Neuntes Kapitel

Die trübselige Reise, das Übernachten in einem schmutzigen Hotel, das

peinliche Wiedersehen mit dem Oheim, es glich einem Traum von nicht

unerwarteter Häßlichkeit. Im Vorzimmer der Firma Freitag und Sohn mußte

Engelhart stundenlang warten. Junge Leute mit bleichen und hochmütigen

Gesichtern saßen an den Pulten im Kontor, in das er durch eine Glastür

blicken konnte. Ein schwarzbärtiger finsterer Herr führte ihn

schließlich ins Privatgemach des Chefs. Dieser Raum zeigte einen

weibischen Luxus und glich mehr dem Boudoir einer Kokotte als dem Zimmer

eines Geschäftsmannes. Herr Freitag, ein kleines grauhaariges Männchen,

lag in einem ungeheuern Ledersessel und hielt, nach Art der

Weitsichtigen lesend, in der ausgestreckten Hand ein Buch. Erst nachdem

Engelhart den schüchternen Gruß wiederholt hatte, wendete Herr Freitag

den Kopf und starrte, scheinbar höchst überrascht, den jungen Menschen

mit herausquellenden Augen von oben bis unten an. »Bevor Sie das nächste

Mal in ein anständiges Zimmer treten, lassen Sie Ihre Stiefel säubern,

Verehrtester,« zeterte er mit einem umkippenden Kastratenstimmchen. »Sie

sind also der Ausreißer, wie? Schön, schön, wir werden ja sehen, wenn

Sie nicht parieren, werf' ich Sie hinaus. Adieu, junger Mann.«

Ein enges düstres Loch im Erdgeschoß eines engen düstern Hauses war das

Zimmer, das Engelhart bewohnen sollte. Es hatte keinen eignen Eingang

und war nur durch die Küche und das Wohnzimmer der Partei zu erreichen.

Nebenan war die Straße, wenn ein Fuhrwerk über das Pflaster donnerte,

begannen die Fensterscheiben und das Geschirr auf dem Waschtisch zu

klappern. Engelhart dachte, es sei nicht möglich, hier zu schlafen, es

sei nicht möglich, hier zu leben. Er setzte sich auf einen Stuhl mit

zerrissenem Rohrgeflecht, und erst nach einer Stunde regungslosen

Hinbrütens ging er daran, seinen Koffer auszupacken. Er hatte das

Gefühl, als ob sein Blut bitter geworden sei.

Kapellers wohnten ein Stockwerk höher. Es waren vier Brüder, die bei der

Mutter lebten, lauter junge Männer, denen das bloße Aufderweltsein schon

gewaltigen Spaß machte; wenn sie außerdem noch tanzen und ins Theater

gehen konnten, waren ihre Ansprüche an das Leben erfüllt. Die Frau besaß

ein kleines Geschäft auf der Hauptstraße und brachte sich knapp durch,

aber sie ließ sich nichts abgehen und war die lustigste von allen.

Zuerst begegneten sie Engelhart mit der Achtung, die sie dem Neffen

eines reichen Mannes schuldig zu sein glaubten, bald jedoch stimmte sie

sein insichgekehrtes Wesen und sein Nichtmithalten feindselig. Es kam

auch vor, daß er aus sich herausging und zu plaudern begann; es durfte

nur ein sympathischer Hauch an ihn heranwehen, dann strahlten seine

Augen auf, er fand Worte, die ihnen fremdartig klangen, sie wurden von

Mißtrauen gegen diese Worte erfaßt, waren überhaupt beunruhigt,

sträubten sich gegen den ganzen Menschen und waren erleichtert, wenn er

endlich gute Nacht sagte. War er dann gegangen, so brach der Streit aus.

Die jüngeren schimpften auf den Gast, Franz Kapeller, der bei Michael

Herz angestellt war und Engelhart schon von früher kannte, nahm sich

seiner an, suchte die Natur des Knaben nach irgendeiner geläufigen

Schablone zu erläutern, auch die Mutter war nicht abgeneigt, den Fremden

in Schutz zu nehmen, betrachtete ihn aber doch nur wie einen

Schauspieler, der einem für bestimmtes Eintrittsgeld etwas vorspielt;

endlich fand der dritte Sohn das richtige Wort, das fernere Erörterungen

abschnitt, und sagte: »Er ist halt ein Jud.« Am nächsten Tag gab ihnen

Engelhart wieder neuen Stoff zu Redereien. Nach dem Essen setzte sich

der jüngste Kapeller ans Klavier und spielte in roh klappernder Manier

und mit wahren Bärentatzen ein paar Märsche und Walzer herunter. Während

er eine Pause machte, sagte Engelhart ernsthaft: »Ich kann auch Klavier

spielen,« und unter dem neugierigen Schweigen der Familie setzte er sich

vor das Instrument, schaute eine Weile in die Luft und viele Monate

lang vergaß er die drangvolle Sehnsucht nicht, die ihn in diesen

Augenblicken erfüllte. Es war wie ein Wahn, er hatte gedacht, er müsse

spielen können, die Tasten und die Saiten könnten nicht anders, als

seinem vollen Innern gehorchen. Endlich mußte er unter dem hämischen

Gelächter der am Tische Sitzenden abziehen, und obwohl tief beschämt,

lachte er mit ihnen.

Im Freitagschen Geschäft kümmerte man sich weniger um ihn, als er

erwartet hatte. Im Anfang hatte er guten Willen gezeigt, aber da niemand

von seiner Bemühung Notiz nahm und es gleichgültig schien, ob er viel

oder wenig tat, erlahmte er schnell. Was soll ich denn hier? war die

Frage, die ihm beständig durch den Kopf ging. Und wirklich, was sollte

er hier vor sich bringen, wodurch seiner Zukunft nützen? Nach Gelderwerb

stand ihm nicht der Sinn, und die Dinge, die sein Herz aufregten, wenn

er sie nur dachte, lagen weltenweit. Er wurde hierhin und dorthin

geschoben, keiner scherte sich um den andern, es wurde nur gerade das

Notwendige geleistet und das mit viel Lärm und Wichtigtuerei. Herr

Freitag selbst war Spekulant und hatte an der Börse ein großes Vermögen

gewonnen. Er betrachtete das Warengeschäft als eine Spielerei und hielt

es nur mit Rücksicht auf seine Söhne in Gang, von denen sich aber

niemals einer blicken ließ. Wenn sich Herr Freitag vorn in den

Schreibstuben befand, wurden in der sogenannten Auslieferung, wo

Engelhart beschäftigt war, zwei Lehrlinge als Wachtposten aufgestellt,

damit er seine Leute nicht überrumple. Schon von weitem hörte man ihn

fauchen, spucken und kreischen, er schien wie eine alte Henne mit

Flügeln um sich zu schlagen, wenn er durch die drei Säle zappelte,

steckte seine Nase in jedes Stück Papier und behauptete unablässig, er

sehe alles, er höre alles, ihm entgehe nichts. Gefürchtet wurde bloß

Herr Gallus, der finstere Schwarzbärtige, der Prokurist der Firma, und

dessen Vertrauensperson war die Expedientin, Fräulein Ernestine

Kirchner. Sie mochte nicht mehr ganz jung sein, vielleicht

achtundzwanzig Jahre alt, hatte eine hübsche Gestalt, einen langsamen

und anmutigen Gang und blasse, starke Lippen. Sie wurde von allen, auch

von Herrn Freitag, mit Respekt behandelt, nur der finstere Gallus nannte

sie kurzweg beim Vornamen. Durch ein gleichmäßig heiteres Naturell

wirkte sie besänftigend auf die verschiedenartigen Elemente, und sie

beobachtete Engelharts unruhvolles Nichtstun mit schweigender Teilnahme.

Hatte sie ihm des Morgens eine Arbeit auferlegt und sie war am

Nachmittag noch ungetan, so ließ sie keinen Vorwurf hören, sondern ging

in aller Stille selbst daran. Da erschrak Engelhart vor der

Dankverpflichtung, die sie ihm auferlegte, und nahm sich das nächste Mal

zusammen.

»Woran denken Sie eigentlich?« fragte sie ihn einmal und sah ihn mit

ihren dunkelblauen Augen erstaunt an; »wie kann man unaufhörlich

denken!«

»Ich denke gar nichts,« erwiderte er, »ich bin nur traurig.«

»Ach du himmlische Güte!« rief sie aus und schlug gutmütig spottend die

Hände zusammen. Sie fuhr aber fort, ihn zu betrachten, in ihrem Blick

war ein Aufglänzen, es schien ihr, als habe sie diesen dunkeln Kopf mit

den gesammelten Zügen vor vielen Jahren schon gesehen, es überrieselte

sie eine freudige Erinnerung.

In demselben Raum arbeitete ein häßlicher, einäugiger und fast zahnloser

Mensch namens Zeis; er war tüchtig und der einzige, der kaufmännischen

Ehrgeiz besaß, aber aus Furcht vor der Aufsässigkeit der lediglich

taglöhnernden Genossen versteckte er sich hinter einem schlappen und

schläfrigen Wesen. Mit Mißvergnügen war er Zeuge des guten Einvernehmens

zwischen Ernestine und dem Knaben. Da er mit Franz Kapeller bekannt war,

erfuhr er einiges über Engelharts früheres Schicksal und benutzte dann

seine Wissenschaft zu bösartigen Entstellungen. Außerdem hetzte er die

andern Lehrlinge gegen ihn auf, alles in der Stille und mit einer

wirkungsvollen Gleichgültigkeit. Einmal mußte Engelhart mit dem ältesten

Lehrling, dessen Name Porkowsky war, Geld zur Bank tragen, es war Abend,

als sie zurückkehrten, Porkowsky blieb auf der belebten Straße bei einer

Dirne stehen und führte ein freches Gespräch, um sich vor Engelhart als

Lebemann aufzuspielen. Engelhart hörte eine Weile wie versteinert zu,

dann machte er sich davon und kam lange vor dem andern ins Geschäft.

Dies mußte auffallen; wenn Geld zur Bank gebracht wurde, war es streng

untersagt, daß die Boten sich trennten, selbst auf dem Heimweg.

Engelhart trug Scheu, den wahren Grund anzugeben, Porkowsky machte sich

diesen Umstand zunutze und brachte bei Herrn Gallus eine Lüge vor, durch

die Engelhart schuldig schien. Herr Gallus war ohnehin nicht gut zu

sprechen auf Engelhart; er schimpfte nicht, dazu war er zu vornehm, er

begnügte sich mit einem geringschätzigen Lächeln, das sich müde durch

seinen kohlschwarzen Bart stahl. Zu Neujahr nun erhielten alle

Angestellten ein Geldgeschenk, von den Lehrlingen bekam jeder zwei oder

drei Dukaten, Engelhart allein ging leer aus. Es hieß, der Chef sei

unzufrieden mit seinen Leistungen. Er hatte sehr auf das Geld gerechnet,

weil er einige Bücher davon hatte kaufen wollen, nach denen er längst

Begierde empfand, und er war verzweifelt. Bei Kapellers fragten sie ihn,

wieviel er bekommen habe, und er erzählte, er habe zwanzig Gulden

bekommen. Sie erfuhren bald die Wahrheit, es war auch eine gar zu

unvorsichtige Lüge, doch stellten sie ihn nicht offen zur Rede, sondern

suchten ihn durch tägliche versteckte Bosheiten zu beschämen. Sie

glaubten jetzt seinen Charakter durchschaut zu haben.

Vor dem Oheim ließ sich natürlich nichts verheimlichen. Aber er nahm es

nicht so schwer, wie Engelhart gefürchtet, es war, als ob er sich zur

Nachsicht entschlossen hätte. Es ging Michael Herz eigen mit Engelhart.

Etwas widerstrebte ihm an dem jungen Menschen aufs äußerste, die ganze

Art der Lebensführung, das unbestimmte Hinundher, die Unsicherheit des

Auftretens, etwas feige Beklommenes, worunter es seltsam zuckte und

wühlte wie bei jemand, der nicht schlafen kann, weil er sich vor dem

Ausbruch eines Feuers fürchtet. Anderseits sprach das Blut mit

deutlicher Stimme für den Neffen; wenn er mit Engelhart allein war,

bestach ihn oft ein Wort, das so lebendig und neu klang, wie er es sonst

von keinem Mund noch gehört, und er konnte sich dem flehentlichen Werben

eines Blickes so wenig entziehen, daß er ihn aufs gütigste und doch so

scheu, als beginge er ein Verbrechen, nach irgendeinem Wunsch befragte.

Dies rührte Engelhart stets, und er hätte sich der Käuflichkeit des

Gefühls schuldig gefunden, wenn er bei solchem Anlaß ein Verlangen

geäußert hätte. So wurde nichts besser, dort blieb das Mißtrauen und

hier ein unfruchtbares Sichverschließen. Michael Herz vergaß rasch; er

vergaß das Üble, was man ihm zugefügt, und er vergaß den günstigen

Eindruck, den er erhalten; alle Kräfte des Willens und der Energie

verbrauchte er in seinem Beruf, sonst lebte er nur dämmernd hin und war

jeder fremden Einflüsterung zugänglich, insonderheit von seiten der

Frau, die er in seiner stillen Weise unendlich vergötterte. Es machte

Engelhart Kummer, daß er die Abneigung dieser Frau nicht zu besiegen

vermochte. Als er eines Mittags bei Schneegestöber das Geschäft verließ,

bot eine Blumenhändlerin ihm wie allen Vorübergehenden Veilchen zum Kauf

an. Er überlegte im Weitergehen, kehrte um und nahm drei Sträußchen, die

er zusammenband. In allem Ernst dachte er, daß er Frau Esmee durch die

Blumen milder stimmen könne. Es kam Farbe in seine Wangen, er

verdoppelte seine Schritte und beglückwünschte sich zu dem Einfall. Frau

Esmee nahm den Strauß mit unbewegter Miene entgegen, nicht gerade

verdrossen, aber doch gelangweilt oder als ob er einen Gegenstand vom

Teppich aufgehoben hätte, den sie fallen gelassen. Während des Essens

war sein Gesicht weiß wie der Teller und der Oheim äußerte sich besorgt

über seinen Mangel an Appetit. Später mußte er bei einigen Handwerkern

in der Vorstadt Bestellungen abliefern; er sah da immer viel Elend,

kranke Weiber, betrunkene Männer, rhachitische Kinder, armselige Stuben,

in denen alles bis auf einen Strohsack versetzt war. In tiefer Betrübnis

kam er gegen Anbruch der Dämmerung ins Geschäft zurück. Von den Herren

im Magazin war keiner zu sehen, auch die Lehrlinge waren fort, Ernestine

Kirchner saß allein an ihrem Schreibpult, und als er eintrat, schob sie

einen angefangenen Brief beiseite, stützte den Kopf in die Hand und

schaute in den immer dichter fallenden Schnee hinaus, der die Gasse mit

bläulichem Licht füllte. Endlich sagte sie, sie habe heute Vorwürfe

darüber hören müssen, daß sie seine Lässigkeit nicht nur dulde, sondern

geradeswegs unterstütze. Er seufzte, und ohne sie anzuschauen, griff er

zur Feder. Sie lehnte sich mit gekreuzten Armen neben ihn hin, ihre

Schulter streifte die seine, und sie blickte auf seine Finger, die

langsam und maschinenmäßig Zahlen und Buchstaben aufs Papier schrieben.

Ernestine dachte, daß vielleicht ein Geheimnis auf ihm laste. Sie

wünschte, daß der leidenschaftlich verpreßte Mund sich öffnen solle.

Freilich wußte sie schon, daß er die Dinge zu schwer nahm und alles zu

nahe an sich herantreten ließ, daß er zu bedürftig um die Herzen der

Menschen warb und sich wehrlos der umklammernden Verstimmung preisgab,

wenn er sich fortgestoßen fühlte. Plötzlich warf er den Kopf etwas

zurück und sagte: »Ich bin nicht dafür geboren, damit Sie es nur

wissen.«

Sie lächelte, und ihr verwunderter Blick schien fragen zu wollen: und

wofür bist du denn geboren? »Aber Kind,« sagte sie sanft, nahm seinen

Kopf zwischen beide Hände und drehte ihn wie den einer Puppe, bis sie

seine Augen den ihren gegenüber hatte. »Ich weiß alles,« sagte sie mit

einem gespannten und heiteren Ausdruck in den Mienen, »alles, alles,

alles.« Damit küßte sie ihn dreimal auf die Lippen. Engelhart lehnte die

Stirn an ihre Wange; er spürte einen leichten Schrecken, als befinde er

sich nun in Schuld. Gleich hernach hörten sie Schritte; Herr Gallus kam

und fragte grob, warum noch kein Licht brenne. Er schritt ein paarmal

schweigend auf und ab, reichte Ernestine ein kleines, verschnürtes Paket

und ging wieder.

Jetzt hatte Engelhart doch einen Menschen zur Seite. Zum erstenmal im

Leben durfte er sich aussprechen, mit seinen eignen Worten sprechen,

ohne Rückhalt und Bedenken sagen, wie ihm zumute war. Noch nie hatte

Ernestine dergleichen gehört; sie war erstaunt. Welcher Trotz, welche

Glut! Im Nu entstanden Hoffnungen, im Nu waren sie schon verwirklicht,

ein Funkenschwall von großen Worten prasselte, berauscht vom offenbar

Unmöglichen, begann er zu tanzen, aber die einfache Frage: was willst

du? wohinaus, Jüngling? die auf Ernestinens Lippen brannte, vermochte er

nicht zu beantworten. Ein neugieriger Blick des Mädchens verletzte ihn,

und er fiel in dumpfes Schweigen. Niemand war wie er verurteilt, durch

Worte, durch Blicke, durch das Beargwöhnen fremder Gedanken zu leiden.

Sie war zärtlicher als eine Mutter gegen ihn, und wenn sie seine

Leidenschaft erweckt hatte, bekam sie Angst und suchte zu dämpfen. »Mein

Liebling,« sagte sie zu ihm. Immer trug sie sein trunkenes Gesicht im

Innern, das geistige Auge, aber das liebste war ihr sein Träumerlächeln,

wenn er vor ihr saß mit verschleiertem Blick, still und aufrecht wie

eine Pflanze.

Es kam der Frühling, und mit ihm eine bange Zeit für Engelhart. An einem

der ersten schönen Tage begleitete er Ernestine vom Geschäft aus in ein

entferntes Stadtviertel, wo sie eine Freundin besuchen wollte. Sie

plauderten ruhig, Engelhart erzählte von seinen Eltern; es umfing ihn

stets ein tiefes Wohlbehagen, wenn er Seite an Seite mit Ernestine ging

und wenn sie mit einem wunderbaren Ernst ihm zuhörte. Dann trennten sie

sich, und er kehrte allein zurück. Die Sonne war schon untergegangen,

rosiger Staub erfüllte die Straße, die Luft roch wie Wein. Engelhart

spürte eine schreckliche Erregung, er spürte sie wie kleine Kugeln durch

die Adern rollen. Bei jeder Ecke blieb er stehen und atmete schwer.

Menschen und Dinge erschienen ihm wie Wahngebilde. Von den jungen Frauen

und Mädchen, die er sah, fielen plötzlich die Gewänder ab, und sie

schritten nackt dahin; er sah, wie ihre Knie sich bogen und die Haut

über den Hüften schimmerte wie Schnee. Er blickte durch die Mauern der

Häuser hindurch und gewahrte überall das, was ihm Grauen und Lust

erregte. In seiner Kammer angekommen, ließ er die Rolläden herab,

verstopfte mit Baumwolle die Ohren und brütete vor sich hin. In der

Nacht konnte er nicht schlafen. Er wälzte sich wie ein Vergifteter auf

dem Lager. Die leichte Decke lag wie Blei auf ihm, die Kissen wurden ihm

heiß, er schleuderte sie fort. Um zwei Uhr zündete er die Kerze an und

versuchte zu lesen. Das Herz schlug so laut, wie wenn man mit dem

Knöchel an ein Brett pocht. Darauf kehrte er von neuem den Kopf gegen

die Wand, aber die Stille hatte tausend Zungen und führte Bilder herauf,

die vor Scham seine Glieder zittern machten. Mit aller Anstrengung

sammelte er die Gedanken und dachte an Ernestine. Da trat sie schon an

das Lager, und er küßte sie wie nie zuvor. Sie verlor das Leben in

seinen Armen, er warf sich schluchzend über sie hin und ließ Blut von

seinem Blut in ihre Pulse strömen. Doch seltsam, als er am nächsten Tag

mit ihr allein war, da schwieg der entsetzliche Aufruhr, und die

Erinnerung an die Wünsche der Nacht ließ ihn vor Scham erbleichen. Und

kaum war er allein, so kam es wieder; am Abend floh er aus seinem Zimmer

auf die Straße und marschierte weit, bis er zu dem Haus kam, wo

Ernestine wohnte. Es beruhigte ihn, zu ihren Fenstern emporzublicken,

und das tolle Fieber wich vollends, als er müde war vom Stehen.

Wohl bemerkte Ernestine die Veränderung in seinem Wesen, und sie ahnte

den Grund. Ihre Unbefangenheit und die seelenvolle Freiheit ihm

gegenüber schwanden langsam hin, und das schmerzte sie. Sie hatte kein

leichtes Leben; vielerlei Entbehrungen lagen hinter ihr; durch gewisse

Verpflichtungen war sie nach oben und unten mannigfach verstrickt, und

dies kann den Geist mehr umdüstern als unmittelbare Leiden.

Demungeachtet war ihr eine süße Heiterkeit des Herzens verblieben, und

ihr Gemüt war das jener Frauen, die immer vergeben, immer verzeihen und

für alle Bitterkeiten, welche sie erfahren müssen, in ihrer Brust eine

ganz besondere, ehern verschlossene Kammer besitzen. Sie hatte nicht

beabsichtigt, in Engelharts Dasein eine Rolle zu spielen, es war nur so

gekommen; jetzt fühlte sie sich auf einmal wunderlich verkettet, und das

machte sie schwermütig. Er glaubte, sie wisse nichts von seinen

verborgenen Drangsalen, aber sie wußte alles, da sie schon ein

erfahrenes Weib war und das Leben kennen gelernt hatte. Freilich hatte

sie gedacht, ihn führen, ihm helfen zu können, etwas in ihm erhob sie

über sich selbst; nun fühlte sie sich hingerissen, und sie wehrte sich.

In einer Stunde, wo sie allein waren, sagte sie ihm, es wäre besser,

wenn sie nun wieder einander fremd würden. Aber als sie ihn dann ansah,

bereute sie ihre Worte; in ein Gesicht zu sehen, bedeutet eben viel;

selbst die ungern durchlebte Vergangenheit schwindet im Leuchten eines

geliebten Auges hin. Sie drückte die Lippen auf seine Haare, während er

in sich versank; seine Glieder nahmen eine eigentümliche Schlaffheit an,

halb sitzend, halb hingelehnt blieb er, regungslos wie eine Zielscheibe

für die Geschosse des Schicksals. Er konnte ihr nicht widersprechen,

denn er liebte ja Ernestine nicht; was ihm Liebe war, das lag in

mystischer Ferne, schien fast unerreichbar und hatte kaum Gestalt; es

schwamm hoch im Bereich des Traumes gleich einer Wolke über

Schneegipfeln.

Inzwischen war die vertrauliche Beziehung der beiden nicht unbemerkt

geblieben. Der einäugige Zeis erging sich in erbitterten Anspielungen

und konnte seine Wut nicht mehr bemeistern. Er wagte es, Ernestine zur

Rede zu stellen; sie fertigte ihn nach Gebühr ab. Darauf machte er sich

an den Prokuristen. Herr Gallus war zu hochmütig, um Notiz davon zu

nehmen, wenigstens blieb er äußerlich kalt. Doch war er an diesem Tag

finsterer denn je, und als der Korrespondent ihm einen Brief zur

Unterschrift reichte, riß er das beschriebene Blatt ohne Anlaß mitten

durch und knirschte mit den Zähnen. Man sagte allgemein, daß er

Ernestine Kirchner heiraten wolle und daß sie sich ihm versprochen habe.

Sie verließen auch oft zusammen das Geschäft, und einmal bei Regenwetter

waren sie Arm in Arm gegangen. Wenn Engelhart darüber etwas erfahren

wollte, schüttelte Ernestine bedächtig den Kopf, und es schien, als ob

sie nicht gern davon sprechen höre. Im übrigen zeigte sie sich jenen

Umtrieben gegenüber sorglos wie jemand, der seiner Macht sicher ist.

Herr Zeis wußte immer mehr die Lehrlinge aufzuhetzen, von denen

Porkowsky schon längst Engelharts geschworener Feind war; sie

schnüffelten unaufhörlich um ihn herum, kontrollierten seine Arbeit,

wußten es anzustellen, daß er möglichst viel in der Stadt herumlaufen

mußte, streuten bösartige Verleumdungen aus, und wenn man den Urheber

fassen wollte, zerfloß alles in Luft und Gelächter. Engelhart glaubte es

oft kaum ertragen zu können, er atmete wie in Gewitterschwüle, er wurde

mutlos und krankhaft erregt, dazu kamen nun die heißen Tage des Sommers

und jenes andre, das ihm die Ruhe des Geistes raubte und das unbefangene

Gefühl seines Leibes, so daß ihm zumute war wie einem Menschen, der vor

dem Spiegel steht und sein eignes Bild nicht gewahrt.

Eines Nachmittags, es war Ende Juli, ließ der Buchhalter Herrn Zeis eine

Faktura abfordern, die er ihm den Tag vorher gegeben haben wollte. Herr

Zeis behauptete, er habe die Faktura nicht bekommen, erinnerte sich

aber, sie auf Fräulein Kirchners Tisch gesehen zu haben. Es wurde

gesucht, alle Schubladen aufgerissen, alle Mappen durchstöbert,

schließlich wurde die Vermutung laut, Engelhart habe das Schriftstück

zur Eintragung ins Lagerbuch bekommen. Der Lehrling Porkowsky

versicherte sogar, Zeuge gewesen zu sein. Engelhart protestierte, es kam

Herr Gallus hinzu, öffnete selbst die Lade seines Schreibplatzes und

murmelte etwas Verächtliches über die Unordnung darin. Engelhart

bemerkte schüchtern, Porkowsky habe schon in der Lade gesucht. Herr

Gallus zuckte die Achseln, und auf einmal wurde er stutzig und streifte

Engelhart mit einem Blick maßloser Geringschätzung. Er hatte die

Schreibmappe Engelharts aufgeschlagen und zwischen zwei Löschblättern

ein Bild hervorgezogen, eine Photographie, welche in ekelhafter Roheit

einen ekelhaften Vorgang darstellte. Die Lehrlinge hatten sich neugierig

hinzugedrängt und kicherten. Herr Gallus faltete das Blatt schweigend

zusammen; er stand mit gespreizten Beinen und wippte langsam auf den

Fußspitzen. Dann wandte er sich zu Ernestine, die außerordentlich blaß

geworden war, und sagte: »Das scheint ja ein hoffnungsvoller Jüngling zu

sein.«

Engelhart zitterte am ganzen Körper. Er spürte Nadelstiche im Kopf und

griff unwillkürlich an seine Stirn. Er hatte beide Lippen gleichsam

zwischen die Zähne geschlürft, und seine Züge zeigten einen

beängstigenden Ausdruck. Da fiel sein irrer Blick auf Porkowsky, und

nicht so bald hatte er das höhnisch-feindselige und dumpf-verlegene

Lächeln auf dessen vollwangigem und fahlem Gesicht bemerkt, als ihm

alles klar wurde. Ohne Besinnung stürzte er auf den Burschen zu, packte

ihn mit der einen Faust an der Kehle, mit der andern bei der Schulter

und riß ihn mit einem Ruck zu Boden. Ernestine schrie auf, der Prokurist

und Herr Zeis fielen dem Rasenden in die Arme und drängten ihn gegen das

Fenster, wo er noch immer zitternd und fieberhaft atmend stehen blieb.

Porkowsky stöhnte und lag dann still da, doch war er nicht verletzt.

Herr Gallus ging zu der Glastüre, die von diesem Raum aus auf die Straße

führte, öffnete sie, streckte die Hand aus und rief Engelhart zu:

»Marsch!« Engelhart nahm seinen Hut und ging, ohne den Blick zu erheben.

In demselben Schritt und derselben geduckten Haltung, wie er jene

verlassen, schlich er weiter und wurde noch in entfernten Straßen von

ihren haßerfüllten Blicken verfolgt. Er hatte Durst und trat in ein

Kaffeehaus, das ganz leer war, hielt sich jedoch nicht lange auf,

sondern ging nach Hause, warf sich auf das Bett und schlief ein. Er

träumte, daß er sich in einer herrlichen Sommerlandschaft befinde, über

der sich jedoch statt des Himmels eine seltsam grüne, moosartige Decke

wölbte. Freudig wollte er in das Gefilde hinausschreiten, da sah er sich

durch eine gläserne Wand gehemmt, die er vorher nicht bemerkt. Er

versuchte es nach einer andern Seite, und es erging ihm nicht besser,

ringsum waren gläserne Wände, und allmählich wurde ihm der Anblick der

Schönheit zur Qual, in der er dann aufwachte.

Kapellers ließen ihn wissen, daß sie den Abend auf dem Kahlenberg

zubringen wollten, wenn er mitzutun Lust habe, sei er willkommen, wenn

nicht, finde er kaltes Nachtessen bereit. Er schlug das Anerbieten aus;

um acht Uhr aß er oben alleine, und als er wieder herunterkam, fand er

einen Brief von Ernestine, den ein Bote gebracht hatte. »Mein

Liebling,« schrieb sie, »ich weiß, daß Du unschuldig bist. Du sollst

nicht verzweifeln, ich will alles wieder für Dich richten. Vertraue nur

auf mich, mein Liebling, mehr kann ich Dir für heute nicht sagen.« Da

beschloß er, in ihre Wohnung zu gehen. Nach einer halben Stunde war er

dort und läutete. Es wurde erst nach geraumer Weile geöffnet. Ernestine

schien befangen, als sie ihn sah. Sie bat ihn, zu warten, darauf ging

sie ins Zimmer zurück, flüsterte dort mit jemand, und als er später

eintrat, war sie allein. Doch hinter der verschlossenen Tür des

Nebenzimmers hörte er ungeniertes Lachen und Scherzen. Ernestine

erzählte ihm, daß sie die Wohnung mit einer Freundin teile, einer

Ladnerin aus der Inneren Stadt, und das Mädchen habe ihren Verlobten bei

sich. Allmählich wurde es drinnen sonderbar still, auch das Gespräch

zwischen Engelhart und Ernestine geriet ins Stocken. Er hatte geglaubt,

freier mit ihr reden zu können, doch sie war bedrückt und nachdenklich,

auch küßte sie ihn nicht. Es war ein schwüler Abend, beide Fenster waren

offen, das Zimmer lag hoch, man blickte über Dächer in den purpurnen

Abendhimmel, auf der andern Seite des Horizonts grollte leiser Donner.

Engelhart erhob sich und trat zum Fenster, Ernestine folgte ihm und

legte den Arm um seine Schulter; so starrten sie ziemlich lange gegen

die Straße hinunter, hörten ihr Blut rauschen und ihr Herz pochen, und

beides klang fremd und beängstigend. Ernestine wußte nun um das

Unabänderliche, das kommen mußte, und hätte es gerne nicht geschehen

lassen, aber es gibt Stunden, wo der Wille wie ein abgeschlagenes Tier

müde wird. Beim Lampenlicht beugte sie sich noch einmal über Engelhart

und blickte ihm tief in die Augen. »Ach,« seufzte sie und deckte die

Hand über seine Lider, »du weißt noch nichts von der Welt.« Er glich

einem Kind, als er stundenlang schweigend an ihrer Brust lag. Er dachte,

mehr von der Welt zu wissen sei überflüssig. Dünkte ihm dies schon zu

viel.

In den nächsten Tagen trieb er sich müßig umher. Jeden Morgen erhielt er

ein Briefchen von Ernestine, worin sie ihn benachrichtigte, wie die

Dinge standen. Sie hatte es durchgesetzt, daß Herrn Freitag von dem

Vorfall keine Mitteilung gemacht wurde, doch Herr Zeis hatte den

Lehrling Porkowsky, der eine Verletzung am Kopf erlitten zu haben

behauptete, zur Forderung eines Schadenersatzes aufgehetzt. Porkowsky

verlangte fünfzig Gulden und drohte, wenn er diese nicht erhalte, sich

an Herrn Freitag und an Michael Herz zu wenden. Ernestine stellte ihm

vor, daß er den Denkzettel wohl verdient habe und daß Engelhart Ratgeber

selbst ein armer Mensch sei, aber da die Geschichte Geld zu tragen

versprach, blieb der Bursche starrsinnig und beteuerte außerdem seine

Unschuld. Engelhart wußte nicht, wie er eine so große Summe auftreiben

solle, und doch durfte der Oheim um keinen Preis das Geschehene

erfahren, ein unauslöschlicher Schimpf wäre haften geblieben; er

vermochte sich gegen solche Dinge mit Worten nicht zu verteidigen. Nun

war aber Michael Herz seit drei Wochen verreist und hatte Engelhart, um

ihm einen Beweis des Vertrauens und der wieder erwachenden guten

Gesinnung zu geben, bis zu einem gewissen Grad freien Kredit an der

Kasse der Firma eröffnet. Engelhart hatte sogleich begriffen, daß dies

nichts andres bedeutete als eine Probe für sein Anstandsgefühl, selbst

wenn es kein berechneter Plan des Oheims war, und er hatte bis jetzt

nicht den geringsten Gebrauch von der Vergünstigung gemacht. Porkowskys

Verhalten wurde drohender, Ernestine meinte schüchtern, sie wolle

Engelhart einen Teil des Geldes leihen, so viel sie eben entbehren

könne. Er schlug es aus, ging am andern Tag zum Kassier der Firma Herz,

ließ sich fünfzig Gulden auszahlen und schickte sie an Ernestine mit der

Bitte, den Elenden zu befriedigen.

Der Oheim kam zurück und war erstaunt, daß Engelhart einen

verhältnismäßig so bedeutenden Betrag auf einmal erhoben hatte; sein

Erstaunen verwandelte sich in Unwillen, als der junge Mensch über die

Verwendung des Geldes keine Auskunft geben konnte oder wollte, und er

vermutete natürlich das Schlimmste. Eines kam zum andern, Michael Herz

erkundigte sich bei seinem Geschäftsfreund Freitag; dieser, von Herrn

Gallus beraten, wußte nichts Gutes über Engelhart zu berichten und litt

außerdem zu der kritischen Stunde an Podagra, was ihn boshaft und

menschenfeindlich machte. Noch am selben Tag ließ Frau Esmee Engelhart

zu sich rufen; sie lag im Bette, da sie Migräne hatte, und sah verweint

aus. Engelhart mußte bittere Worte schlucken, der ganze Kummer des

Oheims sprach aus dem Munde der Frau. Der Onkel wolle ihn nicht mehr

sehen, wurde ihm gesagt, er möge nach Hause reisen und sich auf eigne

Faust durchs Leben schlagen. Der Wille des Oheims sei, daß er jetzt sein

Militärjahr abdiene, vielleicht könne strenge Zucht ihn noch vor dem

moralischen Untergang retten. Da er zweitausend Mark mütterliches

Vermögen habe, werde ihm ein Teil dieses Geldes zur Bestreitung seiner

Bedürfnisse ausgesetzt werden. In solchem Sinne hatte Michael Herz

bereits an Herrn Ratgeber geschrieben, hatte aber aus Rücksicht für den

vielfach enttäuschten Mann Engelharts Vergehungen nur flüchtig und in

verschleierter Form erwähnt.

An einem schönen Abend war Engelhart noch einmal mit Ernestine

beisammen. Sie waren weit draußen an der Westbahn, und nachdem sie lange

über die Wiesen spazieren gegangen waren und nun die lieblichen Hügel

von blauer Dunkelheit umsponnen wurden, kehrten sie in einem Wirtsgarten

ein, wo eine Musikkapelle spielte. Über ihnen dehnte sich das schwere

Laubgewölbe uralter Kastanienbäume, und wenn die Musik schwieg, hörten

sie hin und wieder eine Frucht dumpf zur Erde fallen. Engelhart hatte

dem Mädchen noch nicht gesagt, daß er reisen müsse und schon morgen

reisen müsse, aber sie merkte an seiner bedrückten Schweigsamkeit, was

im Werke war. Sie summte ein sentimentales Liedchen mit, das der Hornist

in die Nacht hinausschmetterte, Engelhart trank von dem roten Landwein,

lehnte den Kopf etwas zurück und blickte mit aufleuchtenden Augen gegen

den Sternenhimmel. Er wußte eigentlich nicht, wie ihm geschah, er lebte

und lebte doch nicht, er spürte die Erde und liebte die Erde und war ihr

wieder fremd, sie schoben ihn, ohne seinen Willen ging es hierhin und

dorthin, und doch fühlte er sich, wenn er deutlich die Bewegung

erkundete, von einer geheimnisvollen Strömung sicher getragen. Mochten

sie ihm alles rauben, die vergängliche Lust des Tages, ja auch das Brot

zur Stillung des Hungers, so besaß er sich doch selbst, und wenn er

ärmer schien als der Ärmste, so war er in Wirklichkeit noch reicher als

die Reichsten, und er dachte: 'mir gehören doch die Sterne'.

Auf der Heimfahrt sagte er dann zu Ernestine, daß er heute Abschied von

ihr nehme. Sie erwiderte nichts. Er ging noch mit ihr in die Wohnung,

und als er aufbrach, war es spät. Ernestine suchte aus einem Kästchen

einen schmalen Goldring mit einem Türkis hervor und steckte ihn an

Engelharts Finger. »Leb wohl, Liebling,« sagte sie mit erstickter

Stimme, »und Gott segne dich.« Der Duft von ihrem Körper blieb an seinen

Kleidern haften und war ihm noch länger in die Erinnerung gegraben als

das Bild ihrer leicht schreitenden Gestalt.

Bei Regenwetter war er damals von Würzburg abgefahren, bei Regenwetter

kam er dahin zurück.

Gerda weilte nicht mehr beim Vater, sie war bei den Verwandten in

Gunzenhausen und sollte mit Helene Wahrmann im Oktober nach Wien reisen.

Herr Ratgeber war derselben Ansicht wie Michael Herz, nämlich daß der

Militärdienst auf den undisziplinierten Geist des Jünglings als eine

wohltuende Zucht wirken werde. Herr Ratgeber sah schon einen

Halbverlorenen in ihm, und die Stiefmutter sagte, er ist ein echter

Ratgeber, er liebt nur sich selbst. Für seine Bedürfnisse sorgte sie

schlecht und recht; es war nicht Herzensgebot, sondern eine durch die

Außenwelt vorgeschriebene Pflicht, alles geschah mit Rücksicht auf die

Augen der Leute, und wenn einem was vergönnt wurde, hieß es gleichsam:

Na, seht mal her, Leute, ob das nicht wohlgetan ist! Herr Ratgeber hatte

in seinem neuen Beruf Ärger und Zurücksetzung genug erfahren müssen.

Beim Antritt seiner Stellung hatte die Direktion der Gesellschaft

versprochen, daß kein zweiter Inspektor neben ihm arbeiten solle; kaum

aber hatte er sich bekannt gemacht und durch seinen unermüdlichen Eifer

die Anstalt, der er diente, wahrhaft gefördert, als sie alle Abmachungen

vergaßen und doch einen zweiten anstellten, einen sehr windigen Herrn

namens Dingelfeld, der sich darauf verlegte, Herrn Ratgeber die Kunden

wegzuschnappen, und durch ein anmaßendes Wesen jeden Einspruch

vergeblich machte. Dazu war dieser Dingelfeld für alles, was er war und

hatte, Herrn Ratgeber zu Dank verpflichtet, da er ihn einst vor völligem

Untergang bewahrt, ja sogar seinen guten Namen gerettet hatte. Niedrige

Seelen werden durch den Druck solcher Verpflichtungen zur Rachsucht

gestimmt, und Herr Ratgeber konnte das nicht verwinden. Er würgte seinen

Gram in sich hinein, sein lebhaftes und stolzes Auge begann unsicherer

zu werden, oft, wenn er mit Engelhart allein war, machte er

pessimistische Bemerkungen über die Menschen, und das war bei ihm der

Ausdruck einer tiefen Verdüsterung. Mehr als das unsolide Gebaren seines

Nebenbuhlers schmerzte ihn die Wortbrüchigkeit der Vorgesetzten. Sein

Blut geriet in Wallung, wenn er der Unbill gedachte, die er erfahren,

und in jedem Brief wies er auf seine Leistungen hin und forderte

Gerechtigkeit. Jene ließen sich jedoch auf persönliche Dinge nicht ein,

sie suchten den unzufriedenen Mann durch Schmeicheleien und große

Versprechungen kirre zu machen oder schnitten jede Erörterung mit einer

amtlichen Phrase ab, die das unwillkürliche Eingeständnis enthielt: Wir

dürfen Verträge brechen, denn wir sind die Mächtigen, wir sitzen auf dem

Geldsack.

Engelhart hatte sich zum Dienst gemeldet, war untersucht und trotz

seiner Jugend angenommen worden. Am ersten Oktober stand er mit vielen

andern auf dem Kasernenhof, sie wurden den verschiedenen Kompagnien

zugeteilt, dann führte ein Unteroffizier ihn und sieben oder acht

Gefährten in das Bataillonsgebäude, die Monturen wurden ausgeteilt, die

Räume angewiesen und man war Soldat. Alles lief schweigend ab, hatte

beinahe etwas Drohendes, der Ton absoluten Befehls berührte Engelhart

zunächst erstaunlich, er konnte den Ernst des Vorgangs kaum fassen, und

als der Feldwebel die Namen der Neulinge in eine Liste eintrug, fehlte

nicht viel und er hätte über die Berserkerstimme des Mannes gelacht.

Aber das Lachen verging ihm bald.

Ihm schien, als ob er nur spiele, als ob er, fern von sich selbst, etwas

seinem Wesen ungeheuer Fremdes vollbringe, und er mußte sich bisweilen

besinnen, wo er war und was er davon denken sollte. Die Kaserne durfte

er in den nächsten Wochen nur zu den Mahlzeiten verlassen. Der Anblick

der kahlen, langen, weißgetünchten Wände verursachte Frösteln. Wenn er

am Fenster stand, sah er die Bauern auf dem Feld und beneidete sie um

ihre Freiheit.

Die Kameraden, die mit ihm zu gleicher Zeit den Dienst angetreten

hatten, behandelten ihn mit Kälte; einerseits war er ihnen zu jung,

anderseits erregte er ihr Mißtrauen, ohne daß sie den Grund hätten

bezeichnen können; das alte Mißtrauen, das Engelhart nun so oft und in

so vielen Augen wahrgenommen. Um neben ihnen, die lauter vollwüchsige

und robuste Burschen waren, nicht zurückzustehen, spannte er bei den

körperlichen Übungen seine Willenskraft aufs äußerste an, so daß er nach

dem stundenlangen Exerzieren nicht mehr die Stiege hinaufgehen konnte,

sondern sich am Geländer mühsam emporwinden mußte. Eines Tages befahl

der Feldwebel den Einjährigen, eine kurze Beschreibung ihres bisherigen

Lebens zu verfassen und die Handschrift nach gemessener Zeit in der

Kanzlei abzuliefern. Jeder verstand die Sache so, wie sie eben zu

verstehen war, nur Engelhart beging die sonderbare Torheit, nicht allein

seine bisherige Laufbahn mit durchaus nicht erforderlicher Breite,

sondern auch seine Gefühle zu schildern, seiner Verfehlungen sich

anzuklagen, und machte im unglückseligen Drang zu einer Beichte, was

nichts als ein bureaukratisches Dokument sein sollte. Und als er fertig

war, setzte er folgende Zeilen an den Schluß, die ihm wie die Erinnerung

an ein altes Lied durch den Sinn schossen:

»Die Seele, die berührst du nicht,

Die ist im Leib vergraben,

Sie weiß nicht, was die Lippe spricht,

Will's auch nicht Kunde haben.

Im stillen träumt und blüht sie hin,

Läßt Leid und Glück verfluten

Und ziehet ewigen Gewinn

Vom Bösen und vom Guten.«

Am andern Morgen wurde er zum Hauptmann gerufen, einem dicken

asthmatischen Herrn, der völlig unter dem Einfluß des Feldwebels stand

und außerdem in beständiger Höllenangst vor allen Vorgesetzten lebte.

Der Mann stellte sich ganz rabiat wie über eine angetane Schmach, warf

Engelhart die beschriebenen Bögen zerrissen vor die Füße und forderte

den Feldwebel auf, ein scharfes Auge auf den jungen Menschen zu haben.

Die Sache wurde auch weiterhin ruchbar und erregte den Hohn der

Mannschaft und die Entrüstung der andern Einjährigen. Gefühle zu äußern

war ein schimpflicher Verstoß gegen den allgemeinen Geist der Truppe,

jedes andre Vergehen wäre ihm leichter verziehen worden; Engelhart sah

es zu spät ein. Er lernte die Zähne zusammenbeißen. Es ging nicht an,

sich von jedem Tropf über die Achsel ansehen zu lassen. So sehr es ihm

an äußerer Sicherheit gebrach, so wenig fehlte ihm das Wissen seines

Wertes. Wie lang es auch dauerte, bis er sich an die Roheit des

herrschenden Tons und an die ausgesuchte Perfidie und Lust zu quälen

gewöhnt hatte, die alle diese Leute wie eine Krankheit oder ein

unstillbarer Rachetrieb beseelte, so nahm er doch alle Kräfte zusammen,

um sich nichts merken zu lassen. Immerhin blieb sein Gesicht verdächtig

und sein still beobachtender Blick unbequem.

Er erhielt einen Burschen zugewiesen, der für ein bestimmtes Wochengeld

seine Kleider und Ausrüstungsstücke instand zu halten hatte. Es war ein

Soldat im dritten Jahr namens Söhnlein, ein unansehnlicher Mensch mit

krebsrotem, immer fettglänzendem Gesicht und einem halb blöden, halb

furchtsamen Lächeln. War es Zufall oder Übelwollen oder berechnete

Bosheit, jedenfalls war dieser Söhnlein der verachtetste Mensch in der

Kompagnie, ja im ganzen Regiment. Er konnte nicht unangefochten durch

ein Zimmer gehen, er brauchte nur den Mund aufzutun, gleich flog ihm

eine Beleidigung an den Kopf; wenn irgendwo etwas schief ging, hieß es:

der Söhnlein, wenn die Kompagnie schlecht exerziert hatte, mußte es

zumeist der Unglückliche büßen, und er war bisweilen in der Nacht aus

dem Schlaf gerissen und entsetzlich mißhandelt worden. Einmal sah

Engelhart den Schrank des Soldaten offen und an der Innenfläche der Türe

eine zahllose Menge von Kreidestrichen; er fragte, was dies bedeuten

sollte, und Söhnlein verriet ihm schüchtern und mit aufleuchtendem

Blick, daß er noch so viel Tage zu dienen habe, als sich Striche auf dem

Brett befanden. An jedem Morgen war sein erstes Geschäft, wieder einen

Kreidestrich auszuwischen. Offenbar hatte mit diesem Burschen noch

niemand so geredet, wie man mit einem Menschen spricht, denn er bezeigte

Engelhart, den er als seinen Herrn betrachtete, eine so

leidenschaftliche Dankbarkeit und Anhänglichkeit, daß dieser sich kaum

erwehren konnte und, um häßlichen Sticheleien zu entgehen, schwach genug

war, auch seinerseits einen Stein auf den Gepeinigten zu werfen, wenn

die andern Steine warfen. Und als ob Söhnlein in seinem dumpfen Gemüt

solchen äußeren Zwang zu ahnen vermöchte, wurde seine Zuneigung für

Engelhart nicht geringer, und er stellte sich wie taub, wenn dieser

gleichfalls anfing, ihn zu verfolgen.

Einst im November wurden sämtliche Mannschaften des Regiments um vier

Uhr morgens aus dem Schlaf geweckt. Die Strohsäcke wurden in den Hof

geschafft, um frische Füllung zu erhalten. Es war eine eiskalte, aber

klare Nacht; als Engelhart ins Freie trat, verschwand seine betäubende

Schlafsucht, und er blickte überrascht zum Himmel empor; so hatte er die

Sterne noch nie gesehen, so diamanten, so funkelnd rein und dicht gesät.

Er wusch beim Brunnen das Gesicht, und wie er zum Tor zurückkehren

wollte, sah er einige Leute um einen schon halbgeleerten Sack

versammelt, auf dem ein Mensch wie schlafend lag. Es war Söhnlein, der

versicherte, daß er sich krank fühle. Die Soldaten lachten, und der

Zimmerälteste befahl ihm, aufzustehen. Er versuchte es und fiel wieder

zurück. Da nahmen einige Leute den Sack, zwei an jeder Ecke, hoben ihn

samt dem Daraufliegenden empor und schleuderten ihn fünf- oder sechsmal

in die Luft, wobei sie das ängstliche Schreien des Mannes nicht

achteten.

Engelhart wandte sich gewaltsam ab und starrte über den weiten

dämmerigen Raum des Hofes, der sich wie eine Sandwüste vor ihm dehnte,

bevölkert von schwärzlichen Gestalten. Es war ihm, als ob er mit wilden

Tieren zusammengekettet wäre. Alle verzehrten sich in der Sehnsucht nach

Freiheit, alle waren von Haß erglüht gegen die Bändiger, aber wenn der

Bändiger erschien und nur mit der Wimper zuckte, so hielten sie den Atem

an. Es war ein ungeheures Gebäude gegenseitiger Verantwortung, begründet

auf Furcht und Heuchelei, und Brüder verleugneten einander, wenn der

eine fürchtete, für den andern verantwortlich zu werden. Es ward

Engelhart unheimlich in dieser Welt, es ward ihm unheimlich unter den

Menschen.

Die Soldaten hatten den Söhnlein inzwischen losgelassen, weil ein

Unteroffizier hinzugetreten war. Söhnlein taumelte diesem über die

Strohbüschel entgegen und stieß ein paar unartikulierte Laute hervor.

»Er stellt sich krank,« sagte einer von der Schneiderwerkstätte. Dem

Korporal kam dies sehr ungelegen, denn er war für den Gesundheitsstand

seiner Abteilung in gewissem Sinne verantwortlich. Er fing an, in der

unflätigsten Weise auf den Mann einzuschimpfen, und hob schließlich,

rasend und berauscht von dem Zustand des Zorns, den er genoß wie jeden

andern Rausch, die Arme zum Schlag. Söhnlein muckste nicht, denn er

wußte, wenn er nur die Miene der Widersetzlichkeit annahm, würde er so

bald keinen Kreidestrich mehr von seiner Schranktür löschen können. So

lächelte er eben in seiner albernen und bestürzten Weise vor sich hin.

Beim Anblick all der infamen Willkür drehte sich Engelhart das Herz im

Leibe um. Nie hatte er sich so völlig in eines andern Seele versetzt,

und als Söhnleins Augenlider krampfhaft zu blinzeln begannen, spürte er

dies unmittelbar und empfand die ratlose Verzweiflung, die jenen

erfüllen mußte. 'Aber warum hilfst du ihm nicht?' rief eine Stimme in

seinem Innern, 'warum schweigst du, Feigling? Warum nimmt sogar dein

Gesicht einen wohlgefälligen Ausdruck an, wenn der Blick des Bändigers

dich trifft?'

Die Vernunft ist eine beredte Kupplerin im Dienst des gemeinen Nutzens,

wenn es sich darum handelt, Vorwürfe höherer Art zu ersticken. Aber es

kam doch mehr und mehr so, daß Engelhart sich verhärtete und daß er das

Schlimmste tat, was ein Mensch an seiner Seele begehen kann, daß er sich

verachten lernte, daß er böse ward wie die andern und gleichgültig wie

die andern und daß eine innere Welt des Traumes, der Sehnsucht, der

Ideale sich deutlich trennte von der äußeren Welt des Essens, des

Schlafens, des Gelderwerbs und der simplen Nüchternheit. Eines ist der

Himmel, ein zweites die Erde, und wenn so sich Licht von Finsternis

geschieden hat, dann waltet die kupplerische Vernunft ihres Trösteramts

und meint, nun seiest du reif geworden. Aber dies Reifwerden ist kein

Süßwerden und kein Fruchtbarwerden, davon überzeugte sich Engelhart

bald, es ist ein Bitterwerden und Leerwerden. Da ist ein Damm aufgebaut

zwischen der Menschheit und dem Menschen; die Menschheit ist das Äußere

und der Mensch das Innere, und die inneren Wasser stauen sich, bohren

Abgründe und unheilvolle Löcher, kein Aus- und Einströmen mehr, kein

gesegnetes Gleichmaß; allgemeines Unheil wird zum Spiel, zum bemalten

Vorhang, der sich verschiebt und, sobald es dem Geiste beliebt, einem

weniger aufdringlichen Gegenstand Platz macht. Engelhart fühlte, daß er

sich verstockte, aber die fortwährende Erschöpfung des Körpers, der er

ausgesetzt war, ließ ihn nicht mehr zum Nachdenken gelangen. Wenn ihn

das Schicksal zur Ruhe und zum Glück kommen ließ, war er verloren. Die

Seele, die berührt man nicht, das ist wahr, und sie braucht auch nicht

zu erfahren, was die Lippe spricht, aber sie muß unschuldig bleiben, und

sie bleibt es eher, wenn die Hand einen Mord begeht, als wenn die Zunge

schweigt, wo ein höchstes Gebot sie zu reden auffordert.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 10 / 13 题