Zweites Kapitel

Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewußtseins, und

höchstens ein Traum ließ ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles,

Spieltrieb erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die

Mutter saß bei der Lampe und nähte, spielte er mit Stahlfedern,

gebrauchten Zündhölzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er

hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses allerlei

Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich

zerklüftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die

Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und kämpften mit Zwergen

und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt,

schwebten Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete ein

gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber

Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu

vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische

Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die

Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung

hin, während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau

Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu

denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein

Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre

Einsamkeit? An den frühen Tod?

Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit bemerkbar, und er

glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust

zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch Grenzen finden

sollen? Das Auge ist unersättlich. Einmal hing er seine Lust an eine

Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben,

aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit schon in die öffentliche

Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum

Vesperbrot. Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot kaufen dürfe, um

in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem

heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er

aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als

er seine Kupfermünzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, daß

plötzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr

Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des

andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber löste die mühsam

erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause

gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für Tag von morgens bis

abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem

pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt.

Zuhause gab es ein scharfes Verhör und Vorwürfe, auch von der Mutter.

Das wäre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr

zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefühl

erlittener Ungerechtigkeit.

Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und

Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie

keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen

lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre öden Zimmer, und

Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür,

wurden überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nüssen beschenkt.

Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren

zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein

bei der Großmutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und

hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau

Weber war wunderlich; sie war sehr dick und haßte die Menschen. Daß sie

Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud,

geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber hegte. Aber sie

ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mußte nach dem andern

kommen und durfte nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern

hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still

vor sich hin, die Großmutter saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster

und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die

Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.

Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte,

Wasser schleppte und die Böden fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen

zart und fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an ihr, auch die Haare

waren beinahe weiß. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte

er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz

empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie

zurechtzufinden fürchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von

der Schule zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, die

Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schließlich schritt er langsam

besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen

sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte

Hunger. Er öffnete die Türe der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt

vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt,

lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild

gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten träg

und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau

Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das

demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen

männlichen Tönen.

Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit

seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg

und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war

Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im

steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke

drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war

gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz ging von ihm aus, wenn

er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt

gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im Jahr dreißig

nach Wien kam,« sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen

und durch welche Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei das

Leben noch lebenswert gewesen. 'Im Jahre dreißig,' dachte Engelhart; er

wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig gemeint sei, und er sah im

Großvater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.

Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden

Brüder hatten gemeinschaftlich das Geschäft in der Stadt, aber sie waren

feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war

ein Mann, der nichts in der Welt liebte außer seine eigne Person, die

aber gründlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner

Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen

Geschäftspraxis; für die geistig überschauende Art des älteren Bruders

hatte er kein Verständnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und

ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er

hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in

seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau

und schläfrig aus.

Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war

an einem schönen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die

Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie

sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre

Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu

sprechen; seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.

Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist

gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in

Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine

unterfränkische Heimat zurückkehrte, kaufte er vier Webstühle, nahm vier

Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider

Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu

verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus

schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt

um ihre Hand an. Nun war es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der

Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das Mädchen ins Haus des

Bräutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schöne

Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine Postfahrt

zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das

Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte

sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt

entgegen.

Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand

und konnte einen Weinberg, ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten

erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den

Webstühlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und

Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz

wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, ließ

die Stühle auf den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. Weil

aber keine Käufer kamen, mußte man mit den Waren über Land gehen, doch

war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das

Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt

werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen,

die ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel mit dem

Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer wandern, und die Gendarmen

mußten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch

schlechter, Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit

des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die älteste, sollte

vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf

die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb

dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschöpft an Leib und

Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn

hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor

den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fünfzig Jahre

alt.

Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das Ereignisvolle daran, Tod,

Krankheit, Armut, prägte sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der

Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne

Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und

sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß seine

Mutter nicht glücklich war.

In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart und merkte, daß fremde

Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ängstlichen und

geschäftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht

brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald ein andrer und

drehte es tiefer, sie flüsterten, sie lächelten, und da sich der Knabe

schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar

Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte er aus dem Zimmer der

Mutter ein Stöhnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich

auf, sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne wiederholten

sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte mit Eile in die Kleider und

wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück,

Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. Ketti saß am

Herd; ihr rannen Tränen über die Backen, doch trank sie mit ziemlicher

Seelenruhe eine Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie

des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof,

setzte sich, in der Nachtkühle schauernd, auf die Hühnersteige und

schlief dort unversehens ein. Er schlief über eine Stunde, das Krähen

des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurück und begegnete auf der

Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie

war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal hing um ihre

Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte

endlich mit zweideutigem Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer

hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat

ein Brüderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehört?«

Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, ich habe die Mutter

weinen gehört.«

Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, daß ein Kind gebracht,

sondern daß es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung

wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu

Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Fräulein

Frühwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das

einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sägespänen, denn sie

verdiente ihren Unterhalt damit, daß sie Blechkapseln glänzend machte.

Während sie Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, schlug

dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die

Bibel, Altes und Neues Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da

fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Söhne, die

alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber.

»Was ist das, eine Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein.

Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. »Auch beim Menschen

ein Stück Fleisch?« fragte er.

»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die Hüfte, »hier.«

Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für jede Gesellschaft dankbar

war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm

wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht begriff. Die

erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch

keine Lösung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er

auch in seinem Innern beben und wachsen fühlte. Eines aber riß sein

Gemüt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich

das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem

Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende

Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften Städte

und das Meer über ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den

freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder und Zeiten

überwölbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten

aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen

Ereignisse vergraben.

Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein

Wort über die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie

mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst

wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmütig, dann

wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach

Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des Knaben. Herr

Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er

nahm ihn bei der Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu

fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des

Knaben bestärkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart

mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte dem

Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Maß

übersteige, es erfaßte ihn auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas

Unsichtbares, Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, in der er sich

bewegte.

Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschloß er sich,

ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie

hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und außerdem dessen

Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig

Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. Ein

zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das ungemein große, rote,

zerwühlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte,

hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte

mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes,

Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre

zwischen ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche und

reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte

Schokoladestückchen. Seit dreißig Jahren war er nicht in der Stadt

gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn

angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, was die Zeiten

gebracht hätten. Der andre Alte verhielt sich gleichmütig, der Besuch

des Vaters war ihm, dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte

mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die

Nähe des Grabes zu wissen schien.

Engelhart Ratgeber: Roman · 第 3 / 13 题