Noch war der Knabe im Schlaf, im tiefen Schlaf des Unbewußtseins, und
höchstens ein Traum ließ ihn Leben ahnen. Spiel war ihm alles,
Spieltrieb erfüllte ihn ganz. Abends, wenn er schon im Bette war, die
Mutter saß bei der Lampe und nähte, spielte er mit Stahlfedern,
gebrauchten Zündhölzern und einigen Bleisoldaten folgendes Spiel. Er
hielt die Knie unter dem Deckkissen so gespreizt, daß dieses allerlei
Erhöhungen, Falten und Mulden bildete, und darin sah er ein unheimlich
zerklüftetes Gebirge mit finsteren Schluchten und schroffen Gipfeln. Die
Söldnerscharen begingen die Höhen und Tiefen und kämpften mit Zwergen
und wilden Tieren; vom gespensterhaften Schein der Lampe bestrahlt,
schwebten Feen über das Bettgebirge, und den Schluß bildete ein
gewaltiges Erdbeben, die Geister und Soldaten flehten um Gnade, aber
Engelhart war gesonnen, die Rolle des Weltenschöpfers folgerichtig zu
vollenden, mitleidlos fielen seine Knie nieder, und das malerische
Felsenland ward zur öden Ebene, Weltennacht brach ein. Oft ermahnte die
Mutter zum Schlaf, oder Ketti kam und warf eine moralische Bemerkung
hin, während sie mit der Herrin die Ausgaben verrechnete. Bevor Frau
Agathe in ihr Schlafzimmer ging, pflegte sie eine Weile zu ruhen und zu
denken, ihr Kopf mit der hohen Haarkrone beugte sich herab und ein
Seufzer war das Ende ihres Sinnens. Woran mochte sie denken? An ihre
Einsamkeit? An den frühen Tod?
Bald wurde an Engelhart eine übergroße Begehrlichkeit bemerkbar, und er
glaubte nur in die Welt gesetzt zu sein, um ihre Schätze an seine Brust
zu drücken, liebend oder hassend. Wo hätte er auch Grenzen finden
sollen? Das Auge ist unersättlich. Einmal hing er seine Lust an eine
Orange. Orangen waren teuer, man konnte sie nur beim Konditor haben,
aber Engelhart wußte Rat. Er ging um jene Zeit schon in die öffentliche
Schule und erhielt jeden Morgen von der Mutter drei Pfennige zum
Vesperbrot. Er berechnete, daß er siebenmal kein Brot kaufen dürfe, um
in den Besitz der Orange zu gelangen. Das Geld versteckte er in einem
heimlichen Winkel, und als die Frist verstrichen war, schlich er
aufgeregt und eilig zum Konditor. Es gab ein vielfaches Geklapper, als
er seine Kupfermünzen auf den Steintisch legte. Nun geschah es, daß
plötzlich sein Vater vor ihm stand, als er den Laden verließ. Herr
Ratgeber sagte nichts und Engelhart auch nichts; jeder merkte an des
andern Schweigen, wie die Sache stand. Herr Ratgeber löste die mühsam
erworbene Frucht aus der umklammernden Hand des Knaben; vom Hause
gegenüber sah der Major Friedlein zu, der Tag für Tag von morgens bis
abends aus dem Fenster lehnte, eine lange Pfeife rauchte und in seinem
pechschwarzen Bart aussah finster wie das Gewissen der ganzen Stadt.
Zuhause gab es ein scharfes Verhör und Vorwürfe, auch von der Mutter.
Das wäre in Ordnung gewesen, aber von seiner Orange bekam er nichts mehr
zu sehen, und es ritzte ihn wie ein giftiger Stachel das Gefühl
erlittener Ungerechtigkeit.
Kurz danach war Weihnachten, und Engelhart begab sich mit Bruder und
Schwester auf die Christbaumbesuche. Da sie Juden waren, hatten sie
keinen Baum zu Hause, aber mitten unter protestantischen Christen
lebend, blitzte die fremde Festtagslust in ihre öden Zimmer, und
Sehnsucht trieb sie fort. Wie Bettelkinder gingen sie von Tür zu Tür,
wurden überall wohl aufgenommen und mit Lebkuchen und Nüssen beschenkt.
Am liebsten verweilte Engelhart dann bei Webers unten im Haus. Da waren
zwei Schwestern, Thekla und Selma. Sie waren Waisen und wohnten allein
bei der Großmutter. Die Mutter hatte sie unehelichen Standes geboren und
hatte ein abenteuerndes Leben durch Selbstmord geendet. Die alte Frau
Weber war wunderlich; sie war sehr dick und haßte die Menschen. Daß sie
Engelhart und seine Geschwister an den Weihnachtstagen zu sich lud,
geschah aus einer Vorliebe, die sie für Frau Ratgeber hegte. Aber sie
ließ nicht alle drei zu gleicher Zeit ein; eins mußte nach dem andern
kommen und durfte nicht länger als eine Stunde bleiben. In den Zimmern
hatte alles ein geheimnisvolles Aussehen. Die Schwestern spielten still
vor sich hin, die Großmutter saß auf einem erhöhten Tritt beim Fenster
und las in einem dicken Buch, auf dem Weihnachtsbaum strahlten die
Kerzenflammen wie zuckende Sternchen.
Thekla war ein robustes Geschöpf, das den ganzen Tag arbeitete, kochte,
Wasser schleppte und die Böden fegte. Die sechsjährige Selma war dagegen
zart und fein. Stirn, Wangen und Hände waren weiß an ihr, auch die Haare
waren beinahe weiß. Ihr Anblick erschreckte Engelhart. Ähnliches spürte
er in der Nacht, wenn er aufwachend die Ruhe der Welt bis ins Herz
empfand und hinaushorchend in ihrer Grenzenlosigkeit sich nie
zurechtzufinden fürchtete. Einmal kam er an einem Winternachmittag von
der Schule zurück und fand niemand daheim. Er läutete mehrmals, die
Glocke schrillte wie Gebell durchs Haus, schließlich schritt er langsam
besinnend die Treppe hinab, und da er das Gatter bei Webers offen stehen
sah, ging er hinein, um zu fragen, wo seine Leute seien. Er hatte
Hunger. Er öffnete die Türe der fremden Wohnung und sah nun Selma nackt
vor einem Badetrog stehen; ihre Kleider, von Schnee und Schmutz bedeckt,
lagen daneben. Engelhart war erstaunt und ergriffen; das Menschenbild
gefiel ihm, Selma wandte ihm das Gesicht zu, ihre Augen blickten träg
und mißmutig, plötzlich lief sie unhörbar ins Nebenzimmer. Die alte Frau
Weber drehte sich auf ihrem Stuhl beim Fenster um, und als sie das
demütig bestürzte Gesicht des Knaben gewahrte, lachte sie mit tiefen
männlichen Tönen.
Als es Frühling wurde, durfte Engelhart an Sonntagnachmittagen mit
seinem Vater nach Altenberg gehen, einem kleinen Dorf zwischen Nürnberg
und Kadolzburg, wo Herrn Ratgebers Vater wohnte. Der alte Ratgeber war
Seiler, und oft schaute Engelhart zu, wenn der Greis im
steingepflasterten Hof tappend, auf und ab schreitend, seine Stricke
drehte. Auf ihm lasteten die Zeit und die Sorge sichtbar. Er war
gewöhnlich still und müde, aber ein höherer Glanz ging von ihm aus, wenn
er von seiner Gesellen- und Wanderzeit erzählte. Er hatte die Welt
gesehen und sprach mit scheuer Verehrung davon. »Als ich im Jahr dreißig
nach Wien kam,« sagte er und berichtete, bei welchem Tor er eingezogen
und durch welche Straßen er gegangen war. Er meinte, damals sei das
Leben noch lebenswert gewesen. 'Im Jahre dreißig,' dachte Engelhart; er
wußte nicht, daß achtzehnhundertdreißig gemeint sei, und er sah im
Großvater eine Figur von mythisch gotthaftem Alter.
Bisweilen war auch der Bruder des Herrn Ratgeber anwesend. Die beiden
Brüder hatten gemeinschaftlich das Geschäft in der Stadt, aber sie waren
feindselig gegeneinander gestimmt. Herrn Ratgebers Bruder Hermann war
ein Mann, der nichts in der Welt liebte außer seine eigne Person, die
aber gründlich. Er pflegte mit selbstzufriedenem Schmunzeln von seiner
Geschicklichkeit im Sparen zu sprechen, von seiner trockenen
Geschäftspraxis; für die geistig überschauende Art des älteren Bruders
hatte er kein Verständnis, er bezeichnete diese Art als phantastisch und
ging insgeheim mit dem Plane um, die Firma ganz an sich zu bringen. Er
hatte den siebziger Krieg als Trompeter mitgemacht; es war auch in
seiner Stimme etwas Trompeterhaftes, aber wenn er schwieg, sah er schlau
und schläfrig aus.
Einmal erzählte Frau Agathe auch von ihren verstorbenen Eltern. Es war
an einem schönen Tag im Mai, und Engelhart ging mit der Mutter über die
Wiesen jenseits der Maxbrücke gegen die Wolfschlucht. Dort setzten sie
sich unter einem Kastanienbaum nieder, Frau Ratgeber nahm ihre
Handarbeit, und dann begann sie kameradschaftlich mit dem Knaben zu
sprechen; seine Fragen führten auf den Weg ihrer eignen Gedanken.
Ihr Vater war ein weitgewanderter gebildeter Mann von lebhaftem Geist
gewesen. Er hatte an der Rhone, in Marseille, in der Lombardei und in
Zürich gearbeitet, und als er mit nicht geringen Ersparnissen in seine
unterfränkische Heimat zurückkehrte, kaufte er vier Webstühle, nahm vier
Gesellen ins Haus und machte sich in kurzer Zeit als Verfertiger solider
Ware unter den Abnehmern bekannt. Bald dachte er daran, sich zu
verheiraten. Auf der Heimreise hatte er in Uhlfeld bei Fürth ein überaus
schönes Mädchen aus vornehmer Judenfamilie kennen gelernt, und er hielt
um ihre Hand an. Nun war es üblich, nicht nur daß der Mann im Haus der
Braut einen Besuch abstattete, sondern daß auch das Mädchen ins Haus des
Bräutigams kam, und zwar allein. Daher machte sich die schöne
Uhlfelderin auf und marschierte drei Tage lang zu Fuß, da eine Postfahrt
zu viel Geld gekostet hätte, nach Sommerhausen am Main. Wenn ihr das
Gehen in den Stiefeln beschwerlich wurde, zog sie diese aus und stopfte
sie in das Bündel auf ihrem Rücken. Der Bräutigam kam ihr bis Ochsenfurt
entgegen.
Die Weberei nahm einen guten Aufschwung, die Familie geriet in Wohlstand
und konnte einen Weinberg, ein Stück Ackerland und einen Gemüsegarten
erwerben. Dazu brachte Herr David Herz einige Verbesserungen an den
Webstühlen an. Aber mit einem Male kamen die Maschinenwebstühle auf und
Tausende der kleinen Webermeister gingen rasch zugrunde. David Herz
wartete nicht das letzte Ende ab; er schickte die Gesellen fort, ließ
die Stühle auf den Speicher bringen und eröffnete einen Tuchladen. Weil
aber keine Käufer kamen, mußte man mit den Waren über Land gehen, doch
war es nach damaligem Gesetz den Juden verboten, zu hausieren, und das
Gesetz mußte umgangen werden, wenn anders die Familie vor Hunger bewahrt
werden sollte. Nach und nach waren zehn Kinder auf die Welt gekommen,
die ältesten halfen schon, sie mußten bei Nacht und Nebel mit dem
Warenbündel auf Schleichwegen in die Dörfer wandern, und die Gendarmen
mußten mit kostbarem Geld bestochen werden. Aber es wurde noch
schlechter, Mißernten kamen, politische Finsternis hielt die Regsamkeit
des Landes und der Gewerbe in Fesseln, Emilie, die älteste, sollte
vorteilhaft heiraten, aber das sogenannte Matrikelgesetz erschwerte auf
die grausamste Weise die Ehe der Juden. Sechs Kinder starben innerhalb
dreier Jahre hinweg, darauf folgte die Mutter, erschöpft an Leib und
Seele, und der Vater war ebenfalls vernichtet durch die Zeiten. Ihn
hatte das Handwerk betrogen, die Erde gab ihm keine Frucht, er verlor
den Glauben an Gott und Menschheit und starb, noch nicht fünfzig Jahre
alt.
Engelhart ward betrübt von der Erzählung. Das Ereignisvolle daran, Tod,
Krankheit, Armut, prägte sich ihm unvergeßlich ein. Als er mit der
Mutter nach Hause wanderte, begann schon der Mond in die silberne
Abenddämmerung zu blicken. Frau Agathe nahm den Knaben an der Hand und
sie schritten schweigsam dahin. Engelhart begriff plötzlich, daß seine
Mutter nicht glücklich war.
In einer der folgenden Nächte erwachte Engelhart und merkte, daß fremde
Leute in den Zimmern waren, Leute mit einem ängstlichen und
geschäftigen Wesen. In dem Raum, wo Engelhart lag, blieb das Licht
brennen; bald kam einer und schraubte es höher, bald ein andrer und
drehte es tiefer, sie flüsterten, sie lächelten, und da sich der Knabe
schlafend stellte, achteten sie nicht ihrer Worte, und er fing ein paar
Wendungen auf, die ihm zu denken gaben. Da hörte er aus dem Zimmer der
Mutter ein Stöhnen, das ihm durch Mark und Bein ging. Er richtete sich
auf, sah sich allein und lauschte. Die erschütternden Töne wiederholten
sich. Er sprang aus dem Bett, schlüpfte mit Eile in die Kleider und
wollte zur Mutter. Aber eine unbezwingliche Scheu hielt ihn zurück,
Ahnung nicht, Halbahnung vielleicht. Er lief in die Küche. Ketti saß am
Herd; ihr rannen Tränen über die Backen, doch trank sie mit ziemlicher
Seelenruhe eine Schale aufgewärmten Kaffees. Sie begehrte auf, als sie
des Knaben ansichtig wurde, er entwischte ihr und begab sich in den Hof,
setzte sich, in der Nachtkühle schauernd, auf die Hühnersteige und
schlief dort unversehens ein. Er schlief über eine Stunde, das Krähen
des Hahns weckte ihn, da ging er ins Haus zurück und begegnete auf der
Treppe der Tante Iduna Hopf, einer Verwandten des Herrn Ratgeber. Sie
war groß und hager, ein riesenhafter grüner Schal hing um ihre
Schultern, mit strengem Erstaunen betrachtete sie den Knaben und sagte
endlich mit zweideutigem Lächeln und unehrlicher Kameraderie in ihrer
hellen Stimme: »Nun, Engelhart, der Storch ist zu euch gekommen und hat
ein Brüderchen gebracht. Hast du ihn nicht klappern gehört?«
Engelhart senkte den Kopf und erwiderte: »Nein, ich habe die Mutter
weinen gehört.«
Es malte sich in seinem Bewußtsein dies: nicht, daß ein Kind gebracht,
sondern daß es geboren worden sei. Eine tote Buch- oder Zeitungswendung
wurde in seinem Geiste flammend lebendig. Am andern Tag ging er zu
Fräulein Frühwald, die mit Ratgebers auf demselben Flur wohnte. Fräulein
Frühwald war eine Person, die immer Neuigkeiten wissen wollte. Das
einzige Zimmer, das sie innehatte, war voll von Sägespänen, denn sie
verdiente ihren Unterhalt damit, daß sie Blechkapseln glänzend machte.
Während sie Engelhart in ein Gespräch zu verwickeln versuchte, schlug
dieser ein umfängliches Buch auf, das auf dem Tische lag. Es war die
Bibel, Altes und Neues Testament. Er blätterte unschlüssig umher, da
fiel sein Blick auf die Stelle: Gideon aber hatte siebzig Söhne, die
alle aus seiner Lende entsprossen waren, denn er hatte viele Weiber.
»Was ist das, eine Lende?« fragte er das unablässig redende Fräulein.
Sie antwortete, eine Lende sei ein Stück Fleisch. »Auch beim Menschen
ein Stück Fleisch?« fragte er.
»Gewiß,« rief sie lachend und schlug sich auf die Hüfte, »hier.«
Er kam nun öfter zu Fräulein Frühwald, die für jede Gesellschaft dankbar
war, setzte sich an den Tisch und las in der Bibel. Doch erwuchs ihm
wenig Verstand daraus, obwohl er das Fabelmäßige leicht begriff. Die
erwachten Zweifel über Geburt und Geborenwerden fanden Nahrung, doch
keine Lösung; Unverstehbares mischte sich mit der geahnten Natur, die er
auch in seinem Innern beben und wachsen fühlte. Eines aber riß sein
Gemüt hin, vielleicht weil es mit Worten nicht ausgedrückt war, nämlich
das Landschaftliche: die Finsternis des Anfangs, das Paradies mit seinem
Frieden, die Wasserflut und die um den Berg Ararat neu sich hebende
Welt, der Turmbau im babylonischen Land, der Brand der sündhaften Städte
und das Meer über ihnen. Mit andern Augen als bisher trat er unter den
freien Himmel; es war ihm derselbe Himmel, der jene Länder und Zeiten
überwölbt hatte, und wie eine Stirn die Erinnerung des Gelebten
aufbewahrt, glaubte er im Firmament das Andenken jener gewaltigen
Ereignisse vergraben.
Als er zum erstenmal wieder die Mutter sehen durfte, vermochte er kein
Wort über die Lippen zu bringen. Stumm blieb er am Bette stehen, als sie
mit der alten klaren Stimme einige belanglose Fragen stellte. Zuerst
wunderte sich Frau Agathe, dann schalt sie, noch halb gutmütig, dann
wandte sie sich unwillig, ja verletzt von ihm ab. Als Herr Ratgeber nach
Hause kam, berichtete sie über die Verstocktheit des Knaben. Herr
Ratgeber glaubte, daß Engelhart irgendetwas auf dem Gewissen habe, er
nahm ihn bei der Hand, führte ihn beiseite und fing ebenfalls an zu
fragen. Die aufgerissenen Augen und das unbewegliche Stillehalten des
Knaben bestärkten seinen Verdacht, er wurde zornig und schlug Engelhart
mit Heftigkeit ins Gesicht. Die unbegreifliche Tat entpreßte dem
Gezüchtigten Tränen, es schien ihm, als ob die Unbill alles Maß
übersteige, es erfaßte ihn auf einmal ein Gefühl von Liebe für etwas
Unsichtbares, Unnennbares, das außerhalb der Welt lag, in der er sich
bewegte.
Zwei Tage lang durfte er nicht zur Mutter. Am dritten entschloß er sich,
ohne Erlaubnis an ihr Bett zu kommen, um sie zu versöhnen. Doch sie
hatte Besuch. Der alte Ratgeber aus Altenberg war da und außerdem dessen
Vater, der also Engelharts Urahn war, ein Mann von sechsundneunzig
Jahren. Er lebte in Rot am Sand, zwei Stunden hinter Nürnberg. Ein
zottiger Bart von rötlichweißer Farbe schloß das ungemein große, rote,
zerwühlte, volle Gesicht wie in einen Rahmen. Als er Engelhart gewahrte,
hielt er die Hand wie einen Schirm vor die dicken Brauen und stierte
mit den scheu versteckten Augen auf ihn wie auf etwas Weitentferntes,
Winziges, gleich als ob er zeigen wolle, daß achtundachtzig Jahre
zwischen ihm und diesem Kinde lägen. Er griff in die Manteltasche und
reichte mit der zitronengelben Hand Engelhart zwei halbverschimmelte
Schokoladestückchen. Seit dreißig Jahren war er nicht in der Stadt
gewesen, und nicht etwa die Liebe zu seinem Geschlecht hatte ihn
angetrieben, sondern die bloße Neugierde zu sehen, was die Zeiten
gebracht hätten. Der andre Alte verhielt sich gleichmütig, der Besuch
des Vaters war ihm, dem Siebzigjährigen, eine Last. Frau Agathe blickte
mit stiller Verwunderung auf die beiden Greise, von denen keiner um die
Nähe des Grabes zu wissen schien.