Beim kupfernen =Dachhelm=, dessen Blechtafeln von sehr ungleicher Stärke

waren, fand sich der Verband gelockert, das Blech durchlöchert und sehr

beschädigt vor, so daß eine gründliche Reparatur unter Verwendung einer

größeren Anzahl neuer Platten erforderlich wurde; auch der Blitzableiter

und die Wetterfahne kamen zur Ausbesserung.

Am =südlichen Seitenschiff= wurde in das westliche große Fenster ein

neues Maßwerk eingesetzt. Das alte war erst in der Mitte des 19.

Jahrhunderts in Verbindung mit dem Abbruch der damals im Innern der

Kirche befindlichen =Mesnerwohnung= zur Ausführung gelangt, aber in den

unverstandenen Formen der damaligen Zeit. Außerdem wurden in der zweiten

Jahreshälfte nach den unterdessen ausgearbeiteten Plänen die für die

Erneuerung des =Dreikönigschores= erforderlichen Werkstücke in Arbeit

genommen und im Laufe des Jahres zum größten Teil fertig gestellt.

Die Instandsetzung des Kaffgesimses und der Sockelpartien am südlichen

Seitenschiff mußte jedoch, weil diese Wände mit Schuppen, Werksteinen

und Gerüsthölzern verstellt waren, auf spätere Zeit verschoben werden.

Nachforschungen nach einem ehemaligen inneren =Eingang= zur

=Westchorkrypta= hatten keinen Erfolg.

=1901.= Die nächste Aufgabe des Jahres bestand in der Weiterführung der

Arbeiten am =südlichen Turm=.

Es stellten sich -- wie so oft -- die Schäden an den Fenstern der

Glockenstube als viel schlimmer heraus, als bisher angenommen war. Die

freistehenden =Mittelpfeiler der Fensteröffnungen= zeigten sich auf

der Nord- und Westseite vollständig zerrissen, so daß ein Herausnehmen

derselben und ein Ersatz durch neue Pfeiler unabweislich war. Die

Wegnahme einer solchen Stütze in einer Höhe von 40 m über der Erde und

bei den in einem vielhundertjährigen Mauerwerk nicht mit absoluter

Sicherheit festzustellenden Druck- und Schubverhältnissen erforderte

natürlich große Vorsicht.

Nach eingehenden Beratungen auch im Bauausschuß wurde beschlossen,

vor der Herausnahme der Pfeiler die Fensteröffnungen provisorisch zu

vermauern.

Mit Hilfe dieses zwar nicht billigen, jedoch in Hinsicht auf den

Zweck verhältnismäßig einfachen und dabei sicheren Mittels ging die

=Auswechslung= ohne Störung vonstatten, so daß Mitte Juli der letzte

Stein der provisorischen Ausmauerung wieder entfernt werden konnte. Das

nordöstliche =Turmeck=, welches in der Kämpferhöhe des Mittelschiffes

durch die schon früher aufgefundene Treppe in seinem Querschnitt

bedenklich reduziert war, hatte vor diesen Arbeiten an der Glockenstube

durch Ausmauerung die nötige Verstärkung erfahren.

Danach handelte es sich um die Wiederherstellung des oberen Teiles der

beiden =Strebepfeiler= auf der Südseite des Turmes.

Bei dem westlichen dieser Pfeiler befand sich unter einem tief in die

Mauer einbindenden und den oberen Teil des Pfeilers tragenden Baldachine

ein überlebensgroßer =Kruzifixus=, der ebenso wie die Skulpturen an den

Wimpergen der Pfeiler fast bis zur Unkenntlichkeit verwittert war. Der

Kruzifixus wurde daher schon Anfang März heruntergenommen und in der

Hütte erneuert.

Da der Baldachinstein aber unmöglich ohne Gefahr für den oberen Pfeiler

in seiner ganzen Größe herausgebrochen werden konnte, so mußte er

in einzelnen Stücken zum Teil in schwalbenschwanzförmigem Verbande

ausgewechselt werden.

Auch der östliche Pfeiler erwies sich als so schlecht, daß er auf eine

Höhe von 11 m vollständig abzubrechen und zu erneuern war, was besondere

Rücksicht auf guten Verband mit dem Turmmauerwerk erforderte.

Im Oktober waren diese Arbeiten am Turme beendet, so daß die Gerüste,

die auf mehreren durch die Fenster der Glockenstube laufenden Balken

aufruhten, entfernt werden konnten.

Jetzt wurde auch das bisher eingestellte Geläute wieder in Tätigkeit

gesetzt und die feststehende Feuerglocke, die als solche nicht mehr

benutzt wurde, wieder läutbar gemacht.

Unterhalb der Glocken war ebenso wie auf dem Nordturm ein mit Zinn

gedecktes Schutzdach zur Wasserabführung anzubringen.

Die hölzernen Treppenaufgänge im Innern des Turmes wurden verbessert.

Daneben hatte die Hütte anfangs Juni mit den Versetzarbeiten an dem

ganz zu erneuernden =Dreikönigschore= begonnen. Er wurde mit einem

neuen Kupferdach versehen und konnte nach Aufstellung der gleichfalls

erneuerten =Statuen= im August abgerüstet und dem Gebrauch wieder

übergeben werden.

Auch wurde den Sommer über das große Mittelschiffdach nach

vorhergegangener Erneuerung der Lattung unter Ersatz vieler verwitterter

Dachziegel umgedeckt.

Hieran schloß sich die Umdeckung des Daches auf dem Löffelholzchor,

wobei durch eine Umänderung des Dachstuhles zwischen den beiden Türmen

die dortigen Dachanschnitte verbessert wurden. Bei dieser Gelegenheit

fand sich innerhalb des Dachraumes der Giebel zwischen Chor und

Mittelschiff mit einem Bogenfries geschmückt vor, so daß anzunehmen

ist, daß das Chordach früher unterhalb des Giebels anschloß. Rinne,

Abfallrohre und Blitzableiter wurden auf diesen Dächern in Kupfer wieder

erneuert.

Im Mittelschiff wurde auch der Dachstuhl selbst ausgebessert, der Schutt

aus dem Gewölbezwickeln entfernt und der Boden gebrettert.

Eine im April angestellte Untersuchung des =Löffelholzchores= hatte

ergeben, daß im Innern einzelne Steinstücke herunterzufallen drohten,

so daß eine Absperrung für nötig gehalten wurde. Als im November mit

unterdessen aufgestellten Gerüsten genauer untersucht werden konnte,

ergab sich als Ursache eine Anzahl von Bewegungen, die in den fünf

Seiten des Chorabschlusses stattgefunden hatten. Nach Wegnahme des auf

den Gewölben lastenden Schuttes ließen sich vom Hauptgesims bis zum

Erdboden laufende Risse verfolgen, deren Breite bis zu 10 cm betrug.

Eine alte hölzerne Verschlauderung fand sich denn auch auf dem

Engelschor, hatte sich aber als ganz unzureichend erwiesen.

Daher beschloß der Bauausschuß, im Innern eine neue radiale und im

Äußern zwei Ringschlaudern von Eisen anzubringen, jedoch so, daß

dieselben äußerlich nicht sichtbar sein sollten.

Im übrigen waren für die Instandsetzung des Löffelholzchores bereits

eine Anzahl von Werkstücken fertiggestellt. Die Versetzarbeiten sollten

aber erst im nächsten Jahre beginnen.

Von den an der Kirche befindlichen Grabdenkmälern wurden im laufenden

Jahre mehrere erneuert.

Dem Stadtmagistrat wurden eine Anzahl interessanter Steinstücke vom

Dreikönigschor und der südlichen Turmgalerie zur Aufstellung an der

Stadtmauer überlassen.

=1902.= Das neue Jahr wurde in der Hauptsache durch die

Wiederherstellung des =Löffelholzchores= in Anspruch genommen.

Im Innern wurden die Risse gereinigt und ausgemauert sowie eine große

Zahl zersprengter Werkstücke erneuert. Im Frühjahr konnten die Gerüste

wieder entfernt werden, doch blieb die Instandsetzung der unteren

Wandflächen, an denen des Gestühles wegen viele Gesimse abgeschlagen

waren, ebenso wie die des =Engelchores= der späteren Innenrestauration

vorbehalten.

Auch im =Äußern= begannen im Frühjahr die Versetzarbeiten. Trotzdem

viele Werkstücke schon im Winter fertiggestellt waren, konnte die

benötigte Anzahl nicht mehr in diesem Jahre bearbeitet werden.

Während der Versetzarbeiten fand auch die Verlegung der Schlaudern

statt. Zunächst wurden die beiden Ringschlaudern oberhalb und unterhalb

der Engelschorfenster, welche aus einzelnen mit Bolzen verbundenen

Eisengliedern bestanden, in die Mauer eingelegt und mit Steinplatten

verkleidet. Auf der Nord- wie auf der Südseite fanden die Schlaudern

ihren Halt in den starken Turmmauern.

Danach wurde die Radialschlauder in der Fußbodenhöhe des Engelschores

verlegt. Diese, welche aus einzelnen Gabelschlaudern bestand, die

die Ecken des Chores faßten und sich in der Mitte vereinigten, fand

ebenfalls ihren Halt in den Turmmauern.

Die äußere Wiederherstellung des Westchores nahm dann ihren Fortgang

und war bis zum Ende des Jahres bis zur Höhe des ehernen Kruzifixus

fortgeschritten.

Am südlichen Seitenschiff waren noch die Arbeiten vom Kaffgesims ab

zu vollenden. Die Schuppen und Gerüste, welche dies bisher verhindert

hatten, wurden im Juni abgebrochen, so daß auch diese Arbeiten und

daneben die Herstellung neuer kupferner Abfallrohre und einer neuen

Kanalisation zu Ende geführt werden konnten.

In Verbindung damit wurde auch der untere Teil der =Südseite des

südlichen Turmes= in Stand gesetzt. Doch zeigten sich hier wieder

bedenkliche Risse, welche die Anbringung einer größeren (übrigens zum

Teil im Äußeren sichtbaren) Schlauder erforderlich machten; größte

Vorsicht war bei den Auswechslungsarbeiten geboten. Diese Arbeit währte

bis in den Dezember hinein.

Das Relief »Mariä Verkündigung«, bisher am Nordturme, wurde an die

nördliche Sakristei versetzt.

Da nun bald mit der Wiederherstellung des =Innern der Sebalduskirche=

begonnen werden sollte, nahm Professor =von Hauberrisser= mit Rücksicht

auf die hierbei erforderliche ununterbrochene Anwesenheit des leitenden

Architekten Veranlassung, der Kirchenverwaltung vorzuschlagen, den mit

ihm bestehenden Vertrag zu lösen und denselben vom 1. Januar 1903 ab

für alle weiteren Arbeiten mit dem Unterzeichneten abzuschließen, was

geschah.

=1903.= In diesem Jahre fand zunächst die Beendigung der

Auswechslungsarbeiten am unteren Teile des =Westchores= statt, die von

der Höhe des Kaffgesimses an bisher noch zurückgeblieben waren.

Der bestehende =Eingang= in die =Krypta=, dessen reich profilierte

Umrahmung aus dem 19. Jahrhundert stammte, wurde durch Wegmeißeln der

stillosen Profile vereinfacht. Das Gleiche geschah mit der Türe, die

reiche pseudoromanische Bänder aus dünnem Blech zeigte.

Am südlichen sowohl wie am nördlichen Turm harrten noch die =romanischen

Portale= der Restaurierung (Abb. 15, 16, 17, 18). Bei beiden Portalen,

die ohne organische Verbindung mit dem eigentlichen Baukörper der

Kirche sind, waren die Bogensteine nicht eigentlich verwittert, aber

an den Kanten bei den Stoßfugen stark verletzt, die Kapitäle teils

schlecht erneuert, teils fast ganz unkenntlich geworden und auch die

Säulenschäfte in schlechtem Zustand.

Wegen der unterdessen bei der Innenrestaurierung aufgedeckten Schäden am

nördlichen Turm mußte jedoch die Restaurierung des dortigen Portales,

damit der Turm nicht gleichzeitig an mehreren Stellen durch Ausbrüche

geschwächt würde, vorläufig zurückgestellt werden.

Im April wurde mit den Versetzarbeiten am =südlichen Portal= begonnen.

Im November war dasselbe erst vollendet.

Die Hütte war hauptsächlich mit der Innenrestaurierung beschäftigt,

daher waren für die äußeren Arbeiten weniger Steinmetzen tätig als

bisher.

=1904.= Die Aufgabe, welche für das letzte Baujahr der äußeren

Wiederherstellung noch verblieb, bestand in der Restaurierung des

=nördlichen Turmportals= und des unteren rings um die Kirche laufenden

Sockels, der viele Schäden zeigte und in früheren Jahren wohl oft, aber

niemals gründlich ausgebessert worden war.

Die Restaurierung am nördlichen Turmportale wurde im März begonnen

und fand in der gleichen Weise wie am Südturm statt. Sie war im Juni

vollendet.

Dann begannen die Ausbesserungen des Sockels, der besonders am Ostchor

eine große Anzahl neuer Quadern und sorgfältiges Ausstopfen der vielen

ohne Mörtel vorgefundenen Lagerfugen erforderte.

Mit dem Ende des Jahres war auch diese Arbeit beendet und die

=Restaurierung= konnte als abgeschlossen gelten. Die Hütte wurde nunmehr

im ganzen Umfange für die Zwecke der Innenrestaurierung verwendet.

Daher mußte auch die Regulierung der Umgebung der Kirche auf der West-

und Südseite, die besonders einer Verbesserung bedürfte, vorläufig

zurückbleiben.

Die =Bausammlung= der Kirche, zu welcher der Anfang schon im Jahre 1889

durch Aufbewahrung der aufgefundenen Reste der Ostchorgalerie gemacht

worden war, hat im Laufe der Jahre einen ziemlichen Umfang angenommen;

sie enthält nicht nur von fast allen Teilen der Außenfassaden in

einzelnen Stücken die hauptsächlichsten Originalreste, welche für die

Wiederherstellung maßgebend gewesen sind, sondern auch eine große Anzahl

von Modellen und mancherlei Fundstücke.

Die =Hauptpläne= der Restaurierung überwies Professor von Hauberrisser

dem =städtischen Archiv=. Die große Zahl der gefertigten =Detail-

und Werkpläne= sind jedoch gleichfalls der =Sammlung= einverleibt.

Diese selbst ist an zwei getrennten Orten untergebracht: zum Teil in

der Westchorkrypta (Abb. 139), zum anderen Teil im Obergeschoß der

nördlichen Sakristei.

Von den Mitgliedern des =Bauauschusses= war im Laufe der Jahre

Magistratsrat Tauber gestorben und Fabrikbesitzer von Forster und

Ingenieur Rupprecht wegen Wohnungswechsels ausgetreten. Die Lücken

wurden ergänzt durch Kommerzienrat Liebel, an dessen Stelle später

Magistratsrat Häberlein trat, ferner durch Großhändler und kgl.

Handelsrichter Heerdegen und Fabrikbesitzer Thäter.

In der Vorstandschaft der =Kirchenverwaltung= war Stadtpfarrer und Dekan

=Heller= durch Stadtpfarrer =Lotholz= abgelöst worden. Seit dessen

Erkrankung führt Stadtpfarrer =Schiller= den Vorsitz.

Stadtpfarrer Lotholz ist unterdessen gestorben, Kirchenrat Heller

[[gestorben] 1907] steht heute der Restaurierung der Schwesterkirche St.

Lorenz vor.

Für die Beschaffung der =Mittel=, welche abgesehen von drei Lotterien

aus den namhaften Unterstützungen seitens deutscher Fürsten, dann der

Stadt und vieler kunstsinniger Familien und anderer Personen flossen,

war der =Verein für die Restaurierung der Sebalduskirche= tätig, in

dessen Vorstandschaft Justizrat Freiherr von Kreß, Justizrat Vollhardt

und Kommerzienrat Schwanhäußer die Verwaltung führten unter dem Vorsitze

des Kirchenrates =Michahelles=, =des eifrigsten Freundes und Förderers

des ganzen Wiederherstellungswerkes=.

=Nürnberg=, den 31. Dezember 1904. Prof. J. =Schmitz=, Architekt.

4. Bericht der Bauleitung über die Instandsetzung des Innern.

1903-1906.

Bei einem Besuche der Sebalduskirche wird sogleich die

Verschiedenartigkeit der baulichen Anlage ins Auge fallen. Denn die

noch bestehenden Teile der engen =romanischen Basilika= bilden einen

großen Gegensatz zum weiten =gotischen Hallenchor=: es mangelt daher die

Einheitlichkeit der Raumwirkung. Auch in der formalen Detailausbildung

kommt jede der beiden Hauptbauperioden charakteristisch zur Erscheinung,

doch verleiht dies der Kirche neben dem kunstgeschichtlichen Interesse

einen außerordentlichen malerischen Reiz. Erhöht wurde dieser noch

durch die Fülle von wertvollen Kunstwerken, mit denen die folgenden

Jahrhunderte die Kirche schmückten.

Schon die =Gotik= hat ein Dekorationsmotiv ihrer Art in den romanischen

Bau hineingetragen, indem sie, abgesehen von anderem statuarischem

Schmuck, an den Pfeilern des Mittelschiffes unter Baldachinen zwölf

Apostelstatuen anbrachte. Daneben wurde, wie sich im Laufe der

Restauration erwiesen hat, in jener Zeit fast die ganze Kirche an

Wänden und Gewölben mit einer einheitlichen Polychromie versehen, die

an verschiedenen Stellen durch figürliche Darstellungen eine Steigerung

erfuhr.

Das =15. und 16. Jahrhundert= haben sodann eine Reihe weiterer

Schmuckstücke an kostbaren Bildwerken, Epitaphien und

Einrichtungsgegenständen hinzugefügt, welche der Verehrung des

Kirchenpatrons, den gottesdienstlichen Zwecken und dem Gedächtnisse der

Patrizierfamilien, die hier ihre Grabstätten besaßen, ihre Entstehung

verdanken.

[Illustration: TAFEL XI. Romanisches Dienstkapitäl des Mittelschiffes

mit später angesetztem gotischem Baldachin.

Gewölbeschlußstein im Ostchor.]

In der =Barockzeit= ging freilich von der mittelalterlichen Erscheinung

vieles -- unter anderm durch Übertünchung die farbige Wirkung des

Innern -- verloren. Auch die hauptsächlichsten Mobiliarstücke

wurden entfernt. Es entstand ein anderes Bild durch die Errichtung

eines neuen mächtigen Hauptaltares, neuer Seitenaltäre, einer neuen

Kanzel und hölzerner Emporen, welch letztere, zum Teil an den Wänden

des Mittelschiffes angebracht und von den Triforien aus zugänglich, das

Mittelschiff noch mehr einengten und verfinsterten.

[Illustration: TAFEL XII. Statue des Apostels Johannes im Mittelschiff.]

Engelsstatue von der Volckamerschen Verkündigung mit Baldachin und

Konsole.]

C. =Heideloff=, einem Hauptvertreter mittelalterlicher Romantik in der

Architektur des 19. =Jahrhunderts=, blieb es vorbehalten, die Kirche

von barocken Zutaten zu purifizieren, den Hauptaltar und einen Teil

der Emporen zu entfernen und an Stelle des ersteren ein Werk eigener

Erfindung aufzustellen. Bei der Orgel und beim Stuhlwerk schienen

ihm Änderungen unerläßlich. Auch sonst wurde den noch vorhandenen

nachmittelalterlichen Kunstwerken in dieser Zeit eine besondere

Wertschätzung nicht zuteil. Die neugotische Kanzel entstand an Stelle

der barocken als ein gemeinsames Werk von Heideloff und A. Kreling.

Nunmehr sollte im Anschlusse an die 1888-1902 stattgehabte =Restauration

des Äußeren=, die bereits durch Freilegung der Mittelschiffenster

der Kirche eine größere Lichtzufuhr gebracht hatte, auch eine

=Instandsetzung des Innern= der Sebalduskirche erfolgen. Mit der Leitung

derselben betraute die Verwaltung des Vereinigten Protestantischen

Kirchenvermögens auf Empfehlung Prof. von Hauberrissers den

Unterzeichneten und schloß einen diesbezüglichen Vertrag am 12. Dezember

1902 mit ihm.

Niemand war darüber im Zweifel, daß es sich um eine umfangreiche und

mehrjährige Arbeit handle, denn der Zustand der Kirche war ein sehr

bedauernswerter. Die in den letzten Jahrhunderten ganz vernachlässigten

Altäre, Statuen und sonstigen wertvollen Bildwerke waren zum guten

Teil zerbrochen und ihres Schmuckes beraubt. Die Vergoldungen und die

farbigen Gewänder der Statuen fanden sich dick mit weißer Ölfarbe

überstrichen. Wertvolle Holzornamente sowie zierliche Eisenteile

des 15. Jahrhunderts lagen mit Unrat vermengt in offenen Schränken

und Kästen; dazwischen Stoffteile von alten gewebten und gestickten

Paramenten. Schon vor einigen Jahren hatte Kirchenrat Michahelles,

dem die Abstellung solcher Mängel sehr am Herzen lag, durch Prof. von

Hauberrisser einen 4 m breiten neuen Schrank herstellen lassen und in

diesem die vorhandenen kostbaren =Gobelins=, nachdem ein Verzeichnis

derselben angefertigt worden war, unter sicheren Verschluß gebracht. Zur

gleichen Zeit gelang es dem Unterzeichneten noch eben, aus einem zur

Abfuhr bestimmten Schutthaufen ein steinernes =Relief=, die Auferweckung

des Lazarus, dem Anschein nach von Veit Stoß, zu retten.

Die Wände der ganzen Kirche zeigten eine gleichmäßige Tünchung in zwei

Tönen: gelblich und violett. Die Hunderte von =Totenschildern=, welche

die Kirche ehemals schmückten, waren bei einer beim Übergang Nürnbergs

an Bayern stattgehabten »Säuberung« hinausgeschafft und zum Teil den

betreffenden Familien zurückgegeben worden. Daß unter der geschmacklosen

=Tünchung= mittelalterliche Malereien verborgen seien, die der

Auferstehung harrten, mußte jedem mit der mittelalterlichen Kunst

Vertrauten zweifellos scheinen.

So wurde denn am 1. Januar 1903 mit den Arbeiten begonnen und zunächst,

um während der Restaurierung den Gottesdienst möglichst wenig zu

beeinträchtigen, die basilikale westliche Kirchenhälfte vom Ostchor,

in welchem der Gottesdienst stattfinden sollte, durch eine Holzwand

getrennt. Durch das Baugeschäft von G. Goll & Söhne erfolgte sodann die

Einrüstung der Kirche, und zwar des Mittelschiffes und der Seitenschiffe

des Löffelholzchores und der Turmhallen vom Boden bis zum Gewölbe. Von

den =Gemälden= wurden die nachfolgenden zur kgl. Gemäldegalerie nach

Augsburg gesendet, um dort von Konservator A. =Mayer= teils gereinigt

und aufgefrischt, teils restauriert zu werden: Die Flügeltafeln des

=Löffelholzaltares= (des Schreines und der Predella) (Abb. 43), die

drei =Tafelbilder= im Löffelholzchor, die Tafel =Mariä Krönung=,

der =Hallersche Altar=, die =Geburt Christi= (von 1478) und die

=Auferweckung des Lazarus= von Ruprecht oberhalb der Nordtüre. Die

übrigen kleineren Bildwerke und Skulpturen wurden in die Arbeitsräume

der Bauhütte gebracht, während die größeren an Ort und Stelle vorläufig

durch Einpackungen vor dem zu erwartenden Baustaub zu schützen waren.

Nunmehr wurde vorsichtig mit dem Abschaben und Abklopfen der Tünche

begonnen. Schon bald zeigten sich an den Gewölben, und zwar an den

Rippen und Schlußsteinen, Spuren von =Polychromie=, und es dauerte nicht

lange, bis das System der ehemaligen Bemalung des Kircheninnern klar

gestellt werden konnte. Zwei verschiedene Arten der letzteren waren zu

unterscheiden. Eine einfache Quaderbemalung in zwei Tönen (grau und

rot) im Löffelholzchore, dessen Gewölbefelder außerdem einen gemalten

Steinverband aufweisen, sowie die vorgefundene schwärzliche Tönung

einzelner Gesimse und besonders der Säulenschäfte -- ein Anklang an die

Verwendung von Schiefer bei den rheinischen Bauten -- dürfte als noch

zur romanischen Bauperiode gehörig anzusprechen sein. Andererseits muß

die in schwarz, rot, gelb und blau hergestellte Bemalung der Rippen im

Mittel- und Seitenschiff (Taf. IX) und die Polychromie der Statuen und

ihre teppichartigen Hintergründe (Taf. XII) dem 14. und 15. Jahrhundert

zugewiesen werden. Für die vorgefundene Bemalung erscheint der Umstand

bemerkenswert, daß ein einheitliches starres System nicht aufdringlich

zutage tritt; vielmehr bietet eine je nach Gelegenheit und Veranlassung

stattgehabte farbige Ausschmückung einzelner Teile der Kirche ein

ungemein abwechslungsreiches und malerisches Bild.

Erhöht wurde dieser Reiz durch die =figürlichen Wandmalereien=, welche

an verschiedenen Stellen aufgedeckt wurden. Von diesen sei zunächst eine

Figur des =Christophorus= erwähnt, welche in Riesengröße fast die ganze

Wandfläche des südlichen Turmes innerhalb des dortigen Seitenschiffes

bedeckt. Oberhalb derselben zeigen sich =Reste= einer noch früher

vorhanden gewesenen und gut erkennbaren Christophorusdarstellung,

vermischt mit Fragmenten eines ebenfalls an der gleichen Stelle

bestandenen =Veronikatuches= mit dem Christuskopf, welches von Engeln

gehalten wird. An einem südlichen Pfeiler des Mittelschiffes fand sich

ein Gemälde, den =Tod Mariä= darstellend, das ehemals die Rückwand

eines Altares dortselbst gebildet haben dürfte. Darüber Reste von

kleineren Gemälden. An einem anderen Pfeiler beim Dreikönigsportal wurde

ein weiteres Gemälde, die sogenannte =Gregoriusmesse=, aufgedeckt.

An den Brüstungen der Empore im nördlichen Seitenschiff konnten nach

Entfernung einer braunen Farbschicht hübsch gemalte Maßwerke und reiche

=Wappen= der Patrizierfamilien, welche dort heute noch ihren Sitz haben,

bloßgelegt werden.

Mußte auf der einen Seite als Vandalismus empfunden werden, wie

frühere Zeiten einer so kunst- und geschmackvollen Bemalung gegenüber

durch rücksichtslose Übertünchungen verfahren waren, so erforderte

andererseits die Stellung, welche dem nunmehrigen Befunde gegenüber

einzunehmen war, Überlegung und Vorsicht.

Die Sebalduskirche in Nürnberg · 第 11 / 29 段