Nur mit Mühe ließ sich Schildknecht davon abbringen, dem famosen Herrn
Lutterott einen Zorn- und Schmähbrief zu schreiben. »Solche Kerle sind
jetzt das Bürgerideal,« knirschte er; »so sehen sie aus, die oben wohl
gelitten und unten gefürchtet sind. O herrliches Deutschland!«
Engelhart hatte längst aufgehört, des Mannes in Groll zu gedenken. Nur
daß Lutterott es gewagt hatte, ihm aus seinem Judentum eine Schuld zu
machen, erfüllte ihn mit nachhaltiger Verwunderung.
»Haben Sie denn nie an persönliche Gefahren aus solcher Quelle gedacht?«
fragte Schildknecht.
Engelhart verneinte; er habe sich des Judentums nie geschämt und habe
auch nie Anlaß gehabt, sonderlich stolz darauf zu sein. »Ist es nicht
gleichgültig, welcher Provinz der großen Menschheit der einzelne seine
Herkunft zuschreibt?« fragte er.
»Gewiß,« antwortete Schildknecht. »Aber ist Ihnen denn nicht bekannt,
daß Millionen von Ihren Stammes- und Herkunftsgenossen im tiefsten
Jammer vegetieren, nur eben deshalb, weil sie Juden sind?«
»Ich weiß es,« sagte Engelhart; »aber der größte Teil der Menschen lebt
im Jammer, und die Tatsache berührt mich mehr als der Grund.«
»Und wissen Sie nicht, daß das ganze Mittelalter vom Blut der Juden
gedüngt ist?«
»Ich weiß es, aber ich sage mir, Blut ist ein guter Dünger; aus Blut
wächst Leben. Mit Blut wird die Freiheit bezahlt, mit Blut wird die Erde
erobert.«
»Und erinnern Sie sich nicht aus Ihren Kindertagen, daß der Christ in
Ihren Augen ein Fremdling war?«
Engelhart nickte lebhaft. »Ich erinnere mich auch an Blicke, Worte und
Gebärden, die mich verletzen sollten und zurückweisen wollten,«
entgegnete er. »Aber es war mir nicht gegeben, daraus einen Schmerz zu
machen; ich fühlte, daß es kein Problem für mich war. Ich bin vielleicht
zu stolz dazu. Wenn ich im Verkehr vom Menschen zum Menschen dies als
wichtig nehmen müßte, dann wären eben alle meine Wurzeln der Nahrung
beraubt. Den such' ich nicht, der deshalb an mir vorübergeht. Ich bin
ein Jude, aber ich bin es nicht mehr, als wie Sie ein Christ sind. Unsre
Vergangenheit liegt in den Worten, nicht unsre Zukunft.«
Schildknecht dachte eine Zeitlang nach. Dann fing er wieder an und
sagte: »Es ist ein großes Kapitel. Ich für meinen Teil, ich liebe ja die
Juden. Dennoch, es ist eine Verstandesliebe, mein Blut sträubt sich
dagegen.«
»Auch gegen mich?« fragte Engelhart lächelnd und besorgt.
»Man soll nicht ein Gefühl zergliedern, sonst hört es auf, ganz zu
sein,« antwortete Schildknecht mit niedergeschlagenen Augen. »Aber es
kommt mir oft vor, als ob in unserm Verhältnis noch eine andre Macht
gebieten würde als die, die Menschen sonst einander begegnen und sich
finden läßt. Es kommt mir vor, als ob dabei eine Art höhere Vergeltung
im Spiel wäre. Meine Vorfahren sind altsässige Nürnberger Patrizier
gewesen. Es wird Ihnen ja bekannt sein, daß vor ziemlich genau
vierhundert Jahren die Juden aus unsrer Stadt vertrieben wurden und zwar
unter den üblichen Greueln: Erpressung, Raub und Mord. Nun ist es in
unsrer Familie eine alte Tradition, und ich habe es auch einmal in einem
alten Schriftstück bestätigt gefunden, daß ein gewisser Schildknecht vom
Schildknechtstein, der den Juden tief verschuldet war, mit großer
Leidenschaft und Tücke das Volk aufgehetzt, dann die Brunnen in seinem
Haus habe vergiften lassen und schließlich mit eigner Hand an die
hundert Juden erschlagen habe. Vielleicht, lieber Ratgeber, war einer
oder der andre Ihrer Ältervordern unter den Erschlagenen, aber sehen Sie
mich nicht so beklommen an, ich fühle mich nicht verantwortlich für den
Schweinehund von damals, wenn ich auch zum Beispiel von meinem Vater
weiß, daß er den Juden zwar günstig gesinnt war, jedoch nie einem die
Hand reichte und es, wenn möglich, überhaupt vermied, mit Juden zu
reden. Dem sei, wie ihm mag, es kommt mir immer vor, als ob der Sturm
des Schicksals uns, mich und Sie, auf einem Gebirgshang zueinander
getrieben habe, mich beim Heruntersteigen und Sie beim Hinaufsteigen.
Als ich Sie damals im Paradieschen zum erstenmal sah, da zog's mich zu
Ihnen mit einer Mischung von Haß, Neid und Schuld. 'Möglicherweise,'
dacht' ich mir, 'geht es doch wieder aufwärts,' und ich suchte die
Oberhand über Sie zu gewinnen --«
»Aber damit haben Sie mich gerettet, Liebster,« warf Engelhart ein, voll
seltsamer Angst vor dem bekenntnishaften Ton Schildknechts.
Dieser ließ sich nicht irre machen und fuhr mit bleicher werdendem
Gesicht fort: »Mag sein. Aber ich habe keine Sicherheit, daß Sie mir
nicht, ein paar hundert Meter weiter auf dem Berg angelangt, einen Stein
auf den Kopf werfen werden. Sie sind keiner von den Dankbaren. Was ist
denn Freundschaft? Ein Kampf um Macht wie alles, was zwischen Menschen
vorgeht; und was wahre Freundschaft ist, erkennt man erst an den Wunden,
die man davongetragen hat. Doch was ich eigentlich sagen wollte, ist
das: solche Menschen, die wie Sie aus der Dunkelheit eines Stammes
emporgetrieben werden und in denen die stumm gewesenen Geschlechter, wie
soll ich mich ausdrücken, einen Mund erhalten, die haben viel Chaos,
viel flüssiges Schicksal in sich. Das Judentum sind Sie ja los, aber der
Jude, der in Ihnen steckt, wird Ihnen noch viel zu schaffen machen, er
wird Ihnen immer wieder Finsternis ins Gemüt pressen, auch die Lust zur
Finsternis und die Lust, sich selber zu entfliehen und die Lust zu
erlösen und all diesen Quark, an dem unsre Besten verbluten.«
Auf Engelhart machte dies alles tiefen Eindruck, nicht, weil es ihm so
neu war, sondern weil er plötzlich seine Art und sein Blut, das
Persönliche und Kreatürliche, gesetzmäßiger empfand. Dem lebendigen
Geist tut es wohl, das Leben seiner niedrigen Zufälligkeiten entkleiden
zu dürfen; je inniger er sich in das Auf und Ab des Menschentums
verwoben sieht, je mehr muß seine Zuversicht und Ruhe wachsen. Justin
Schildknecht war diese Wirkung nicht ganz willkommen, und es war, als
bereue er das Gespräch. Er wünschte nicht, daß Engelhart auf sich allein
gestellt sei, und vermied von nun an, über Gegenstände zu sprechen, aus
denen das Selbstbewußtsein des Freundes Nahrung ziehen konnte. Sein
Wohlwollen verdunkelte sich mit seinem Schicksal; furchtbar spürte er,
wie man zu lieben und zu hassen vermag in einem Atemzug.
Schildknecht hatte seine Anstellung schon verloren; aus welchem Grunde,
erfuhr Engelhart nicht, vermutete jedoch, daß er sich von jenem
Heilemann, in dessen Gesellschaft er bis zu Engelharts Ankunft den
größten Teil seiner Zeit verbracht hatte, von regelmäßiger Arbeit hatte
abziehen lassen. Auch über die Person Heilemanns vermochte Engelhart
nicht Klarheit zu gewinnen. Er war Vertreter einer großen deutschen
Maschinenfabrik und verdiente viel Geld, lebte aber auf dem Kavaliersfuß
und zog mit einem Hofstaat von armen und halbarmen Teufeln in der Stadt
und in den Ausflugsorten am See herum. Schildknecht und er waren
Schulkameraden; jetzt schien es, als ob Schildknecht in sonderbarer
Abhängigkeit von ihm bestehe. Vielleicht, daß er Schulden bei ihm hatte
machen müssen; jedenfalls benahm er sich in Heilemanns Gegenwart
gedrückt und zweideutig ergeben, ein Anblick, bei dem es Engelhart
jämmerlich zumute wurde, um so mehr, als er hintennach immer die Launen
und das Aufschäumen des verletzten Stolzes ansehen und ertragen mußte.
Es war ein nicht zu durchschauendes Spiel unterirdischer Feindseligkeit.
Mit Schmerz sah Engelhart den Freund in den trüben Fluten kämpfen, aus
denen er selbst durch Schildknechts Hilfe kaum gerettet war. Und diesmal
bestand keine Wahrheit zwischen ihnen; Schildknecht tat alles, um die
Ursachen seiner Lage zu verwischen, und gab sich den Anschein dessen,
der die Gesellschaft studieren, ein Stück Leben ergründen will.
An einem der ersten Abende fand in Heilemanns Wohnung ein Gelage statt,
und um die Lustbarkeit zu vermehren, beschlossen alle Teilnehmer, bei
Heilemann zu nächtigen. Neun Personen schliefen in zwei kleinen Zimmern.
Engelhart lag auf einem Teppich und konnte kein Auge zutun. Als er alle
andern schnarchen hörte, erhob er sich und floh aus dem Wein- und
Atemdunst hinaus auf einen kleinen Balkon, an dessen Gitter blühende
Glyzinien hingen. Nach kurzer Weile sah er Schildknecht hinter sich
stehen, der, wie er selbst, im Hemde war. Engelhart freute sich und
dachte, nun könnten sie wieder einmal ein bißchen reden, aber
Schildknecht machte ihm Vorwürfe über sein schweigsames und unfrohes
Wesen, das in einer Gesellschaft von so harmloser Art übel vermerkt
werden müsse. Engelhart nickte zu allem und gab dem Freunde recht. Doch
hatte er in keiner Stunde des Lebens seine Armut tiefer bedauert als
jetzt. Ähnliche Nächte wiederholten sich nicht, aber es wurden Ausflüge
zu Schiff unternommen, bei denen Heilemann die Zeche zahlte. Bei einer
solchen Gelegenheit wandte sich Heilemann an Schildknecht und machte ihn
unwillig auf Engelharts schäbige Kopfbedeckung aufmerksam. »Ihr Freund
soll sich einen Hut kaufen,« sagte er und warf ein Zehnfrankenstück über
den Tisch. Das war nun allerdings zuviel für Schildknecht; er erblaßte
und entfernte sich schweigend mit Engelhart. Gleichwohl merkte dieser,
daß Schildknecht ihm wegen dieses Vorfalls insgeheim grollte.
Mitte Juli mußte Heilemann eine Geschäftsreise antreten, und kaum war
er fort, so stob auch seine Schmarotzergarde auseinander. Nun sah sich
Schildknecht gezwungen, Engelhart von seiner trostlosen Vermögenslage zu
unterrichten. Sobald er offen und wahr sein durfte, kam seine gütigere
Natur wieder zum Vorschein. Er sagte, es sei wesentlich, daß sie jetzt
aneinander festhielten und nicht der ordinären Notdurft wegen das
Freundschaftsgärtlein verdorren ließen. Er bemühte sich bei seinen
Bekannten, um für Engelhart eine Stelle zu erhalten, und lief tagelang
mit ihm von Geschäft zu Geschäft, aber die erhaltenen Empfehlungen waren
mager, wohlwollendes Entgegenkommen trafen sie selten bei diesem herben
und selbstzufriedenen Menschenschlag, die Vergeblichkeit der Mühe
spiegelte sich in ihren Gesichtern wider, und der trotzige Unmut machte
auch Bereitwilligere stutzig. »Sie müssen sprechen,« sagte Schildknecht
zu Engelhart, »Sie müssen sich ins Licht setzen, die Leute merken ja,
daß Sie keine zehn Rappen im Sack tragen, dem Bettler wirft man
höchstens ein Stück Brot hin, nur wer fordert, wird gehört.«
In den ersten Tagen hatte das vorhandene Geld noch zu einem Mittagessen
in einer Gastwirtschaft ausgereicht, dann kam die Stunde, wo man sich
aufs Hungern einrichten mußte. Schildknecht hatte keinen Menschen in der
Stadt, den er, ohne seine Empfindlichkeit aufs tiefste zu verwunden, um
ein Darlehen ansprechen konnte. Und ehe er sich nach Hause wandte,
wollte er das Schlimmste über sich ergehen lassen. Die Augen zu und
hinein ins Wasser, war seine tägliche Redensart. Engelhart hatte sich
noch einmal mit einer schüchternen Bitte an den Vater gewandt, natürlich
umsonst; Herrn Ratgebers Antwort war ein einziges Händeringen, worüber
sich Schildknecht weidlich lustig machte. Sie richteten nun ihr Leben so
ein, daß sie bis über den Mittag hinaus im Bette lagen, sich dann mit
der Umständlichkeit von Modedamen ankleideten und ins Kaffeehaus
marschierten, wo sie den Nachmittag über sitzenblieben. Nur hier hatten
sie, hauptsächlich durch das Ansehen, welches Heilemann genoß, ein wenig
Kredit; sie tranken Tee und verzehrten zur Stillung des Appetits eine
große Anzahl von Semmeln, lasen Zeitungen und Wochenschriften aus aller
Welt, beobachteten und kritisierten die vor den Fenstern
vorüberwandelnden Menschen, wobei diejenigen, die sattgegessen aussahen,
am übelsten wegkamen. Niemals und nicht mit einem Blick ließ
Schildknecht in all der Zeit Engelhart merken, daß er ihm zur Last
falle, ihn fessele und das eigne Fortkommen erschwere. Eher noch schien
er selbst den Freund zu halten und tat so, als wäre die ganze Pein nur
ein Examen, das ihnen das Schicksal bereitet. Aber schließlich, _er_
war in seinem Hause, er war es, der gab, und Geben macht müde und
tyrannisch. Am Abend wurden tiefsinnige Gespräche ausgesponnen, und
Schildknecht verstand es, zwischen zwei gesprochene Worte eine ungesagte
Bitternis zu legen wie jemand, der eine Nadel auf ein Butterbrot
streicht. Gegen Mitternacht gediehen die Fäden dünner, weil der Magen,
wie ein Hund gegen Diebe, sein Knurren gegen das Wortgeklapper erhob,
dann nahm der eine in seinem Bett, der andre auf der Matratze zu den
Träumen Zuflucht.
Schildknecht träumte schwer, oft erwachte Engelhart von seinem Stöhnen
und sah ihn beim Morgengrauen totenbleich liegen, mit feuchten
Angstperlen auf der Stirn. Er liebte nicht das schlafende Gesicht
Schildknechts, ja er fürchtete es. Einmal nun hatte Schildknecht einen
angenehmen Traum und erzählte ihn: er sei am Meer gestanden und drei
Schiffe, voll mit Gold beladen, seien auf ihn zugeschwommen, seien wie
Vögel geradeswegs in seine Arme geflogen, und dann sei in zahllosen
kleinen Fässern das Gold um ihn aufgestapelt worden, aber immer, wenn er
zugreifen wollte, habe sich eine Hand auf seine Schulter gelegt, und
eine Stimme sprach: »Warten, es kommt noch mehr.«
Das war der ganze Traum, und Engelhart bedauerte, daß er zu Ende war,
denn er hätte gern gewußt, was Schildknecht mit seinen Reichtümern
angefangen. Allmählich wurde dieser Gedanke zu einer sorgenvollen und
krankhaften Vorstellung, es war etwas dabei, was ihn bezüglich seiner
eignen Person beunruhigte, und da er es über Tag und Nacht nicht los
werden konnte und mit sich zu Rate ging, wie er dem Freund von seinem
zweifelvollen Zustand Kunde geben sollte, entsann er sich einer alten
Geschichte, und mitten in einem Gespräch bat er Schildknecht ziemlich
unvermittelt, ihm zuzuhören.
»Zwei edle Ritter in der Bretagne,« so begann er, »liebten einander
sehr. Beide waren arm, nur besaß der eine von ihnen einen schönen
Zelter. Und der andre fing eines Tags an nachzudenken und sprach bei
sich: 'Mein Freund hat einen schönen Zelter; wenn ich ihn darum bäte,
würde er ihn mir wohl geben?' Eine Zeitlang schwankte er zwischen ja und
nein, endlich aber kam er zu dem Schluß, der Freund würde ihm den Zelter
nicht geben. Der Ritter wurde traurig und erschien mit anderm Gesicht
vor seinem Freund, doch dieser merkte nichts. Darüber wurde der Gram des
Ritters immer größer, er hörte auf, mit dem Freund zu sprechen und
wandte das Auge ab, wenn jener vorüberging. Der andre, der den Zelter
besaß, konnte dies nicht länger ertragen und stellte ihn zur Rede,
fragte, weshalb er ihn meide, weshalb er erzürnt sei. Da antwortete er:
'Weil ich dich um deinen Zelter gebeten habe und du ihn mir abgeschlagen
hast, und weil ich nun sehe, daß wir zu Unrecht Freunde heißen.'«
Schildknecht war ziemlich erstaunt über die Geschichte, und als er
darüber nachzudenken begann, geriet er in eine gereizte Stimmung. Eben
das hatte Engelhart gefürchtet und hatte deswegen auch die Erzählung
nicht zu Ende gebracht. Natürlich hatte der Ritter, der den Zelter
besaß, voll Rührung den andern umarmt und gesprochen: »Alles, was mir
gehört, gehört auch dir.« Es war ihm zu banal erschienen, dies
hinzuzufügen, vielleicht kam es der Wahrheit näher, wenn die beiden
Ritter von nun an Feinde wurden.
Als Heilemann zurückkehrte, waren die zwei Hungersgenossen so
ausgemergelt, daß selbst der kühle Genüßling erschrak und sich ernstlich
bemühte, für Schildknecht einen anständigen Posten aufzutreiben. Doch
sagte er ihm: »Das mit deinem Freund Ratgeber ist nichts, der taugt
nicht, den mußt du loswerden,« und nach einer kurzen Beratung wurde
beschlossen, daß Engelhart zu seinem Vater reisen müsse, der habe die
nächste Pflicht, für ihn zu sorgen. »Hier sind zwanzig Franken,« sagte
Heilemann, »damit kann er bis München durchkommen, und er soll sich nur
schleunigst trollen, ist überhaupt ein unleidlicher Kumpan.«
Engelhart ahnte nichts von diesen Beschlüssen, als er am Nachmittag
desselben Tages an einer Partie teilnahm, welche von Heilemann,
Schildknecht und einigen andern, Damen und Herren, veranstaltet wurde.
Sie fuhren mit dem Dampfer bis Meilen, wanderten noch eine Stunde am
Ufer entlang und kamen gegen Abend in ein Gartenwirtshaus, wo eine
Musikkapelle spielte. Inzwischen hatte sich der Himmel schwarz umzogen,
die meisten Leute flüchteten auf das eben abgehende Schiff, und so blieb
die kleine Gesellschaft, in der Engelhart sich befand, mit den
Musikanten fast allein zurück. Heilemann ließ im Saal oben den Tisch
decken und mietete die Musikanten, da nach dem Essen ein Tanzvergnügen
geplant war. Während der Mahlzeit war Schildknecht sehr aufgeräumt,
erzählte ein halb Dutzend seiner lustigen Geschichten und hielt dabei
geflissentlich seine Augen von Engelhart fern, dem er gegenüber saß.
Engelhart glaubte, es sei darum, weil er all diese Geschichten schon
kannte und Schildknecht sich deshalb vor ihm geniere. Es lachten alle,
nur er lachte nicht, und dies kränkte Schildknecht; am Schluß stand er
hastig auf, warf die Serviette auf den Stuhl und verließ den Saal.
Engelhart war ein wenig erkältet durch dies auffällige Benehmen,
indessen folgte er alsbald dem Freund und traf ihn nach einigem Suchen
unten an der Uferböschung, wo er auf einem Felsstück hockte und in die
blitzezuckende Ferne starrte. Engelhart setzte sich zwei Schritte von
ihm weg, noch dichter an das Wasser.
Das Schweigen, das zwischen ihnen herrschte, schien die Dunkelheit des
Abends rascher zu beschwören, und nach einer Weile gewahrte Engelhart
den Freund nur noch als formlosen Schattenriß, kaum von dem Laubwerk
eines tiefhängenden Weidenbaums abgehoben, in welchem ein Vogel
klagenden Gesang anstimmte. Mit jeder Minute mehr spürte Engelhart das
Schweigen als etwas Feindseliges, und es war, als ob sein Ohr Zuflucht
nähme zum Glucksen des Wassers und zum leisen Geroll des Donners.
Endlich fing Schildknecht an zu sagen, was er sagen mußte, seine Stimme
klang tief, ruhig und verschleiert. Hätte er sich darauf beschränkt, zu
sagen: So und so liegen die Dinge, es geht nicht mehr weiter, wir
halbieren uns bloß die Möglichkeiten und Hoffnungen des Lebens, statt
sie zu verstärken, und es ist ein Ausweg gefunden worden, der in der
Natur der Dinge liegt, so wäre alles gut gewesen; aber das tat er nicht,
er ging der Sache vom sittlichen Standpunkt aus zu Leibe und suchte es
so hinzustellen, als hätten die Fehler und schlechten Eigenschaften
Engelharts von Anfang an alles zum Schlimmen gewandt. Er redete sich
eine Fülle aufgespeicherter Bitterkeit von der Brust und meinte, er sei
immer der Gaul, der den fremden Wagen aus dem Dreck zerren müsse, von
ihm verlange man Haltung, Verantwortung, Verständnis, von ihm den
Zelter, aber andre wollten nicht geben, andre säßen düster und stumm da,
wenn er für eine ganze Affenkompagnie den Extrahanswursten mache.
Als er seine Rede beendigt hatte, fiel die dumpfe Streichmusik vom Saale
oben ein, und Engelhart beobachtete weit draußen in der Schwärze, die
über dem See brütete, ein langsam gleitendes Laternenlicht; aber
allmählich verschwamm es in seinen Augen, und mit dem Gedanken: Alles
verschwendet, das ganze Herz verschwendet, schoß ihm das Wasser unter
den Lidern hervor, und er weinte lange still vor sich hin.
Zwölf Stunden später saß er schon auf der Eisenbahn und fuhr mit dem
geringsten Gepäck, das je ein Reisender besessen, gegen Norden. Sein
jämmerliches Ausgehungertsein war schuld, daß er auf jeder Station etwas
zu essen kaufte und während der Überfahrt auf dem Bodensee-Dampfer
unbedenklich an der teuern Mahlzeit teilnahm. So kam es dann, daß er,
auf dem Bahnhof in Lindau stehend, von seinen paar Franken nichts mehr
übrig hatte. Es war fünf Uhr nachmittags, in einer Viertelstunde ging
der Schnellzug, dieser hatte keine dritte Klasse, und Engelhart sah
sich außerstande, den Zuschlagspreis zu entrichten. Der nächste Zug ging
erst in der Nacht und fuhr elf Stunden statt sechs. Und wo Unterkunft
suchen bis dahin, wovon leben; außerdem drängte es ihn vorwärts, als ob
am neuen Ziel das Heil bereit sei. Wie er nun in den letzten zehn
Minuten, während der Zug schon dastand und die Lokomotive gleichsam
einladend schnaubte, ratlos und verzweifelt auf dem Bahnsteig hin und
her rannte, trat ein graubärtiger Schaffner auf ihn zu und fragte, was
ihm denn sei, ob er jemand erwarte oder ob er sich krank fühle.
Engelhart wollte kurz ausweichend antworten, aber das ehrlich-gute
Gesicht des Mannes flößte ihm Vertrauen ein, und er gestand zögernd
seine Verlegenheit. Da sagte der Alte, er wolle ihm gern helfen, er möge
sich nur einen Platz suchen, die Überzahlung betrage etwas über sechs
Mark, die wolle er für ihn auslegen. »Ich werd' es Ihnen morgen
zurückbringen, bei meiner Seligkeit!« rief Engelhart mit heiligem Eifer.
»Nun, nun, ich glaub' Ihnen schon,« beschwichtigte ihn der Alte und
klopfte ihm auf die Schulter. Als er während der Fahrt das Billett
brachte, schrieb er ihm seine Adresse auf einen Zettel und wies alle
Danksagungen schmunzelnd ab.
Es wurde Mitternacht, ehe Engelhart, weit in der nördlichen Vorstadt
irrend, die Straße und das Haus fand, wo sein Vater wohnte. Dann mußte
er lange läuten, bis Frau Ratgeber herunterkam. Sie war sehr überrascht
und schien des Ankömmlings nicht eben froh zu sein; bedrückten Herzens
schlich er hinter ihr die vier Stockwerke empor, und seine scherzhafte
Anspielung über die Nähe des Himmels hier oben beantwortete sie mit
einem Seufzer über das harte Leben. Sie brachte willig herbei, was sie
noch zu essen im Haus hatte, setzte sich ihm sodann gegenüber, blickte
mit ihren scheuen Augen ängstlich-musternd in sein Gesicht und meinte
vorwurfsvoll, er sehe gut aus. Ihr Antlitz war förmlich
zusammengeschrumpft von den Sorgen, und die dünnen schwarzen
Haarsträhnen gaben den Zügen einen zigeunerhaften Ausdruck. Der Vater
sei verreist, berichtete sie, und werde erst über den andern Tag
zurückkommen; und nun suchte sie ihn auszuforschen voll Angst, daß sie
da einen müßigen Kostgänger zu füttern haben werde, aber es verdroß
Engelhart, daß sie keine gerade Frage stellte, sondern nur so um den
Brei herumging; daher schwadronierte er eine Weile von seinen
Aussichten, und es wurde ihm selber gläubig zumute, bis ihm einfiel, daß
er doch am Morgen seinem guten Schaffner das geliehene Geld
zurückbringen müsse. Er schluckte und würgte an den Worten, endlich kam
es heraus, halb Bitte, halb Forderung. Frau Ratgeber erklärte mit
Entschiedenheit, daß sie keinen überflüssigen Pfennig besitze und nichts
geben könne. »Es muß sein,« sagte Engelhart erbleichend. »Wenn es sein
muß, so verschaff' dir's eben,« entgegnete sie höhnisch, »von mir
bekommst du's nicht, von deinem Vater auch nicht. Wir haben genug
Trübsal mit dir gehabt, und jetzt kommst du wieder als Bettler.« Alle
seine Sünden und seine ganze Schmach hielt sie ihm vor und blieb bei
ihrer Weigerung, auch als er sich aufs Flehen verlegte. »Und jetzt ist
es spät,« schnitt sie endlich ab, »ich habe gearbeitet, ich will
schlafen.«
Für Engelhart war an Schlaf nicht zu denken. Endlose Stunden hindurch
schritt er im Zimmer auf und ab. Pläne zu schmieden war er nicht der
Mann, ihn peitschte es bloß von Impuls zu Impuls. Als er am Morgen die
Stiefmutter zur Küche gehen hörte, eilte er hinaus und vertrat ihr den
Weg. »Ich verpfände mich dir mit meinem ganzen Leben, mit meiner ganzen
Zukunft,« flüsterte er, »nur gib mir diese paar Mark, sonst bin ich
ehrlos.« Frau Ratgeber zuckte die Achseln und machte ein böses Gesicht,
aber es war etwas in seinem Blick, wovon sie niedergezwungen wurde.
Ungefähr eine Minute lang besann sie sich, dann kehrte sie ins
Wohnzimmer zurück. Engelhart ließ sie nicht aus den Augen, als fürchte
er den gewonnenen Vorteil sonst wieder einzubüßen, er begleitete sie und
sah zu, wie sie die Kommode aufschloß. Stumm reichte sie ihm ein
schweres silbernes Armband, in der Mitte war ein alter Reichstaler
eingelötet, der ein Städtebild mit vielen Türmen zeigte. »Geh damit ins
Leihamt,« sagte Frau Ratgeber, »du bist mir schon genug schuldig, jetzt
auch noch das.« Engelhart erkannte das Schmuckstück, es hatte einst
seiner Mutter gehört, und er betrachtete es mit düsterer Miene, hinter
der er seine Wehmut versteckte. Doch ging er hin, löste Geld dafür und
bezahlte seine Schuld.
Nachträglich bereute Frau Ratgeber ihre Schwäche, und Engelhart mußte
ihren erbitterten Hader dulden. Es war ihm keine ruhige Stunde gegönnt.
Sein ernster Entschluß, sich um einen Verdienst umzutun, geriet
einigermaßen ins Wanken, weil ihn davor ekelte, fremden Menschen unter
die Augen zu treten und ihre Gleichgültigkeit ertragen zu sollen.
Indessen kam sein Vater zurück, müde von der Arbeit und erschöpft von
der Hundstagshitze. Der Mann war sichtlich gealtert, an Körper und
Gesicht trat eine fette Aufgeschwommenheit hervor, doch sein Anzug war
höchst adrett und den ergrauenden Schnurrbart hatte er schwarz gefärbt
und nach der neuesten Mode gebürstet. Die Begrüßung zwischen Vater und
Sohn war beeinflußt durch das finstere Schweigen der dabeistehenden
Frau, und dieses Schweigen enthielt für Herrn Ratgeber die Aufforderung
zu Vorwürfen und Abrechnungen. Während Engelhart auf dem Sopha saß, ging
Herr Ratgeber mit seinen kurzen Schritten im Zimmer herum und redete
sich in Zorn und Schmerz. Doch beständig war auch ein Ausdruck der
Verlegenheit in seinem Gesicht, und wenn Engelhart antwortete, zuckte
das seltsame Schmunzeln um seine Lippen, durch das er seiner Aufregung
Herr zu werden suchte.
Engelhart fragte, wie es Abel ergehe; Herr Ratgeber antwortete stolz,
der bringe sich durch, der sei tüchtig und werde offenbar ein großer
Mann. Doch wenige Tage darauf kam über Abel furchtbare Nachricht aus
Amerika. Er hatte wieder einmal Dummheiten gemacht und war entlassen
worden; dann war er irgendwohin ins Innere des Landes gefahren, hatte
Schweinfurter Grün genommen und sich zum Überfluß ins Wasser gestürzt.
Ein Farmer hatte ihn aufgefischt, und jetzt lag er in einem Hospital in
Ohio und mußte außerdem, wie dort üblich, wegen des versuchten
Selbstmords Strafe gewärtigen. Herr Ratgeber war gerade beschäftigt,
sich zu rasieren, als der Unglücksbrief kam. Die Frau las ihn weinend
vor, Herr Ratgeber legte zitternd das Messer beiseite und stieß, immer
jenes entsetzliche Schmunzeln um den Mund, dumpf klagende Töne aus. Mit
der halbbarbierten Wange setzte er sich an den Tisch und schrieb
sogleich einen langen Brief. Fast feindselig beobachtete Engelhart die
flink über das Papier sich bewegende Hand. 'Wenn er nur seine
hochtrabenden Worte setzen kann,' dachte er; 'wahrscheinlich jammert er
wieder über das Schicksal und die Undankbarkeit der Kinder, und nie
scheint er zu ahnen, daß er bloß erntet, was er selber gesät.'
Es half nichts, Herr Ratgeber mußte Geld nach Amerika schicken, aber von
diesem Tag an war seine beste Hoffnung dahin und er wurde ein wenig
stiller und schweigsamer als bisher. Zu vielem Nachdenken ließ ihm sein
Beruf keine Zeit. Er war beständig auf den Beinen, gönnte sich kaum die
Ausgabe für die Pferdebahn und kam oft so abgeschlagen heim, daß er sich
gleich nach der Mahlzeit zum Schlafen hinlegte. Die Gesellschaft, für
die er arbeitete, wußte ihm wenig Dank und glaubte wie die schlechten
Erzieher, durch Aufmunterung ihren Vorteil zu versäumen. Es war nur ein
beständiges Hetzen und Stacheln, um jede gerechte Entschädigung mußte er
feilschen, und in seinem Ärger über solche Unbill konnte sein Auge einen
irren und hilflosen Ausdruck annehmen. Seine Sprache gegenüber Engelhart
war bitter und gereizt; er schämte sich vor seinen Bekannten, daß er
einen erwachsenen Sohn zu Hause sitzen hatte, der nichts war, kein Amt
bekleidete und es darauf anzulegen schien, den Seinen zur Last zu
fallen. Vergeblich suchte er ein Unterkommen für ihn, und so oft er
Engelhart antrieb, daß er selber etwas tun solle, setzte ihm dieser eine
unbegreifliche Verstocktheit entgegen. »Ich kann dich nicht ernähren,«
sagte Herr Ratgeber dann, und dunkler Zorn machte sein Auge wild;
Engelhart aber hörte nur: ich will dir nicht helfen. Ein Wort gab das
andre, und schließlich forderte der Vater mit leidenschaftlicher
Heftigkeit jene fünfzig Mark zurück, die er damals nach Freiburg
geschickt. Er forderte sie in einem Ton zurück, als wolle er sagen: gib
mir die Träume wieder, die Erwartungen, die ich einst von dir gehegt.
Engelhart war erstaunt und entgegnete verzweifelt, ob man ihm denn das
Fleisch aus dem Leibe zu schneiden gedenke. Er redete mit wunderlicher
Glut von der Zukunft, so wie Leute sprechen, die mit den eignen Worten
ihre Zweifel ersticken wollen, aber Herr Ratgeber antwortete mit einem
höhnischen Lachen. »Du bist nur da, um Herzen zu zertreten,« sagte er
zitternd. »Ein Prahler warst du von je; was soll dies Nichtstun
bedeuten? Glaubst du denn, wenn du in der Nacht vor deinem Schreibpapier
sitzest und sinnloses Zeug malst, glaubst du denn, daß du damit je einen
Bissen Brot erwirbst? Es ist ein Betrug an dir und an uns.« Und
Engelhart erwiderte unbesonnen: »Ja, Vater, warum hast du mich denn auf
die Welt gesetzt?« Da schwieg Herr Ratgeber und war, ohne daß er es
zeigte, im Tiefsten beleidigt und verwundet; 'ein Kind, das seinen Vater
schlägt,' dachte er. Doch immer fing der böse Streit über jene fünfzig
Mark von neuem an, so daß Engelhart keine größere Sehnsucht kannte, als
dies Geld zu besitzen, es ihnen vor die Füße zu werfen und ihnen Liebe
und Achtung zu kündigen für immer. Eine stille und unaufhörlich
wachsende Erregung ergriff wie eine geheimnisvolle Krankheit Geist und
Leib. Nun kam es aber bisweilen vor, daß Herr Ratgeber von dem Verlangen
gepeinigt wurde, den Grund dieses zerstückten und schwelenden Wesens zu
erforschen; nicht selten stand er des Nachts an der Kammertür und
lauschte, was Engelhart wohl drinnen treiben mochte; offen zu fragen
getraute er sich nicht, glaubte auch seinen Stolz und seine Autorität
dadurch zu gefährden; bei Tisch geschah es, daß er einen schüchtern
fragenden Blick auf den Sohn warf, wenn er annahm, daß seine Frau es
nicht bemerken konnte. Oder er begann von den Männern des Geistes zu
reden, denen er noch immer einen ungeschmälerten, beinahe
abergläubischen Respekt entgegenbrachte; von denen, die im öffentlichen
Leben standen, von denen, die es so weit gebracht hatten, daß eine
Zeitung ihre Feder in Dienst nahm. Er erzählte, wie schon so oft, daß er
im Jahre siebzig an der Wirtstafel eines thüringischen Städtchens neben
dem großen Karl Gutzkow gesessen sei, und fügte hinzu: »Ja, das waren
eben lauter hochstudierte Männer.« Engelhart schwieg. Sein Sinn war
verhärtet und voll Hohn. Wähnte er doch weit über den Götzen zu stehen,
die seines Vaters Ehrfurcht genossen. Und er haßte die Schrift, die
schamlose Entblößung der Seele durch die Schrift, fürchtete jenes Siegel
zu brechen, mit dem der Schöpfer das Mysterium des Schaffens versiegelt
hat. Es war ihm noch alles Leben, bloßes, einfaches Leben, angefüllt
mit unentweihten Gesichten, grenzenlosen Möglichkeiten. Scham hätte
seine Lippen verbrannt, wenn sie davon gesprochen hätten. So mag es Adam
in der ersten Paradiesesnacht zumute gewesen sein; der Baum, der Fels,
die Wolke, die Dunkelheit selbst, nichts war ihm Wirklichkeit, alles
Symbole seiner Angst, seines Zagens und seiner Hoffnung, und mehr als
Weib und Schlange brachte ihn der Tag zu Fall.
Indessen verging die Zeit, und Engelhart mußte allgemach auf irgendeine
Verbesserung seiner Lage sinnen. Es schmeckte ihm der Bissen nicht mehr,
mit dem sie seinen Hunger stillten. Zwischen ihm und der Stiefmutter
wuchs die Erbitterung bis ins Maßlose. Kaum daß er ihr des Morgens unter
die Augen getreten war, begann sie sein Ohr mit Anklagen und Vorwürfen
zu füllen, und sie verstand es, mit vergifteten Pfeilen die
empfindlichsten Stellen zu treffen. »Von je warst du ein Taugenichts,«
hieß es, »schon in der Schule hast du nicht lernen wollen; geh nur mit
deinen Luftschlössern, es sind lauter Lügen, du bist ja ein geborener
Lügner; natürlich, davon willst du nichts wissen, aber seit ich dich
kenne, lügst und betrügst du; damals mit den Äpfeln, was war das doch
für eine Niedertracht, und später hast du mich beim Vater verleumdet, du
wirst's noch weit bringen, du wirst deinen Vater ins Grab bringen;« in
solchem Ton steigerte sich die Rede, und Engelharts Blut lief schwer und
brennend durch die Adern. Die endlosen Beleidigungen verursachten ihm
körperliche Übelkeit und Ermattung, er verlor den Schlaf und sann in
seinem schlechten Bett mit beklommenem Herzen vor sich hin. An einem
heißen Mittag im August kam er, nach mancherlei fruchtlosen Gängen aufs
tiefste entmutigt, aus der Stadt zurück und setzte sich in Erwartung des
Mittagbrotes an den schmalen Tisch in der Küche. Der Vater war in
Geschäften nach Landshut gefahren und sollte drei Tage fortbleiben.
Nachdem er eine Weile gesessen und in den düstern und schwülen Lichthof
gestarrt hatte, sagte Frau Ratgeber, heute habe sie nichts gekocht, und
damit warf sie ihm ein Stück Brot hin. »Wie? ist dir's vielleicht nicht
recht?« fuhr sie auf, als er die Lippen verzog. Sein Schweigen reizte
sie, wie jede Antwort sie gereizt hätte. »So ein Lump,« grollte sie vor
sich hin, »will nicht arbeiten, stiehlt dem Herrgott die Tage und seinem
Vater den letzten Groschen.« Engelhart stand auf und wiederholte mit
zitternden Lippen: »Lump?« Die Frau stellte sich ihm gegenüber, und ihre
glanzlosen Brombeeraugen drehten sich konvulsivisch: »Ja!« fauchte sie,
»Lump! Lump! Lump! Glaubst du, wir wissen nicht, was du für schlechte
Streiche in Freiburg gemacht hast? Steh nur da wie ein Herr, glaubst
du, man weiß nicht, daß du ins Zuchthaus gehörst?« Engelhart schrie auf;
der ganze Raum verschwand und nichts blieb übrig als ein großes blankes
Küchenmesser, das am Herdrande lag. Dorthin griff er, schwang die Klinge
in die Luft, schrie abermals, die Frau stürzte mit vors Gesicht
geschlagenen Händen zurück, er folgte ihr, aber dann kam die Hemmung,
jenes unbegreifliche Etwas, das den Menschen solcher Art zu keiner sich
selbst vollendenden Handlung gelangen läßt, das in die dunkelste Nacht
ihrer Leidenschaft wie ein Funke fällt oder wie eine unüberhörbare
Stimme tönt. Er verlor das Bewußtsein und fiel nieder. Als er erwachte,
wusch ihm Frau Ratgeber das Gesicht mit Essig. Sie weinte, war aufgelöst
in Tränen. Nach einigen Minuten hatte er sich so weit erholt, daß er
aufstehen und sich zum Fortgehen anschicken konnte. Die Frau erbot sich,
Kaffee zu bereiten, er schüttelte den Kopf und verließ die Wohnung.
In einer nahegelegenen Straße wanderte er von einem Eck zum andern bis
gegen Abend beständig hin und zurück. Dann war er einigermaßen
gesammelt, las die Vermietezettel vor den Haustoren, stieg in einem
weitläufigen Gebäude bis unter das Dach, mietete die ausgeschriebene
Mansarde und schickte sich gleich an, die Nacht hier zu verbringen. Am
andern Morgen überlegte er lange hin und her, wie er zu seinen
Habseligkeiten kommen könne; endlich entschloß er sich doch, selbst in
die väterliche Wohnung zu gehen. Glücklicherweise war Frau Ratgeber auf
dem Markt, und eine Zuspringerin, welche die Böden fegte, behütete das
Haus. Er packte eilig seine Sachen in den Koffer und stellte
Betrachtungen darüber an, was er von all dem verkaufen könne, um sich
ein wenig Geld zu verschaffen. Es war nichts, er besaß lauter ärmliches
Zeug, das ihm noch dazu unentbehrlich war. Da fiel sein Blick auf das
Bücherregal des Vaters; die Bände standen noch immer in derselben
Reihenfolge wie vor vielen Jahren, als ob keine Hand inzwischen sie
berührt hätte. Er suchte drei oder vier Bände heraus, von deren Erlös er
sich etwas versprechen konnte, schrieb einen Zettel an den Vater, worin
er die Tat bekannte, fügte seine Adresse bei und legte den Zettel an
eine Stelle, wo ihn der Vater, und nur er allein, finden mußte, nämlich
in die Schublade, wo sich das Rasiergeräte befand. Die Bücher verkaufte
er am selben Tag und erhielt zwei Mark dafür.
Das war an einem Donnerstag. Am Samstag in der Frühe erhielt er einen
Brief vom Vater. »Lieber Engelhart,« begann das Schreiben, »zwischen uns
ist von heute an jedes Band zerschnitten. Über den Vorfall mit der
Mutter will ich kein Wort verlieren, darüber zu sprechen, verbietet sich
von selbst. Gott verzeihe mir, daß ich Dich nicht zu einem besseren
Sohn und brauchbaren Menschen herangebildet habe. Außerdem hast Du, um
es ganz frei herauszusagen, ordinär gegen mich gehandelt, indem Du
hinter meinem Rücken die Bücher verkauft hast, für die Du doch nur ein
paar elende Pfennige erhalten konntest. Es fehlt mir mein französisches
Wörterbuch, dann das Werk 'Kraft und Stoff' und Freytags 'Verlorne
Handschrift'. Ich hatte diese Bücher lieb, sie waren mir wie Freunde,
sie haben mich über den größten Teil meines Lebensweges treulich
begleitet, und ich misse sie mit schwerem Herzen. Handelt man so gegen
den Vater, der es doch stets gut mit Dir gemeint hat? Das hätte ich nie
und nimmer von Dir gedacht, und zur Erklärung kann ich nur annehmen, daß
Dein sittliches Gefühl getrübt ist. Doch genug, ich habe mich über die
Geschichte so alteriert, daß ich es nicht in Worte bringen kann, und
deshalb lege ich auch die Angelegenheit #ad acta#.«
So weit der Brief. Aber es war auch eine kleine Nachschrift dabei, ein
unerwartetes und rührendes Anhängsel: »Hierbei schicke ich Dir, obwohl
ich es hart entbehre, fünf Mark in Briefmarken, damit Du nicht hungern
mußt.« Und wie ein bunt kariertes Fähnchen hingen die angeklebten Marken
vom Rand des Briefblattes herab. 'Er will sich einschmeicheln,' dachte
Engelhart, und sein Sinn blieb starr.
Von seiner Mansarde aus konnte er über die meisten Häuser der Umgebung
hinwegblicken, und bei Nacht hatte er ein großes Stück Sternenhimmel vor
sich, während aus den Höfen die beleuchteten Fenster heraufglühten und
mit dem Vorrücken der Stunden nach und nach erloschen. In den ersten
Tagen war der Morgen eine goldene Zeit, denn die Sonne schien
geradeswegs ins Fenster, keine unwirsche Hand drohte an die Tür zu
klopfen und zur Tätigkeit zu mahnen, und die Gewißheit, daß die bösen
Träume der Nacht etwas Bestandloses und Unwirkliches waren, genoß sich
wie eine herrliche Speise. Der jähe Frieden inmitten einer bewegten
Stadt hatte etwas seltsam Betäubendes. Zunächst galt es, das winzige
Kapital möglichst praktisch auszunutzen, es gleichsam dünn und breit zu
schlagen. Von der Vermieterin verschaffte er sich einen Kochtopf und
einen Spiritusapparat, dann kaufte er einen kleinen Sack Äpfel, ferner
einen Vorrat von Käse, Kaffee und Zucker. Die Äpfel schälte er und
kochte sie zu Mus, und das gab eine Mittagsmahlzeit, morgens und abends
nahm er den eigengebrauten Kaffee zu sich und hatte bald die Kunst
entdeckt, wie man ihn auf die einfachste Weise schwarz und stark werden
läßt. Aber die zwei Taler waren bald dahin, und die Vorräte im Schrank
dauerten auch nicht gar lange. Was war zu tun, um dem schmerzhaften
Hunger zu entgehen? Engelhart studierte die Stellenangebote in den
Zeitungen, und da er das teure Geld nicht für Briefmarken ausgeben
konnte, lief er selber überall hin und stand oft in der Frühe mit
hundert andern vor dem Ausgabeort der Zeitungen. Dann fing das
Marschieren an, straßauf, straßunter, immer mit einem Keimchen von
Hoffnung in der Brust; schüchtern trat man vor irgendeinen Herrn hin,
der in einem muffigen Schreibzimmer saß wie eine Spinne im Mauerwinkel,
aber jedesmal war schon ein andrer dagewesen, der es wahrscheinlich noch
billiger machte und auch einschmeichelndere Manieren gezeigt hatte. Mit
heiß und kaltem Körper schlich dann der Bittsteller demütig wieder
heimwärts und kaufte für das letzte Restchen Mammon ein paar Gramm
Tabak. Es war ein Glück, daß sich der Herbst mit schönem Wetter anließ,
da brauchte man wenigstens keinen Regenschirm, und die defekt gewordenen
Stiefel schluckten statt Wasser bloß Staub. Einmal nun hatte Engelhart
einen wunderbaren Einfall. In einer Stadt, sagte er sich, wo so viel
hunderttausend Menschen leben und unter ihnen so viel reiche Menschen,
zugereiste Fremde, ja sogar Fürstlichkeiten und der königliche Hof, in
einer solchen Stadt muß doch notwendigerweise auch einiges Geld auf der
Straße verloren werden; wenn also einer es unternimmt, zu suchen,
geschickt zu suchen, und besitzt Instinkt zu dergleichen, so kann es am
Erfolg nicht mangeln; angenommen, ich entdeckte auf solche Manier einen
Brillantschmuck im Werte von soundsoviel tausend Mark, so steht mir als
Finderlohn der zehnte Teil zu, und ich bin aus der Patsche. Die Logik
dieser Überlegungen entzückte ihn in so hohem Maß, daß er sich ungesäumt
ans Werk begab. Mit gesenktem Kopf und aufmerksam auf das Pflaster
gerichtetem Blick strich er langsam durch die Hauptstraßen und die
vornehmen Quartiere. Vor den Gasthöfen, wo die Fremden abstiegen, stand
er wie ein Wachtposten, blickte in kein Gesicht, sondern starr und
begehrlich zu Boden. Sah er von fern etwas schimmern, so eilte er mit
klopfender Brust darauf zu und erblaßte, wenn es nur ein Fetzen
Stanniolpapier oder ein Messingknopf war. Stundenlang ging er in der
Bahnhofshalle umher, dachte sehnsüchtig an das viele Geld, das dort an
den Schaltern ausgewechselt wurde, und wünschte sich nur ein Tröpfchen
von dem Überfluß. Er wurde zornig, wenn seine Gedanken abschweifen
wollten von der Erde, wenn sie in der Luft suchten, was doch zweifellos
unten im Schmutze lag, aber es half alles nichts, er fand nie auch bloß
eine Kupfermünze, viel weniger den besagten Brillantschmuck.
Es nahte die Zeit, wo die Miete fällig war, es mußte etwas geschehen,
auch der Magen ertrug es nicht länger. Die Frau, bei der er wohnte, war
eine gutmütige Person, sie drängte nicht und schien Mitleid zu haben,
obwohl er nie mit ihr über seine Lage sprach, sondern im Gegenteil
unbekümmert drauflos prahlte von steinreichen Verwandten, hochgestellten
Freunden und illustren Beziehungen jeder Art. Aber er war doch froh,
wenn die Alte am Abend eine Schüssel mit Salat, ein paar Kartoffeln oder
eine halbe Wurst auf seinen Tisch gebracht hatte, und kam zu dem
wehmütigen Schluß: ohne Menschen geht's eben nicht. Eines Tages fragte
er in einem Warenbazar um eine Stellung an, und sie nahmen ihn, ohne
viel nach seinen Kenntnissen zu fragen. Kenntnisse waren auch nicht
erforderlich, er mußte des Morgens die Fußböden ausspritzen und kehren
und den ganzen übrigen Tag, mit einer Schildmütze versehen, durch die
Stadt rennen und Lieferungszettel austragen. Dafür bekam er fünfzig
Pfennig jeden Abend. Vielleicht hätte er dies noch erduldet, aber mit
dem groben und perfiden Wesen, das da herrschte, konnte er sich nicht
befreunden, und er beschloß, lieber elend zugrunde zu gehen, als jeden
Stolz zu vergessen und der getretene Knecht von Knechten zu sein. Sieben
Tage hatte die Herrlichkeit gedauert, dann kroch er wieder in sein
einsames Loch. Darauf fand er Arbeit bei einem sonderbaren Mann, dem
Redakteur eines patriotischen Winkelblättchens. Der Mann hieß Saffran
und hatte eine bläuliche Nase. Er verfaßte Lobesartikel über den
Regenten und die Häupter des Adels. Engelhart mußte nach dem Diktat
stenographieren und zu Hause das Schriftstück ins reine bringen. Für die
Großquartseite war der Preis von zehn Pfennig vereinbart worden, und
Engelhart schrieb ganze Nächte hindurch, um eine lumpige Mark
herauszuschinden. Nun war es aber des Teufels mit Herrn Saffran; erstens
stellte er sich taub, wenn man Geld haben wollte, gebrauchte Ausflüchte,
tat, als habe er schon Vorschuß gegeben, oder rannte plötzlich davon mit
den Worten: »Ach Gott, ach Gott, Seine Königliche Hoheit haben mich ja
zur Audienz befohlen;« zweitens aber zählte er die Silben, untersuchte,
ob auf jeder Seite gleich viel Worte standen, und wenn die Sache nicht
in Ordnung war, schlug er die Hände zusammen und jammerte laut über die
Niedertracht der Welt. Er besaß den Orden für Wissenschaft und Kunst,
und als Engelhart einmal mit düsterer Entschlossenheit seinen Lohn
begehrte, nahm er das Ehrenzeichen und steckte es vor die Brust wie
einer, der einen Stern vom Himmel gepflückt hat und sich damit böse
Geister vom Leibe halten will, dann gab er noch allerlei sublime
Redensarten von sich, bevor er endlich den Geldbeutel öffnete.
Auch diese Erwerbsquelle versiegte mit der dritten Woche. Um das Unheil
voll zu machen, wurde die Mietsfrau sehr krank; sie wurde ins Spital
geschafft, und Engelhart mußte ein andres Asyl suchen. Er fand ein
Zimmer in der Heßgasse über eine Stiege, größer und freundlicher, aber
auch teurer als das bisherige. Es war ihm selbst unerklärlich, weshalb
er dies tat; aber er hatte das Gefühl, als müßten die Umstände sich
bessern, weil er ein besseres Bett gefunden. Die Not, die er litt,
machte ihn entschieden traurig und ratlos, aber es war, als könne sie
nicht ganz in die Tiefe seines Herzens dringen, wie auch der Sturm nicht
bis auf den Grund des Meeres dringen kann. Doch rückte ihm das Ungemach
bitter zuleibe. Alles, was er nur im geringsten entbehren konnte, trug
er zum Trödler, sogar den alten Reisekoffer, der ihn seit dem ersten
Verlassen der Heimat begleitet. Schließlich entäußerte er sich auch des
Ringleins, das er einst beim Abschied von Ernestine erhalten. In den
ersten Oktobertagen wurde es kalt. In seinem Tagebuch gab Engelhart der
Sehnsucht nach einem Ofenfeuer Ausdruck, indem er züngelnde Flammen um
ein nacktes Männchen zeichnete. Alles Papier und die alten Zeitungen,
deren er habhaft werden konnte, warf er ins Ofenloch und freute sich,
wenn es prasselte, an der bloßen Illusion von Wärme. Seine Einsamkeit
weckte seltsame Gelüste und Gewohnheiten in ihm. Etwa eine Viertelstunde
vom Haus entfernt lag ein Kirchhof. Dorthin war bald sein täglicher
Spaziergang gerichtet, und täglich stand er um dieselbe Nachmittagszeit
vor dem Fenster des Leichenhauses, um die drinnen aufgebahrten Toten zu
betrachten. Die Särge lagen offen nebeneinander, schräg gegen die Erde
gestellt, so daß es aussah, als ob sich die starren Körper, wenn nur
noch ein Fünkchen Wille in ihnen brannte, mühelos erheben könnten, oder
als ob sie auch von selbst diesen Ort aufsuchten und verließen, um über
Nacht wieder andern den Platz zu räumen. Engelhart war jedesmal
neugierig, welche Gesichter er heute sehen würde, und er studierte in
den des Lebens beraubten Zügen alle Offenbarungen des Leidens. Die
niedrigen Begierden hatte der Tod nicht auszulöschen vermocht, manche
faltenvolle Stirne war von Habsucht und Bosheit zerpflügt, mancher Mund
schien von Wut zusammengepreßt, daß er verstummen gemußt, ehe das Ziel
eines gemeinen Ehrgeizes erreicht war. Engelhart konnte sich oft kaum
trennen von dem Anblick der Leichengesichter, er erschien sich wie ein
Wächter, hingestellt auf die Brücke zwischen Lebenden und Toten, mit
heimlichem Triumph und befriedigter Rache Zeugnisse der Vergänglichkeit
sammelnd. War ein Antlitz unter den Toten, das in besonderer Weise auf
ein Leben der Tücke, Trägheit und Lüge hinwies, so forschte er nach dem
Namen und der Stunde der Beerdigung, folgte als letzter Gast dem
Leichenzug und lauschte mit wunderlich glänzenden Augen den
Lobpreisungen des Geistlichen und der Freunde. An den Fenstern des
Leichenhauses schärfte er seinen Blick für die Eigenschaften des
menschlichen Herzens, und es ging so weit, daß er auf den Gesichtern der
Lebenden, die an ihm vorüberwandelten, die Züge seiner Toten
wiederzuerkennen suchte und mit grausamer Lust alles erstickte, was von
Liebeswünschen in seiner Seele wohnte. Dies Treiben setzte er so lange
fort, bis er eines Tages ein junges Mädchen aufgebahrt sah, dessen
Anblick ihm Tränen in die Augen trieb. Es war ein herrlich schönes Kind
von gleichsam nur hingeträumter Gestalt, und die Wangen waren wie aus
Abendröte geformt; die Haare schienen noch lebendig und flossen
unruhevoll unter dem Myrtenkränzchen hervor. Engelhart blickte mit Liebe
auf das fremde Wesen, plötzlich erwachte eine stürmische Begierde nach
Musik und trieb ihn am Abend vor das Odeonsgebäude, aber sein Ohr fing
nur ein paar matt verschwebende Harmonien auf.
In den Nächten war es nun so, daß er vor Hunger nicht schlafen konnte
und in das Kissen biß; daß er aufstand und das Fenster öffnete, um den
Frost zu spüren, um durch die heftige neue Empfindung die alte
schleichende zu betäuben. Zwar dachte er jeden Morgen: 'Jetzt bist du
der Wandlung um einen Tag näher, schlimmer darf es nicht werden, und
zugrunde gehen wirst du nicht,' doch es war, als verdopple sich seine
Verlassenheit, und es kam vor, daß er, in seinem Zimmer sitzend, die
Türe nicht zuschloß, damit ein zufällig Vorbeigehender hereinschauen
konnte. Plötzlich setzte er sich hin und schrieb an Schildknecht nach
Zürich, zerriß den Brief, schrieb wieder, versteckte fast gauklerisch
seine Not hinter den Zeilen, und während die Feder über das Papier lief,
sammelte sich unter dem Gaumen Bitterkeit. Es war hauptsächlich von den
Tränen am See die Rede und von dem, was damit zusammenhing und was nun
ein melancholisches Bildchen wurde mit Blitzen, die über den Nachthimmel
zuckten und einer Walzermusik vom Hause her.
Den Brief warf er unfrankiert in den Kasten, und er wußte jetzt, daß er
seine einzige und letzte Hoffnung trug. Zwei Tage später kam
Schildknechts eilige Antwort und zugleich eine Summe von fünfundsechzig
Franken bar. Der gute Mensch hatte alles begriffen, und der Schreck war
ihm in die Glieder gefahren. Es war auch höchste Zeit; Engelhart lief
nach Brot, der Krämer borgte schon seit einer halben Woche nicht mehr.
Erst als er sich gesättigt hatte las er Schildknechts Brief -- ohne
eigentliche Dankgefühle, eher staunend, daß noch eine Hand in der Welt
sich für ihn regte. Schildknecht schrieb, daß er nun wieder eine
auskömmliche Stellung gefunden habe, auch in der Heimat stünden seine
Angelegenheiten gut, und er werde wohl demnächst heiraten. Den Vorwurf
bösen Trotzes könne er Engelhart nicht ersparen, denn daß er keinen
besseren Freund auf Erden habe als ihn, Justin Schildknecht, hätte er
wissen und nie vergessen dürfen, auch wenn er ihm in desperater Laune
einmal den Kopf gewaschen habe. Und was die Tränen am See anlange, so
hoffe er dafür noch etwas recht Großes für Engelhart zu tun, er möge
daher nicht danken für die erbärmlichen paar Goldstücke, sondern
seinerseits sich weiterhin als Gläubiger betrachten. »Ich habe kein
Talent zum Judas,« schloß der herzliche und ehrliche Brief, »und wenn
ich auch nicht leugne, daß einer, der den Gott in sich spürt, einmal
beim Satan gewesen sein muß, so möchte ich doch lieber selbst im
Fegefeuer braten, als nur ein einziges Scheit Holz für einen Freund dazu
herschleppen. Ihnen, lieber Ratgeber, wird sich eines Tages jählings
dieselbe Welt zu Diensten geben, die sich jetzt so grausam verschließt.
Dann werden Ihre jetzigen Leiden die bunten Gläser sein, durch welche
Sie zurückblicken auf die Zeit, in der Sie sich noch ganz und gar
besaßen, vielleicht sehnsüchtig werden Sie zurückblicken und werden ein
wenig Dämmerung begehren, wenn überall das grelle Licht Ihrem Inneren
nicht mehr mühelos zu träumen erlaubt. Sie werden gezwungen sein, aus
dem Blut Ihrer Wunden Bilder zu malen, die man auf den Markt schickt,
und das wird weh tun, und schließlich werden Sie das eigne Herz zu einem
Marktplatz machen, wo Freundschaft und Liebe feilgeboten wird, und auch
das wird weh tun, nicht Ihnen, sondern uns, mir, dem Freund.«
Engelhart ließ einige Tage verstreichen, in denen er angelegentlich über
Schildknechts Worte nachdachte. Dann antwortete er folgendes: »Im
Augenblick der größten Bedrängnis haben Sie ihre Hand nach mir
ausgestreckt, lieber Freund, ich konnte Ihre Hand ergreifen und war
gerettet. Die Tat soll Ihnen unvergessen bleiben, denn sie ist die
Brücke, die mich wieder zu den Menschen führt. Wahrhaftig, ich habe
schon verlernt, wie man mit Menschen spricht und wie man ihnen in die
Augen sehen soll. Sie geben mir Hoffnung, daß alles, was ich jetzt
erlebe, einst eine köstliche Speise für meine Erinnerung sein und daß
dieses nun so Bittere dann süß schmecken wird. Aber was hilft es dem zum
Krüppel geschlagenen Soldaten, wenn ihm später die Aufregungen der
Schlacht herrlich dünken? Und daß ich zum Krüppel gemacht werde, zum
Krüppel an Herz und Seele, das fürchte ich. Wir wollen uns doch nicht
mit Redensarten trösten und jede Not zur Notwendigkeit stempeln. Einer
Bestimmung zu leben ist ja schön, aber wo ist meine Bestimmung? Ich sehe
sie nicht, ich fühle sie nicht. Jeder Straßenkehrer scheint mir mehr
Bestimmung in sich zu tragen als ich, der ich ein von allen andern
gemiedenes und wahrscheinlich mit Recht gemiedenes Zufallsgeschöpf bin.
Was mich oft in seltenen Stunden beseligt, scheint mir widersinnig und
haltlos, als ob man Nebeldunst an eine Spindel heften wollte, um Faden
daraus zu drehen. Es ist ein treuloses Spuk- und Phantasietreiben, mit
dem man sich selber um den besten Teil der Menschlichkeit betrügt. Doch
ich kann nicht anders! Jetzt bin ich schon so weit verschlagen, daß ich
nicht mehr weiß, wo es nach vorwärts und wo es nach rückwärts geht. Es
ist ja auch gleich, denn die Welt ist rund. Wie dem aber sei, Sie haben
redlich an mir gehandelt, teurer Schildknecht, als ein wirklicher
Schildknecht haben Sie sich gezeigt, und von den bewußten Tränen am See
soll nun nicht mehr die Rede sein. Ich war zu angespannt damals und zu
sehr auf Ihr Wohlwollen angewiesen, ich hatte die übertriebensten und
ungesundesten Vorstellungen von Freundschaft. Das ist nun vorüber. Was
soll es auch heißen, sich an einen einzelnen zu binden, den man doch
verlieren muß? Freundeswege müssen sich immer dort trennen, wo Herz dem
Herzen gar zu nahe kommt, vielleicht Menschenwege überhaupt.
Gleichgesinnte Geister finden sich doch immer wieder und werden aus
eigenstem Interesse gegeneinander und gegen die Welt wirken, das übrige
scheint mir auf schwächliche Empfindsamkeit hinauszulaufen. Man kann ja
nicht einander um den Hals fallen, und so wird der Freund allmählich zur
Surrogatfigur und muß enttäuschen, weil er ein Geschöpf der Sehnsucht
aus ganz andern Bezirken ist. Nicht so ist es mit den Frauen, aber
darüber habe ich nie mit Ihnen zu sprechen gewagt und will es auch jetzt
nicht. Immerhin sollen Sie wissen, daß sich oft mein Inneres in einer
ungeheuren Erwartung preßt und weitet und daß es Stunden gibt, wo ich
wie in einem feurigen Fieber meine ganze bisherige Existenz als ein
dunkles Hinströmen gegen eine noch unsichtbare Gestalt empfinde, die zu
mir gehört wie der Morgen zur Dämmerung. Das mag eine ebensolche
Illusion sein wie die von der Freundschaft, und sicher wird man eines
Tages auch aus diesem Lügengarn sich wickeln, um eben kurzweg und
einfach seinen Mann zu stellen, aber eine gewisse Summe von Leben und
Erleben, von Umfassen und Sichlösen ist wohl nötig, damit man zu sich
selber erwachen kann. Mit meinem Vater bin ich nun vollends auseinander,
und ich bin froh, daß dies beschwerende Verhältnis aus meinem Dasein
hinausoperiert ist. Ich bin sein Fleisch und Blut, aber nicht sein
Geist und Herz, und das hab' ich stets sehr zu büßen gehabt. Nun leben
Sie wohl, Freund, und bleiben Sie mir gut.«
In dieser Zeit begann Engelhart sehr unter nächtlichem Traumwesen zu
leiden. Zumeist träumte er Landschaften, doch in so unheimlicher
Beleuchtung und Farbe, daß ihm angst und bang dabei ward. Oder er
träumte, daß er sich in einer großen Gesellschaft von Leuten befand, die
er gut kannte, von denen ihn aber keiner beachtete; sie mieden ihn, und
wenn er dicht vor jemand hintrat, so schlug dieser die Augen nieder.
Schmerzlich schloß er die Demütigungen in sich ein, nahm sich aber vor,
bei Tisch eine Rede zu halten und, in das Gewand einer Parabel
gekleidet, den Leuten ihre Niedertracht zu bedenken zu geben. Während er
noch an den Worten herumzupfte, die er wählen wollte, erhob sich ein
andrer und sprach solch sinnlos-witzelndes Zeug, daß alle lachten und
zugleich schadenfroh auf Engelhart starrten. Oder er träumte, sein
Zimmer befinde sich über dem Hof eines gewaltigen Hammerwerks. Er sieht,
hört, spürt den Hammer, während er schläft. Plötzlich erschallen
furchtbare Rufe: 'Zu Hilfe! zu Hilfe!' Man trägt ein Mädchen mit
zerschmetterten Gliedern herein. Eine seltsame Leidenschaft zu der Toten
durchdringt ihn bis zu den Fingerspitzen. Auf einmal wird sie lebendig,
zu gleicher Zeit wird aus dem Zimmer ein riesengroßer Saal. Er will mit
dem Mädchen, das sehnsüchtig begehrend nach ihm blickt, allein sein und
die Türen schließen. Aber während er eine Türe zumacht, springen immer
fünf, sechs andre auf, und fremde Leute huschen schattenhaft vorüber.
Sein Zorn, sein Gram, seine Ungeduld werden ins unerträgliche
gesteigert, schließlich will er jenes Frauenzimmer liebkosen, da
verschwindet sie hämisch lächelnd durch ein Loch in der Mauer.
Seine Tage, in halber Untätigkeit verbracht, füllten ihn mit der
unbestimmten und brennenden Empfindung einer Schuld. Die andauernde
Absonderung von den Menschen gewährte keinerlei Befriedigung, sie gab
nur Unruhe und einen dünkelhaften Schmerz. Die Träume des Schlafs
wucherten gleichsam nach außen, und er sah Erscheinungen am hellichten
Tage, hörte Stimmen, die ihn ermunterten, und hatte Augenblicke einer
sonderbaren tiefen Verlorenheit, wo Angst und Freude beinahe
gleichzeitig sein Herz zusammendrückten. Er fand ein Vergnügen daran,
vor dem Spiegel sein eignes Gesicht so lange zu betrachten, bis er in
eine Art von Verliebtheit geriet. Wie ein aus dem Erdreich gerissener
Baum samt Wurzeln und Blattwerk schwamm er auf einer trüben Flut ins
Ungewisse hinaus, und an den Ufern standen viele Zuschauer feindselig
schweigend. Häufiger als jemals, auch in dem Traumtreiben, tauchte die
Gestalt des Vaters auf, niemals wohlwollend, sondern ärgerlich,
mürrisch, schimpfend, unzufrieden und hart; Engelhart aber nahm eine
vorwurfsvolle, ja fast frohlockende Haltung an, als wolle er sagen: So
weit hast du es kommen lassen. Ferner sah er den Vater, wie er gierig
beim Mittagessen die Suppe hinablöffelte, und das erweckte seinen
Widerwillen, oder wie er vor sich hinschmunzelte, wenn ihm endlich
einmal ein Geschäft geglückt war. Engelhart erinnerte sich, wie der
Vater einst mit nervös zuckendem Gesicht von dem Verlust einiger
Groschen gesprochen hatte; irgendeine Spesenrechnung war von der
Direktion nicht anerkannt worden, und Engelhart sah, wie der Vater
dastand, den Hut etwas schief auf dem Kopf und den einen Arm auf den
Regenschirm gestützt, und während er beleidigt und empört den Hergang
erzählte, rieb er den Zeigefinger unablässig und mit krankhafter
Schnelligkeit an dem silbernen Ring des Schirmstocks. Dies hatte
Engelhart damals unangenehm und peinlich berührt, es war ihm niedrig
erschienen, sich einiger Pfennige wegen so zu erhitzen, auch jetzt
dachte er ohne Wohlwollen daran, dennoch lag in dem Vorgang etwas
Schweres und Bedeutungsvolles, ja Rätselhaftes.
Eines Abends verließ der Einsame, Ruhelose kurz vor Mitternacht seine
Behausung, in welcher ihn mit der vorrückenden Stunde eine immer größere
Bangigkeit gequält hatte. Nach mancherlei Herumirren geriet er in ein
verödetes Café, und während er mit dem Eifer, den Leerheit und
Rastlosigkeit erzeugen, die Zeitungen las, setzte sich ein Mann an
denselben Tisch, wo er saß, trotzdem die meisten Tische rings frei
waren. Der Mann hatte ein ziemlich gewöhnliches Gesicht; er hatte einen
rötlich braunen Vollbart und trug eine goldene Brille. In seiner Scheu
vor Menschen vermied es Engelhart, sein Gegenüber anzuschauen, plötzlich
spürte er jedoch, daß der andre mit unverschämter Beharrlichkeit seine
Blicke auf ihn gerichtet hielt. Dies wurde lästig, er stand auf, holte
eine andre Zeitung und setzte sich an einen andern Tisch. Es dauerte
nicht lange, so stand der Fremde gleichfalls auf und setzte sich
Engelhart neuerdings gegenüber. Dieser hob erblassend den Kopf und
erschrak vor dem verschwommenen, flüchtigen und zugleich klammernden
Blick des Mannes. Der Unbekannte hatte den Hut aufbehalten, und er
löffelte mit tückischem Lächeln in einem Wasserglas, in das er Zucker
geworfen hatte. Es ist ein Detektiv, ein Spion, fuhr es Engelhart durch
den Sinn; es war ihm nicht anders, als habe er ein großes Verbrechen
begangen und man sei ihm auf der Spur. Er fühlte sein Blut eiskalt
werden und überlegte, wie er sich aus der entsetzlichen Lage befreien
könne; das Beste schien, mit dem unheimlichen Menschen, ohne
Befangenheit zu zeigen, anzuknüpfen, er äußerte also irgendeine
Redensart über das Wetter. Der Mann antwortete nicht, sondern zog statt
dessen ein kleines Notizbuch aus der Tasche und blätterte darin, wobei
ein kaltes spitzes Lächeln seinen Mund bewegte. Tief erregt im Innern,
doch in sein Gesicht einen heuchlerisch-interessierten Ausdruck
zwingend, beobachtete Engelhart dies und ließ keine Bewegung des
Menschen außer acht, als müsse er einem Überfall zuvorkommen. Um seinen
Aufbruch vorzubereiten und den andern über den Grund zu täuschen,
stellte er sich müde und verschlafen und guckte gähnend nach der
Wanduhr, aber das Antlitz seines Gegenübers wurde immer feierlicher und
haßerfüllter, plötzlich warf Engelhart seine Zeche auf den Tisch, packte
seinen Mantel und verließ beinahe laufend den Raum. Ohne den Mantel
zuzuknöpfen, rannte er auf der dunkeln Hälfte der mondbeschienenen
Straße hin. Da hörte er Schritte hinter sich, er duckte den Kopf und
verdoppelte seine Eile. Um den Verfolger irrezuführen, schlug er eine
falsche Richtung ein und beschrieb einen ungeheuren Kreis, bevor er es
wagte, dem Haus, in welchem er wohnte, zu nahen. Schweißnaß und atemlos
kam er heim, und erst als der Morgen graute, verlöschte er die Lampe und
schlief ein. Diesmal hatte er keinen Traum von bestimmtem Umriß; es
sickerte nur durch seinen Schlaf das Bewußtsein von der Lächerlichkeit
seines Tuns und der Unmännlichkeit seiner Haltung. Dann wuchs eine graue
Wand aus einem Abgrund empor, und es rief eine Stimme:
»Und an die Wand, und an die Wand
Da malt des Schicksals Schattenhand
Die Zeichen des Verderbens hin.«
Darauf erblickte er sich selbst, über einen Brief gebeugt, der an
Michael Herz gerichtet war, und er sah die Worte: »Ich bin kein
Kaufmann, ich bin Bergmann, ich bin Arzt,« und diese Begriffe: Bergmann,
Arzt schienen ihm bedeutend und beweiskräftig. Mit brennendem Durst
erwachte er jählings und richtete sich auf. Trotzdem es Tag war, war das
Zimmer düster vom Nebel, der draußen lag. Das Verlangen nach Licht
mischte sich in seinem Gehirn seltsam mit der Begierde nach Wasser; er
nahm Sturz und Zylinder von der Lampe, schraubte die Krone ab, ergriff
nun aber das ölgefüllte Gefäß und setzte es an die Lippen, um zu
trinken. Der Petroleumgeruch brachte ihn zur Besinnung, er schlug die
Hände zusammen, warf sich wieder aufs Bett und fing an zu weinen.
So war es nun mit seinem Leben beschaffen.
Da geschah es um die Dämmerungsstunde dieses Tages, daß ihn ein Ungefähr
in die Nähe der väterlichen Wohnung brachte. Eine Weile schlich er
scheu und verdrossen vor dem Tor im nassen Nebel herum, endlich nahm er
sich zusammen und stieg die Treppen empor. Er glaubte seinen Vater zu
riechen, jene merkwürdige Mischung von Zigarren- und Schreibstubengeruch,
die ihm seit der Kindheit vertraut war. Weil auf sein wiederholtes
Läuten niemand erschien, ging er erleichtert wieder davon und glaubte
eine Pflicht erfüllt zu haben. Doch am folgenden Tag trieb es ihn
abermals hin. Diesmal war Frau Ratgeber zu Hause; sie empfing ihn nicht
freundlich, nicht unfreundlich, lud ihn ins Wohnzimmer und erzählte ihm,
daß der Vater sich auf einem Erholungsurlaub im Gebirge befinde; der
Arzt habe ihn hingeschickt, denn er leide an einer frühzeitigen
Verkalkung der Gefäße. Frau Ratgeber war redseliger als sonst, offenbar
suchte sie sich über ihre Besorgnis hinwegzuplaudern. Sie setzte ihrem
Gast sogar ein Gläschen Likör vor und nahm das Glas von dem feinen
Service, das seit Jahrzehnten unberührt im Schranke stand. Engelhart,
ziemlich betroffen über die Ehre, die ihm widerfuhr, fragte, wie lange
der Vater schon abwesend sei. Nicht länger als eine Woche, war die
Antwort, aber er befinde sich so wohl dort, daß er ganz überschwengliche
Briefe schreibe. 'Das hat er immer gekonnt,' dachte Engelhart, und sein
Gesicht verdüsterte sich, 'überschwengliche Briefe, das war seine
Stärke.'
Er kam öfter. Das Eigentümliche war nun, daß ihm die Frau nach dem Mund
redete, und da er den Zweck, den sie verfolgte, nicht sehen konnte,
wurde ihm bisweilen unheimlich. Sie beklagte ihr Leben und das des
Vaters, aber sie stellte sich dabei doch ins Licht und den Mann in den
Schatten: er habe sich nie etwas versagt, er sei doch immer mit allem
fertig geworden, er selbst war doch immer die Hauptperson. »Ich, ich,
das ist das Ratgebersche Wort,« zischte sie mit schlecht verborgenem
Haß. Engelhart graute es bei dem Gedanken, daß der Vater in einer
solchen Luft von Lieblosigkeit atmete, doch dachte er: 'Sie muß ihn am
besten kennen, da sie dreizehn Jahre mit ihm gelebt.' Eines Tages
erschien während seiner Anwesenheit ein Fremder, ein netter junger Mann,
der in dem Alpenkurort mit Herrn Ratgeber beisammen gewesen war und
einige Aufträge von ihm überbrachte -- aus bloßer Sympathie und
Gefälligkeit. Dünkte es Engelhart schon verwunderlich, daß irgendein
Mensch in selbstloser Zuneigung etwas für seinen Vater unternahm, für
diesen Mann der Geldsucht und der scheuen Abkehr von allen freien
menschlichen Beziehungen, so erstaunte er noch weit mehr über die
Erzählungen des Besuchers. Mit liebenswürdigem Pathos berichtete der
junge Mann, daß Herr Ratgeber ganz benommen sei von der Schönheit der
Landschaft und daß er mit einem Gesicht durch die Wälder streife, als
hätte er Bäume nie zuvor erblickt; daß er stillvergnügt an seinem
Plätzchen sitze, wenn die Kurkapelle ihre Stücke aufspiele, und daß er
sogar eines Abends im Hotel eine ältere Dame zum Tanz aufgefordert habe.
Alles erscheine ihm schön, mit allem sei er zufrieden und über alles
Ungewohnte sei er erstaunt wie ein Kind.
Frau Ratgeber hörte mit sauersüßem Lächeln zu und sagte: »Ich glaube,
ich glaube, so eine Erholung täte mir auch gut.« Kaum war der Fremde
fort, so kam ein Brief vom Vater, in dem er seine morgige Ankunft
meldete; die Direktion habe die Verlängerung des Urlaubs nicht
gestattet, außerdem sei ihm nicht ganz wohl und er fürchte den Gedanken,
sich vielleicht fern vom Hause krank hinlegen zu müssen. Dann kam ein
wehmütig-zurückschauendes Lob der Gegend, der Ruhe, der Sonne.
Den nächsten und den übernächsten Tag ging Engelhart wieder seine
einsamen Wege; war es Trotz oder Scham oder Stolz, er brachte es nicht
zu dem Entschluß, sich dem Vater zu zeigen. Am Morgen des dritten Tages,
während er noch im Bette lag, ward an seine Tür gepocht, er schlüpfte
rasch in die Kleider, öffnete, das verzerrte Gesicht eines Weibes
streckte sich ihm entgegen, kreischte: »Ihr Vater! Ihr Vater!« und
verschwand wieder. Eine Viertelstunde später war er dort im Haus,
schritt mit bleiernen Füßen durch den Korridor und die Küche in das
erste Zimmer, wo, aschfahl anzusehen, Frau Ratgeber stand und mit
starrer Bewegung auf das Bett wies. Engelhart erblickte ein großes
blutbeflecktes Leintuch, welches eine menschliche Gestalt bedeckte. Er
hob das Tuch an einem Ende auf und zog es weg, und es lag ein
aufgeschwemmter Körper da, ein Mann mit nahezu unkenntlichem Gesicht,
den Mund, der nie hatte sprechen können, verdeckt unter eisgrauem
Schnurrbart und unabgewischtem Todesschaum, die Stirn gleichsam
zerschmettert, die Fäuste geballt, die Füße krampfhaft an das untere
Brett der Lagerstatt gedrängt -- nie vergaß Engelhart dies furchtbare
Bild einer letzten Energie, eines letzten verzweifelten
Schrittfassenwollens.
Während Engelhart dastand und sich wunderte, während ihm graute und
während er im Innern weinte, ohne sich zu verhehlen, daß sein Anrecht
auf edle Tränen noch verwirkt war, sah er plötzlich den Vater in der
stillen Alpenlandschaft wandeln, so wie es jener zugereiste Mensch
geschildert hatte. Er sah ihn mit all seinen Gebärden, etwas bedrückt
von ungewohntem Alleinsein, doch befremdet und feierlich gestimmt durch
den Anblick der Natur und durch das Gefühl der ruhenden Stunden. War es
denn nicht seine erste Rast im Leben? War ihm denn nicht jeder grünende
Zweig etwas Niegesehenes? Mußte er nicht mit dem Erstaunen eines Kindes
Zeuge sein von dem Verschwinden der Sonne hinter Schneegipfeln und dem
Aufbrennen der Sterne? Sicherlich hatte sich der Vater bei alledem ein
bißchen geschämt und hatte seine Freude für sich behalten aus lauter
Angst, daß man Zweifel in seine Bildung setzen möchte. Engelhart begriff
dies auf einmal mit einer unerwarteten Schärfe. Immer wieder sah er die
untersetzte, tripplig gehende Gestalt über eine Wiese schreiten und mit
eigentümlicher Verlegenheit und wachsam verschlossenem Staunen vor sich
hin blicken. Dadurch wurde seine Rührung erweckt und seine Tränen
konnten fließen. Er erinnerte sich nach und nach an zahlreiche
sympathische Züge im Wesen des Vaters, an Dinge, denen er nie zuvor
Bedeutung zugemessen hatte, die sich aber jetzt zum eindringlichen Bilde
formten und die Ursache waren, daß der Schmerz wie in sichtbaren Flammen
um ihn schlug. Er erinnerte sich zum Beispiel, daß er vor Jahren in
Würzburg mit dem Vater spazieren gegangen war, daß sie von der Höhe
eines Hügels aus den Tönen eines Posthorns gelauscht hatten und daß des
Vaters Gesicht plötzlich einen unendlich traurigen Ausdruck gezeigt
hatte und daß er rasch die Augen niederschlug, als Engelhart ihn
anschaute. Ferner erinnerte er sich, daß der Vater einst zu einem
Geschäftsfreund gekommen und daß er vor Entzücken sich kaum fassen
konnte, als ein kleiner Hund ihn wiedererkannte und freudig bellend an
ihm emporsprang.
Aber all dies war nur eine harmlose Kleinmalerei seiner wachsenden Reue
und Schuld. Ein paar Tage später schrieb er an Justin Schildknecht die
Nachricht von seines Vaters Tod. »Es kam zu früh,« schrieb er, »nicht
allein für ihn, den Frühgealterten, der ein abgehetztes, kleines,
elendes, finsteres und unverstandenes Dasein wie durch eignen Entschluß
endete, sondern auch zu früh für mich. Ich hatte mich stets höhnisch
gewehrt gegen seine Forderung der Dankbarkeit, aber ach, er wollte ja
nur in kleiner Münze bezahlt haben, nur almosengleich zurückbekommen,
was er mir, ein unermeßliches Kapital, das Leben selbst, geschenkt. Und
er meinte ja gar nicht Dankbarkeit, er meinte Liebe. Wenn er
'Dankbarkeit' sagte, so meinte er damit seinen Stolz und seine Scham zu
schonen, denn er wollte natürlich lieber Gläubiger als Bettler sein.
Freund, ich finde mich in unerhörtem Maße schuldig; ich finde mich so
vieler Versäumnisse schuldig, als es Stunden, ja als es Gedanken der
Vergangenheit gibt, und wenn viele den Tod als Gleichmacher und
Stummacher preisen, so finde ich, er ist ein furchtbarer Unterscheider
und gewaltiger Rechner. Trägheit ist meine Schuld, Trägheit hat meine
Brust vernietet, und diese aufs Enge und Niedrige gestellte Existenz
meines Vaters erscheint mir jetzt inniger an die göttlichen Mächte
gekettet als die meine, die anmaßend zu einer eiteln Verkündigung
strebt. Wer in der Tiefe seine Unschuld wahrt, ist der nicht größer zu
achten als der, der sie in den Höhen verliert? Und das ist es, er hatte
Unschuld, alles Üble an ihm, sein kleinmütiges Streben, seine
Pfennigangst, sein armer Geiz und Ehrgeiz, es waren nur die Zeichen und
Merkmale seiner Unschuld, und ich, wie ich bin und stehe, ich bin der
Verräter an dieser Unschuld. Wozu denn alle Hoheit der Empfindung, alle
Gaben des Gesichts, da die dunkle Kreatur, aus der ich Wurzel
geschlagen, unerkannt neben mir verschmachten mußte? Sühnen will ich,
und Gott gebe mir Entsühnungskraft und lasse mich den Weg zu den
Menschen finden, den ich schon verloren habe. Vielleicht ist dies meine
Bestimmung, den gemordeten Seelen Liebe zu weihen und aus ihnen etwas
wie Astralkörperchen zu formen, welche man in jener frostigen Halle
aufstellt, in der die Menschheit ihren vielfältigen Geschäftigkeiten
frönt. Ich will mich unter sie schleichen und still meine Arbeit
suchen.«
Als er diesen Brief geschrieben, verließ Engelhart die Stadt und
wanderte weit in die südlich gelegenen Wälder und Hügel. Er dachte
während dieses Marsches viel an seine Kindheit und Jugend, und ein
seltsamer Reigen bunter Figuren erhob sich, flatterte tänzerisch leicht
an seinem inneren Auge vorbei, und er spürte bei ihrem Anblick etwas wie
bittersüße Reife. Schließlich setzte er sich ans Flußufer und malte mit
dem Stock einige Zeilen in den feuchten Sand:
»Es ist noch dieselbe Sonne,
Die derselben Erde lacht;
Aus demselben Schleim und Blute
Sind Gott, Mann und Kind gemacht.
Nichts geblieben, nichts geschwunden,
Alles jung und alles alt,
Tod und Leben sind verbunden,
Zum Symbol wird die Gestalt.«
Bewegten Herzens machte er sich auf den Heimweg, und je mehr er sich
wieder der Stadt näherte, je trüber umschleierte sich sein Auge, als
ahne er das not- und mühevolle Dasein, dem er zuschritt und das ihm ein
nicht weniger strenges Antlitz zeigte, seit er den Preis kannte, um den
es seine höchsten Kränze bot. Noch einmal hielt er inne und schaute
zurück: der Strom krümmte sich in goldener Flut aus dem Hügelgelände
hervor, ein paar schwarze Vögel geleiteten ihn, langsam fliegend, und
Mond und Sonne standen zu gleicher Zeit am Himmel.
[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1907 erschienenen Erstausgabe erstellt. Diese erschien in
»Deutsche Romanbibliothek«, fünfunddreißigster Jahrgang 1907, Hefte
9-18. Die Umlaute Ae, Oe und Ue wurden durch Ä, Ö, Ü ersetzt. Die
nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 177: [Doppelpunkt ergänzt] fragte ängstlich: »Ist es wahr
S. 177: [Komma ergänzt] Schritte machte, mußte
S. 180: [Komma ergänzt] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat
S. 189: [Punkt gelöscht] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte
S. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
S. 193: [Komma ergänzt] die haßartige Lieblosigkeit, die
S. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
S. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner
S. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer
S. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte
S. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
S. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
S. 323: [vereinheitlicht] Aegidienplatz -> Egydienplatz
S. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
S. 325: [vereinheitlicht] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
S. 367: [fehlende Letter] ein Mann mi nahezu -> mit
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaßen ersetzt:
Sperrung: _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]
[Transcriber's Notes: This ebook has been transcribed from the first
publication of the novel in "Deutsche Romanbibliothek", 35th volume
1907, issues 9-18. The Umlauts Ae, Oe and Ue have been replaced by Ä, Ö,
Ü. The table below lists all corrections applied to the original text.
p. 177: [added colon] fragte ängstlich: »Ist es wahr
p. 177: [added comma] Schritte machte, mußte
p. 180: [added comma] kühl um die Brust, unsicheren Fußes betrat
p. 189: [deleted period] über einem langhinlaufenden Weg. strahlte
p. 190: bereis angegrauten Locken -> bereits
p. 193: [added comma] die haßartige Lieblosigkeit, die
p. 209: das Lebendig-seiende -> Lebendig-Seiende
p. 211: erschien sich besudelt und unwert einer Träume -> seiner
p. 213: Wiederholung mechanischen Geschäftigkeiten -> mechanischer
p. 263: »Ich denke gar nichts,« erwidert er -> erwiderte
p. 282: auf das Mitagessen -> Mittagessen
p. 286: ein Schreibernatur durch und durch -> eine
p. 323: [normalized] Aegidienplatz -> Egydienplatz
p. 324: den vornehmen Herrn zu pielen -> spielen
p. 325: [normalized] seine schlecht sitzende Kravatte -> Krawatte
p. 367: [normalized] ein Mann mi nahezu -> mit
The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua: #text in Antiqua font# ]