Achtes Kapitel

Mit seinem kleinen Köfferchen stand Engelhart vor der hohen Tür im

weißen, erleuchteten Treppenhaus und suchte ziemlich lange nach dem

Glockenzug; den elektrischen Knopf übersah er. Schließlich klopfte er

mit dem Finger zaghaft an, das Stubenmädchen öffnete, sah ihn lächelnd

stehen und meldete seine Ankunft der Herrschaft. Herr und Frau Herz

kamen heraus, begrüßten ihn und musterten ebenfalls lächelnd seinen

Anzug und sein linkisches Wesen. Er verlor unter ihren Blicken die

vertrauensvolle Ruhe des Sichselbstbesitzens.

Der erste Gang durch die Straßen; was er sah, schien ihm begehrenswert,

alles war Erscheinung. Mit Gier starrte er in die Gesichter fremder

Menschen, glaubte ihre Gefühle und Wünsche zu erraten; der Lärm der

Fuhrwerke machte ihn trunken vor Glück, das Glockenläuten von den

Kirchen versetzte ihn in eine wogende, atembeklemmende Erregung. Zu den

Häusern, zur Luft, zu all dem Unbekannten in der großen Stadt knüpfte er

stärkere Beziehungen, als zu den beiden Menschen, mit denen er lebte und

auf die er angewiesen war. Seine abgekehrte Haltung erregte Befremden.

Nur bei den Mahlzeiten war er verständlich, weil er Portionen vertilgte

wie ein ausgehungerter Sträfling. Mit dem Zustand seines Gemüts

beschäftigte man sich nicht, es war nicht üblich; daß er sich glücklich

fühlen müsse, wurde vorausgesetzt. Herr Ratgeber richtete einen Brief an

Michael Herz, worin er bat, jeden Fehltritt Engelharts mit

unerbittlicher Strenge zu ahnden. Solche Worte waren nicht im Sinne von

Michael Herz; leider bemerkte er bei Engelhart wenig Lust und Liebe zur

Sache, er schien nicht einmal die allgemeine Richtung wahrzunehmen,

wohin das vielartige Treiben ziele, es war nichts Eigentätiges an ihm.

Der Packraum der Fabrik befand sich in einer Art von überdecktem

Schacht, dort mußten den ganzen Tag die Gasflammen brennen. Eine

gewundene Holztreppe führte zu den Werkstätten empor. Der Oberpacker

glossierte den Inhalt eines Theaterstücks, das er gestern gesehen; als

er fertig war, kramte ein andrer seine Erinnerungen an den

Ringtheaterbrand aus. Sie redeten zumeist vom Theater und von

Schauspielern. Engelhart saß träge auf den Sprossen einer Leiter. Als

dem Verwandten des Chefs wurden ihm gewisse Rücksichten

entgegengebracht, und die bezahlten Leute, von denen niemand eine

wirkliche Pflicht erfüllte, sahen seine Versäumnisse nicht ungern. Sie

wußten aber nichts mit ihm anzufangen, er war und blieb ein Fremdling.

Auf der Holztreppe erschien jetzt ein großes schlankes Fabrikmädchen und

richtete den lauernden Blick auf Engelhart. Er erblaßte. Das Mädchen

ging absichtlich nahe und langsam an ihm vorüber und ihr Rock streifte

seine Knie. Er stand auf, schlich in den halbdunkeln Nebenraum und warf

sich seufzend auf eine schmale Kiste. Plötzlich sah er empor, Michael

Herz stand vor ihm und schaute ihn mit einem tiefen Blick des Vorwurfs

schweigend an. Dieser innerliche Blick der blauen Augen erinnerte

Engelhart an den Blick der Mutter. Er hatte eine unüberwindliche Scheu

vor dem Oheim, er sah in ihm das Ideal eines Mannes und Menschen, auch

äußerlich; Gestalt, Gesicht, Haltung und Betragen waren die eines

Aristokraten aus altem Geschlecht. Er war kein Geschäftsmann in

gewöhnlichem Sinn; er arbeitete mit dem bohrenden, zur Tiefe gerichteten

Ernst eines Künstlers. Zu Hause war er aufgeräumt, ja übermütig und am

glücklichsten dann, wenn er Gäste hatte, die sich bei ihm wohl fühlten.

Kurz vor Weihnachten kam Engelhart in die Buchhalterei, wo er mehr unter

Aufsicht und Arbeitszwang stand. Um ihn anzufeuern, setzte ihm der Oheim

zwanzig Gulden Gehalt aus. Sein Platz war vor einem hohen Pult am

Fenster. Neben ihm saß Herr Patkul, der eine Schnapsflasche in seinem

Pult hatte und alle Viertelstunden einen Schluck nahm. Am Abend, wenn

andre anfingen, sich zu betrinken, war er schon so voll, daß er den Hut

nicht mehr auf den Kopf brachte. Herr Hallwachs, der Korrespondent,

behandelte Engelhart mit spöttischem Hochmut. Er sagte: »In Franken muß

es recht merkwürdige Charaktere geben,« wenn Engelhart einen

Tintenklecks auf einen Brief machte.

»Sie haben diesen Posten auf Soll geschrieben anstatt auf Haben, wie ich

Ihnen ausdrücklich gesagt habe, Herr Ratgeber,« rief der Buchhalter mit

schmerzlichem Augenaufschlag. Er war ein würdiger, gelassener Mann, ein

treuer Diener der Firma. Herr Patkul knurrte bedeutungsvoll; es hieß so

viel als: mich hätte man längst hinausgeworfen bei solcher Unfähigkeit.

Ein breiter Sonnenstreifen fiel auf die liniierten Blätter des Buches

vor Engelhart. Er erzitterte wie bei einer elektrischen Berührung.

»Woran denken Sie denn?« fragte Herr Hallwachs mit sanftem Tadel; »an

das selige Franken? Dort scheint man freilich von Soll und Haben wenig

zu wissen.« Herr Patkul rief Bravo und klatschte in die Hände, der

Buchhalter ließ ein vorsichtiges Lachen hören.

Ja, woran dachte Engelhart? An einen Traum der letzten Nacht. Die Träume

waren es, die ihn so schlaff machten. Hin und wieder versuchte er es,

sie seinem neuen Bekannten Emil Oesterle zu erzählen, sah jedoch, daß

von ihrem Duft und Grauen nichts an den Worten haften blieb. Die

Tintenluft lastete bleiern auf seinem Kopf. Die Zahlenreihen, die er

addieren sollte, glichen einem Haufen dünnfüßiger Käfer, sie krabbelten

davon, während er sie mit der Bleistiftspitze verfolgte; unmöglich, die

bewegliche, dünnbeinige Masse zum Stillstand zu bringen. Dann klang ein

Leierkasten von einem nachbarlichen Hof herüber und sein Herz krampfte

sich zusammen vor Sehnsucht nach der Freiheit.

»Gib mir einen Rat, lieber Freund, ich ertrage nicht dies Dasein,«

schrieb er abends, als die Verwandten im Theater waren, an den Studenten

Benedikt Knoll in München. Vor ihm auf dem Tisch stand die gefüllte

Teekanne, und das heiße Getränk erhitzte vollends sein Blut. Er schrieb

und schrieb, zwölf, fünfzehn, zwanzig Seiten. Am Ende machte die

Überschwenglichkeit seine Handschrift unleserlich. Nach langer Pause war

der Briefwechsel von beiden wieder aufgenommen worden; Knoll übernahm

die Rolle des Erziehers. Er blinzelte in seinen Briefen über Engelhart

hinweg Herrn Michael Herz zu. Engelhart merkte es kaum. Die Person

Benedikts war ihm nicht so wichtig wie die Stunde, in der er an ihn

schrieb, und die Gelegenheit, sich mitzuteilen.

Um elf Uhr kam Tante Esmee unerwartet ins Zimmer. »Ich habe dir doch

verboten, bis in die Nacht hinein zu schreiben,« rief sie aus. Ihr

Gesicht war weiß vor Ärger. Sie drehte ihm das Licht vor der Nase ab.

Sie haßte ihn, seit sie wußte, daß ihr Mann sich des Knaben wegen sorgte

und kümmerte. Sie verstand sich darauf, zu hassen. In Engelharts

Gegenwart war jede ihrer Bewegungen von Verachtung und Widerwillen

getränkt. Seine Neigung, von Dingen außerhalb des praktischen Lebens zu

reden, fertigte sie mit höhnischer Gelassenheit ab. Eine zufahrende,

heftige und trockene Natur, entbehrte sie wie die meisten kinderlosen

Frauen des Gleichgewichts. Sie liebte abgöttisch ihren Gatten, war

zugleich seine Magd und seine Herrin; wenn sie allein war, war sie

verdrießlich und zerquält und wußte kein Mittel, der Langeweile zu

entgehen, die sie folterte.

Zwei bis drei Stunden lag Engelhart wach im Bett und seine Sinne waren

so erregt, daß ihm die Finsternis als ein purpurner Rauch erschien, der

sich zu Gestalten ballte.

Am Sonntag zeigte ihm Emil Oesterle die Stadt, sie gingen im Prater

spazieren, und wenn sie nach Hause kamen, tranken sie Tee und spielten

Schach. Oesterle war ein sanfter Bursche, aber es mißfiel Engelhart, daß

er vor Michael Herz ein kriechendes Benehmen zur Schau trug. Er sollte

Engelharts Interesse an kaufmännischen Gegenständen wecken und

französische Konversation mit ihm treiben, doch Engelhart sah ihn dann

so spöttisch an, daß er verstummte. Sie waren schon ziemlich vertraut

und duzten einander; an einem Feiertag nach Tisch holte Engelhart den

Gefährten von seiner Wohnung ab. Beiläufig fragte Oesterle, ob Engelhart

des Morgens im Bureau gearbeitet habe, und dieser bejahte. Am folgenden

Tag erfuhr Oesterle jedoch, daß Engelhart keineswegs in der Fabrik

gewesen sei, sondern sich in den Straßen herumgetrieben habe; blaß und

aufgeregt kam er und stellte Engelhart, der nun als Lügner dastand, zur

Rede. Warum er nicht die Wahrheit gesagt, er wußte es kaum, ein Nein,

ein Ja, es entflog oft den Lippen, ehe er nur dachte, und manchmal

wünschte er geradezu zu lügen. Oesterle gab seinen Abscheu gegen die

Lüge mit Entrüstung kund und sagte: »Wenn du mich noch ein einziges Mal

belügst, Engelhart, werde ich aufhören, dein Freund zu sein.«

Tückische Fäden spinnt das Schicksal; wenige Jahre später endete

Oesterle im Zuchthaus, weil er in dem Geschäft, wo er angestellt war,

große Geldunterschlagungen begangen hatte.

Als der Winter um war, wurde es klar, daß es auf diese Weise mit

Engelhart nicht weiterging. Er hielt es keine Stunde hintereinander in

dem Schreibzimmer aus. Wenn Michael Herz hereinkam, fragte er mit leiser

Stimme, wo sein Neffe sei; der Buchhalter zuckte die Achseln, Herr

Hallwachs lächelte vielsagend, Herr Patkul knurrte. Eines Tages fühlte

sich der Buchhalter verpflichtet, seinem Chef die volle Wahrheit über

den jungen Ratgeber zu sagen.

Um zwölf Uhr ging Engelhart mit Onkel Michael zusammen nach Hause. Es

herrschte ein beklommenes Schweigen zwischen ihnen. Auch bei Tische

schwieg Michael Herz; Frau Esmee bemerkte, daß er einen starken Kummer

in sich hineindränge. Plötzlich schien es, als ob eine Gebärde, ein

Blick Engelharts seinen offenen Zorn furchtbar entfesselte. Er

schleuderte Messer und Gabel von sich, sein Gesicht wurde dunkelrot und

er stieß maßlose Drohungen und Vorwürfe gegen Engelhart aus, der wie

gelähmt dasaß. Frau Esmee umhalste den erregten Mann und suchte ihm Ruhe

und Fassung zurückzuschmeicheln, zugleich winkte sie Engelhart

gebieterisch zu, er solle das Zimmer verlassen.

Er suchte Emil Oesterle auf, um das Vorgefallene mit ihm zu besprechen.

Aber der furchtsame Mensch hütete sich, etwas zu sagen, was Michael Herz

hätte mißbilligen können. Den größten Teil des Nachmittags verwandte

Engelhart dazu, um einen dringlichen Brief an Benedikt Knoll zu

schreiben. Es war sein verderblicher Wahn, stets von den andern Menschen

Billigung, Verständnis, Hilfe zu erwarten.

Er spürte irgendeine unfaßbare Kraft in sich, sein Blut wirbelte in den

Adern, Beglücktheit und tiefste Trauer wechselten von einer Minute zur

andern. Lauer Frühlingswind strich durch den Park, in dem er ging,

durch die hohen Fenster des Konzertsaals fiel das Licht auf die

schwarzen Bäume. Es war, als würde der Walzer drinnen von Geistern

gespielt, die Menschheit lag im Todesschlaf, er allein war der Lebende,

für ihn allein war die Welt entstanden.

Benedikt Knoll schrieb: »Wenn Du ernsten Willen hast und Notabene Geld,

so komm. Ich werde Dich bald so weit haben, daß Du Vorlesungen besuchen

kannst. Es sind nicht lauter erleuchtete Geister, die sich am Busen der

Alma mater mästen. Schließlich vermag Minerva ihre Mannen so gut zu

ernähren wie Merkur die seinen.«

»Nun, was willst du eigentlich? was schwebt dir vor?« fragte Michael

Herz. »Bist du zur Besinnung gekommen?« -- Zögernd offenbarte Engelhart

seinen glühenden Wunsch zu studieren. Michael Herz schwieg. Seine

geröteten, hochgewölbten Lider senkten sich über die unruhig irrenden

Augen. »Gut, studiere,« entgegnete er endlich schroff. »Ich gebe keinen

Kreuzer dafür her. Wer so wie du sein Glück mit Füßen tritt, ist nicht

mehr wert, als zu verhungern. Das merke dir: und wenn ich dich an einer

Straßenecke liegen sehe und du schnappst nach Brot, ich höre nichts, ich

kenne dich nicht.« -- »Du hast mich gefragt, was ich will, ich habe

ehrlich geantwortet, Onkel,« sagte Engelhart. »Natürlich, ich bin arm

und kann ohne deine Zustimmung nichts tun.« Frau Esmee kam dazu, und die

ungemessene Verachtung, die sie Engelhart bezeugte, machte ihn völlig

verstockt. Jedes unbefangene Wort auf eine bestimmte Dankesschuld hin

beurteilt zu sehen, das erbittert.

Michael Herz sprach mit seinen Freunden über den Fall. Sie sagten

zumeist das, was er oder vielmehr was Frau Esmee hören wollte. Nur ein

einziger, auf dessen Klugheit und Weltkenntnis er große Stücke hielt --

es war der Hausarzt --, machte sich anheischig, mit Engelhart zu reden,

und stellte ihm das Unbillige, ja Vernunftlose seines Verhaltens vor.

Engelhart horchte auf. Das war der erste Mann, der menschlich mit ihm

redete und nicht wie von einem Turm herunter allgemein tönende Worte von

sich gab. »Ich kann nicht,« war alles, was Engelhart zu antworten

vermochte, doch hatte seine Stimme einen flehentlichen Klang.

Am ersten Mai fuhr das Ehepaar Herz für einige Tage aufs Land.

Engelhart blickte von seinem Zimmer aus in den Hof auf die fensterlose

Rückenmauer des Nachbarhauses. Auf einem vorspringenden Steinabsatz saß

ein Sperling. »Bleibt er sitzen, bis ich zwanzig zähle, so tue ich's

noch heute,« sagte Engelhart. Mit vorgenommener Langsamkeit fing er an

zu zählen. Sein Herz klopfte bang. Als er bei zwölf war, legte der Vogel

das Köpfchen schräg ins Gefieder und schaute in die Richtung, wo

Engelhart stand. Er konnte bis dreiundzwanzig zählen, da flog das

Tierchen auf und zwitscherte ins Sonnenlicht hinein.

Engelhart überrechnete seine Barschaft; er hatte sich ungefähr fünfzig

Gulden erspart und meinte, es sei viel Geld. Dann ging er ins Museum,

sah aber keine Bilder an, sondern setzte sich in eine Ecke und

beobachtete lange Zeit das Spiel eines Sonnenstrahls, der sich um eine

Marmorsäule wand. Eine schöne Frau, in dunkeln Sammet gekleidet, schritt

vorüber, ohne ihn zu sehen. Sie trug zwei gelbe Rosen in der Hand, und

er hörte sie mit gedankenvoll lächelndem Mund etwas flüstern.

Nachmittags packte er seinen Koffer, die Dienstboten kümmerten sich

nicht um ihn. Als es dunkel wurde, verließ er das Haus. Es war ein

göttlich milder Abend; der Mond lag zwischen scharfgeschnittenen Wolken

wie in einer dunkelblauen Schüssel. Jetzt war es ihm doch gar eigen ums

Herz, weder traurig noch lustig, sondern weh und verantwortungsvoll. Auf

dem Bahnhof kaufte er ein Billett nach München. Er mußte über eine

Stunde bis zur Abfahrt warten, dann wurde er in einem unabgeteilten

Wagen mit mehr als dreißig Personen zusammengepfercht. Nach den ersten

Stationen wurde es erträglicher, aber die Luft war schlecht und die

Beleuchtung trübe. Engelhart drückte die Stirn an die Fensterscheibe

und schaute in die mondbeschienene Wald- und Hügellandschaft.

Ihm gegenüber saß eine Bauernmagd; sie hatte ein rotes Tuch über die

Holzlehne gebreitet, darauf hatte sie den Kopf gelegt und schlief. Ein

sonderbarer Kitzel trieb ihn, an dem Tuch zu zupfen; die Nachbarn sahen

zu und lachten. Der Beifall ermunterte ihn und er wiederholte es, jetzt

rutschte das Haupt der Schläferin ein Stück herunter. Die Zuschauer

waren höchst belustigt, die ganze Gesellschaft wurde munter, und als die

Bäuerin schließlich ein unwilliges Gebrumm hören ließ, brachen alle in

dröhnendes Gelächter aus. Engelhart nahm einen Zigarettenstummel und

steckte ihn der immer noch Schlummernden in den Mund. Die Leute fühlten

sich wie im Theater, ein altes Weib bekam vor Lachen einen Hustenanfall.

Die Schläferin schlug die Augen auf, ihr verschämtes und bestürztes

Gesicht vermehrte den Jubel. Engelhart ließ es damit nicht genug sein,

es kam wie eine Wut der Tollheit über ihn, er bellte, krähte, wieherte,

nannte einen dicken, triefäugigen Menschen beständig »Herr Professor«,

stieg auf die Bank und hielt eine unsinnige Ansprache, dabei empfand er

im Innern ein finsteres Staunen über sich. Der Raum war von Tabaksqualm

erfüllt, die lachenden Gesichter verzerrten sich vor seinen Augen zu

unheimlichen Gebilden. Am andern Ende des Wagens saß ein Prälat; dieser

wandte sich an die Zunächstsitzenden und sagte: »Der junge Mensch kommt

mir verdächtig vor.« Darauf erhob sich ein andrer, offenbar ein

Handlungsreisender, und rief Engelhart zu: »Sie, sagen Sie mal, sind Sie

vielleicht Ihrem Herrn Vater mit dem Geld davongelaufen?« Engelhart

stutzte, dann erwiderte er mit gespielter Verachtung: »Mein Vater hat

gar kein Geld.« Da sah Engelhart ein strenges Augenpaar auf sich

gerichtet. Es war ein blasser, einfach gekleideter Mann mit einer Narbe

auf der Stirn. Streng und drohend war der auf ihn geheftete Blick.

Allmählich wich das berauschte Wesen einer tiefen Niedergeschlagenheit.

'Warum starrt er mich so düster an?' grübelte Engelhart. Er wünschte mit

dem Fremden zu sprechen; es lag ihm daran, jenem mitzuteilen, daß er

nichts Böses im Schilde führe, daß es überflüssig sei, ihm unfreundlich

entgegenzutreten, und daß er Menschen suche, von denen er geliebt sein

wollte. Aber es gab keinen Weg von ihm zu dem Fremden, obwohl sie nur

drei Schritte voneinander entfernt waren, es gab kein Mittel, den

Unversöhnlichen milder zu stimmen.

Als der Zug sich der Grenze näherte, wurde es Tag. Zur Rechten lagen die

rosig umhauchten Gipfel der Berge in der gläsernen Frühluft. Eine dumpfe

Stimme rief: »Engelhart! Engelhart!« War es nicht der Mann mit der

Narbe? Nein, jener war fort, der Platz, auf dem er gesessen, war leer. --

»Wieviel Geld hast du mitgebracht?« fragte Benedikt Knoll. Engelhart

nannte die Summe, die er noch besaß. »Und für wie lange soll das

reichen?« fragte Knoll weiter. Darauf wußte Engelhart keine Antwort.

Knoll war erschrocken. »Kommst du denn ohne die Einwilligung deines

Onkels?« fragte er und erfuhr, daß Engelhart als Flüchtling kam. Nun

hatte der kleine Student nicht mehr das geringste Wohlgefallen an der

Ankunft des Freundes. Indessen schmiedeten sie noch am selben Tag einen

diplomatischen Brief an Michael Herz. Knoll teilte dem von ihm verehrten

Manne mit, wie die Dinge standen und daß er sich für die anständige

Führung Engelharts verbürge. Wenn er wirklich das Zeug zu einem Manne

der Wissenschaft habe, dürfe man ihn doch nicht untergehen lassen; Herr

Herz möge Gnade walten lassen und den Hilflosen vor Not schützen. Als

Antwort kam nach acht Tagen nichts weiter als eine geschäftliche Notiz

der Firma, wonach Engelhart bis auf weiteres an jedem Monatsersten

fünfzig Mark ausgezahlt erhalten sollte. Benedikt Knoll rang die Hände.

»Fünfzig Mark!« rief er aus, »da mußt du von jedem Fünfzehnten ab einen

vierzehntägigen Schlaf tun.« Das Zimmer, das er für Engelhart gemietet,

kostete allein den dritten Teil dieser Summe. Aber wenn Engelhart

fünfzig Mark in der Hand hatte, hielt er es für unmöglich, daß so viel

Geld jemals ganz ausgegeben werden könne. Erst wenn die letzten Groschen

in der Tasche klimperten, wurde ihm unbehaglich zumute.

Knoll spürte wenig Lust, den Lehrer zu machen, und Engelhart noch

weniger, Schüler zu sein. Er hatte genug gelernt, nun wollte er sehen,

atmen, leben. Trotzdem verbrachten sie einen Tag damit, auf dem

Büchermarkt eine lateinische und eine griechische Grammatik

einzuhandeln. Es geschah der Form wegen. Dann kamen auch Stunden, wo

Engelhart sich aufraffte und seinem Gedächtnis eine Reihe von Vokabeln

einprägte, die er am nächsten Tag wieder vergaß. Es ist aussichtslos,

dachte Benedikt Knoll und sann darauf, wie er sich der lästigen

Verantwortung entledigen könne. Inzwischen lebten sie als gute

Kameraden, und da Engelhart an einem unstillbaren Hunger nach Menschen

litt, machte ihn Knoll mit seinen Kommilitonen bekannt. Engelhart kam

jedem einzelnen mit kindlichem Vertrauen entgegen, aber er setzte sie

damit in Verlegenheit; sie wunderten sich über ihn, was er sagte,

erschien sonderbar einfältig oder unverständlich. Knoll hingegen war

beliebt, und wenn er Engelhart zur Zielscheibe seines Witzes machte,

sahen sie auch diesen mit günstigeren Augen an, weil sie über ihn lachen

konnten.

Sie standen fest auf ihren Füßen, die Studenten und Studentlein. Jeder

verübte mit dem, was er besaß, und war es noch so wenig, greulich viel

Lärm und Geklapper, so daß seiner Armseligkeit nicht beizukommen war.

Ungeachtet aller Liederbuchphrasen von deutschem Männerstolz und echtem

Germanentum waren sie die Knechte eines jämmerlichen Formelwesens, und

der ganze Freiheitsdrang hatte ausgetobt, wenn sie eine Straßenlaterne

zerschlagen und einen Nachtwächter beschimpft hatten. Sie waren

überzeugt, als Schirmherren für die idealen Güter der Nation bestellt zu

sein, doch im Grunde betrachteten sie all das wissenschaftliche oder

patriotische Getue als ein Geschäft wie jedes andre. Kräfte der Ahnung,

Kräfte des Herzens wurden im Bier ersäuft.

Es war ein Juniabend, Knoll und Engelhart spazierten mit fünf andern

Studenten über die Ludwigstraße, Knolls Intimus, ein gewisser

Schustermann, führte seinen Hund an der Leine, eine schöne dänische

Dogge. Plötzlich riß sich das Tier los, verfolgte einen andern Hund, kam

aber, als sein Herr pfiff, sogleich zurück. Nun war jedoch Schustermann,

auch sonst ein galliger Bursche, diesmal in boshaft trunkener Laune. Er

fing an, den Hund aufs grausamste zu schlagen, und schließlich blutete

das Tier aus mehreren Wunden. Je mehr es mißhandelt wurde, je

erbärmlicher winselte es um Gnade; Schustermanns Freunde standen lachend

herum, und einer sagte: »Der Hund ist wie ein Jud.« Engelhart fuhr

zusammen und erwiderte mit stockender Stimme: »Wenn man die Juden auch

blutig schlägt, um Gnade pflegen sie nicht zu betteln.« Die Studenten

fanden den Auftritt peinlich, und der älteste bemerkte naserümpfend:

»Mir scheint, er bildet sich was darauf ein, daß er ein Jude ist.« Knoll

war wütend und zischte Engelhart zu: »Nur nicht pathetisch sein, das

gibt es hier nicht.«

Am andern Tag kam er zu Engelhart ins Zimmer und machte ihm förmliche

Vorhaltungen. »Was kümmert es die Leute, daß du Jude bist,« eiferte er.

»Schlimm genug, daß wir es sind, wir haben nicht nötig, viel Aufhebens

davon zu machen. Wir wollen endlich Ruhe haben und alles vergessen, und

jene sollen gleichfalls vergessen.«

Doch Engelhart war satt von jenen, es verlangte ihn nicht mehr nach

ihrer Gesellschaft.

»Wie willst du überhaupt vorwärts kommen mit deiner beispiellosen

Anmaßung?« fuhr Knoll fort.

»Ich -- anmaßend?« flüsterte Engelhart erstaunt und bestürzt. »Ebensogut

könntest du sagen, Schustermanns Hund sei gestern abend mutig gewesen.«

Knoll beachtete die Einrede nicht. »Du arbeitest nichts, du hast kein

Ziel, keinen Ehrgeiz, und ich bereue, was ich für dich getan habe,«

sagte er.

Engelhart trat zum Fenster und schaute stumm in die Abendröte. Fern

zwischen Häusern schwebte noch ein schmales Sonnensegment. Herz der

Welt, du sollst erglühen, dachte er mit jähem Entzücken -- Worte, die er

nie früher gehört. Von einem gegenüberliegenden Wirtshaus drangen

Harfen- und Geigenklänge herauf. Ach Musik, Musik, all sein Sinn, sein

ganzer Leib lechzte nach Musik, bebte von chaotischer Musik, das Dämmern

und Weben der Zeit, ihre Rufe, ihre Stimmen, alles Musik, ein Wogen

unfaßbarer Akkorde.

»Komm, Benedikt,« sagte er versöhnend, »laß uns eine Partie Schach

spielen.« Knoll war es zufrieden, und da er gewann, kehrte seine gute

Laune zurück. Dennoch kritisierte er bald darauf in einem Brief an Frau

Wahrmann Engelharts Treiben höchst abfällig. Das machte böses Blut, auch

Herr Ratgeber, der jetzt in Würzburg wohnte und dort als

Versicherungsinspektor tätig war, erhielt Nachricht, wie die Sache

stand. Er schrieb sogleich an Engelhart und beschwor ihn, umzukehren,

solange es noch Zeit sei. »Willst du denn das geistige Proletariat um

eine hoffnungslose Existenz vermehren?« schrieb Herr Ratgeber. »Ist es

denn kein Beruf, der deiner würdig ist, Kaufmann zu sein? Wer bist du

denn eigentlich? O, alles Unglück kommt über mich, auch diese

Erwartungen nun zuschanden, und wie steh' ich vor meinem Schwager Herz

da! Wenn deine Mutter noch lebte, das würde sie töten. Kann dich nichts

andres bestimmen, von deinem Wahn zu lassen, so denke an die Leiden und

Entbehrungen, die dir bevorstehen.«

So von allen Seiten in die Enge getrieben, verlor Engelhart selbst das

Vertrauen zu dem gegenwärtigen Zustand. Das Schlimmste war, daß er mit

dem Geld nicht auskam und gegen das Ende des Monats nicht wußte, wovon

er leben sollte. Er konnte nicht einmal in der elenden Kneipe, wo er zu

essen pflegte, den Mittagstisch bezahlen. Er träumte sich hinweg über

die Mißlichkeiten, sein Inneres befand sich in einer beständigen Glut.

Im Juli begannen die Ferien; Knoll reiste nach Hause, auch die geringe

Zahl der übrigen Bekannten verließ die Stadt. Engelhart wanderte unter

den Arkaden umher, bis das Nachmittagskonzert zu Ende war. Das Gewimmel

geputzter Menschen stimmte ihn traurig. Vor der kleinen Rotunde

begegnete ihm eine auffallend schöne Frau, er blieb stehen und sah ihr

mit erstarrendem Gesicht nach. Dann ging er in den Englischen Garten.

Bei der Mühle lagen riesige Felsen im Wasser, er kletterte von Stein zu

Stein und ruhte endlich auf einem moosbewachsenen Block. Es waren nicht

Gedanken, denen er nachhing, vielmehr war ein mystisches Weben in seinem

Innern, das einen Zustand von Dämmerung erzeugte. Auf dem Nachhauseweg

kam er an einer offenen Kirche vorbei; er trat hinein und ließ sich von

der kühlen Stille wollüstig umschauern.

Es war ihm zumute wie einem Seiltänzer, dem die Balancierstange

entfallen und der nun die Augen schließt und bebend in die Luft greift,

um nicht zu stürzen. An einem Regentag war er zu Hause geblieben. Er

merkte nicht, daß es im Zimmer dunkel wurde. Um neun Uhr pochte die

Hausfrau und brachte unaufgefordert die Lampe. Er erhob sich jäh und

glaubte eine Erscheinung zu sehen, ein Weib mit engelhaften Zügen und

einer sanften Gewalt der Augen. Doch die Wirtin war eine bejahrte Dame,

die ein Seifen- und Kerzengeschäft führte.

Seine Schwester Gerda hatte jetzt das Pensionat verlassen und weilte bei

den Eltern in Würzburg, von wo sie ihm einen ihrer kindlichen und

unbedeutenden Briefe schickte. Ohne Verzug antwortete er ihr, schrieb

wie im Weinrausch mit Fingern, die von der Aufregung schlaff waren. War

es doch ein weibliches Wesen, das ihm von Bluts wegen zugehörte.

Stundenlang saß er in der Nacht und betrachtete immer wieder das Bildnis

der Schwester.

Mitte August verlangte Herr Ratgeber mit Strenge, daß Engelhart der

Müßiggängerei ein Ende mache und einstweilen nach Würzburg reise.

Engelhart war der entschiedenen Weisung froh, denn die Zeit floß

fruchtlos hin. Er packte seine sieben Sachen zusammen, mußte aber seine

Uhrkette verkaufen, da sonst das Geld zur Fahrt nicht gereicht hätte. Er

wurde nicht sehr freundlich empfangen. Der Vater sah abgearbeitet aus.

Trotzdem schien Herr Ratgeber nie verdrossen, eher bekümmert, und auch

dies nur, wenn er sich unbeobachtet wußte. Er litt unter seinem neuen

Beruf, denn es war der jämmerlichste von allen Berufen der Welt und

zwang den zurückhaltenden Mann zur Aufdringlichkeit. Da die Konkurrenz

unverschämt war, durfte kein Mittel verschmäht werden, und wer am

meisten schwatzen konnte, trug den Sieg davon.

Abel war Lehrling in einem Tuchgeschäft; in der Schule hatte er nicht

länger bleiben wollen, aber in seiner Stellung tat er auch nicht gut, er

machte schlimme Geschichten. Kurz vor Engelharts Ankunft war beschlossen

worden, ihn nach Amerika zu expedieren; Herr Ratgeber hatte sich an

einen Jugendfreund gewandt, der drüben reich geworden war. Am zehnten

September ging das Schiff von Bremen ab, bis dahin mußte Abel

reisefertig sein.

»Du mußt nach Wien schreiben und Abbitte leisten,« war das erste Wort

morgens und das letzte abends für Engelhart. Er sträubte sich aus allen

Kräften, der bloße Gedanke machte ihn sich selber zum Abscheu. Aber die

Tage sind lang und das Gnadenbrot schmeckt bitter. Mehr als die

Demütigungen und Vorwürfe von seiten der Stiefmutter wirkte der stille

Kummer des Vaters. Herr Ratgeber vermochte dem Sohn gegenüber nicht

beredt zu werden, wie er sich's vorgenommen hatte. Er nahm in Engelharts

Wesen etwas wahr, irgendeinen Funken im Auge, einen Tonfall der Sprache,

was ihn an die eigne Jugend gemahnte; unvermutet fand er sein Herz

milder als sein Urteil. Es war öde um ihn, unwillkürlich suchte er im

Gefühl zu den Kindern einen Halt.

Es war ein wunderbar verblühender Sommer, ein stetiges Abflammen in den

Herbst hinein. Engelhart trieb sich in den Weinbergen herum und schaute

von oben auf die türmereiche Stadt nieder. Im Hause war er gern, wenn

Gerda zugegen war. Sie war schön zu nennen, zart von Gestalt, blaß von

Gesicht; ihr schüchternes Auge, ihr sanftes Hinträumen machten einen

innigen Reiz aus. Engelhart brachte ihr Blumen; sie lachte; vom Bruder

beschenkt zu werden, erschien ihr komisch.

Es war Nacht, und ein heftiges Gewitter tobte. Engelhart stand auf,

klopfte an Gerdas Schlafzimmertüre und fragte, ob sie sich fürchte. Sie

schlief und hörte nichts. Er wartete und hielt Wache, bis das Donnern in

die Ferne zog. Er dachte darüber nach, ob Gerda einst glücklich sein

würde. Auf der Straße bemerkte er sie von weitem und blieb in

unbesieglicher Erregung stehen. Doch wenn er sie nicht sah und ihre

Gegenwart nicht empfand, erschien ihm dies Betragen tadelnswert

überschwenglich, und er erinnerte sich mißbilligend an die seltsame

Gewohnheit, die sie hatte, Kalk von den Wänden zu schaben und zu essen.

Gefährten hatte er hier keinen. Es gab viele Studenten in der Stadt,

doch er fühlte sich nicht zu ihnen gehörig; es gab auch viele Kaufleute,

und zu den Kaufleuten gehörte er gleichfalls nicht.

Endlich war der Schicksalsbrief an Michael Herz geschrieben und

abgeschickt, vier Seiten voll von Versprechungen und Selbstanklagen. Vor

der Stadtmauer beim Hofgarten war ein Brunnen, aus dem kein Wasser mehr

lief. Dorthin eilte Engelhart, wühlte das Gesicht ins Moos, und nachdem

er eine Weile geweint hatte, wurde es ruhig in ihm, er legte sich auf

den Rücken und studierte die Wolken. Oben auf der Mauer war eine

einsame, von Birken- und Ahornbäumen gebildete Allee. Am Tag vor Abels

Abreise ging er mit dem Bruder hier spazieren. Der dumpfe Abel hatte

keinen Begriff von Reise und Ferne, er freute sich nur, der

unerträglichen Tyrannei der Stiefmutter entrinnen zu können. Widerwillig

war er mit Engelhart gegangen und fand dessen Fragen und Ratschläge

lästig. Sie setzten sich auf eine Steinbank, und Abel sagte gelangweilt:

»Du könntest mir wenigstens eine Geschichte erzählen, Engelhart, wie

früher, weißt du noch?« -- »Schön, ich will dir etwas erzählen,«

antwortete Engelhart, »die Geschichte vom ewigen Bräutigam.« Er schaute

eine Weile besinnend in die Luft, bis Abel ungeduldig wurde, da fing er

an:

Es lebte einmal ein ganz gewöhnlicher Hirtenjunge, dessen größtes

Vergnügen war es, auf der Erde zu liegen und in die Luft zu gucken. Je

nachdem die Sonne sich drehte, drehte er sich mit, daß sie ihm nicht ins

Gesicht schien. Wenn man ihn fragte: »Nichts zu tun, Jackele?« so

antwortete er: »Alles schon getan,« und sie nannten ihn daher Jackele

Katzenpelz. Einmal wurde Jackele mit den Gänsen auf eine Waldwiese

geschickt, und als er hinkam, legte er sich gleich auf den Rücken und

dachte darüber nach, was wohl hinter dem blauen Himmelsvorhang verborgen

sein möchte. Die Zeit verging, und als die Sonne sank, erhob er sich und

wollte die Gänse zusammenrufen. Da sah er einen großen rosigen Flamingo,

der vom Walde aus auf seine Herde zustolzierte, langsam die Flügel

ausbreitete und mit einem hellen Schrei in die Luft flog. Kaum hatten

die Gänse den zauberhaften Ruf vernommen, so flatterte eine nach der

andern hinauf, und sie zogen in langer weißer Linie zuerst um die

Baumkronen und dann in den abendlichen Äther. Als Jackele ohne die Gänse

heimkam, fielen die Dorfbewohner über ihn her, prügelten ihn erbärmlich,

und sein Vater wies ihn von der Tür und sagte, er solle ihm nicht mehr

vor Augen kommen ohne die Gänseherde. Mitten in der Nacht mußte er aus

dem Dorf wandern und sann darüber nach, wie er wieder zu den albernen

Gänsen kommen könnte. Die Frösche hockten aufgeblasen in der Wiese und

quackten:

»Jackele, Jackele, wo sind denn deine Gäns'?

Sie sitzen vielleicht am Weiherle und waschen ihre Schwänz'.«

Jackele ging zum Weiher, sah aber nichts von den Gänsen und wurde

traurig. Da tauchte ein silberner Strahlgeist aus dem schwarzen Wasser

empor, tanzte eine Weile umher und flüsterte endlich:

»Jackele, nicht weinen,

Sternlein soll scheinen,

Sturmwind soll wehn,

Mußt durch die sieben finstern Länder gehn.«

'Wie soll ich den Weg durch die sieben finstern Länder finden?' dachte

Jackele. Aber die Sterne schienen so hell vor ihm her, daß er nicht in

die Irre geraten konnte, und als er anfing, müde zu werden, kam der

Wind, nahm ihn auf seine Schulter und trug ihn bis dorthin, wo wieder

die Sonne am Himmel stand. Da sah er auch schon die schimmernden Mauern

der königlichen Burg in einem Garten mit lauter dunkelroten Blumen. Und

wie er aufhorchte, hörte er von drinnen ein wohlbekanntes Geschnatter

und wußte, daß seine Gänse im Schloß des Königs seien. Er pochte

schüchtern an das eiserne Tor, doch niemand hörte ihn, und es ward nicht

geöffnet. Schon fing sein Mut wieder an zu schwinden, da flog ein

Bienenschwarm heran, kreiste um seinen Kopf, und wie er mit den Händen

Gesicht und Augen verdeckte, um sich vor ihren Stichen zu schützen,

hörte er, wie sie summten:

»Mußt das feige Blut bezwingen,

Nicht nur warten, nicht nur hoffen,

Wolle nur, so wird's gelingen,

Riegel fällt und Tor ist offen.«

Als er dies vernommen, nahm er seine ganze Kraft und alle Gedanken

zusammen und schritt auf das Tor los, und wirklich, es tat sich auf. Der

Soldat, der vor der Tür des Königs Wache hielt, ließ vor Schrecken das

Gewehr fallen und eilte, den Vorgang zu melden. Auch der König geriet in

Angst, und dachte, ein Zauberer sei gekommen, um ihn zu vernichten. Er

warf den Purpurmantel über die Schulter, ging dem Fremdling entgegen,

lud ihn ins Schloß und bot ihm eine Stelle als Reichsminister an. Der

alberne Hirtenjunge schüttelte den Kopf und forderte nichts weiter als

seine Gänse. Da lächelte der König, ließ den Stall öffnen, die Gänse

marschierten freudig gackernd heraus, Jackele trieb sie aus dem Tor und

sie wanderten allesamt gegen die Heimat. Nun befand sich jedoch unter

den Höflingen des Königs ein wirklicher Zauberer; dieser hatte alles

mitangesehen und sich in seinem verzwickten Verstand gesagt, mit den

Gänsen müsse es eine eigne Bewandtnis haben; kurzum, er glaubte nicht an

die Einfalt des Hirten und meinte, Jackele sei vielleicht ein Mensch,

der über geheimnisvolle Kräfte der Geisterwelt verfüge. Er setzte sich

deshalb in den Kopf, ihm die Gänse abzulisten, eilte ihm nach,

verwandelte sich in einen Zwerg und stand plötzlich wie aus der Erde

gewachsen vor Jackele da. »Gib mir deine Gänse,« sagte er, »und ich will

dir geben, was noch kein Mensch besaß.«

»Was willst du mir geben?« fragte der Hirt.

Der Zwerg hielt ihm eine goldne Schüssel entgegen, und darauf lagen drei

Dinge: ein weißer Edelstein, ein gläsernes Auge und ein frisch blutendes

Herz, so klein wie eines Vogels Herz. »Wähle,« sagte der Zwerg.

»Was ist es mit dem Edelstein?« fragte Jackele.

»Er gibt Reichtum,« antwortete der Zwerg.

»Und mit dem Auge?« fragte der Hirt.

»Es gibt Wissen,« sagte der Zwerg.

»Und das Herz?«

Da schüttelte der Zwerg den Kopf und entgegnete, darüber könne er keine

Auskunft geben.

Da griff Jackele schnell nach dem Herzen, und kaum hielt er es in der

Hand, so war der Zwerg samt allen Gänsen verschwunden. Jackele spürte

aber auf einmal eine mächtige Unruhe in seinem Innern. Als er in das

Dorf zurückkam, fand er in allen Gesichtern Spott und Haß. Die Kunde,

daß er um der elenden Gänse willen des Königs Gnade ausgeschlagen hatte,

war ihm vorausgeeilt, und da er nun nicht einmal die Gänse

zurückbrachte, verwünschten sie ihn wegen seiner Dummheit, jagten ihn

davon und schrien:

»Katzenpelz-Jackele,

Kein Geld im Sackele,

Im Kopf kein Verstand,

Der ärgste Tropf im Land.«

Immer gewaltiger wurde aber die Unruhe in der armen Brust des Hirten. Es

zog ihn die kreuz und die quer durch das Land, es zog ihn zu den

Menschen, er fand auch da und dort Aufnahme, aber er konnte nirgends

bleiben, immer trieb es ihn weiter und schließlich fingen die Leute an,

ihm zu mißtrauen und sagten: Man muß sich hüten vor ihm, er hat einen

bösen Blick. Da er auch kein Geld besaß, so gaben sie ihm nichts mehr zu

essen, und er mußte hungern. Nach überlangem Wandern begegnete er auf

der Landstraße einem dürren alten Weiblein und fragte, ob sie nicht

wisse, wie man Schätze erwerben könne, denn er bereute jetzt aufs

heftigste, daß er damals nicht den Edelstein von der goldenen Schüssel

genommen.

»Zieh nur weiter bis gegen Mittag,« sagte das Weiblein, »da kommt ein

Berg und da wohnt ein Schmied, der weiß, wie man Schätze erwerben kann.«

Jackele kam richtig vor die Schmiede und bat den Schmied, der nackt,

mit rußgeschwärztem Leibe vor der Esse stand, er möge ihm helfen,

Schätze zu erwerben. Der Schmied führte ihn in die Werkstatt und hieß

ihn den Blasbalg treten. Das Feuer fauchte auf und Jackele sah glühendes

Gold in den Flammen liegen; seine Begehrlichkeit erwachte, ohne zu

überlegen griff er mitten in die Glut und wollte das Gold nehmen. Aber

das Feuer verbrannte seine beiden Arme bis an die Ellbogen hinauf, und

er warf sich auf die Erde hin und schrie vor Schmerzen. Der Schmied

lachte, ergriff den großen Hammer, ließ ihn viele Male auf den Amboß

heruntersausen und bei jedem Schlag rief er lachend aus: »Schaff dir das

Herz vom Leibe! Schaff dir das Herz vom Leibe!« Jackele verließ die

Schmiede und kam alsbald in den dunkelsten Wald, den er je gesehen. Es

wurde ihm so einsam, daß er zu sterben fürchtete, außerdem schmerzten

ihn die verbrannten Arme. Als es Abend wurde, machte er am Rande eines

verfallenen Brunnens Rast, und da ungeachtet aller Müdigkeit doch wieder

die treibende Unruhe über ihn kam, dachte er an die Worte des Schmieds,

nahm das blutende Herz, das so klein wie eines Vogels Herz war und

sagte: »Du teuflisches Ding, du hast mir die Seele vergiftet, hast mir

die Ruhe genommen, so fahr in die Tiefe, ich will deiner los sein.«

Damit schleuderte er das Geschenk des Zwergs in den Brunnen hinab.

Auf einmal hörte er wieder jenes vertraute Geschnatter in der Luft wie

vor dem Königsschloß, und als er emporschaute, sah er drei Gänse aus

seiner Herde, und jede saß auf der Krone eines Baumes. Jetzt flatterte

die erste herab, setzte sich an den Rand des schwarzen Loches und rief:

»Herz der Welt, du sollst erglühen,

Ich bring' dir einen Bräutigam,

Laß ihm deine Schätze blühen.«

Darauf entstand ein Leuchten in der Tiefe des Brunnens, wie wenn alle

Finsternis des Erdenschoßes sich in eitel Feuer verwandelt hätte. Die

Bäume fingen an zu rauschen wie Orgeln, die Vögel zwitscherten, daß es

wie der Gesang von Elfen ertönte, und Jackele starrte hinab, sah der

Welten Herz erglühen und seine Sehnsucht und Reue wurden so groß, daß er

meinte, es werde ihm die Brust auseinanderreißen. Die zweite von den

Gänsen rief indessen immerfort: »Du bist der Bräutigam, du bist der

Bräutigam;« und die dritte, die schwarzflüglige, flog auf, ließ sich,

als sie über der Mitte des Brunnens schwebte, langsam zur Tiefe sinken,

und da sie unten war, fing sie an zu brennen, ward aber plötzlich

verzaubert und kam als herrlicher Paradiesvogel wieder empor. Sie ließ

ein paar Wassertropfen aus dem Schnabel auf Jackeles Wunden fallen, daß

sie sogleich heilten, und sagte: »Das Herz der Welt läßt dich grüßen, du

sollst hinuntersteigen und dich ihm anvermählen.« Inzwischen war Jackele

von einem Holzknecht bemerkt worden, der es den Leuten im Dorf verraten

hatte. Diese eilten nun mit Dreschflegeln herbei, um den unnützen

Gesellen totzuschlagen. Wie staunten sie aber, als sie ihn mit einem

silbernen Kleide angetan am Rand des Brunnens sitzen sahen, den fremden

Vogel auf der Schulter. Sie wagten ihn kaum anzuschauen und gingen

schließlich beängstigt und kopfschüttelnd wieder nach Hause. Nun sollte

Jackele in den Brunnen steigen, doch das war ein so schweres

Unternehmen, daß Tag um Tag verging und er nicht einen Schritt

weiterkam. Es gab kein Seil, das lang genug gewesen wäre; er mochte

graben und schaufeln und Leitern bauen, es half alles nichts, und wäre

nicht der Gesang des Paradiesvogels gewesen und der beseligende Anblick

des glühenden Herzens in der Tiefe, so wäre er verzweifelt und hätte von

seinem Vorhaben abgelassen. Was weiter mit ihm geschehen ist, kann ich

nicht sagen, weil ich's nicht weiß. Vielleicht ist es ihm am letzten Tag

vor seinem Tode doch gelungen.

Abel war unzufrieden mit dieser Geschichte. Er sagte, an Zaubereien

glaube er nicht, und daß Gänse und Frösche sprechen könnten, sei nicht

wahr. Sie schritten währenddem beide über die gewundenen Terrassen herab

in die Lauben- und Efeugänge des Gartens und sahen die vielfach

verzierte Fassade des Schlosses vom bleichen Abendlicht übergossen.

Engelhart war tief in Gedanken und durch die Luft wie durch die

Blumengerüche gleicherweise erregt.

In der Frühe um halb fünf nahm Abel Abschied. Engelhart und der Vater

begleiteten ihn zum Bahnhof. Herrn Ratgeber ging es nahe; auch hatten

ihm einige Bekannte die Sache bedenklich gemacht, es sei doch

gefährlich, einen Knaben von dreizehn Jahren bis ans andre Ende der Welt

zu schicken. Als sie wieder auf dem Heimweg waren, bemerkte Engelhart,

daß es um den Mund des Vaters verräterisch zuckte. Gleich darauf trafen

sie am Glacis einen Rimparer Bauern, der mit einer Fuhr zum Markt kam,

Herr Ratgeber rief ihn an, fragte, was in den Säcken enthalten sei, und

verhandelte dann eifrig wegen eines Zentners Kartoffeln mit ihm.

Wenige Tage später kam der Antwortbrief von Michael Herz. Er wolle den

Gelöbnissen trauen und es noch ein einziges und letztes Mal probieren.

In sein eignes Geschäft könne er Engelhart schon aus Gründen der

Disziplin nicht zurücknehmen, er habe einen Freund, den Chef des

angesehenen Exporthauses Freitag und Sohn, bewogen, Engelhart als

Lehrling aufzunehmen. Es hänge alles andre davon ab, ob er dort ernsten

Willen und dauernde Besserung zeige. Durch seinen Wahnsinn habe er ein

ganzes Jahr vergeudet, hoffentlich hätten ihn seine Erfahrungen für

immer belehrt. Darauf folgten noch Anweisungen über die Reise; er solle

nach der Ankunft in einem billigen Vorstadthotel übernachten und sich am

Morgen gleich seinem künftigen Chef vorstellen. Ihn in seinem eignen

Hause wohnen zu lassen, halte er nicht für angemessen, einer solchen

Vergünstigung müsse sich Engelhart erst würdig zeigen. Er habe einen

seiner Angestellten, Herrn Kapeller, beauftragt, ein Zimmer zu mieten.

»Zu Mittag kannst du bei uns sein,« schloß das polizeimäßig sachliche

Schreiben, an dessen Inhalt Engelhart schluckte und würgte, »das

Abendbrot bekommst du bei der Familie Kapeller.«

Herr Ratgeber war glücklich über den Verlauf. Er nahm den Sohn mit ins

Kaffeehaus, zahlte die Zeche für ihn und erteilte ihm gute Lehren. Die

aufrichtig gemeinten Worte schwirrten inhaltslos an Engelharts Ohr

vorüber.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 9 / 13 题