Eine weite Ebene, Wiesen und Felder, in spinnwebgrauem Nebel. Die
Landstraße mit den hohen Pappeln kriecht weiß und leer in den Nebel
hinaus, und so absonderlich wie der blühenden Frühlingslandschaft in dem
herbstlichen Dunst ist es Engelhart zumut. Eine trügerisch-schwermütige
Stille liegt über der Welt, der Bauer steht auf dem Acker und faltet
bedenklich die Stirn. Ein liebliches Kindergesichtchen taucht aus dem
Nebel, es ist Benjamin auf Kettis Arm. Man schickt ihn zu den Großeltern
nach Altenberg, im Haus darf er nicht mehr bleiben, Frau Agathe muß Ruhe
haben. Das kleine Bübchen jauchzt, da Engelhart possenhaft vor ihm
hertanzt, es weiß nicht, daß es bald sterben wird. Drüben im Dorf wartet
der Tod auf Benjamin, der Tod hat die Nebelschwaden aufs grüne Land
gebreitet.
Auch Engelhart, Gerda und Abel mußten das elterliche Haus verlassen und
wurden bei der Familie Dessauer in einem vornehmen Haus an der
Bahnhofstraße untergebracht. Frau Dessauer war eine entfernte Verwandte
der Mutter und lebte mit ihrem Sohn und seiner Frau in der
Abgeschlossenheit reicher Leute. Dort mußte man leise gehen und leise
sprechen, man mußte die Klinke in der Hand halten, bis die Türe
geschlossen war, man mußte artig sein. Artig, artig! hallte es aus jedem
Winkel.
Die Kinder wagten schließlich vor lauter Artigkeit nicht zu gestehen,
wann sie Hunger hatten, Engelhart schlich bedrückt durch die langen
Korridore und betrachtete stumm die hohen Türen. Er vernahm die Klänge
eines Klaviers und lauschte. Eine Singstimme fiel ein. Das Lied zog ihn
unwiderstehlich an, und er betrat das Zimmer. Die alte Frau saß am
Instrument, die junge stand daneben und sang. Als sie den Knaben
gewahrten, unterbrachen sie Spiel und Gesang, zwei Augenpaare blickten
ihn dürr und strafend an. Man tritt nie in ein Zimmer, ohne anzuklopfen,
hieß es, er solle wieder hinaus und sich melden. Er schaute starr zu
Boden, dann lief er davon und auf die Straße. Die beiden Frauen kamen
überein, daß der Knabe von einem bösartigen Geist erfüllt sei und daß
man vor ihm auf der Hut sein müsse. Indessen lief Engelhart zum Bahndamm
hinüber und spazierte an den schimmernden Geleisen entlang, die
gleichsam eigenbeweglich in die Ferne liefen. Sehnsucht packte ihn, er
spürte unter den Sohlen ein Zittern, als er sich auf das blanke Eisen
stellte, dann warf er sich platt zur Erde und legte das Ohr auf die
Schiene. Das Unglück brachte gerade in dieser Minute den jungen Dessauer
des Wegs, er befahl Engelhart aufzustehen und führte ihn wortlos in das
stille Haus zurück. Dort wurde ein Verhör angestellt, und der Beschluß
war, daß Engelhart fortgeschafft wurde, da man für einen Knaben von so
verbrecherischen Anlagen nicht die Verantwortung übernehmen wollte.
Er kam zu Frau Iduna Hopf. Wieder eine neue Welt; ein uraltes Haus am
Helmplatz, im finstern Flur der Backofen eines Bäckers, morsche Treppen,
die bei jedem Schritt jämmerlich ächzten, und oben die winzigen
Stübchen. Im Wohnzimmer war ein Bücherschrank mit einer Glastüre, davor
stand Engelhart, betrachtete die enggepreßten Reihen der Bücher und las
die Titel auf den Rücken der Einbände. Iduna Hopf behauptete, es seien
die tiefsinnigsten Werke der Welt, außer ihrem Immanuel würden alle
Leute wahnsinnig, die darin läsen. Später einmal, wenn Engelhart zu
Jahren und Verstand gekommen, werde sie trachten, ihm das Heiligtum zu
erschließen.
Er vertraute diesem »Später« ohne weiteres. Er ahnte, was ihm im dunkeln
Spiel der Zufälle und Schicksale für ein Los fallen könne, und daß er,
an ödem Strande kauernd, sich begnügen würde, wenn ihm die Woge aus
einem Schiffbruch ein armseliges Buch vor die Füße spülte. Nach Wissen
und Belehrung stand ihm der Sinn nicht vor dem Bücherkasten, er
verlangte nach anderm, nach Seelenspeise, Wärme des Herzens.
Tag um Tag verging, denn sie lassen sich nicht halten, die Sonne steigt
und sinkt, die Sterne scheinen und verschwinden, der Tag des Schicksals
ist seiner Sache sicher und kann warten. Auf einmal berührte Engelhart
aus dem Ungefähr heraus ein Gedanke: es geschieht etwas zu Hause; da
hielt es ihn nicht länger. Als er vor der elterlichen Wohnung läutete,
gab die Glocke, die sonst schrill und frech gegellt, nur einen dünnen,
gedämpften Ton. Der Klöppel war mit Leinwand umwickelt. Er war
verwundert, als er im Wohnzimmer den Onkel Michael aus Wien, den
einzigen Bruder der Mutter, und dessen Frau traf. Auch ein paar andre
Leute waren zugegen. Kein Lächeln begrüßte ihn, alle schienen wie in die
Betrachtung eines Loches vertieft. Herr Ratgeber lehnte regungslos im
Sessel, der sonst so glänzende und martialische Schnurrbart hing
kraftlos über die Lippen. Eine fremde Person kam aus dem Krankenzimmer
und lispelte: »Ach, du bist da, Engelhart -- deine Mutter hat heute nach
dir verlangt.«
Er ging in das dunkle Zimmer, und allmählich lösten seine Blicke die
weiße Gestalt mit der weißen Binde um die Stirn aus der Dämmerung. An
das Lager tretend, hatte er ein zerflossenes, böses Gefühl, wie wenn der
Sturmwind Sand in die Augen treibt. Er fand die Mutter so verändert,
daß er furchtsam den Kopf senkte und mit seinen Fingern spielte. Frau
Ratgeber streckte den Arm aus dem Bette und suchte seine Hand, und er,
rätselhafte Verstocktheit, machte es ihr nicht leichter, sondern stellte
sich, als sähe er es nicht.
Frau Agathe war den Tag vorher operiert worden. Der Professor hatte
schon wenige Stunden später gesehen, daß die Sache eine schlimme Wendung
nahm. Der Tod, winzig wie ein Elf, wühlte in den geheimnisvollen Gängen
des Ohres.
In der Nacht wurde Engelhart plötzlich vom Schlaf verlassen. Es
umschauerte ihn; sein Herz wußte, was es verlieren sollte, es sträubte
sich und fing an zu brennen wie eine Schnittwunde am Finger. Es spürte,
was für Wetter nun heranziehen würde, und daß die Paradieseszeiten,
paradiesisch Schmerz und Lust, vorüber seien. So kam ihm das Gefühl des
Versäumnisses, zum erstenmal das Gefühl der Unwiederbringlichkeit, das
wie ein schwarzer Schatten aus der Finsternis trat und ihm das Wort und
den Begriff Verlust hinschleuderte. Das war kein Träumen mehr, sondern
ein doppeltes Erwachen des Leibes und der Seele, kein Spiel mehr,
sondern der wilde, unbewegliche Ernst.
Er nächtigte in dem Bretterverschlag, den sonst die Magd innehatte,
verließ das Bett und schlich barfüßig in den Flur. Aber Nachtkälte und
Nachtfurcht hauchten ihn an, er kehrte um und blieb, ohne zu schlafen,
bis der Morgen graute. Dann kleidete er sich an und ging hinüber. Auf
der Schwelle ihrer Wohnung stand kreidebleich das Fräulein Frühwald, den
Kopf an den Türpfosten gelehnt. Es wurde dem Knaben kühl um die Brust,
unsicheren Fußes betrat er das kleine Zimmer neben dem Wohnzimmer. Dort
lag Herr Ratgeber auf dem Sofa, das Gesicht gegen die Wand gekehrt, den
Kopf zwischen den Armen, und gab Töne von sich, die wie Gelächter
klangen. Engelhart ging weiter, endlich hatte er ein abgelegenes
Plätzchen gefunden. Er lehnte die Stirn gegen den Rand eines eisernen
Öfchens und sah seine Tränen vor sich auf den Boden fallen.
Später erschienen viele Leute, gegen Abend wurde der Sarg gebracht. Als
es am dritten Tag zum Begräbnis ging, standen die Hausbewohner und die
Nachbarn vorm Tor. Die Goldschläger hörten auf zu hämmern und traten in
respektvoller Haltung auf die Straße. Der Major Friedlein schaute wie
immer aus seinem Fenster, doch hatte er diesmal keine Pfeife. Bis der
Zug zum Gottesacker kam, hatten sich unzählig viele Menschen
angeschlossen, aus manchem Fenster hing ein schwarzes Tuch oder blickte
eine weinende Frau.
Engelhart mußte die Schaufel nehmen und Erde ins Grab werfen. Als alles
aus war, kam der Vetter Zederholz, klopfte ihm auf die Schulter und
sagte: »Lieber Sohn, so etwas kommt nicht zum zweitenmal.« Er blickte
freundlich und traurig zugleich auf den Knaben, und zwischen den
Fettfalten seiner Wangen glänzte es feucht.
So war die schöne Seele hinunter. Es war, als ob sie nie gelebt, als ob
ihr Lächeln nie gelebt hätte, ihr volles, wahres Auge, ihr karges und
wohlgemeintes Wort. Nur die toten Dinge blieben: die Straße und das
Haus; das Bett, in dem sie geruht; der Teller, von dem sie gegessen.
Schlimm, daß Engelhart durch einen äußerlichen Trauerdienst der Trauer
seines Gemüts entführt wurde. Jeden Morgen, sobald der Tag graute, mußte
er aufstehen und zum Gebetshaus eilen, um das Totengebet dort laut zu
beten. Jeden Morgen allzu früh riß ihn eine rauhe Hand zum Wachsein auf,
und noch halb schlafend wankte er durch die Gassen. Gott wolle es und
das Seelenheil der Mutter, sagte man ihm. Er glaubte nicht an einen
Gott, der dieses wollte, er verhielt sich feindselig gegen einen Gott,
der es darauf abgesehen hatte, seinen Schlaf zu zerreißen. Das war
schlimm, denn dadurch wurde sein Himmel plötzlich leer. Innerliche Güter
statt in Kämpfen in verstimmter Selbstsucht verlieren, heißt ohne Würde
und Gewinn verlieren. Freilich war Engelhart darin von je ungeleitet
geblieben, der Vater stand diesen Dingen scheu gegenüber, es war ihm
unbequem, daran zu rühren, und er hatte keine Zeit, darüber
nachzudenken; die Mutter, einfach in ihrem Glauben wie in ihrem Wesen,
hatte gemeint, das wüchse von selber in der Brust wie der Baum in guter
Erde. Aber es kam kein Baum heraus, nur ein schmächtiges Reis, das vor
dem ersten Windhauch zerbrach. Zudem lebte das werdende Geschlecht
damals in einer Luft nüchterner Praktiken, und der höhere Sinn fand in
kränklicher Sehnsucht sein Heil.
Kurze Zeit nach Frau Agathes Tod sagte Ketti den Dienst auf. Es blieb
unbekannt, was sie vertrieb. Zu einigen Leuten äußerte sie, sie wolle
nicht bei mutterlosen Kindern bleiben. Man wandte ein, daß sie nun erst
recht nötig und am Platze wäre, aber sie sagte, es täte ihr zu weh; sie
möge auch keinen andern Dienst mehr annehmen und gehe in ihre Heimat.
Sie war zehn Jahre im Haus gewesen, und Herr Ratgeber ließ sie ungern
ziehen. Er war den ganzen Tag im Geschäft, zu Mittag schlang er hastig
seine Mahlzeit hinunter, warf kaum einen Blick auf die Kinder, zündete
die Zigarre an und ging wieder. Die Verwandten sagten ihm, daß die
Kinder auf diese Weise verwildern müßten, auch kostete der kleine
Haushalt mehr als je zu den Zeiten der Frau. Da entschloß er sich, eine
Wirtschafterin zu nehmen, und er hielt Nachfrage nach einer
entsprechenden Person, die zugleich eine gewisse Geistesbildung besitzen
sollte. Es dauerte nicht lange, da erschien ein großes blasses, blondes
Frauenzimmer im Haus, und Herr Ratgeber glaubte gut gewählt zu haben.
Wenige Tage, nachdem das Fräulein, dessen Name Adele Spanheim war, seine
Stellung angetreten hatte, übergab er ihr das Wirtschaftsgeld für drei
Monate und reiste fort. Mehr als je träumte er jetzt von Reichtum oder
doch von behaglicher Wohlhabenheit; er spannte alle Kräfte an, um sich
auf jene Höhe des Lebens zu schwingen, auf der man von den Menschen
geachtet werden muß; es war, als ob das nun erstarrte Herz ihm keinerlei
Rücksichten des Gefühls auferlegte, er mußte nicht und nirgends mehr
verweilen, konnte sich völlig seinen Projekten hingeben, und wenn ihm
auch nicht vergönnt war, ins Weite hinaus zu wirken, das wußte er, so
wollte er doch in seinem Kreis etwas gelten. Er war nie ein Jammerer, er
beklagte nie sein Geschick; diese Kraft, sich zu verschließen,
entfremdete ihn aber auch der Teilnahme der denk- und gemütfaulen
Leute, die rings um ihn gemächlich ihre Existenz bauten.
Adele Spanheim verlangte blinden Gehorsam von den Kindern. Die beiden
Kleinen bequemten sich dazu, sie konnten ja noch nicht sehend wollen.
Engelhart widerstrebte trotzig. Das Blut schoß ihm in die Stirn, wenn
sie lachend einen Befehl gab, nicht aus Einsicht, sondern aus bloßer
Lust am Kommandieren. In einem ihrer wöchentlichen Berichte über die
Ausgaben und die Vorfälle im Haus, die sie Herrn Ratgeber zu senden
hatte, klagte sie, daß Engelhart ihr ohne den gebührenden Respekt
begegne und daß es ihr schwer falle, gegen seine freche
Selbstherrlichkeit aufzukommen. Darauf schrieb Herr Ratgeber zurück,
wenn sich der Knabe nicht bessern wolle, erlaube er ihr jede Form der
Züchtigung. Diese Briefstelle las ihm das Fräulein vor. Engelhart
vernahm mit Unglauben und Schmerz des Vaters Worte, die so fremdartig
aus der Ferne klangen, so kaltherzig auf dem Papier standen. Er forderte
Fräulein Spanheim auf, ihm den Brief zu zeigen, sie willfahrte, und es
wurde ihm leicht, die schönen klaren Schriftzüge zu lesen.
Niedergedrückt schlich der Knabe im Haus umher und stellte sich, des
schlechten Wetters nicht achtend, unter das Haustor. Die anbrechende
Nacht verscheuchte ihn, und als er hinaufging, hatte er Kopfschmerz und
jagende Hitze. Adele Spanheim sah ihn bleich hereinschwanken und wurde
besorgt. Sie entkleidete ihn und strich ihm kosend über das Haar, aber
ihr verändertes ängstliches Benehmen beleidigte seinen Stolz.
Er bekam den Scharlach in der gefährlichsten Form, lag vier Tage
bewußtlos, bäumte sich aus der pflegenden Hand und schrie vor sich hin.
Danach, als er genas, füllte sich seine Brust mit Süßigkeit, es wurde
ihm offenbar, daß er durch ein dunkles Tor neuerdings ins Leben trat,
etwas von Lebensschönheit wurde ihm bewußt, über einem langhinlaufenden
Weg strahlte die Sonne mit herrlicher Gewalt, an beiden Seiten hingen
Rosengirlanden und über smaragdenen Wiesen flogen Vögel, wie er sie nie
zuvor erblickt, sie hatten etwas menschlich Sanftes im Ausdruck ihrer
Augen und es wirkte beruhigend, wenn sie langsam sichere Kreise um
denselben Mittelpunkt zogen. Gleichzeitig hörte er die vertrauten
Geräusche von der Straße, das Hämmern der Goldschläger, dies
meisterhafte Schlagen im kurzen Wechseltakt, das Geschrei der spielenden
Kinder, den Gesang vom Wirtshaus und vieles andre. Der Tod hörte auf,
ein Wort für ihn zu sein. Er wurde Bild und glich dem Bild des Lebens,
nur daß alles umschattet und erstarrt war. Die Frage entstand: Wären die
Stadt und ihre Häuser noch vorhanden, wenn ich tot wäre? Würden die
Bälle der Kinder draußen noch ebenso in die Luft fliegen, die Leute im
Wirtshaus noch ebenso singen? Er begriff oder fühlte dunkel das Einzige
des Lebens, die wunderbare unermeßliche unbegreifliche Macht, die den
Menschen atmen läßt und die ihn zugleich die Finsternis ahnen läßt --
dort, jenseits des Rosenwegs, über welchen die sanftäugigen Vögel
fliegen, die er im Halbtraum gewahrt.
Täglich kam Doktor Federlein, flüsterte eine Weile mit Fräulein Adele,
dann trat er ans Lager, von Karbolgeruch umwallt wie ein Priester von
Weihrauch, nickte dem Knaben zu, schrieb ein neues Rezept, befühlte
seinen Puls, kitzelte ihn am Kinn, schüttelte vor dem Spiegel seine
dunkeln, bereits angegrauten Locken und ging wieder. Herr Ratgeber war
von der Reise zurückgekehrt, Engelhart sah ihn aber nur des Abends.
Neues Unglück hatte ihn getroffen, der kleine Benjamin war draußen in
Altenberg gestorben. Wie ein Schatten war er seiner Mutter nachgefolgt,
als ob sie, schon unter der Erde, das winzige Seelchen noch verlangt
hätte, das in unergründlicher Trauer sein Leben kränkelnd hinschleppte.
Als Engelhart zum erstenmal wieder ausgehen durfte, fuhr Adele Spanheim
mit ihm und den beiden Geschwistern nach Nürnberg zu ihren Eltern. Es
war prächtiges Wetter, kristallen wölbte sich der Himmel, die Blätter
begannen schon gelb zu werden und hingen glühend an den Bäumen des
Stadtgrabens, vieleckig, vieltürmig, mit strahlend roten Dächern erhob
sich die Burg und zur Rechten die säulenschlanken Türme von Sankt
Sebald. Zwischen dem Henkersteg und dem Weinmarkt traten sie in das
düstre Tor eines altertümlichen Hauses, stiegen eine riesenbreite Treppe
mit flachen Stufen hinan und schritten oben über eine Holzgalerie mit
schön geschnitztem Geländer. Unten war der Hof, es plätscherte Wasser
aus dem Brunnen in ein steinernes Becken. In der Wohnstube befanden sich
zwei alte Leute und fünf erwachsene junge Männer, Adeles Brüder. Die
Kinder wurden in die Ecke des Zimmers an einen kleinen Tisch gesetzt und
erhielten Kaffee und Kuchen. Die acht Leute redeten leise miteinander,
bisweilen flog ein musternder Blick zu den Kindern herüber. An den
Wänden des großen Raums standen hochbeinige Stühle und zwischen den
Fenstern hing ein Bild, ein Mädchenkopf mit schwarzen, zur Schulter
fallenden Haaren. Der Ausdruck des Gesichts erinnerte Engelhart an
Sophie Hellmut, der Blick hatte etwas Zärtliches und Fragendes, und er
konnte sein Auge nicht davon wenden. Er stand auf, um das schöne Gesicht
näher zu haben, da ertönte vom Kaffeetisch aus, das Wispern
durchbrechend, Adele Spanheims Stimme: »Engelhart, sitzen bleiben!« Die
Tasse an den Lippen, betrachtete sie ihn erwartungsvoll, auch die fünf
Brüder sahen ihn an. Mit verzerrtem Gesicht starrte der Knabe zu Boden,
und es wäre vielleicht zu einem Auftritt gekommen, wenn nicht die
Ankunft eines neuen Gastes die Aufmerksamkeit des Fräuleins abgelenkt
hätte. Diesen Umstand benutzte Engelhart und stahl sich aus dem Zimmer.
Draußen lehnte er sich einige Minuten lang über die Galerie und blickte
entzückt in das blaue Himmelsviereck; auf der andern Seite konnte er
durch eine geöffnete Türe in ein halbdunkles Zimmer sehen, in dessen
Mitte ein Aquarium stand; Goldfische blitzten an der Glaswand vorbei,
und ein schmaler Sonnenstreifen lag wie ein goldener Stab quer im grünen
Wasser.
Die Furcht, entdeckt und geholt zu werden, trieb ihn weiter, auf die
Straße, über den Platz zur Sebalderkirche. Zaudernd stand er dort vor
einer offenen Seitentüre. Es zog ihn hinein, und doch lähmte ein
Unbekanntes seinen Fuß. Frömmigkeit, der Genuß des Wunderglaubens, die
Seligkeit des Gebets, alles das war ihm fremd geblieben, aber die
Furcht, Gottesfurcht, nicht im biblischen Sinn, behauchte ihn bisweilen
wie die Kälte der Winternacht, die durch die Fensterfugen in das
erwärmte Zimmer streicht. Und nun der gewaltige Bau, die schwere
Dämmerung drinnen, und das Fremde und Steinerne, das den Christen und
das Christentum in seinen Augen umgab.
Er ging hinein. Die gewaltigen Pfeiler, die erhabenen Bogen und Gewölbe,
wie schräg gefaltete ungeheure Hände nach oben geneigt, das Halblicht,
verstärkt und bemalt durch die bunten Glasfenster, die Stille des Ortes
und seine ungeheure Raumfülle, dies Emporstrebende, Emporweisende, es
machte ihn schaudern bis ins Mark. Als dann die Glocke im Turm zu läuten
anfing und ihn die Klänge umschwirrten wie das Flügelschlagen mystischer
Wesen, trugen ihn die Beine kaum mehr, er suchte einen Winkel, um sich
zu verkriechen, und taumelte vorwärts, bis ein schwarzes Gitter ihn
aufhielt. Es war das Sebaldusgrab. Langsam wich die Blindheit von seinen
Augen, er gewahrte zahllose kleine Figürchen, lieblich gestaltet, in
stiller, vorgesetzter Bewegung, und sein Erstaunen war groß. Das
Zittern, das Grauen wich, auf einmal fand er sich heimisch, als hätte er
Spiel und Spielgenossen entdeckt, und lange konnte er sich nicht
trennen.
Zu spät erinnerte er sich der verflossenen Zeit. Alle Spanheims waren
auf der Suche nach ihm. Adele stand im Flur und empfing ihn wortlos, mit
eisig kalter Miene. Auch Gerda und Abel behandelten ihn hochmütig, denn
sie waren durch seinen Fehltritt in Gnade gekommen. Nach und nach kamen
die Brüder Adelens zurück, lachten spöttisch, und einer zwickte den
Knaben ins Ohr. Auf der Heimfahrt bewahrte Adele ihre bedeutungsvolle
Zurückhaltung, und als er sich zum Schlafengehen anschickte, nahm sie
einen Stock, stellte sich an das Bett und genoß seine stumme Angst,
seinen flehenden Blick. »Wo warst du, während wir dich gesucht haben?«
fragte sie durch die geschlossenen Zähne. Da er nichts antwortete,
geriet sie vor Zorn außer sich, packte ihn beim Hemd, und wie er
zurückwich, riß das Hemd entzwei. Der Knabe lief nackt gegen das Fenster
und, den Leib gegen die Mauer gepreßt, den Arm abwehrend
zurückgestreckt, rief er wild: »Schlagen Sie mich nicht!«
In Adele Spanheims Gesicht ging eine wunderliche Veränderung vor. Sie
errötete, nahm die Kerze vom Tisch und sagte mit dunklerer, rauherer
Stimme, ohne die Augen von der Gestalt des Knaben abzuwenden: »Geh nur
schlafen, du ... Bub.« Bei diesem zögernd ausgesprochenen Wort lächelte
sie. Im Bette liegend, dachte Engelhart an ihr sonderbares Lächeln und
schlief in Scham und Traurigkeit ein.