Mitte Juli mußte Herr Ratgeber eine Reise antreten, die ihn für einige
Monate von seiner Familie trennte. Frau Agathe beschloß, diese Zeit auf
dem Lande zuzubringen und mit den Kindern ihre Schwester Emilie Wahrmann
in Gunzenhausen zu besuchen. Ihr Leib, ihr Geist bedurften der Ruhe. Die
Tage vor der Fahrt vergingen mit vielfacher Arbeit. Noch in der letzten
Stunde war sie beschäftigt, die Polstermöbel zu überziehen, die Läden
herabzulassen, Kampfer zu streuen; dann stand sie ermüdet auf der
Schwelle, ihre Gestalt hob sich schmal aus dem Dämmer des verdunkelten
Raumes, sie war blaß von dem überstandenen Wochenbett, die Stirn, für
eine Frauenstirn ungewöhnlich hoch, war an den Schläfen wie Marmor von
blauen Adern durchzogen, ihre Augen hatten einen doppelten Blick, den
nach außen für die Gegenstände, und den ruhigen, warmen süßen Blick nach
innen für das Unbekannte.
Die Familie Wahrmann bewohnte ein einstöckiges Haus an der Straße, die
vom Tor des Blasturms aus gegen den Wald führte und wenige hundert Meter
weiter schon Landstraße wurde. Auf jeder Seite standen etwa ein Dutzend
solcher Häuser von ganz gleicher Bauart, und zwischen je zweien war ein
kleiner Garten oder Hof. Frau Agathe fand bei der Schwester, was sie vom
Leben innig wünschte: Sorglosigkeit. Die Erinnerung an ihre Mädchentage
erwachte; hier hatte sie, nachdem der Vater gestorben war, bis zu ihrer
Verheiratung gelebt; hier hatte sie manche Nacht durchtanzt, hier hatte
sie Herr Ratgeber zum erstenmal erblickt. Nun war sie wieder da, von
liebreicher Gastfreundschaft gehegt, und vier Kinder mit ihr als Zeugen
der verflossenen Jahre. Ihre gehobene Stimmung wirkte wie ein
seelenvolles Leuchten auf die Gemüter der andern Hausbewohner.
Engelhart vertrug sich gut mit den Cousinen. Helene, die älteste,
liebte es, ihn zu necken. Nicht seine Gedanken waren vor ihrem Spott
sicher. Sie war selten schlecht gelaunt, sie entdeckte mit Scharfblick
an jedem Menschen die komische Seite und jeder bot ihr daher
unerschöpflichen Stoff zum Lachen. Sie hatte aber auch Respekt für
geistige Dinge, für gute Bücher, es war nichts Kleinstädtisches in ihr.
Ganz anders Jettchen, die zweite. Sie war eine trübe Träumerin, stets
von Unzufriedenheit und zielloser Eifersucht erfüllt. Sie neigte schon
als Kind zu einer halb schwärmerischen, halb gottmeisternden
Frömmigkeit, und da sie nicht hübsch war, sprach sie gern mit Verachtung
von dem eiteln Wesen schöner Mädchen. Die jüngste nun, Esmee, hatte
etwas Teuflisches für Engelhart; er fürchtete sie, wenn sie an den
Sommerabenden auf der Straße wandelten und sich das Mädchen lächelnd an
ihn drängte, ihren Arm in den seinen schob und beim Sprechen ihr Gesicht
so nahe wie möglich an das seine brachte. Sie war immer von einem
einzigen Zustand vollkommen beherrscht, von Wildheit oder Angst,
Müdigkeit oder Begierde. An Regentagen gebärdete sie sich oft, als wolle
sie vor Ungeduld die Mauern niederreißen, und im Wald pflegte sie mit
schmetternder Stimme zu singen:
»In den Garten wollen wir gehn,
Wo die schönen Rosen stehn,
Stehn der Rosen gar zu viel,
Brech' ich mir eine, wo ich will.«
Am Anfang des Waldes stand ein Wirtshaus, kurzweg die »Höhe« genannt,
und an Sonntagen pilgerte das halbe Städtchen hinauf. Engelhart fand
sich dann unbehaglich in dem Menschentrubel, und er schlich davon. Er
hatte einen Lieblingsplatz im Wald unter einer alten Eiche; nahebei war
ein Ruinenstein der römischen Mauer. So saß er einmal und lauschte auf
die Tanzmusik, die von der »Höhe« herüberklang. Da legten sich zwei
kleine Hände über seine Augen und eine zarte Stimme wisperte: »Wer bin
ich?« Eigensinnig schwieg er still, und als sich Esmee schmollend an
seine Seite setzte, herrschte er sie an: »Warum bist du mir denn
nachgelaufen?« Sie antwortete nichts, sondern schüttelte heftig ihr lose
hängendes Haar. Er verfiel wieder in sein verstocktes Schweigen. Es
flogen Glühwürmer auf, hinter dem Weg schimmerte es goldgelb vom Mond,
aus dem Westen brummte dumpf der Donner. Plötzlich sprang Esmee auf,
packte blitzschnell mit beiden Händen Engelharts Kopf und biß ihn ins
Ohr. Er schrie, sie lief davon, ihr Lachen vermischte sich mit dem
Rascheln der Zweige, Engelhart eilte ihr nach. Als er in den Wirtsgarten
kam, hatten sich die Gäste schon in den Saal geflüchtet, da es zu
tröpfeln anfing. Esmee stand auf der obersten Stufe der Terrasse. Sie
hatte einen Zipfel ihres Taschentuchs zwischen den Zähnen und riß daran,
während sie in den Saal blickte, die Augen in unheimlicher Wildheit
funkelnd.
Engelhart trat, mit der Hand das schmerzende Ohr bedeckend, in den Saal
und gewahrte unter den ersten Paaren, die sich zum Walzer anschickten,
seine Mutter und den Premierleutnant Siderlich. Er erstaunte über ihr
Aussehen, über ihre roten Wangen und glänzenden Augen. Ihre Bewegungen
hatten etwas Fräuleinhaftes, wenn sie dankte, den Kopf zur Schulter
neigte, den Fuß zum Tanz vorsetzte.
Der Premierleutnant Siderlich lag schon seit zehn Jahren mit einer
Halbkompagnie im Ort, man sagte, daß es eine ewige Strafversetzung sei.
Er wohnte bei Wahrmanns zur Miete, doch gingen diese mit dem Plan um,
ihm zu kündigen, da er in der letzten Zeit oft betrunken war. Das
gewöhnliche Volk nannte ihn wegen seiner außergewöhnlichen Länge und
Magerkeit den Lattenhanni. Er verkehrte mit niemand, hatte weder
Kameraden noch Freunde und empfing oder schrieb nie einen Brief. Jeden
Abend um acht Uhr ging er ins Gasthaus zur Post und verzehrte dort sein
kärgliches Nachtessen. Wenn er fertig war und neben seinem Tisch bekam
etwa ein andrer Gast zu essen, so beugte er sich gegen dessen Teller
herüber und sagte, mit der Zunge schnalzend, gierig und überrascht: »Ah,
das ist aber ein schöner Braten, so einen Braten bekomme ich nie,« oder:
»Das ist aber ein kolossaler Fisch, so einen bekomme ich nie.« Hierauf
rief er die Kellnerin oder den Wirt und fragte mit trauriger Stimme:
»Warum bekomme ich nie eine so große Portion wie der Herr Expeditor?«
»Aber ich bitte, Herr Premier,« sagte der Wirt, »es ist ganz genau
dasselbe Stück.«
Beim nächtlichen Nachhausegehen nahm er sich auf der Straße sehr
zusammen, kaum hatte er jedoch die Haustüre bei Wahrmanns aufgesperrt,
so stimmte er einen greulich unmelodischen Gesang an und stolperte
geräuschvoll die Stiege empor.
Seit Frau Ratgeber im Hause weilte, betrank er sich nicht mehr und
verwendete größere Sorgfalt als bisher auf seinen Anzug. Am Morgen nach
dem kleinen Tanzfest schickte er seinen Burschen mit einem Strauß von
Rosen und einer Visitenkarte, auf deren Rückseite in sorgfältig gemalten
Buchstaben zu lesen stand:
Schönheit besiegt ein jedes Herz
Und sei es auch so hart wie Erz.
Bald danach hörte man ihn mit klirrendem Wehrgehänge die Stiege
herabpoltern, er machte im Frühstückszimmer seine Aufwartung, aber seine
Haltung verlor an Sicherheit, als die Kinder, durch sein wunderliches
Grimassenschneiden belustigt, kichernd entflohen.
Es nahte die Zeit der Reife, das Obst auf den Bäumen wurde schwer.
Täglich wanderten die Kinder in die Beeren. Spät nachmittags zog die
belebte Schar heimwärts, die Mütter kamen ihnen auf der Landstraße
entgegen und freuten sich der reichen Ausbeute. An einem schönen
Septembertag brachen beide Familien morgens um fünf Uhr auf und fuhren
nach Pappenheim, wo sie von Bekannten zur Obstlese eingeladen waren.
Engelhart, sich von den Seinen mit Absicht entfernend, schritt durch den
riesengroßen Garten, der über mehrere Hügel hingebreitet war, und sah
ein Schloß, das den Gipfel eines Berges krönte. Es wurde ihm feurig zu
Sinn, als er wieder zu den andern zurückkehrte, stieß er ein
Jubelgeschrei aus. Doch diese waren ebenfalls in Glückseligkeit
gefangen, Frau Agathe schritt mit stillem Lächeln umher und deutete
manchmal auf den Himmel, der so strahlend war, als ob ein blaues Feuer
ihn erfüllte. Dann sank die Sonne, Engelhart hatte ein schneidendes
Gefühl von Schmerz, es tönte eine Stimme: jetzt ist es genug der
Freuden.
Wenige Tage später mußten sie nach Hause reisen, Herr Ratgeber war
früher, als er gedacht, zurückgekehrt. Kisten und Koffer wurden gepackt,
und gegen Abend setzte sich die ganze Karawane nach dem Bahnhof in
Bewegung. Erst dort begriff Engelhart, daß es sich um Scheiden und
Trennung handle. Wie im Schlaf küßte er die Mädchen, später durchzuckte
es ihn, daß er Esmees Mund feucht auf dem seinen gefühlt. Der Zug
rasselte davon, die Nacht brach ein, fremde Leute saßen im Coupé, Ketti
hielt den Säugling im Arm, Gerda und Abel schlummerten aneinandergelehnt.
Auch Frau Agathe schien müde, ihr Blick war in die Dunkelheit hinaus
gerichtet, die Hände lagen still im Schoß. Engelhart schaute sie an und
seine Lippen murmelten wie von selber Esmees Verse und zerhackten sie
mit dem Takt der Eisenbahnräder:
»In den Garten wollen wir gehn,
Wo die schönen Rosen stehn,
Stehn der Rosen gar zu viel,
Brech' ich mir eine, wo ich will.«
Er träumte, daß ein ungeheurer Mensch käme und ihn wie ein Stück Holz
unter den Arm schiebe. Der Mensch schritt durch eine eiserne Tür, die er
hinter sich zuschlug, und betrat ein dunkleres Gemach. Er eilte weiter
zur nächsten Tür, die er ebenfalls zuschlug, und so weiter, von Tür zu
Tür, bis sie in einen grauenvoll finstern Raum kamen.
Ein paar Tage hernach schrieb Frau Agathe einen langen Brief an ihre
Schwester in Gunzenhausen. Sie meldete die glückliche Ankunft, und daß
weder den Kleinen noch den Großen ein Unfall zugestoßen sei. Dann
beschrieb sie ausführlich, in welchem Zustand sie die Wohnung
angetroffen habe; in den Fugen des Flurgatters sei der Staub fingersdick
gelegen, das Türschloß im Wohnzimmer sei vollständig eingerostet; im
grünen Zimmer hätten die Motten trotz aller Schutzmaßregeln die
Rücklehne des Plüschsofas angefressen; in der Küche sei vom Hagelwetter
im August ein Fenster zertrümmert worden. Nachdem alles das ausführlich
geschildert war, dankte Frau Ratgeber ihrer Schwester und deren Gatten
für die lange Gastfreundschaft. Sie drückte ihre Dankbarkeit in den
leidenschaftlichsten Worten aus, zu denen sie in mündlicher Rede nie den
Mut gefunden hätte, und erklärte sich unvermögend, solche Opfer nur
annähernd in gleicher Münze zu bezahlen. Sie gestand, daß sie sich seit
der Abreise grenzenlos unglücklich fühle und daß sie wisse, eine geheime
Stimme habe es ihr zugeflüstert, sie werde die Schwester und die Nichten
nicht mehr wiedersehen. Sie erzählte, wie trostlos Engelhart sich
benehme und fügte hinzu, daß sie seines versteckten und träumerischen
Charakters wegen recht besorgt sei.
Ungern besuchte Engelhart die Schule. Aber er mußte. Schon tönte das
Wort Pflicht als ein Fanfarenstoß an seine Ohren. Ihm war es das
liebste, zu gehen, wohin er wollte, zu unternehmen, wozu sein Inneres
ihn antrieb. Er spielte mit sich selbst; sogar das Sehen seiner Augen
wurde zum Spiel; auf der Gasse gehend, probierte er, ob man nicht auch
mit dem Mund sehen könne. Er dachte klüger zu sein als Gott oder ihn
wenigstens zu kontrollieren. Er schloß die Augendeckel, schob die Lippen
vor, und da er nun weiter zu gehen vermochte, dachte er in seiner
Albernheit, Gott eines Bessern belehrt zu haben, während er ihn nur
beschummelt hatte, denn ein ganz klein wenig hatte er doch durch den
Spalt zwischen den Lidern gespäht.
Herr Ratgeber tadelte das Guckindieluftwesen heftig. »Hände aus den
Taschen! Frisch, frisch! Munter!« rief er, wenn der Knabe sinnend
einhertrottete. Aber Engelhart fand sich nur eingeschüchtert, und er
verbarg eifersüchtig sein Herz. Tausend Fragen waren in ihm erwacht,
Bedeutendes und Nichtiges lag gleich schwer vor seinem Weg. Er hatte
niemand, um zu fragen; die Mutter war in solchen Dingen nicht
entgegenkommend, dem Vater war nichts lästiger, als wenn man ihn viel
und um vielerlei befragte. Von den Lehrern erwartete er nichts und sie
gaben auch nichts.
Im Spätherbst verbreitete sich das Gerücht von einem Weltuntergang. Der
furchtbare Termin war für Anfang November prophezeit. Engelhart wunderte
sich über das gefaßte Wesen der Leute, er wunderte sich, daß sie noch
aßen und tranken, daß sie schwatzend unter den Haustoren standen und den
hellen Himmel betrachteten, und er freute sich auf ihren Schrecken und
ihre Verzweiflung, wenn das Ungeheure kam. Er spazierte in der Mitte der
Straße auf und ab, um beim Zusammensturz der Häuser verschont zu
bleiben. Allmählich sammelten sich vor der Pfistergasse, wo man den
Ausblick auf das freie Feld hatte, viele Erwartungsvolle an und starrten
in den aufgehenden Mond. Die Abergläubischen hatten wenig Zuspruch, wer
Angst hatte, wollte sie doch nicht zeigen, denn man lebte in einer
aufgeklärten Protestantenstadt. Dennoch war die Enttäuschung allgemein,
als es Abend ward und Himmel und Erde ihr friedliches Aussehen nicht
veränderten. Engelharts Unzufriedenheit wurde gemildert durch das
gebundene und sehnsüchtige Gefühl, das ihm der Mond einflößte; die
unsichtbare Bewegung des Gestirns bewegte ihn mit. Auf dem Heimweg traf
er Selma Weber, sie gingen zusammen und plauderten; doch da unterbrach
Selma das Gespräch und fragte ängstlich: »Ist es wahr, daß du ein Jud
bist?« Er stutzte, bejahte, aber der Ton ihrer Stimme wollte ihm nicht
aus dem Kopf. Eines Tages, es war schon Winter geworden, tiefer Schnee
lag, vergnügte er sich damit, in die Fußstapfen eines vor ihm her
gehenden Knaben zu treten. Da dieser aber viel größere Schritte machte,
mußte er seine Beine übermäßig spreizen, was einen komischen Anblick
bot. Er hörte denn auch ein schallendes Gelächter und sah Fräulein
Holländer, die am Fenster ihrer ebenerdigen Wohnung lehnte und sein
Treiben belustigt mitansah. Dieses Fräulein war eine Jüdin, eine
ältliche Jungfer, die mit ihrer Mutter ein kleines Häuschen gegen den
Spitalgarten bewohnte. Engelhart kam oft dorthin, weil das Hoftor mit
bunten Glasscheiben versehen war, und er liebte es, durch die farbigen
Gläser auf die fernen Hügel des Vestnerwaldes und auf die Wiesen des
Flußtals hinunterzublicken.
Als der größere Knabe das Lachen vernahm, blieb er stehen und sah sich
um, und Engelhart, mit beiden Füßen in einer einzigen seiner Fußstapfen,
blieb ebenfalls stehen. Der andre stierte ihn drohend an und sagte
haßerfüllt: »Du Jud.« Darauf kamen noch ein paar Burschen, stellten sich
um Engelhart herum und beobachteten ein feindseliges Schweigen. Er wußte
sich beschimpft, begriff aber nicht, wodurch. Er grübelte noch in sich
hinein, als jene schon verschwunden waren; da winkte ihm Fräulein
Holländer zu, er folgte, und als er im Zimmer war, schloß sie das
Fenster, reichte ihm einen gebratenen Apfel aus der Ofenröhre, und
während er aß, holte sie ein dickes Buch herbei, schlug es auf und las
ihm folgende Stelle vor: »Da wohnten die Nachkommen der Juden aus der
babylonischen Gefangenschaft. Sie bewahrten noch ihre Stammbäume und
konnten ihre Geschlechter auf die Fürsten und Propheten Judas
zurückführen. Ihr Oberhaupt wohnte zu Bagdad und führte den Titel: Fürst
der Gefangenschaft. Er stammte in gerader Linie vom König David;
Christen und Heiden anerkannten seine Abkunft und nannten ihn unser
Herr, der Sohn Davids. Sein Ansehen erstreckte sich über die Länder des
Ostens bis Tibet und Hindostan. Es wurden ihm die größten Ehren
erwiesen, und wenn er öffentlich erschien, trug er Kleider von
gestickter Seide und einen weißen Turban mit goldenem Diademe.«
Engelhart senkte den Kopf und dachte nach. »Ist es ein Märchenbuch?«
fragte er.
»Nein, kein Märchenbuch!« erwiderte sie. Sie zeigte das Titelblatt, und
er las: Benjamin von Tudelas Reisen. Da lächelte Engelhart aufatmend vor
sich hin und war dessen gewiss, daß er ein Mensch unter Menschen bleiben
durfte. Nachmittags kam Fräulein Holländer zu Frau Agathe. Sie trug
gelbe Handschuhe, die an allen zehn Fingerspitzen zerrissen waren, einen
außerordentlich großen Hut mit Federn und ein kupferglänzendes
Seidenkleid. Sie sprach mit der ihr eignen geschraubten Lebhaftigkeit
über den Knaben, über seine Begabung, sein schönes, belebtes Gesicht und
schloß ihre Rede mit den Worten aus der Geschichte Bileams: »Es wird ein
Stern aufgehen aus Jakob.« Frau Ratgeber ward es angst und schwül, und
sie war froh, als die Person wieder fort war.
An seinem Geburtstag, wo er neun Jahre alt wurde, erhielt Engelhart die
Erlaubnis, sich Spielwaren aus dem Geschäft des Vaters zu holen. Am
Nachmittag nach der Schule ging er hin. Es waren niedrige, lichtlose
Räume dort. Hinter einem Holzgitter saßen Herr Ratgeber und sein Bruder,
ein jeder wachsam im dumpfen Haß. Nebenan befanden sich die jungen Leute
und Peter Salomon Curius, den Herr Ratgeber als Buchhalter angestellt
hatte. Er war stets muntrer Laune, schmunzelte zum Fenster hinaus, wenn
die Dienstmädchen der Nachbarschaft vorübergingen, rauchte, trank Bier,
erzählte Geschichten, die alle einen Anhauch von Größenwahn hatten. Er
glich einem Herzog, der zum Scherz Lakaiendienste verrichtet, oder einem
Millionär, der zur Belustigung seiner Gäste selber den Koch macht. Er
wußte alles besser, und wenn einer die Kunst zu fliegen erfunden, hätte
Herr Peter Salomon mit geringschätzigem Lachen gesagt: »Ach was, das
hab' ich schon vor zehn Jahren gekonnt, es ist gar nichts weiter dabei,
jeder windige Sperling macht dasselbe, ich habe es längst aufgegeben,
denn, unter uns, es ist eine langweilige Sache.«
In den verliesartigen Zimmern roch es nach Tinte, Staub und Spinnweben.
Lange suchte Engelhart, um etwas zu finden, was nicht bloß der
augenblicklichen Lust, sondern auch zukünftigen Wünschen Genüge tun
konnte, und er wählte schließlich eine Trommel und einen Spiegel. Zu
Hause fingen Gerda und Abel zu weinen an und wollten auch etwas haben;
er lachte sie aus, die Mutter schalt, sie empfand vielleicht dunkel, daß
da keine Unschuld mehr sei, wo mißgünstiges Behagen an fremdem Neid sich
sättigt. Sie warf ihm vor, er habe kein Herz für seine Geschwister, doch
konnte sie nicht ermessen, wie es sich damit in Wirklichkeit verhielt.
Wie ihr alles in der Stille Sorge machte, so auch dies. Zudem erfuhr sie
von einer ungewöhnlich hinterlistigen Handlung, die er bald hernach
beging, und ihr Urteil über den Knaben verwirrte sich noch mehr. Er
hatte mit den Kindern des Pedells von der nahegelegenen Bürgerschule
Bekanntschaft geschlossen und jagte mit ihnen oft in dem großen, mit
Bäumen bepflanzten Hof umher. An den Spielen beteiligte sich Selma
Weber, ferner das Töchterchen des Direktors, ein liebliches,
ausgelassenes Ding, und Sophie Hellmut, das Kind eines Arztes. Vor den
drei Mädchen suchte sich Engelhart durch Geschrei und heldenmäßiges
Wesen hervorzutun, oder wenn nicht so, dann durch ein gekränktes und
sauertöpfisches Beiseitestehen, das ganz grundlos war, wodurch er aber
doch die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken wähnte. Den tiefsten Eindruck
machte Sophie Hellmut auf ihn. Sie war so schwermütig wie eine Nacht,
die von Stürmen in der Ferne zittert und doch ihre Wolken ruhig
vorübergleiten läßt, weil sie hofft, daß es Morgen wird.
Nun war ein gewisser Rindsblatt in der Gesellschaft, ein rothaariger,
häßlicher Knabe, der sich scharwenzelnd und prahlend um Sophie zu
schaffen machte und gegen den Engelhart bösen Groll hegte. Einmal fing
es an zu regnen, und alle flüchteten in eines der leeren Schulzimmer.
Sie schrien und lärmten, bis die Dämmerung einbrach, da kam Rindsblatt
dazu, sprang mit einem Satz auf den Katheder, ließ die Beine baumeln und
spuckte mit einem Ausdruck zur Seite, als wolle er sämtliche Lehrer der
Welt totspucken. Die Mädchen wurden von unten zum Nachtessen gerufen und
schossen tobend hinaus, Engelhart folgte verdrossen, nur Rindsblatt
blieb sitzen, um zu zeigen, daß er keinem Ruf gehorchen müsse, und
begann laut zu singen; Engelhart kehrte noch einmal zur Tür zurück und
hörte, wie die Stiefelhacken des Knaben hohl gegen das Brett schlugen,
er sah den Schlüssel im Schloß stecken und drehte ihn um, so daß der
Verhaßte gefangen war. Dann rannte er die Treppe hinab und setzte sich
auf die Brunnenbank im Hof. Der Abend war schon eingebrochen, hohe
Mauern blickten durch den rieselnden Regen. Lang blieb es still, endlich
wurde oben ein Fenster aufgerissen, und Rindsblatt schrie. Niemand
hörte, er wiederholte sein Geschrei, schon saß ihm die Furcht in der
Kehle. Engelhart verspürte eine trotzige Genugtuung, den trockenen
Prahler so bang zu wissen, gleichwohl schlich er zaghaft in den Flur, da
sah er den Pedell mit der Lampe die Stiege hinaufschreiten, denn oben
hämmerte es so fürchterlich an die Türe, daß das Treppenhaus dröhnte.
Rindsblatt wußte, wer ihm den Streich gespielt, und gab es an. Doch ließ
er sich Engelhart gegenüber nichts merken, er rächte sich nicht, obschon
er stärker und älter war. Das erschreckte Engelhart, nie ging er ohne
das unheimlichste Gefühl an dem Burschen vorüber, und er ahnte, daß in
jener Brust ein gefährlich-giftiger Haß brüte und sich mit Vorsicht der
rechten Stunde gewärtig hielt.
Es wurde Frühling. Am zweiten Sonntag im April während eines
Spazierganges sagte Frau Ratgeber, es sei ihr heute besonders wohl
zumut. Aber als sie nach Hause kamen, war Engelhart eine Zeitlang mit
der Mutter allein im Zimmer, Herr Ratgeber war im Hohlwegsgarten zu
einem Glas Bier eingekehrt, Gerda und Abel waren bei Tante Curius, Ketti
ging mit dem kleinen Benjamin noch auf der Straße, da sah Frau Ratgeber
den Knaben eigentümlich an und sagte, es verlange sie, ins Bett zu gehen
und zu ruhen. Sie klagte über Schmerzen im Ohr.
Am nächsten Tag begannen die Osterferien. Festlich gestimmt trat
Engelhart nach der Schule ins Schlafzimmer, wo Frau Agathe lag. Die
grünen Rolläden waren herabgelassen, um die Sonnenstrahlen abzuhalten,
auf dem Tischchen stand eine Arzneiflasche mit brauner Flüssigkeit. Die
Mutter fragte ihn nach diesem und jenem und gab ihm Ermahnungen
allgemeiner Art. Sie meinte, das beste im Leben sei Gehorsam und
Sichfügen. Aber Engelhart suchte den Sinn ihrer Worte als etwas
Unbehagliches beiseite zu schieben. Was war ihm Gehorsam? Ein Zwang, dem
seine Schwäche unterlag. Er wollte frei sein, er hatte die eigensinnige
Überzeugung von einer im Innern der Brust wirkenden Kraft, die sich
frech über alle Vernunft der Wohlgesinnten hinwegsetzte. Er erwiderte
nichts, und da Frau Agathe den Zustand des verstockten Schweigens bei
ihm kannte und fürchtete, hieß sie ihn gehen. Als er die Schwelle des
Zimmers überschritt, hörte er sie seufzen.