Siebentes Kapitel

Von Woche zu Woche nahm in Engelhart der Abscheu gegen die Schule zu. Er

verachtete die Auszeichnungen, die dem stumpfen Fleiß, dem tierischen

Gehorsam, der gedankenlosen Aufmerksamkeit zuteil wurden, angewidert von

dieser ungeschmückten Welt, der aufreibenden Wiederholung mechanischer

Geschäftigkeiten, versank sein Geist in die Sphäre des Traums so tief,

daß es ihn oft Mühe kostete, die Stimme eines Menschen zu vernehmen, der

vor ihm stand und mit ihm redete. Man sagte dann von ihm, er sei

zerstreut, und er zog sich das Mißtrauen und die Geringschätzung fast

aller Lehrer zu, die seiner Begabung das beste und seinem guten Willen

das schlechteste Zeugnis ausstellten, was zur Folge hatte, daß jede

seiner Handlungen als Ausgeburt einer böswilligen Gesinnung aufgenommen

und durch züchtlerische Maßregeln bestraft wurde.

Keine wohlmeinende und freundliche Gestalt trat ihm unter seinen Lehrern

entgegen. Es waren Männer, die nicht einen Beruf erfüllten, sondern ein

Amt innehatten. Sie kümmerten sich nicht um die Seele, sondern nur um

die Kenntnis der Knaben. Sie hatten der höheren Stelle, der sie

untergeordnet waren, nur den Beweis zu erbringen, daß sie ein

vorgeschriebenes Pensum erledigten, so wie die Kellner dem Wirt die

Ablieferung der Zahlmarken schuldig sind. Sie nährten den Wissensdurst

mit Regeln und belohnten den Fleiß durch Zensuren, das unterweisende

Wort war nur eine Grimasse, der Geist der Belehrung eine Mumie,

vertrocknet durch viele Jahre eines wesenlosen Treibens. Ihre Belebtheit

war aufgedunsen, ihre Vertraulichkeit voll falscher Töne, ihre Strenge

lieblos und zynisch. Die meisten erschienen gleichsam mit einer Maske

vor dem Gesicht, hielten sie unruhig und krampfhaft fest und schäumten

vor Zorn, wenn sie ihnen bei einer unerwarteten Gelegenheit entfiel.

Wenn er einem Lehrer auf der Straße begegnete, war es Engelhart oft, als

schäme sich der Mann seines Straßengesichts, der antwortende Gruß war

dann widerwillig oder von übertriebener Gefälligkeit. Auch in den

Lehrstunden spürte er mit unsicherem Staunen, wie in manchem eine Art

Angst oder Scheu nicht bloß vor der Meinung und dem Urteil, sondern vor

dem Menschlichen, Fleischlichen der Schüler zutage trat; da wurde ein

gefürchteter Tyrann unversehens kindisch und es sah aus, als wolle er

durch eine tölpische Zärtlichkeit seinen Mangel an Herzensbeteiligung

vergessen machen. Um den Mund des einen zuckte beständig ein

unbegreiflicher Hohn; ein andrer fürchtete, lächerlich zu werden, und

war wortkarg wie ein Einsiedler; der dritte, puppenhaft geziert und

seine ganze Natur verhüllend unter einer starren Sachlichkeit, wählte

sich einige Lieblinge, die er verhätschelte, während er allen andern

kalt und hart begegnete; der vierte benahm sich wie ein Sklavenhalter;

der fünfte liebte es, eine erheuchelte Gutmütigkeit und Umgänglichkeit

als Falle zu benutzen, der sechste war ein unfähiger Schwächling, der

siebente ein Narr. Kein echter und ganzer Mensch; was sie lehrten, blieb

tot: Regeln, Formeln, Zahlen, Register. Da sie nicht Teilnahme erwecken

konnten, hielten sie die Furcht in Atem, Drohung und Strafe waren ihre

Büttel. Sie wußten nichts vom Geiste, und der Sache waren sie entfremdet;

ihr Ziel: Dressur. Sie waren beherrscht von jenem Parade- und

Uniforminstinkt, der die Glieder des jugendlichen Reichs für immer

verkrüppelt hat.

Eines wirkt ins andre; auf einem Distelstrauch wachsen nicht Rosen.

Engelharts Mitschüler waren in ihrem innersten Wesen zuchtlos. Nur mit

der gemeinsten Notdurft der Dinge vertraut, waren sie jeglichen

Aufschwungs bar, und seltsam war es, die angeborenen Eigenschaften,

Roheit, Tücke, Heuchelei, feiges Kriechen, von dem dünnen Schimmer

unechter Bildung übertüncht zu sehen. Sie waren mit den Rätseln des

Daseins fertig, ehe noch das Leben die erste Silbe zu ihnen gesprochen

hatte; sie waren nur füreinander geschaffen, nicht für sich selbst; wenn

so ein Knabe allein auf der Straße ging, hatte sein Gesicht den Ausdruck

des Schlafs. In ihrer Brust war keine Musik, und Respekt hatten sie nur

vor dem Gelde. Eines war Engelhart immer aufgefallen, nämlich daß sie

nicht sprechen konnten, daß sie nicht ruhig sitzen oder gehen konnten,

um gut und natürlich zu sprechen; entweder schrien sie oder sie

tuschelten. Dies letztere erregte seinen Abscheu in hohem Grad, denn er

ahnte, was sie mit ihrem Munde und ihren Gedanken beschmutzten, wenn sie

zu dreien oder vieren beisammenstanden und erregt grinsend einander das

Wort von der Lippe rissen. Bisweilen gesellte er sich hinzu, um sich zu

schützen, denn aus Absonderung erwuchs ihm Haß, aber sie nahmen sich in

acht vor ihm, auch ummauerte sich sein Wesen, und ohne daß er darum

wußte, ward seine Haltung feindselig. Die meisten hatten Reiz und Anmut

der Jugend schon eingebüßt, ihre Gesichter waren hohl und fahl von

Stubenluft und ungesunden Trieben, in seine untersten Schlünde

hinabgestoßen war der edle Kindergenius und schon thronte auf den

Stirnen der brutale Zweck.

Nichtsdestoweniger fand Engelhart ein paar Kameraden, die manche seiner

Neigungen teilten. Mit ihnen verabredete er sich zu weiten

Spaziergängen, und daraus wurde schließlich etwas wie ein Kultus mit

wunderlichen Zeremonien und Gepflogenheiten. Sie versammelten sich an

einem möglichst abgelegenen Punkt der Stadt, und bevor der Marsch

begann, erhielt jeder einen Spielnamen, der zugleich eine bestimmte

Rolle in sich schloß. Die Mitglieder der Gesellschaft leisteten das

Gelübde des Schweigens, und die Formen des Verkehrs, feierlicher gemacht

durch Worte aus einer selbsterfundenen Sprache und durch eine künstliche

Rangordnung geregelt, suchten auf die Haltung und den Geist der Truppe

zu wirken. Mit Anbruch des Frühlings wurden die Märsche bis gegen den

Moritzberg und die Wälder an den Ufern der Zenn ausgedehnt. Wenn das

einsame Schloß des befreundeten Königs erreicht war, nämlich ein

Forsthaus oder eine Fuhrmannskneipe, sonderte sich Engelhart von den

Genossen ab und stellte in der tiefen Wildnis dem Auerochsen und dem

Bären nach oder er ging horchend dahin, untertauchend in die Stille und

die Augen zu Boden geheftet wie der traurige Prinz, dessen Herz vor

Sehnsucht krank ist. Er besaß das Land, das sie durchzogen, es war in

Wahrheit sein Eigentum; es war ihm herrlich zu Sinn, wenn sie alle

schweigend in einer fast leidenschaftlichen Gangart dahineilten und der

Wind schüttelte die Baumkronen und die Krähen schwirrten vor ihnen auf.

Er brachte etwas Stürmisches und Atemloses in diese Wanderzüge, nicht so

sehr durch die Begierde nach immer neuen Eroberungen als durch die

unbeschreibliche Unruhe und das Drängende, Gärende, Wollende seines

ganzen Wesens. Am liebsten hätte er nirgends Rast gemacht, nur immer

ziehen, ziehen, ziehen, die Welt war so groß, der Himmel so weit.

An Tagen, wo es unmöglich war, die Stadt oder gar das Haus zu verlassen,

schloß er sich in die Kammer ein, rannte stundenlang auf und ab und sang

dazu, indem er sich von einem unsichtbaren Orchester begleitet wähnte.

Dann war sein Schlaf schwer und oft unterbrochen, auch war ihm das

Zubettgehen mehr als je verhaßt und er meinte durch den Schlummer eine

Einbuße an Leben zu erleiden. Es geschah immer häufiger, daß er sich zur

vorgerückten Abendzeit heimlich aus dem Hause stahl, und er wußte die

Magd zu bereden, daß sie ihn heimlich wieder einließ. Am Pegnitzufer,

dicht neben der Mauer des protestantischen Kirchhofs, stand ein altes

und wegen einer Senkung des feuchten Erdreichs unlängst verlassenes

Haus. Der Besitzer wollte es nicht abtragen lassen, da der Grund

ziemlich wertlos war; so hatte man an den Seitenmauern einstweilen

Stützbalken angebracht, und um die Wände im Innern vor weiterer Fäulnis

zu bewahren, standen Trockenöfen in den Räumen und die rote Glut

strahlte aus den Fenstern weit in die Nacht. Das Tor war verriegelt,

doch Engelhart stieg durch eines der erdgeschössigen Fenster ein,

kauerte sich in einen Winkel und gab sich dem Abenteuerlichen und

Gesuchten seiner Lage mit erwartungsvollem Trotze hin. Es war ihm recht,

wenn es in den Dielen über ihm geisterhaft knackte oder im Keller die

Ratten rumorten. Die Nähe des Kirchhofs war es besonders, die ihn

ergriff; durch ein seitliches Fenster konnte er die Trauerweiden und

Grabsteinkreuze ungeachtet der Dunkelheit gewahren. Es steckt ein

doppelgängerisches Wesen in der menschlichen Brust; sein Revier ist der

Traum, es macht das Unbegreifliche zum Bild, den Willen bindet es und

wie die Spinne das Insekt, umklammert es die Seele und entsaugt ihm die

Kräfte einer behaglichen Freiheit. Bei manchem durchbricht es seinen

Bezirk, bemächtigt sich auch des wachen Geistes, prägt die Marke der

Hörigkeit selbst auf die jugendliche Stirn, will vernommen sein, und

wenn es nicht gegenwärtig ist, will es beständig erharrt werden, es

macht den Stetigen flüchtig und den freundlichen Charakter einsam, mit

holden Versprechungen umgaukelt es das Herz, mischt das Gift der

Ungeduld in jede freudig ruhende Stunde und trägt das Bewußtsein des

Lebens mit bedächtiger Grausamkeit frühzeitig auf die Wege des Todes,

läßt um das Ende wissen, wenn noch nicht einmal die erste Frucht des

Daseins reif geworden ist.

Drei- oder viermal mochte Engelhart unbehelligt in dem leeren Hause

geweilt haben, da sah er einst, während er sich erhob und zum Fenster

schritt, ein verzerrt-grinsendes Gesicht von draußen hereinblicken. Er

erschrak, und erst als das Gesicht verschwunden war, erkannte er seinen

alten Feind, den rothaarigen Rindsblatt. Seit er ihm vor Jahren den

übeln Streich gespielt, hatte er nicht ein Wort mit ihm gewechselt.

Engelhart begriff, daß ihm der Bursche aufgelauert haben müsse,

vielleicht war er selbst auf der Straße an ihm vorbeigegangen, ohne ihn

zu sehen. Er verbarg sich wieder, wartete geraume Weile, dann öffnete er

vorsichtig das Fenster, schaute hinaus und da er nichts Verdächtiges

wahrnahm, verließ er seinen Zufluchtsort. Kaum war er draußen, so kam

von der Uferböschung eine Gestalt auf ihn zu, die den Arm drohend erhob.

Es war Rindsblatt. Engelhart begann zu laufen, der andre lief

hinterdrein. Engelhart lief hinunter gegen den Markt, das Wasser der

Pfützen spritzte unter seinen Stiefeln auf, sein Gewand war mit Kot

bedeckt, die Schritte hallten von den Häusermauern zurück, das

anfängliche Lustgefühl der raschen Bewegung verwandelte sich in Angst,

die Angst wuchs und versperrte seine Kehle, er lief blindlings, ohne zu

wissen wohin, der andre ihm nach, endlich kamen sie in die abschüssigen

Straßen der Altstadt, Wasser und Wassergeplätscher machten ein Ende,

dort unten war alles überschwemmt, weit über den Schießanger und das

neue Schlachthaus hinaus, und wo sie standen, bespülte die Flut schon

die Torstufen der Häuser. Mondschein lag auf dem weiten Spiegel des

Sees, drüben beim Wehr sprühte silbern die Gischt. Engelhart stierte

hinab, keuchend vom Lauf, Rindsblatts Gesicht war schweflig fahl und er

sagte durch die verpreßten Zähne: »Ich will dich jetzt ins Wasser werfen

und ersäufen. Dann sind wir quitt.« Engelhart keuchte verächtlich: »Ein

schlechter Kerl, wer seine Rache so lang aufhebt.« Mit grünlich

glitzernden Augen schnellte Rindsblatt auf ihn zu, da kam aus einer

Seitengasse ein ungeheurer schwarzer Fleischerhund, stellte sich

bösartig knurrend zwischen die beiden Knaben und fixierte einen um den

andern mit offenem Maul und hängender Zunge. Sie wagten nicht, sich zu

rühren, und als das Tier durch einen schrillen Pfiff zurückgerufen

wurde, schien sich Rindsblatt eines andern besonnen zu haben, er machte

kehrt und seine plump schreitende Gestalt entfernte sich langsam gegen

den Lilienplatz.

Am nächsten Tag wurde Engelhart zum Rektor berufen, Rindsblatt hatte die

nächtlichen Ausflüge und das Einsteigen in das fremde Haus denunziert.

Engelharts Benehmen war das eines Schuldigen; feierliche Verhöre

zerbrachen bei ihm jeden Widerstand und jedes Selbstgefühl, seine äußere

Haltung wurde durchaus von der Haltung der andern hervorgebracht. Da der

Rektor nichts Wesentliches herausbringen konnte und da das, was

Engelhart berichtete, ziemlich verhalten und konfus klang, glaubte er an

einen verstockten Heuchler geraten zu sein. Auch der Ordinarius hegte

den Verdacht, daß hier eine geheime Verbindung oder Verschwörung im Werk

war, doch keine der üblichen Pressionen und moralischen Folterungen

führte zu einem Aufschluß, der unbekannten Übeltat war nicht

beizukommen, und so wurde Engelhart schließlich zu mehrstündiger

Einsperrung verurteilt und sein Vater erhielt über das Vorgefallene

ausführlichen Bericht. Alles nahm einen amtlich-wichtigtuerischen Weg,

jeder, der ein bißchen Macht hatte, spielte auf seine Weise Polizei, auf

Subordination war jeder Geist gedrillt und keinen kam ein menschliches

Lächeln an. Auch Herr Ratgeber faßte das Geschehnis völlig als

Staatshandlung auf und verbarg nicht seinen Kummer und seine

Enttäuschung um den Sohn. Engelhart mußte sich zu Hause abermals einer

Reihe von Verhören unterwerfen, und Frau Ratgeber strafte ihn, wie sie

eben zu strafen pflegte, durch Demütigungen berechnetster Art und

dadurch, daß sie ihm verschiedentlich die Mahlzeiten vorenthielt.

In dieser Zeit wuchs für Engelhart nicht viel Trost. Er ging mit

gesenktem Kopf herum, auch sein inneres Schauen war verschleiert. Oft

beobachtete er Männer auf der Straße mit dem furchtbaren Hintergedanken,

welcher von diesen wildfremden Leuten ihm wohl besser hätte Vater sein

können als der eigne Vater. Bisweilen ruhte er am Tisch zu Hause von den

anstrengenden und sinnlos weitläufigen Schularbeiten aus und blickte an

der Lampe vorbei in das auf die Zeitung herabgebeugte Gesicht seines

Vaters. Er faßte die Möglichkeit ins Auge, mit ihm zu sprechen, etwa wie

mit einem Freund, und schon der Gedanke hatte etwas Absurdes. In allen

Büchern war die Rede von dem heiligen Band zwischen Vater und Kind, er

spürte es nicht, er spürte nur das Joch unliebsamer Strenge und

schablonenhafter Zucht. Die Worte, die sie hie und da wechselten, waren

aus der kargen Enge des praktischen Bedarfs geboren, hatten niemals

einen geistigen Hauch, vom Scherz nicht zu reden. Er wußte sich's nicht

zu gestehen und fühlte doch, daß ein solches Beieinanderleben, selbst

wenn es dem natürlichsten Gesetz der Dinge entstammte, etwas Unwahres,

ja Frevelhaftes hatte, und er glaubte außerdem dessen gewiß zu sein, daß

er dem Vater zur Last war und daß das unaufhörliche Hindrängen gegen die

Zukunft nichts weiter vorstelle als die Ungeduld, sich seiner zu

entledigen. Er sah, wie rücksichtsvoll sich der Vater gegen seine zweite

Frau benahm und wie er alles geschehen ließ, was sie gegen ihn und den

Bruder unternahm, und wie er geflissentlich schwieg oder nur schüchtern

zu widerstreben wagte, wenn ein offenbares Unrecht ihm zu Ohren kam;

Engelhart hörte auf zu hadern, er wähnte, irgendeine bindende

Verpflichtung des Vaters läge dem zugrunde, der Vater müsse sich

irgendwie an dieser Frau vergangen haben, sei in Schuld und Sühne

verstrickt und finde nicht mehr zu sich selbst. Unter solchen Erwägungen

wurde ihm Frau Ratgeber zu einer hassenswerten Gestalt und den Vater gab

er für sein Herz, einer unerbittlichen Logik gehorchend, verloren.

Nun befand er sich einst in dem Zimmer, wo auf einem mäßig großen Regal

die Bücher des Vaters aufbewahrt wurden, und kramte nach seiner

Lieblingsgewohnheit unter den alten Scharteken, die sämtlich aus Herrn

Ratgebers Jugend und Jünglingsalter waren. Beim Aufschlagen eines

grauen, mehr von der Zeit als vom Lesen zerstörten Bandes, einer

Abhandlung über das Prinzip der Elektrizität, gewahrte er auf dem

Vorsatzblatt ein Gedicht von der Hand seines Vaters. Die Verse waren

überschrieben: An Agathe Herz; er las, platt auf dem Boden liegend, mit

aufgestützten Armen, vor sich hin:

Ist es bestimmt in Gottes Walten,

Daß ich Agathe soll erhalten,

Die mir des Lebens Inhalt gibt,

Dann will ich keine Mühe scheuen,

Mich selbst durch Tugend zu erneuen,

Denn fromm ist nur ein Mann, der liebt.

Ach, dieses holde Blühn auf Erden!

So schön war noch kein Lenzeswerden

Meiner Dunkelheit gewohnten Brust.

Doch süßer, als wenn Zephyr fächelt,

Ist's, wenn Agathes Auge lächelt,

Davor wird jeder Schmerz zur Lust.

Lange blickte Engelhart auf das Blatt, ohne es zu wagen, sich einer

sanften Regung völlig zu ergeben. Die gelesenen Worte veränderten

unerwartet das Bild des Vaters. Er war so verwundert, wie wenn ein

Geschöpf, das er für stumm gehalten, plötzlich zu reden begonnen hätte.

Ob wohl die Mutter um dies Gedicht gewußt? Wenn nicht, so mußte sie

zeitlebens über die Empfindungen des Gatten im unklaren geblieben sein,

denn daß der Vater je mit ihr davon gesprochen haben könne, schien ihm

undenkbar. Jedenfalls verbarg er seine Entdeckung sorgfältig und ließ

sich nichts merken, doch schaute er bisweilen den Vater so

gedankenverloren an, daß dieser, unangenehm berührt, sich das freche

Anstarren, wie er es nannte, verbat.

Herr Ratgeber durfte nicht zur Ruhe kommen. Sein Unglück erfüllte sich

nicht auf einen Schlag, es nippte langsam, Schluck für Schluck von den

Kräften seiner Seele. Durch die Unvorsichtigkeit eines Lehrlings brach

während einer Mittagsstunde ein Brand in der Fabrik aus. Herr Ratgeber

saß gerade beim Essen und schien etwas heiterer gestimmt als sonst, da

gellte von drunten der durchdringende Schrei: Feuer! Mit den Worten: »um

Gottes Himmels willen« sprang Herr Ratgeber auf und raste hinunter.

Weißer, dicker Dampf quoll durch alle Fenster des Erdgeschosses, das

Holz und die Sägespäne waren eine gar zu leichte Beute für die Flammen.

Nach wenigen Minuten bliesen die Feuertrompeten, die großen Leiter- und

Spritzenwagen konnten nicht durch den Toreingang des Vorderhauses

fahren, die Leitern mußten abgeladen und die Schläuche bis auf die

Straße gelegt werden, wodurch eine verhängnisvolle Verzögerung entstand.

Herr Ratgeber war indessen von seinem Bureau aus in das Innere der

brennenden Werkstätten gedrungen; später wurde er gefragt, warum er dies

getan, da er doch als einzelner auf keinen Fall etwas hätte ausrichten

können; er wußte nichts zu antworten, es war nur der blinde Trieb

gewesen. Es dauerte nicht lange, so war er dermaßen in Qualm gehüllt,

daß er weder vor- noch rückwärts konnte, die Sinne schwanden ihm und er

fiel um. Zum Glück durchbrachen die Feuerwehrmänner in demselben

Augenblick eine hier befindliche, mit Brettern verschlagene Tür, sie

sahen Herrn Ratgeber liegen und schleppten ihn hinaus. Engelhart schaute

vom Fenster oben zu; er rührte sich nicht, Frau Ratgeber weinte und

schrie, räumte die Schränke aus, warf das Silberzeug in eine Kiste, er

stand am Fenster wie versteinert. Im ersten Stock des Fabrikgebäudes war

eine Gipsgießerei; auf den Simsen lagen gewöhnlich allerlei Masken und

Reliefs, und Engelhart beobachtete mit einer der dumpfesten Angst sich

entringenden Spannung, wie die Figuren vom Rauch geschwärzt wurden und

die Gesichter der Masken sich langsam verzerrten.

Die Folge des Brandes war, daß die Polizei den ferneren Betrieb der

Fabrik nicht mehr gestattete, da die Lage des zwischen Hinterhäusern

eingezwängten Traktes als zu gefährlich befunden wurde. Herr Ratgeber

mußte so schnell als möglich eine andre Lokalität haben, auch sann er

auf Vergrößerung der ganzen Anlage, obwohl der bisherige Erfolg ihn

keineswegs dazu ermuntern konnte. Er hatte wenig Kredit, seine Pläne

begegneten dem Mißtrauen der Geldleute, und wie um ihn zu demütigen,

wies man darauf hin, daß sein Bruder, seitdem er allein das Geschäft in

Händen habe, trefflich gedeihe. »Gewiß,« entgegnete Herr Ratgeber, »ich

bin eben kein Krämertalent, ich bin Fabrikant.« Schließlich gewann er

durch seine geduldige und überzeugende Beredsamkeit doch noch einen

Kapitalisten, der zugleich sein stiller Teilhaber wurde, er mietete ein

leerstehendes Haus am äußersten Rande der Schwabacher Landstraße, unweit

davon stand, gleichfalls in großer Einsamkeit und Stadtferne, ein

neuerrichtetes Zinshaus, dessen zweiten Stock er mit seiner Familie

bezog. Nach der Rückseite breiteten sich die Wiesen aus, und ein mageres

Waldstück schloß den Blick ab, vorne, gegen die Rednitz hinunter, lag

das Dambacher Land, dann die tiefen Forste, die sich bis gegen

Kadolzburg und Erlangen dehnten. Das auf der Höhe der Chaussee gelegene

Gebäude war den herbstlichen Stürmen von allen Seiten schutzlos

preisgegeben und zitterte oft unter dem Anprall bis in seine

Grundmauern; wenn die Sonne unterging, waren die Wände und

Fensterscheiben wie mit Blut bestrichen, alle Gegenstände im Zimmer

glühten von innen heraus und im Spiegel über dem Sofa malte sich noch

einmal das flammende Himmelsmeer über der auf ihre stärksten und

einfachsten Linien zurückgeführten Landschaft. Die Verlassenheit hier

draußen wirkte nicht wohltätig auf Engelhart; Besuche kamen höchst

selten, auch für die Kameraden wohnte er zu weit, und innerhalb der

Familie war doch Herz dem Herzen fremd. Einer lauerte des andern

Verfehlungen und Sünden auf, nur Furcht vereinte sie hie und da einmal,

zum Beispiel als in einem nahegelegenen Wirtshaus ein durchreisender

Fremdling ermordet wurde und die Regungslosigkeit der darauffolgenden

Nächte allen zehnfach fühlbar wurde. So wühlte sich Engelhart immer mehr

in gefährliches Abgeschlossensein, dunkler färbten sich seine Träume,

von Tag zu Tag ward ihm wesenloser, was alle Menschen rings um ihn herum

an ihr Dasein knüpfte. Drei Elemente webten in seiner Brust, nämlich ein

schwaches, ein süßes und ein diabolisches. Das erste fügte sich jedem

Druck des Windes und der Trauer jedes Augenblicks, fügte sich und

unterlag, es gab ihn fruchtlosen Erwartungen preis und machte ihn zum

Knecht allerlei schlechter Gewohnheiten; das zweite verlieh ihm tiefen

Atem, tiefes Weilen bei sich selbst und die Liebe für die kleinen Dinge,

an denen andre gleichgültig vorübergehen, es schuf Dämmerung um seine

Augen und breitete eine gewisse Andacht über seine zügellosen

Phantasien; das dritte war schuld an der Heftigkeit seiner Begierden, es

erzeugte aus jeder Bewegung des Gemüts einen leidenschaftlichen Rausch,

erweckte Ansprüche an das Leben, die sich niemals erfüllen konnten,

vertauschte im Nu Freude und Angst, Ungeduld und Apathie,

Überheblichkeit und Demut, Starrsinn und Nachgiebigkeit. In einem alten

Buche las er einmal Worte, die ihm lange Zeit rätselhaft erschienen und

später plötzlich eine furchtbare Bedeutung enthüllten: Da stehst du am

Abgrund des Bösen, armseliger Mensch, und scheuest dich,

hinunterzublicken, aber wenn du auch deinen Pfad abkehrst, so werden

dich dennoch die Geister ewig verfolgen, denen du nur ein einziges Mal

freiwillig das Ohr geliehen hast.

Er war der Stadt und ihrer Menschen müde, er sehnte sich nach Freiheit

und nach der Welt; ganze Nachmittage lang lag er am Bahndamm und blickte

die Gleise hinauf und hinab, an die unbekannte Ferne denkend. Aber die

Zeit erfüllte sich. Als der Sommer kam, der letzte Sommer der

Knechtschaft, wie er meinte, teilte ihm der Vater mit, daß Michael Herz

in Wien sich entschlossen habe, den Neffen zu sich ins Geschäft zu

nehmen. Es habe genug Schwierigkeiten gekostet, meinte Herr Ratgeber,

den Mann so weit zu bringen, er selbst habe sich für den guten Willen

und das ehrliche Streben Engelharts gleichsam verbürgen müssen;

Engelhart beruhigte seinen Vater, er versprach alles, was man wollte, er

dachte gar nicht an die Dinge, zu denen er sich verpflichtete, und daß

er dem Vater wie dem Onkel gegenüber eine ernsthafte Verantwortung auf

sich nahm, es drängte ihn hinaus, etwas andres überlegte er nicht. Aus

den Briefen des Oheims spürte er heraus, daß dieser große Hoffnungen auf

ihn setze, doch daß er nichts so sehr fürchte als enttäuscht zu werden.

Michael Herz wollte Sicherheit und sichere Gewähr. Er war ein

kinderloser Mann, hatte sich aus eigener Kraft aus dem Nichts zu

Wohlhabenheit und einer angesehenen Stellung emporgearbeitet und gefiel

sich in dem Gedanken, daß der Sohn seiner geliebtesten Schwester berufen

sei, sein eignes Werk und Leben fortzusetzen. Aber vielleicht sagte ihm

eine Ahnung, wie viel Schmerz und Kränkung ihm aus diesem Vorhaben

erwachsen könne, deshalb konnte er lange Zeit keinen Entschluß fassen.

Von alldem wandte Engelhart seine Gedanken ab; den guten Willen, den

spürte er, aber es war ihm zumute wie einem Hungrigen, der für ein Stück

Brot alle möglichen Dinge zu leisten verspricht; er weiß, daß sein Sinn

sich wenden wird, wenn er das Stück Brot gegessen hat, aber daran will

er nicht denken. Es kam die Zeit der Abgangsprüfung; Engelhart war stets

ein mittelmäßiger Schüler gewesen, die Seinen zitterten zu Hause um den

Erfolg, auch sie waren es müde, einen sechzehnjährigen Burschen, der

Geld verdienen konnte, noch länger auf dem Hals sitzen zu haben, aber

Engelhart war seiner Sache sicher, ohne sie doch zu besitzen, er schrieb

und arbeitete wie aus dem Schlaf heraus und es gelang, das Widerwärtige

ergab sich, es war irgend etwas Freudiges und Freudeerregendes in ihm,

man begegnete ihm zarter, wohlwollender, heiterer als sonst und

durchstrich das Konto seiner Schuld. Es war ein Aufwachen unbekannter

Kräfte, und hätte sich Engelhart anstatt in einem leuchtenden Taumel

ihnen wissender, frömmer, forschender hingegeben, so wären sie

vielleicht in seinem Dienst verblieben und hätten ihm Wege gebahnt.

Als alles glücklich abgelaufen war, wurde seine Ausrüstung notdürftig

instand gesetzt und Frau Ratgeber entdeckte auf einmal ein besorgliches

Herz für den Stiefsohn. Es war zu guter Letzt noch eine gute Zeit. An

einem Septembertag wanderte Engelhart mit dem Vater nach Altenberg, um

vom Großvater Abschied zu nehmen. Dort war es auch längst nicht mehr,

wie es vordem gewesen. Der Greis hatte, da seine zweite Frau gestorben,

um seiner Einsamkeit abzuhelfen, den Schwiegersohn mit seiner Familie

von einer kleinen, doch sicheren Stellung in einem badischen Dorf zu

sich ins Haus gerufen. Es waren sechs Kinder da, die Frau, Herrn

Ratgebers Schwester, war unheilbar krank, der Mann war ein Frömmler und

verstand nicht zu arbeiten, der älteste Sohn war ein Taugenichts, zwei

Kinder lagen noch in der Wiege, das ganze Wesen verwandelte sich in

Elend und Sorge. Der alte Ratgeber zog sich in eine Kammer zurück und

betrauerte seine Jahre. Dort sah Engelhart den sehr verfallenen Mann, er

saß in einem schmutzigen Ledersessel und reichte ihm die kalte Hand.

Engelhart fühlte drückend und fast beschämt seine prahlerische Jugend,

die mit dem Glanz ihrer herausfordernden Hoffnungen vor diesem Ende

eines Lebens stand. Nachdem beide lange geschwiegen und einander bloß

angeschaut hatten, holte der Alte aus einer Schublade ein kleines

schwarzes Gebetbuch hervor und schenkte es dem Enkel. Dieser zögerte, es

zu nehmen, denn es war ihm wertlos, dann sagte der Greis unvermittelt:

»Deine Mutter war eine feine Frau, Engelhart, eine feine Frau, hat mir

arg leid getan um die Frau. Dein Vater hat kein Glück mehr, seit sie tot

ist.«

Es vergingen noch zwei Wochen, dann stand Engelhart eines Abends mit

seinem Vater im Regen vor der Bahnhofshalle, und sie warteten auf den

Zug. Immer von neuem wiederholte Herr Ratgeber: »Sei ein braver Mensch,

werde ein braver Mann.« Er ließ sich keine Rührung anmerken, und als

Engelhart schon im Coupé saß und aus dem erleuchteten Fenster blickte,

lächelte Herr Ratgeber sein seltsames, verlegenes, zuckendes Lächeln.

Dann rollte der Zug davon, Herr Ratgeber schaute der roten Laterne des

letzten Wagens so lange nach, bis die Finsternis und die Ferne das Licht

verschlungen hatten, darauf seufzte er, spannte seinen Regenschirm auf

und ging in tiefem Sinnen nach Hause. Er setzte sich zur Lampe, machte

Auszüge und schrieb Fakturen bis gegen zwei Uhr nachts, und als er

fertig war, sah er, daß es aus war mit seinen stolzen Plänen und

Hoffnungen. Der Zusammenbruch war unvermeidlich. Da er das Schlafzimmer

betrat, erwachte seine Frau, und er teilte ihr alles mit. Sie lag stumm

da, Bitterkeit und Wut verschlossen ihr den Mund. Sie hatte einst von

einem schwarzen Seidenkleid geträumt, ferner von einem Hut mit echten

Straußfedern. Damit war es nichts; sie knirschte mit den Zähnen, legte

sich auf die andre Seite und schlief mit bösem Gesicht wieder ein.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 8 / 13 题