Das farbenfreudige Mittelalter hat diese Bemalungen offenbar in

frischer lebhafter Wirkung hergestellt und an dieser keinen Anstoß

genommen, während unser heutiges Farbenempfinden dem gegenüber ein

ganz verändertes ist. Gerade die zarte Wirkung, welche die durch

Tünchung und Wiederaufschabung in ihrer Kraft gedämpften Bemalungen

aufwiesen, bot einen außerordentlichen Reiz, und die Gesamtwirkung war

trotz der verschiedenen Zeiten, aus denen diese stammten, von durchaus

harmonischer Einheitlichkeit. Der Respekt vor der Kunst der Alten

machte außerdem größte =Zurückhaltung= bezüglich etwaiger Erneuerungen

und gleichmäßige Fürsorge für alle alten Funde -- ob sie nun aus dem

Mittelalter oder der Rokokozeit stammten -- zur Pflicht. Unter diesen

Umständen trachtete der Unterzeichnete darnach, die Malereien in ihren

vorhandenen Resten und Spuren auf das gewissenhafteste festzustellen und

die Restaurierung in der alten Technik lediglich auf die Ergänzung der

fehlenden, mit Sicherheit zu bestimmenden Teile zu =beschränken=, wobei

auf die Erhaltung der beschriebenen allgemeinen malerischen Stimmung

sorgfältig Rücksicht genommen werden sollte.

[Illustration: Abb. 43. Löffelholzaltar.]

Zur Ausführung solcher eigenartiger Arbeiten waren geeignete Kräfte in

Nürnberg nicht vorhanden. Es wurde daher der als trefflicher Meister

in seinem Fach bekannte Vergolder und Faßmaler =Franz Ruedorfer=,

beziehungsweise die Firma Barth & Cie. in München, welcher er angehört,

mit diesen Arbeiten betraut. Ruedorfer, der wiederholt selbst anwesend

war, sandte eine Anzahl Gehilfen, die seine Schule genossen hatten und

die sich, teils in Bemalung, teils in Modellieren, Formen und Gießen

geschickt, im Laufe der ganzen Restaurierung als willige Hülfskräfte

erwiesen.

Die Abschabung der Tünche und die an einzelnen Stellen erforderliche

Wegnahme des Verputzes hatte aber außer der Feststellung der alten

Bemalung leider eine im höchsten Grade bedauerliche Entdeckung zur

Folge. Es zeigten sich nämlich bauliche, den Kern des Mauerwerkes

betreffende =Schäden=, welche von niemand bei der Inangriffnahme

der Restaurierung erwartet worden waren. Zunächst war dies beim

=nördlichen Turm= der Fall. Da, wo an der Ostseite des Turmes die später

hinausgerückte Außenwand des nördlichen Seitenschiffes früher angebaut

war, trat das innere Brockenmauerwerk ohne schützende Quaderverblendung

zutage. Die romanischen Mauern bestehen an St. Sebald durchweg aus

einer beiderseitigen Quaderverblendung; deren innerer Zwischenraum mit

zum Teil sehr mangelhaftem Brockenmauerwerk ausgefüllt ist. Es zeigte

sich ferner in dieser Ostmauer des Turmes oberhalb des Spitzbogens

der vermauerte Zugang zu einem =Treppenhause=, welches sich in seiner

ungefähren Lage aus dem Vorhandensein eines kleinen Fensters und

eigenartiger vermauerter Öffnungen im linken Gaden des Turmes annähernd

bestimmen ließ. Da dieses Treppenhaus innerhalb der Mauer lag, so war

diese infolge des mangelnden Verbandes selbst bei einer nachträglichen

Ausmauerung geschwächt und hatte der Belastung nicht standhalten können.

Daher waren zahlreiche bis zu 12 cm breit klaffende Risse entstanden.

Schleuniges Eingreifen tat not, war aber um so schwieriger, als vorerst

keine sichere Kenntnis darüber bestand, ob das Treppenhaus ausgemauert

oder noch hohl war. Einbrüche vorzunehmen, um hierüber Auskunft zu

erhalten, erschien wegen der damit verbundenen Gefahr unmöglich. So

konnte nur mit vorsichtigen Bohrungen und mit in diese eingeführter

künstlicher Beleuchtung des 1·50 m starken =Mauerinnern= festgestellt

werden, daß der Treppenraum mit schlechtem Brockenmauerwerk teils

ausgemauert, teils nur zugeschüttet worden war. Bei den vorhandenen

außerordentlich großen Belastungen ein wenig tröstliches Ergebnis.

Der Arbeitsplan wurde nun, wie folgt, entworfen. Zunächst war der

Spitzbogen zwischen Turm und Seitenschiff mit starken Rundholzstämmen

auszubolzen und darüber eine eiserne Verschlauderung anzubringen, sodann

wurde in die nur mangelhaft zusammenhängende Turmmauer eine Öffnung von

der Größe weniger Backsteine eingebrochen und mit harten Backsteinen in

Zementmörtel wieder vermauert. Durch Wiederholung dieser Arbeit gelang

es, einen horizontalen, etwa 50 cm hohen Streifen von Backsteinmauerwerk

einzubringen, der innerhalb der Mauer etwa wie ein eingesetzter fester

Balken wirken mußte. Solche Streifen wurden in Abständen von 50 cm

sechs untereinander eingebracht, und sodann die noch bestehenden

Zwischenteile durch Quadermauerwerk -- natürlich kam jedesmal nur

ein Quader zur Vermauerung -- ausgewechselt. Hernach gelang es durch

vorsichtige Einbrüche in das Treppenhaus selbst auch hier den größten

Teil des schlechten Mauerwerkes nach und nach durch gutes tragfähiges

Zementmauerwerk zu ersetzen.

Auch in der südlichen Wand des nördlichen Turmes zeigten sich in

der Höhe des Engelchores verschiedene =Treppenläufe= innerhalb der

Mauer, welche nicht vermauert, sondern vollständig hohl waren. Daneben

fanden sich andere, vielleicht zur Aufnahme von Holzbalken bestimmte

verborgene =Höhlungen=, welche den Querschnitt der Mauern verringerten.

Es erwies sich somit, daß die romanischen Türme viele Treppenaufgänge

innerhalb der Mauer besaßen, und daß man beim Aufbau des 75 m hohen

nördlichen Turmes in der gotischen Zeit auf die durch die Hohlräume

geschwächten Mauern unbedenklich weiter gebaut hatte. Den infolgedessen

aufgetretenen Verschiebungen des Mauerwerkes war zum Teil schon bei der

Außenrestaurierung durch starke Verschlauderungen entgegengearbeitet

worden, ohne daß damals jedoch die Ursache schon in ihrem ganzen Umfang

bekannt gewesen wäre.

Beim =südlichen Turm= haben die angestellten Untersuchungen eine beim

gotischen Aufbau vorgenommene Verbesserung des romanischen Unterbaues

ergeben.

So bedauerlich es nun im archäologischen Interesse auch war, so mußte

doch der bestehenden Schäden wegen eine Einmauerung von Pfeilern

und teilweise eine ganze Ausmauerung bei den hohlen Treppenräumen

ausgeführt werden. Übrigens hat in jedem Falle eine genaue geometrische

und, wo dies möglich war, auch photographische Aufnahme des Befundes

stattgefunden.

Als noch ernster erwies sich die Lage bei den beiden =romanischen

Vierungspfeilern=, auf denen die Hauptlasten der Kirchenmauern ruhen.

Während der Abnahme des Verputzes schon fiel ein auf der Westseite des

=nördlichen Pfeilers= angebrachter, aber von der Mauer abgerissener

und nur noch lose anhaftender steinerner Baldachin herab. Es ist als

ein Glück zu betrachten, daß er nicht während des Gottesdienstes auf

die Kirchenbesucher herabgestürzt war. Dieser Pfeiler war im übrigen

auf allen vier Seiten durch und durch zerrissen. Da im Innern nur

schlechtes Brockenmauerwerk zu erwarten war und die großen Mauerlasten

(etwa 620.000 kg) lediglich auf den zerborstenen Außenquadern ruhten,

so mußte schleunige Abhilfe getroffen werden, wenn man nicht mit einer

Katastrophe rechnen wollte, denn der Zusammenbruch des Pfeilers mußte

den Einsturz der nördlichen Hälfte der ganzen Mauerwand und des Giebels

zwischen Ostchor und Basilika sowie der anstoßenden Gewölbe zur Folge

haben.

Die Ursachen, aus denen ein so bedrohlicher Zustand erwachsen war, sind

verschiedener Art. Zunächst ist zu bedenken, daß die Vierungspfeiler

ursprüglich Tragpfeiler einer romanischen Gewölbeanlage waren, die beim

Umbau der Kirche in der gotischen Zeit zum Teil abgebrochen wurde, so

daß sich in der Beanspruchung der Pfeiler eine Verschiebung ergeben

mußte. Damals sind vielleicht schon die ersten Deformationen entstanden.

Der Anbau des Ostchores und des großen Westgiebels desselben brachte

sodann den Pfeilern neue Belastungen, während andererseits durch die

Verbreiterung des Seitenschiffbogens und in der Barockzeit durch

Einbrüche für Balken, Emporen und Stuhlwerk der Querschnitt der Pfeiler

an verschiedenen Stellen weit über das zulässige Maß geschwächt und

der Verband aufgehoben wurde. Ist aber einmal der Zusammenhang eines

Mauerkörpers gelockert, so wird jede weitere Schädigung von um so

schlimmeren Folgen sein. Man kann daher nur staunen über die sorglose

Art, in der besonders die letzten Jahrhunderte das Bauwerk, welches

schon durch die mittelalterlichen Umbauten die Einheitlichkeit der

Konstruktion eingebüßt hatte, vernachlässigt haben.

Der =südliche Pfeiler= erwies sich dem äußeren Anschein nach als in

besserer Verfassung, doch ließen bereits vorhandene Backsteinmauerungen

und Verschlauderungen nichts Gutes vermuten. Immerhin war am meisten

der nördliche Pfeiler gefährdet; auch die Behörden forderten aus

Sicherheitsgründen eine Erneuerung des Pfeilers.

So hatten sich neben den künstlerischen Aufgaben noch Arbeiten ergeben,

die in konstruktiver und technischer Beziehung große Anforderungen

stellten und zudem außerordentliche Geldmittel erheischten. Als ein

schätzbarer Berater der Bauleitung erwies sich bei diesen Arbeiten

der Ingenieur =Otto Weber=, welcher bei der Lösung der mannigfaltigen

technischen Fragen großen Anteil hatte. Aber auch Steinmetzmeister

=Johann Göschel=, stets gewissenhaft und unermüdlich, hat sich den ihm

gestellten Aufgaben auf das beste gewidmet.

Wie sollte der nördliche Pfeiler ausgewechselt werden? Von den wenigen

Beispielen einer solchen =Auswechslung= in der neueren Geschichte der

Technik schien die Auswechslung im Bremer Dom von Interesse. Allein

eine Abstützung aller in Betracht kommenden Gewölbe- und Mauerlasten,

wie sie dort stattgefunden hatte, war hier sowohl wegen der großen Höhe

und Unsicherheit eines Holzgerüstes als auch wegen der Feuersgefahr und

Kosten nicht zu empfehlen, denn die profilierten Bögen boten für die

Abstützungen nur mangelhafte Angriffsflächen und bei einem Holzgerüst

waren Setzungen nicht zu vermeiden. Wurden die Lasten aber etwa durch

Eisenstützen wirklich abgefangen, so ergaben sich für die Fundierung der

letzteren in dem von romanischen Grundmauern durchzogenen, aufgefüllten

Chorboden neue Schwierigkeiten. Aus den Beratungen erwuchs schließlich

der Plan, den ganzen geborstenen Pfeiler mit einer =Armierung= aus

eisernen Trägern ringförmig zu umgeben (Abb. 44 und 45) und innerhalb

dieser Ringe unter Beobachtung der größten Vorsicht einen Quaderstein

nach dem anderen auszuwechseln; dabei sollte auch in den Mauerkern

möglichst tief eingedrungen und dieser durch Ausmauern und Einspritzen

von Zementmörtel verbessert werden.

Der =Bauausschuß=, der von allen Vorgängen unterrichtet war, beschloß,

die Sicherung des Pfeilers durch die beabsichtigte Armierung sofort

vornehmen zu lassen, die Erneuerung selbst aber erst in Verbindung mit

der Restaurierung des Ostchores zu bewirken.

Die baulichen Arbeiten in der Westhälfte der Kirche waren damit noch

nicht erschöpft. Die =Triforien= (Abb. 4) des Mittelschiffes zeigten

sich ursprünglich konstruktiv korrekt zwischen den Tragpfeilern der

Joche angelegt. Sie schwächten zwar die Schildmauern, jedoch an einer

Stelle, wo dies ohne Nachteil geschehen konnte. Die eigentlichen

Tragpfeiler waren massiv und wurden zum Teil durch äußere Strebebögen

gestützt. Bei der im Anfang des 14. Jahrhunderts stattgehabten

Erweiterung der Seitenschiffe wurden die Strebebögen aber abgebrochen,

und als durch die Erhöhung der Gewölbe die Triforien vom Dachboden aus

nicht mehr zugänglich waren, wurden die Tragpfeiler durchlöchert, um

eine Verbindung der einzelnen Triforien untereinander sowohl wie mit den

Gewölbetrichtern zu schaffen. Denn letztere ermöglichten durch hölzerne

Treppen wieder einen schmalen Zugang zu dem höher gelegten Dachboden.

Infolge dieser Durchbrüche war aber die Sicherheit der Konstruktion

des Mittelschiffes wesentlich beeinträchtigt. Noch schlimmer wurde die

Sachlage, als in der Barockzeit hölzerne =Emporen=, deren Balken große

Löcher im Mauerwerk erforderten, aus den Triforien herausgebaut und aus

den letzteren selbst zur Erzielung eines bequemen Zuganges viele Säulen

und Bögen entfernt wurden. Bei dem im 19. Jahrhundert erfolgten Abbruch

dieser Emporen hatte zwar ein Wiedereinsetzen dieser Säulen, aber ohne

jedes Verständnis für die bestehenden Schäden in der sorglosesten

Weise stattgefunden, so daß diese »Restaurierung« nichts als eine

oberflächliche Kaschierung war.

[Illustration: Abb. 44. Modell eines zum Teil armierten Vitrumspfeilers.]

Hier mußte überall in gewissenhafter und gründlicher Art Abhilfe

geschaffen werden. Da außerdem an verschiedenen anderen Stellen der

Kirche, z. B. an der zu einem Schrank mit Fächern aus steinernen Platten

umgewandelten Arkade zwischen Löffelholzchor und nördlichem Turm,

Veränderungen und Ergänzungen am Mauerkörper stattzufinden hatten, so

kann nicht Wunder nehmen, daß über 2000 Werksteine aus Wendelsteiner

Quarzit im Laufe des Jahres eingewechselt oder neu eingesetzt werden

mußten.

An den reizvollen romanischen =Skulpturen=, Konsolen, Kapitälen und

sonstigem Laubwerk wurden die vielfach fehlenden Teile durch freie

Anmodellierung in Masse mit Hilfe von Dübeln wieder neu hergestellt.

Eine Anzahl von rechteckigen Vertiefungen an den Pfeilern des nördlichen

Seitenschiffes, welche ehemals wohl =Bronzetafeln= enthielten und auf

das Vorhandensein von Gräbern dortselbst schließen lassen, wurden in dem

aufgedeckten Zustande belassen. Auch die Reste eines im Löffelholzchor

aufgefundenen romanischen =Steinfußbodens= wurden zu beiden Seiten des

Altares dortselbst wieder verwendet.

Die bis jetzt beschriebenen Arbeiten füllten fast das ganze Jahre 1903

aus; Mitte Oktober waren die Hauptgerüste gefallen und auch der in

seiner Architektur so reich und reizvoll ausgestattete =Engelschor=,

dessen Gewölbekappen wegen der Jahrhunderte lang stattgehabten

Durchfeuchtung größtenteils erneuert werden mußten, fertiggestellt.

Bis auf den tödlichen Sturz eines Tünchergesellen war alles glücklich

vonstatten gegangen. Nun konnten die Gerüste immer weiter entfernt und

mit den Arbeiten an den =Holzgalerien=, =Altären= und =Votivbildern=

begonnen werden. Hier sind besonders zu nennen die steinerne

=Kreuztragung= von Adam Kraft (Abb. 87) sowie die prächtigen Stammtafeln

der Patriziergeschlechter =Löffelholz=, =Ebner= (Abb. 113) und =Pömer=.

An diesen Kunstwerken fanden Ergänzungen vieler abgeschlagener Teile,

Abschaben der weißen Übermalung und die Wiederherstellung der Vergoldung

und Polychromie unter möglichster Schonung des alten Bestandes statt.

[Illustration: Abb. 45. Armierter Vitrumspfeiler während der

Restaurierung.]

Den Hauptteil der figürlichen Plastik in der Westhälfte der Kirche

bilden die an den Mittelschiffpfeilern angebrachten elf =Apostelstatuen=

(Abb. 77 bis 81), welche im ganzen gut erhalten waren. Die Attribute,

die bei einigen fehlten, waren leicht festzustellen und wurden erneuert.

Im Mittelschiff fanden sich ferner auf der Südseite die Statue =Johannes

des Täufers= und auf der Nordseite ein =Thomaschristus=, beide gut

erhalten, im nördlichen Seitenschiff zunächst das Kaiserpaar =Heinrich

und Kunigunde= (Abb. 82 und 83); der Kaiserfigur war das Szepter neu

beizugeben. Ohne Ergänzung konnten sodann die vortreffliche Statue

=Bischof Erhards= (Abb. 84) sowie ein =Thomaschristus= bleiben. Im

südlichen Seitenschiff waren eine =Katharina=, eine =Helena= (Abb. 85)

und eine =Antoniusstatue= vorhanden, bei denen teils Ergänzungen, teils

Erneuerungen der Attribute erforderlich wurden. Für eine =Marienstatue=

mit dem Christuskind, die sich in der südlichen Turmhalle zur Seite

gestellt vorfand, konnte am ersten südwestlichen Mittelschiffpfeiler

der alte Standplatz festgestellt werden. Sie wurde an demselben wieder

aufgestellt und erhielt ein neues Szepter, das Kind einen neuen Arm. Ein

kleiner =Thomaschristus= mit dem Ebnerwappen, der unter der Fülle von

Statuen an diesem Pfeiler erdrückt erschien, wurde in den Löffelholzchor

versetzt. Die =ursprüngliche Polychromie= ließ sich bei allen Statuen

leicht ermitteln und wurde sorgältig wiederhergestellt. In vielen

Fällen, besonders auch bei den teppichartigen, farbigen Hintergründen

konnte sich diese Arbeit auf eine Restaurierung der im ganzen noch gut

erhaltenen Bemalung beschränken.

Auf diese Weise erhielt die bisher weiß getünchte Kirche an Pfeilern

und Wänden einen reichen farbigen Schmuck, zu dem der lichte, etwas

ungleichmäßige Mauerton einen glücklichen Hintergrund bildete.

Noch fehlten jedoch den Pfeilern die ehemals dort angebrachten

zahlreichen und prächtigen =Totenschilde= der Patrizier, welche in

den alten Kupferstichen gewissenhaft dargestellt sind. Kirchenrat

Michahelles richtete eine Anfrage und Bitte an die in Frage

kommenden Familien um Wiederherausgabe dieser Schilde. Der Erfolg

war hocherfreulich. Von der =von Löffelholz=schen Familie wurden 21

Schilde (Abb. 115) überlassen, von den Familien =von Haller= 12 (Abb.

117 und 118), =von Kreß= 7 (Abb. 116), =von Ebner= 4 (Abb. 119) und

=von Harsdorf= 11 Schilde. Die Wiederherstellungsarbeiten wurden in der

Bauhütte ausgeführt und die Schilde in der Kirche an Pfeilern und Wänden

in Gruppierungen, wie sie möglichst dem früheren Bestande entsprachen,

aufgehängt.

Die Wandmalereien: =Christophorus= (Abb. 46), =Tod Mariä= und

=Gregoriusmesse=, welche aufgedeckt worden waren, wurden durch

Kunstmaler Pfleiderer unter Mithilfe des Konservators Professor

Haggenmiller restauriert und die beiden letzteren mit hölzernen

Schutztürchen versehen. In der südlichen Turmhalle fand ein neues

brunnenartiges Becken mit Wasserleitung seinen Platz.

Der Fußboden aus Wendelsteiner Quarzitplatten war fast ganz zu erneuern;

und auch die =Glasmalereien= erforderten zwar nicht wesentliche

Restaurationen, jedoch kleinere Ausbesserungen und neue Bleifassungen.

In den Fenstern des Löffelholzchores gelangten sechs neue =Bildtafeln=,

von Zettler in München nach Professor Wanderers Entwurf gefertigt, zur

Aufstellung. Daneben wurden teils alte, teils neue Wappen angebracht.

Stifter dieser Fenster sind die Familien von Löffelholz, von Haller, von

Kreß, von Scheurl und von Tucher.

Störend wirkten bis jetzt die =Kirchenbänke=, deren Seitenteile mit

pseudogotischen Verzierungen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts

versehen waren. Die heutige Denkmalpflege verlangt da, wo nicht etwa an

einem alten Objekt kleine Teile zu ergänzen, sondern wo neue Objekte

zu schafren sind, =neuzeitliche= Formen. Eine gefährliche Aufgabe

in einer so ehrwürdigen Umgebung. Dem Unterzeichneten schien es am

zweckmäßigsten, in solchen Fällen möglichst =indifferente, einfache

Formen= anzuwenden, welche gegenüber den vorhandenen Kunstwerken in den

Hintergrund treten sollten. In dieser Art war schon die Gestaltung des

Wasserbeckens im südlichen Turm und der Holzläden vor der Gregoriusmesse

erfolgt; sie sollte auch für die späteren Arbeiten im Ostchor

(Sakristeivertäfelung und verschiedene Eisenbeschläge) beibehalten

werden. Daher entstanden nun auch an den Bänken neue Seitenteile mit

einem einfachen, schlichten Schneckenabschluß. Andererseits fand

da, wo vorhandene alte Teile dazu Veranlassung gaben, z. B. bei den

mannigfachen eisernen Schranktüren, die Ergänzung im alten Stil und

Charakter statt. Das geschilderte Prinzip wurde nach besten Kräften

durchgeführt; wo eine kleine Abweichung stattfand und eine Neuschöpfung

den Archäologen zu einem Irrtum verleiten könnte, wurde die Jahreszahl

beigefügt.

Ende März konnten die von Konservator Mayer geschickt restaurierten

Gemälde wieder zur Aufstellung gelangen. Bei den =Predellabildern=

des Löffelholzaltares hatte sich unter einer wertlosen Übermalung die

mittelalterliche Darstellung der alten Stifter gefunden. Auch bei den

anderen Bildern war hie und da eine unverständige spätere Übermalung

entfernt worden. Namentlich die alte Vergoldung kam unter einer

überdeckenden stumpfen Farbschicht, z. B. bei den Hintergründen des

Halleraltares, und zwar meist gut erhalten, wieder zum Vorschein.

Die alte barocke =Orgel= auf dem Engelchor erhielt ein neues Orgelwerk,

das eine Erweiterung des Gehäuses nach den beiden Seiten zur Folge hatte

und von Orgelbaumeister Strebel gebaut wurde.

Alle Kunstschreinerarbeiten und die hiebei erforderlichen Schnitzereien

wurden in den Werkstätten der Bauhütte gefertigt. Schließlich ist zu

erwähnen, daß im ersten westlichen Joche des nördlichen Seitenschiffes

eine Reihe von steinernen =Originalstatuen= vom Äußeren der Kirche,

welche im Laufe der Jahre erneuert worden waren, zur Aufstellung

gelangten.

So konnte Ostern 1904 die Restaurierung der =Westhälfte= von St. Sebald

nach 15monatlicher Bauzeit beendet werden; und nachdem der Bauausschuß

die dargelegten Grundzüge für die Wiederherstellung des =Ostchores=

genehmigt hatte, wurde sogleich mit den Arbeiten in diesem begonnen.

* * * * *

[Illustration: Abb. 46. Der heil. Christophorus. Wandgemälde im

südlichen Seitenschiff.]

Zunächst waren auch hier die beweglichen Kunstgegenstände in der

Bauhütte, wo sie restauriert werden sollten, in sichere Verwahrung

zu bringen. Sodann wurden die Bildtafeln: =Maria mit Heiligen= von

Hans von Kulmbach 1513 (Taf. XV), =Ecce homo= aus dem Tucheraltar

von Merian 1659, die =Kreuztragung= von 1485, die =Auferstehung= aus

dem Muffelaltar, das =Paradies= von Kreuzfelder 1603, die Flügel des

=Petrusaltares= mit zwölf Bildern und schließlich die Flügel des

=Annaaltärchens= in die königl. Gemäldegalerie nach Augsburg zur

Restaurierung durch Konservator Mayer gesendet. Zu gleichem Zwecke wurde

eine kleinere Anzahl von Tafelbildern an Kunstmaler Bär übergeben. Dann

war der ganze Ostchor im Innern einzurüsten, um alle Wände, Pfeiler und

Gewölbe zu gleicher Zeit in Angriff nehmen zu können; hernach begann das

Abschaben der Tünche.

Das Ergebnis war im allgemeinen das gleiche wie in der Westhälfte. Es

trat ein gelblicher Grundton der Wände zutage. Die Gewölbekappen, mit

schwarzen Strichen versehen, waren etwas heller. An den =Schlußsteinen=

fand sich die von der Westhälfte her bekannte Polychromie der übrigens

außerordentlich reizvollen Skulpturen und eine ornamentale Bemalung

der =Rippen= in der Nähe des Gewölbeschlusses. Ferner eine rötliche

Tönung der Fensterleibungen. Außerdem waren aber =einzelne Partien= der

plastischen Wanddekoration, z. B. Statuen mit zugehörigen Baldachinen

und Rückwandflächen (Abb. 47), farbig behandelt, je nachdem wohl von

den Patrizierfamilien, welche in den entsprechenden Jochen ihre Gräber

und Totentafeln besaßen, eine Stiftung dazu stattgefunden hatte. Daher

erwiesen sich einzelne Baldachine =reich polychromiert= und vergoldet,

während ihre Nachbarn den =schlichten Steinton= zeigten.

An =Wandmalereien= wurde zunächst eine an die Restaurierung von 1657

erinnernde =Tafel= über dem Kaiserchörlein und ein =Veronikatuch=

dortselbst aufgedeckt, bei welch letzterem die ursprünglich wohl

vorhandenen Engel in die Apostel Petrus und Paulus umgewandelt waren,

ferner figürliche =Fragmente= an der nördlichen und südlichen Sakristei,

im Dreikönigschor und hinter dem Muffelaltar sowie Teppichmuster beim

Tucheraltar und dem südwestlichen Chorpfeiler. Die Restaurierung all

dieser Bildreste beschränkte sich auf das Notwendigste. Es wurde der

archäologische Bestand möglichst erhalten und über ein vorsichtiges

Austupfen der weißen Flecke innerhalb der farbigen Flächen nicht

hinausgegangen. Die Fragmente behielten ihren Charakter als solche bei.

Weitere größere =Wandmalereien= zeigten sich bei den Tucherschen

Chorstühlen. Über dem ersten westlichen Stuhl kam nach Wegnahme des

Kulmbachschen Bildes eine =Kreuzschleppung= von 1473 (Gedächtnis

der Frau Barbara Steinlinger) zutage, von welcher, so schlecht sie

auch erhalten war, ein größerer Teil, eine isometrische Darstellung

der Stadt Jerusalem, von der Wand auf Leinwand abgezogen werden

konnte. Merkwürdigerweise fand sich darunter eine =zweite= frühere

=Kreuzschleppung=, ebenfalls ein Steinlingersches Gedächtnis, allerdings

in noch schlechterem Zustande vor; es gelang jedoch auch hier einige

Teile, hauptsächlich Köpfe, abzuziehen und so zu erhalten.

Die Sebalduskirche in Nürnberg · 第 12 / 29 段