Fünftes Kapitel

Adele Spanheims Herrlichkeit nahm bald ein Ende. Eines Nachmittags

betrat Herr Ratgeber wider seine Gewohnheit die Küche und sah, daß

Fräulein Adele mit träumerisch aufgerissenen Augen vor einem Topf mit

eingemachten Preiselbeeren saß und von Zeit zu Zeit einen Kaffeelöffel

voll in den Mund steckte. Gerda und Abel kauerten lüstern dabei, man

spürte, wie ihnen der Mund wässerte. Da Herr Ratgeber auch sonst

unzufrieden war mit der Leitung des Haushalts, sagte er: jetzt ist es

genug, und gab der naschhaften Dame den Laufpaß. Damit gewann die Sorge

um die führerlosen Kinder neue Macht.

Herr Ratgeber hatte sich inzwischen mit seinem Bruder Hermann endgültig

entzweit. Er war im Begriff, aus dem gemeinsamen Geschäft zu scheiden

und eine Fabrik zu gründen; Produzent sein, die Ware gleichsam aus dem

Nichts erschaffen, die Hände des Arbeiters unmittelbar in seinen Dienst

nehmen, Maschinen in Betrieb setzen und im großen Stil wirtschaften, das

war sein Traum. Er hatte es satt, Bänder und Pfeifenspitzen zu

verkaufen, wie er sich verächtlich ausdrückte, und um jeden Groschen

Verdienst mühevoll schwatzen zu müssen. Nach langen Erwägungen entschloß

er sich für die Holzwarenbranche, und da er vorerst nicht viel von der

Sache verstand, suchte er sich durch nächtelanges Studieren zu helfen.

Aber so stolz seine Pläne waren, es fehlte Herrn Ratgeber an Kapital. Er

wandte sich an den reichen Bruder seiner verstorbenen Frau, und da er

eine wunderbar überzeugende Art zu schreiben hatte, ließ sich Michael

Herz bestimmen, zehntausend Mark herzugeben. Aber damit hatte Herr

Ratgeber nicht genug. Er war leidenschaftlich bemüht, seiner Idee unter

den bisherigen Geschäftsfreunden geldkräftige Anhänger zu gewinnen, und

phantasievoll und tatgierig, wie er war, versprach er einem jeden goldne

Berge. Mit weithinaus gerichtetem Blick ging er in dieser Zeit umher,

beständig ein Lächeln zwischen den Lippen verhüllend, welches sagen

sollte: Laßt mich nur gewähren, laßt mich nur ans Ruder kommen. Er

glaubte, die Stunde sei reif, wo er die nacheilenden Schatten seiner

bedrückten Jugend in die Flucht schlagen könne, und sagte sich mit

stürmischer Entschlossenheit: Es muß sein, muß gelingen. Dieses Muß

trieb ihn zeit seines Lebens von Mühsal zu Mühsal und von Mißlingen zu

Mißlingen.

Nun gab es einen Mann in der Stadt, der das Treiben des Herrn Ratgeber

mit der größten Neugierde verfolgte. Er hieß Teilheimer, hatte brandrote

Haare, ein mit Sommersprossen bedecktes Gesicht, und sein Beruf war,

über die Angelegenheiten seiner Mitbürger aufs genaueste unterrichtet zu

sein. Er saß zum Beispiel im Wirtshaus und summte scheinbar achtlos vor

sich hin. Da ging der Weinhändler Strunz am Fenster vorüber. Teilheimer

zwinkerte listig mit den Augen und sagte: »Schau, schau, da geht der

Strunz zum Bezirksarzt, um seinen fälligen Wechsel einzukassieren; wird

ihm aber nichts nutzen, der Mann hat selbst kein Geld und der

Schwiegervater gibt nichts mehr her; böse Geschichte.« Oder man redete

in einer Gesellschaft über das gesunde Aussehen und die Frische einer

schönen Frau, was den roten Teilheimer zu der beiläufigen Bemerkung

veranlaßte, daß diese Frau den Krebs in der Leber sitzen habe und daß

ihr nur noch ein Jahr und etliche Tage zu leben vergönnt sei.

Dieser magische Seher machte sich auf, um Herrn Ratgeber beizustehen.

Eines Tages kam Engelhart von der Schule und stürmte ins Zimmer. Da sah

er den Vater am Ofen stehen, den Kopf gebückt, in unbewegliches

Nachdenken versunken. Am Tisch ihm gegenüber saß der rote Teilheimer,

ein Bein übers andre geschlagen, einen Zigarrenstummel mit vergnüglicher

Miene über die Lippen wälzend und einen Bleistift auf ein mit Zahlen

beschriebenes Blatt bohrend, als ob er den Speer in die Brust eines

Besiegten tauche. Sein Auge blitzte feldherrnhaft, als er dem Knaben mit

einer Handbewegung das Zimmer verwies. Am darauffolgenden Nachmittag war

es wieder so, nur daß noch Iduna Hopf dabei war; Herr Ratgeber stand

wieder vor dem Ofen und schien qualvoll unentschieden, der rote

Teilheimer spießte wieder den Bleistift kühn in die Zahlenleiber. Iduna

Hopf machte dem Knaben ein Zeichen, er aber wollte es nicht verstehen

und blieb in ahnungsvollem Trotz. Da sagte Iduna Hopf, gegen Herrn

Ratgeber gewendet: »Da sieh mal, Joseph, wie vernachlässigt der Junge

herumgeht.« Herr Ratgeber blickte zerstreut und unruhig in des Knaben

Gesicht.

Eine Woche später kam Herr Ratgeber zu früherer Stunde als sonst nach

Haus, schritt erregt im Zimmer auf und ab, befahl der Magd, sogleich

sein Essen zu bereiten, er fahre über den Abend nach Nürnberg. Dann

kleidete er sich sonntäglich an, kam wieder zu den Kindern heraus, pfiff

leise vor sich hin, öffnete, als sei ihm zu heiß, das Fenster und beugte

sich eine Weile hinaus. Inzwischen war der Braten aufgetragen worden, er

setzte sich zu Tisch, und da ihn die Kinder andächtig umstanden und

jedem Bissen nachschauten, der in seinem Munde verschwand, schnitt er

drei gleich große Stücke Brotes ab, legte auf jedes eine Scheibe Fleisch

und teilte aus. Während sie alle drei schmausten, gab er sich einen Ruck

und sagte: »Ihr werdet jetzt eine neue Mutter bekommen, damit wieder

Ordnung unter euch ist. Seid anständig und macht mir Ehre.« Er vermied

es bei diesen Worten, seine Augen vom Teller zu erheben, doch bevor er

aufstand, richtete er den Blick mit plötzlicher Strenge auf Engelhart,

der den Vater atemlos anstarrte.

Am folgenden Tag, noch vor Tisch, traten zwei fremde Frauen ins Zimmer.

Die eine von ihnen sagte: »Guten Tag, Kinder, gebt mir die Hand, ich bin

eure neue Mutter.« Sie hatte ein süßliches Wesen. »Sehr schöne Kinder,«

sagte die andre Frau, die eine helle kalte Stimme hatte. Darauf begaben

sich beide an die Besichtigung der Wohnung und unterwarfen jedes

Möbelstück und jedes Porzellanfigürchen einer eingehenden Beurteilung.

Engelhart verhielt sich stille, an manchen Tagen aber kam es über ihn

und trieb ihn umher wie einen Ball, der von unsichtbaren Händen von

einem Eck ins andre geworfen wird. Da fand er die Kleider zu eng, das

Haus zu klein, den Himmel zu niedrig, und er lief ohne Sinn und Ziel

durch die Gassen, bis er in einem Winkel Halt machte und in die Luft

starrte. Er hatte in einem Buch die Geschichte gelesen von dem der

auszog, das Gruseln zu lernen, und diese Geschichte machte Eindruck auf

ihn durch etwas, das hinter den erzählten Vorgängen steckte, wie in

einem Nebel des Grauens hin und her wogend. Er spürte die Kluft, die ihn

von jenem trennte, der das Gruseln nicht lernen konnte, denn im Anfang

seines Denkens war die Furcht, Furcht vor dem Ungewissen, Unsichtbaren,

Unnennbaren, Furcht mitten in der Freude und im Spiel. Zagend stand er

einem dämonenhaften Wesen gegenüber, dessen Wille es ist, zu zerstören

und irrezuführen, den freifliegenden Wunsch aufzufangen und an die Erde

zu fesseln.

Im sogenannten Feldschlößchen, eine halbe Stunde von Nürnberg entfernt,

feierte Herr Ratgeber seine zweite Hochzeit. Die Kinder saßen an diesem

Tag in dumpfer Spannung zu Hause. Gegen Abend brachte jemand von der

Hochzeitsgesellschaft eine Torte und Grüße vom Vater, der mit seiner

neuen Frau schon abgereist war. Die Botschaft wurde kaum gehört, alle

machten sie sich über die Torte her, auch die Magd erhielt ein Stück,

und um sich erkenntlich zu zeigen, verschwand sie dann und überließ die

Kinder für den ganzen Abend sich selber. Sie befanden sich im großen

Wohnzimmer, und Engelhart beschäftigte sich, die Aufsichtslosigkeit

nutzend, mit der großen Wanduhr. Er liebte diese Uhr und die lautlosen

Schwingungen des gelbfunkelnden Perpendikels; er suchte eine Seele in

ihr. Zu diesem Zweck stellte er einen Schemel auf einen Stuhl, kletterte

hinauf, öffnete den Glasdeckel und lauschte dem heimlichen Rädergesurr;

bisweilen gab es ein Geräusch, das einem Seufzer glich. Nach einer Weile

begann er an dem Zifferblatt zu hantieren, es gelang ihm, eine Schraube

zu lockern, und auf einmal hatte er beide Zeiger in der Hand. Er

erschrak, ihm war zumute, als seien einem lebenden Wesen die Arme

abgefallen; umsonst probierte er, das Übel wieder gut zu machen,

plötzlich stieg er herunter und legte die Zeiger kleinlaut auf die

Kommode. Es war ein ziemlich stürmischer Abend, das Feuer im Ofen war

erloschen, die Kinder froren. Zudem ging auch das Öl in der Lampe auf

die Neige. Auf der Straße und im Haus war es totenstill, Abel war am

Tische sitzend über seiner Schiefertafel eingeschlummert, Gerda schlich

eine Weile in dem düster werdenden Zimmer hin und her, dann drückte sie

sich in die Ofenecke und fing an, leise vor sich hinzuweinen. Engelhart

verbarg seine Gefühle, so gut es möglich war, er stellte sich gegen die

Tür und horchte und wagte endlich zu öffnen. Draußen war's finster. Er

überredete sich zur Tapferkeit und schritt hinaus, um nach der Magd zu

rufen. Doch war die Finsternis so groß, daß ihm das Geräusch des eignen

Herzens Angst einflößte. Nie hatte er etwas so Teuflisches in der Nacht

geahnt, er machte eine betende Bewegung mit den Armen, sein Auge fand

aber keinen Aufblick. Dies machte die Finsternis doppelt schwer und öde,

und da Gerda ängstlich seinen Namen rief, kehrte er zurück. Er schaute

zur Uhr, um zu sehen, wie spät es sei, und das Grauen überlief seine

Haut, als er ihr zeigerloses Blatt gewahrte und darunter den

Perpendikel, ernsthaft schwingend, wie wenn nichts geschehen wäre. Es

schien, als ob die Zeit ihr Maß verloren habe und die Nacht kein Ende

nehmen würde.

Acht Tage später spielten die Kinder im Flur neben der Stiege, Engelhart

hatte aus Stühlen eine Kutsche gebaut, Abel war Postillon, Gerda, in

einem unermeßlich langen, weit über die Dielen schweifenden Mantel der

Mutter und einen großen Federhut auf dem Kopf, machte die vornehme

Passagierin, und Engelhart war der Räuber, der die Kutsche im Wald zu

überfallen hatte. Mitten im größten Getöse tauchten Herr Ratgeber und

die fremde Frau, die neue Mutter, auf und blieben auf der halben Höhe

der Treppe stehen. Herr Ratgeber, das Reiseköfferchen tragend, winkte

den Kindern lachend zu, innezuhalten, die Frau schüttelte verdrossen

lächelnd den Kopf, und ihre Blicke blieben auf Gerda haften, die

vergeblich bemüht war, sich aus dem Reisemantel zu befreien.

Von Stund an ging alles einen andern Gang im Hause. Früh, mit dem

Glockenschlag sieben hieß es aufstehen; es war keine Minute der

Besinnung erlaubt, kein Sichdehnen, kein Zurückdenken an die Träume, ein

Rütteln an der Schulter und: heraus. Besonders für den kleinen

krummbeinigen Abel war es hart, oft, wenn er schon gewaschen und

angekleidet war, fielen ihm am Frühstückstisch die Augen wieder zu. Es

gab keine Pfennige mehr zum Vesperbrot, und damit war eine der schönsten

Vergnügungen zerstört: den Schulhof verlassen, über die Straße zum

Bäcker laufen und so mit einigen andern, welche die gleiche

Schicksalsgunst genossen, eine scheinhafte kurze Freiheit erobern. Nach

der Schule mußte man in gemessener Zeit zu Hause sein, Frau Ratgeber

haßte das Streunen. Am Abend, kaum war das Brot gegessen, hieß es

wieder: ins Bett, ins Bett; kein Einwand galt, alles war Befehl und

Regel geworden. Die neue Frau Ratgeber meinte es nicht schlecht mit den

Kindern, sie glaubte das Rechte zu wollen und zu tun, auch wenn sie das

Brot, bis auf den Millimeter berechnet, vorschnitt, Fleisch nur in den

winzigsten Portionen verteilte, den Zucker zum Kaffee abschaffte, so daß

das wasserdünne graubraune Getränk kaum hinunterzubringen war. Engelhart

wußte natürlich nichts von dem Zwang, zu sparen, unter dem sie stand,

und daß sie nur durch die scharfsinnigste Strategie in den Ausgaben mit

dem zugewiesenen Wochengeld den Haushalt bestreiten konnte. Er spürte

nur die haßartige Lieblosigkeit, die ihm vorenthielt, was er bis jetzt

genossen hatte; er bäumte sich auf unter tyrannischen Verboten, er wurde

hinterlistig, wenn er sich hinterlistig angeklagt sah, feig oder rasend

den aufgebauschten Beschuldigungen gegenüber, die stets vor das Tribunal

des Vaters gebracht wurden, und er blieb bei großen Versehungen reuelos,

weil auch die kleinsten ungroßmütig verdammt wurden. Bald griff er zur

Lüge aus Furcht, aus Diplomatie, zur gedankenlosen Lüge, ja zur Lüge,

die er nur erfand, um sich in einer dumpfen Weise an der Frau zu rächen.

Nicht selten gebrauchte er langwierige Ausreden, um sich eines

erbärmlichen Vorteils zu versichern, und war einmal ein auskömmlicher

Tag mit der Stiefmutter, so tat er freundlicher gegen sie, als ihm

zumute war, schmeichelte ihrem Bedürfnis nach Klatsch durch allerhand

Geschichten und suchte sie möglichst lang bei guter Laune zu erhalten.

Zweimal in der Woche ging sie des Abends zum Fleischer, da begleitete er

sie, schleppte den schweren Korb nach Hause, saß am Tisch bei ihr, wenn

sie Linsen klaubte oder Äpfel schälte, und wenn er im Plaudern war und

sie bisweilen zum Lachen brachte, dann übersah sie es, daß er die Butzen

der Äpfel aß oder das in den Streifschalen verbliebene Fruchtfleisch mit

den Zähnen herausschabte; dann durfte er auch noch eine halbe Stunde in

seinem geliebten Don Quichotte lesen oder aus Zwirn, Gläsern und

allerlei Schachteln sonderbare Paläste bauen. Wies sie ihn aber zu Bett,

so durfte kein Widerspruch fallen. Das freie, arglose Wort fand kein

Echo in ihr, die rückhaltlose Heiterkeit erweckte ihr Verdruß und

Mißtrauen, der offene Blick erschien ihr frech. In ihr selbst war nichts

als tartüffisches Ducken gegen gesellschaftlich Höherstehende, auch wenn

sie nachgewiesenermaßen nur hundert Mark mehr Einkommen besaßen. In den

engsten und dunkelsten Verhältnissen eines fränkischen Judendorfs

aufgewachsen, war sie von einer dämonischen Liebe zum Geld besessen. Im

Geld suchte sie die Quellen des Lebens. Sie war aufs genaueste mit den

Verhältnissen aller Familien der Stadt bekannt und richtete auf der

Straße ihren Gruß nach eines jeden Besitz. Wenn ein reicher Mann starb,

war sie immer ein wenig erstaunt darüber, daß Gott seine Hand auch nach

einem solchen Inbegriff irdischer Macht ausstreckte. Ihr ganzes Tun und

Lassen war von rätselhaftem Neid durchflutet. Ihre Züge waren zerrissen

von Unruhe, Unmut, Ungenügsamkeit und Ehrgeiz, ihr Blick war stechend,

ihr Mund bitter und ärgerlich zusammengepreßt. Sie war eine Natur, alles

Wohlwollens bar, ohne sanftes Verweilen im Augenblick, ohne frauenhaftes

Träumen. Wenn andre Tausende auf Tausende häuften, wollte sie wenigstens

Pfennig um Pfennig sammeln, und weil sie darin kein Ende sah und alle

Geister des Behagens auf immer von der Schwelle verscheucht wurden, an

der sie begehrlich lechzend stand, so entsprang Fried- und

Lichtlosigkeit aus allem, woran sie die Hände rührte. Ihr war es nicht

gegeben, Zutrauen zu erwecken, die früheren Freunde der Familie blieben

fern. Kein gemütliches Bild, keine anziehende Vorstellung belebte die

Räume, wenn Engelhart, fern vom Hause, sie sich gegenwärtig hielt.

Einsam sparte und haderte die Frau und füllte ihre Tage mit

erschöpfender Arbeit.

Einmal kam Engelhart hungrig aus der Schule, und als er durch die Küche

ging, wo sich gerade niemand aufhielt, sah er einen Korb voll kleiner

Äpfel auf dem Anricht stehen. Unbedenklich nahm er zwei Äpfel, verzehrte

sie im Zimmer, entledigte sich des Schulgeräts und schickte sich an,

möglichst schnell zu entkommen, denn es war der erste schöne Tag nach

regnerischen Wochen. Plötzlich stand die Stiefmutter vor ihm und fragte

atemlos: »Wer hat von den Äpfeln gestohlen?«

Der Knabe starrte sie an; er war im Begriff, es ruhig zu bekennen, doch

das Wort »gestohlen« machte ihn stutzig. »Ich habe nichts gestohlen,«

antwortete er. Das Zittern seiner Stimme und besonders das Erröten

strafte ihn Lügen.

»Leugne nicht,« sagte die Frau, »ich habe die Äpfel gezählt; du wirst ja

feuerrot, du schlechter Mensch.« Damit schlug sie ihn vor den Kopf, daß

er zurücktaumelte; noch einmal erhob sie den Arm, Engelhart fing ihn auf

und hielt ihn krampfhaft fest, darauf wurde sie von Wut und Bosheit

übermannt und schlug aus aller Kraft mit beiden Fäusten los. Der Knabe

schrie; je mehr er schrie, je wilder wurde die Frau; die Leute vom Haus

liefen zusammen, die Magd rannte von der Waschküche herauf. Endlich

gelang es Engelhart zu entkommen, er taumelte in den Flur, tastete sich

am Gitter entlang und verkroch sich im finsteren Ende des Korridors

zwischen zwei Schränken. Er blieb unbeweglich dort, um zu warten, bis

der Vater kam. Endlich vernahm er seine kurzen hastigen Schritte und

atmete auf. Es verfloß geraume Zeit, bevor Herr Ratgeber das Zimmer

wieder verließ. Schon bedrückte den Knaben die Einsamkeit und

Halbdunkelheit, er glaubte es aber so lang ertragen zu müssen, bis er

mit Güte ins Licht zurückgeführt würde. Da rief die Stimme des Vaters

seinen Namen, doch mit so hartem Klang, daß er erschrak und sich nicht

rührte. Noch einmal tönte der Ruf, lauter, gereizter, ungeduldiger.

»Dort hinten steckt er,« sagte Abel, der herangeschlichen war und den

Bruder verlegen zwinkernd betrachtete.

Herr Ratgeber packte Engelhart am Arm und zerrte ihn hinein. »Zum Lügner

bist du geworden, zum Dieb? Du willst mir Kummer machen, ich weiß es

schon lang, fort aus meinen Augen, ich kann dich nicht mehr sehen!«

Damit wandte sich Herr Ratgeber ab, ging in das nächste Zimmer und

schlug die Tür zu. Die Sprache, die er geführt, raubte Engelhart beinahe

das Gefühl des Lebens. Besonders der Umstand, daß er gar nicht gefragt

worden, daß kein Fünkchen Recht auf seiner Seite gelten sollte, daß der

Vater den Worten seiner Frau ohne weiteres Glauben schenkte, das

umkrampfte seine Brust, und er hatte eine solche Verzweiflung bisher

noch nicht kennen gelernt.

Nicht mehr ganz derselbe wie vorher verließ er das Haus und ging über

den Bahndamm bis auf den Dambacher Weg. Der schöne Tag, die vollkommene

Ruhe der Felder und Wiesen, der lautlos dahinfließende Rednitzfluß mit

seinen Wasserrädern, die alte Schwedenfeste in der Ferne und der Wald

rings um sie wie ein blauer Kranz: dies alles zog ihn empor aus dem

Abgrund seines Schmerzes. Er setzte sich unter einen Weidenbaum dicht am

Ufer und verfolgte das Treiben der Krähen, die sich in seiner

Nachbarschaft furchtlos niederließen. Das Flußbett war vom langen Regen

hoch angeschwollen, das Wasser trug auf seinem Rücken Hunderte von

Baumzweigen dahin. Hätte ihn nicht der Hunger gequält, so wäre Engelhart

bis in die Nacht hier geblieben; er umfaßte Land, Wald, Wasser und

Himmel mit einer neuen, ernsten Empfindung, er fühlte mit dunkler

Genugtuung, was ihm beschieden sein könnte, wenn er in sich wirken

lassen würde, was so groß, so feierlich sich als Welt, als Natur vor ihm

hinbreitete. Als er heimwärts wanderte, sank die Sonne hinter den

Waldrändern, der Himmel sah aus, wie wenn aus verborgenen Quellen

rotglühendes Eisen über ihn hingeströmt wäre. Darüber streckten sich,

aus einem Mittelpunkt hervorlaufend, grüne Strahlenbüschel, einzelne

Wolken hingen gleich ruhig brennenden Schiffen im Zenit und die Ebene

zitterte im rötlichen Dunst.

Fremd und fremder fand sich Engelhart dem Vater gegenüber, und auch

dieser vergaß seinen Groll diesmal lange nicht, vielleicht um die

Ahnung von eigner Schuld zu ersticken. An einem Sonntagabend holte Herr

Ratgeber die Gitarre von der Wand. In früheren Zeiten hatte er oft und

gern darauf gespielt und Lieder gesungen, die er noch aus seiner

Knabenzeit kannte. Er pflegte damals unbestimmt, doch glücklich vor sich

hin zu lächeln, und seine Augen füllten sich mit einem Ausdruck

schamhafter Schwärmerei. Heute schlug er wie suchend ein paar Akkorde

an; Engelhart bat, er möge doch singen, aber Herr Ratgeber zog die Stirn

in Falten, legte das Instrument beiseite, machte eine abwehrende

Bewegung mit der Hand und sagte rauh: »Du kannst schlafen gehen.« Die

Gitarre wanderte bald darauf in die Rumpelkammer. Herr Ratgeber zeigte

nie mehr Verlangen nach ihr.

Die Fabrik war im Gang, sechsundzwanzig Arbeiter waren an den

Hobelbänken, an der Kreissäge, am Gasmotor tätig. Herr Ratgeber war

tagelang beschäftigt, die fertiggestellten Holzschachteln mit Bildern zu

bekleben und diese dann zu lackieren. Er hatte aus Sparsamkeitsrücksichten

nur einen einzigen Kommis aufgenommen, einen gewissen Lechner, der an

Epilepsie litt. Oft schien es, als lausche Herr Ratgeber mit

Befriedigung auf das furchtbar jauchzende Kreischen der Säge, das von

den Fabrikräumen hereindrang, lauter und wilder, wenn eine Tür geöffnet

wurde; meist aber war er traurig und verstimmt. An den Zahltagen kamen

die Arbeiter zur Kasse, es gab nicht selten Streit, die Leute nahmen

eine drohende Haltung an. Wenn Herr Ratgeber dann wieder allein war,

rechnete er stundenlang, stellte den Umsatz fest, überschlug die

Herstellungskosten eines neuen Artikels und beriet mit dem Werkführer

über Löhne und Holzsorten. Spät am Abend schrieb er Briefe und Fakturen,

zeichnete Muster und Pläne oder lackierte abermals die einfältigen

Bilder auf den Schachteln. Oft kam Engelhart und erinnerte den Vater an

das Nachtessen, dann löschte Herr Ratgeber mit einem letzten Blick und

Seufzen die Lichter, versperrte Laden, Geldschrank und Türen und ging

schweigend mit dem Knaben nach Hause. Unbewußt schnitt es Engelhart ins

Herz, wenn der Vater einmal wieder vergnügt war, etwa wenn Fremde da

waren -- wenn er mit seinen funkelnden Augen an harmlosen Gesprächen

teilnahm, wenn er sich selbst wieder spürte und die Zeitläufte vergaß.

Es wohnten ungelenkte Kräfte in seiner Brust, aber Kräfte waren es; mit

beiden Fäusten hielt er sich grimmig an der Lebensleiter fest und konnte

nicht empor, vielleicht weil ein brutaler Vorgänger die Sprossen

zerbrochen hatte.

Die Kinder sahen nur noch die richterliche Gewalt in ihm, er schien

nicht mehr Teilnahme für sie zu hegen als der Drahtziehende im

Puppentheater an den gehorchenmüssenden Marionetten. Bei Tisch durfte

nicht gesprochen werden, anständige Kinder sprechen nicht bei Tisch,

hieß es. Ein Verbot wurde ausgesprochen, die Kinder wollten den Grund

wissen, dies setzte oft in Verlegenheit, und jede Erörterung wurde mit

dem Satz abgeschnitten: Genug, ein Kind fragt nicht warum. Der Vater

verlor das Licht in Engelharts Augen, es kam vor, daß er beim Schall

seiner Schritte zitterte. Er lernte in den Blicken und zwischen den

Lippen der Menschen lesen, erfüllt von Mißtrauen und allgemeiner Angst.

Gerade in dieser Zeit fand er einen Kameraden. Sein Name war Philipp

Raimund, es war ein aufgeweckter Knabe von graziösem Wesen; er hatte

etwas Beschwingtes, Beherztes, das in seinem Gang und in seiner Art, den

Kopf zu tragen, zur Geltung kam, seine Stimmung war durchsichtig wie

Glas, alles an ihm war hell, seine Äußerungen hatten eine famose

angeborene Kräftigkeit. An einem Mittwochnachmittag marschierten sie

zusammen in den Burgfarnbacher Wald, bis sie an eine tiefeinsame Stelle

kamen. Dort rasteten sie. Raimund teilte sein Butterbrot mit Engelhart,

sie sprachen über die Schule, dann über ihre Eltern, und Raimund fragte

beiläufig, ob es Engelhart nicht gut zu Hause habe.

»Wir haben jetzt eine Stiefmutter,« entgegnete dieser in einem Ton, als

ob es sich um eine kleine vorübergehende Unannehmlichkeit handle.

»Autsch!« rief Raimund teilnehmend und patschte sich auf die Schenkel.

Von da an wurde sein Benehmen noch zarter und freundlicher; er berührte

diesen Umstand niemals wieder. Immer mehr nahm die Philosophie von ihren

Unterhaltungen Besitz, und sie stritten mit Eifer über die Existenz

Gottes. Engelhart leugnete Gott; das bekümmerte Raimund, und er hatte

viele Gründe dagegen. »Können denn die Blumen und die Bäume von selbst

entstehen?« fragte er eindringlich, »und die Sonne, sie ist doch da,

folglich muß sie geschaffen worden sein.«

»Sie ist ewig,« antwortete Engelhart.

»Ewig? Was heißt das?« warf Raimund nachdenklich entgegen. »Ewig ist

nichts, das ist doch nur ein Wort.«

Dieser Einwand machte Engelhart stutzig, er hätte nichts zu sagen

gewußt, wenn Raimund nicht hinzugefügt hätte: »Und der Mensch, so schön

und lebendig, glaubst du, durch Zauberei ist er gekommen?«

»Die Menschen entstehen aus sich selbst,« sagte Engelhart.

»Wie, aus sich selbst?« fragte der andre erstaunt.

»Ich weiß es,« behauptete Engelhart finster, dennoch sank in diesem

Augenblick seine Wissenschaft in Nichts zusammen, und aus Groll darüber

ward er störrisch. »Wie ist denn Gott?« warf er dem Freunde grimmig ein.

»Was ist denn Gott? wie denkst du ihn? wie sieht er aus?«

Raimund lächelte sonderbar liebenswürdig und sagte ruhig: »Er ist ein

Wesen.« Dazu machte er eine getragene Handbewegung und sein Gesicht

hatte den Ausdruck der Verehrung.

Dies geistige Einander- und Sichselbstsuchen im kindischen Wortgefecht,

dies warme Emporsehnen und Hinausfühlen war genug des Glücks, was konnte

ein Ja oder Nein daran vermehren oder davon rauben? Ihre Worte glichen

leerem Fliegengesurr in sommerlicher Luft, was Engelhart dachte, teilte

er dem Freunde mit, aber was sie empfanden, verbargen sie einander

sorgsam, so wurde ihr Beisammensein reich an unterirdischen Quellen.

Raimund zuerst fand Engelharts Herz voll von Freundschaft, er bereitete

es zu für die Freundschaft, er machte ihm das Gespräch mit einem

vertrauten Genossen unentbehrlich.

Eines Tages durfte Gerda an einem Spaziergang der Freunde teilnehmen,

und das kam so: Engelhart hatte Raimund abgeholt, und sie gingen an dem

Haus vorbei, wo Ratgebers wohnten. Da sahen sie Gerda auf der

Steintreppe des Spenglerladens sitzen und weinen. Die Knaben fragten sie

aus, und sie erzählte, sie habe ein Glas zerbrochen und sei geschlagen

worden. Der mitleidige Raimund lud sie ein, mitzukommen, und sie besann

sich nicht lang. Sie wanderten in den Vestnerwald, Gerdas blasses

Gesicht färbte sich in der belebenden Luft, und ihre Augen, deren

Ausdruck stets zwischen Pfiffigkeit und Träumerei wechselte, blickten

freier. Sie gab nur Angst vor neuer Züchtigung zu erkennen, weil sie so

weit vom Hause war, aber Raimund lachte und meinte, das wolle er schon

richten. In der Tat hatte Frau Ratgeber eine Schwäche für den Knaben,

weil er angesehener Leute Kind war und ihr sein Verkehr mit Engelhart

schmeichelhaft vorkam; er war der Sohn eines Landgerichtsrats.

Die drei zogen tiefer in den Wald und beachteten kaum, daß die Dämmerung

einbrach. Bisweilen blieb Raimund stehen und hielt mit scharfen Augen

Umschau. Ein Uhu schrie in der Ferne, es wurde schnell dunkel, gerade

daß sie noch den Waldrand und die Landstraße erreichten, ohne in die

Irre gegangen zu sein. Gerda war plötzlich todmüde, sie war nicht

gewohnt zu marschieren, sie sank nieder in das feuchte Gras und

schüttelte auf Raimunds scherzhaften Vorschlag, daß er und Engelhart sie

tragen könnten, matt lächelnd den Kopf. Gleich darauf war sie

eingeschlafen.

»Lassen wir sie ein wenig schlafen,« murmelte Engelhart, »jetzt ist

alles eins, Prügel gibt's sowieso.« Vor ihnen im Osten stieg der

Vollmond auf; zur Mulde vertieft, lagen die Äcker, und auf dem Kamm des

langgestreckten Hügels standen drei Pappelbäume, scharf in den Himmel

gezeichnet. Raimund machte sich lustig über Engelharts Schweigsamkeit,

auch später, als sie schon auf dem Heimweg waren, das verschlafene

Mädchen in ihrer Mitte führend. Aber er konnte nicht anders, es war ihm

bang ums Herz, und er vermochte nicht Rechenschaft zu geben warum, er

fand kein Wort, keinen Gedanken dafür. Es war, als verursache die

Schönheit der Nacht ihm Schmerz, er spürte eine Kraft in sich, die er

nicht anzuwenden wußte, es beunruhigte ihn eine Fülle, welche die Brust

zu sprengen drohte.

Raimund begleitete die Geschwister bis nach Hause und machte einen so

geschickten Fürsprecher, daß man Gnade walten ließ. Das war der letzte

schöne Tag mit Raimund, bald darauf verließen seine Eltern die Stadt,

sein Vater war nach Bamberg versetzt worden.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 6 / 13 题