauschen. Der im Hintergrund beim Blasebalg beschäftigte Gesell aber

vernimmt mit heimlicher Bosheit und Schadenfreude die Nachricht von der

Schlechtigkeit der Frau Meisterin.

[Illustration: Abb. 11. +Die Sibylle+ (angebliches Bildnis der

Gattin des Künstlers). Im Pradomuseum zu Madrid. (Nach einer

Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E., Paris

und New York.) (Zu Seite 16.)]

Im Herbst 1630 erhielt Velazquez den Befehl, sich nach Neapel zu

begeben, um Doña Maria, die Schwester Philipps IV., zu porträtieren,

die auf der langen Brautreise zu ihrem durch Vollmacht angetrauten

Gemahl König Ferdinand von Ungarn, dem nachmaligen deutschen Kaiser,

dort verweilte. Velazquez malte nur ein Brustbild der Königin nach dem

Leben. Für das übrige brauchte sie nicht zu sitzen; denn die damalige

Hoftracht der spanischen Damen war eine derartige, daß sie von der

Gestalt ihrer Trägerin keine Linie verriet. Das Brustbild befindet

sich im Pradomuseum und zeigt uns die lebhaften Züge der blonden

jungen Fürstin mit ansprechendem Ausdruck (Abb. 10). Das große Bildnis

in ganzer Figur, das Velazquez dann danach ausführte -- und zwar, da

ihm die Anregung durch den Anblick der Wirklichkeit fehlte, ohne viel

künstlerische Wärme -- ist in das Berliner Museum gelangt.

Nach Erledigung dieses Auftrages schiffte Velazquez sich ein und

langte im Anfang des Jahres 1631 wieder in Madrid an. Er begab sich

-- so berichtet Pacheco -- nach einem freundlichen Empfang durch den

Conde-Duque (Olivares) sogleich zum Handkuß Seiner Majestät und dankte

dem König sehr dafür, daß er sich in diesen anderthalb Jahren von

niemand anders habe malen lassen; und Seine Majestät war sehr erfreut

über seine Rückkehr.

[Illustration: Abb. 12. +Bildnis eines jungen Mädchens+, mutmaßlich

einer Tochter des Künstlers. Im Pradomuseum zu Madrid. (Nach einer

Originalphotographie von Braun, Clément & Cie. in Dornach i. E., Paris

und New York.)]

Eine lange Reihe von Jahren hindurch malte Velazquez jetzt im

königlichen Schloß zu Madrid im Dienst seines Herrn. Seine

Lebensgeschichte berichtet von Zeit zu Zeit von der Verleihung

eines neuen Hofamts oder eines Titels, wodurch er in seinem

gesellschaftlichen Range erhöht oder in seinem Einkommen besser

gestellt wurde. Bei seiner in der Tat glänzenden Stellung mußte er

doch zeitweilig die Finanznot des spanischen Staates mitempfinden; so

sah er sich im Herbst 1638 gezwungen, dem König eine Bittschrift um

Auszahlung einer rückständigen Summe von 15803 Realen einzureichen, mit

dem Bemerken, daß er sich in großer Bedrängnis befinde.

In das Jahr 1634 fällt ein häusliches Ereignis. Im Januar dieses

Jahres gab er seine noch nicht ganz fünfzehnjährige Tochter Francisca

dem Maler Juan Bautista Martinez del Mazo zur Ehe, der bei dieser

Gelegenheit zum Amtsnachfolger des Velazquez als Ugier de cámara

ernannt wurde, und der später auch als Hofmaler seinem Schwiegervater,

dem bewunderten und nachgeahmten, aber unerreichbaren Vorbild seiner

Kunst, nachfolgte.

[Illustration: Abb. 13. +Mutmaßliches Bildnis der Gattin des Künstlers,

Doña Juana de Miranda Pacheco.+ Im königl. Museum zu Berlin.

(Nach einer Photographie von Franz Hanfstaengl in München.)]

Hier mögen einige Bildnisse erwähnt werden, die, wenn auch ohne sichere

Begründung, als Bilder der Familienmitglieder des Meisters angesehen

werden. Für die Gattin des Velazquez hält man in Madrid eine in der

Seitenansicht dargestellte Dame mit echt spanischer, der Wangenröte

fast ganz entbehrender Hautfarbe und tiefschwarzem, gekräuseltem Haar.

Sie trägt ein schwarzes Kleid und einen dunkelgelben Überwurf; der

schleierartige schwarze Kopfputz hat Verzierungen von der goldähnlichen

Farbe des Überwurfs. In der Hand hält sie eine leere Holztafel, über

deren Bedeutung der Aufschluß fehlt, und welche Veranlassung gegeben

hat zu der Bezeichnung des Bildes als „Sibylle“ (Abb. 11). Zwei

allerliebste Kinderporträts, als Gegenstücke gemalt und dem Farbenton

nach um dieselbe Zeit entstanden wie jenes unverkennbar den jüngeren

Jahren des Meisters angehörige Frauenbildnis, führen im Museumskatalog

die -- allerdings als zweifelhaft hingestellte -- Bezeichnung „Tochter

des Velazquez“. Außer jener Francisca hatte Velazquez noch eine um

zwanzig Monate jüngere Tochter Ignacia, die im Kindesalter starb.

In den Bildern erscheinen die beiden kleinen Mädchen in einem und

demselben Alter. Sie sind einander so ähnlich wie Zwillinge, sind auch

gleich angezogen, nur mit kleinen Farbenunterschieden im Aufputz der

olivengrünen Kleidchen. Beide haben frische, lebhafte Gesichtchen mit

rosigen Wangen; das braune Haar, mit rosafarbiger Schleife verziert,

hängt in zwei Zöpfen an den Seiten des Kopfes herab. Die eine hält

Nelken in den Händchen, die andere hat Rosen im Schoß (Abb. 12). Mit

mehr Wahrscheinlichkeit als die „Sibylle“ -- nämlich auf Grund einer

auf der Rückseite der Leinwand befindlichen alten Namensaufschrift --,

doch gleichfalls nicht mit Gewißheit wird das herrliche Damenbildnis,

welches aus der Dudley-Galerie in das Berliner Museum gelangt ist,

als Porträt der Doña Juana Pacheco bezeichnet (Abb. 13). Keine

klassische Schönheit, aber eine sehr anziehende Erscheinung von

reinster spanischer Rasse, liebenswürdig und vornehm, mit klug und

freundlich blickenden braunen Augen und feinem, charaktervollem Mund;

der eigentümliche Reiz der bleichen südländischen Haut kommt in

der Umrahmung durch das rötlich blonde, hochaufgetürmte und an den

Seiten in krausen Löckchen herabfallende Haar in besonderer Weise zur

Geltung. Die Dame ist sehr reich gekleidet; sie trägt eine Robe von

tadellosestem Modeschnitt (um 1635) aus gepreßtem schwarzem Sammet

mit Kragen und Unterärmeln aus blauem, golddurchwirktem Stoff, mit

Goldspitzen am Kragen, dazu mit schmalen Spitzenrändchen besetztes

Weißzeug an Hals und Handgelenken; im Haar blitzt der aus Diamanten

gebildete Kopf einer Nadel, unter den Löckchen kommen große Perlen

zum Vorschein, die von den Ohrringen herabhängen, eine Perlenschnur

umgibt den Hals, an dem Kleid glitzert eine mehrfach umgeschlungene,

durch einen edelsteinbesetzten Schmuck zusammengehaltene Goldkette;

kostbare Ringe schmücken sowohl die linke Hand, die zwanglos

herabhängend den geschlossenen Fächer hält, als auch die auf die Lehne

des rotbezogenen Stuhls gelegte Rechte. Alles ist mit dem gewähltesten

Geschmack zusammengestimmt, und der Reichtum bewahrt eine vornehme

Einfachheit der Gesamtwirkung, die der schlichte hellgraue Hintergrund

aufs feinste hervortreten läßt. -- Velazquez fand nicht häufig Zeit,

Privatpersonen zu malen. Ein drittes nichtfürstliches Damenbildnis von

seiner Hand befindet sich in einer englischen Sammlung. Auch dies ist

eine Vollblutspanierin, nicht mehr ganz jung, aber des Eindrucks ihrer

unergründlichen Augen und ihrer glühenden Lippen sich wohl bewußt;

die in großen Handschuhen steckenden Hände spielen mit der schwarzen

„Manta“ und dem Fächer, den Werkzeugen der Koketterie (Abb. 14). Als

nichthöfisches Männerbildnis sei daneben der wirkungsvolle Rassekopf

im Pradomuseum genannt, aus dessen brennend roten Lippen und glänzend

schwarzen Augen eine verzehrende Glut spricht (Abb. 15).

[Illustration: Abb. 14. +Die Dame mit dem Fächer.+ In der

Hertford-Galerie zu London.]

Unter den Bildern, welche Velazquez in den ersten Jahren nach seiner

Rückkehr von Italien für den König malte, werden neben verschiedenen

Stillleben und Landschaften ein Bildnis der Königin und ein solches

des im Jahre 1629 geborenen Prinzen Don Baltasar Carlos genannt.

Dieses letztere ist in einem wundervollen Kinderbild vorhanden, das

in eine englische Sammlung gelangt ist. Da sieht man den dreijährigen

Infanten, mit einem niedlichen, aber ausdruckslosen Gesichtchen, schon

mit Grandezza in seinem steifen Kleidchen aus silberdurchstickter

hellgrauer Seide dastehen, mit Kommandostab, Schärpe und Degen.

Ein dunkler Hintergrund mit einem zum Teil emporgezogenen schweren

Vorhang hebt die ganze zarte Gestalt als eine Lichterscheinung hervor;

seitwärts liegt auf einem Kissen der große Federhut (Abb. 16). Ein

anderes ebenfalls in England befindliches Bild aus derselben Zeit zeigt

das nämliche Figürchen mit einem Zwerg als Gesellschafter, der es mit

dem Geklingel einer Schelle zu unterhalten sucht.

[Illustration: Abb. 15. +Bildnis eines Unbekannten.+ Im Pradomuseum zu

Madrid. (Zu Seite 18.)]

[Illustration: Abb. 16. +Der Infant Don Baltasar Carlos.+ In der

Hertford-Galerie zu London. (Zu Seite 18.)]

Velazquez(#58543) · 第 1 / 6 段