Zehntes Kapitel

Kurz vor Weihnachten mußte Engelhart vor der alten Kaserne am Mainufer

das erstemal Wache stehen. Es war eigen, in der tiefen Finsternis

zwischen zwei festen Grenzpunkten stundenlang auf und ab zu wandeln. Das

Verrinnen der Zeit glich dem Abtropfen der Flüssigkeit aus einem Gefäße.

Von sieben Uhren der Stadt hörte er die Viertelstundenschläge. Auf dem

Strom bis gegen die Steinbrücke hin waren Holzkähne verankert und das

Wasser schlickerte unter ihnen. Oben auf der Festung brannte ein rotes

Signallicht. Das Gewehr lag Engelhart wie ein Baum auf der Schulter, und

die fallenden Schneeflocken erzählten vom Schlaf, sie waren wie

sichtbarer Schlaf, sie machten die Glieder trunken von Schlaf.

Mit dem Frühjahr begannen auf dem Galgenberg die Kompagnie- und

Bataillonsübungen. Da zuckte jedes Glied des Truppenkörpers von

Verantwortlichkeitsangst, jeder Soldat zitterte vor seinem Korporal, der

Leutnant vor dem Hauptmann, der Hauptmann vor dem Major, der Major vor

dem Oberst, der Oberst vor dem General. Ein schlechtgeputzter Knopf, ein

schiefhängendes Seitengewehr raubte ganzen Kategorien von Vorgesetzten

die Besinnung, hundert Leute mußten das kleinste Versehen eines

einzelnen büßen, ein Strauchelnder entfesselte die Wut des ganzen

Haufens, und dies gegenseitige viehische Entsetzen war es, was man

Disziplin nannte. Was bedeutete daneben der eingebildete »Feind«? Der

Feind steht da und dort, hieß es, gegen den Feind mußte vorgegangen, auf

den Feind gefeuert werden, alle sprachen von ihm mit Respekt und wie von

etwas Furchtbarem, er war Anfang und Antrieb zu dem waffenstarrenden

Spiel, Gründer und Erhalter des Systems, der unbewegliche Götze, dessen

Name jeden Schrecken heiligte, und doch, er war nirgends zu sehen, er

war Luft, ein Wort, ein Nichts.

Im Innern stak der Feind, aber das wußten sie nicht.

Mit dem Vorschreiten der Jahreszeit nahmen die Anstrengungen des

Dienstes zu. Zwölf- bis vierzehnhundert lautlose Sklaven, schwer

bepackt, noch müde vom vergangenen Tag, noch schlaff von unvollendeter

Ruhe, marschierten täglich durch das noch schlummernde Land.

Der kraftvolle Gleichschritt der Kolonnen gibt der Bewegung den düstern

Rhythmus, verleiht ihr etwas von dem Erstaunlichen einer ungeheuern

Maschine, ihr tiefes Schweigen rührt ans Herz. Die Sonne kommt, die

graublaue Frühluft erglüht. Engelhart liebt den Morgen, es ist die

einzige Stunde, wo seine Hoffnungen wieder frisch werden. Es geht über

die Brücke, an den sanften Biegungen der Weinberge entlang, hügelauf,

hügelab, die Straße schlägt sich durch den Wald. Hier allein sein

dürfen, denkt Engelhart, nur eine Stunde auf dem Moos liegen dürfen.

Eine uralte verwitterte Eiche steht inmitten einer grünen Lichtung; es

ist etwas fürstlich Einsames um sie, erst in weitem Abstand wagen andre

Bäume zu wachsen. Engelhart gräbt ihr Bild in sein Gedächtnis, hier will

er weilen, wenn er frei sein wird.

Der Tag wird heiß, schwer lastet der Tornister auf den Schultern, der

Kasten des Gewehrs schneidet ins Fleisch, der Helmrand beginnt auf Stirn

und Augen unheimlich zu drücken. Es ist ein Spaßmacher in Engelharts

Abteilung, der immerfort Geschichten erzählt und der die Mannschaft oft

ihrer Mühsal vergessen läßt; er ist deshalb wohlgelitten bei den

Offizieren und erlaubt sich Freiheiten, die den andern ein lügnerisches

Gefühl von Freiheit geben.

Endlich naht der Feind. Das Verfolgungs- und Versteckenspiel beginnt.

Ein Bataillon stürmt zum Angriff vor und stößt ein Geschrei aus, wodurch

es seine Bereitwilligkeit zu sterben kundgibt. Dies Hurraschreien klingt

durchaus nicht begeistert, sondern qual- und hohnvoll. Die Säumigen

werden von zähneknirschenden Unteroffizieren zu größerer Eile

angetrieben. Eine Kompagnie verirrt sich, der Regimentsadjutant rast auf

schäumendem Gaul zu dem unseligen Hauptmann, der sich die Haare rauft.

Die Trompeter blasen Halt; kurze Rast; Heimkehr.

Der Anblick der endlosen Landstraße flößt Grauen ein. Die Soldaten

können nicht mehr vorwärts blicken, jeder stiert auf die Stiefel des

Vordermanns. Wer aus dem Schritt gerät, wird mit Lästerungen überhäuft.

Der heiße, weiße, blendende Staub umhüllt den Zug wie Nebel; Wimpern,

Lippen und Zähne sind voll Staub. Widerliche Gerüche steigen auf.

Engelhart, müde und durstgepeinigt, richtet die Gedanken mit schlaffer

Beharrlichkeit auf das Mittagessen. Manchmal empfindet er den trotzigen

Antrieb, stehen zu bleiben, es reizt ihn, die Grausamkeit der

Nachfolgenden herauszufordern. Die Gespräche der Leute verstummen,

schweißtriefend, mit wunden Füßen und wunden Schenkeln schwanken viele

daher, Zerrbilder des lebendigen Menschen. Es wird befohlen zu singen,

niemand rührt sich, der Befehl wird wiederholt, da erhebt sich zuerst

die dünne Stimme des Spaßmachers, andre fallen ein, der Rhythmus rüttelt

sie auf. Es scheint ein lustiges Lied von volksmäßiger Einfachheit, doch

hinter den Worten murrt der Zorn, einige Wendungen werden von den

Sängern der Harmlosigkeit beraubt und klingen wie Stichworte des

Aufruhrs. Engelhart vermag nicht zu singen, der Sergeant ruft drohend

seinen Namen, er öffnet mechanisch den Mund. Und nun sieht man

talabwärts die roten Backsteinbaracken der Kaserne, in der prallen

Mittagssonne gleichen sie ungeheuern Giftblasen, aber alle schauen

sehnsüchtig hinab wie nach einem Paradies der Ruhe. Welche Qual, wenn

der Hauptmann sich zuletzt noch zu einer Ansprache bemüßigt findet. Er

liebt es, in väterlichem Ton zu reden, er hält auf Popularität. Wüßte er

um die Gedanken der tückisch lächelnden Soldaten, er zöge vor zu

schweigen. Es ist der Wahn, den ihn seine Kaste gelehrt hat und der sein

Hirn in einem Taumel erhält, daß er sich geliebt und bewundert glaubt.

Eine Viertelstunde von der Kaserne entfernt lag ein altes

Minoritenkloster am Mainufer. Hohe Mauern und ein Ring gleichmäßig

gesetzter Pappelbäume umgaben die zahlreichen Gebäude, von denen Frieden

über die ganze liebliche Landschaft auszuströmen schien. Engelhart zog

es bei Spaziergängen oftmals hierher, auch von der Landstraße aus ließ

er sich mit einer Fähre übersetzen und wanderte langsam dem

efeubehangenen Tor zu. Seitab vom Fußweg stand ein Christuskreuz, und

vor diesem verweilte Engelhart bisweilen in tiefem Nachdenken, wobei

uralt feindseliges Mißtrauen und bange Lust der Annäherung sich

mischten. Nicht als ob er einen Gott hier gesucht hätte, mehr noch einen

Menschen. Was ihn zu dem Erlöserbildnis trieb, war die Idee des Opfers,

der betäubte Wille rang um Erlösung, er suchte für seinen Schmerz das

höchste Symbol. Das war es; er war Opfer und suchte die Wollust des

Opfers. Es ergriff ihn jener schwärmerische Fatalismus, der eine

Trunksucht der Seele ist, der zur Unverantwortlichkeit strebt und alles

Bewußtsein im Traum und Wahn auflöst.

Es war in den Hundstagen. An einem Morgen war Bataillonsexerzieren

gewesen, zurückgekehrt, mußte die Kompagnie zur Schießstätte, die in

einem anderthalb Stunden entfernten Wald lag. Erst um halb drei Uhr

nachmittags waren die Leute, aufs höchste erschöpft, wieder in der

Kaserne. Engelhart erbat und erhielt Urlaub vom Appell und ging nach

Hause, nichts wünschend als Schlaf. Er schlang die Mahlzeit hinunter und

legte sich entkleidet ins Bett. Um sechs Uhr wurde heftig an der

Wohnungsglocke geläutet. Es war Söhnlein. Er hob Engelhart beinahe aus

den Kissen und trieb ihn zur äußersten Eile. Beim Appell war Nachtübung

angesagt worden, um sieben Uhr sollte das Regiment bereit sein.

Engelhart flog in die Kleider, sie stürmten auf die Straße, und da die

Kaserne fast eine halbe Stunde Wegs entfernt war, wollten sie einen

Wagen auftreiben, fanden aber keinen. So mußten sie im Laufschritt unter

dem Aufsehen der Passanten über die Glacis rennen; als sie auf dem

Domplatze waren, schlug es schon dreiviertel. Sie kamen an, als die

Kompagnien schon im Hof zusammentraten, oben mußten sie sich in rasender

Hast feldmarschmäßig rüsten, doch es lief glimpflich ab, die Offiziere

begannen eben die Musterung, als Engelhart an seinen leergelassenen

Platz trat.

Söhnlein war zufrieden, daß es ihm gelungen war, seinen Herrn vor Strafe

zu bewahren, und achtete nicht der bissigen Reden seiner Nebenmänner. Er

war überhaupt in der letzten Zeit immer heiterer geworden, denn auf

seiner Schranktüre befanden sich nur noch vierundvierzig Kreidestriche.

Der Marsch ging über das Dorf Randersacker nach dem Hügelland in der

Gegend von Eibelstadt. Die Luft war zuerst dunstig, wurde jedoch am

Abend rein und kühl. Engelharts wie der andern Leute von der Kompagnie

bemächtigte sich nach und nach eine solche Müdigkeit, daß sie sich nur

noch hinzuschleppen vermochten. Der Hauptmann, besorgt, daß ihm seine

Abteilung Schande machen werde, ritt auf seinem alten dicken Gaul

unaufhörlich an den Reihen hin und her, wobei er die Leute in seiner

halb keifenden, halb gönnerhaften Weise zu ermuntern suchte. Trotzdem

traten fünf oder sechs Rekruten aus und blieben am Straßengraben liegen.

Bei der ersten Raststelle fielen die meisten um wie die Stöcke. Der

Feind befand sich hinter einem zwei Kilometer entfernten Weiler, und die

Kompagnie erhielt den Befehl, Vorposten zu stellen. Der Oberleutnant

wählte fünf Soldaten aus, unter ihnen Engelhart und Söhnlein. Sie

marschierten über einen langgezogenen Hang bis an den Rand eines tiefen

Forstes. Söhnlein wurde als erster Posten ausgestellt, und an dem

schwankenden Schritt, mit dem er sich entfernte, sah man seine

außerordentliche Erschöpfung. Die andern standen schweigend gegen den

mattleuchtenden Himmel gekehrt, aus dessen östlicher Tiefe sich langsam

schwebend der Mond erhob und eine scharlachne Röte auf das Gelände warf.

Der Leutnant schritt im taufeuchten Wiesenrain auf und ab; nach einer

Weile dünkte es ihm notwendig, einen zweiten Posten über den ersten

hinauszuschieben, und er bezeichnete Engelhart einen Punkt auf dem Kamm

des Hügels bei einer einzelnen Pappel. Engelhart schulterte das Gewehr

und marschierte ab. Der Weg führte ihn dort vorüber, wo Söhnlein stehen

sollte, doch als er hinkam, gewahrte er jenen nicht, sah sich um und

erblickte ihn endlich schlafend gegen das Mooskissen eines Baumes

gelehnt.

Der Anblick überraschte und rührte ihn. Anstatt den Pflichtvergessenen

ohne Zögern zu wecken, stellte er sich hin, stützte das Kinn auf die

Gewehrmündung und starrte verloren in das Kindergesicht des Schläfers,

das wie ein rosiges Abbild des Mondes aussah. Es war eine heilige Stille

rings. Gelbliche Lichtflecke zitterten auf dem Boden. Das dürre

Blätterwerk, das dem Schlafenden zum Lager diente, strahlte wie

geläutertes Gold. Plötzlich vernahm Engelhart dicht hinter sich

Pferdeschritte. Erschrocken beugte er sich nieder, um Söhnlein

aufzuwecken, aber es war zu spät, der Reiter, es war der Adjutant des

Majors, der die Posten inspizieren sollte, hatte den Unglücklichen schon

bemerkt. Söhnlein schaute eine Weile benommen um sich, und als ihm das

Bewußtsein wiederkehrte, wurde er weiß wie Kalk. Engelhart war es, als

müsse er sich vor dem Offizier niederwerfen und um Gnade für den

Menschen flehen, er ahnte den entsetzlichen Jammer, der in Söhnleins

Brust tobte, und fühlte sich mitschuldig. Der Adjutant fragte mit

eisiger Sachlichkeit, ob er schon länger hier sei oder soeben

dazugekommen sei, und er antwortete, er sei soeben dazugekommen, war

daher für seinen Teil in Sicherheit.

Es wurde Meldung an die Kompagnie und das Regiment erstattet. Der

Hauptmann wurde zum Oberst befohlen und kam außer sich vor Wut zurück.

Söhnleins Gesicht behielt sein fahles Aussehen, seine Augen waren trüb

und irr. Die Kameraden betrachteten ihn scheu und ohne Mitleid. Auf dem

Heimmarsch sangen sie begeisterter, gleichsam dienstwilliger ihre

Lieder. Vor dem Schlafengehen beobachtete der Zimmerälteste, wie

Söhnlein eine Weile unbeweglich vor seinem Schrank stand, und er sagte:

»Na, Söhnlein, das kostet dich ein paar Monate. Aber mach dir nichts

daraus, da brauchst du wenigstens nicht zu schuften.«

Auch die aufreibenden Wochen der großen Herbstübungen gingen vorüber,

und dann war Engelhart frei. Langentbehrte Wonne, den Tag, die Stunde

wieder zu besitzen, den frühen Morgen verschlafen zu dürfen, der eignen

Entschlüsse Herr zu sein, Zeit zu haben, viel Zeit ... Am ersten Tag

suchte er den Park des Veitshöchheimer Schlosses auf und schlenderte in

musikalischer Entzückung durch die beschnittenen Alleen und künstlichen

Laubengänge. Vor einer der verwitterten Statuen, die um das große

Wasserbassin aufgestellt waren, blieb er lange stehen, und es schien,

als ob die Figur zu ihm spreche, ja er hörte deutlich ihre Worte:

»Des Sommers verdorrte Blätter rollen

Um meinen Fuß.

Unaufhörliches Spiel der Jahre!

Laß über meine kühlen Glieder, Zeit,

Den weitgesäumten Mantel streifen,

Und achte nicht, was mir die Brust füllt,

Den bittern Gleichmut.

Du, Wanderer, eile dem Bilde vorbei,

Das über stolzen Geschlechtern trauert,

Unlebendig,

Zerrbild alles Gewesenen.

Wenn der Abend kommt und die Finsternis aufschwillt,

Wird die Vergangenheit Traum

Und die Gegenwart fühlbarer Tod.«

Das glückliche Schwärmen durfte nicht lange dauern. Es wurde von Anfang

an verdüstert durch die Frage, was nun werden solle. Was nun, was

anfangen? Womit das Leben verdienen? Es galt, einen Beruf zu ergreifen

oder vielmehr ein Geschäft zu betreiben und von niemandes Gnade abhängig

zu sein. Herr Ratgeber meinte bekümmert, er sei jetzt alt genug, um die

Torheiten zu lassen und an eine geordnete Existenz zu denken. Nach

mancherlei Erwägungen wandte sich Herr Ratgeber an seinen unmittelbaren

Vorgesetzten, den Generalagenten in Nürnberg, und fragte an, ob

Engelhart in dessen Bureau einen Posten finden könne, und die Antwort

war bejahend; es sei gerade eine Korrespondentenstelle frei, wenn der

junge Ratgeber einige stilistische Gewandtheit und außerdem guten Willen

besitze, stehe seiner Anstellung nichts im Wege, der vorläufige Gehalt

sei sechzig Mark für den Monat. Das war jämmerlich wenig, doch Engelhart

durfte sich nicht besinnen, er mußte den ersten besten Strick erfassen,

den man ihm zuwarf, und Herr Ratgeber war froh, der bedrängendsten Sorge

los zu sein. Auch für ihn selbst war des Bleibens in Würzburg ein Ende;

zwischen ihm und Inspektor Dingelfeld war offene Feindschaft

ausgebrochen, der Elende suchte Streit, wo er konnte, und sein

eingestandener Zweck war, den älteren Rivalen zu verdrängen. Herr

Ratgeber hatte schließlich von der Gesellschaft seinen Abschied

verlangt, aber diese wollte einen so tüchtigen Arbeiter durchaus nicht

verlieren und erklärte sich bereit, ihn unter Gehaltserhöhung nach

München zu versetzen. Der Wettstreit zwischen den beiden Nebenbuhlern

war den Herren nicht unangenehm gewesen, er förderte entschieden das

Geschäft, nur zum Äußersten durfte es nicht kommen. Herr Ratgeber war

denn auch zufrieden und fand seine Ehre wiederhergestellt; die

Aufbesserung seines kümmerlichen Lohnes machte ihm mehr Freude als ein

Lotteriegewinst, es war doch irgendeine Anerkennung für all die Mühe; er

brauchte Anerkennung.

Engelhart mietete sich in Nürnberg auf dem Jakobsplatz ein, der Kirche

gegenüber. Es war die billigste Wohnungsgelegenheit, die er hatte

auftreiben können, er zahlte nur acht Mark monatlich. Es war ein

liliputanisches Zimmer, und das höchst baufällige Häuschen, in dem es

sich befand, gehörte dem Ehepaar Hadebusch, wunderlichen Leuten, die

jene Mischung von Bosheit und Gemütlichkeit besaßen, wie sie im untern

Bürgerstand häufig ist. Der Mann, schon ein Siebziger, war

Bürstenmacher; es roch im Haus beständig nach Borsten, Leim und

Laugenwasser. Während Engelhart in der düstern Wohnstube das Frühstück

verzehrte, politisierte der Alte, das heißt er pries die vergangenen

Zeiten. Frau Hadebusch war ein dickes, habgieriges Weib; wenn sie Geld

sah, konnte sie sich kaum beherrschen und lachte übers ganze Gesicht.

Mit überlegener Schlauheit und scheinbar unverfänglichen Fragen suchte

sie sich über Engelharts Vermögensverhältnisse Klarheit zu verschaffen,

und wenn sie merkte, daß er es übelnahm, suchte sie ihn mit

scheinheiligem Gejammer und den ungereimtesten Geschichten von ihrer

eignen Armut zu versöhnen. Sie hatte einen Sohn, der ein Idiot war und

nur zum Holzhacken und Stubenauskehren zu gebrauchen war.

Frau Hadebusch hatte eine unüberwindliche Abneigung gegen Steinkohlen.

Sie beschwor, daß seit Menschengedenken kein solch schwarzes Teufelszeug

in ihr Haus gekommen sei, beutete aber diesen Umstand aus und berechnete

das Holz zum Heizen mit unverschämten Preisen. Engelhart wagte bei

seinem dürftigen Einkommen nicht, das eiserne Öflein in seiner Kammer so

lange zu speisen, daß es für den Abend ausreichende Wärme gab, und so

saß er oft frierend bei seinen Büchern oder er legte sich ins Bett und

las weiter bis Mitternacht. Die morschen Dachsparren über ihm krachten

manchmal so laut, daß er aus dem Schlaf erwachte, und durch die Fugen

der schlecht schließenden winzigen Fenster surrte der Wind. Außerdem

störte ihn die Nähe des Kirchturmes und seiner dröhnenden Glocke nicht

wenig.

Sein ordnungsloses Bücherlesen entsprang nicht der Lernbegierde und

hatte keinen reingeistigen Antrieb. Nichts beruhigte, nichts befriedigte

ihn dabei, alles stachelte ihn auf. Er suchte die Welt, er suchte das,

was die Jünglinge mit feierlicher Deutung »das Leben« zu nennen pflegen.

Er konnte sich nicht zu der Annahme entschließen, daß das, was er bisher

gelebt, schon »das Leben« sei, und erschien sich wie ein Wesen, das wohl

Flügel besitzt, sie aber nicht gebrauchen darf. Tag für Tag, vom Morgen

bis zum Abend befand er sich in einer innerlich verzitternden Erregung

und seine Seele glich dem glühenden Draht über einer Flamme, der nicht

nachgeben, sich nicht biegen kann, weil er an den Enden festgenietet

ist. Die während des Fronjahrs eingeschlummerten Kräfte und versiegten

Quellen sprudelten jetzt um so gewaltsamer hervor, und Engelhart war

sich seines Zustandes als einer unaufhörlichen Gefahr wohl bewußt; er

wünschte, sich selber zu entfliehen, und wie nie zuvor trieb es ihn zu

den Menschen. Er wollte mit Worten vernehmen, wie es um sie und wie es

um ihn stand. Er glaubte an einen, irgendeinen, der den Schlüssel zu dem

großen Mysterium besaß, und es dürstete ihn nach lebendigem Wissen,

lebendigem Wort, lebendiger Freundschaft.

Die elende Kammer wurde ihm zuwider. Er suchte an den Abenden andern

Aufenthalt und lief, kein Unwetter scheuend, sich die Beine müd, um

schließlich in einer abgelegenen Kneipe zu landen und bei einer Tasse

Kaffee trübselig vor sich hinzustarren. Einst zu später Stunde kam er in

ein enges Seitengäßchen und blieb lauschend stehen. Eine dunkle, in

leidenschaftlichen Worten einsam redende Stimme drang wie aus dem

Innern der Erde zu ihm. »Da trat hervor einer, anzusehen wie die

Sternennacht, der hatte in seiner Hand einen eisernen Siegelring, den

hielt er zwischen Aufgang und Niedergang und sprach: 'Ewig, heilig,

gerecht, unverfälschbar! Es ist nur eine Wahrheit, es ist nur eine

Tugend! Wehe, wehe, wehe dem zweifelndem Wurme!'« ... Engelhart ging zu

einem Fensterloch dicht über dem Boden und blickte wie in einen Trichter

hinunter. Er sah einen matterleuchteten Raum mit Wirtshaustischen und

-bänken. Auf einer Bank an der Mauer saß eine kleine Gesellschaft junger

Leute, ein einzelner kauerte vor ihnen auf den Steinfliesen, und die

Worte, die er sprach, hatten sein Gesicht zerwühlt, seine Lippen

förmlich zerrissen und seine Augen im Wahnsinn gebadet. »Gnade, Gnade

jedem Sünder der Erde und des Abgrunds!« schrie er jetzt und schlug die

Hände an die Wangen. Engelhart schauderte.

Bald darauf war es zu Ende und die Zuhörer klatschten. »Diesen Franz

macht dir kein Schauspieler der Welt nach, Klewein!« ließ sich jetzt die

heisere Stimme eines langen, hageren Menschen vernehmen, und mit

verächtlichem Lachen, beide Hände in den Hosentaschen, fuhr er fort: »Im

übrigen war dieser Schiller doch ein Mordsstümper. Es ist nur eine

Wahrheit, es ist nur eine Tugend! Lächerlich! Hunderttausend Wahrheiten,

Millionen Tugenden und schließlich wieder keine; keine Wahrheit, das

ist's, Kinder, denn wenn es eine Wahrheit gäbe, warum sollten wir sie

nicht erkannt haben?«

Wehmütig an seine abgesonderte Existenz gemahnt, die ihn wie durch ein

fortwirkendes Gesetz von jeder wahrhaft geselligen Vereinigung

ausschloß, lauschte Engelhart durstigen Ohrs den Gesprächen, die von

einem Geist großartiger Weltverachtung durchweht schienen. Nach einer

Weile schritt er zum Eingang, überlegte hin und her, zählte in Gedanken

seine Barschaft nach und stieg endlich die steinerne Treppe zu dem

Weinkeller hinab.

Sein schüchterner Gruß blieb unbemerkt. Er setzte sich abseits und

bestellte ein kleines Fläschchen italienischen Landweins. Sein Betragen

erregte die Aufmerksamkeit des langen Hageren, den seine Kumpane Peter

Palm nannten. Engelhart errötete, als er dem stumpflohenden Blick der

schwarzen Augen begegnete. Es war der Blick eines Jägers, eines

Wilddiebs, bevor er die Flinte anlegt. Jener Klewein, der den Monolog

gesprochen, brütete schweigend vor sich hin; über seinem hart markierten

Schauspielergesicht bebte die Haut wie Wasser, das leichter Wind zu

Falten bläst. Niemals hatte Engelhart den Ausdruck des schlechten

Gewissens so deutlich und wild auf einem Antlitz gesehen. Die drei

andern waren ein wenig betrunken oder stellten sich so. Einer, den sie

Baron nannten, hatte ein verblasenes Lächeln auf dem bübchenhaften

Gesicht; diesem flüsterte der Lange etwas zu, er kam an Engelharts Tisch

und forderte ihn mit gezierter Höflichkeit auf, sich zu der Gesellschaft

zu setzen. Engelhart dankte; Spannung und Entzücken benahmen ihm fast

die Sinne.

So glaubte er endlich das Tor betreten zu haben, das ins Leben führt, in

das berühmte »Leben«. Von nun an wurde die Nacht sein Tag, wie für den

Schmuggler, und schmugglerhaft war dies Herumziehen an den Grenzen der

bürgerlichen Bezirke, auf den Lippen Hohn und in der Brust die Furcht

vor ihren Zollwächtern. Oft kam er erst um vier Uhr morgens nach Hause,

schlief dann über die Zeit, kam verspätet, dumpf und müde ins Bureau und

wurde unverläßlich bei der Arbeit. Diese Arbeit bestand im Briefeschreiben

an säumige Zahler, an unschlüssige Versicherungskandidaten, in

Beantwortung von Beschwerdeschriften, in juridischen und ökonomischen

Aufklärungen, Agenteninstruktionen, im Ausstellen von Prämienquittungen,

Berichten an die Direktion und vielem andern. Er hatte sich geschickt

und willig gezeigt, der Bureauchef schätzte den denkenden Kopf in ihm,

wie er sagte, und zeichnete ihn dadurch aus, daß er ein täglich

wachsendes Pensum erledigt haben wollte. Der Bureauchef war ein kleines,

zartes, wachsbleiches, schweigsames Männchen namens Zittel, eine

Schreibernatur durch und durch, geschmeidig, flink, giftig. Als

Engelhart jählings zu erlahmen begann wie eine Maschine, an der ein

Rädchen zerbrochen ist, heftete er bisweilen seine kalten Reptilaugen,

die hinter dicken Brillengläsern glitzerten, forschend und streng auf

ihn und sagte mit berechneter Sanftmut: »Schade, Herr Ratgeber, wirklich

schade.« Doch Engelhart empfand Ekel; nie wurde er das Gefühl einer

ungeheuern Versäumnis los, und besaß er dann die Zeit, nach der er sich

gesehnt, so rann sie ihm aus den Fingern, wie Sand durch ein Sieb läuft.

Manchen Tag vermochte er zu Herrn Zittels Bekümmernis nicht drei Sätze

aufs Papier zu bringen, plötzlich packte ihn die Angst vor der

Brotlosigkeit, er arbeitete in zehn Stunden ab, was sich in zehn Tagen

angehäuft hatte, und Herr Zittel konnte dann nicht umhin, eine solche

Leistung kopfschüttelnd zu bewundern. Schlimm war es, daß er mit dem

Geld in verzweifelte Unordnung kam. Schon am fünften, am siebenten des

Monats mußte er um Vorschuß bitten, für viele Wochen hinaus konnte er

nicht mehr auf seinen vollen Gehalt rechnen, an notwendige Anschaffungen

für Kleidungsstücke oder gar an Bücherkaufen war nicht zu denken, und

wenn er die Miete und das Mittagessen gezahlt hatte, so lief das übrige

rasch bei den nächtlichen Gelagen davon. Und weil unter dem Einfluß

Peter Palms niemand sich anders führte, jeder aus dem Leeren

wirtschaftete und dies trübselige Wesen zum Heldentum emporgelogen

wurde, so dachte Engelhart, alles müsse so sein, wie es war, und es sei

ein Schimpf, anders aufzutreten, als mit prahlerischen Ansprüchen an

eine blind undankbare Welt.

Peter Palm stammte aus den niedrigsten Verhältnissen. Seine Mutter war

eine Waschfrau in Plobenhof, den Vater hatte er nie gekannt. Er hatte

studiert, Stipendien hatten ihm anfangs fortgeholfen, jetzt war er im

siebzehnten oder achtzehnten Semester und brachte es nicht weiter. Er

hatte viel erlebt und viel gelesen; in seinem Charakter herrschte das

Böse vor. Sein Gemüt war verbittert, ja gleichsam mit Schwären bedeckt,

nicht nur durch Armut und Entbehrungen war es dahin gekommen, sondern

auch durch angeborne Zügellosigkeit des Herzens. Er hielt sich für eine

Art modernen Sokrates, doch mißhandelte er seine Mutter, um ein paar

Pfennige von ihr zu erpressen. Von allen, die um ihn waren, hatte er

Franz Klewein am unbedingtesten in seiner Gewalt. Auch dieser war arm,

hatte abenteuerliche Fahrten hinter sich, war Matrose gewesen, hatte in

einem indischen Hafen desertiert, war in einem Reisfeld von Hindus

aufgefunden und verpflegt worden; dann nach Europa zurückgekehrt, trieb

es ihn zur Schauspielerei, aber er fand damit nur ein kümmerliches

Auskommen. Er war der leidenschaftlichste Mensch, den Engelhart je

gesehen. Er hatte etwas von einem edeln Tier; äußerlich trat er wortkarg

und mit gemessener Ruhe auf, nur in den kleinen unter vorspringenden

Stirnknochen versteckten Augen flackerten unheimliche Feuer. Sein

Scharfsinn war groß, er beobachtete mit Lust und mit Haß und seine

Bemerkungen ritzten förmlich die Haut durch ihre ätzende Bosheit. Er war

noch jung, kaum sechsundzwanzig, ehedem war er sicherlich eine zum

Positiven geneigte Natur gewesen, aber das Schicksal hatte ihn müde

gejagt. Dazu kam noch Peter Palm über ihn; er hatte ihn in einer

Berliner Lasterhöhle kennen gelernt, gerade als er mit dem Entschluß

kämpfte, seinem Leben ein Ende zu machen. Durch Palm wurde er aus der

dämmernden Bahn gerissen, die Helligkeit der Zweifel machte ihn sich

selber doppelt verachtenswert. Er hatte kein Engagement mehr, kaum ein

Unterkommen, und niemand wußte, wie er sein Leben fristete. Den größten

Teil seiner Zeit verbrachte er grüblerisch erstarrt im Paradieschen.

Das Paradieschen war ein winziges Gebäude, dicht am Stadtgraben erbaut;

jenseits erhob sich der kolossale Turm des Ludwigstores. Zur Nachtzeit

blickten die erleuchteten Fensterchen einladend über den stillen Platz

und rückwärts fiel der Lichtschein in das Pflanzengewinde über der

uralten Festungsmauer. Im Paradieschen war alles winzig: der Wirt, die

Kellnerin, der Spiegel im Goldrahmen, Tische, Stühle, Tassen, Löffel und

das Stehklavier an der Wand. Palms treuester Trabant, ein einfältiger

Sachse namens Jentsch führte auf dem gebrechlichen Instrument seine

wesenlosen Phantasien aus. Er machte die Stimmung. Stimmung, das war das

große Wort. Keiner wußte, was im Kern darunter zu verstehen sei, sie

wollten vergessen, es war ein Aufprasseln letzter Gemütskräfte. Es war

zum Beispiel ein Mann dabei, der für einen Erfinder galt, ein bejahrter

Herr; er hatte ein Vermögen für seine Hirngespinste verschwendet und war

jetzt im Elend; dieser zog immer sein Taschentuch und wischte die Tränen

ab, wenn Jentsch spielte. »Nur zu, nur zu,« murmelte er bei jeder Pause,

»das tut wohl, lieber Jentsch, das tut mir wohl.« Doch dieser stellte

sich selten ein und wurde nie recht ernst genommen, denn es fehlte ihm

der flagellantische Geist, der alle Schläge des Geschicks dadurch

mildert, daß er eine Selbstpeinigung daraus macht und jede Schuld mit

der Krone des Martyriums schmückt.

Einer aus der Gesellschaft hatte das Wort aufgebracht: wir sind die

Totengräber der Ideale. Engelhart suchte hinter den totengräberischen

Worten die neuen Ideale. Mit beklemmter Brust saß er da und lauschte und

wurde trunken von Worten. Gefühl und Wort waren ihm noch untrennbar

eins. Die große Gebärde riß ihn hin. Alles ward geleugnet; ein Spiel

seiner selbst rollte der Erdball gesetzlos durch den verödeten Raum.

Engelhart spürte Angst vor seiner Existenz und bewunderte den Mut der

Leugner. Peter Palm durchschaute seine Jünger; wenn er ihre Schwäche

erkannt hatte, durfte er alles wagen. Die Vergeblichkeit menschlichen

Mühens wurde in seinem Munde ein Argument des Triumphes. Er nannte sich

in einer geistreichen Stunde den Beichtvater der Todgeweihten; er versah

die sinkenden Seelen mit den Sakramenten. Wenn er redete, schwiegen

alle. In seinem bräunlichen, langgezogenen Fanatikergesicht zitterte Wut

gegen jeden Besitz, gegen jede Hoffnung, ja gegen jeden Kampf. »Du bist

ein Moslem,« sagte Klewein verächtlich und mit dem Schmerz, den er um

sein gestrandetes Leben empfand, »deine Ausbrüche sind Konvulsionen des

Quietismus.« Klewein glich dem im Käfig eingesperrten Wolf; dasselbe

ruhelose Auf und Ab, dasselbe sinnlos verstockte Starren auf das eiserne

Gitter. Einmal blieb er in der Nacht vor der Frauenkirche stehen und hob

die geballten Fäuste. Dann drehte er sich um und schrie: »Ein Weib, ein

Weib, ein Königreich für ein Weib!« Peter Palm lachte und suchte

nachzuweisen, daß das wahrhaft moderne Weib in der Dirne kristallisiert

sei. Engelhart widersprach. Die treuherzige Unschuld seiner Rede

erbitterte Palm und er riet ihm, mit einem Kindertrompetchen vor eine

Mädchenschule zu ziehen und Reveille zu blasen. »Sie sind auch einer von

denen, die Helena in jedem Weibe sehen,« sagte er und prophezeite ihm

ein Leben der Schmach und der Enttäuschungen. Darauf wußte Engelhart

nichts zu entgegnen. Alles, was gesagt wurde, nahm er ganz so, wie es

gesagt wurde, das amüsierte Peter Palm im stillen. Doch ärgerte er sich

über ein Unbezeichenbares in den Augen des jungen Menschen, er ärgerte

sich sogar, wenn Engelhart seinen, Palms, Worten allzuviel Gewicht

beilegte, und eines Tages bemerkte er gegen Klewein, daß da doch nicht

Blut von seinem Blut sei; fremde Rasse; solche Burschen müßten von

Rechts wegen reich sein, dann könne man sie mit gutem Gewissen

verachten. »Ich bin überzeugt, er wird einmal das große Los gewinnen,«

schloß er hämisch.

Doch im Grunde wußte er besser Bescheid über Engelhart, als er sich

zugestehen mochte, er wußte besser Bescheid als Engelhart selbst. Er

nannte ihn Seelenspürhund, Gefühlsparasit. Doch hier war ein Etwas, das

er nicht zerreißen noch zerbrechen konnte, gleichsam aus der eignen Hand

des Schöpfers hervorgegangenes Gespinst, das man nicht anrühren darf,

ohne vom Blitz getroffen zu werden. Sein Hinundherzittern über den

Gebilden des Lebens gemahnte Palm an die Kompaßnadel, die bei allem

Zittern stetig zum Pole zeigt. Sein zerrütteter Organismus spürte die

Gesundheit des Gesunden traumhaft scharf, bald war er sich auch klar,

wohin das unbewußte Wesen heimlich ziele, von dem Engelhart so qualvoll

beunruhigt wurde, und ein gelegentlicher Fund bestätigte seine

Mutmaßung.

An einem Sonntagnachmittag lag Engelhart, von Kopfschmerzen gequält, auf

dem Sofa (er wohnte jetzt im zweiten Stock eines Hauses in Steinbühl),

als Palm und Klewein erschienen. Sie machten sich's nach ihrer Art

bequem, schwadronierten von diesem und jenem, Klewein entwickelte nicht

zum erstenmal seinen Plan, nach Amerika auszuwandern, Palm hatte

indessen die Tischlade aufgezogen und stöberte ungeniert unter den

Briefen und Papieren Engelharts. Es fiel ihm ein dicht bekritzelter

Bogen in die Hand, auf dem die Geschichte vom kleinen Bräutigam

aufgeschrieben war, die Engelhart seinem Bruder erzählt hatte; einzelne

Merkworte waren ihm nicht aus dem Sinn gegangen und er hatte, vor

Monaten schon, sich der ganzen Bilderfolge durch Niederschreiben

entledigt. Palm las und las, begann spöttisch zu lächeln, dann laut zu

kreischen, Engelhart merkte zu spät, was vorging. Palm ließ sich den

Raub nicht mehr entreißen, auch Kleweins Einspruch half nichts, Palm

bestand darauf, das Elaborat müsse im Paradieschen verlesen werden, auch

Herr Barbeck habe heute zu kommen versprochen, das treffe sich

ausgezeichnet, der sei der rechte Mann für so was. Welche Verachtung lag

in seinen Worten! Engelhart glaubte, seine Unfähigkeit werde an den

Pranger gestellt, und wollte vor Scham vergehen. Die Verlesung fand zu

einer Stunde statt, wo noch keine fremden Gäste im Paradieschen waren;

die simple Geschichte wurde mit blutigem Hohn aufgenommen und

vollständig niederkritisiert. Zuhörer waren Palm, Klewein, Jentsch, der

Baron, dann ein halbnärrischer Maler, der den Spitznamen Krapotkin

hatte, da er unaufhörlich Stellen aus den Schriften dieses

Anarchistenführers deklamierte, und ferner Herr Barbeck. Dieser gab sich

den Anschein, als nehme er die Geschichte ernst, und fragte Engelhart am

Schlusse, was das Ganze zu bedeuten habe und von wo die Verse

abgeschrieben seien. Engelhart schwieg. »Was haben Sie denn vor, was

wollen Sie werden?« fuhr Barbeck mit geheimnisvollem Grinsen zu fragen

fort. Und als Engelhart verlegen die Achseln zuckte, lachten alle,

Barbeck aber sagte: »Na, Jüngling, mich werden Sie nicht hinters Licht

führen, ich kenne das, bin selber dort gewesen, hinterm Licht nämlich,

hab' selber Äpfel gestohlen.«

Barbeck kam von da an allabendlich ins Paradieschen. Mit seinem

tückisch-vielsagenden Lächeln versicherte er, daß ihm der kleine

Bräutigam, auf diesen Spitznamen nagelte er Engelhart fest, Interesse

eingeflößt habe. Es hatte eine eigne Bewandtnis mit Herrn Barbeck, und

Engelhart fürchtete den Mann mehr noch, als er mit der Zeit Peter Palm

fürchten gelernt hatte. Peter Palm gab sich wenigstens wie er war, eher

noch schlechter als besser, es war etwas Ehrliches in seiner dürren

Dämonenhaftigkeit, aber dieser wechselte beständig sein Wesen und war

ungreifbar wie die schillernde Qualle. Er war Privatgelehrter, das

heißt, er betitelte sich so. Er behauptete, Astrologie und Alchymie zu

studieren, und meinte, wenn die Rede darauf kam, die alten Burschen in

Babylon seien gar nicht so dumm gewesen. Dabei ließ er die frivol

glänzenden Äuglein forschend von Gesicht zu Gesicht wandern, denn er war

ungemein eitel, so eitel, daß er nicht vertrug, wenn jemand in der

Gesellschaft einen guten Witz machte, gerade als ob es nur ein

bestimmtes Quantum Gelächter in der Welt gebe und er um seinen Anteil zu

kommen fürchte. Er besaß lange glatte, blonde Haare, die am Hinterkopf

kunstvoll beschnitten waren und den mädchenhaft zarten Nacken frei

ließen; häufig strich er mit der Hand über den Kopf, wobei er zärtlich

sinnend oder boshaft triumphierend in die Luft schaute. Wenn jemand

seinen Worten widersprach, so fing er an, irgendeine Melodie vor sich

hinzusummen, und drehte den Kopf wie eine Soubrette mit schmachtendem

Blick zur Seite. Er war wohlhabend, aber geizig; einmal war es Peter

Palm gelungen, ihn anzupumpen, darauf hatte sich Barbeck monatelang

nicht mehr blicken lassen. Bei Tag war er ein Bürger, nie hätte er sich

bei Tag etwas gegen die bürgerliche Ordnung zuschulden kommen lassen;

bei Nacht dagegen setzte er Ehre darein, für einen erfahrenen Glücks- und

Lebemann zu gelten, sprach mit pfiffig verschlagener Miene von seinen

Abenteuern und von gewissen Häusern der Liebe an der Stadtmauer drüben.

Alle andern verachteten immer nur die Menschen im allgemeinen mit

Ausnahme der Anwesenden, jeder Anwesende war eine Persönlichkeit von

Bedeutung; Barbeck verachtete alle und zeigte jedem, daß er ihn

verachte, ihm konnte man nichts vormachen, der älteste Ruhm zerstob vor

seinen Augen in Dunst, und er pflegte nur hin und wieder mit

feinschmeckerischem Zungeschnalzen Dinge zu loben, über die sich niemand

eines Lobes versah oder die zu tadeln albern gewesen wäre.

Engelhart wurde bis ins tiefste Herz beunruhigt. Dies gefühllose

Fertigsein; dies unbedingte Sichersitzen auf felsenfesten Urteilen;

diese hohnlachende Philosophie, die ohne Skrupel das Erhabene von seinem

Thron zerrte. Oft saß er wie im Fieber und jeder Abend endete mit

Stunden des Lebensüberdrusses. Denn wozu leben, wenn das, was er so

göttlich in seinem Innern walten fühlte, nur ein aberwitziges Spiel war,

ein Traumgesicht, das vor andern zur Grimasse erstarrte? Mit Angst hielt

er sich fest, um nicht zu fallen. Die überfließende Empfindung suchte er

zu verbergen, es war freilich umsonst, sie wußten es alle, sie machten

sich zu Meistern seiner Unsicherheit und zerhämmerten sein Herz. Wie das

Weltkind unter Pfaffen gezwungen wird, sein natürliches Betragen für

eine Sünde anzusehen, so bequemte er sich, um doch wenigstens für

ebenbürtig genommen zu werden, mit ihren Gebärden zu reden und ihren

Anschauungen beizupflichten. Er war der erste und der letzte bei allen

Gelagen, genoß unzureichenden Schlaf und nährte sich schlecht. Seine

Lebensführung war unsinnig, er mußte Schulden machen, und anständige

Leute, die ihm bisher wohlgewollt, wurden ihm feindselig gesinnt. Es war

alles umsonst, Peter Palm glaubte ihm nicht. »Geben Sie sich keine

Mühe,« sagte er, »Sie sind ja doch nur ein verkappter Philister, der

zähneklappernd einen Ausflug ins feindliche Land macht.« O dieser Dämon

im Schlafrock!

Eines Nachts kam Barbeck aufgeregt ins Paradieschen und verkündete,

Amöna Siebert sei in der Stadt und tanze in den Reichshallen. Daraufhin

wurde der Beschluß gefaßt, aufzubrechen, um die Siebert zu sehen, die

nach Peter Palms Beteuerung das genialste Weib unter der Sonne war.

Amöna Siebert war vor acht oder zehn Jahren Kellnerin im Wirtshaus zum

Mondschein gewesen, und das siebzehnjährige Mädchen, ohne durch

Schönheit aufzufallen, fand wegen ihrer Heiterkeit viele Anbeter. Eines

Morgens nach einem Ball hatte sie den kleinen Saal aufzuräumen, und

plötzlich fiel ihr bei, eine Menge Stühle in zwei Reihen zu setzen,

diese für Tänzer und Tänzerinnen anzusehen und zwischen ihnen hindurch

die Touren einer Anglaise zu tanzen, ein Vergnügen, das sie

leidenschaftlich liebte, weil sie dabei die Leichtigkeit und Anmut ihrer

Bewegungen spüren konnte. Ein durchreisender Fremder belauschte und

überraschte sie, er machte ihr das Anerbieten, sie ausbilden zu lassen,

einige Monate darauf hörte man von ihren großen Triumphen, plötzlich war

sie verschollen und es hieß, ein italienischer Graf habe sie entführt.

Viel später war sie noch einmal in der Stadt gewesen und hatte getanzt,

darauf hieß es wieder, ein Liebhaber habe sich ihre Gutmütigkeit zunutze

gemacht und sie zugrunde gerichtet. Jedenfalls ging es ihr jetzt

schlecht, sonst wäre sie nicht in den Reichshallen aufgetreten, einem

Lokal letzten Rangs. An diesem Abend tanzte sie nicht, am nächsten Abend

sah sie Engelhart zum erstenmal, hatte aber keinen guten Eindruck von

ihr; ihre Bewegungen erschienen ihm frech und gewaltsam, nur die

traurigen, starr in die rauchige Luft des eklen Raums gerichteten Augen

berührten sympathisch. Barbeck machte sich hinter einen von Amöna

Sieberts Bekannten, und dieser versprach, ihn und seine Freunde mit der

Tänzerin zusammenzubringen, die gegenwärtig ohne Anhang sei. Barbeck

hatte Bedenken, die Sache drohte Geld zu kosten, er war der einzige

Zahlungsfähige bei der Partie, indessen gab er sich der Hoffnung hin,

auf die Kosten zu kommen, und gegen Mitternacht zog die ganze

Gesellschaft mit Amöna in einen Weinkeller. Amöna Siebert trug sich wie

eine vornehme Dame. Ihr oberflächlich lustiger Ton zeugte von der

stetigen Gewohnheit des Verkehrs mit fremden Leuten. Mehrmals hatte es

dennoch den Anschein, als fühle sie sich unbehaglich und aus dem

verschleierten Blick sprühte Widerwillen. Barbeck benahm sich wie ein

Faun, er trank mehr, als er vertragen konnte, und wurde nach und nach

zudringlich, Klewein, bebend vor Wut, ließ ihn barsch an, es entstand

Streit, Peter Palm mußte sich ins Mittel legen, am Ende stritten auch

Klewein und Palm und warfen einander Wahrheiten an den Kopf. Der Baron

suchte Amöna mit aristokratischen Manieren zu bestechen, während Jentsch

und Krapotkin die Gelegenheit des Freitisches benutzten, um sich gütlich

zu tun. Engelhart litt. Eine mahnende Stimme ertönte in seinem Innern,

und wie unter einer Bergeslast stützte er den Kopf in die Hände.

Es blieb nicht verborgen, daß Klewein für die Siebert leidenschaftlich

entbrannt war. Er opferte das letzte, was er hatte, um sich einen

tadellosen Anzug zu verschaffen. Ob er erhört wurde, war nicht zu

erfahren, man wußte nur, daß er mitsamt seinem feinen Anzug obdachlos

war, denn Palm, bei dem er oft genächtigt, wollte nichts mehr von ihm

wissen. Es beleidigte ihn, sich um eines Frauenzimmers willen beiseite

geschoben zu sehen. Jentsch und der Erfinder gingen einmal spät nachts

am Güterbahnhof spazieren, da überraschten sie Klewein, wie er sich auf

einem Frachtfuhrwerk das Lager zum Schlafen richtete. Er machte

humoristische Glossen darüber, die beiden dummen Menschen ließen sich

täuschen und lachten mit ihm. Barbeck war die ganze Zeit über voll Gift

und Galle, tröstete sich aber immer wieder mit Peter Palms Versicherung,

daß die Siebert unmöglich einem Klewein ihre Gunst schenken könne. Eine

Woche später hieß es, Amöna Siebert sei krank und die Direktion der

Reichshallen mache Schwierigkeiten mit dem Kontrakt, das Mädchen habe

ihre Wohnung aufgeben müssen und sei zu einer armen Verwandten gezogen.

Eines Abends trafen sich Engelhart und Klewein am Laufertor,

schlenderten eine Weile planlos um den Graben, und Klewein wurde von

Minute zu Minute düsterer und zerstreuter. Engelhart dachte, es seien

die Geldsorgen schuld, und da Monatsanfang war und er gerade ein paar

Taler in der Tasche hatte, fragte er Klewein, ob er ihm aushelfen könne.

Das Anerbieten wurde dankbar angenommen, aber Kleweins Betragen

veränderte sich deshalb nicht. Engelhart war nicht fähig, jemand

auszuforschen, er liebte gar nicht Geständnisse eines andern, er war zu

sehr mit sich selbst beschäftigt. Klewein schlug ihm vor, mit in die

Reichshallen zu gehen, und auf dem Wege dorthin erzählte er, offenbar in

dem qualvollen Drang, sich irgendwem zu eröffnen, wie ihn Amöna Siebert

an der Nase herumführe, wie sie ihn leiden lasse durch seine

Leidenschaft und daß er darüber des Lebens satt und übersatt geworden

sei. Wie aus Fieberphantasien stieg Amönas Bild empor als das einer

Vergifterin, eines Molochs.

Stumm saßen sie während der Vorstellung in den Reichshallen, gehässig

aufgeregt durch den Lärm, die widerliche Musik und den Anblick der

verwüsteten Männer- und Weibergesichter. Später gingen sie mit Amöna in

ein nahegelegenes Café. Klewein redete beständig, Amöna unterbrach ihn

oft mit einer spöttisch stachelnden Bemerkung, sie sah matt und blaß

aus, oft schien es, als werde ihre Brust ausgeglüht von einer

verborgenen rasenden Ungeduld.

Engelhart schwieg zumeist. Ihn erbarmte des Weibes, er wußte nicht wie

und warum. Die Gegenwart einer Frau stimmte ihn überhaupt stets milder

und süßer. Auf dem Heimweg entstand plötzlich ein Wortwechsel zwischen

Klewein und Amöna; eigentlich um nichts, der Zwiespalt lag mehr in den

beiden Menschen selber als in ihrer Wirkung aufeinander. Als Klewein sie

aufs äußerste gereizt hatte, blieb Amöna stehen und sagte kalt: »Jetzt

habe ich genug von Ihnen,« und streckte dabei befehlend den Arm aus.

Klewein starrte sie an, dann verbeugte er sich sarkastisch und ging

hinweg. Seine heftigen Schritte verklangen in der Finsternis. Amöna

wendete sich mit einem drohenden Blick zu Engelhart und fragte: »Sind

Sie auch so einer?« Und da er schwieg, nahm sie seinen Arm, und da er

ihr nicht werbend entgegenkam, schien sie zu erstaunen. Unter einer

Gaslaterne nahm sie ihm den Hut ab, legte die Hand auf seine Schulter,

sah ihn prüfend an und sagte halb lächelnd, halb traurig: »So jung, so

jung!« Sie blieben eine Weile stehen, dann sagte sie: »Jetzt gehen Sie

nach Hause und schlafen Sie sich mal aus, und morgen abend um neun Uhr

kommen Sie zu mir, ich tanze morgen nicht, ich fühle mich wieder unwohl,

kommen Sie zu mir in die Wohnung.« Sie nannte ihm die Straße und das

Haus, nickte kokett und schritt langsam davon. Engelhart kam taumelnd

heim, entschlief erst, als der Tag anbrach, und wurde durch einen

Abgesandten des Bureaus aufgeweckt, der ihm ein Schreiben von Herrn

Zittel übergab. Herr Zittel schrieb, seine Geduld sei nun zu Ende, nur

der Rücksicht, die man auf seinen Vater nehme, habe es Engelhart zu

verdanken, daß man ihn noch nicht davongejagt. Engelhart schrieb zur

Antwort, er sei krank, versprach morgen zu kommen, versprach sich zu

bessern. Als er um sieben Uhr nachmittags ins Paradieschen kam, war

Barbeck zugegen, es wurde natürlich über Klewein und Amöna geredet,

durch ein unvorsichtiges Wort machte er den immer lauernden und

mißtrauischen Barbeck stutzig und sein Erröten setzte ihn noch mehr in

Verdacht. Es erschienen auf einmal viele Leute, meist unbekannte

Gesichter, einer von ihnen trat zum Tisch und begrüßte Barbeck, es war

ein schlanker Mensch mit außerordentlich schönen, bleichen Zügen, hinter

dem Zwicker funkelten feurige Augen. Engelhart war es längst müde, immer

wieder Menschen zu sehen, ihm bangte vor jedem neuen Namen, auch dieser

Fremde machte ihn ungeduldig, indessen ward er sehr bestürzt durch den

ernsten, tiefen, mitleidigen Blick, der ihn aus jenen Augen traf. Er

begann zornig zu werden und schaute mit Absicht in eine andre Richtung,

endlich zahlte er und brach auf. Barbeck bat, auf ihn zu warten, er

wolle ihn begleiten, Engelhart zögerte und erwog, wie er sich des Mannes

entledigen könne, es war schon halb neun. Draußen fragte er nach dem

schwarzbärtigen Herrn, der ihm so ärgerlich gewesen war, und Barbeck

sagte, das sei ein toller Kauz, ein ganz toller Kauz. Das war alles.

»Was ist er denn? wie heißt er?« fragte Engelhart mit beständig

wachsendem Groll. Er heiße Justin Schildknecht und sei ... eben ein

toller Kauz. Barbeck lachte wieder einmal geheimnisvoll in sich hinein.

In Wirklichkeit verhielt sich die Sache so. Barbeck hatte sich einst,

ohne Vorwissen Engelharts, eine stenographische Abschrift von der

Geschichte vom kleinen Bräutigam gemacht. Vor kurzem war er mit Justin

Schildknecht, einem seiner bürgerlichen Tagesbekannten, beisammen

gewesen, und um zur Erlustigung beizutragen, hatte er das Geschichtchen

vorgelesen, gespickt mit eignen witzigen Einschiebseln. Der Zuhörer

hatte sich aber in andrer Weise dafür erwärmt und den Wunsch geäußert,

Engelhart kennen zu lernen. Nichts leichter als das, meinte Barbeck,

kommen Sie um die und die Stunde da und da hin.

Es war schwül. Bleifarbene Wolken umsäumten den Himmel, die den

vergehenden Tag wie Tiere in unsichtbaren Klauen noch zu halten

schienen. Während Engelhart überlegte, wie er von Barbeck loskommen

könne, war ihm der Zufall bei seinem Vorhaben behilflich. Von der Haller

Wiese her zog ein großer Trupp Menschen, lauter Arbeiter. Es war eine

Kundgebung. Die Leute von den Spiegelglasfabriken hatten einen Streik

veranstaltet. Aus dem Tor marschierten Polizeileute. Junge Burschen

pfiffen und johlten, ein Herr im Zylinder rannte in größter Eile

inmitten der Fahrstraße, Engelhart entschlüpfte in das Gedränge.

Als er vor dem Haus anlangte, wo Amöna wohnte, es war ein altes Gebäude

nahe der Insel Schütt, fing es an zu regnen. Sein Blut war so aufgeregt,

daß der Arm zitterte, als er an der Glocke zog, und ungeduldigstes

Verlangen machte sein Auge feucht. Ein altes buckliges Weib, wie einer

Hexengeschichte entlaufen, öffnete und führte ihn über einen modrig

riechenden Gang in ein kellerartiges Gemach. Ein riesiger Altnürnberger

Schrank und eine Ampel mit rotem Glas konnten nicht den Eindruck der

Armseligkeit mildern. An einigen Nägeln an der Wand hingen die bunten

Gewänder der Tänzerin und sie selbst saß auf dem Sofa und nähte eine

blaue Schleife auf ihren Hut. Sie schwatzte wie ein kleines Mädchen,

fragte ihn, ob er reich sei, ob er reich werden wolle, schimpfte auf die

reichen Leute, auf das Geld, auf die Männer, auf die ganze Welt. »Früher

ist man wenigstens in die Kirche gegangen,« sagte sie, »jetzt fehlt auch

das.« Dann blickte sie plötzlich auf und fragte mit seltsamer

Heftigkeit, ob er sie schön finde; und da er betreten schwieg, ob er sie

hübsch finde, ob sie schon verblüht sei. »Die Spiegel lügen,« rief sie

aus, »nur die Weiber sind ehrlich, wenn sie aufhören, neidisch zu sein.«

Sie stand auf, ging zur Tür, lauschte, riegelte zu, trat dann zu

Engelhart und sah wartend, lächelnd, nicht ganz ohne Befangenheit in

sein Gesicht. Alles an ihr war ein wenig gelblich, das Haar, die Haut,

ja sogar die Augen.

Engelhart vermochte weder zu reden noch sich zu bewegen, er saß wie

angeschmiedet und erstaunte selbst über seinen unbegreiflichen Zustand.

Nicht als ob ihm Amöna auf einmal reizlos erschienen wäre. Er fühlte

noch dasselbe dumpfe Verlangen nach ihr wie vordem. Aber zuerst war es

dies gewesen: er glaubte sie durch eine Miene oder Gebärde der

Annäherung zu beleidigen, sie, die er doch kaum kannte; dann fürchtete

er etwas andres, das Leben hinter ihr, die Bitterkeit in ihrer Brust,

und außerdem war es ihm unmöglich, ihr auch nur ein einziges zärtliches

Wort zu sagen, weil er keine Zärtlichkeit empfand und weil er sie nicht

niedrig genug schätzte, um skrupellos zu nehmen, was vielleicht mit Mut

und Selbstverleugnung gegeben wurde. Es war zugleich Stolz und Feigheit,

Achtung vor dem Weibe und Angst vor einer Verantwortung, Trotz und

Scham, doch hauptsächlich wohl Scham und schließlich auch eine nagende,

beklemmende Traurigkeit. Alles das war es, nur kein Zugreifen und

unbekümmertes Wagen. Zu viel enthielt jeder Augenblick für ihn, zu

eifrig schaute er vorwärts und rückwärts und seitwärts und nach innen

hinein in die Tiefe. Ein Mensch war ihm etwas unergründlich Vielfaches,

Schwieriges, Gewundenes, Rätselhaftes, und ein Weib, das war nun ganz

und gar ein Geheimnis.

Amöna hatte ihn zu liebkosen versucht; sie ließ nun ab und setzte sich

bleich und stumm auf den Rand ihres Bettes. Sie warf einen schnellen

Blick in den Spiegel, der nebenan an der Wand hing, und ihr Gesicht

hatte einen herausfordernden, wild-verächtlichen Ausdruck. Dann ging

eine ganze Kette von Veränderungen in ihrem Gesicht vor; die Züge

erschlafften, unter den gesenkten Lidern hervor sickerte eine hohle

Müdigkeit über Wangen und Mund, über den Leib flog ein Schauder, sie

warf sich quer über das Bett und seufzte aus furchtbar bedrängter Brust.

Engelhart war sehr bestürzt darüber, was er da angerichtet, er hätte es

gern wieder ungeschehen gemacht, aber das war nun vorbei. So stand er

auf, ging zur Türe und sagte schüchtern gute Nacht.

Draußen regnete es noch in Strömen, wie Peitschenschläge klatschte es

aufs Pflaster. Indes er unter dem Toreingang wartete und den Hutrand

herunterstülpte, weil das Wasser vom Pfosten ab und ihm ins Gesicht

spritzte, löste sich aus der Dunkelheit der gegenüberliegenden Mauer

eine Gestalt und kam rasch auf ihn zu. Es war Franz Klewein. Engelhart

erschrak. Klewein trat dicht vor ihn hin, ergriff mit beiden Händen

seine Rechte und mit schlotternden Kinnladen murmelte er: »Mensch!

Mensch!« Es war nichts Tobendes in seiner Stimme, nur Schmerz und

leidenschaftliche Bewegtheit. Engelhart befand sich jedoch in

wunderlicher Lage; er konnte jenem nicht sagen: das, was du fürchtest,

ist nicht geschehen, denn es gibt eine Männereitelkeit, die stärker ist

als jedes Gefühl von Sünde.

Klewein schien es auch als ein Fatum zu nehmen. Ja, er behandelte

Engelhart herzlicher als vorher und suchte im übrigen wieder Peter Palms

Gesellschaft, die ihm immer unentbehrlicher wurde; sie beschäftigten

sich nach alter Gewohnheit damit, Höhlen zu bauen und andrer Leute

Vorratskammern zu plündern.

Es begann damals ein neuer Wind durch die Zeiten zu wehen; vieles

zerbarst, was bislang in unantastbarer Scheinherrlichkeit gestanden, ein

Frühling des Gedankens war es, ein März der Hoffnungen, mit Fug durfte

man Gewohntem mißtrauen, es brachen Blüten auf, so fremdartig, daß müde

Augen sie für Traumgebilde nahmen, es war wieder einmal freier zu atmen

und mancherlei stand im Wachsen. Engelhart spürte es in allen Fasern und

wußte nicht, wohinaus damit; ein heftiges, blindes Wollen machte ihn

unfähig, dem Augenblick, der gegenwärtigen Stunde genugzutun, seine

Sehnsucht schien ihm doch nicht die rechte zu sein, da sie ihn nicht an

die rechte Stelle führte. Jene aber, an die er sich drangvoll anschloß,

taten, als wüßten sie von nichts. Wenn der Sturm brauste, sagten sie:

»Ach was, das Fenster schließt wieder einmal nicht«, und statt die

Richtung zu deuten, machten sie sich über die Wetterfahne lustig. Sie

verwühlten sich, und um nichts zu sehen, wenn es am wetterträchtigen

Himmel leuchtete, schlossen sie krampfhaft die Augen und schrien: Es ist

finster. Engelhart, in jeder Weise allzu intensiv auf Menschen

angewiesen, ward um sein Lauschen betrogen und etwas Arges, Schmähliches

kam über ihn.

Mit dem trotzigen Entschluß zur Verworfenheit, gleichsam mit verhängtem

Gesicht und aufgerissener Brust hatte sich Klewein in ein

lasterhaft-ausschweifendes Treiben gestürzt. Der Baron, ebenfalls ein

Mensch, der das Leben dort suchte, wo andre es wegwarfen, unterstützte

ihn, Barbeck machte den lüsternen Neugierigen und Peter Palm sprach von

sozialwissenschaftlichen Forschungsreisen, damit die Sache ein

Mäntelchen habe. Es mußte alles ein Mäntelchen haben, jeder Mann und

jedes Ding. »Kommen Sie, Freundchen,« sagte er zu Engelhart, als dieser

einmal schmerzlich zögerte, »die verlorenen Söhne gehören zu den

verlorenen Töchtern.« Sie traten in ein Haus, auf dessen Steinschwelle

sich eine Lache geronnenen Blutes befand; daneben lag ein

zerschnittener, halbverfaulter Apfel.

Aus schmutzigen Kneipen lasen sie verwahrloste Frauenzimmer auf und

zogen mit ihnen umher. Am Abgrund taumelnde Wesen waren es, die mit Lust

den letzten Funken der Unschuld in ihrer von Leiden durchpflügten Brust

verschütteten. Engelhart ward seinem Mitleid und seinem Abscheu ein

Spielball. Ihre Gesichter erschienen ihm im Traum und glichen den

offenen Gräbern für alle Hoffnungen des Lebens. Aber die Dirne ist

vogelfrei, sie steht außerhalb der Welt, sie ist kein Weib mehr, sie ist

die Kreatur schlechtweg, sie fordert keine Scham heraus, sie ist

pflichtenlos und legt niemandem eine Pflicht auf.

Engelhart wußte, was er beging. Wie der Geldborger den besten Freund

fliehen und fürchten lernt, dem er verschuldet wird, so geht es auch

dem, der sein eignes Herz zum Gläubiger macht; er findet einen

unerbittlich stumm mahnenden Feind in ihm. Je mehr Engelhart sich mit

Schuld bedeckte, je mehr betörte er sich mit dem Traum einer großen

Erlösung. Er sah das Weib in seiner schmachvollsten Niedrigkeit und

baute innerlich ein Gebilde von unnennbarer Keuschheit, eine Gespielin

der Götter. Daß Engelhart, so für die Liebe geschaffen wie keiner,

gerade an ihr zum Frevler werden mußte und zum immer wissenden Frevler,

zum sühneerwartenden; seine Jugend hinwerfen mußte, das verirrte Gefühl

nicht bewahren konnte, im Wahnwitz der Ungeduld um ein Ziel und eine

Bestimmung alles von sich werfen mußte, was ihn stark und rein erhalten

konnte!

Es war eine Septembernacht, der Morgen ließ schon die Giebel der Häuser

erblassen, da ging Engelhart mit wunderlicher Langsamkeit, die Hände vor

das Gesicht gedrückt, Schritt für Schritt seiner Wohnung zu. Er mochte

nicht emporblicken, die schwarzen Fenster der Häuser wurden ihm zu

Augen, wie die Augen von Dirnen traurig und leer. In dieser Stunde der

Verzweiflung begegnete ihm jener Justin Schildknecht, den er durch

Barbeck kennen gelernt und den er seitdem nicht wiedergesehen hatte. Er

hatte die Hände vom Gesicht genommen, als der halb Unbekannte

vorüberging, und sah ihm unwillkürlich nach. Plötzlich drehte sich

Schildknecht um, kam wieder zurück, sie wechselten ein paar Worte, auf

einmal fühlte Engelhart wie durch einen Zauberschlüssel sein Inneres

aufgeschlossen, sie gingen miteinander weiter, redeten, redeten,

Verwicklungen lösten sich, Nebel entschwebten, der Himmel wurde licht,

Engelhart fand sich so herrlich verstanden, zärtlich beruhigt, endlich

ein hörendes Ohr, ein sehendes Auge, ihm war, als steige er aus

Bergwerksschächten empor, und als sie sich trennten, besaß er einen

Freund.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 11 / 13 题