Justin Schildknecht trat als Prediger und Reformator in den Lebenskreis
Engelharts. Dies und dies ist ganz verkehrt und jetzt werden wir die
Sache so und so anfassen, sagte er; Engelhart wußte, wie verkehrt alles
war und wo das Rechte lag, und war doch entzückt, es mit Worten zu
vernehmen. Bisher hatte niemand sich die Mühe genommen, ihm einen Weg zu
weisen, als ob es gleichgültig sei, wohin er ging, da er nicht stille
hielt vor der Krippe, wo sie ihn haben wollten. Schildknecht aber sagte:
»Du gehörst ja gar nicht an die Krippe in den Stall, du gehörst hinaus
in die Welt, du gehörst der Welt und gehörst dir selbst.« Das machte
Engelhart sicher wie einen, der lange Zeit ein von der Behörde nicht
konzessioniertes Geschäft betrieben hat und nun den Erlaubnisschein vom
Minister selbst erhält.
Zunächst heißt es sich von Peter Palm und seiner Sippe losmachen,
erklärte Schildknecht. Nichts schien leichter; Engelhart dachte: 'Ich
meide die Gesellschaft und alles ist in Ordnung.' Aber wenn die Stunde
kam, trieb es ihn an die gewohnte Stätte, als wäre sein Blut vergiftet
von der Luft dort, von den Blicken, Worten und Zeichen, von all dem
Nichts, und fände nicht eher Ruhe, bis es wieder Gift genossen. Auch lag
in seiner Natur eine gewisse sinnliche Treue gegen Menschen, denen er
einmal nur den geringsten Teil seines Herzens geschenkt, und er verstand
es nicht, irgendein Band, das ihn fesselte, wenn auch verderblich
fesselte, unbekümmert zu zerschneiden. Er schleppte immer sämtliche
Überbleibsel aller Beziehungen zu Menschen schwerfällig hinter sich her.
Dazu kam, daß Peter Palm plötzlich Besitzrechte an Engelhart geltend
machte wie an einen Sklaven, der die Freiheit will. Engelhart nahm das
sehr ernst. Er erachtete sich für gebunden, ihm schien, als ob ein
Vertrag ihn feßle. Daß Schildknecht um dessentwillen nicht an ihm irre
ward und hinter der schwächlichen Handlung das verzagte Gemüt spürte,
das war ein schöner Zug an ihm. Er folgte Engelhart; er ließ sich zum
Schein selbst von den Fäden umgarnen, aus denen er ihn lösen wollte, zog
nächtelang mit umher, und wenn sie dann allein waren, redete er ihm
gütig zu und riß den Flitterschleier von dem genialischen Unwesen.
Schildknecht wohnte mit seiner Mutter in einem uralten Hause am
Egydienplatz. Über dem Tor war der Körper eines aufhorchenden, im Lauf
stillestehenden Windspiels in Stein gemeißelt. Schildknechts Wesen und
Erscheinung erinnerten sehr an dies Sinnbild nervöser Wachsamkeit. Er
war reizbar und scheu wie ein eingesperrtes Tier. Einmal führte er
Engelhart in ein leeres Zimmer des Hauses, wo das Bildnis seines Vaters
hing. Engelhart empfand beinahe Furcht vor dem schwarzbärtigen Gesicht
mit den durchdringenden Augen und beneidete dennoch den Freund, über
dessen Leben eine so verehrungswürdige und gewaltige Erscheinung
thronte. In seiner behaglich-breiten und schnörkelhaft-abschweifenden
Manier erzählte Schildknecht, wie sein Vater im Revolutionsjahr in die
Bürgerversammlung gekommen war und wie der Anblick seiner majestätischen
Person genügte, um die Zwieträchtigen eines Sinnes zu machen. Aber die
Erinnerung an diesen Mann, die Rückwirkung einer tyrannischen und
klösterlichen Erziehung beirrte Justins bis zur Schmerzhaftigkeit
empfänglichen Geist mehr, als sie ihn festigte.
Er war Entwurfzeichner für eine chromolithographische Anstalt und
verdiente ziemlich karg sein Brot. Der Kopf war ihm voll von Plänen und
Ideen, die ihn in seinem engen Lebenskreis umherpeitschten, und er fand
nicht den Weg in die große Welt. Vielfaches Mißlingen hatte ihn
argwöhnisch gemacht und die Kleinlichkeit seiner Umgebung benahm ihm den
Atem. Er war verlobt mit einem schönen Mädchen aus wohlhabender Familie,
die Eltern der Braut wollten von einer Heirat nichts wissen, solange
Schildknecht ohne sichere Stellung war. Zwei Schwestern, giftige
Schlangen, nur im Neid vegetierend, trugen schmutzigen Klatsch ins Haus,
machten die Braut zum Aschenbrödel, häuften die Erbitterung.
Schildknechts Vergangenheit wurde böswillig durchforscht, anonyme Briefe
tauchten auf, das Verhältnis mit der Geliebten wurde zur Qual.
Schildknecht war zu stolz, sich zu rechtfertigen, aber die Unbill
verzehrte ihn. Wochenlang durfte er dem Mädchen nicht nahen, dann hielt
er sich geflissentlich fern. Engelhart sah einmal das junge Ding,
verschüchtert ging sie daher, doch gleich Beatrice »macht' ihr Anblick
jedes Ding bescheiden«, und in ihrem Gesicht lag ein holdes Ertragen.
Schildknecht sprach selten von ihr und nur in Andeutungen, denn in
allem, was Frauen und Liebe betraf, war er scheu und keusch.
Justin Schildknecht liebte die Kunst. Doch was irgend mit Werktätigkeit
zusammenhing, schob er in weite Ferne: aus Ehrfurcht, um nicht mit
unfertiger Hand zu freveln. Er meinte, es müsse wie Sturmflut über ihn
kommen, und es sei nichts vonnöten, als der gemeinen Misere enthoben zu
sein. Einstweilen biß er sich die Lippen blutig an der Kette, die ihn
hielt. Seltsam war es für Engelhart, mit Schildknecht vor dem
Sebaldusgrab zu stehen, das er als Knabe in der dumpfen Lust an
Gestaltlichkeit betrachtet hatte, und doch ahnend, wie Schönheit aus
dem innersten Kern der Welt sprießt. Schildknecht vergötterte die alten
Meister, in ihnen sah er alles verkörpert, was ihm die Heimat war und
geben konnte. Engelharts stille Bewunderung war ihm nicht genug, er
stachelte ihn zu lautem Bekennen, und das war zu viel, das ermüdete
Engelhart, unter solchem Zwang hätte er auch im Paradies trotzig die
Augen geschlossen. So entwand ihm Schildknechts Herrischkeit manches,
manches Werk, manchen Menschen, manches freie Staunen. Um sich und den
Freund baute Schildknecht eine Mauer des Hasses, und Engelhart öffnete
sein Ohr für Schildknechts böses Hadern gegen die Zeit; mit der Gabe des
Wohlwollens ohnehin spärlich bedacht wie alle, deren wunde Brust ruhelos
der Menschheit entgegendrängt, entfernte sich Engelhart, selber noch
Ringender, hoffärtig und besserwissend von den Ringenden, als ob er
darum schon des Irrtums enthoben wäre, weil er angefangen, fremdes Irren
zu durchschauen. Der eine, einzige, der ihm, zum erstenmal, das Gefühl
eignen Wertes gab, genügte, um einer Welt den Rücken zu kehren. Und als
Schildknecht den Freund so weit hatte, als er nur schüchtern glimmende
Hoffnungen zu stärkerer Glut angefacht hatte, dem unaufhörlich fragenden
Herzen in seiner ganzen Person ein verkörpertes, lebendiges, trotziges
Ja geworden war, da fiel es ihm nicht mehr schwer, ihn aus Peter Palms
Zauberkreis zu befreien, und Engelhart war verwundert und beschämt, als
es ihn plötzlich nicht mehr zurückzog in die dunkle Sphäre.
Schildknecht erlaubte nicht, daß Engelhart das armselige Loch in der
Arbeitervorstadt weiter bewohnte. Sie fanden ein wohlfeiles Zimmer in
Sankt Johannis vor dem Tor, in einem stillen Gartenhaus, und bald spürte
Engelhart das Wohltuende von Ruhe, Luft und Licht. Bis in die späte
Nacht, auch wenn Schildknecht schon längst gegangen war, konnte
Engelhart nicht schlafen und lag oft noch mit offenen Augen, wenn die
Morgendämmerung durch die Gardinen blinzelte. Gestalten, denen er nie
begegnet, regten sich wie Schattenbilder an der Wand, lösten sich von
der Wand und schauten ihn an: ganz Blick, ganz Schicksal. In ihrem
Schreiten war Musik. Der Wille, sie festzuhalten, erschütterte jeden
Nerv. Sie waren Stücke seiner selbst, gleichwohl waren sie ihm fremd;
ihr Antlitz war fremd, aber mit ihrem Innern war er vertraut. Sie
sprachen nicht, sie tönten, und nicht die Freude, sondern das Leiden
machte sie tönend. Die Wonne des geisterhaften Seins umgab ihre dunkeln
Körper mit rosiger Kontur. Sie folgten keineswegs einem Rufe, sie
erschienen, nach echter Gespensterart, wann es ihnen beliebte.
Engelharts Blut wurde trunken und matt und wieder trunken durch die
verführerische Gaukelei. Feindselig empfing ihn der gemeine Werktag. Er
irrte im Bodenlosen und nährte den Geist mit den Verlockungen der
Phantome. In den letzten Tagen des Spätherbstes wurde es so schlimm, daß
er die Erfüllung der notwendigen Pflichten hintansetzte. Eine Woche lang
verließ er das Zimmer nur zur Nachtzeit, um mit Schildknecht
umherzustreifen. Ohne eigentlich krank zu sein, war sein Körper von
unbeschreiblicher Schlaffheit umfangen. Es quälte ihn ein seltsamer
Durst, der vor jeder Labung in Ekel überging. Im Schlummer empfand er
wie Sturmgebrause die Lebensangst, und alle Zweifel sah er in der
geöffneten Brust als gelbe Würmer sich winden. Eines Abends hockte er
jämmerlich beklommen vor dem Ofen und starrte durch das offene Türchen
in die Glut. Da barst eine Kohle knisternd auseinander, und eines von
den Gespenstern stieg daraus empor; es war wie ein Knabe anzusehen,
winzig klein, und es setzte sich Engelhart auf den Schoß. Der ganze Raum
war plötzlich von einer bisweilen stockenden Melodie erfüllt:
Es war ein Bild im Bilde,
Als ich den Tod erdacht,
Sein trunkenboldisch Jauchzen
Durchgeisterte die Nacht.
Der Mantel wie von Flammen,
Das Auge wie von Stahl,
Der Busen eine Wunde, --
So flog er kalt und fahl.
Er schüttelt seine Taschen,
Die Seelchen flattern aus,
Das wispert, wimmert, kichert,
Und jedes sucht sein Haus.
Nur eins voll seligem Grauen,
Betäubt von Schein und Schall,
Verliert sich ohne Heimat
Im bodenlosen All.
Bald danach warf sich Engelhart aufs Bett und schlief in seinen Kleidern
still und gesundend bis zum Morgen. Da erst kam das Staunen. Durch bloße
Worte kannst du also entzaubert werden, durchfuhr es ihn.
Er wurde nachdenklich. Die Worte allein waren es nicht. Sie waren nur
die Entschleierer, die Ausgraber des geheimnisvoll in Brunnentiefe
ruhenden Bildes, die listig-vielgesichtigen Diener eines Wesens, das
Brücken baut von Traum zu Traum.
Er hatte sein Ausbleiben vom Bureau brieflich entschuldigt; als er
hinkam, machte ihm Herr Zittel die Mitteilung, daß er entlassen sei. Er
erhielt noch einen Restbetrag von sieben Mark und zwanzig Pfennig
ausbezahlt und außerdem, gnadenhalber, ein präsentables Zeugnis, damit
seine Existenz nicht völlig ruiniert sei. Einer der Schreiber am Pult
drehte sein Gesicht Engelhart zu; es war dies eine Art Methodist, der
seine freien Stunden, hauptsächlich von sieben bis neun Uhr abends, auf
christliche Nächstenliebe gestellt hatte. Er wollte ein mitleidiges
Gesicht machen, grinste aber schadenfroh. Herr Zittel richtete den
blauen Blick seiner Fischaugen vorwurfsvoll auf Engelhart, dann ging er
ins Privatzimmer des Generalagenten, um das Zeugnis unterschreiben zu
lassen. Der Methodist rückte ein Weilchen auf seinem Sessel, schließlich
sprang er herab, brachte ein kleines Paketchen aus seiner Tasche zum
Vorschein, hinkte auf Engelhart zu und bot ihm mit salbungsvoll
flötender Stimme ein Stück zerbröckelten Lebkuchens an. Engelhart lachte
gutmütig und dankte.
Traurig stand er gegen Mittag an der Karlsbrücke, sah ins Wasser und
überlegte, was er jetzt beginnen sollte. Alle Posten waren sicher schon
besetzt; das war immer seine feste Überzeugung im voraus, daß alle
Posten schon besetzt seien. Er kam sich vor wie jemand, der bei einem
Fest ungeladen und zu spät kommt, über viele Köpfe hinweg gerade noch
einen Fahnenfetzen winken sieht, während die Musik nur durch
verschlossene Türen zu ihm dringt.
Da legte sich eine Hand auf seine Schulter. Es war Schildknecht.
»Warum so tiefsinnig, alter Schwede?« fragte er in jenem
gemütlich-heiteren Ton, der ihm stets Engelharts ganzes Herz zuwandte.
Engelhart erzählte, und Schildknechts Gesicht verfinsterte sich. »Wie
steht es mit den Finanzen?« fragte er. »Schulden? Wo und wieviel? Gut;
jetzt lassen Sie mich mal gewähren. Wir werden ein schönes Brieflein an
den Herrn Oheim nach Wien schicken, verstanden? Wir werden ihm
klarmachen, daß der Herrgott ein paar Individuen erschaffen hat, deren
Hinterteil sich für den Drehsessel nun einmal nicht eignet. Wir werden
ihm sagen, daß es einige Pflanzen gibt, die rasch ins Blühen kommen und
rasch ins Welken, und wieder andre, bei denen die Sache langsam geht, je
langsamer, je süßer die Früchte werden. Wir werden ihm zu verstehen
geben, daß der satte Magen ein guter Moralist und der hungrige ein
Behälter von Sünden ist. Und nun Kopf hoch, lieber Sohn.«
»Was ist aber dabei gewonnen, selbst wenn er ein paar Taler schickt?«
entgegnete Engelhart; »was dann, wenn das Geld verzehrt ist?«
»Zuerst müssen Sie aus der verdammten Klemme kommen,« sagte
Schildknecht. »Erst atmen und dann denken. Was später sein wird, dafür
lassen Sie nur mich sorgen und meinen Freund, den Zufall.«
Der Brief wurde geschrieben, und in ihm versprach Engelhart, die
Geldsumme, um die er den Oheim bat, am Tage seiner Mündigwerdung
zurückzuerstatten; er hatte von seinem mütterlichen Vermögen noch einen
Rest von etwa achthundert Mark zu erwarten. Michael Herz schickte den
erbetenen Betrag mit einigen wohlwollenden, aber kühlen Zeilen. »Ich
hoffe, daß Du Deine bedrückte Lage, in welche Du durch eigne Schuld und
eignen Entschluß geraten bist, nun etwas erleichtern kannst.« Von
Zurückzahlung keine Silbe. Aber hätte Engelhart hinter den Zeilen zu
lesen verstanden, hätte er nicht immer nur bei solchen Menschen Feinheit
und Adel vorausgesetzt, um die er sich geistig mühen mußte und die ihn
geistig nahmen, so hätte er sein Gelöbnis wohl bewahrt. Es war ihm dort
nicht mehr um Treu und Glauben zu tun, er meinte, dort habe er ohnehin
ausgespielt und ein Vorteil sei ein Vorteil.
Wenige Tage später erhielt Engelhart auch einen Brief seines Vaters.
Herr Ratgeber wußte noch nicht, daß Engelhart ohne Posten sei, deshalb
empfand dieser keine Freude, als ihm der Vater mitteilte, er werde sich
in der kommenden Woche in Nürnberg aufhalten, wo er geschäftlich zu tun
habe. Herr Ratgeber schrieb, daß er über Engelharts Treiben nur
Ungünstiges vernehme, er beklagte sich bitter über die Nachlässigkeit
des Sohnes, der ihn monatelang ohne Brief lasse und sich nur an ihn
wende, wenn er etwas brauche. »Deine Stiefmutter hat recht, wenn sie
Dich einen kalten Selbstsüchtling nennt,« hieß es weiter, »schon lange
bereitet mir Deine Undankbarkeit Kummer. Und was ist mit Deinem
Fortkommen? Wahrlich, ich verstehe Dich nicht. Nun wirst Du
einundzwanzig Jahre alt, in zwei Monaten bist Du großjährig, alle Deine
früheren Kameraden haben schon glänzende Stellungen und Du mußt
Schreiberdienste leisten für einen Hundelohn. Wozu habe ich Dich eine
teure Schule besuchen lassen, wozu sind alle Deine Gaben? Für nichts
zeigst Du Lust und Liebe, wie ein kleines Kind stehst Du im praktischen
Leben, und wenn ich bedenke, daß Du mir schon behilflich sein könntest,
mein schweres Los zu erleichtern, dann frißt es mir ins Herz, Dich so
mißraten zu sehen. Sieh doch zu, daß Du bei einer Bank unterkommst,
suche meinen Bruder oder Deinen Vormund auf, vielleicht geben sie Dir
Empfehlungen, so wie bis jetzt kann und darf es nicht weitergehen.«
Zum Schluß kamen noch einige versöhnliche Sätze, als fühle Herr
Ratgeber, daß er die Kluft zwischen sich und dem Sohne nicht erweitern
dürfe, aber Engelhart blieb ungerührt. Er las das Schreiben seines
Vaters Schildknecht vor, und bei dem Wort »Undankbarkeit« zuckte dieser
zusammen.
»Wenn nur die Herren Väter einsehen wollten, daß das weitaus größere
Vergnügen auf ihrer Seite war,« knurrte er. »Immer soll das
Kinderkriegen auch zugleich ein Zinsengeschäft sein.«
Solche Worte von den Lippen des Freundes erkälteten Engelharts Gemüt
noch mehr gegen den Vater. Er antwortete nicht auf den wohlgemeinten
Brief. »Ich habe niemals zu Hause Entgegenkommen oder Verständnis
gefunden,« sagte er zu Schildknecht, wie um sich vor sich selbst zu
rechtfertigen. Er war Tor genug, zu glauben, vom Verständnis sei alles
Glück abhängig; er selbst wollte verstanden werden, aber er bequemte
sich nicht dazu, auch seinerseits zu verstehen, wenigstens dort, wo es
sich um jenes nach seiner Ansicht niedrige Vegetieren handelte, das
sogenannte praktische Leben. Als sein Vater in die Stadt kam und er
durch eine Postkarte davon Nachricht erhielt, versteckte er sich. Nur
zum Schlafen kam er spät am Abend heim, zweimal fand er einen Zettel
seines Vaters auf dem Tische liegen, das erstemal standen fragende und
befremdete, das zweitemal abgerissene, empörte Worte darauf. Engelhart
hörte nicht und fühlte nicht. Den ganzen Tag über hielt er sich in
Schildknechts Hause auf.
Frau Schildknecht hatte ihn zuerst kühl, beinahe feindselig behandelt,
denn sein Umgang mit Justin schien diesen noch mehr aus der Bahn zu
reißen als alle früheren Eskapaden und Freundschaften. Als sie
Engelharts Appetit bei den Mahlzeiten sah, versöhnte sie sich mit ihm.
»Sie sind auch ein wacker verprügeltes Männlein,« sagte sie und schaute
ihm tief, beinahe finster in die Augen. Das Haus war die reinste
Katzenmenagerie. Um die Dämmerstunde öffnete Frau Schildknecht die Tür
und zwei schwarze Katzen und ein gelber Kater marschierten lautlos
herein. Justin Schildknecht sah in jeder Katze etwas wie ein mystisches
Wesen und schrieb ihr dämonische Klugheit zu. Er erzählte von einem
Kater, der, merkwürdig begabt, ihm auf Schritt und Tritt durch die
Gassen gefolgt war, dem leisesten Lockruf gehorchend; als er auf die
Akademie gezogen, sei das Tier verschwunden und nie wieder zum Vorschein
gekommen. Eines Nachts war Engelhart Zeuge, wie Schildknecht mit
mehreren betrunkenen Burschen anband, weil diese nach einer Katze mit
Steinen warfen. Er war wie außer sich und schlug mit der Kraft von
dreien die ganze Gesellschaft in die Flucht. Dann legte er das halbtote
Tier in seinen Arm, sprach ihm zärtlich Trost zu und trug es nach Hause.
Tag um Tag wurde Engelharts Zusammenleben mit Schildknecht inniger,
alle andern Menschen erschienen ihm fremd, und wo immer er auch sonst
Anschluß und Annäherung gesucht hatte, nichts blieb von diesen
Beziehungen übrig, er zerbrach jede Fessel, vergaß jede Rücksicht außer
dieser einen, die nun sein innerstes Leben ausmachte. Da er sich
überdies von Justin Schildknecht eifersüchtig bewacht sah, bis auf
Blicke, bis auf Gedanken, fand er sich doppelt verpflichtet und doppelt
ergeben. Höher flogen ja seine kühnsten Wünsche nicht, als sich mit der
ganzen Person einzusetzen für ein wahres Gefühl der Freundschaft, nur so
erschien er sich geborgen, nur darin erblickte er Möglichkeiten des
Gedeihens. Er erschloß mit Inbrunst sein Herz. Keine Hoffnung, keine
Furcht blieb geheim. Über jede fern von dem Freund verbrachte Stunde
legte er Rechenschaft ab. Nichts hatte Gewicht, was nicht Schildknecht
billigen konnte, nichts wurde Erlebnis, was er nicht mit ihm erlebte.
Was auch in der Welt geschah, große und kleine Dinge, schließlich kam es
nur darauf an, wie es ihnen beiden dienen konnte. Ihm schien, man könne
nicht zugrunde gehen, wenn man durch ein gleichgestimmtes Herz gehalten
würde. Auch kannte er nicht mehr das Gefühl der Einsamkeit, das ihn
vordem so oft gequält. Ein Tag voll Bangigkeit zählte nicht, denn er
verhieß doch ein beseligendes Gespräch mit dem Freund, und über all das
Drohende und Bedrängende sprechen zu können, das bedeutete soviel als
es beseitigen. Sie wanderten in mondhellen Nächten durch die winkligen
Gassen, über die Brücken und auf die Burg, oder saßen bei schlechtem
Wetter in einer Kneipe; Schildknecht erzählte von seiner Vergangenheit,
und dabei wurde ihm alles zum Märchen, ebenso wie Engelhart alles zum
Märchen wurde, wenn er von der Zukunft sprach. Leider besaß keiner von
ihnen die rechte Geduld, dem andern zuzuhören, es ging ihnen wie zwei
Hungrigen, die aus derselben Schüssel essen und bei allem Wohlwollen
füreinander doch nach den größten Bissen schnappen. Wie einfach wurde
das Getriebe der Welt in solchen Stunden! Auf dieser Seite der Haß, auf
der andern die Liebe, hier der Untergang und dort das Gelingen, Gut und
Böse geteilt wie Licht und Finsternis, es kam gar nicht zum Exempel,
denn alle Größen standen ausgerechnet da, und die Zauberformel hieß:
Zugreifen!
Solange er mit Engelhart allein war, fühlte sich Justin Schildknecht
ruhig und frei gestimmt. Er war, wie auch Engelhart, ein sehr mäßiger
Mensch, trank nie, nur im Tabakrauchen waren sie beide ausschweifend.
Wenn sich nun ein dritter zu ihnen gesellte, was hier und da vorkam,
denn Schildknecht hatte zahlreiche Bekannte in der Stadt, dann machte er
den Eindruck eines Betrunkenen, und Engelhart selbst erschrak über sein
scheues, zerflattertes, geschwätziges und gefährliches Wesen.
Schildknecht traute keinem, er hatte an jedem seine Erfahrungen gemacht,
er wollte niemand in sein Inneres blicken lassen, darum verkleidete,
verstellte, versteckte er sich. Er war immer ein klein wenig Komödiant,
nicht völlig aufgelöst in sein Schicksal oder seine Stimmung, stets ein
bißchen von außen nach sich selber schielend. Nach und nach zogen sich
alle von ihm zurück, auch Leute, die ihm wohlwollten. Er hatte ganz
aufgehört zu arbeiten, und seine Verhältnisse wurden drückend. Der
Mutter gegenüber hatte er ein schlechtes Gewissen und mied tagelang das
Haus, nächtigte in Engelharts Wohnung. »Es wird ein schlechtes Ende
nehmen,« sagte Frau Schildknecht. Ihr sibyllenhaftes Wesen wühlte Justin
tief auf. Mutter und Sohn konnten nicht eine Viertelstunde nebeneinander
weilen, ohne daß es zu heftigem Wortwechsel kam, und je maßloser sich
Justin benahm, je stiller und eisiger wurde die Frau, gleichsam
leuchtend von furchtbarer Voraussicht. Bei alledem wunderte sich Justin,
daß sie sich Engelhart gegenüber sanft und freundlich zeigte, und hielt
es ihr sehr zugute. Er liebte und verehrte sie, aber eigentlich nur in
Gedanken, er sah in ihr eine wunderliche und geheimnisvolle Person, den
dunkeln Kräften der Natur verwandt, denen der Sterbliche unbewußt
widerstrebt.
Indessen hatten die Eltern seiner Verlobten von dem Lotterleben Kunde
erlangt und sich unter Aufgebot von allerlei Spionen Gewißheit
verschafft. Sie untersagten der Tochter jeden Verkehr mit dem
pflichtvergessenen Mann. In atemloser Erbitterung verbrachte
Schildknecht die darauffolgende Zeit. Zudem gab es andre Schwierigkeiten
materieller Art, die ihn ruhelos machten. Seine letzte Betäubung waren
die Pläne, die er mit Engelhart schmiedete. Er selbst glaubte eigentlich
nicht mehr an sich, aber Engelhart glaubte an sich, fest, naiv und froh;
das war tröstlich, das war der Grund, weshalb Schildknecht oft wie in
Bewunderung zu dem jüngeren Genossen emporsah.
Eines Nachmittags um die Dämmerstunde kamen sie beide vor Schildknechts
Haus und mußten dreimal läuten, ehe geöffnet ward. Oben im Wohnzimmer
gewahrten sie die Umrisse einer Gestalt, die sich aus kniender Stellung
erhob, und ehe Justin noch ein Streichholz in Brand gesteckt, trat seine
Mutter zu ihm und sagte: »Mach dich gefaßt, es gibt ein Gewitter.«
Schildknecht zündete die Lampe an; das Zylinderglas zitterte in seiner
Hand, als er seine Braut im Zimmer sah, und er fragte rauh: »Was habt
ihr denn miteinander?« Frau Schildknecht nahm eine offene Kassette, die
mit Schmucksachen gefüllt war, vom Tisch, klappte sie zu und trug sie in
den Nebenraum. Die unschuldigen Augen des jungen Mädchens leuchteten vor
Angst. Justin schlug seine Faust mit solcher Gewalt auf die Lehne eines
Stuhls, daß der Knöchel des Mittelfingers zu bluten begann. Dabei schrie
er: »Ich will wissen, ich will wissen!« Wieder trat Frau Schildknecht
auf ihn zu und flüsterte. Er zuckte zusammen, packte sie an der Schulter
und mit einem heiseren Aufbrüllen riß er sie herum. Sie strauchelte und
stürzte mit der Stirn gegen die Ofenkante. Das junge Mädchen hielt die
Arme flehend ausgestreckt, dann wurde ihr Antlitz flammend rot, sie
griff nach ihrem Mantel und ging. Justin ließ sich auf das Sofa fallen
und begrub das Gesicht zwischen den Armen. Frau Schildknecht warf
Engelhart einen sonderbaren triumphierenden Blick zu, dann seufzte sie
und zog die Vorhänge über dem Fenster zusammen. Engelhart empfand
plötzlich Grauen vor Schildknecht, er spürte etwas Fremdes und
Unüberwindliches zwischen sich und ihm; es war, als ob eine Hand sein
Haupt umspannte, den Kopf in eine bestimmte Richtung drehte und ihn so
zwang, beständig auf den beleuchtetsten Fleck des Raumes zu starren.
Nach diesem Vorfall entstand in Schildknecht der Entschluß, die Stadt zu
verlassen und sein Leben zu ändern. Er setzte sich mit mehreren
ausländischen Firmen in Verbindung, sein Name war nicht unbekannt,
seine Arbeiten empfahlen sich von selbst, schließlich konnte er unter
den Angeboten wählen und entschied sich für eine Stellung in der
Schweiz. Am dritten Januar sollte er reisen. Er gab Engelhart das feste
Versprechen, auch für ihn dort zu wirken, er wollte einen erträglichen
Posten für ihn suchen und so, auf gesünderer Grundlage als bis jetzt, an
der großen geistigen Zukunft gemeinsam weiterbauen; ohne Sicherheit des
Brotes gebe es keine Entfaltung der Idee, meinte Schildknecht.
Als die Eltern der Braut von Schildknechts Vorhaben vernahmen und sahen,
daß es damit ernst war, lenkten sie ein und am Silvesterabend fand eine
Art Versöhnung statt mit darauffolgendem Familienessen, von welchem sich
nur Justins Mutter fernhielt. Sie ließ sich von dem Schmerz nichts
merken, den ihr Justins Wanderplan verursachte.
Den selben Silvesterabend verbrachte Engelhart bei entfernt Verwandten,
einer Tochter von Iduna Hopf, die an einen Kaufmann in der Stadt
verheiratet und die ihm sehr freundlich gesinnt war. Er trank ein paar
Glas Punsch über die Besinnung, und als er gegen zwei Uhr morgens die
Gesellschaft verließ, tanzten die Häuser auf der Straße. Er war noch
nicht ganz betrunken, aber es war ihm ungeheuer selig zumute, so daß er
an jeder Ecke stehen blieb und eine Weile in sich hineinkicherte, bevor
er weiterging. In solcher Verfassung nach Hause zu wandeln und sich ins
Bett zu legen, erschien untunlich, daher schlug er die Richtung nach dem
Egydienplatz ein und stand alsbald vor Schildknechts Hause. Der Platz
lag verödet. Es fiel Schnee, der im Laternenlicht aufblitzte wie
Silberstickerei. In der Mitte des Platzes stand die Kirche gleich einer
riesigen schwarzen Faust mit erhobenem Daumen. Aus den umliegenden
Straßen drang das Geschrei der Neujahrsrufer in die Stille. Engelhart
stand eine Weile glücklich lächelnd, dann stimmte er ein Liedchen an.
Das Familienfest mußte schon zu Ende sein, denn aus Schildknechts Kammer
funkelte Licht und nun wurde auch das Fenster geöffnet, Schildknechts
lachendes Gesicht erschien und es entspann sich ein kleines
metaphysisches Zwiegespräch, in dessen Verlauf der schon
Schlafensbereite droben die Ansicht vertrat, daß es gut sei, noch ein
wenig das neue Jahr im Freien zu genießen, da es doch wahrscheinlich nur
in frischem Zustand genießbar und morgen schon der Tag der Trennung sei.
Sie gingen über den Markt zum Haller Tor. In der Nähe des Henkerstegs
sahen sie plötzlich eine gegen die Schwerkraft kämpfende Gestalt und
erkannten Barbeck: zerrauft, beschneit, beschmutzt, ohne Hut und ohne
die ironisch-gemessene Miene, die ihn sonst auszeichnete und ihm ein so
weltüberlegenes Ansehen gab. Hinter ihm her schwankte ein höchst
verwahrlostes Frauenzimmer, die ihm abwechselnd Schimpfnamen und
Koseworte zurief; bisweilen packte sie ihn beim Rockschoß, diese
Berührung elektrisierte den Mann und erweckte wieder sein bürgerliches
Gefühl; er kehrte sich gegen die Verfolgerin und drohte würdevoll und
betrübt mit der Polizei. Da gewahrte er Schildknecht und Engelhart, und
beide beobachteten, wie er sich mit aller Kraft zusammennahm, sich gegen
einen Baum lehnte, seine Börse zog, in der Halbfinsternis nach einem
Geldstück fischte und dieses der Frauensperson mit den mild
hingeseufzten Worten reichte: »Sie hungert, die Arme.« Dann ging er,
ernüchtert, eine Strecke Wegs mit den Freunden und zwischen Glucksen,
Lachen und Schläfrigkeit schimpfte er auf die zunehmende Unzucht und im
Anschluß daran auf das moderne Geisteswesen, und indem er Engelhart mit
höhnischem Lächeln auf die Schulter klopfte und ihn gewohntermaßen mit
»Jüngling« anredete, empfahl er ihm Kritik und warnte ihn vor schlechter
Gesellschaft. Schließlich fiel ihm ein, daß er die Abwesenheit seines
Hutes erklären müsse, und sich verabschiedend behauptete er, er gehe
jetzt des Nachts ohne Hut, weil er dies für die Gesundheit förderlicher
halte.
Schildknecht war nach und nach ernst geworden. Dem wunderlichen Manne
nachblickend und Engelhart unter den Arm fassend, sagte er: »Das ist der
Feind, der wahre Erbfeind; an ihm verblutet die Kraft des Volkes. Ihm
werden Sie noch oft im Leben begegnen, alter Freund, er wird Ihnen, was
Sie auch leisten, immer wieder erklären, daß Sie es anders machen müssen
und daß irgendwer es schon längst besser gemacht hat, und er wird Sie
nicht immer so gleichgültig lassen wie jetzt, er wird Ihnen manchmal die
Blutadern öffnen und sich freuen, wenn der rote Saft zu Boden fließt. Es
gibt Geschicktere wie den, die sich besser verstecken und von denen
keiner erfährt, wo sie ihre schmutzigen Stunden zubringen, und die sich
hüten, ihre Kopfbedeckung dabei zu verlieren. Geben Sie wohl acht und
gewöhnen Sie sich beizeiten an die Physiognomie des Mannes; er ist der
heimliche Dieb, der jeder Brust das Teuerste entwendet.«
Am zweiten Januar reiste Schildknecht. Als Engelhart nun allein war,
wurde ihm doch bang vor seiner Lage. Das Geld des Oheims war schon
verbraucht, er machte nun Schulden, die am Termin seiner Volljährigkeit
bezahlt werden mußten. Außerdem entwöhnte er sich von aller Arbeit,
durchwachte nach wie vor die Nächte, schlief bis in den Mittag und
müßiggängerte dann herum, ohne Ziel und oft auch ohne Lust. Bei den
gesitteten und ordentlichen Menschen seiner Bekanntschaft machte er sich
dadurch vollends zum Gegenstand der Verachtung, was ihn keineswegs
gleichgültig ließ, denn er bewahrte in seinem Innern eine versteckte
Liebe für das Bürgerliche, eine gewisse Zärtlichkeit für die behaglichen
Häuser und Stuben und friedlich umgrenzten Gemüter. So schwankte er
einsam unter den Menschen umher, den Kopf angefüllt mit nebelhaft
verschwommenen Idealen. Sein Nichtstun war noch ohne innere Frucht und
stachelte ihn daher nicht selten zu unwürdigem Zeitvertreib, zu
Billard- und Kartenspiel mit einem erstbesten. Der Abscheu vor sich
selbst trieb ihn dann wieder hinab in eine dunkle Traumestiefe, und
indem er sich zu vergessen suchte, wurde die gestaltlose Sehnsucht in
seiner Seele chaotischer. Was er las, das las er allzu beziehentlich, er
litt an allem, am Schönen wie am Häßlichen, die Wurzeln seines Wesens
waren vergiftet von einem Ehrgeiz, der nicht aus noch ein wußte, er
besaß keinen Maßstab, weder für die Dinge noch für sich selbst, sein
Geist anerkannte kein übernommenes Gebot und wußte eigen-persönliche
nicht zu formen oder zu befolgen. Ihm blieb nicht einmal ein Gott, von
dem er sich lösen oder mit dem er hadern konnte, nicht einmal an seinen
Zweifeln hatte er einen Anhalt, wär's auch nur der, den ein Kampfspiel
und seine Erschöpfungen geben, denn alles, kaum gefaßt, zerfloß wieder,
hatte nicht Hang und Bestand, jedes Wort, jeder Begriff löste sich in
ungreifbare Teilchen auf, ihm ward nur eines in seltenen Stunden
geschenkt, ein Bild, das aus der Dunkelheit emporschwamm, fester
umrissen und tiefer gegründet als alle Wirklichkeit und deutlicher als
die Sprache zu sein vermag, feurig aus Leiden geboren und zur Freude
strebend, und demgegenüber wurden allerdings höchste Pflichten
kategorisch, dies knüpfte ihn an die Zeit und an die Menschheit, hielt
seine Sinne in Bereitschaft, sein Gefühl in Bewegung und behütete ihn
vor innerer Verlotterung.
Es waren schlimme Wochen. Schildknecht schrieb nicht hoffnungsvoll.
Seine Briefe sprachen an durch Geist und einen Ton freier Paradoxie,
aber der Grimm über die Gebundenheit eines Lohnarbeiterdaseins knirschte
aus jeder Zeile. Engelhart, der die Gesellschaft Schildknechts hart
entbehrte, sah ein, daß er sich in diesem Fall nicht auf den Freund
verlassen dürfe, und er nahm sich einstweilen vor, bald einen Entschluß
zu fassen. Als er zufällig auf der Straße Herrn Zittel traf, fragte ihn
dieser nach seinen Lebensumständen aus. Er antwortete zuerst mit
prahlerischer Sorglosigkeit, als sei er im Begriff, eine
Millionenerbschaft anzutreten, gab aber schließlich zu, daß er zwar
nicht gerade einen neuen Posten suche, jedoch nicht abgeneigt wäre, bei
günstigen Bedingungen zuzugreifen. Herr Zittel durchschaute das
kindische Spiel und sagte, er könne Engelhart vielleicht dienlich sein,
er solle ihm seine Photographie und eine Abschrift des Zeugnisses
senden. Immerhin kann ich mich ja photographieren lassen, dachte
Engelhart gnädig, und eines Morgens scheitelte er säuberlich sein Haar,
steckte ein Veilchensträußchen ins Knopfloch und ging, zum erstenmal in
seinem Leben, mit klopfendem Herzen zum Photographen. Sein Gesicht im
Spiegel kannte er zur Genüge, es auf dem Papier zu sehen, reizte ihn
plötzlich über die Maßen.
Mittlerweile hatte er nach mancherlei Formalitäten die Reste seines
Vermögens erhalten und obwohl er beinahe die Hälfte zur Begleichung der
Schulden sofort aufbrauchte, erschien er sich doch als ein Krösus. Frau
Schildknecht, die er oft besuchte und der er von seiner veränderten Lage
in seligem Übermut erzählte, tippte mit der Fingerspitze auf seine Stirn
und meinte, da drinnen sei anscheinend wenig Verstand, doch sei er der
reichste arme Mann, der ihr je untergekommen. Zu seinem Schrecken nahm
er wahr, daß das Geld schneller verschwand als Wasser aus einem
zerlöcherten Tiegel. Bisweilen suchte ihn einer von den Kumpanen Peter
Palms auf -- Geld hat einen durchdringenden Geruch -- und redete ihm so
lange um den Bart, bis er gutmütig ein Goldstück gab. An einem
stürmischen Frühlingstag begegnete er vor der Stadtmauer Amöna Siebert.
Sie sah fahl und vernachlässigt aus, gleichsam gewürgt vom Unglück, von
früherer Schönheit waren nur noch traurige Spuren in ihrem Antlitz.
Engelhart, entsetzt über die Geschwindigkeit eines solchen Verfalls,
ging ein Stück Wegs mit ihr; es rührte ihn die mühsame Schelmerei ihres
Lächelns und ihre fieberisch kalte Hand. Zuerst wagte er nicht, ihr
Hilfe anzubieten, als sie dann wie zufällig vor einem Wurstladen stehen
blieb und geistesabwesend auf die appetitlich ausgelegten Fleischwaren
starrte, fragte er leise und schüchtern, ob sie Geld wolle, und steckte
ihr hastig ein Papierchen in die Hand, worauf er wie ein Verbrecher
davonlief.
Er verstand nicht das Geld; er war töricht genug, es zu mißachten; er
wußte nicht, daß Geld auch edel sein kann; er hatte nur einfache
Bedürfnisse, aber diese befriedigte er unbedenklich, ohne zu überlegen;
manchmal gelüstete es ihn, den vornehmen Herrn zu spielen, dann machte
er eine sinnlose Ausgabe, die einem vornehmen Herrn nie eingefallen
wäre; unter anderm kaufte er ganze Stöße von teuerstem Schreibpapier,
als ob er ein Papiergeschäft einrichten wolle. Als endlich sein enormer
Reichtum bis auf etwa hundert Mark zusammengeschmolzen war, kam er zur
Besinnung. Schon eine Woche zuvor hatte ihm Herr Zittel mitgeteilt, daß
im Bureau der Gesellschaft »Minerva« im breisgauischen Freiburg ein
Posten offen sei, mit neunzig Mark im Monat dotiert, er möge sich ohne
Verzug dorthin wenden, und zwar solle er an den Generalagenten, Herrn
Lutterott, persönlich schreiben. Er solle den Brief sorgfältig
stilisieren, denn Herr Lutterott sei ein Mann von feinsten
Umgangsformen, Reserveoffizier, und halte viel von Äußerlichkeiten. In
der Angst, daß es schon zu spät sein könnte, setzte sich Engelhart,
trotzdem schon Mitternacht vorüber war, gleich hin und verfaßte eine
meisterliche Epistel, der es weder an Amtsschnörkeln noch an einer
gewissen fachmännischen Eleganz gebrach; sein Konterfei legte er ohne
besonderen Hinweis bei. Der Erfolg blieb nicht aus. Herr Lutterott
antwortete, die Stelle sei zwar schon vergeben, aber an einen Unwürdigen,
dem er die Tür zu weisen genötigt sei. Er nehme die Offerte an,
Engelhart solle sich am fünfzehnten April in seinem Bureau einfinden,
die Reisekosten würden nach dreimonatlicher zufriedenstellender
Dienstleistung zur Hälfte ersetzt. Aus diesem Schreiben spürte Engelhart
ahnungsvoll eine widerwärtige Geschraubtheit heraus, doch er war froh,
dem gefährlichen Herumtreiben entrissen zu sein, und außerdem ging die
Fahrt gen Süden, wenn auch nicht zu Schildknecht selbst, so doch in
seine größere Nähe.
Am Tag vor seiner Reise spazierte Engelhart am Kanal entlang nach Fürth.
Dort machte er seinem Vormund einen Abschiedsbesuch und hörte bei dieser
Gelegenheit, daß Tante Lina Curius wahnsinnig und in eine Irrenanstalt
verbracht worden sei, während Peter Salomon im Verein mit der Kroner das
Haus behüte, noch immer darauf warte, daß sein Bauplatz ihn zum
Millionär mache und sich inzwischen von Michael Herz ernähren lasse.
Auch zu Iduna Hopf ging er, die noch immer in dem alten Haus mit den
knarrenden Stiegen wohnte, jetzt einsam, da ihr Mann gestorben war; sie
sah alt und müde aus. Überhaupt waren so viele gestorben und hingegangen
in den wenigen Jahren, alte und junge: der Vetter Zederholz, das
Fräulein Holländer, der alte Herschkamm, der Doktor Federlein, der
epileptische Lechner. Auf der Königstraße gewahrte Engelhart plötzlich
ein Gesicht, das ihm bekannt, ja vertraut erschien: es war Ludwig
Raimund, sein erster Gespiele und Kamerad. Auch er erkannte Engelhart
und sprach ihn freudig an; er war Chemiker geworden und war in der
großen Anilinfabrik draußen bei Doos angestellt. Seltsam dies
Wiedererkennen, wie sich die Züge des Kindes bewahrt, doch nur in der
allgemeinen Linie des Antlitzes, während alle Flächen sich gedehnt
hatten, die eine zur Leblosigkeit erstarrt, die andre von verborgenen
Leidenschaften und unedeln Trieben verwüstet war. Erst schien er
Engelhart noch ganz der alte, noch ebenso heiter und graziös, doch bald
bemerkte er eine Art gnädiger Herablassung an Raimund wie bei einem
Vornehmen, der dem Geringeren gegenüber seine Vornehmheit taktvoll
verbirgt, auch eine gewisse ängstliche Unsicherheit wie bei einem, der
angepumpt zu werden fürchtet und sich innerlich eine Ausrede
zurechtlegt. Sie sprachen über dies und jenes, Raimund hatte lauter
fertige Urteile, die meisten Fragen waren für ihn endgültig erledigt,
und wenn noch irgendwo ein Zweifel in ihm steckte, so zuckte er die
Achseln, als wollte er sagen: was mich betrifft, ich habe ein festes
Einkommen, mit dem übrigen wird man schon fertig. Schließlich gingen sie
in eine Bierstube, wo noch fünf oder sechs frühere Schulkameraden saßen
und Karten spielten. Es waren lauter wohlbestallte Leute, die ihre
Sorglosigkeit wie ein Plakat an der Stirn trugen; ihre Gesichter waren
aufgeschwemmt, frühverlebt, sie witzelten, sie spöttelten, und in ihrem
Gebaren lag gleichfalls das schamlose Geständnis, daß sie nichts andres
schätzten als das feste Einkommen. Wenn Engelhart etwas sagte,
blinzelten sie mißtrauisch mit den Lidern, dann musterten sie heimlich
schielend seinen Anzug und seine schlecht sitzende Krawatte. Am
herzlichsten benahmen sie sich, als er sich verabschiedete.
Er ging gegen die Altstadt und befand sich auf einmal in stiller Gasse
vor dem Tor des Friedhofs, in welchem seiner Mutter Grab war. Er öffnete
die Pforte, schritt hinein und wanderte eine Weile sinnend zwischen den
uralten Steinen umher. In welchem Teil des Friedhofs das Grab lag, wußte
er nicht mehr, und er hätte leicht vergeblich suchen mögen, wäre nicht
ein eigentümliches Hinziehen gewesen, das er nie in solcher Stärke an
sich beobachtet hatte. Endlich stand er vor dem rötlichen Sandstein, auf
dem in halbverwaschenen Goldlettern der Name von Frau Agathe Ratgeber
leuchtete. Das Grab war vernachlässigt, der Hügel ganz platt, keine
Blume wuchs, nur Gras. Ringsum in solcher Nähe, daß es wie das Gedränge
auf einem Jahrmarkt wirkte, standen andre verwitterte Steine, zudem
herrschte nicht einmal Frieden, denn draußen vor der Mauer erschallte
das lebhafte Gehämmer der Goldschläger und auf der andern Seite,
hügelabwärts in der Ebene, keuchte und klapperte eine Dampfmühle. Doch
war es eigen, daß ihn diese Geräusche mit besonderer Macht in seine
Jugend zurückzogen. Traurige Jugend. Wie furchtbar die Stunde, als er
drüben im Leichenhaus gesessen und schwarze Gestalten wisperten um ihn
herum. Damals konnte er noch keine Empfindung dafür haben, daß sie mit
kaum zweiunddreißig Jahren davonging; die Mutter ist für ein Kind
alterslos. Freilich, das Leben hätte ihr noch bitterböse Geschenke
gemacht, und doch! Leben, nur leben! Was gäbe es sonst. Irgendeine
äußere Stimme rief: »Bete!« Er begriff nicht, wie man in solchen
Augenblicken beten könne, alles, was an Wort und Ausdruck streifte, war
erstickt, er spürte nur ein warmes Aufkochen des Blutes vom Herzen aus
durch den Körper, und er konnte den Begriff des Todes nur umfassen,
indem er das Leben doppelt inbrünstig fühlte. Wozu beten? sich selbst
ausweichen? die wahre Andacht abweisen? Bevor er ging, riß er einen
Grashalm ab und bewahrte ihn auf mit dem Gedanken: vielleicht ist er aus
dem Saft ihres Auges gebaut.
Seines Vaters dachte er nicht; dieser lebte ja noch.
An einem Mittwoch Abend kam er in Freiburg an. Seine Brust wurde von
Traurigkeit umschnürt, als er durch die Straßen der unbekannten Stadt
ging. Es regnete und er besaß keinen Schirm; für hundert
Überflüssigkeiten hatte er Geld ausgegeben, aber das Notwendige
anzuschaffen, hatte er sich nie entschließen können. Er trat also unter
ein Tor und ließ die fremden Menschen an sich vorüberwandeln.
Die Generalagentur der »Minerva« lag im ersten Stock eines villenartigen
Hauses vor der Stadt; im Erdgeschoß befand sich eine kleine
Weinwirtschaft. Dunkelblauer Himmel strahlte über den Häusern, als
Engelhart am Morgen hinauswanderte, dunkelbewaldete Berge schienen auf
allen Seiten die Flucht der Straßen zu begrenzen. Der Flieder stand
schon blühend, seine Düfte flossen in Wellen durch die Gitter der
zahlreichen Gärten. Hoffnungsvoll gestimmt, voll Lust und Ernst zur
Arbeit, trat Engelhart vor Herrn Lutterott und war nicht unzufrieden,
als er erfuhr, daß er der einzige Beamte des Bureaus sein würde.
Herr Lutterott war ein Vierziger, klein, feist, geschniegelt und
gebügelt, mit einem Leutnantsschnurrbart und leutnantsmäßig schnarrender
Stimme. Er empfing den neuen Untergebenen mit korrekter, jedoch etwas
düsterer Höflichkeit und würdigte ihn einer längeren Ansprache, die den
Eindruck des Auswendiggelernten machte. Die erste Hälfte jedes Satzes
klang militärisch schroff und abgerissen, dann machte er eine Pause, in
der er andächtig seine rosigen Fingernägel betrachtete, um mit
pathetischen Wendungen und salbungsvoll ausladenden Gesten fortzufahren.
Er verbreitete sich über die Pflichten eines Beamten; er verlange
Pflichttreue und Sittlichkeit, sagte er. Bei dem Worte Sittlichkeit
schloß er die Augen wie zum Schlafe. Er sagte, Engelharts Photographie
habe ihm gefallen, es habe ihn erfreut, ein ehrliches Gesicht zu sehen,
was ihm aber mißfallen habe und was er dringendst abzustellen bitte, das
seien die Haare, die seit mindestens zwei Monaten nicht kurzgeschnitten
sein konnten; das erinnere ja beinahe an einen Schauspieler oder Maler
oder ähnliches Gelichter. Zum Schluß gab er Engelhart eine
Wohnungsadresse, bestellte ihn für den Nachmittag und entließ ihn mit
hoheitsvoller Kühle.
An diesem Tag, am Freitag und Samstag, gingen die Dinge nicht uneben.
Herr Lutterott zeigte zwar stets das Benehmen eines regierenden Fürsten,
und manchmal kribbelte es Engelhart in den Fingern, wenn der Mann mit
müd-verachtungsvollen Blicken seine Befehle gab, aber vor dem Fenster,
an dem er arbeitete, war ein Garten, und weiter draußen sah er Wiesen
und darüber den hochwipfligen Wald. Leider mußte er Herrn Lutterott
gleich um Vorschuß bitten, da alles Geld für die Reise aufgegangen war,
und dies machte die übelste Wirkung; Herr Lutterott fuhr mit dem
Zeigefinger zwischen Kragen und Hals umher und sagte mit leise
wimmernder Stimme: »Es ist nicht korrekt, es ist nicht korrekt.« Am
Sonntagmorgen nun kam er aus Eifer ins Bureau, obwohl dies nicht zu den
»Pflichten« gehörte; um zehn Uhr erschien Herr Lutterott, aufs feinste
herausgeputzt, im Salonrock und mit gestreifter Hose, eine Diamantnadel
in der Krawatte, das Haar pomadisiert und bis zum Nacken gescheitelt. In
seinem Privatzimmer empfing er einen alten Herrn im Zylinder, und
Engelhart hörte ihn untertänig räuspern und säuseln, um halb elf kam er
heraus, wieder ganz Fürst, und sagte kurzangebunden zu Engelhart: »Sie
können jetzt in die Kirche gehen.«
Verwundert blickte Engelhart empor und antwortete: »Ich danke; ich gehe
nicht in die Kirche, ich bin Jude.«
Herr Lutterott schnellte herum wie gestochen. Sein Gesicht war käseweiß.
»Was -- Jude?« stammelte er. Aufgeregt, mit kleinen Schrittchen trippelte
er vor seinem Schreibtisch hin und her, hierauf verließ er das Zimmer.
Engelhart legte die Feder weg und schaute, nichts Böses vermutend, doch
überaus peinlich berührt, auf das halbbeschriebene Blatt, das vor ihm
lag. Nach einer Weile kam Herr Lutterott zurück. Er wischte sich mit dem
blendend weißen Taschentuch die Stirn, pflanzte sich neben Engelhart auf
und ließ folgende kleine Rede vom Stapel: »Ich habe selbstverständlich
nicht das geringste dagegen einzuwenden, daß Sie Jude sind. Nur,
verzeihen Sie, kommt mir die Sache insofern überraschend, als ich nie
die Absicht gehabt hatte, mich nicht dessen versehen hatte -- um es kurz
zu sagen, meine religiösen und menschlichen Überzeugungen wurzeln in
ganz anderm Boden, und gewisse Erfahrungen, die das Leben lehrt, haben
mir recht gegeben. Immerhin, ich gebe ja zu, daß man sich irren kann, es
steht zu wünschen, daß Sie die löbliche Ausnahme bilden, sprechen wir
also nicht mehr davon.«
Engelhart schwieg. Ihn ekelte.
Am andern Morgen brachte Herr Lutterott eine eiserne Geldkassette zum
Vorschein, in deren einzelnen Fächern sich Silber- und Nickelmünzen
befanden, ungefähr an hundert Mark. Herr Lutterott sagte, dies sei die
kleine Spesenkasse, und damit Engelhart sehe, daß sein Vertrauen
unerschüttert sei, überlasse er sie ihm zur Verwaltung. Bei diesen
Worten erbleichte Engelhart, und es wurde ihm ein wenig schwindlig. In
Herrn Lutterotts Gesicht lag ein seltsamer, arglistiger Triumph, den zu
verbergen er sich keine Mühe gab. Seine Augen sagten: 'Wagst du es, dich
an diesem Schatz zu vergreifen, und deine Armut, deine Herkunft lassen
solches vermuten, dann wehe!' Denselben Ausdruck des Triumphes hatten
seine Augen von Stund an, wenn er Engelhart ein Versehen nachweisen
konnte, einen Schreib- oder Rechenfehler, wenn er ihn auf einer
Vergeßlichkeit ertappte, wenn die Akten auf einem falschen Platz lagen.
Er pflegte seine Befehle lispelnden Tons zu erteilen, und wenn ihn
Engelhart nicht verstanden hatte und um Wiederholung eines Wortes bat,
wurde Herr Lutterott scharlachfarben im Gesicht, sprang von seinem Stuhl
auf und sagte alles, Silbe für Silbe, noch einmal mit scharfer,
bissiger, feindseliger Stimme, wobei sein Blick grünlich funkelte. War
ein einziger Satz eines langen Briefes nicht zu seiner Zufriedenheit
stilisiert, so zerriß er den ganzen Bogen, schimpfte aber nicht, sondern
machte nur eine vornehm abwehrende Handbewegung und verließ das Zimmer
mit einem leichten Hüsteln oder Kichern. Kamen Unteragenten oder jemand
aus der reichen Klientel oder sonstige Leute, so beliebte es Herrn
Lutterott, Engelhart mit einer niederträchtigen Zumutung zu demütigen,
etwa, er solle dem Herrn den Rockärmel abbürsten oder er solle die Tür
vor ihm öffnen, oder er schrie ihn an, wenn seine Feder kratzte, und
dergleichen mehr.
Engelhart erkannte wohl, daß dies Ranküne war, aber er trug es, weil er
es tragen wollte. Er biß die Zähne zusammen und dachte, stärker zu sein
als der Schmerz, den er über die unendlichen Beleidigungen empfand.
Einst saß er während der Mittagstunde drunten in der Weinwirtschaft, als
Herr Lutterott eintrat und am Honoratiorentischchen bei einigen älteren
Herren Platz nahm. Engelhart blickte nachdenklich hinüber, in seinen
Gedanken stellte er sich vor, daß dieser Lutterott doch schließlich ein
Mensch sei und daß es vielleicht nur der rechten Worte bedürfe, um ihn
auf den Weg der Billigkeit zu verweisen. Plötzlich nahm Lutterott ein
Kärtchen aus seiner Brieftasche, schrieb etwas auf, rief die Kellnerin,
und diese trat zu Engelhart und reichte ihm das Geschriebene. Er las:
»Es ziemt sich nicht für den Untergebenen, seinem Chef frech ins Gesicht
zu stieren.« Da stand er auf, wieder schwindelte ihn, diesmal vor Zorn,
aber er beherrschte sich und ging.
Alles das dauerte an vierzehn Tage. Nun besaß Engelhart kein Geld mehr
zum Notwendigsten des Lebens. Er wagte nicht, Herrn Lutterott um
Vorschuß zu ersuchen, endlich aber zwang ihn die leibliche Not dazu. Er
hatte es bis zur letzten Stunde des Nachmittags aufgespart. Kurz vor
sieben Uhr brachte er sein Anliegen vor. Herr Lutterott stutzte,
betrachtete die Spitze seines Stiefels und sagte, er habe den
Geldschrank schon geschlossen, Engelhart müsse sich bis zum andern
Morgen gedulden. Damit entfernte er sich rasch und überließ dem jungen
Mann wie alltäglich das Schließen der Räume. Engelhart, der Hunger hatte
und nicht wußte, wie er ihn stillen sollte, entschloß sich in seiner
Hilflosigkeit, bis zum andern Morgen ein Darlehen bei der kleinen
Spesenkasse aufzunehmen, die in seiner eignen Verwaltung stand, steckte
ein Zweimarkstück zu sich, ging hin und aß sich satt. Gleich in der
Frühe erinnerte er Herrn Lutterott an den erbetenen Vorschuß, da er vor
allem den entnommenen Betrag wieder zurücklegen wollte. Doch Herr
Lutterott erwiderte, während seine Züge sich verkniffen wie bei jemand,
der in die Sonne blickt: »Gern, aber vorher möchte ich Ihre Kasse
revidieren.« Engelhart wurde es kalt und heiß, denn er durchschaute nun
die Infamie völlig. In einem Ton, dessen Ruhe ihm selbst auffiel, sagte
er, daß er zwei Mark aus der Kasse genommen. Herr Lutterott lächelte
unendlich vornehm und runzelte die Stirn. Er entgegnete, er wundere
sich, daß ein so aufgeweckter Kopf sich nicht klar gewesen sei über die
Folgen einer Handlung, die mit dem juridischen Begriff zu bezeichnen ihm
Engelhart wohl erlasse. Daß nach einem solchen Vergehen von einem
weiteren Verbleiben im Dienste der »Minerva« keine Rede sein könne,
verstehe sich von selbst. »Sie haben zwanzig Mark Vorschuß, hier haben
Sie noch zehn Mark, mehr war Ihre Arbeit ohnehin nicht wert,« schloß
Herr Lutterott seine Rede, »und somit sind Sie ein freier Mann.«
Engelhart nahm seinen Hut, starrte noch eine halbe Minute die Türklinke
an und ging. Jeder andre hätte gesprochen, wäre aufgebraust, hätte
versucht, seine Würde zurückzuerkämpfen, ihm waren die Lippen
versiegelt; im Grunde war er mehr erstaunt als erbittert.
Jetzt sollte er die für seine Verhältnisse ziemlich hohe Miete seines
Zimmers bezahlen, er sollte essen, trinken, leben, aber womit? Er
schrieb an Schildknecht und berichtete ihm das Vorgefallene, freilich
nur andeutend, denn all die Niedertracht, die er so geduldig geschluckt,
beichten zu müssen, hätte seinen Stolz verletzt. Sonderbarerweise
verspürte er auch jetzt nicht den geringsten Zorn gegen den schändlichen
Mann, eine naive Wehmut umdämmerte seine Sinne, und er war neugierig,
wie all dies enden würde. Stundenlang wanderte er durch die schönen
Villenstraßen dieser reichen und glänzenden Stadt, las die Namenschilder
an den Pforten und beschäftigte sich mit den Träumen von Wohlhabenheit,
Glück und Ehre. Es erschien ihm wahrscheinlich, daß unter diesen ruhig
Besitzenden einer sich befand, der ihm Beistand und liebende Hilfe
gewährt hätte, nur kannte er ihn eben nicht, jedenfalls sah er sich
jedes der schmucken Häuser mit Bezug auf diese Vorstellung aufmerksam
an.
Schildknecht antwortete in einem langen, bestürzten, heißatmigen Brief;
auch seine eigne Existenz sei dort in der löblichen Schweiz, kaum neu
aufgerichtet, wieder zertrümmert worden. Durch welche Schuld, sei ihm
unbekannt, doch seien die Erinnyen fühlbar hinter ihm her. Er sagte, daß
er nach Engelharts Gesellschaft Begierde trage, wie wenn er seit
Jahrzehnten unter Hottentotten lebte, gleichwohl dürfe er ihn nicht
ermuntern, zu kommen, denn der Boden sei ihm selber glühend unter den
Füßen. Wie stets, kam er in verhüllten Wendungen auf die Pläne zu
sprechen, die in seinem Hirn qualmten, und auf die Zukunft, die er als
goldene Verheißung hinter den Gewittern erblickte. Engelhart war erwärmt
und getröstet durch dieses Schreiben voll tiefer Herzlichkeit, aber
geholfen war ihm damit natürlich nicht. Schon lebte er in Schulden,
schon betrachteten ihn die Leute scheu und finster, schon stieg das
Wasser bis zum Hals. Von einer Stunde zur andern gebieterischer
bedrängt, eilte er aufs Postamt und depeschierte mit den letzten
Pfennigen an die Adresse seines Vaters, er sei am Äußersten, Unerhörtes
sei vorgefallen, der Vater möge ihm fünfzig Mark senden. Diese
absichtlich aufgepeitschte Sprache tat ihre Wirkung, das Geld kam, es
war fast, wie wenn ein von Räubern Angefallener mechanisch die Börse
zieht. Doch ein paar Stunden später erhielt Engelhart auch einen Brief
des Vaters.
»Du weißt, daß ich selbst mit mir zu kämpfen habe,« schrieb Herr
Ratgeber, »und daß ich mich ehrlich und rechtschaffen durchbringe. Es
ist ein himmelschreiendes Unrecht von Dir, mich auf diese Weise mit
Geldforderungen zu belästigen. Ein junger Mann in Deinem Alter muß
verdienen, was er braucht, und wenn nicht, muß er sich nach der Decke
strecken. Was ist denn vorgefallen, oder wolltest Du mich nur durch
Schrecken zwingen, Dir zu helfen? Wo hast Du die achthundert Mark Deines
Erbteils hingebracht? Ich schinde mich wie ein Taglöhner, nein, ein
Taglöhner hat Ruhe, wenn er gearbeitet hat, ich aber nicht, meine Frau
gönnt sich keinen guten Bissen, wir gönnen uns keinerlei Vergnügen, und
Du kommst, um die sauer ersparten Pfennige zu holen. Dabei nagt noch der
Wurm in mir über Dein monatelanges Schweigen, Dein liebloses Wesen;
wahrlich, Du zeigst mir zu brutal, daß Du nur einen Vater kennst, wenn
Du etwas von ihm haben willst. Aber alles will ich ertragen, wenn Du nur
in ordentliche Bahnen lenkst; laß doch endlich die Ideale und werde ein
praktischer, brauchbarer Mensch.«
Zum Schluß hieß es: »Es grüßt Dich Dein Dich liebender Vater«; aber dies
erschien Engelhart als bloße Floskel. Er antwortete dankend,
besänftigend, ausführlich, doch ohne Herzlichkeit. Er hielt den Vater
für geizig und nahm das Opfer des Spargroschens als etwas
Selbstverständliches hin.
Eines Morgens packte Engelhart seine Siebensachen, zahlte die
rückständige Miete, verließ das Zimmer, deponierte seinen Koffer auf dem
Bahnhof, und nur mit einem winzigen Bündel belastet, marschierte er aus
der Stadt und in den Wald. Er wollte wandern, gleichviel wohin, er wußte
auch nicht wohin, er war satt von den Menschen. Er lief an diesem Tag
die Kreuz und Quer und kam, da er keines suchte, auch zu keinem Ziel. In
einer Waldwirtschaft nahm er Milch und Brot zu sich und erstieg hierauf
die Höhe. Er strebte zu einer vom Sonnenuntergang beleuchteten Wolke und
erblickte sie dann gegenüber, gleichsam auf der andern Seite der Straße.
Am Rand einer Lichtung warf er sich müde hin, wartete noch, bis die
Sterne entflammt waren, dann schlief er ein und erwachte erst wieder,
als die Wipfel glühten und das Firmament von karmoisinfarbenen
Zickzackstreifen bedeckt war. Seine Kleider waren feucht, rasch lief er
den Hang herab, bis die Nässe verdunstet war. Er trank von einer Quelle
und lauschte dem langsamen Gebimmel der Kuhglocken. Unweit davon war ein
Holzplatz, auf dem noch niemand arbeitete; er fand eine Hacke am
Schuppen, nahm ein Scheit und drosch darauflos: es stellte Herrn
Lutterott vor. Zuerst hieb er ihm die Beine ab, dann die Arme, dann den
Kopf, dann zerschmetterte er das Rückgrat. So verfuhr er auch mit andern
Feinden und mit den Feinden Justin Schildknechts. Es war ein
erfrischendes Geschäft.
Mittags begann es zu regnen, doch Engelhart ging ruhig weiter, halb
beschützt vom Laubdach der Bäume. Die Schnittfläche von den Stümpfen
abgesägter Bäume leuchtete wie gelbes Feuer durch die Nebelschwaden.
Bisweilen blieb er an den Stümpfen stehen, zählte die Jahresringe und
dachte, wieviel vollendete Schicksale hier verhaftet seien in dem
schmalen Raum zwischen Ring und Ring. An der Waldöffnung gegen einen See
kam er zu dem einsamen Haus eines Schwarzwaldbauern, da fand er Aufnahme
und freundliche Bewirtung. Nach Name, Zweck und Herkunft wurde nicht
viel gefragt, er teilte ihre Mahlzeit am riesigen Tisch und schlief im
Heu. Am nächsten Tag fuhr er auf den See hinaus, landete an einem
verödeten Teil des Ufers, erkletterte die Hänge, lag stundenlang
regungslos auf einer Felsplatte und kehrte am Abend zum Hause des
Bauern zurück. Für das Essen zahlte er ein paar Pfennige, das Nachtlager
zu berechnen weigerte sich der Bauer.
Von einem höher gelegenen Weiler kam täglich zu früher Stunde eine
kleine Schar von Knaben und Mädchen herab, welche die Schule im Tal
besuchten. Gegen Abend kehrten sie wieder zurück. Vom Sehen, Grüßen und
kurzem Zwiegespräch an war allmählich eine Art Vertraulichkeit zwischen
ihnen und Engelhart entstanden. Er sah sie morgens von fern, wenn sie
den Weg herabtrippelten, schritt ihnen entgegen, wenn sie vom Dorf
heraufkamen, und begleitete sie heimwärts. Wenn er sich ins Moos setzte,
rasteten sie auch und lagerten sich um ihn herum. Einmal kam die Rede
auf Geschichten, und er begann Geschichten zu erzählen. Die bloße
neugierige Verwunderung der Kinder verwandelte sich in Zuneigung. Die
drei Mädchen pflückten ihm Blumen, die Buben sagten die einfältigen
Verse auf, die sie gelernt hatten. Sie hielten ihn vielleicht für einen
gutmütigen Schulmeister auf Urlaub, da sie vor ihm zu glänzen suchten.
Aber sein Herz lag in tiefer Ruhe bis zu der Stunde, wo eine
Gesellschaft von städtischen Ausflüglern am Weg vorüberwanderte. Ihr
Lachen und ihre Gespräche scheuchten ihn auf, Ehrgeiz wurde wach, der
seltsame Trieb, ihnen, diesen Fremdesten, etwas zu bedeuten, vor sie
hinzutreten mit den Worten: »Ich bin Engelhart Ratgeber,« worauf sie
schweigend die Augen senken und antworten mußten: »Sprich zu uns,
verehrter Mann.«
Da fing also die Unrast an; und drei Tage später kam er an einen
hochumgitterten Garten im Tal. Es war Sonnenuntergangszeit. Nahe dem
Eingangstor saß ein junges Mädchen auf einer Steinbank. Sie trug ein
schimmernd weißes Gewand, lose gegürtet, und hielt ein Buch auf den
Knien, in dem sie blätterte. Von dem Pfirsichbaum über ihr tropften hier
und da weiße Blütenblätter ab, und einige blieben in ihrem dunkeln Haar
hängen. Es war ein Bild, das Reichtum, Glück und Schönheit in sich
schloß. Engelhart, von den Gebüschen halb verborgen, blieb schweigend.
Das, was er liebte und begehrte, hüllte sich ihm gern in schwermutvolle
Schleier, und was andre zum Kampf ermunterte, weckte ihm nur das
schamhafte Gefühl der Armut. Er fürchtete dies Los, zu dem er sich
geboren sah: draußen zu stehen vor der Mauer, nein, vor dem Gitter, das
den Augen alles gab und der Hand nichts.
In dieser Stunde liebte er das junge Mädchen, das er gewiß kaum beachtet
hätte, wenn es ihm auf der Straße begegnet wäre, mit leidenschaftlichem
Schmerz; ganz in sich versunken, floh er in den Wald zurück, ging und
ging, immer dem schwachen Purpurschein nach, der zwischen den Stämmen
glühte, durch all die bewegten Träume hindurch dem fernen Ruf eines
Kuckucks lauschend, bis er zu spät inneward, daß er sich verirrt hatte.
Die Wege wurden von hastig aufschwellender Dunkelheit verschlungen,
Engelhart fing an zu laufen, bis er mit der Stirn an einen Baumstamm
rannte. Er tastete mit den Armen umher, er suchte mit den Augen den
Himmel, vergebens; ihm war, als könne er die Finsternis befühlen wie
einen schwarzen, kühlen Körper. Er blieb stehen und horchte und vernahm
nichts als das Rauschen des Blutes in seinen Ohren. Nun hatte er Angst
vor jedem Schritt nach vorwärts, ihm schien, als werde er langsam in
einem Trichter zur Tiefe gezogen, er umklammerte einen Baum und schrie
auf, da dieser sich im Kreis mit ihm bewegte. Die Finsternis zerteilte
sich gleichsam in Wolken, in rotumränderte, zuckende schwarze Fetzen,
die sich zu wüsten Visionen ballten und, wie von einem Orkan gepeitscht,
wieder auseinander flossen. Engelhart spürte die Blässe seines Gesichts,
und plötzlich erstarrten seine Glieder, als er in weiter Ferne, durch
Zweige flammend, ein unheimlich gelbes Licht gewahrte. Er brauchte
Minuten, um sich zu sammeln und um zu erkennen, daß es der Mond war.
Vorsichtig schreitend, ging er dem Schein entgegen bis zu einer
Lichtung, die mit gefällten Bäumen besät war. Erschöpft sank er hin,
konnte aber die Augen nicht schließen, sondern blickte lange Zeit
unaufhörlich in den milchig bestrahlten Himmel. Ihn erschreckte alles,
der Gedanke an die Tiefen und Höhen, an die Nacht und an die Sterne. Es
blieb zu wenig übrig für das selbstsüchtige, sich selbst suchende Herz.
Als der Tag graute, fand er nicht ohne Schwierigkeit seine Bauernhütte.
Er schlief lange, und nach Tisch verkündete er seinen Entschluß,
weiterzuwandern. Da man ihn fragte, wohin, entgegnete er lächelnd: nach
Süden. Der Bauer und sein Knecht begleiteten ihn bis zur Landstraße
hinab, eine Stunde später war er auf dem Bahnhof und nahm ein Billett
nach Basel. Von dort wollte er zu Fuß weiter, um seine Börse zu schonen.
Weil er jedoch am Abend in Basel ankam und nicht in die Nacht hinein
marschieren konnte, war er töricht genug, in einem nahegelegenen Hotel
Quartier zu nehmen, was ihn mehr Geld kostete als viele Stunden
Eisenbahnfahrt. Noch dazu mußte er sich ob seines Aussehens und des
fehlenden Reisegepäcks halber -- den Koffer hatte er an die Adresse des
Vaters geschickt -- eine wegwerfende Behandlung gefallen lassen, und es
nutzte ihm nichts, daß er sich bei einer gelegentlichen Zwiesprache mit
dem Portier als Philosoph von Beruf bezeichnete.
Dann kam ein schöner Wandertag durch sommerlich blühendes Land unter
wolkenlosem Himmel. Er nächtigte in einer Fuhrmannsschenke, und am
zweiten Tag fuhr er auf dem Wagen einer Seiltänzerfamilie bis nach Baden
mit. Es waren abgerackerte Leute, selbst die Kinder schienen
sterbensmüde, nur der Clown war ein aufgeweckter Mensch, der sich nicht
ohne Geist über die Eigentümlichkeiten verschiedener Nationen lustig
machte. Am Nachmittag des dritten Tages sah Engelhart von fern den
silberglänzenden Zürcher See, und er setzte sich in den Kopf, noch ans
Gestade zu gelangen, bevor das Unwetter ausbrach, das schon seit Stunden
am Himmel sich zusammenzog. Bald begann der schwere Regen zu fallen, die
Bäume der Allee schienen sich in den schwefelgelben Blitzen wie Fackeln
zu entzünden und den Flammen oben schien der Donner aus der Tiefe der
Erde heraus zu antworten. Weit und breit war kein Haus, der Regen
strömte wie aus Fässern, im Nu war der einsame Wandersmann schlottrig
naß, auch merkte er, daß seine Stiefel zerrissen waren und Wasser
fingen. Er lief über einen Wiesenweg und schloß die Augen vor den
Blitzen. Nun glänzte der See nicht mehr, einem erblindeten Auge gleich
dämmerte er durch den Nebel herauf. Endlich ein Garten, endlich ein
Haus, und ein Wirtshaus zum Glück. Als er in den Flur stürmte, stoben
zwei Mädchen kreischend auseinander. Die Wirtin kam, eine junge Frau mit
schmachtenden Augen. Sie blickte zuerst unwillig auf den
heruntergekommen aussehenden Gast, als sie aber sah, wie er unter den
triefenden Kleidern zitterte, bot sie ihm von selbst ein Zimmer an und
führte ihn in den oberen Stock. Von rascher Sympathie ergriffen,
erzählte ihr Engelhart von seiner Wanderschaft, und während ihm die
fremde Frau wie eine Mutter beim Auskleiden behilflich war, öffnete er
zutraulich sein Herz und führte die durch lange Einsamkeit wohlgenährten
Hoffnungen vor. Die Frau lächelte; sie sah, daß sie es mit keinem
gewöhnlichen Landstreicher zu tun hatte; als er im Bett lag, setzte sie
sich zu ihm und plauderte unbefangen über ihr Leben; sie war Witwe und
ihr um vieles älterer Mann war während eines Herbststurms im See
ertrunken. Die Wirtschaft ging schlecht, fuhr sie fort, Neider und
Verleumder brächten ihr üble Nachrede in der Stadt, und sie wolle nun
den Kram verkaufen und in die neue Welt fahren. Sie berichtete alles in
einem einzigen kunterbunten Satz, und ihr Gesicht sah auch bei den
bekümmertsten Worten froh und freundlich aus. Später brachte sie Essen
und Wein, und dann küßte sie ihren jungen Gast und blieb bis in die
späte Nacht bei ihm. In der Frühe war Engelhart entzückt, als er, die
Fensterladen öffnend, den See vor sich liegen sah und dahinter die
Gebirge, von grünen Kuppen an aufwärts steigend bis zu rosigen und
silbernen Schneegipfeln. An der Mauer unter dem Fenster hingen die
reifen Kirschen und der betaute Garten glich einem Diamantfeld. Seine
Kleider waren getrocknet, er rüstete zum Aufbruch und ließ sich durch
das Bitten der Frau nicht halten. Sie weigerte sich, Bezahlung von ihm
zu nehmen und ließ ihn noch mit dem Boot zur Stadt hinüberfahren.
Zwei Stunden später war er in Oberstraß, in Schildknechts Wohnung.
Schildknecht war nicht zu Hause. Engelhart wartete im Garten und malte
sich still träumend das Gesicht des Freundes beim Wiedersehen aus. Es
wurde Mittag, schließlich sagte die Vermieterin, er möge doch einmal bei
Herrn Heilemann nachfragen, dies sei ein Freund von Herrn Schildknecht,
bei dem er alle Tage zu Besuch sei und wohne in der Geßner-Allee. 'Ein
Freund?' dachte Engelhart überlegen, 'nein, liebe Frau, Schildknecht hat
nur einen einzigen Freund, und das bin ich.' Die Frau beschrieb ihm den
Weg, er ging hin und erfuhr, daß die Herren in dem großen Kaffeehaus an
der Bahnhofstraße seien. Als er dort eintrat, sah er Schildknecht an
einem Tisch in Gesellschaft mehrerer stutzerhaft gekleideter Männer,
schweigsam und finster vor sich hinbrütend. Engelhart trat von rückwärts
näher und legte lächelnd beide Hände auf seine Schultern. Schildknecht
zuckte zusammen, drehte sich um, sprang empor, und sein jubelnder
Aufschrei, sein echtes, wildes, beinahe kindisches Lachen rührten und
erschütterten Engelhart; in der Freude darüber, daß ihn der ersehnte
Augenblick nicht enttäuscht hatte, vergaß er alle Sorgen. Dies
eifervolle, heiter-belebte Gespräch, er genoß es als die Erfüllung eines
Traumes; die Gegenwart war verdrängt, auch das Letzterlebte schien
belanglos im Vergleich zu den gemeinsamen Erinnerungen.
Aber die Fragen: Wie steht's? Wie bist Du gerüstet? Was hast du in der
Tasche? Was soll's überhaupt? waren doch, klar oder umschrieben geformt,
unvermeidlich. Schildknecht sah, daß er das ganze Geschick des zärtlich
vertrauenden Menschen halten und lenken sollte, das war zuviel, dem
fühlte er sich nicht gewachsen. In einer schlaflosen Stunde zündete er
die Kerze an, leuchtete hinab auf die Matratze, auf der Engelhart lag,
und Schildknecht suchte etwas in diesem vom Schlummer trunkenen Gesicht.
Seine eigne Miene trug den Ausdruck des Zweifels. Da die Lippen des
Schläfers sich zu bewegen begannen, beugte er sich noch tiefer und
lauschte ängstlich, wie wenn er das Geständnis eines Verrats erwarte.
Plötzlich schlug Engelhart die Augen auf und erschrak, als er den im
Kerzenlicht flammenden Blick des Freundes lauernd auf sich ruhen sah.
Schildknecht schüttelte besorgt den Kopf und sagte mild: »Etwas haben
Sie mir verborgen, lieber Ratgeber; nun sprechen Sie mal von der Leber
weg.«
Engelhart antwortete nicht. Er starrte in den Lichtkreis an der Decke.
Wie gewöhnlich war sein Erstaunen größer als der Trieb zu fragen. Ja, er
hatte von dieser Minute an ein Geheimnis.